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Bibliothek Forschung und Praxis

Ed. by Bonte, Achim / Degkwitz, Andreas / Horstmann, Wolfram / Kaegbein, Paul / Keller, Alice / Kellersohn, Antje / Lux, Claudia / Marwinski, Konrad / Mittler, Elmar / Rachinger, Johanna / Seadle, Michael / Vodosek, Peter / Vogt, Hannelore / Vonhof, Cornelia

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ISSN
1865-7648
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Volume 39, Issue 2

Issues

Informationsmanagement als Bestandteil der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Ausbildung

Prof. Dr. Peter Schirmbacher
  • Corresponding author
  • Humboldt-Universität zu Berlin Computer- und Medienservice Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft Unter den Linden 6 D-10099 Berlin
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Published Online: 2015-06-17 | DOI: https://doi.org/10.1515/bfp-2015-0017

Zusammenfassung

Im Mittelpunkt des Artikels steht der Beitrag des Lehr- und Forschungsbereiches Informationsmanagement des Instituts für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin zur weiteren Profilierung des Instituts als einer Ausbildungsstätte für das Servicepersonal von Einrichtungen der Informationsinfrastruktur. Der Forschungsprozess und die wissenschaftliche Kommunikation haben in den letzten 25 Jahren gravierende Veränderungen erfahren, die in ihren Grundzügen dargestellt werden. Als Konsequenz daraus verändern sich teilweise die Aufgabenprofile und Verantwortungsbereiche der klassischen Informationsinfrastruktureinrichtungen. Mit den Lehrmodulen „Elektronisches Publizieren“, „Informationsmanagement in wissenschaftlichen Einrichtungen“ und „Ausgewählte Aspekte digitaler Informationsversorgung“ wird eine adäquate Vorbereitung der Studierenden des Instituts auf die späteren Aufgaben angestrebt.

Abstract

This article emphasizes the contribution of the research department “Information Management” to profile the Berlin School of Library and Information Science at Humboldt-Universität zu Berlin as a training centre for service staff of information infrastructure. It is the aim to qualify the students appropriately for future tasks by contributing modules such as “Electronic Publishing”, “Information Management in Research Facilities” and “Selected Aspects of the Digital Information Supply” to the curriculum.

Schlüsselwörter: Informationsmanagement; Informationsinfrastruktur; bibliotheks- und informationswissenschaftliche Ausbildung

Keywords: Information management; information infrastructure; library and information science

1 Einleitung

Auf der Homepage des Instituts für Bibliotheks- und Informationswissenschaft ist als Leitbild für Forschung und Lehre folgender Anspruch formuliert:

„Als einziges universitäres Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft in Deutschland sind die Forschungsbestrebungen unter Wahrung traditioneller bibliothekswissenschaftlicher Themen insbesondere darauf ausgerichtet, den sich vollziehenden Paradigmenwechsel der wissenschaftlichen Kommunikation zu begleiten und der Spezifik der Digitalisierung Rechnung zu tragen.

Das Zusammenwirken von Menschen und Technologien innerhalb von Informations- und Wissensprozessen und bei der Entwicklung neuer Kommunikationskulturen steht im Mittelpunkt der Forschung und Lehre am Institut. Die Studierenden erwerben neben der Fachkompetenz und den Fähigkeiten zur Bearbeitung wissenschaftlicher Fragestellungen auch notwendige Leitungskompetenz, womit sie in der Lage sein werden, an verschiedensten Stellen als Visionäre das moderne Bibliotheks- und Informationswesen mit zu gestalten.“1

Ab und an ist es sicher an der Zeit zu hinterfragen, ob und inwieweit das Institut diesem Anspruch gerecht wird, welche Veränderungen der letzten Jahre dafür prägend waren und welche Notwendigkeiten sich für die Zukunft ergeben. Im Mittelpunkt dieses Artikels soll deshalb der Beitrag des Lehr- und Forschungsbereichs Informationsmanagement zu diesem Leitbild stehen und die Frage beantwortet werden, was durch den Lehr- und Forschungsbereich eingebracht wird. Im Themenheft „Informationswissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin“ der Zeitschrift Information, Wissenschaft und Praxis2 beziehen sich die Aussagen hauptsächlich auf die Forschung. Aus diesem Grund soll es in der vorliegenden Ausarbeitung vermehrt um die Lehre und die damit verbundene Reflexion der gesellschaftlichen und technologischen Veränderungen gehen, die durch die zunehmende Digitalisierung und das vernetzte Arbeiten bedingt sind.

