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Bibliothek Forschung und Praxis

Ed. by Bonte, Achim / Degkwitz, Andreas / Horstmann, Wolfram / Kaegbein, Paul / Keller, Alice / Kellersohn, Antje / Lux, Claudia / Marwinski, Konrad / Mittler, Elmar / Rachinger, Johanna / Seadle, Michael / Vodosek, Peter / Vogt, Hannelore / Vonhof, Cornelia

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1865-7648
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Volume 40, Issue 1

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„Leuchtfeuer“ in der Bibliothek – Beacons-Technologie zur Indoor-Navigation in der Bayerischen Staatsbibliothek

Dr. Klaus Ceynowa
Published Online: 2016-04-07 | DOI: https://doi.org/10.1515/bfp-2016-0009

Zusammenfassung

Der Einsatz von Beacons-Technologie stellt in Gebäude-Innenräumen, in denen die Ortung über GPS versagt, eine innovative Form der Indoor-Navigation von Nutzern und Besuchern dar. Die Bayerische Staatsbibliothek hat ein groß angelegtes Projekt mit Beacons-Technologie durchgeführt, das differenzierte lokale Nutzungsszenarien berücksichtigt, die in einem sehr großen und sehr unübersichtlichen Gebäude stattfinden. Für das Beacons-Projekt wurden mehr als 70 digitale Points of Interest gestaltet, die über die Beacons-basierte App „BSB-Navigator“ aktiviert und als Zielpunkt einer präzisen Nutzernavigation anwählbar sind. Das Beacons-Projekt ist im deutschen Bibliothekswesen einzigartig und versteht sich als innovativer Beitrag zur Verschränkung digitaler und realer Bibliotheksräume.

Abstract

The application of beacon technology in the interior rooms of buildings in which GPS positioning fails constitutes an innovative form of indoor navigation of both users and visitors. The Bavarian State Library carried out a large-scale beacon technology project, which takes into account differentiated local use scenarios in a very large and quite complex building. For the beacon project more than 70 digital points of interest were created, which can be activated via the beacon-based app “BSB Navigator” and which can be selected as target points of a precise user navigation. The beacon project is unique in German libraries and regards itself as an innovative contribution to the interlinking of digital and real library space.

Schlüsselwörter: Beacons; Indoor-Navigation; Nutzererfahrung; mobile Bibliotheksdienste; Bibliothek als Ort

Keywords: Beacons; indoor-navigation: user experience; mobile library services; library as a place

„Der leichte Weg ist auch der richtige Weg.“Bruce Lee

1 Nutzererfahrung und Indoor-Navigation

Außerhalb von Gebäuden sind digitale Karten, Routenplaner und Wegführungen komfortabel mit einem „touch of a button“ verfügbar. Ihre Nutzung als Navigationsinstrumente ist heute so selbstverständlich, dass wir die veränderte Situation beim Betreten eines Gebäudes zwangsläufig als massiven und störenden Bruch unserer Nutzererfahrung bewerten. Innerhalb von Gebäuden funktioniert die vertraute Ortung mittels GPS nicht, man ist zwangsläufig auf klassisches Kartenmaterial oder auf mehr oder weniger nützliche Wegweiser zurückgeworfen. Das wird nicht selten der Institution, in der man sich aufhält, als eine Art Diss-Service ausgelegt, als Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen Bedürfnis nach rascher Orientierung und zügiger Zielführung.

