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Bibliothek Forschung und Praxis

Ed. by Bonte, Achim / Degkwitz, Andreas / Horstmann, Wolfram / Kaegbein, Paul / Keller, Alice / Kellersohn, Antje / Lux, Claudia / Marwinski, Konrad / Mittler, Elmar / Rachinger, Johanna / Seadle, Michael / Vodosek, Peter / Vogt, Hannelore / Vonhof, Cornelia

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1865-7648
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Volume 40, Issue 1

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Neues Leben für ein altes Medium – Kamishibais in Bibliotheken vielfältig und fantasievoll nutzen und weiterentwickeln

Ein Erfahrungsbericht aus vier Jahren Kamishibai-Praxis in den Büchereien von Schleswig-Holstein

Susanne Brandt
Published Online: 2016-04-07 | DOI: https://doi.org/10.1515/bfp-2016-0008

Zusammenfassung

Kamishibai ist eine alte Form des japanischen visuellen Erzählens – und seit vier Jahren eine neue und sehr beliebte Methode der Medienvermittlung in den Öffentlichen Bibliotheken von Schleswig-Holstein, die durch ihren interaktiven, mobilen und faszinierenden Charakter vielfältig einsetzbar ist. Kamishibai bedeutet mehr als Unterhaltung für Kinder. Dieser Artikel zeigt nationale wie internationale Beispiele und Erfolge mit Kamishibai in Bibliotheken für Menschen aller Altersgruppen.

Abstract

Kamishibai is an ancient form of Japanese visual storytelling – and since 4 years a new and very popular method for public libraries of Schleswig-Holstein to use medial possibilities in an interactively, mobile and fascinating way. Kamishibai means more than entertainment for children. This article shows national and international examples and achievements with kamishibai in libraries for people of all age.

Schlüsselwörter: Kamishibai; Leseförderung; Medienvermittlung

Keywords: Kamishibai; promote reading; teaching of media

1 Einleitung

Seit vier Jahren hat ein exotisch anmutendes Wort im Dienstleistungs-Spektrum der Büchereizentrale Schleswig-Holstein wie in fast allen Büchereien des Landes zwischen den Meeren mehr und mehr an Vertrautheit gewonnen, das bis 2011 als Fremdwort kaum gebräuchlich war: Kamishibai. Die neue Entwicklung, die sich rund um dieses eigentlich alte Erzählmedium von Herbst 2011 bis heute nicht nur in Schleswig-Holstein, sondern auch in vielen anderen Bundesländern vollzogen hat, ist erstaunlich facettenreich. Anfangs war zu vermuten, dass Utensilien zur bildgestützten Geschichtenvermittlung in Form einer Art „Fernseher ohne Strom“ lediglich als praktisches „Nice-to-have“ in der einen oder anderen Bücherei Einzug halten würden. Umso überraschender war die große Resonanz. Mehr als 80 Büchereien in Schleswig-Holstein haben das Erzählen mit Kamishibai inzwischen mehr oder weniger intensiv in ihre Veranstaltungs- und Vermittlungsarbeit einbezogen – vom Lesestart für die Jüngsten bis hin zum biografischen Erzählen mit alten Menschen. Und die Entwicklung und Entdeckung neuer Einsatzmöglichkeiten scheint seither kein Ende zu finden. Ein lebendiger Austausch mit anderen Bibliotheken im In- und Ausland wie mit Verlagen und Menschen aus anderen Berufszweigen hat sehr dazu beigetragen, dass sich die Einsatzmöglichkeiten bis heute vielfältiger entwickelt haben als anfangs gedacht – und sicher noch nicht ausgeschöpft sind.

Das soll an dieser Stelle Anlass dazu geben, in einem kleinen Überblick einen Eindruck davon zu vermitteln, was mit Kamishibai als Medium in Bibliotheken alles möglich ist – nicht nur in Schleswig-Holstein, sondern bundesweit und international.