Informationskompetenz war und ist dabei eines der Schlagwörter, an dem die Entwicklung einigermaßen nachvollzogen werden kann. Dem folgenden Zitat zur Informationskompetenz ist sicher beizupflichten, andererseits sagt es nicht wirklich etwas zur inhaltlichen Gestaltung aus.

„Informationskompetenz ist eine Schlüsselqualifikation der modernen Informationsgesellschaft und ein entscheidender Faktor für den Erfolg in Studium, Forschung und Beruf. Ihre Vermittlung ist eine Kerntätigkeit wissenschaftlicher und öffentlicher Bibliotheken.“3

Während bis etwa in der Mitte der 1990er-Jahre Informationskompetenz in Forschung und Lehre häufig gleichgesetzt wurde mit der Fähigkeit, ein adäquates Information Retrieval umzusetzen, stehen wir heute vor deutlich komplexeren Herausforderungen. Damit soll nicht unterstellt werden, dass das Information Retrieval, womit ein effizientes Auffinden der gewünschten Inhalte gemeint ist, Schnee von gestern wäre, den alle verinnerlicht hätten. Weit gefehlt, es ist und bleibt eine anspruchsvolle Aufgabe für die Forschung und die Notwendigkeit der Vermittlung von entsprechenden Fertigkeiten sowohl an die Studierenden als auch an die vielen Nutzenden aus nahezu allen wissenschaftlichen Bereichen, sodass Initiativen wie zum Beispiel die oben zitierte Informationskompetenz.de in ihren Bemühungen durchgängig zu unterstützen sind.

Trotzdem hat eine Kommission der Hochschulrektorenkonferenz im November 2012 den Anspruch deutlich höher gehängt und formuliert:

„Wenn von ‚Informationskompetenz‘ in der Hochschule die Rede ist, sind damit üblicherweise eine Reihe akademischer Qualifikationen gemeint, die im Bereich des Lehrens, Lernens und Forschens zur Anwendung kommen. Das vorliegende Papier zieht die Grenze des Gegenstandsfeldes dagegen bewusst weiter, indem es auch organisationsbezogene Kompetenzen einbezieht: Auch die Leitung einer Hochschule und die Dienstleistungen, mit denen Forschung und Lehre unterstützt werden, werden als Gegenstandsbereiche von Informationskompetenz betrachtet. [...]

Informationskompetenz führt demnach unterschiedliche Teilfertigkeiten zusammen, von denen insbesondere zu nennen sind:

– eine technische Kompetenz, d. h. ein für die Anwendung verschiedener Informations- und Kommunikationsmedien erforderliches technisches Wissen (als Weiterführung der sog. computer literacy),

– eine kommunikative Kompetenz, d. h. ein Wissen um die Verfügbarkeit und Funktion der digitalen Kommunikationsmedien,

– eine soziale und organisationsbezogene Kompetenz sowie

– eine disziplinenspezifische Kompetenz, d. h. ein Wissen um die Besonderheiten unterschiedlicher Wissenschaftskulturen.“4

Der Rahmen und gleichzeitig auch der Anspruch für eine universitäre Ausbildung auf dem Gebiet der Bibliotheks- und Informationswissenschaft sind somit gesetzt. Wo und wie ordnet sich dabei ein Lehr- und Forschungsgebiet „Informationsmanagement“ ein?