Dies gilt umso mehr, je differenzierter das Leistungsspektrum der Einrichtung, je heterogener ihre Zielgruppen und je unübersichtlicher das Gebäude selbst ist. Die Bayerische Staatsbibliothek darf sich hier sicherlich in besonderem Maße angesprochen fühlen. Der in den Jahren 1832 bis 1843 im Auftrag König Ludwigs I. von Friedrich von Gärtner nach dem Vorbild italienischer Renaissance-Palazzi errichtete, heute unter Denkmalschutz stehende Vierflügelbau an der Münchener Ludwigstraße hat eine Länge von 152 Metern, eine Tiefe von 78 Metern und eine Höhe von 24 Metern. Die ursprüngliche bauliche Gestaltung des Innenraumes verband repräsentative Ziele (man denke nur an das monumentale Prachttreppenhaus) mit bibliotheksfachlichen Aspekten und stellt bis heute nicht geringe Ansprüche an das Orientierungsvermögen der Besucher. Zudem hat die Bayerische Staatsbibliothek mit sehr heterogenen Nutzergruppen umzugehen (Wissenschaftler, Studierende, Schüler, Allgemeine Öffentlichkeit, Touristen), denen ein ausdifferenziertes Spektrum lokaler Dienste angeboten wird (von der „Leihstelle“ bis zum Aventinus-Forschungslesesaal).

Orientierungshilfen wie Flyer, analoge und digitale Wegweiser, Tutorials, Video-Guides, QR-Codes und auch die vertraute Beratung an den Infotheken sind zwar unentbehrlich, lassen aber – wie die alltägliche Erfahrung im Gebäude herumirrender Nutzer zeigt – doch buchstäblich „viele Fragen offen“. Hinzu tritt die angesprochene frustrierende Erfahrung, dass das heißgeliebte Smartphone beim Betreten des Gebäudes seinen Dienst als nützlicher Orientierungshelfer komplett einstellt. Hier eröffnet der 2013 von Apple eingeführte Standard „iBeacon“ für die Navigation in geschlossenen Räumen, der auf Bluetooth Low Energy (BLE) basiert, neue Lösungswege, die die Bayerische Staatsbibliothek in Zusammenarbeit mit einem Studierendenprojekt des Lehrstuhls für angewandte Softwaretechnik der Technischen Universität München erprobt und zum März 2016 mit der iOS-App „BSB-Navigator“ in den Echtbetrieb überführt hat.

2 Beacons in der Bayerischen Staatsbibliothek

Beacons (dt.: Leuchtfeuer) sind nach dem iBeacon-Standard funktionierende Signalgeber mit einem Durchmesser von circa 2 bis 3 Zentimetern, die in Innenräumen platziert – konkret: in zwei bis drei Meter Höhe an die Wand geklebt – werden und die in regelmäßigen Intervallen Signale senden.1 Damit die Batterie dieser kleinen Devices nicht nach kurzer Zeit erschöpft ist, arbeitet ein Beacon auf der Grundlage der Bluetooth-Low-Energy-Funktechnologie, so dass die Batterie bis zu zwei Jahre durchhält. Die Strahlungsintensität eines Beacons beträgt circa nur 1/1000 der Strahlungsintensität eines Smartphones. Da im Zuge des Projekts rund 250 Beacons im ganzen Gebäude der Bayerischen Staatsbibliothek installiert wurden, emitieren diese insgesamt nur ein Viertel der Strahlungsintensität eines einzigen Smartphones. Beacons gibt es bei zahlreichen Anbietern, im Projekt werden die „Smart Beacons“ der Firma kontakt.io eingesetzt.

Vermittels des ausgesendeten Bluetooth-Signals überträgt das Beacon Daten, und zwar exakt drei Werte, die durch den iBeacon-Standard definiert sind. Zunächst die sogenannte UUID (Universally Unique Identifier), eine Zei

Ein Beacon im Größenvergleich
Abb. 1:

Ein Beacon im Größenvergleich

chenfolge, die als generelles Zuordnungsmerkmal fungiert; so haben alle in der Bayerischen Staatsbibliothek platzierten Beacons die gleiche UUID (die damit quasi für alle Beacons aussagt: „Ich hänge in der Bayerischen Staatsbibliothek“). Sodann den Major Value, mit dem eine bestimmte Untergruppe von Beacons zu identifizieren ist, zum Beispiel alle Beacons, die im Aventinus-Forschungslesesaal installiert wurden. Und schließlich den Minor Value, mit dessen Hilfe einzelne Beacons eindeutig identifiziert werden können; so hat das Beacon vor den Schließfächern des Aventinus-Forschungslesesaales einen spezifischen Minor Value. Damit ist die Leistung eines Beacon aber auch schon vollständig beschrieben. Es versendet die beschriebenen Signale und sonst tut es rein gar nichts. Da es insbesondere keinerlei Signale empfangen kann, ist das bloße Anbringen derartiger Beacons in öffentlichen Gebäuden datenschutzrechtlich unbedenklich.