2 Von den Anfängen bis heute: Wie Kamishibai den Weg von Japan nach Deutschland gefunden hat

Von seiner Wortbedeutung her ist das Wort „Kamishibai“ etwa mit „Papiertheater“ (kami = Papier, shibai = Theater) zu übersetzen. Damit sind zwei wesentliche Eigenschaften benannt: Papier ist immer mit im Spiel, und zwar in Form von stabilen Bildkarten, mit denen die einzelnen Szenen eines Geschehens illustriert werden. Und der bühnenartige Kamishibai-Rahmen, in dem die Bilder in besonderer Weise zur Geltung kommen wie auch die engagierte Präsenz des Erzählers lassen eine Situation entstehen, die dem Figurentheater ähnelt. Das Wort „Papiertheater“ findet in unserem Sprachgebrauch jedoch eher Verwendung für Spielformen mit beweglichen Papierfiguren. Diese aber bilden bei der Arbeit mit Kamishibais nur eine von vielen möglichen Varianten.

In Deutschland ist daher eher das Wort „Erzähltheater“ in Verbindung mit Kamishibai geläufig. Denn charakteristisch für Kamishibai ist das Erzählen oder Vorlesen zu stehenden Bildern, die im Verlauf einer Geschichte wechseln, nach und nach in Ruhe wirken und so die Kraft der inneren Bilder stützen. Das Kamishibai bezeichnet also einen bühnenartigen Rahmen oder Kasten (meistens aus Holz oder Pappe), der diesen Bildern Halt verleiht und die Blicke der Zuschauenden auf das dargestellte Geschehen lenkt.

Von seinem Ursprung her steht das Kamishibai in der Tradition der visuellen Erzählkunst Japans. Vorläufer dieser Form des bildgestützten Erzählens lassen sich mindestens bis ins 12. Jahrhundert unserer Zeitrechnung zurückverfolgen. Eine besondere Blütezeit erlebte das Kamishibai in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als populäres „Straßenvergnügen“ in Japan: Damals gehörten Kamishibai-Rahmen aus Holz zur Ausstattung von „rollenden Süßigkeiten-Buden“. „Kamishibai-Männer“ fuhren mit ihren Fahrrädern über Land, riefen mit klappernden Holzklötzen die Kinder herbei, präsentierten mit Papierbildern im Kamishibai eine Geschichte und kurbelten so den Verkauf ihrer Süßigkeiten an.

In dieser „Straßenkino-Form“ der reisenden Händler verlor das Kamishibai mit der wachsenden Beliebtheit von Fernsehgeräten in den 1950er an Attraktivität – bis die Internationale Kinderbuchmesse in Bologna rund 25 Jahre später das Thema neu vor allem bei Vermittlern von Kinderliteratur ins Gespräch brachte. Als pädagogisches und literarisches Medium wurde es dadurch auch in Europa und anderen Teilen der Welt bekannt und entwickelte wiederum ganz neue Formen und Einsatzmöglichkeiten.

Während sich daraufhin der Einsatz des Kamishibais in Kindergärten, Schulen und Bibliotheken in einigen Ländern, wie z. B. den Niederlanden, bald als beliebte und breit eingesetzte Methode des Vorlesens und Erzählens etablierte, dauerte es noch weitere 30 Jahre, bis auch in Deutschland in einer breiteren Öffentlichkeit vom Einsatz des Kamishibais im Unterricht berichtet wurde. Es gab hierzulande bis 2010 nur ein vergleichsweise schmales Angebot an käuflichen Bildkartensätzen und Rahmen für diese Form des Erzählens, wenngleich selbstgemachte und kreative Möglichkeiten hier und da bereits neugierig machten auf das, was sich mit einfachen Mitteln für die Sprach- und Leseförderung alles anfangen ließ.

3 Kamishibai als landesweite Leseförder-Initiative der Büchereizentrale Schleswig-Holstein seit 2011

Auch für die Büchereizentrale Schleswig-Holstein hatte der Impuls, das Kamishibai in Form einer landesweiten Initiative als Erzähl- und Vorlesemedium in den Büchereien zu befördern, seinen Ursprung in den Niederlanden.

