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Bibliothek Forschung und Praxis

Ed. by Bonte, Achim / Degkwitz, Andreas / Horstmann, Wolfram / Kaegbein, Paul / Keller, Alice / Kellersohn, Antje / Lux, Claudia / Marwinski, Konrad / Mittler, Elmar / Rachinger, Johanna / Seadle, Michael / Vodosek, Peter / Vogt, Hannelore / Vonhof, Cornelia

3 Issues per year

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ISSN
1865-7648
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Volume 39, Issue 3

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Rezensionen

Published Online: 2015-11-27 | DOI: https://doi.org/10.1515/bfp-2015-0036

Volker Michael Strocka, Simon Hoffmann, Gerhard Hiesel: Die Bibliothek von Nysa am Mäander. Mainz: von Zabern, 2012. VI, 238 S. (Forschungen in Nysa am Mäander; 2) ISBN 978-3-8053-4588-0

MangoElenaProf. Dr. 1Universität Bern, Institut für Archäologische Wissenschaften, Ordinaria für Archäologie des Mittelmeerraumes, Direktorin Antikensammlung, Länggass-Straße 10, CH-3012 Bern, SchweizSwitzerland

Der zu besprechende großformatige und in Leinen gebundene Band widmet sich dem Gebäude der kaiserzeitlichen Bibliothek von Nysa am Mäander. Es werden die Bauphasen und die nachfolgende Weiterbenutzung des Gebäudes bis ins 13. Jahrhundert sowie die Funde dargelegt. Darüber hinaus bietet er eine Zusammenstellung kaiserzeitlicher Bibliotheken im Römischen Reich sowie eine kritische Durchsicht von Bauten, die in der Forschungsliteratur als Bibliotheken angesprochen werden. Den Textteil runden eine Zusammenfassung in deutscher, englischer und türkischer Sprache, eine Bibliographie, ein Abbildungs- und Tafelnachweis sowie ein benutzerfreundliches Schlagwortregister ab. Der prächtige Band besteht aus 238 Textseiten und 102 qualitativ hochwertige auf Hochglanzpapier gedruckte Foto- und 19 Plantafeln.

Die Beiträge im Band stammen von Volker Michael Strocka, Simon Hoffmann und Gerhard Hiesel und sind ergänzt durch kürzere Beiträge von zehn weiteren Autoren. Die Hauptteile der Publikation entspringen der Feder von Strocka und Hoffmann, wobei Strocka in erster Linie für die übergreifenden Betrachtungen, Hoffmann für die Auswertungen der Grabungsbefunde und verschiedener Materialgattungen verantwortlich zeichnet.

Dieser Band stellt der zweite der Reihe Forschungen in Nysa am Mäander1 dar, die vom Institut für Archäologische Wissenschaften, Abteilung Klassische Archäologie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i. Br., und dem Fachbereich für Klassische Archäologie der Universität Ankara herausgegeben werden.

In Kapitel I werden die Forschungsgeschichte und die Arbeiten der sechs Grabungskampagnen von 2002–2008 kurz dargelegt, eine antike literarische Quelle behandelt, welche für Nysa ein archeion bezeugt, und eine detaillierte Baubeschreibung der Bibliothek und ihrer Bauphasen gegeben. Dieses Kapitel bildet das Gerüst für die nachfolgenden Kapitel, in welchen verschiedene Aspekte, wie Befunde, Stratigraphien, Funde etc. dargelegt werden.

Bei der literarischen Quelle handelt es sich um eine Textstelle des christlichen Chronographen, Exegeten und Buntschriftstellers Iulius Africanus der 1. Hälfte des 3. Jhs. n. Chr., der in den archeia von Jerusalem und von Nysa eine Homerausgabe erwähnt. Dass die Grenze zwischen Bibliothek und Archiv in christlicher Zeit offen war, lässt sich durch verschiedene weitere Beispiele belegen. In Bezug auf Nysa wird die Textstelle von Strocka auf das ausgegrabene Gebäude bezogen und mit Betonung der Bibliotheksfunktion gedeutet: „ein Bibliotheksgebäude wie das in Nysa, (hatte, Erg. d. Verf.) wenn es über genügend Nebenräume für Archivzwecke verfügte, zugleich die Funktion eines Archeions“ (S. 2). Die Identifikation des Gebäudes in Nysa als Bibliotheksbau basiert in erster Linie auf bautypologischen Überlegungen (cf. Kapitel VI).

Ein umfangreicher Teil von Kapitel I ist der Baubeschreibung und Datierung gewidmet. Die Baubeschreibungen sind sorgfältig und durch zahlreiche Fotos und Pläne nachvollziehbar dargelegt. Die Lebenszeit des Gebäudes wird in sieben Phasen eingeteilt. Diese werden im ersten Kapitel beschrieben und datiert (Analyse der Befunde der verschiedenen Phasen folgen in Kapitel III, die Funde in Kapitel IV).

Phase 1 ist jene vor der Errichtung des Gebäudes. Von dieser ist wegen beschränkten Sondierungsmöglichkeiten nur wenig bekannt. Es kann aber festgehalten werden, dass das urbanistische System mit rechtwinkligem Straßenraster auf dem westlichen Stadthügel vor der Erbauung der Bibliothek bereits bestanden hat und dass die Insula Wohnbebauung aufwies.

Das Bibliotheksgebäude, das ab Phase 2 greifbar wird und dessen Mauern teilweise bis auf 8 m Höhe erhalten sind, liegt mittig an der nördlich der Insula verlaufenden O–W-Straße. Etwa 40 m weiter östlich verläuft die Grenze der Insula, die von einer leicht ansteigenden N–S-Straße gesäumt ist. Die westliche Inselgrenze ist nicht ergraben und die Größe der Insula bleibt vorerst offen. Fundmaterial aus dem 2. und 3. nachchristlichen Jahrhundert (u. a. zahlreiche Gebrauchs- und Kochkeramik) weist darauf hin, dass neben der Bibliothek weiterhin auch Wohnhäuser auf der Insula standen. Unter den zahlreichen Tafeln mit Fotos und Plänen findet sich ein Plan der Insula mit den bis heute bekannten Bauresten; eine für den Leser willkommene Ergänzung zur besseren Orientierung innerhalb von Nysa wäre eine Verortung der Bibliothek innerhalb der Stadttopographie von Nysa und ein Stadtplan gewesen, in welchem die Lage des Bibliotheksgebäudes im Vergleich zu Theater, Stadion, Gymnasion und Agora sowie Gerontikon (Bouleuterion) ersichtlich wird. Gerade die Lage des Bibliotheksgebäudes zwischen Theater im NO, Stadion und Gymnasion im Süden (in großer Entfernung von der Agora im SO) stellt eine urbanistisch interessante Position dar, welche auf Anspruch, Bedeutung und Funktion des Gebäudes verweist.

Das Bibliotheksgebäude, das verschiedene Parallelen zur Celsusbibliothek in Ephesos aufweist, ist wie diese durch einen querrechteckigen Grundriss charakterisiert und misst ca. 24 x 14 m. Es ist unter Verwendung von lokalem Steinmaterial mörtelgebunden errichtet, in den Tonnengewölben und den Entlastungsbögen wurden Bauziegel verwendet. Der zentrale Saal öffnet sich mit drei Portalen nach Süden auf eine Vorhalle (so auch bei der Celsusbibliothek). An den drei anderen Seiten ist der zentrale Saal von zweistöckigen Gewölben umgeben, die in jedem Stockwerk an den Schmalseiten je drei Nischen, an der Nordwand links und rechts je eine Nische mit einem Podium an den Wänden aufweisen. Diese Nischen legten bereits vor Grabungsbeginn eine Deutung als Bibliothek nahe. Wände und Boden waren mit Marmor verkleidet. Besondere Bedeutung haben die Reste der Portalgewände aus Marmor mit sorgfältig ausgearbeiteten Ornamenten, die aufgrund von Vergleichen mit kleinasiatischen Architekturornamenten die vorgeschlagene Datierung der Errichtung der Bibliothek um 130 n. Chr. vertretbar erscheinen lassen. Vor der Südfassade liegt eine Vorhalle mit sechs kannelierten dorischen Säulen. Zwischen dem mittleren und dem westlichen Portal wurde ein Marmorsarkophag in den Boden eingelassen, der aufgrund der Ähnlichkeit seiner Ornamentik mit dem Portalgewände in die Zeit der Errichtung der Bibliothek datiert wird. Ebenfalls in die Erbauungszeit wird die Anlage eines Brunnens in unmittelbarer Nähe des Sarkophags gesetzt, wobei dessen genauere Funktion offen bleiben muss.