3 Beacons, Bluetooth und die App „BSB-Navigator“

Damit die Beacons Teil eines Dienstes werden, braucht es ein Smartphone, auf dem Bluetooth zum Empfang der vom Beacon ausgesandten Signale aktiviert sowie eine speziell programmierte App installiert ist, die die Inhouse-Navigation „entlang“ der empfangenen Signale ermöglicht. Im Falle des Projekts der Bayerischen Staatsbibliothek ist dies die iOS-App „BSB-Navigator“, die kostenfrei im App-Store von Apple erhältlich ist. Eine Android-Version der App befindet sich in Vorbereitung.

Beim erstmaligen Start des „BSB-Navigators“ muss der Nutzer die Zustimmung zum Zugriff der App auf seinen aktuellen Standort erteilen. Funktional ist dies jedoch ausschließlich zur Nutzung des Gyroskops des Smartphones erforderlich, damit die App „weiß“, in welche Richtung der Nutzer blickt und so seine präzise Verortung leisten kann. Der „BSB-Navigator“ bietet folgende Features:

  • Eine interaktive Karte, die sämtliche für die Benutzer zugänglichen Gebäudeebenen und Geschosse umfasst; die einzelnen Ebenen sind vom Nutzer frei anwählbar, die Karte zeigt beim Aufrufen stets die aktuelle Position des Anwenders.

  • Eine Echtzeit-Indoor-Navigation, die den Nutzer von seiner aktuellen Position zu einem ausgewählten Ziel innerhalb des Gebäudes führt.

  • Einen Discovery Mode, der den Nutzer buchstäblich im Vorbeigehen auf interessante Objekte, Orte und Sachverhalte, die im Zusammenhang mit der Bibliothek stehen, aufmerksam macht.

  • Eine „Tour“-Funktionalität, die den Nutzer auf einer zuvor ausgewählten Route entlang bestimmter Points of Interest durch die Bibliothek führt. Aktuell sind zwei Touren implementiert, der „Allgemeine Rundgang“ für Neunutzer und der „Touristische Rundgang“, ein Führer zu den touristischen Highlights der Bayerischen Staatsbibliothek.

Zur Entwicklung dieser Features wurde das Software Development Kit (SDK) der auf digitale Navigationslösungen spezialisierten Firma indoo.rs verwendet, das für die Komponenten Lokalisierung, Karten, Pfadkalkulation und Navigation der App verantwortlich ist. indoo.rs bietet durch die Kombination differenzierter Lokalisierungstechnologien (Triangulierung, Fingerprinting, Proximity etc.) eine präzise Positionsbestimmung und akkurate Nutzerführung.

Das Grundprinzip des Zusammenwirkens von Beacons und „BSB-Navigator“ ist denkbar einfach. Betritt der Nutzer die Bayerische Staatsbibliothek und öffnet die App, kann diese auf die über Bluetooth empfangenen Signale und Daten der Beacons zugreifen. Anhand der Signalstärke kalkuliert die App die ungefähre Entfernung des Smartphone zum jeweiligen Beacon und zeigt beim Unterschreiten einer definierten Entfernungsschwelle bestimmte Informationen an. Sendet ein Beacon beispielsweise die UUID „Standort: Bayerische Staatsbibliothek“, den Major Value „Galerie im Prachttreppenhaus“ und den Minor Value „Statue Ludwigs I.“, werden dem Nutzer beim Passieren der Statue Infos zum König auf das Smartphone gespielt. Das ist zugleich das Funktionsprinzip des Discovery Mode der App.