2 Veränderungen des wissen-schaftlichen Forschungsprozesses und der notwendige Wandel der Informationsinfrastruktur

Bevor diese Frage der Einordnung und des unmittelbaren Beitrages beantwortet werden kann, bedarf es einer Charakterisierung der zu unterstützenden Prozesse, um die für notwendig erachteten Kompetenzprofile zu beschreiben. Unbestritten sind der breite Einzug der Digitalisierung und die Nutzung von Rechnernetzen für die Kommunikation innerhalb des Forschungsprozesses die ausschlaggebenden Veränderungen in den letzten 25 Jahren. Dieser Veränderungsprozess durchzieht alle Phasen des wissenschaftlichen Arbeitens, allerdings mit sehr unterschiedlicher Intensität und Komplexität in Abhängigkeit vom jeweiligen Forschungsgebiet. Betrachtet man diese Veränderungen aus dem Blickwinkel von Serviceerbringern, also den Einrichtungen der Informationsinfrastruktur wie Bibliotheken oder Rechenzentren, dann muss es zwangsläufig zu Erweiterungen und Modifikationen des bisherigen Servicespektrums kommen.

Der Wandel in der Informationsinfrastruktur war deshalb das bestimmende Thema der wissenschaftlichen Auseinandersetzung in diesen 25 Jahren. Dafür gibt es eine Vielzahl von Belegen sowohl in Deutschland5 als auch in der internationalen Literatur.6 Die Spitze des „Diskussionsberges“ wurde in Deutschland mit den ausführlichen Arbeiten der Kommission Zukunft der Informationsinfrastruktur KII „Gesamtkonzept für die Informationsinfrastruktur in Deutschland“7 und den „Empfehlungen des Wissenschaftsrates zur Weiterentwicklung der wissenschaftlichen Informationsinfrastruktur in Deutschland bis 2020“8 erreicht. In Anlehnung an die in diesen Papieren enthaltenen Begriffsbestimmungen8 definieren wir im Lehr- und Forschungsbereich Informationsmanagement wie folgt:

„Unter Informationsinfrastruktur versteht man die Gesamtheit der technischen, organisatorischen, finanziellen und personellen Ressourcen zur Gewährleistung der Informationsversorgung von Wissenschaft und Forschung.“9

Diese Definition stellt die unterschiedlichen die Informationsinfrastruktur bestimmenden Ressourcen in den Mittelpunkt der Betrachtung und weniger das „disziplinübergreifende Netz“ von Einrichtungen, die die Kernaufgabe „der Versorgung von Wissenschaft und Forschung mit Information und damit zusammenhängenden Dienstleistungen und Diensten“8 übernehmen. Ohne Zweifel sind die Einrichtungen der Informationsinfrastruktur die tragenden Säulen der Informationsversorgung. Soll zum einen der Wandel der Informationsinfrastrukturen erklärt werden und zum anderen, wie in diesem Beitrag als Hauptzielstellung, die Vermittlung einer erweiterten Informationskompetenz zur Grundlage genommen werden, so eröffnet die Orientierung auf die unterschiedlich notwendigen Ressourcen ein deutlich breiteres Untersuchungsfeld.

2.1 Technische Ressourcen

Zu den technischen Ressourcen zählen im Allgemeinen die Gebäude, die technische Basisausstattung inklusive der Forschungsapparaturen und die Hard- und Software einer dem jeweiligen Forschungsgegenstand angemessenen Computerausstattung. Betrachtet man die letzten 25 Jahre in der Anwendung der Computertechnik, so ist folgende Grafik von Lyytinen und Yoo, obwohl bereits 2002 veröffentlicht10, charakteristisch für die sich abzeichnende Entwicklung.

Level of Embeddedness
Abb. 1:

Level of Embeddedness

Es ist nicht der Platz, die Grafik ausführlich zu diskutieren. Sie deutet jedoch das enorme Veränderungspotential an und zeigt nicht nur dem Computerspezialisten die Notwendigkeit einer Vielzahl neuer Services zur Unterstützung von Wissenschaft und Forschung. Zu ergänzen ist bei dieser Darstellung, was bei einer Veröffentlichung aus dem Jahr 2002 nicht zu erwarten war, dass über diesen vier Computerbereichen, um in diesem Bild zu bleiben, eine Cloud schwebt, in der sich eine große Zahl an Diensten vereinen lässt, die dabei aber auch ein wenig unter der „mangelnden Durchsichtigkeit“ leidet. Für den Lehr- und Forschungsbereich Informationsmanagement stellt die Einordnung dieser Services in ein integriertes Informationsmanagement sowohl auf der Forschungsseite als auch auf der Seite der Lehre eine große Herausforderung dar. Im Sinne der angewandten Informatik gilt es den Bogen zu ziehen, um in angemessener Weise die technischen Ressourcen der Informationsinfrastruktur der gegenwärtigen und künftigen Zeit zu bestimmen und zu beschreiben.11

