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Bibliothek Forschung und Praxis

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1865-7648
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Volume 40, Issue 2

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Wo bleibt eigentlich der einzelne Fachwissenschaftler?

Community Building als Aufgabe und Herausforderung für DH-Infrastrukturen

Dr. Anna Busch
  • Corresponding author
  • Universität Hamburg, Fakultät für Geisteswissenschaften, Fachbereich Sprache, Literatur, Medien I, Institut für Germanistik, Von-Melle-Park 6, D-20146 HamburgGermany
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/ Prof. Dr. Jan Christoph Meister
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Published Online: 2016-07-01 | DOI: https://doi.org/10.1515/bfp-2016-0028

Zusammenfassung

Digital-Humanities-Infrastrukturen tendieren dazu, ihr eigentliches Klientel – den einzelnen Fachwissenschaftler – aus den Augen zu verlieren. In diesem Beitrag sollen die Bestrebungen DARIAH-DEs aufgezeigt werden, solchen Entwicklungen entgegenzuwirken. Aufgabe und Ziel des eigens eingerichteten Stakeholdergremiums „Fachgesellschaften“ werden ebenso dargestellt wie die Verbindungen zwischen DHd und DARIAH-DE.

Abstract

Digital Humanities infrastructures tend to lose sight of their actual clientele: the individual scholar. This paper describes the efforts DARIAH-DE undertakes to counteract such developments. The specially established “Stakeholdergremium Fachgesellschaften” is described, detailing its tasks and objectives illustrated as well as the connections between DHd and DARIAH-DE.

Schlüsselwörter: Fachgesellschaften; Community Building; Stakeholdergremium

Keywords: Scientific societies; community building; board of stakeholders

1 Einleitung

Die Anwendung informationstechnologischer Verfahrensweisen oder entsprechender Werkzeuge steht im Rahmen des geistes- und kulturwissenschaftlichen Fächerspektrums grundsätzlich nicht länger infrage. Tatsächlich ist sie inzwischen als gewinnbringende Unterstützung auch des geisteswissenschaftlichen Arbeitens anerkannt worden. Einer Auslotung bedarf allerdings weiterhin die Frage nach dem Einfluss und den Auswirkungen rechnergestützter Verfahren auf geistes- und kulturwissenschaftliche Erkenntnisprozesse und – umgekehrt – nach den Möglichkeiten der Geisteswissenschaften auf informatische Prozesse zurückzuwirken: also nach der wechselseitigen Befruchtung von Informatik und Geisteswissenschaften. Fragen, denen sich die Humanities nicht verschließen können und auf die jede einzelne Fachdisziplin innerhalb der Geistes- und Kulturwissenschaften eine eigene Antwort finden muss. Denn: Die Bedarfe und Aktivitäten der einzelnen Fachdisziplinen innerhalb der Digital Humanities sind genauso divers wie die einzelnen Fachdisziplinen es sind.

2 Verortung der Fachdisziplinen innerhalb des Forschungsfeldes der Digital Humanities

Grundsätzlich stellt sich die Situation in den Geistes- und Kulturwissenschaften hinsichtlich der Herausforderungen, die Prozesse wie die Digitalisierung der jeweiligen Forschungsgegenstände, die Archivierung und Publikationspraktiken sowie Kommunikations- und Kollaborationsmethoden mit sich bringen, ähnlich dar. Allein computergestützte Methoden und Werkzeuge der Forschung im engeren Sinn divergieren von Fachdisziplin zu Fachdisziplin und je nach Fragestellung.

Mit dem DARIAH-DE Working Paper „Verfahren der Digital Humanities in den Geistes- und Kulturwissenschaften“1 liegt ein erster Versuch vor, einen Überblick über in einzelnen Disziplinen verwendete DH-Verfahren zu erstellen. Ergänzend liefert das „Begleitkonzept zur Vorbereitung eines Stakeholdergemiums Fachgesellschaften“2 eine Sammlung der unterschiedlichen strukturellen Bestrebungen der einzelnen Fachdisziplinen hinsichtlich ihrer digitalen Aufstellung und Ausrichtung. Auch das TextGrid-Dokument „Kooperation mit Fachgesellschaften“3 ist in diesem Zusammenhang heranzuziehen. Aus der Zusammenführung dieser Untersuchungen können Rückschlüsse auf den Ist-Zustand der Vernetzung der Fachdisziplinen im Bereich der Digital-Humanities-Aktivitäten gezogen werden. Allen Ansätzen ist der Versuch gemein, Fachgesellschaften – und damit vermeintlich den einzelnen Fachwissenschaftler – verstärkt in eine DH-Community einzubinden, das Bewusstsein für den Mehrwert digital gestützter Forschungsaktivitäten zu schärfen, den Bekanntheitsgrad von DH-Projekten und -Infrastrukturen zu steigern und den wechselseitigen Austausch auch über Fachgrenzen hinweg zu fördern.