Für die Navigation zu ausgewählten Zielen im Gebäude sind weitere Funktionalitäten erforderlich. Zunächst muss die jeweils aktuelle Position des Nutzers möglichst exakt bestimmt und auf der interaktiven Gebäudekarte angezeigt werden. Dies geschieht mittels Triangulierung, also durch Berechnung des Nutzerstandpunktes als Schnittpunkt der durch die ausgesandten Signale dreier Beacons gebildeten Winkel. Bewegt sich der auf diese Weise hinsichtlich seines Standortes erfasste Nutzer dann durch das Gebäude, erfasst die App in Echtzeit die auf seinem Weg jeweils in der Nähe befindlichen Beacons anhand der von diesen gesendeten Signale. Die App kalkuliert daraufhin die neue Position des Nutzers und aktualisiert die Standortanzeige, die auf der interaktiven Karte in Form eines blauen Punktes dargestellt wird.

Wenn eine Navigation zu einem vom Nutzer ausgewählten Point of Interest gestartet wird, kalkuliert die App die Route zum Ziel und zeigt den Pfad vom aktuellen Standort zum Zielpunkt in Form einer blauen Linie an. Folgt der Nutzer dann dieser Route, wird sein jeweiliger Standort wie beschrieben in Echtzeit aktualisiert und entsprechend bewegt sich der blaue Punkt auf der blauen Linie. Der Nutzer weiß so jederzeit, wo er sich befindet und sieht direkt seinen „Fortschritt“ zum gewählten Ziel.

Neben der Triangulierung und der unmittelbaren Entfernungsmessung zwischen Smartphone und Beacon (Proximity) kommt im für den „BSB-Navigator“ eingesetzten SDK auch das sogenannte Fingerprinting zum Einsatz. Hierbei muss der App-Entwickler einmalig „Schritt für Schritt“ das gesamte Gebäude begehen, wobei das SDK die Position jedes einzelnen Beacons in Relation zur jeweiligen Positionierung des Smartphones erfasst und abspeichert. Die Ergebnisse dieser Punkt-für-Punkt-Positionierung ergeben in Kombination mit den anderen Verfahren eine sehr exakte Verortung des Nutzers und eine bruchlose Navigation im Gebäude.

4 Points of Interest und „Bring mich hin“-Navigation

Das User Interface, das die beschriebenen Funktionalitäten umsetzt und nach den Prinzipien des Flat Design gestaltet ist, unterteilt sich in Hauptbildschirm und Kartenbildschirm. Der Hauptbildschirm eröffnet den Zugriff auf sämtliche Dienste der App. Ein Navigationsbutton oben links auf dem Screen lokalisiert den Nutzer auf der interaktiven Karte an seinem jeweiligen Standort im Gebäude. Der Suchschlitz darunter bietet die Möglichkeit der direkten Suche nach Points of Interest (z. B. Infoschalter, Lesesäle, Gruppenarbeitsplätze), der Treffer wird direkt auf der Karte angezeigt.

Startscreen des „BSB-Navigators“
Abb. 2:

Startscreen des „BSB-Navigators“

Unterhalb des Suchschlitzes wird die interaktive Karte in Form eines etagenweise geschichteten, stilisierten Grundrisses präsentiert. Die einzelnen Stockwerke sind vom Nutzer anwählbar. Die Points of Interests der jeweiligen Etage werden durch Icons dargestellt, deren Antippen zu ergänzenden Informationen führt und – das ist entscheidend – einen „Bring mich hin“-Button anzeigt, dessen Anwahl dann unmittelbar die Navigation zu diesem Ort startet. Unterhalb der interaktiven Karte findet sich die Kategorienliste, die einen Überblick über die verfügbaren Ziele gibt und auf die subsumierten Standorte hin expandiert werden kann (z. B. die Kategorie „Veranstaltungsräume“ zu „Marmorsaal“, „Fürstensaal“ etc.). Das Antippen eines Standortes in der Kategorienliste führt erneut zu seiner Anzeige auf der interaktiven Karte und damit wieder zum „Bring mich hin“-Button. Die zu den Points of Interest verfügbaren Informationen zeigen im Regelfall auch ein Foto des Ortes, womit die Orientierung des Nutzers zusätzlich erleichtert wird, und weisen zudem auf die Barrierefreiheit des Standortes hin. Unterhalb der Kategorienliste findet sich noch die Auswahl der „geführten Touren“, hier stehen derzeit ein allgemeiner und ein touristischer Rundgang zur Wahl. Das Klicken auf einen der Tour-Button führt ebenfalls wieder auf die Kartenanzeige des aktuellen Standorts des Nutzers im Gebäude und startet von dort aus die angewählte Tour.