Phase 3 werden Reparaturen am Bibliotheksbau und eine Reihe kleinerer Veränderungen sowie der Vorhallenboden mit einem ornamentalen und farbigen Fußbodenmosaik zugeordnet. Dieses Mosaik findet in einzelnen Motiven enge Parallelen in Ephesos, weshalb eine Datierung ins späte 4. oder frühe 5. Jh. n. Chr. angenommen wird. Bis mindestens in diese Zeit dürfte also die Bibliothek als solche Bestand gehabt haben.

Im Laufe von Phase 4 werden im Gebäude Wände durchbrochen, einige Schranknischen werden teilweise vermauert und die Vorhalle verfällt, später werden hier kleinteilige Anbauten errichtet. Das unmittelbare Umfeld der Bibliothek verändert sich. Es entsteht eine kleinteilige Bebauung, welche auch handwerklich genutzte Bereiche aufweist. Diese Veränderungen lassen sich zeitlich nicht genauer als 6.–9./10. Jh. n. Chr. einordnen und verweisen auf eine veränderte Nutzung des Gebietes.

Mit Phase 5 erfährt der Bau dann eine Umnutzung als Kirche. Dabei werden Umbauten an den Eingängen und Einbauten vorgenommen, wie beispielsweise im Osten eine Apsis. Wie Rainer Warland überzeugend darlegt, handelt es sich wohl um eine mittelbyzantinische Funeralkapelle, wobei der dazugehörige vorgelagerte Narthex hier als vorgelagerter Bestattungsbereich ausgebildet ist.

In engem zeitlichen Zusammenhang, wohl im 10. Jahrhundert, entsteht hier ein Gräberfeld (Phase 6): Es werden zwölf OW ausgerichtete Gräber angelegt, die eine längere Belegungsdauer aufweisen, was durch stratigraphische Zusammenhänge und Mehrfachbestattungen nahegelegt wird.

Zur letzten Phase, Phase 7, wird die Auflassung gefolgt vom Einsturz des Gebäudes gezählt, der in Zusammenhang mit einem Erdbeben vermutet wird. Eine genaue Datierung ist nicht möglich (gemäß Strocka Einsturz wohl im 12./13. Jahrhundert). Das Areal wurde in der Folge zu landwirtschaftlicher Nutzfläche.

Kapitel II ist den Bestattungen, dem Marmorsarkophag und dem Gräberfeld mit zwölf Kistengräber im Bereich der Südhalle gewidmet.

Der Marmorsarkophag, der – anders als die späteren Gräber – NS ausgerichtet ist, war vor der Ausgrabung bereits geöffnet und beraubt worden. Nur bescheidene Reste der Beigaben konnten geborgen werden. Der Zeitpunkt der Öffnung liegt offenbar vor der Anlegung des Gräberfeldes in Zusammenhang mit der Funeralkirche. Im Sarkophag fanden sich Überreste eines 18–22-jährigen Mannes sowie einer 25–40 Jahre alten Frau, dessen Skelette biologische Verwandtschaft erkennen lassen (Mutter und Sohn? Geschwister?). Der Sarkophagkasten ist mehrheitlich schmucklos, was darauf hinweisen dürfte, dass er zur Versenkung bestimmt war. Der horizontale Deckel weist nach oben aufgerollte Eckvoluten auf und ist an allen vier Seiten reich mit Relief geschmückt. Die Eichenlaubgirlande weist stilistisch enge Parallelen mit dem Portalgewände des Serapeions von Ephesos auf, Perl-, Eierstab und Palmettenfries entsprechen jenen an den Portalgewänden der Bibliothek von Nysa, so dass eine gleichzeitige Datierung wie die Bibliothek naheliegend scheint.

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass mit dem Marmorsarkophag eine Bestattung in Zusammenhang mit einer Bibliothek vorliegt, was mutatis mutandis an die Celsusbibliothek in Ephesos erinnert. Aufgrund des Marmorsarkophages, der Lage neben dem Hauptportal zur Bibliothek, der von den anderen (späteren) Gräbern abweichenden, nord-südlichen Ausrichtung und die Gleichzeitigkeit mit dem Bibliotheksbau legen die Vermutung nahe, darin eine besondere Bestattung, wohl ein Ehrengrab, zu erkennen. Ob es sich wie in der Celsusbibliothek von Ephesos um den/bzw. die Stifter des Bibliothekbaus handelt, wofür der Autor (Strocka) auch entschieden eintritt, ist denkbar, kann schließlich aber wegen fehlenden Inschriften nicht mit Sicherheit entschieden werden.

Die zwölf Kistengräber (aus Steinen und Ziegeln), die in Zusammenhang mit der Funeralkirche stehen, beinhalteten insgesamt 34 Körperbestattungen. Die wenigen Beigaben erlauben eine Datierung des Gräberfeldes ins 10.–11. Jahrhundert. Die Toten waren, abgesehen von einer Ausnahme (Seitenlage), in Rückenlage und meist mit Blick nach Osten niedergelegt, bei Mehrfachbestattungen auch mit Blick nach Westen. Einige von ihnen wiesen oberirdische Markierungen am östlichen Ende auf. Sämtliche Knochenreste wurden anthropologisch von Fabian Kanz und Karl Großschmidt analysiert: Es fanden sich 17 erwachsene Skelette und 16 im subadulten Alter, darunter auch 11 von Kleinkindern. Diese Gräber, deren Skelettreste sorgfältig beschrieben und analysiert werden, wurden demnach für mehrfache Bestattungen genutzt, was auch auf einen längeren Zeitraum der Belegung verweist.

In Kapitel IV findet sich eine ausführliche Darlegung des Fundmaterials (Inschriften, Architekturelemente, Skulpturen, Fundmünzen, Keramik sowie Glas, Metallfunde und einige andere Kleinfunde). Dabei werden sowohl dem Bibliotheksbau zuweisbare sowie nicht zum Gebäude zählende Epigraphik-, Architektur- und Skulpturenfunde dargelegt. Dies erlaubt dem Leser zwar eine willkommene Gesamtsicht der vorhandenen Fundstücke, die jedoch durch eine klare Gruppierung der Fragmente in zugehörig/nicht zugehörig/möglicherweise zugehörig etc. dem Leser einen besseren Überblick ermöglicht hätte, was der Bibliothek zugeordnet wird und was nicht.

Es wurden elf Fragmente von Marmorplatten geborgen, deren Inschriften im Zuge ihrer Umarbeitung zu Balustradenplatten mit Gitterrelief weitestgehend eradiert sind (Kap. IV.1, Strocka). Es konnte jedoch erkannt werden, dass mindestens eine lateinische und eine griechische Inschrift ursprünglich existierten (Inhalte müssen unbekannt bleiben). Aufgrund der Fundorte innerhalb des Baus scheint eine Bauzugehörigkeit möglich; ihre ursprüngliche Platzierung muss hingegen offen bleiben.

Einige im Schutt gefundene Marmorgesimse zwei verschiedener Typen werden von Strocka zwei Ausstattungsphasen des Hauptsaales der Bibliothek zugeschrieben (Kap. IV.2). Dem Bibliotheksbau einer späteren Phase (4./5. Jh.) gehörten, gemäß Autor, einige Fragmente von sog. Champlevé-Platten an. Mit Sicherheit nicht dem Bibliotheksbau zuzuordnen ist ein ionisches Kapitell flavischer Zeit; von einem Pilasterkapitell (5. Jh.) ist der ursprüngliche Bauzusammenhang unklar.

Auch bei den Skulpturfragmenten – einer Doppelherme (Ralf von den Hoff), einer Büste in Blätterkelch und einigen weitere Fragmenten (Strocka) – ist aufgrund der Fundorte ihre Zugehörigkeit zum Bibliotheksgebäude nicht gesichert (Kap. IV.3).

Die Fundmünzen (Kap. IV.4, Hoffmann) stammen mehrheitlich aus stratigraphisch nicht aussagekräftigen Kontexten. Die bestimmbaren Stücke verteilen sich auf den Zeitraum von 83–96 n. Chr. bis 11. Jahrhundert.