Dabei galt es zunächst, auf der Basis der bewährten Dienstleistungsstruktur mit Lektorat, zentraler Leihverkehrs- und Ergänzungsbibliothek, regionalem Leihverkehr und begleitendem Fortbildungsangebot geeignete Lösungen für die drei zentralen Fragen zu finden, die sich jeder stellt, der anfangen möchte, mit dem Medium zu arbeiten:

  • Wo bekomme ich den passenden Rahmen her?

  • Wo bekomme ich geeignete Bildkartensätze her?

  • Wie und für wen setze ich das Kamishibai ein?

So kümmerte sich die Büchereizentrale Schleswig-Holstein in der Startphase zunächst um die serienmäßige Anfertigung der hölzernen Bühnen in einer ortsansässigen Tischlerei und sorgte dafür, dass die Büchereien jederzeit aus zahlreichen Bildkartensätzen wählen können, die über die Leihverkehrs- und Ergänzungsbibliothek an die Büchereien verliehen bzw. seit einiger Zeit aus dem wachsenden Sortiment käuflicher Titel auch für den Bestandsaufbau vor Ort rezensiert und empfohlen werden.

Da das Angebot an frei käuflichen Bildergeschichten anfangs noch sehr schmal war, wurden mit zahlreichen Verlagen Lizenzvereinbarungen dafür getroffen, dass die Büchereizentrale zum kostenlosen Verleihen und Vorführen im nicht-kommerziellen Rahmen der bibliothekarischen Leseförderung einzelne Bildkartensätze zu ausgewählten Bilderbüchern in der eigenen Druckerei selbst herstellen darf. Wiederholte Fortbildungen zum kreativen Einsatz von Kamishibais, bei denen die Methode mit Blick auf verschiedene Zielgruppen vorgestellt und erprobt wird, tragen zur Professionalisierung des Angebots bei, beleben den Erfahrungsaustausch und sorgen für eine permanente Weiterentwicklung der praktischen Einsatzmöglichkeiten. Berichte in der Fachpresse und auf Kongressen über die positiven Erfahrungen mit der landesweiten Initiative zum Einsatz von Kamishibais in der Leseförderung haben schnell dazu geführt, dass auch andere Bundesländer den Austausch dazu suchten und das Thema weit über die Landesgrenzen hinaus in Büchereien, Kindergärten und Schulen an Bedeutung gewann.

Inzwischen umfasst der zentral ausleihbare Bestand an Bildkartensätzen in der Leihverkehrs- und Ergänzungsbibliothek von Schleswig-Holstein fast 200 Titel, für die bislang mehr als 2 000 Ausleihen aus den Büchereien in Schleswig-Holstein zu verzeichnen sind. Etwa die Hälfte des Angebotes besteht aus selbst hergestellten Bildkartensätzen zu besonders beliebten Bilderbüchern mit Genehmigung des jeweiligen Verlags. Die andere Hälfte konnte nach und nach aus inzwischen käuflichen Bildkartensätzen ergänzt werden. In den ersten Jahren wurden dazu vor allem Materialien aus dem Ausland (vor allem aus den Niederlanden und Spanien) genutzt und mit deutschen Übersetzungen kombiniert. Seit einiger Zeit aber gelingt es immer leichter, den Bestand mit in Deutschland käuflichen Materialien weiter auszubauen. Denn etwa zeitgleich mit dem Beginn des Kamishibai-Angebots in Schleswig-Holstein hatte auch der Don Bosco Verlag in München damit begonnen, ein überschaubares Titelangebot an käuflichen Bildkartensätzen zu entwickeln – zunächst nur mit Märchen und biblischen Geschichten. Auch hier übertraf die Resonanz alle Erwartungen, so dass die Auswahl an frei im Buchhandel erhältlichen Bildkartensätzen zu Geschichten in den vergangenen vier Jahren schnell von anfangs etwa 20 auf aktuell über 100 Titel anwachsen konnte, bundesweit immer größere Kreise zieht und durch eine ständige Ausweitung im Blick auf verschiedene Zielgruppen, Themen und Textarten weiterhin an Vielfalt gewinnt. Allein in 2015 wurden vom Don-Bosco-Sortiment rund 86 000 Bildkartensätze verkauft, was auch nach vier Jahren noch auf eine stetig wachsende Beliebtheit des Mediums schließen lässt. Daneben tragen andere Verlage mit deutschsprachigen Material-Angeboten für das Erzähltheater (z. B. KreaShibai, Edition Bracklo) mit dazu bei, dass Büchereien inzwischen überall vor Ort einen recht breiten und bedarfsorientiert bestückten Grundbestand an käuflichen Bildkartensätzen aufbauen und das Kamishibai somit immer unkomplizierter und spontaner in ihrer Praxis zum Einsatz bringen können.