3 Stakeholdergremium „Fachgesellschaften“ als Teil von DARIAH-DE

Die Bestrebungen von DARIAH-DE ein Stakeholdergremium „Fachgesellschaften“ zu konstituieren, das die Arbeit der einzelnen Fachverbände und des interdisziplinären Verbands der Digital Humanities im deutschsprachigen Raum (DHd) in die Aktivitäten DARIAH-DEs miteinbezieht und zwischen den einzelnen Akteuren vermittelt, entspringt der Erkenntnis, dass gerade an dieser Stelle entscheidende Hilfestellung notwendig ist. Zentrales Interesse des Stakeholdergremiums ist es, herauszufinden, welche geisteswissenschaftlichen Fachgesellschaften und Fachvertreter in welchem Maße auf dem Gebiet der Digital Humanities aktiv sind oder es werden könnten (siehe Abb. 1). Gemeinsam soll erforscht werden, wie das Feld der Digital Humanities beschaffen ist, sodass sich der einzelne Fachwissenschaftler ebenso wie die Fachgesellschaften und damit die Disziplinen darin verorten können.

Schema zur Vernetzung Fachgesellschaften/DARIAH-DE/DHd
Abb. 1:

Schema zur Vernetzung Fachgesellschaften/DARIAH-DE/DHd

Eine besondere Rolle nehmen hier die einzelnen fachgesellschaftlichen AGs ein, die gleichsam als Vermittlungsinstanzen fungieren können und sich bereits klar zu den digitalen Geisteswissenschaften bekennen: die AG Computeranwendungen und Quantitative Methoden in der Archäologie, die AG digitale Geschichtswissenschaft des Verbandes der Historikerinnen und Historiker Deutschlands, die AG digitale Museumswissenschaften, die AG Digitale Romanistik, die Kommission Digitalisierung im Alltag der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde, die AG Digitale Germanistik, die AG philosophischer Editionen, die AG germanistischer Editionen, die AG Digital Humanities des Fachbereichs Informatik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und der Arbeitskreis Digitale Kunstgeschichte. Jenseits individueller Fachgesellschaften hat sich im Jahre 2012 der interdisziplinäre Verband der Digital Humanities im deutschsprachigen Raum (DHd) konstituiert. Auch innerhalb dieses Verbandes haben sich AGs gegründet, die allerdings zumeist nicht fach- sondern themenspezifisch organisiert sind. Zu nennen ist in diesem Zusammenhang ebenfalls der interdisziplinärere Forschungsverbund Digital Humanities in Berlin. Auch hier wird ein Forum für die Stärkung der gemeinsamen DH-Interessen in Forschung, Lehre und nachhaltiger Datenbereitstellung quer über die etablierten Fach- und Organisationsgrenzen hinweg gebildet.

Zu fragen ist folglich, wie ein Austausch auf Augenhöhe zwischen Fachverbänden und AGs und einem Stakeholdergremium „Fachgesellschaften“ herbeizuführen ist und wie die unterschiedlichen Einrichtungen voneinander profitieren können ohne dabei den einzelnen Forscher und sein jeweiliges Anliegen aus den Augen zu verlieren (siehe Abb. 2).

Übersicht Verbände, Arbeitsgemeinschaften, Stakeholdergremium „Fachgesellschaften“
Abb. 2:

Übersicht Verbände, Arbeitsgemeinschaften, Stakeholdergremium „Fachgesellschaften“

Primäres Ziel des Aufbaus eines Stakeholdergremiums „Fachgesellschaften“ ist es, Vertreter aus den einzelnen Fachdisziplinen aktiv an den Entwicklungen innerhalb von DARIAH-DE teilhaben zu lassen. Dabei liegt besonderes Augenmerk auf den Fachdisziplinen, die bis dato weniger stark in DARIAH-DE vertreten sind. Dazu gehören insbesondere die Gebiete der Bildwissenschaften und der angewandten Medien- und Kulturwissenschaften.