Funktionalitäten des Projektes Diversity Collection Mobile
Abb. 2:

Funktionalitäten des Projektes Diversity Collection Mobile

Mit der Grafik in Abbildung 2 versuchen die Autoren einen Überblick zur Vielzahl an Funktionalitäten des Projektes Diversity Collection Mobile12 zu geben. Hierbei handelt es sich um ein Vorhaben, das durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen des Förderprogramms Virtuelle Forschungsumgebungen finanziert wurde und den Aufbau einer breit angelegten Plattform mit unterschiedlichen Kollaborationsmöglichkeiten zum Ziel hat. Unter Mitwirkung unterschiedlichster Fachwissenschaftler wurde so eine Forschungsinfrastruktur neuen Typs geschaffen. Von einem neuen Typ lässt sich zum einen sprechen, weil es sich nahezu ausschließlich um digitale Plattformen für die Erfassung, Archivierung und Bereitstellung der Forschungsdaten handelt und zum anderen, weil die gesamte Kommunikation zwischen den Wissenschaftlern digital erfolgt und durch Rechnernetze geprägt ist. Denkt man also an den Aufbau solcher Forschungsumgebungen und entwickelt auf dieser Basis neue Services zur Unterstützung des Forschungsprozesses und des kollaborativen Arbeitens, so müssen sowohl bei den Entwicklern als auch beim Servicepersonal andere als die bisherigen Qualifikationen vorausgesetzt werden.

2.2 Organisatorische Ressourcen

Der Artikel kann die Problematik der rasanten technischen Entwicklungen und der einhergehenden Konsequenzen für die Veränderungen im Forschungsprozess nur anreißen. Nicht anders, aber vielleicht nicht mit der Geschwindigkeit, verhält es sich mit den sogenannten organisatorischen Ressourcen der Informationsinfrastruktur. Unter organisatorischen Ressourcen sollen in diesem Zusammenhang die Aufgabenverteilung und Verantwortungsabgrenzung sowohl zwischen den die Informationsinfrastruktur auskleidenden Einrichtungen als auch innerhalb der jeweiligen Einrichtung verstanden werden. Jede Informationsinfrastruktur ist immer auch eine Frage der Arbeitsteilung, die sich über die vielen Jahre im Forschungsprozess herausgebildet hat. Neben den Forschenden und dem unmittelbar in den Forschungsprozess einbezogenen wissenschaftlichen und nichtwissenschaftlichen Personal existieren zentrale Einrichtungen wie Bibliotheken und Rechenzentren und dezentrale Einrichtungen wie Labore und Versuchsstätten, deren Aufgabe die Erbringung von Serviceleistungen zur Unterstützung der Forschung ist. Die Aufgabenteilung ist meist historisch gewachsen und bei Bibliotheken und Rechenzentren durch die analoge bzw. digitale „Welt“ geprägt. Mit dem sich verändernden Forschungsprozess verschwimmen diese Grenzen und erfordern, um das Niveau der Forschungsunterstützung zu halten, eine Neuverteilung. Die Komplexität dieser Neuverteilung nimmt in dem Maße zu, wie sich der Forschungsprozess wandelt, digital geprägte Arbeitsmethoden bestimmend werden und neue Services erwarten lassen, die zum Beispiel durch den Umgang mit digital vorliegenden Forschungsdaten als Ausgangspunkt und potentiellem Endpunkt von Forschung bestimmt sind. Natürlich ist diese Entwicklung in Abhängigkeit vom jeweiligen Forschungsgebiet unterschiedlich ausgeprägt, was das Serviceportfolio aber eher noch komplizierter werden lässt. Die wissenschaftlichen Einrichtungen als Ganze stehen vor der Aufgabe, das Management des Umgangs mit Informationen sowohl in analoger als auch digitaler Form systematisch und strukturell neu zu gestalten. Die Information wird heute in der Wissenschaft immer mehr zu einer integrierenden Kraft. Damit ist gemeint, dass sie Gegenstand der Forschung ist und zugleich bindendes Glied. Die Beherrschung eines integrierten Informationsmanagements verbunden mit der von der HRK geforderten sozialen und organisationsbezogenen Kompetenz wird zu einer entscheidenden Leistungskomponente wissenschaftlicher Einrichtungen.13