Kategorienliste der App
Abb. 3:

Kategorienliste der App

Ein POI auf der interaktiven Karte
Abb. 4:

Ein POI auf der interaktiven Karte

Die interaktive Karte stellt damit insgesamt die „zweite Ebene“ der App dar, zu der die auf dem Hauptbildschirm ausgelösten Aktionen hinführen. Eine Besonderheit ist der schon erwähnte an- und abschaltbare Discovery-Modus. Hier werden Informationen auf das Smartphone des Nutzers gepusht, sobald dieses sich in der Nähe bestimmter Beacons befindet. Es handelt sich hierbei um Kurzinfos zu interessanten Objekten und Orten im Gebäude, die bewusst nicht in die Kategorienliste der unmittelbar nutzungsrelevanten Standorte aufgenommen wurden und an denen der Nutzer im Arbeitsalltag oft achtlos vorübergeht (z. B. die Erd- und Himmelgloben vor der Handschriftenabteilung).

Ein POI mit Kurzinfos und „Bring mich hin“-Button
Abb. 5:

Ein POI mit Kurzinfos und „Bring mich hin“-Button

Die Navigationsfunktion der App wird immer über den „Bring mich hin“-Button der Infoboxen ausgelöst, die über die Point-of-Interest-Icons auf der interaktiven Karte anwählbar sind. Das Antippen des Buttons löst dann direkt die Kalkulation der Route vom aktuellen Standort zum Zielpunkt aus. Die kalkulierte Route wird, wie oben beschrieben, als blaue Linie angezeigt, die von der aktuellen Position des Nutzers zu dem von ihm ausgewählten Zielort führt. Der Nutzer wird dann von Beacon zu Beacon zu seinem Ziel „weitergereicht“. In den Fällen, wo sich Start- und Endpunkt der Navigation nicht im selben Gebäudestockwerk befinden, wird die blaue Linie am Übergang zwischen den Geschossen (in der Regel eine Treppe) unterbrochen und im nächsten Geschoss fortgeführt.

Navigation zum ausgewählten Zielpunkt
Abb. 6:

Navigation zum ausgewählten Zielpunkt

Neben der Auswahl und Beschreibung der mehr als 70 Points of Interests, der Generierung der interaktiven Karten aus vorliegenden, „analogen“ Grundrisszeichnungen und Gebäudekarten, dem Layout, Design und der Entwicklung der App bot das Beacon-Projekt auch einige recht handfeste Herausforderungen. Die 250 Beacons mussten zur Gewährleistung einer optimalen Sendeleistung durchgängig in drei Metern Höhe verklebt werden, was eine zweitägige „Leitertour“ durchs Haus erforderte. Hilfreich ist, dass der Lade- und Funktionszustand der Beacons über ein vom Hersteller mitgeliefertes Programm zentral gemonitort werden kann. Auch scheinbare Kleinigkeiten dürfen nicht übersehen werden. So gestattet die Hausordnung der Bibliothek die Nutzung von Smartphones „in einem lautlosen Betriebszustand (ohne Klingelgeräusche)“ und ist insofern mit der Nutzung des „BSB-Navigators“, der bewusst keine sprachgesteuerte Nutzerführung vorsieht, kompatibel. Die überall im Gebäude angebrachten Piktogramme zeigen jedoch schlicht ein durchgestrichenes Mobiltelefon, das sich schlecht mit der aktiven Bewerbung „unserer neuen mobilen Navigations-App“ verträgt. Folglich mussten diese Piktogramme – verteilt über das gesamte Gebäude immerhin knapp 100 – komplett durch passendere Icons ersetzt werden.