Die Keramikfunde (Kap. IV.5, Eva-Maria Kasubke und Nikolas Möller) sind dem baulichen Kontext folgend nach Bau- und Nutzungsphasen ausgewertet und werden durch einen Katalogteil sowie zahlreichen Profilzeichnungen und Fotos im Tafelteil ergänzt. Die Darlegung der Auswertung nach Bauphasen ist sorgfältig, gibt den Zustand der Keramik an, bespricht die vorkommenden Keramikgattungen und ihre zeitliche Einordnung aufgrund von Vergleichsfunden. Der Katalogteil folgt wiederum der Bauphasengliederung und ist in Befunde unterteilt. Innerhalb der Befunde werden nur einige aussagekräftige Fragmente dargelegt, was im Rahmen einer Baustudie auch sinnvoll ist. Dennoch wären zusätzliche Angaben über die totale Fundmenge an Keramik in den Befunden, der Anteil an Keramikgattungen, Formen etc. wünschenswert gewesen. Die Keramik wird im Katalog nach Schichten und Befundnummern geordnet und besprochen. Es bleibt dem Leser jedoch trotz zahlreich vorhandener Keramikprofile sowie Stratigraphiezeichnungen und darin vermerkten Befundnummern versagt, Befundnummer und Keramik mit einer bestimmten Stratigraphie in Verbindung zu bringen. Bei der Keramikbesprechung und im Katalog fehlen weitgehend Tafelverweise auf die Stratigraphien, die sorgfältig gezeichnet sind, aber keine Legenden mit den Schichtbezeichnungen aufweisen.

Die Vorbauzeit wird nicht explizit behandelt. Eine kleine Auswahl, welche aber die Zeitspanne der Vorbau-Keramik sowie die vorkommenden Keramikgattungen nicht zu beleuchten vermag, findet sich bei der Besprechung von Phase 2 (Errichtung der Bibliothek). Eine etwas eingehendere Darstellung hätte dem Leser einen Einblick in eine noch wenig bekannte späthellenistisch-frühkaiserzeitliche Phase dieser Insula mit privatem ‚Wohnbaucharakter‘ erlaubt, was gerade im Hinblick auf die spätere Nutzung mit einem Bibliotheksgebäude von Interesse wäre.

Für die Errichtung des Bibliotheksgebäudes konnte aufgrund des Keramikmaterials ein terminus post quem der spätflavischen bis hadrianischen Zeit eruiert werden. Fundhorizonte der kaiserzeitlichen Nutzung als Bibliotheksbau konnten hingegen nicht dokumentiert werden. Damit kann die im ersten Teil des Bandes dargelegte Datierung der Errichtung des Gebäudes auf Basis bautypologischer Vergleiche und stilistischer Parallelen von Architekturelementen und Marmorsarkophag in hadrianische Zeit durch Kleinfunde nur teilweise untermauert werden. Hingegen gut im Keramikmaterial fassbar ist Phase 4 (spätantik-frühbyzantinisch) und stellt zugleich den ersten stratifizierten Befund aus dieser Zeit dar. Die Datierung des Gräberfeldes und die Auflassung des Gebietes (Phasen 6 und 7) können aufgrund nur weniger Keramikfragmente nicht angegeben werden (was jedoch ein Stück weit durch andere Kleinfunde [besonders im Kapitel IV, hier IV.6–IV.8] aufgefangen werden kann).

Trotz einiger weniger Kritik muss aber das Verdienst und der wissenschaftliche Wert der Darlegung dieser Keramikbefunde hervorgehoben werden. Damit ist eine Basis für eine in Zukunft zu verfeinernde Übersicht stratifizierter Fundkeramik aus Nysa gelegt.

Von den in Kap. IV.6 besprochenen Glasfunden (Figen Müller) wird eine repräsentative Übersicht der Glasware in Nysa gegeben, die nach Fundort/Befunden und Grabnummern geordnet ist. So vermögen einige Glasfunde aus Fundzusammenhängen die im ersten Teil des Buches erarbeiteten Datierungen zu untermauern: Beispielsweise sind die Stücke aus dem Marmorsarkophag zu nennen, welche durch ihre Produktionszeit im 1. und 2. Jh. n. Chr. die vorgeschlagene Datierung und damit seine Gleichzeitigkeit mit der Errichtung des Bibliotheksgebäudes durchaus stützen. Durch die Aufnahme von Streufunden wird das Bild der vorhandenen Glasware für Nysa durch Fensterglas sowie Rohglas (und damit als Produktionsort, welcher Größe und Bedeutung bleibt zu erforschen) ergänzt.

Die Metallfunde (Kap. IV.7, Hoffmann) stammen fast alle aus nachantiken Schichten. Sie sind nach Materialgattung und Objekt gegliedert im Katalog behandelt.

Die eigentliche Grabungspublikation zum Bibliotheksgebäude von Nysa endet mit der katalogartigen Darlegung weiterer Kleinfunde, wie Schmuck, Fragmente eines Elfenbeinreliefs mit Triton/halbnackter Göttin (ein sehr interessantes spätantikes Stück!) und anderen Gegenständen (Kap. IV.8, Strocka und Hoffmann).

Es folgen zwei interessante und ausführliche Kapitel (Kap. V. und VI, Strocka), die auch selbständig als eigene Abhandlung hätten dargelegt werden können und welche die langjährige Vertrautheit des Autors mit der Bibliotheksthematik vor Augen führen.

In Kapitel V wird der stadtrömische Bibliothekstypus am Beispiel der Celsusbibliothek definiert, die archäologisch gut erhalten ist sowie inschriftlich als Bibliothek bezeichnet wird, und damit einen gesicherten Ausgangspunkt darstellt. Als konstitutive Bestandteile ergeben sich so ein Lesesaal, Nischen mit Wandschränken und davor liegendem Podium sowie Galerien als Zugang zu den oberen Schrankreihen. Diese Definition, die auch für die Bibliothek von Nysa gilt und in weiten Teilen des Römischen Reiches anzutreffen ist, wird an verschiedenen kaiserzeitlichen Beispielen aus Rom und dem Römischen Reich geprüft und in einer tabellarischen Übersicht zusammengefasst. Im anschließenden Kapitel VI (Strocka) bildet diese Definition das Kriterium für die Beurteilung weniger eindeutiger Fälle. Es werden mehr als 30 Bauten besprochen, die in der Forschungsliteratur als Bibliotheken gedeutet wurden oder werden. Viele der Beispiele sind von einem Grundriss begleitet, was dem Leser den Darlegungen des Autors zu folgen hilft. Ausführliche Behandlungen wechseln sich ab mit kurzen Darlegungen, die allesamt sehr prägnant formuliert sind und keinen Zweifel an der Meinung des Autors offen lassen.

Das letzte Kapitel, Kapitel VII, vor der Zusammenfassung der Ergebnisse führt wieder zurück zur Bibliothek von Nysa (Kap. VII, Strocka). Hier werden Argumente für eine weite Funktionspalette der Bibliothek zusammengetragen, so dass die Bibliothek von Nysa als ‚Mehrzweckbau‘ bezeichnet wird. Aufbewahrungsfunktion als Archiv verortet der Autor in den seitlichen Obergeschossgewölben, Amtshandlungen verschiedener Art sowie ein lokales Gericht, in der um eine Stufe erhöht liegenden Exedra des zentralen Saales, in welchem die Parteien und Zuschauer Platz finden konnten. In Zusammenhang mit der vorgeschlagenen Funktion als Gerichtsgebäude und öffentlichem Archiv ist jedoch, wie der Autor selbst konstatiert, die große Distanz zur Agora und zum Bouleuterion (Gerontikon), die geradezu in unterschiedlichen Stadtteilen liegen, befremdend. Eine Position des öffentlichen Archivs von Nysa ist in der Tat in der Nähe von Bouleuterion/Agora naheliegender als in einem Wohnquartier, was möglicherweise für das repräsentative Bibliotheksgebäude in einem (wohl gehobenen) Wohnviertel nahe des Theaters und unweit des Gymnasions – neben Agora und Theater ein weiterer wichtiger Pol innerhalb einer antiken Stadt – die Funktion eines Archivs einer bedeutenden Familie von Nysa (?) in Verbindung mit einer öffentlichen Bibliothek nahelegen könnte.

Insgesamt betrachtet stellt der zweite Band der Forschungen in Nysa am Mäander ohne Zweifel eine interessante und umfassende Studie zu Architektur und zu Befunden eines eindrücklichen kaiserzeitlichen Bibliotheksgebäudes dar, die einen Platz in jeder modernen archäologischen Bibliothek verdient.