2.3 Finanzielle Ressourcen

Natürlich erreichen wir auch bei der notwendigen finanziellen Ausstattung von Wissenschaft und Forschung und der sie versorgenden Informationsinfrastruktur neue Dimensionen. Die Aufwendungen der Gesellschaft für Wissenschaft und Forschung steigen und so auch die Mittel zum Ausbau der Informationsinfrastruktur. In Anbetracht der bevorstehenden Aufgaben wird das sicher nicht für angemessen gehalten und deckt in dem einen oder anderen Fall auch nicht die Steigerungsraten, zum Beispiel für die Literaturbeschaffung oder den Ausbau der digitalen Speichersysteme. Das liegt in der Natur der Sache, zum einen, weil neben den auf analogem Material basierenden Services, wie ihn eine klassische Bibliothek leistet, weitere auf die digitale „Welt“ ausgerichtete Services zusätzlich erwartet und angeboten werden. Zum anderen ist man in der Zwischenzeit in der Lage, wesentlich größere Mengen an wissenschaftlichem Material zu lagern, zu verwalten und zur Nutzung zur Verfügung zu stellen. In vielen Fällen gelangt eine einzelne Einrichtung, ein Land oder eine Konstruktion wie die europäische Vereinigung dabei an finanzielle Grenzen. Die Notwendigkeit von effizienten Verfahren ist unübersehbar. Wird also über die finanziellen Ressourcen für die Informationsinfrastruktur nachgedacht, so sind auch hier neue Modelle im Mittelpunkt der Diskussion. Wenn man zum Beispiel nach gemeinschaftlicher Datenhaltung ruft, so sind vertretbare Geschäftsmodelle gefragt, die keine Einschränkung für die Forschenden bedeuten, aber dem Serviceanbieter, zum Beispiel eines Forschungsdatenrepositoriums, wirtschaftlich eine Chance lässt.

Auch eine konsequente Ausrichtung nach den Prinzipien von Open Access auf wissenschaftliche Publikationen verlangt in finanzieller Hinsicht ein Umdenken, um Autorengebühren unmittelbar oder über die jeweilige wissenschaftliche Institution aufbringen zu können. Die Diskussion zu Open Research Data bzw. Open Science hat, wenn man so will, gerade erst begonnen. Die Konsequenzen sind bisher nur im Ansatz zu erkennen, verlangen jedoch eine Vorbereitung durch die Informationsinfrastruktureinrichtungen.

Neben den rein monetären Ressourcen stellen auch die rechtlichen Rahmenbedingungen neue Herausforderungen dar. Dabei geht es auf der einen Seite um einen finanziellen Ausgleich für Aufwendungen von Serviceanbietern, zum Beispiel in Deutschland zwischen den unterschiedlichen Bundesländern. Auf der anderen Seite bedarf es einer Vielzahl von Regelungen und Verträgen im Detail, wenn es um die Wahrung von Urheber-, Nutzungs- und Verwertungsrechten bei einer gemeinschaftlichen Datenhaltung geht. Infrastruktureinrichtungen als Betreiber von Repositorien oder Diensten, z. B. zur Vergabe von persistenten Identifikatoren, sind zum Teil schon heute mit einer breiten Palette rechtlicher Notwendigkeiten konfrontiert.

2.4 Personelle Ressourcen

In Veröffentlichungen und Diskussionen über die Gestaltung von Informationsinfrastrukturen werden sehr häufig die personellen Ressourcen unterschlagen oder lediglich unter quantitativen Gesichtspunkten betrachtet. Ohne jeden Zweifel sind die Infrastruktureinrichtungen in der Mehrzahl der Fälle zumindest in den deutschen Universitäten zahlenmäßig unterausgestattet. Das erklärt sich sehr häufig dadurch, dass neue Dienste „schleichend“ eingeführt und zumindest in der Pilotphase von besonders engagierten Kollegen zusätzlich übernommen werden. Wenn es dann darum geht, den Regelbetrieb zu gestalten, so werden die Aufwände für einen stabilen Service 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche völlig unterschätzt.