In Zahlen ausgedrückt heißt das: In den Büchereien von Schleswig-Holstein sind inzwischen an über 80 Orten mehr als 650 Bildkartensätze im Einsatz und befördern so den Austausch und die Vielfalt an kreativen Möglichkeiten mit diesem leicht handhabbaren Medium. Was diese Vielfalt alles beinhalten kann, soll mit den folgenden Praxisbeispielen konkretisiert werden.

4 Merkmale und Variationen beim Vorlesen und Erzählen mit Kamishibai

Von seinem Ursprung bis heute bewährt sich das Kamishibai vor allem als ein mobil einsetzbares Medium für die kommunikative Vermittlung von Geschichten und Informationen durch bildgestütztes Erzählen. Wie bei jedem Medium – sei es nun Fernseher, Computer, Radio oder Buch – lassen sich Eigenschaften und Chancen nennen, die das Besondere des jeweiligen Mediums ausmachen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie Menschen dieses Medium für ihre Anliegen nutzen. Und nicht zuletzt sind Charakter, Qualität und Botschaft der vermittelten Inhalte, hier also der Geschichten und Bilder, von entscheidender Bedeutung.

Kennzeichnend sind vor allem vier charakteristische Eigenschaften und Chancen des Kamishibais, die weltweit den besonderen Reiz dieses Mediums, seine Nutzung und Verbreitung mit beeinflussen:

1. Kamishibai fördert das Miteinander und öffnet sich für verschiedene Talente

Die szenische Erzählweise mit Kamishibai bietet besondere Chancen für kreative und ästhetische Gruppenerlebnisse – beim Zuschauen ebenso wie beim Gestalten und Vorführen. Von der Bildgestaltung bis hin zum Erzählen, gemeinsamen Singen und Spielen lassen sich viele verschiedene Talente für die Vorbereitung und Darstellung einer Geschichte mit Kamishibai einbringen. Respekt, Anerkennung und Einfühlungsvermögen für unterschiedliche Ideen und Ausdrucksformen, Freude am gemeinsamen Ergebnis und am ästhetischen Erlebnis bringen viele soziale Aspekte mit ins Spiel.

2. Bilder und persönliche Zuwendung werden als Hilfe und Inspiration für Sprache und Fantasie erfahrbar

Das Nebeneinander von Bildmedien und persönlicher Ansprache mit Blickkontakt bewirkt einen doppelten Effekt: Im Mittelpunkt steht nicht ein „lebloses Medium“, sondern die Vermitt

Kamishibai international, BU: Zweisprachiges Vorlesen mit Kamishibai, Foto: ©Büchereizentrale Schleswig-Holstein / Foto: Susanne Brandt
Abb. 1:

Kamishibai international, BU: Zweisprachiges Vorlesen mit Kamishibai, Foto: ©Büchereizentrale Schleswig-Holstein / Foto: Susanne Brandt

lung geschieht dialogisch mit sensibler Aufmerksamkeit für die Zuschauenden und Zuhörenden. Gleichzeitig werden aber Erzählhemmungen, Schüchternheit und mögliche Ängste beim freien Sprechen dadurch gemildert, dass sich der Erzählende mit dem Bilderrahmen an der Seite nicht so „ungeschützt“ vor dem Publikum im Mittelpunkt erlebt. Die Bilder erweisen sich hier als verlässliche Begleiter, hinter denen sich niemand verstecken muss, neben denen sich aber jeder gestützt fühlen darf.