Susanne Wanninger: „Herr Hitler, ich erkläre meine Bereitwilligkeit zur Mitarbeit“. Rudolf Buttmann (1885–1947). Politiker und Bibliothekar zwischen bürgerlicher Tradition und Nationalsozialismus. Wiesbaden: Harrassowitz, 2014. VIII, 591 S. s./w. Abb. (Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen; Bd. 59). Fest. geb. – ISSN 0408–8107, ISBN 978-3-447-10318-3. € 86,-

VodosekPeterProf. Dr. 2Seestraße 89, D-70174 StuttgartGermany

Der Wolfenbütteler Arbeitskreis für Bibliotheks-, Buch- und Mediengeschichte veranstaltete vom 7. bis 9. Dezember 2009 in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar die Tagung Wissenschaftliche Bibliothekare in der Zeit des NationalsozialismusHandlungsspielräume, Kontinuitäten, Deutungsmuster. Neun der 16 Vorträge waren einzelnen Bibliothekaren in herausgehobener Position an wissenschaftlichen Bibliotheken gewidmet. Einer von ihnen war Rudolf Buttmann (1885–1947), über den Susanne Wanninger referierte.1 Ihr Vortrag war gewissermaßen der Auszug aus einem Projekt, das mit einer im Wintersemester 2012/13 von der Universität Augsburg angenommenen Dissertation abgeschlossen wurde, die nunmehr als umfangreiche Biographie vorliegt. Sie hat darüber hinaus schon mehrfach über das Thema publiziert. Der aparte Buchtitel „Herr Hitler ich erkläre meine Bereitwilligkeit zur Mitarbeit“ ist einem Tagebucheintrag Buttmanns nach einem Gespräch mit Hitler kurz vor dem Putsch vom 8./9. November 1923 entnommen. Als Hitler die NSDAP am 27. Februar 1925 neu gründete, trat ihr Buttmann als Mitglied Nr. 4 bei.

Diese Vorgeschichte und die nachfolgende steile Karriere des Bibliothekars am Bayerischen Landtag erklären, warum Wanningers Arbeit weit mehr ist als eine „Lebensbeschreibung“ im herkömmlichen Sinn. Außer der Einbettung in die Zeitgeschichte ist sie neben dem Buch Witsch von Frank Möller, der Biographie des Bibliothekars und Verlegers Caspar Joseph Witsch, die zurzeit detaillierteste und umfänglichste Analyse einer Persönlichkeit aus dem Bibliotheksbereich hinsichtlich Herkunft, sozialem Hintergrund, politischer Sozialisierung, Persönlichkeitsentwicklung und Karriere.2 Nicht weniger „schwindelerregend“ als bei Witsch verlief auch die Karriere Buttmanns. 1908 trat er in die Königliche Hof- und Staatsbibliothek München ein und wechselte 1910 an die Bibliothek des Bayerischen Landtags. 1924 zog er für den Völkischen Block als Abgeordneter in den Landtag ein, trat 1925 zur NSDAP über und erhielt 1928 von Hitler den Fraktionsvorsitz übertragen. Er war enttäuscht, dass er in der Folge nicht Bayerischer Kultusminister, wenn nicht gar Ministerpräsident wurde. Als sich diese Hoffnung endgültig zerschlagen hatte, ging er 1933 als Ministerialdirektor nach Berlin und zwar als Leiter der kulturpolitischen Abteilung im Reichsministerium des Innern. Hier oblag ihm im Besonderen, mit dem Vatikan und dem deutschen Episkopat über die Durchführung des Reichskonkordats zu verhandeln. Da sich sein Wirkungsbereich nicht so entwickelte, wie er angenommen hatte, wandte er sich wieder seinem ursprünglichen Beruf zu und erhielt das Amt des Generaldirektors der Bayerischen Staatsbibliothek übertragen, das er von 1935 bis 1945 bekleidete. Er blieb Mitglied des politisch einflusslosen, ihm allerdings Renommee verleihenden Reichstags. Nach dem Zusammenbruch der Diktatur wurde er inhaftiert, 1946 aber wegen seines schlechten Gesundheitszustands entlassen und starb am 25. Januar 1947. Posthum wurde er entnazifiziert.

Dieses zugegebenermaßen dürre Faktengerüst setzt aber nur die Wegmarken, entlang derer Wanninger ihre erstaunlich umfassende und ebenso in die Tiefe gehende Darstellung entwickelt. Im einleitenden Kapitel legt sie den methodischen Ansatz dar, beschreibt den Forschungskontext, den Forschungsstand und die Quellenlage. Die nachfolgenden neun Kapitel stehen in chronologischer Abfolge. Sie beginnen mit der Sozialisation und dem Bildungsweg des aus gutbürgerlicher Familie Stammenden bis 1914. Es folgt der Soldat im Ersten Weltkrieg, der dann im Zusammenhang mit der Münchner Räterepublik zum Gegenrevolutionär wurde. Daran schließt sich konsequenterweise der Weg nach rechts. Das 5. Kapitel, überschrieben mit „NSDAP-Mitglied Nr. 4“, nimmt insofern eine zentrale Stellung ein, als die „magische Vier“ im weiteren Verlauf immer wieder eine bedeutende Rolle spielte. Sie verschaffte Buttmann zwar nicht den politischen Einfluss, nach dem er immer gestrebt hatte, bot ihm aber im NS-Staat eine prestigeträchtige, durchaus einflussreiche Existenz, und – auch das muss festgehalten werden – die Möglichkeit, seinen beruflichen Spielraum auszuschöpfen, wo anderen engere Grenzen gezogen waren. Die Kapitel 7 und 8 widmen sich seinen beiden beruflichen Arbeitsfeldern. Auf den Ministerialdirektor und Kirchenpolitiker soll hier nicht näher eingegangen, im Hinblick auf die Thematik dieser Zeitschrift aber das Kapitel über den Generaldirektor, das seitenstärkste des Buches, näher beleuchtet werden.

Buttmanns Berufung an die Staatsbibliothek erfolgte nach der Amtsenthebung seines Vorgängers Georg Reismüller. Entgegen den Befürchtungen der Mitarbeiter, dass er überwiegend ein „politischer“ Bibliotheksdirektor sein werde, widmete er sich mit Engagement und Kompetenz seiner neuen Aufgabe. Wanninger geht ausführlich auf seine Personalpolitik und seinen Führungsstil ein, auf die Erwerbungspraxis, den Umgang mit verbotener und unerwünschter Literatur und mit den jüdischen Benutzern. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Staatsbibliothek im Krieg, wobei der „Chef“ sich nicht zu gut war, bei den auf die Bombardements folgenden Räumungsarbeiten selbst mit Hand anzulegen. Dass bei allen Aktivitäten sein Verhältnis zu Staats- und Parteistellen immer den cantus firmus abgab, versteht sich von selbst. Schließlich wird der Bibliotheksfunktionär gewürdigt: Als Verantwortlicher einer der drei „Großen“ neben Preußischer Staatsbibliothek und der Nationalbibliothek in Wien fiel ihm auch über Bayern hinaus eine tragende Rolle zu.

Die beiden letzten, verhältnismäßig kurzen Kapitel wenden sich wieder dem Privatmann und seiner Sicht auf die Politik zu: seiner Einstellung zur Entrechtung und Verfolgung der Juden, zum deutschen Widerstand, zu Hitlers Außenpolitik und zum Krieg. Es folgen Zusammenbruch, Inhaftierung, Krankheit, Tod und posthume Entnazifizierung. Durch das ganze Buch hindurch und noch einmal im Resümee ist Wanninger bestrebt, eine differenzierte Beurteilung der Persönlichkeit zu erreichen. Ihrer Auffassung zufolge war Buttmann kein Täter im Sinn der auf Gewaltverbrechen fokussierten NS-Täterforschung. In den Augen der Partei war er am Anfang ein nützliches Werkzeug, weil er seiner Herkunft nach, anders als die „Radau-Nazis“, bürgerlichen Kreisen den Eindruck der Seriosität der „Bewegung“ vermittelte. Sowohl in politischen als auch in kirchlichen Kreisen sei er „als im Grunde anständig“ wahrgenommen worden. Hitler soll sich wie folgt über ihn geäußert haben: „Buttmann ist zu altmodisch, hat keinerlei revolutionäre oder auch nur soldatische Haltung. Ich werde ihn schon seiner Leistung entsprechend verwenden können“ (S. 179). Nichtsdestoweniger betrachtete er sich selbst bis zuletzt als überzeugter Nationalsozialist. Es ist nicht zu leugnen, dass er dem Nationalsozialismus „massiv Vorschub“ geleistet und „in seinem persönlichen Umfeld Akzeptanz für den Nationalsozialismus“ geschaffen hat.