Unterschätzt wird ebenso das notwendige Qualifikationsniveau der Beschäftigten. Der Bogen schließt sich, wenn hier wiederum auf den Erwartungswert zur Informationskompetenz, wie sie die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) in ihrem Empfehlungspapier sieht, Bezug genommen wird, wobei die HRK hier nicht nur auf die Mitarbeiter von Informationsinfrastruktureinrichtungen abzielt, sondern auch auf alle Forschenden und vor allem auf die Leitungen von wissenschaftlichen Einrichtungen, im konkreten Fall der Hochschulen Deutschlands. Benötigt werden:

  • „eine technische Kompetenz, d. h. ein für die Anwendung verschiedener Informations- und Kommunikationsmedien erforderliches technisches Wissen (als Weiterführung der sog. computer literacy),

  • eine kommunikative Kompetenz, d. h. ein Wissen um die Verfügbarkeit und Funktion der digitalen Kommunikationsmedien,

  • eine soziale und organisationsbezogene Kompetenz sowie

  • eine disziplinenspezifische Kompetenz, d. h. ein Wissen um die Besonderheiten unterschiedlicher Wissenschaftskulturen.“14

Hier wird ein hoher Anspruch an die notwendige Kompetenz sowohl in der Breite wie auch in der Tiefe formuliert, der sich in dieser Kompaktheit sicher in keinem Studium und keiner einmaligen Weiterbildung erwerben lässt. Insbesondere im angloamerikanischen Raum finden sich verwandte Berufsbezeichnungen wie beispielsweise Data Curator, Data Librarian oder Data-Analyst. An den deutschen Hochschulen hat eine Hinwendung zu dieser Art von Ausbildungsaufgaben begonnen, ohne dass dies in der Zwischenzeit einen Schwerpunkt darstellen würde.

3 Ausrichtung in der Lehre im Bereich Informations-management des IBI

Als langjähriger Direktor eines universitären Rechenzentrums, und damit einer Informationsinfrastruktureinrichtung, war der Autor als Inhaber der Professur für Informationsmanagement bestrebt, die oben geschilderten Veränderungen zu reflektieren und in die universitäre Ausbildung einfließen zu lassen. So werden ein Modul zum elektronischen Publizieren im Bachelorstudium und zwei Module im Masterstudium angeboten.

Beim elektronischen Publizieren, das gemäß der aktuellen Studienordnung zu einem Pflichtmodul erklärt wurde, werden Grundlagen des wissenschaftlichen Publizierens vermittelt, wobei in erster Linie die Perspektive von Serviceerbringern eingenommen wird. Die Studierenden sollen den „Lebenszyklus“ einer elektronischen Publikation verstehen und in der Lage sein, den Forschenden entsprechende unterstützende Services anbieten zu können. Dazu sind sicher technische Grundlagen zu vermitteln, aber ebenso die neuesten Standards und Regelungen zum Beispiel für die Langfristarchivierung elektronischer Objekte oder das Betreiben von Repositorien. Es ist zu erklären, was „enhanced publications“ sind und wie es gelingen kann, zum Beispiel die heute zunehmend geforderte Veröffentlichung von Forschungsdaten parallel zur textorientierten Publikation zu speichern und öffentlich zugänglich zu machen. Selbstverständlich müssen die Studierenden während der Ausbildung ein Gefühl für die Grundideen von Open Access zu wissenschaftlichem Wissen entwickeln und letztlich als spätere Beschäftigte in wissenschaftlichen Serviceeinrichtungen umsetzen können. In einem mehrfach durchgeführten Projektseminar wurden beispielsweise ausgewählte Lehrende der Humboldt-Universität auf „ihrem Weg“ zu einer Open-Access-Publikation auf dem Dokumenten- und Publikationsserver begleitet. Neben der technischen Aufbereitung der wissenschaftlichen Veröffentlichungen waren zudem rechtliche Fragen, zum Beispiel einer Zweitveröffentlichung, zu klären.