3. Körper-, Bild- und Sprachausdruck kommen miteinander in ein lebendiges Wechselspiel

Körperausdruck, bildkünstlerischer Ausdruck und Sprachausdruck sind beim Erzählen mit Kamishibai untrennbar miteinander verbunden. Dabei kann jeder eigene Akzente setzen, um für sich und die jeweilige Situation eine gute Balance zu finden. Wichtig in diesem Ensemble, wenn auch nicht dominant im Vordergrund, ist der Erzählende als Person mit individueller Stimme, Mimik, Gestik und Ausstrahlung ebenso wie die Botschaft und Sprachqualität des Textes oder die Ausdruckskraft der Bilder. Auch die Reaktionen der Zuhörenden gehören zum Gestaltungsprozess des Geschehens und nehmen Einfluss auf Tempo und Rhythmus des Erzählens.

Anfangs erfordert es vielleicht ein bisschen Übung, um den Bilderwechsel mit dem Kamishibai so zu gestalten, dass aus dem natürlichen Miteinander von Bewegung, Sprache, Bild und Dialog ein stimmiger Gesamteindruck entsteht, der den Betrachtenden vor allem Zeit lässt zum Schauen und Entdecken. Gleichzeitig wächst dabei die Vertrautheit mit Text und Bildern. Denn das ist wichtig: Nur wer sich in einer Geschichte selbst „zu Hause“ fühlt, wird das auch durch eine entspannte Präsenz zum Ausdruck bringen und leichter in einen stimmigen Sprach- und Bildrhythmus kommen.

4. Das Kamishibai ist immer und überall sofort einsatzbereit

Mobilität war schon immer ein besonderes Merkmal des Kamishibais: Von den buddhistischen Wandermönchen über die fahrradfahrenden Händler bis hin zu heutigen Erzählern, die mit dem Kamishibai unterm Arm in den Wald ziehen, Platz finden in kleinen Cafés, gemütlichen Lesezimmern oder alten Dorfkirchen – immer und überall erweist sich das Kamishibai als handlich, braucht weder Strom noch motorisierte Transportmittel, kann leicht den Weg zu den Menschen finden und mit vielen Mitteln und Methoden flexibel kombiniert werden – was heute besonders auch für die Verbindung mit digitalen Medien gilt!

5 Einfache Handhabung mit vielfältigen Möglichkeiten – 10 Einsatzbereiche

All diese Eigenschaften sind mit dafür verantwortlich, dass die Entwicklungsmöglichkeiten in der kreativen Arbeit mit dem Medium und im Einsatz bei verschiedenen Zielgruppen nahezu unerschöpflich scheinen und in den vergangenen vier Jahren in Schleswig-Holstein und anderswo eine erstaunliche Entfaltung bewirkt haben, die abschließend an Beispielen aus dem gesamten Bundesgebiet gezeigt werden sollen.

5.1 Kamishibai für „Lesestart“, Krippe und Kita

Das Betrachten, Erkennen und Benennen von Bildmotiven gehört zu den allerersten medialen Erfahrungen bei Kindern. Das Kamishibai bietet sich dafür mit seinen großformatigen textlosen Bildkarten, mit dem klaren Rahmen als Konzentrationshilfe wie durch die große Ruhe, mit der sich der Bilderwechsel vollziehen kann, als besonders geeignetes Medium an. Vielerorts werden Kamishibai-Geschichten daher bereits bei den Jüngsten unter 3 eingesetzt und gehören an vielen Orten regelmäßig zum „Lesestart“-Programm der Büchereien.1