5 Beacons und Datenschutz

Weit gewichtiger als diese „Probleme“ ist natürlich die Frage des Datenschutzes. Beacons eignen sich hervorragend zum Tracking von Nutzerbewegungen und Nutzungsverhalten (z. B. in Reaktion auf durch Beaconsignale induzierte Werbung auf dem Smartphone) in Kaufhäusern, Restaurants etc. In ähnlicher Form könnte grundsätzlich auch der „BSB-Navigator“ zum Auslesen von Bewegungsinformationen aus dem Smartphone der App-Nutzer verwendet werden. Im Falle des BSB-Navigators ist dies jedoch dadurch ausgeschlossen, da die App so programmiert wurde, dass sie komplett offline arbeitet. Beim Download des „BSB-Navigators“ aus dem App-Store werden alle erforderlichen Daten und Informationen geladen: die anzeigbaren Inhalte, die interaktiven Karten, die aktionsauslösenden Algorithmen und die Beacon-IDs. Die Nutzung der App erfolgt dann vollständig offline, es werden im Anschluss an die Erstinstallation keine weiteren Daten oder Inhalte geladen oder übermittelt.

Sven Venzke-Caprarese, der in seinem Beitrag „Standortlokalisierung und personalisierte Nutzeransprache mittels Bluetooth Low Energy Beacons“ die datenschutzrechtliche Problematik des Beacons-Einsatzes ausführlich analysiert hat, kommt für eine Offline-App zu der eindeutigen Schlussfolgerung: „Im Ergebnis bleibt festzuhalten, dass eine personalisierte und standortbezogene Nutzeransprache durch eine Offline-App unter Verwendung von iBeacons datenschutzrechtlich ohne weiteres möglich ist.“2 Bibliotheken, die die Einführung einer Beacons-gestützten Indoor-Navigation, die komplett offline arbeitet, planen, dürfen sich also datenschutzrechtlich „auf der sicheren Seite“ wissen.

6 Realer und virtueller Bibliotheksraum

Der unmittelbare Mehrwert der Beacons-Technologie liegt auf der Hand: Sie erlaubt die „Fortsetzung“ der vertrauten netzbasierten Outdoor-Navigation im Inneren von geschlossenen Gebäudekörpern und gewährleistet damit für den Bereich der standortbezogenen Zielbestimmung und Zielführung eine bruchlose Nutzererfahrung. Darüber hinaus unterstützen Beacons die Verschränkung realer und virtueller Nutzungserlebnisse. Beim Gang durch das Bibliotheksgebäude werden mir zum Beispiel im Discovery Mode des „BSB-Navigators“ buchstäblich im Vorbeigehen interessante, merkwürdige und nützliche Orte und Objekte auf dem Smartphone angezeigt, die zu einer vertieften Beschäftigung einladen. Die Applikation kann so digitale Services aus den lokalen, ortsgebundenen Angeboten „herauswachsen“ lassen, etwa indem beim Betreten des „Ostlesesaals“ der Bibliothek ein erklärender Link auf den Webauftritt des Fachinformationsdienstes Osteuropa eingeblendet wird. Die oft beschworene „Einheit“ des Virtuellen und Realen, des Digitalen und Analogen wird so ganz konkret erfahrbar.