Im Masterstudium werden die Studierenden noch direkter mit unmittelbaren Ergebnissen der Forschung konfrontiert und an geeigneten Stellen einbezogen. Beim Modul „Informationsmanagement“ stehen deshalb Fragestellungen zur Gestaltung von Informationsinfrastrukturen an wissenschaftlichen Einrichtungen im Vordergrund. Wie ist das Zusammenspiel zwischen den Leitungen und den Informationsinfrastruktureinrichtungen und zwischen den Serviceerbringern selbst zu gestalten? Wie sollte die Reaktion auf eine sich im Wandel befindliche organisatorische Ressource der Informationsinfrastruktur erfolgen? Wobei es wichtig ist, stets zu betonen, dass wir uns in einer Zeit befinden, in der sowohl die analog als auch die digital vorliegenden Informationen als Gesamtheit zu sehen und als solche zu managen sind.

Die HRK nennt es die organisationsbezogene Kompetenz, die hier entwickelt werden soll. Die Studierenden sollen lernen, wie große IT-Anwendungssysteme, zum Beispiel Forschungsinformationssysteme oder Campusmanagementsysteme, in wissenschaftliche Einrichtungen eingebettet werden und wie die Aufgabenverteilung und Verantwortungsabgrenzung zwischen den beteiligten Struktureinrichtungen erfolgen. Andererseits sind Fragen zu diskutieren, welche Rolle ubiquitäre Informationen im Gesamtprozess einer wissenschaftlichen Einrichtung spielen und welche Möglichkeiten der effizienten Einbindung sich anbieten.

„Ausgewählte Aspekte digitaler Informationsversorgung“ ist ein Modul, das erst seit zwei Jahren den Masterstudierenden als Wahlpflichtmodul angeboten wird. Es ist in erster Linie als Reaktion auf die in den letzten Jahren in den Fokus der wissenschaftlichen Diskussion geratenen Forschungsdaten entstanden. „Die zentralen Fragestellungen betreffen dabei die Vorkommen und Formate digitaler Medien sowie die Formen ihrer Bereitstellung unter bibliotheks- und informationswissenschaftlichen, organisatorischen, wissenschaftssoziologischen, rechtlichen und technischen Aspekten.“15

Die Studierenden sollen sich in diesem Modul mit dem Lebenszyklus von Forschungsdaten auseinandersetzen und dabei Vorstellungen zur Erfassung, Erschließung, Aufbewahrung und Bereitstellung entwickeln. Es werden neue Formen wissenschaftlicher Kollaboration im Kontext von E-Research vermittelt und virtuelle Forschungsumgebungen und vernetzte Informationsressourcen näher untersucht. Das Modul steuert hin auf die Ausbildung eines Data-Curators, ohne sie jedoch in der Breite damit zu erreichen, was auch nicht Gegenstand eines einzelnen Moduls sein kann.

4 Fazit

Bezug nehmend auf das eingangs zitierte Leitbild des Instituts für Bibliotheks-und Informationswissenschaft kann konstatiert werden, dass es große Bemühungen gibt, diesem Anspruch gerecht zu werden und eine ausgewogene Mischung zwischen traditionellen und bewahrenswerten bibliothekswissenschaftlichen Themenstellungen und neuen Anforderungen moderner Informationsinfrastruktur und den sich daraus ergebenden Veränderungen herzustellen. Diese Mischung gilt es zu erhalten oder in die Zukunft schauend immer wieder neu zu diskutieren und notwendige Anpassungen vorzunehmen. Der Lehr- und Forschungsbereich Informationsmanagement sieht seinen Beitrag insbesondere in der Vermittlung von Erkenntnissen zur Gestaltung von Informationsinfrastrukturen und der Entwicklung von Services zur Unterstützung des wissenschaftlichen Forschungsprozesses.

Footnotes

About the article

Published Online: 2015-06-17

Published in Print: 2015-06-22


Citation Information: Bibliothek Forschung und Praxis, Volume 39, Issue 2, Pages 143–149, ISSN (Online) 1865-7648, ISSN (Print) 0341-4183, DOI: https://doi.org/10.1515/bfp-2015-0017.

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