5.2 Kamishibai in Fahrbüchereien

In Fahrbüchereien entfaltet sich Medienvielfalt auf engstem Raum. Das setzt Grenzen bei der Durchführung von Veranstaltungen. Da das Erzählen mit Kamishibai im Vergleich zu Bildpräsentationen mit Leinwand und Beamer mit sehr wenig Platz auskommt, hat es sich vor allem in ländlichen Regionen als idealer „Hingucker“ für kleine Veranstaltungen im Bus bewährt: z. B. als attraktives Angebot für Kindergartenkinder oder als gemütlicher Ort für „Gute-Nacht-Geschichten“ in touristischen Gebieten.2

5.3 Kamishibai im Freien

Da für das Vorlesen und Erzählen mit Kamishibai keinerlei Technik wie Stromanschluss, Zusatzgeräte u.ä. benötigt werden, ist der Einsatz auch im Freien problemlos möglich: bei Sommerleseevents im Park, bei Straßenkulturfesten in der Stadt, bei naturpädagogischen Angeboten in Kooperation mit der Bücherei oder einfach bei einer „besonderen Märchenstunde“ im Wald. An manchen Orten wird dabei auch an die alte Tradition der „Erzählfahrräder“ angeknüpft und der Gepäckträger wird zum mobilen Mini-Theater.3

5.4 Kamishibai zu Sachthemen

Es gibt viele interessante Beispiele, an denen deutlich wird, dass das Kamishibai nicht nur ein Erzählmedium für Märchen und Geschichten ist, sondern auch gut für die Visualisierung von Sachthemen eingesetzt werden kann – vor allem dann, wenn die Kinder die Bilddarstellungen dafür selbst erarbeiten und sich auf diese Weise intensiv mit dem Thema befassen, wie es z. B. an einzelnen Orten zu den Themen „Lerngärten“4 oder „Feuerwehr“ geschieht. Gleichzeitig ergeben sich dabei oft neue Kooperationen vor Ort: So kann z. B. die Freiwillige Feuerwehr mit einer Kamishibai-Präsentation zum Brandschutz5 in der Bücherei zu Gast sein und die Büchereikinder nutzen naturpädagogische Angebote im Freien, um ihre Eindrücke anschließend auf Bildkarten zu gestalten.

5.5 Kamishibai und Musik

Wie bereits beschrieben, erlaubt die einfache und flexible Handhabung des Erzähltheaters vielfältige Kombinationen mit anderen Mitteln und Methoden für das dialogische Geschehen, das sich zu den Bildern entwickelt. Dazu gehört ganz besonders die Musik: Lieder und rhythmische Spiele mit Körperinstrumenten lassen sich leicht mit den Bildern verbinden. Schauen und Hören können die Wahrnehmung sensibilisieren. Der Don Bosco Verlag bietet bereits eine spezielle Reihe für „Unser musikalisches Erzähltheater“6 an und stellt damit auch Büchereien leicht umsetzbare Möglichkeiten speziell für diese Kombination zur Verfügung. Aber auch viele andere kreative Ideen für die Verbindung von Klang, Gesang7 und Bildern sind vorstellbar.

5.6 Kamishibai und digitale Medien

Viele Varianten sind möglich, um das Entwickeln und Erzählen von Bildergeschichten um Möglichkeiten des Einsatzes von digitalen Medien zu erweitern. So wird z. B. eine Bildergeschichte8 zunächst für das Kamishibai gemalt und damit präsentiert, um dann in einem zweiten Schritt eine Fotostory mit Tablet davon anzufertigen und diese mit Musik zu unterlegen. Schlüsselkompetenzen für die Planung von Dramaturgie und Filmszenen können mit dem Kamishibai schon im Kindergarten geübt und dann für die Umsetzung mit digitalen Mitteln weiter ausgebaut werden.