Wanninger gebraucht für die Rolle Buttmanns den aus der Netzwerkforschung hergeleiteten Begriff des „social brokers“. In der Einleitung begründet sie ausführlich diesen methodischen Ansatz. „Social broker überbrücken mittels ihrer Beziehungen sogenannte strukturelle Löcher im Netzwerk“ (S. 11, Anm. 27). Konkret auf Buttmann angewandt, wirkte dieser, wie oben ausgeführt, als Vermittler. Offenbar um ihren Ansatz zu rechtfertigen, wird der Terminus im Verlauf der Arbeit geradezu leitmotivisch immer wieder in Erinnerung gerufen. Dem Rezensenten stellt sich dabei die Frage, ob nicht bloß die Verwendung des Begriffs als solcher innovativ ist, nicht aber die Methode selbst. Die Autorin hat unbestreitbar eine herausragende Arbeit geleistet, aber nicht mehr als andere ernst zunehmende Historiker auch wie zum Beispiel Frank Möller mit der Biographie über Joseph Caspar Witsch, Bernhard Fischer über Johann Friedrich Cotta oder Wolfram Pyta mit seiner phänomenalen Biographie Hindenburgs.3 Sie alle kommen ohne den Rekurs auf den „social broker“ aus, obwohl die Genannten eine vergleichbare Funktion ausübten.

Der Autorin ist es nicht nur gelungen, den politischen Beamten und Bibliothekar sondern auch den Privatmann lebendig werden zu lassen. In der Durchdringung von äußeren Fakten und Faktoren wie Sozialisierung und Persönlichkeitsentwicklung ist ihre Arbeit ein wegweisendes Beispiel für die neue Biographik. Ein Verdienst ist es auch, das bisher überwiegend negative Bild Buttmanns in der Fachliteratur, insbesondere bei Georg Leyh, zwar nicht korrigiert, aber doch relativiert zu haben. Beinahe ist man geneigt, Buttmann abschließend mit einem Zitat Conrad Ferdinand Meyers zu charakterisieren: „Ich bin kein ausgeklügelt Buch. Ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch“.

Wanninger konnte sich auf ein überaus reiches ungedrucktes wie gedrucktes Quellenmaterial stützen. Zusätzlich erwies es sich als Glücksfall, dass Buttmann und seine Frau Karoline umfängliche private Aufzeichnungen hinterlassen haben. Beide führten ein Tagebuch, es existiert ein Briefwechsel zwischen den beiden und schließlich verfasste Buttmann zwei Zusammenstellungen Allgemeiner Überblick über meine polit[ische] Entwicklung und Meine beruflichen Aufgaben, Erfahrungen und Absichten im bayerischen Bibliothekswesen 1935–1945. Hinzu kommt noch auf über 20 Seiten nachgewiesene Sekundärliteratur.

Konrad Umlauf und Stefan Gradmann (Hrsg.): Handbuch Bibliothek. Geschichte, Aufgaben, Perspektiven. Stuttgart, Weimar: Metzler, 2012. IX, 422 S. s/w-Abb. Leinen. ISBN 978-3-476-02376-6. € 69,95

KöpplSebastianDr. 3Kastanienweg 5, D-96163 GundelsheimGermany

Der Sammelband will in einem Neuansatz, ähnlich seinen synchron geplanten, aber in ihren Erscheinungsjahren weit getrennten Geschwisterbänden zu den „benachbarten Gedächtnisinstitutionen“ (Einleitung, S. 1) – nämlich dem Handbuch Archiv, und dem Handbuch Museum2 – alle Facetten der Bibliothek der Gegenwart und ihrer absehbaren Entwicklung darstellen. Das Augenmerk des vorliegenden Bandes gilt dem „Beitrag der Bibliotheken zur Entstehung und Darstellung einer ubiquitären digitalen Informationsinfrastruktur und ihrer Rolle bei der Bewahrung des kulturellen Erbes“.3 Die 37 Autoren kommen aus den relevanten Fachbereichen der Universitäten und Fachhochschulen sowie aus dem Kreis der Direktoren, Abteilungsleiter und Mitarbeiter der deutschen Bibliotheken. Dazu treten in Kurzbeiträgen die beiden Generaldirektoren aus Berlin und München, ein stellvertretender Bibliotheksleiter aus Wien, eine Vizedirektorin aus der Bodleian Library und ein Mitarbeiter aus der British Library. So liegt das Hauptgewicht des Bandes auf den wissenschaftlichen Bibliotheken, obwohl auch die Öffentlichen Bibliotheken, allerdings nur in einigen Aspekten, angesprochen sind. Am Anfang des Buches stehen ein detailliertes Inhaltsverzeichnis sowie eine knappe Einleitung mit einer kurzen Vorstellung der Aufsätze. Den Abschluss bilden ein Verzeichnis der Beiträger samt der Nennung ihrer derzeitigen Funktion und der von ihnen verfassten Kapitel bzw. Abschnitte, eine Liste der Bildquellen und zuletzt ein Personen- sowie ein Sach- und Institutionenregister.4

Die inhaltlichen Schwerpunkte des Bandes, dessen Fülle hier nur in Auswahl und verkürzt angesprochen und bewertet werden kann, liegen im Kapitel 5 „Die Bibliothek als Wissensraum“ (S. 73–227), in dem ein Teil der zentralen Bereiche der heutigen Bibliotheksarbeit zusammenfließt, sowie im Kapitel 9 „Bibliotheken im historischen Prozess“ (S. 287–386). Eingerahmt werden diese Texte durch das Kapitel 2 „Die Bibliothek als Idee“ (S. 3–32), Kapitel 3 „Die Bibliothek als Gedächtnisinstitution“ (S. 33–39), Kapitel 4 „Die Bibliothek als physischer Raum“ (S. 40–72), Kapitel 6 „Die Bibliothek und ihre Nutzer“ (S. 228–245), Kapitel 7 „Die Bibliothek und ihre Träger“ (S. 246–265), in das auch das Bibliotheksrecht einbezogen ist, durch das Kapitel 8 „Die Bibliothek als Betrieb“ (S. 266–286) sowie zuletzt durch Kapitel 10 „Die Bibliothek der Zukunft“ (S. 387–397).

Zur formalen Bewertung des Werkes:

Der fast druckfehlerfreie Band wird durch Fotos, Graphiken, Tabellen, Zeichnungen sowie Grundrisse von Bibliotheken passend illustriert. Allerdings ist er wegen seiner großen, nicht immer durch Zwischenüberschriften und Absätze hinreichend untergliederten Textblöcke oftmals nicht leicht lesbar. Die in der Regel vorzüglich ausgewählten, sehr hilfreichen Literaturangaben, die im Text verkürzt auf die vollen Angaben am Ende der Unterabschnitte bzw. der Kapitel verweisen, tragen zum hohen Nachschlagewert des Bandes bei. Sie brauchen kaum ergänzt zu werden, außer vielleicht beim Abschnitt 5.12 und am Ende des Kapitels 7, sind jedoch bei Jahreszahlen, Auflagen und in der bibliographischen Beschreibung der Titel nicht frei von kleinen Versehen. Die insgesamt ordentlich gestalteten Indices sind insbesondere beim Sach- und Institutionenregister viel zu knapp, so dass die Erschließung des Bandes erschwert ist und dem schnellen Leser manch Wichtiges entgehen mag. Ein anderes Defizit sind die in einer Reihe von Fällen fehlenden Verweisungen im Text.

Zur inhaltlichen Bewertung des Handbuchs:

Trotz der bei einzelnen Beiträgen nötigen Ergänzungen, Einschränkungen oder Differenzierungen bietet die Mehrzahl der Aufsätze in Einzelpunkten eine bislang unübertroffene Analyse der aktuellen Fragen der Gegenwart und der absehbaren Entwicklungen, fasst den gegenwärtigen Stand der Diskussion auf den relevanten Feldern in der Regel meist verlässlich zusammen und verarbeitet, den Zielen eines Handbuchs gemäß, eine Fülle von Literatur, so dass eine orientierende Beschreibung und Dokumentation der heutigen und künftigen Aufgabenstellungen im Rahmen der Erfordernisse aus bereits bestehenden oder künftig nötigen Informationsinfrastrukturen geboten wird.