Allerdings ist, wie gezeigt wurde, der Einsatz von Beacons-basierten Applikationen kein für den Benutzer ganz niedrigschwelliger Service. Der Bibliotheksbesucher muss (1) die App auf seinem Smartphone installiert und geöffnet haben, (2) Bluetooth muss auf dem Smartphone aktiviert sein, (3) die Zustimmung zum Zugriff auf den Standort muss beim erstmaligen Starten der App erteilt werden. Hinzu kommt, dass die App als strikt auf die Inhouse-Nutzung in der Bayerischen Staatsbibliothek bezogener Dienst aktiv (neben Facebook, Twitter und Website) auch im Gebäude selbst beworben werden muss, und zwar durch genau die Medien, deren Nutzung sie zumindest partiell überflüssig machen soll: Flyer, Aufsteller im Foyer, Signposts etc.

Finanziell hält sich der Aufwand für die Entwicklung und Implementierung des Dienstes in einem überschaubaren Rahmen. Aufgrund der Kooperation mit dem iOS-Sommerpraktikum des Lehrstuhls für Angewandte Softwaretechnik der Technischen Universität München ist die Entwicklungsleistung der beteiligten Studierenden für die Bayerische Staatsbibliothek „kostenlos“. Das erforderliche Budget des Projekts beschränkt sich damit auf die Lizensierung des kommerziellen Indoor-Navigation-SDKs, die Beschaffung der Beacons selbst und den Auftrag zur Endprogrammierung der studentischen Arbeitsergebnisse bis zur „Marktreife“ durch eine Internetagentur; insgesamt bewegen sich die Kosten im niedrigen fünfstelligen Bereich.

Hinsichtlich der Nutzerakzeptanz stellt das Beacons-Projekt der Bayerischen Staatsbibliothek durchaus eine Risiko-Innovation dar, die jedoch schon mit Blick auf die gewonnenen bibliotheksfachlichen Einsichten lohnt. Hierzu zählen der im Zuge der Definition der über 70 Points of Interest eingeübte externe, gleichsam „fremde“ Blick auf die räumlichen Rahmenbedingungen (und Grenzen) der Bibliotheksangebote, die digitale Aufbereitung und Gestaltung der verfügbaren Kartenmaterialien zum Gebäude sowie die Erarbeitung optimierter Routen und Wegführungen zu den Inhouse-Diensten. Das alles kann in vielfältigen Kontexten nachgenutzt und in zukünftigen Weiterentwicklungen digital gestützter Indoor-Navigation verwendet werden.

Damit zeigt das Beacons-Projekt auch das „Wesen“ jedes Innovationshandelns. Innovationsprojekte treffen ja immer eine Aussage darüber, wo man in Zukunft stehen will, aber jetzt eben noch nicht ist. Der innovative Blick sieht das Gegenwärtige grundsätzlich als das zu Verändernde – Innovation lässt sich geradezu als Nichtakzeptanz des Status Quo definieren. Daher ist Innovationshandeln immer experimentell, es ist ein Sich-Hineinwagen in unerkundetes Land und damit per se riskant. Dieses Risiko muss institutionell erlaubt und sogar gewollt sein, es ist ein konstitutives Element jeder Innovation. Das Beacons-Projekt der Bayerischen Staatsbibliothek versteht sich damit auch als ein kleiner Beitrag zur Einübung dieser Haltung im bibliothekarischen Alltag.

Footnotes

  • 1

    Einen guten Überblick zu Technik und Einsatz von Beacons gibt: Florian Müller: iBeacons für Entscheider. Was Sie über iBeacons wissen müssen in fünf Minuten erklärt. Kindle-Edition 2014. 

  • 2

    Venzke-Caprarese, Sven: Standortlokalisierung und personalisierte Nutzeransprache mittels Bluetooth Low Energy Beacons. Datenschutzrechtliche Rahmenbedingungen einer möglicherweise bald alltäglichen Datenverarbeitung. In: DuD Datenschutz und Datensicherheit 12 (2014) S. 839–844. 

About the article

Published Online: 2016-04-07

Published in Print: 2016-04-01


Citation Information: Bibliothek Forschung und Praxis, Volume 40, Issue 1, Pages 26–32, ISSN (Online) 1865-7648, ISSN (Print) 0341-4183, DOI: https://doi.org/10.1515/bfp-2016-0009.

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