5.7 Kamishibai in der Schule und Berufsausbildung

Kamishibai ist als Medium an kein Alter gebunden. Viele der hier vorgestellten Einsatzbereiche lassen sich mit Inhalten und Lernzielen aller Klassenstufen in der Schule verbinden. Vor allem im Bereich der Gestaltung von Bildern und in der Präsentation von Themen ergeben sich für das Kamishibai in der Zusammenarbeit mit Bibliothek und Schule unbegrenzte Möglichkeiten.9

5.8 Kamishibai international

Als bildgestütztes Vorlese- und Erzählmedium mit weltweiter Tradition gewinnt Kamishibai zunehmend für die Kommunikation und kulturelle Teilhabe von Menschen mit anderen Herkunftssprachen an Bedeutung. Mehrsprachige Vorlesestunden mit Bildkarten für Kinder und Familien, textlose Bilderserien, die allein durch die Bilder sprechen oder zum Sprechen anregen können („silent books“) und Volksmärchen wie Illustrationsstile aus verschiedenen Kulturen kommen hier zum Einsatz. In Schleswig-Holstein konnte mit Fördermitteln ein mehrsprachiger Bildkarten-Grundbestand als „kleines Welttheater“10 aufgebaut werden. Außerdem spielt Kamishibai eine Rolle im Fachaustausch mit Kollegen aus anderen Ländern, so z. B. bei internationalen Kongressen oder Austauschprojekten.

5.9 Kamishibai und Senioren

Durch die besondere Eigenschaft des Kamishibais, Bilder mit großer Ruhe zu betrachten, jedem Motiv die Zeit zu lassen, die für das Anschauen gebraucht wird und neben Geschichten auch mit individuell zusammengestellten historischen Fotos zu arbeiten, kommt das Kamishibai zunehmend auch in Senioreneinrichtungen, z. B. für die Biografiearbeit mit Menschen mit Demenz11, zum Einsatz. Vertraute Märchen und Bilder, die eine Anknüpfung an Kindheits- und Jugenderinnerungen ermöglichen, sind hier besonders beliebt, lösen oft angenehme Gefühle aus und bieten Gesprächsanlässe für Jung und Alt. Inzwischen sind speziell dafür Fotoserien als Bildkarten für das Kamishibai erhältlich. An einigen Orten gibt es aber auch Initiativen in Zusammenarbeit mit der Bücherei, bei denen Bilderserien mit Regionalbezug aus alten Archivmaterialien für die Seniorenarbeit vor Ort erstellt werden.

5.10 Kamishibai in der Begegnung mit Künsten und Künstlern

Neben vielen kreativen Einsatzmöglichkeiten in der alltäglichen Praxis von Bibliotheken mit verschiedenen Zielgruppen und Kooperationspartnern findet das Kamishibai auch als künstlerisches Ausdrucksmittel bei Kulturveranstaltungen mit professionellen Sprechern, Autoren oder Darstellern aus dem Illustrations-, Theater- und Kleinkunstbereich besondere Aufmerksamkeit, so etwa bei Veranstaltungen mit der Illustratorin Kathrin Schärer12 oder mit der „Kleinsten Bühne der Welt“13 von Jörg Baesecke. Als Gastgeberin ist dafür keine Bücherei zu klein!

Literatur

  • Gruschka, Helga; Brandt, Susanne: Mein Kamishibai. Das Praxisbuch. München 2013.Google Scholar

  • Keller-Loibl, Kerstin; Brandt, Susanne: Leseförderung in Öffentlichen Bibliotheken. Berlin 2015.Google Scholar

  • Köhn, Stephan: Tradition und visuelle Narrativität in Japan. Von den Anfängen des Erzählens mit Text und Bild. Würzburg 2003.Google Scholar

  • Las Casas, Dianne de: Kamishibai Story Theater. The Art of Picture Telling. Westport 2006.Google Scholar

  • Mitschan, Josef: Das Papiertheater Kamishibai im Einsatz für lesefördernde Kinderanimationen. Projektarbeit. Büchereien. Wien 2008.Google Scholar

  • Schüler, Holm: Sprachkompetenz durch Kamishibai Erzähltheater. Dortmund 2015.Google Scholar

About the article

Published Online: 2016-04-07

Published in Print: 2016-04-01


Citation Information: Bibliothek Forschung und Praxis, Volume 40, Issue 1, Pages 64–69, ISSN (Online) 1865-7648, ISSN (Print) 0341-4183, DOI: https://doi.org/10.1515/bfp-2016-0008.

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