Konkret bedeutet dies: Der Band weicht offenen Fragen, wie den „Unsicherheiten“ der digitalen Langzeitarchivierung (S. 185), nicht aus, bildet, allerdings unvollständig, die kritische Diskussion in den heiklen Fragen des „Open Access“ ab und erläutert die künftig noch zunehmende Bedeutung der Bibliotheken in der Mitarbeit bei der Erfassung und Archivierung der Forschungsdaten, in der Forschungsinfrastruktur und der virtuellen Forschungsumgebungen im Rahmen des eResearch. An vielen Stellen werden zudem Erkenntnisse vermittelt, die auch für das heutige bibliothekarische Tagesgeschäft von großer Bedeutung sind, so etwa im leider allzu knappen Kapitel 6 zur „Bibliothek und ihre(n) Nutzer(n)“, speziell auf S. 230–231 und S. 238–241. Dies gilt auch für die Frage der Bestandsbildung in Zeiten der von Verlegerseite und von einzelnen Bibliotheken propagierten Übernahme des PDA-Modells5: Der Band beleuchtet auch die technischen und die inhaltlichen Probleme sowie die Risiken dieser Methodik, die zu erheblicher Mehrarbeit in den Häusern führt, und betont zu Recht, dass „der lokale Bestandsaufbau, der das Sichten und Auswählen umfasst“, „auch in Zukunft ein Kernbereich professionellen bibliothekarischen Handelns sein“ wird (S. 95).

Zur Fülle von wichtigen Aussagen zum zukünftigen Stellenwert der Bibliothek gehört auch der Hinweis zur klassischen Sacherschließung: Obwohl das Buch zu knapp auf die Thematik und auf die verbale Sacherschließung praktisch gar nicht eingeht und die Erschließung über eine Klassifikation vernachlässigt, kritisiert es zwischen den Zeilen „wissenschaftliche Bibliotheken, die auf eigene Sacherschließung völlig verzichten“ (S. 99), obgleich sie in Zukunft sogar an Bedeutung zunähme, und verweist auf das „merkwürdige Paradox“, dass „auf der einen Seite“ die „sachliche Erschließung in Bibliotheken an Bedeutung“ verlöre, „auf der anderen Seite“ aber „die Entwicklung semantischer Relationierung von Internetressourcen eingefordert und unter dem Begriff ‚Semantic Web‘ vorangetrieben“ würde (S. 100). Die Bibliotheken sollten – eine Forderung des Buches, die nicht genügend unterstrichen werden kann – die „bibliothekarischen Erschließungstechniken so [...] strukturieren, dass sie z. B. mit den Ontologien des Semantic Web kompatibel sind“ (S. 100), auch wenn bei der Zukunft der bibliothekarischen Metadaten viele Probleme noch offen bleiben (S. 121–128 und S. 180–182). Dabei spricht das Buch immer wieder Datenbanken, Initiativen, Projekte, Softwarelösungen und Tools an, die für den Leser von hohem Wert, aber leider nicht in allen Fällen im Index nachgewiesen sind.

Andere, nicht minder wichtige Denkanstöße und Monita gelten den „zukünftigen Aufgaben der Informationsinfrastruktureinrichtung Bibliothek“ (S. 150–151), der „immer größere(n) Bedeutung der Benutzerforschung“ (S. 243) oder dem „Themenfeld der digitalen Langzeitarchivierung“, das „federführend von den Bibliotheken weiter ausgebaut werden“ sollte (S. 225). Andere Hinweise, wie etwa „dass wissenschaftliche Bibliothekare neben ihren Routineaufgaben in der Bibliothek den Kontakt zu ihrem ersten Studienfach [...] nicht verlieren und ihr Verständnis von Fragestellungen, Methoden und Paradigmen dieses Faches aktuell halten“ sollten (S. 217), sind zweifellos wichtig, entsprechen aber oftmals nicht den Anforderungen der Praxis und den geringen Aufstiegschancen in der Fachreferatsarbeit. Manche, zu sehr an fehlleitenden BIX-Kategorien orientierte Bibliothekare und an der Umwidmung von Magazin- und Benutzungsräumen interessierte Universitätskanzler mögen, dies ein anderes Beispiel wichtiger Ratschläge des Buches, bedenken, dass „auch die Virtuelle Bibliothek selbstverständlich angewiesen“ bleibt „auf kontrollierte Informationsräume, d. h. professionell betreute, analoge und digitale Bestände“ (S. 95).

Zu einigen überlegenswerten Punkten für eine Neuauflage:

  • Überdacht werden sollte die eigenwillige Struktur des Bandes, die auch in der Einleitung nicht überzeugend begründet wird, mit seinen im Volumen unausgewogenen Kapiteln und seiner in meinen Augen inkonsequenten Zusammenführung wichtiger Arbeitsbereiche der Bibliothek im Kapitel 5 „Die Bibliothek als Wissensraum“6, das, wenn man die Konzeption ernst nimmt, zumindest auch die Inhalte des jetzigen Kapitels 6 hätte einbeziehen müssen; ferner die Überbetonung der Bibliotheksgeschichte in einem Handbuch, das den Gesamtbereich abbilden will, sowie die zum Teil bereits angesprochenen Lücken in der Darstellung der klassischen bibliothekarischen Arbeitsfelder, wie etwa in der Erschließung, wo auch auf die Erörterung spezieller Fragen wie der Discovery Services verzichtet wird. In die Beschreibung der Bibliotheksgeschichte fließen gewiss manche wertvolle Neubewertungen und Denkanstöße ein, wie z. B. „zu einer zukünftigen anthropologischen Bibliotheksgeschichte“ (S. 287). Andererseits erscheinen in der Bibliotheksgeschichte des 20. Jahrhunderts die längerfristigen Probleme der Digitalisierung unterschätzt und Alternativen nicht in Betracht gezogen.

  • Die Konzeption des Bandes führt zwangsläufig zu Überschneidungen: Dies gilt für den Abschnitt 6.3 „Heutige Zwecke und Trends der Bibliotheksbenutzung“ (S. 230 ff.) und den Abschnitt 5.3.5.1 „Bereitstellen/Benutzen“ im Kontext der „Konsumtive(n) Informationsdienstleistungen der Bibliotheken“ (S. 100 ff.). Das Kapitel 2 „Die Bibliothek als Idee“ und das Kapitel 9 „Bibliotheken im historischen Prozess“ wären sinnvollerweise in ein Kapitel vereinigt worden. Dabei sollten speziell die Abschnitte 9.3.1 bis 9.3.10 überarbeitet werden, da die vorgestellten Bibliotheken einseitig ausgewählt sind und die Texte, von Ausnahmen abgesehen, inhaltlich und formal nicht überzeugen.7

  • Das Pflichtexemplarrecht ist ohne gegenseitige Verweisungen im Unterabschnitt 5.4.4 (S. 117 f.) wie auch im Abschnitt 7.2.2.3 (S. 247 ff.) und an anderen Stellen behandelt. Es wäre vielleicht besser gewesen, es komplett dem Abschnitt 7.2 zuzuordnen und auch die rechtlichen Bestimmungen beim Kauf, Tausch und Geschenkzugang näher zu besprechen. Gewiss sind gerade die Lizenzierung und die rechtliche Problematik der digitalen Netzpublikationen auf knappem Raum schwer darzustellen. Sie hätten aber wegen ihrer großen Bedeutung mehr Raum verdient. Vielleicht hätte, so die Frage an die Herausgeber und den Verlag, hier wie in anderen Fällen, es mehr Raum gebraucht, um die volle Information bieten und den Anspruch eines Handbuchs ganz erfüllen zu können?

  • Neben dem zu überprüfenden zentralen Ansatz des Bandes gilt dies auch für die ungesicherten Prognosen der „Vision für eine Forschungsbibliothek der Zukunft“ in Kapitel 10: Zumindest für die geisteswissenschaftlichen Fächer dürfte es auch für die mittlere Zukunft nicht zutreffen, dass „das Gros der über diese (die Hochschulbibliotheken, Anm. des Verf.) nutzbaren Inhalte ohnehin aus dem Netz bezogen“ (S. 395) würde. Die Koexistenz der gedruckten und elektronischen Informationsträger in den wissenschaftlichen Bibliotheken wird auch in der absehbaren Zukunft, außer bei den STM-Fächern, wohl bei einer mutmaßlichen, geschätzten Relation von 4:1 liegen.

  • Der Unterabschnitt 6.5.1 betrachtet die Hochschulbibliotheken praktisch nur unter dem Gesichtspunkt der Funktion der Literaturversorgung und der Benutzung: Wäre es nicht nötig gewesen, auch eine vergleichende Typologie der Hochschulbibliothekssysteme und ihres Beitrags zur Informationsinfrastruktur ihrer Hochschulen im Rahmen der Unterabschnitte 7.5 und 7.6 zu bieten, nachdem Bibliothekstypologien durchaus abgehandelt werden?

  • Der spezifischen Leistung der Regionalbibliotheken bzw. der Landesbibliotheken (S. 255 f.) wird die Darstellung im Unterabschnitt 7.3.3 nicht gerecht, wie generell das ganze Kapitel 7 „Die Bibliothek und ihre Träger“ mitsamt seinem darin enthaltenen Bibliotheksrecht neu zu konzipieren wäre: So wird die Frage des Digital Rights Management unter dem gewiss auch wichtigen Aspekt der digitalen Langzeitarchivierung im Abschnitt 5.11 behandelt, aber nicht näher auf seine massive Einwirkung auf den Benutzungsalltag der Bibliotheken eingegangen.8

  • Die Bereiche Leitung der Bibliothek, Personalführung und Personalmanagement9 werden im Kapitel 8 „Die Bibliothek als Betrieb“ nicht hinreichend erörtert, obwohl Bedenkenswertes zum Prozess-, Finanz- und Qualitätsmanagement in Bibliotheken gesagt wird. Die Autorin des Beitrags plädiert zu Recht für ein modernes Bibliotheksmanagement, vernachlässigt aber wichtige, auch heute noch gültige Elemente der Bibliotheksverwaltung, in der sie einen „rückwärtsgewandten Ansatz“ (S. 267) sieht. Man kann der Autorin ebenfalls nicht in der im gleichen Abschnitt enthaltenen Empfehlung zu einer „Matrix-Organisation“ (S. 277) folgen, die, wie sie selbst einräumt, auch in der Industrie wenig verbreitet ist, da sie Reibungsverluste mit sich bringt und die Mitarbeiter in der Regel überfordert.

  • Unsachliche Kritik, die Unterstellung eines „Halb- und Nichtverständnisses technischer Zusammenhänge“ (S. 7) und die Herabsetzung eines Kollegen sind in einem Handbuch fehl am Platz. Wenn die bibliotheksgeschichtlichen Arbeiten eines der besten Kenner der Bibliotheksgeschichte zu „manchen essayistischen Werken“ (S. 287) gezählt werden, von denen sich umfassende französische, englische und deutsche Bibliotheksgeschichten wohltuend unterschieden, sollte dies in einer Neuauflage ebenfalls korrigiert werden. Die positive Rezeption der bibliotheksgeschichtlichen Arbeiten des gewiss in anderen Punkten umstrittenen Konstanzer Bibliothekars wird offenbar von beiden Autoren, denen das Buch eine Reihe wichtiger Texte verdankt, nicht gesehen.

Zusammenfassend lässt sich hervorheben, dass das Werk schon gegenwärtig mit seinem hohen Maß an verlässlicher Information ein wertvoller Teil der Literatur ist, der in jede wissenschaftliche Bibliothek und in die Ausbildungseinrichtungen gehört und dessen Preis im Vergleich zu Publikationen anderer Verlage angemessen erscheint. Das Handbuch bedarf aber einer überarbeiteten Neuauflage. Dann wird es in der Tat eine große Lücke füllen und für die nahe Zukunft zur unabdingbaren Basisliteratur gehören. Bereits heute jedoch sind weite Teile für die Praxis und die Erstinformation gut geeignet.

Konstanze Söllner, Wilfried Sühl-Strohmenger (Hrsg.): Handbuch Hochschulbibliothekssysteme. Leistungsfähige Informationsinfrastrukturen für Wissenschaft und Studium. Berlin: de Gruyter, 2014. 608 S. Geb. – ISBN 978-3-11-030991-1. € 159,95

LuttererWolframDr. 4Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sempacherstrasse 10, CH-6002 Luzern, SchweizSwitzerland

Die beiden Herausgeber haben sich zum Ziel gesetzt, mit dem „Handbuch Hochschulbibliothekssysteme“ sowohl eine Standortbestimmung als auch eine Darstellung von Zukunftsaufgaben von Bibliothekssystemen vorzulegen. Insgesamt 45 Fachbeiträge haben Konstanze Söllner und Wilfried Sühl-Strohmenger hierzu gesammelt. Adressiert werden soll mit dem rund 600 Seiten umfassenden Buch gleicherweise die Wissenschaft als auch das Studium. Ist das gelungen?

Zu Beginn unternehmen die beiden Herausgeber in ihrer Einführung eine wichtige Begriffsklärung: Bibliothekssysteme werden definiert als funktionale Gesamtheit aller Dienste und Einrichtungen von Bibliotheken zur Unterstützung von Forschung, von der Lehre und vom Studium. Explizit adressiert werden hierzu die bibliotheksseitigen Literatur-, Informations- und Medienressourcen sowie weitere, durch sie bereit gestellte Supportstrukturen. Im Hintergrund von alledem steht der vielfache Wandel, der durch die digitale Revolution eingeleitet wurde, mitsamt den sich dadurch ebenfalls verändernden Wissenschaftskulturen. Dies alles wird in der Folge in großer Breite und Tiefe verhandelt. Hierzu ist das Handbuch in sieben Teile untergliedert.

Der erste Teil thematisiert eine Reihe von Vorgaben bzw. Rahmenbedingungen. Dies beinhaltet neben einem geschichtlichen Abriss die rechtlichen, organisatorischen, finanziellen sowie hochschulpolitischen Grundlagen von Hochschulbibliothekssystemen. Ergänzend werden Fragen des Innovationsmanagement sowie zukünftige Aufgaben angesprochen. Dabei klingt bereits das große Thema des Handbuchs an: Wie sind Bibliothekssysteme im Zeichen des digitalen Wandels weiterhin professionell zu organisieren? Geschieht dies eher zentralisiert oder eher dezentral?

Das Spannungsfeld zwischen Zentralität und Dezentralität ist konsequenterweise Gegenstand des zweiten Teils des Handbuchs. Darin werden Fragen der (zumindest) funktionalen Einschichtigkeit verhandelt bis ihn zum eher exotischen Fall eines dreischichtigen Bibliothekssystems, mit Beispielen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Weiter vertiefend verfolgt der dritte Teil den Funktionswandel dezentraler Bibliotheken in der Abhängigkeit von ihren jeweiligen Fachkulturen. Exemplarisch abgehandelt werden Natur-, Ingenieurs-, Rechts-, Sozial-, Wirtschafts- und Geschichtswissenschaften und somit das wissenschaftliche Fächerspektrum in gut bemessener Breite. Ergänzend pointiert wird die Frage nach der besonderen Rolle dezentraler Bibliotheken in der digitalen Informationsinfrastruktur.

Daran anschließend liefert der vierte Teil eine Reihe von Beispielen von Entwicklungs- und Planungskonzepten für dezentral strukturierte Bibliothekssysteme. Die hier versammelten Beiträge dienen als Best-Practice-Modelle unterschiedlichster Typik. Eines der dabei angerissenen Themen, die Frage des oder der (Stand-)Orte der bibliothekarischen Dienstleistung wirkt hierbei bereits wie eine Vorbereitung auf den fünften Teil des Handbuchs. Dieser nämlich thematisiert Fragen der Kooperation und zwar sowohl innerhalb als auch außerhalb der Hochschulen: angefangen mit Fragen der Zusammenarbeit oder sogar der Fusion von Bibliotheken verschiedener Trägerschaften, über die Rolle der Verbünde bis hin zu einem Blick ins Ausland: nach Frankreich, genauer ins Elsass.

Als Kontrapunkt hierzu thematisiert der sechste Teil die Beiträge, welche durch zentrale Koordinierungseinrichtungen für die universitäre Informationsinfrastruktur geleistet werden. Neben der an dieser Stelle wohl unvermeidlichen Frage nach der koordinierten Lizenzierung elektronischer Medien werden in diesem Zusammenhang vor allem Fragen der Langzeitarchivierung, der Fachinformationsdienste sowie der Informationskompetenz diskutiert.

Der siebte Teil versammelt schließlich unter dem recht lapidar klingenden Label „Praxisprobleme“ eine ganze Reihe wichtiger ergänzender Beiträge, welche den Bibliotheksalltag jenseits aller Fragen nach dem „richtigen“ System prägen: die Aspekte des Qualitätsmanagement und der Wirkungsmessung ebenso wie die Planung von Bibliotheksflächen und von Erwerbungsmitteln, sowie Fragen der Reorganisation und dem Service im Wandel. Damit – und mit einer kurzen Schlussbemerkung der beiden Herausgeber – endet der impressive Rundgang durch das Themenfeld der Hochschulbibliothekssysteme im deutschsprachigen Raum.

In ihrem Schlusswort stellen Konstanze Söllner und Wilfried Sühl-Strohmenger fest, dass das Unternehmen dieses Handbuchs ein Wagnis gewesen sei, insbesondere weil nach allen früheren und teilweise heftigen Diskussionen um die Vorzüge einschichtiger versus zweischichtiger Systeme das Thema Hochschulbibliothekssysteme nicht mehr sonderlich im Vordergrund gestanden habe. Im Zuge des digitalen Zeitalters erschien es mancherorts sogar nur noch als eine Frage der Zeit bis zum das Ende der Instituts- und Seminarbibliotheken.

Vergegenwärtigt man sich hingegen die in dem Handbuch gesammelten Beiträge, so offenbart sich hingegen nunmehr ein ganz anders geartetes Bild: Anstelle der früheren Grundsatzdiskussionen um Ein- oder Zweischichtigkeit erweist es sich als ungleich drängender, die Interessen der vielfältigen universitären Anspruchsgruppen und Fachdisziplinen genauer in den Blick zu nehmen, um dann in kundenorientierter Hinsicht passende bibliothekarische Dienstleistungen weiter zu entwickeln. Was sich ebenfalls jenseits aller organisatorischen Ideologien abzeichnet, ist das notwendige und gute Miteinander von zentralen und dezentralen Einrichtungen und Dienstleistungen. Was dabei – zumindest ein gutes Stück weit – verloren geht, ist die klassische bibliothekarische Sorge um prospektiven Erwerb. Dafür aber werden bibliothekarische Dienstleistungen bedarfsorientiert geradezu maßgeschneidert und in dieser Gestalt entwickeln sich zentrale wie dezentrale Dienstleistungsstrukturen im Hochschulsystem professionell weiter.

Damit lässt sich zum Schluss nur noch eines konstatieren: Ja, es ist den beiden Herausgebern mitsamt all den anderen Beitragenden des Handbuchs tatsächlich gelungen, ihren Lesern die große Breite und Tiefe des wichtigen Themas Hochschulbibliothekssysteme nahezubringen. Sowohl Wissenschaftler als auch Studierende werden dieses Handbuch mit Gewinn lesen: die ersteren, um ihre kundige, eigene Praxis zu reflektieren sowie hilfreiche Anregungen zu erhalten, die letzteren, um sich Wissen zu verschaffen über die ganze gelebte Vielfalt an Hochschulbibliothekssytemen mitsamt all den wichtigen lokalen und regionalen Eigenheiten.

Footnotes

  • 1

    Weitere Bände: Kadıoğlu, Musa: Die Scaenae frons des Theaters von Nysa am Mäander. Forschungen in Nysa am Mäander. Bd. 1. Mainz am Rhein 2006; der dritte Band ist Ende 2014 erschienen: Kadıoğlu, Musa: Das Gerontikon von Nysa am Mäander. Forschungen in Nysa am Mäander. Bd. 3. Mainz am Rhein 2014. 

  • 1

    Wanninger, Susanne: Die Bayerische Staatsbibliothek unter Rudolf Buttmann. Wissenschaftliche Bibliothekare im Nationalsozialismus – Handlungsspielräume, Kontinuitäten, Deutungsmuster. Hg. v. Michael Knoche und Wolfgang Schmitz. (Wolfenbütteler Schriften zur Geschichte des Buchwesens, 46). Wiesbaden 2011, 165–177. Vgl. die Rezension in BIBLIOTHEK – Forschung und Praxis 36 (3) (2012) S. 414–417. 

  • 2

    Möller, Frank: Das Buch Witsch. Das schwindelerregende Leben des Verlegers Joseph Caspar Witsch. Mit einem Vorwort von Helge Malchow. Köln 2014. Vgl. die Rezension in BIBLIOTHEK – Forschung und Praxis 38 (3) (2014) S. 518–520. Für Herbst 2015 ist ein zweiter Teil über den literarischen Verleger angekündigt. 

  • 3

    Vgl. Möller (Anm. 2); Fischer, Bernhard: Johann Friedrich Cotta. Verleger – Entrepreneur – Politiker. Göttingen 2014. Vgl. die Rezension in BIBLIOTHEK – Forschung und Praxis 39 (1) (2015) S. 106–108; Pyta, Wolfram: Hindenburg: Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler. München 2009. 

  • 2

    Das Handbuch Archiv: Geschichte, Aufgaben, Perspektiven. Hrsg. von Marcel Lepper u. a. soll jetzt, laut jüngster Verlagsmitteilung, im Oktober 2015 erscheinen. Das Handbuch Museum: Geschichte, Aufgaben, Perspektiven von Markus Walz ist ebenfalls für Oktober geplant. 

  • 3

    So die Verlagsmitteilung vom Frühjahr 2012. 

  • 4

    Bisherige, recht positive Besprechungen liegen unter anderem vor von Bernhard Lübbers in: ZfBB 60 (3–4) (2013) S. 228–229, Stefan Alker in: Mitteilungen der VÖB 66 (2) (2013) S. 370–373, Gerhard Hacker, in: BuB. Forum Bibliothek und Information 66 (5) (2014) S. 395–396, und, mit einigen kritischen Bewertungen, von Constantin Cazan in: Information. Wissenschaft & Praxis 64 (4) (2013) S. 228–232. Diese Rezensionen sprechen zwar die positiven Züge des Bandes an, werden aber seiner Problematik nicht ganz gerecht. 

  • 5

    Vgl. zur Werbung für die PDA, die gewiss auf der Verlagsseite interessante wirtschaftliche Perspektiven bringt, u. a. das White Paper (PDF) und die Veröffentlichung des De Gruyter Verlags im Buchreport vom 04.10.2012. Zu den behaupteten „Vorteile(n) für die Bestandsbildung“ siehe Silvia Herb und Dirk Pieper in: PDA im Praxistest – Nutzergestreute E-Book-Erwerbung an der UB Bielefeld in: b.i.t.online 15 (5) (2012) S. 476–480, hier S. 480. Die PDA, die nicht zu Unrecht in vielen Häusern mit Skepsis gesehen wird, mag zwar dazu beitragen, „die Bestandsentwicklung wissenschaftlicher Bibliotheken so eng wie möglich am tatsächlichen Benutzerbedarf entlang zu führen“ (S. 480), entspricht aber, in ihrer überwiegenden Orientierung am Tagesbedarf, nicht der langfristigen bibliothekarischen Verantwortung für die Bestandsbildung. 

  • 6

    Alker (Anm. 3) S. 372 hingegen sieht in diesem Kapitel den „entscheidende(n) Clou dieses Handbuchs“, da „die ganze Bibliotheksarbeit in einen Abschnitt“ zusammenfalle, und „eine Schlagseite“ vermeide, „wie sie viele Publikationen und Standortbestimmungen der letzten Jahre nicht vermieden haben“, so dass ein „neutrale(r), umfassende(r) Blick“ entstünde. 

  • 7

    So zu Recht schon Lübbers (Anm. 3) S. 229. 

  • 8

    Diesen Aspekt betont ja Eric W. Steinhauer, der vorzügliche Kenner des deutschen Bibliotheksrechts, selbst im Detail in seinem wichtigen Beitrag: Das Urheberrecht als Benutzungsrecht der digitalisierten Bibliothek. In: Die Digitale Bibliothek. Kodex. Jahrbuch. Buchwissenschaftliche Gesellschaft, 1 (2011). Hrsg. von Christine Haug und Vincent Kaufmann, S. 103–113. 

  • 9

    Ganz im Gegensatz dazu hat das anders angelegte, in vielen Zügen noch heute wegweisende, wenn auch in der Informationstechnologie und Infrastruktur der Bibliotheken mittlerweile in Teilen überholte Handbuch: Die moderne Bibliothek. Ein Kompendium der Bibliothekverwaltung. Hrsg. von Rudolf Frankenberger und Klaus Haller. München 2004, diese Bereiche in den Kapiteln 5, 6 und 7 (Bibliotheksleitung, Personalführung und Personalbeurteilung, S. 117–157) vertieft besprochen. Im vorliegenden Band gibt es nicht einmal einen Indexeintrag für den gewiss mittlerweise in Teilen veralteten, jetzt eher Bibliotheksmanagement genannten Begriff. 

About the article

Published Online: 2015-11-27

Published in Print: 2015-12-01


Citation Information: Bibliothek Forschung und Praxis, Volume 39, Issue 3, Pages 410–420, ISSN (Online) 1865-7648, ISSN (Print) 0341-4183, DOI: https://doi.org/10.1515/bfp-2015-0036.

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© 2015 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston. This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 3.0 License. BY-NC-ND 3.0

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