Durch die Vernetzung mit konkreten Ansprechpartnern aus den Fachdisziplinen erhalten die einzelnen Cluster und Arbeitsgruppen innerhalb von DARIAH-DE die Möglichkeit, ihre Zwischenergebnisse auf Faktoren wie Stichhaltigkeit, Übertragbarkeit auf andere Disziplinen oder ihre Ideen auf Bedarfsgerechtigkeit zu prüfen. So kann die Arbeit von DARIAH-DE einerseits effektiver gestaltet werden. Auf der anderen Seite stärkt der direkte Kontakt zwischen DARIAH-DE und Fachwissenschaftlern die Anerkennung digitaler Methoden innerhalb der Geisteswissenschaften. Entsprechend ist es ein weiteres Ziel des Stakeholdergremiums „Fachgesellschaften“, die Digital Humanities zu stärken und gleichzeitig die Nutzung der Infrastruktur, die von DARIAH-DE bereitgestellt wird, zu erhöhen. Grundsätzlich soll eine Kartierung der Digital Humanities angestrebt werden, die den vertretenen Fachdisziplinen erlaubt, ihren Standort innerhalb des Feldes der DH zu bestimmen.

Drei Teilbereiche sind als Aufgabenfelder des Stakeholdergremiums „Fachgesellschaften“ identifiziert worden: die Vermittlung von Methodenkompetenz, die Rückspiegelung tatsächlich relevanter digitaler Methoden und Erhebungen zu fehlenden Tools und technischen Hilfsmitteln. Alle drei Bereiche setzten übergeordnet, strukturell an, um einen möglichst breiten Rücklauf verzeichnen zu können.

3.1 Methodenkompetenzvermittlung

Bezüglich der Methodenkompetenz bedeutet dies, dass direkt bei den Fachverbänden Kenntnisse verbessert und Vorbehalte gegenüber digitalen Methoden und Anwendungen abgebaut werden sollten. Außerdem kann DARIAH-DE auf diese Weise das Bewusstsein für bestimmte methodische Besonderheiten der DH stärken. Es ist zu hoffen, dass die Anerkennung von Forschungs- und Lehrleistungen im Bereich der Digital Humanities verbessert wird und so auch die Bewertung von Bewerbern für Stipendien, Preise oder Stellen insgesamt positiver ausfallen wird. Indem Möglichkeiten der Zusammenarbeit von DARIAH-DE mit den Fachverbänden innerhalb der von DARIAH angebotenen Infrastruktur eruiert werden, wird diese den Fachverbänden bereits automatisch näher gebracht. Es soll bewusst gemeinsam an Zielen und Inhalten gearbeitet werden, damit die Stakeholder von Beginn an beteiligt werden und so auch anderen Angeboten DARIAHs offener entgegensehen.

3.2 Exploration des Forschungsfeldes Digital Humanities im deutschsprachigen Raum

Der zweite Teilbereich im Aufgabenfeld eines Stakeholdergremiums „Fachgesellschaften“ besteht im Wesentlichen im gegenseitigen Austausch hinsichtlich der Anwendung von digitalen Methoden in den Geisteswissenschaften. Fachwissenschaftler sollen ebenso über Trendthemen der Digital Humanities, wie z. B. Big Data oder Geohumanities, informiert werden, wie sie zurückspiegeln können, inwiefern diese Themen für ihr Fachgebiet eine Rolle spielen und welche aktuellen Strömungen dort gerade einen hohen Stellenwert haben. So soll der Dialog und die Vernetzung auf thematischer Ebene gestärkt werden. In dieses Aufgabenfeld gehört auch die Verortung innerhalb der DH auf den Ebenen der Einzelwissenschaftler, der AGs und der Verbände. Auch hier wird wieder ein besonderer Schwerpunkt darauf gelegt, dass die Kommunikation wechselseitig bleibt und nicht in die Einbahnstraße führt, dass das Gremium bzw. Netzwerk nicht nur als reine Informations- und Marketingplattform oder für ein einseitiges Informationsinteresse genutzt wird.

3.3 Zusammentragung von Desiderata

Schließlich ist der direkte Austausch von Fachwissenschaftlern in einem Stakeholderrahmen dazu geeignet, unmittelbar auf Bedarfe der Community einzugehen. Gemeinschaftlich kann an der Verbesserung von Tools und Methoden gearbeitet, die von DARIAH entwickelten Werkzeuge, Verfahren und Lehrmaterialien können getestet und Verbesserungsvorschläge aus der wissenschaftlichen Community können aufgenommen werden. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass Entwicklungen der Community vorangetrieben werden, dass ein Ort für einen solchen Austausch bereitgestellt wird und dass DARIAH-DE weiterhin bedarfsgenau arbeitet. Außerdem wird die Verbreitung von Tools und Services durch die Beteiligung der Fachwissenschaftler und die Orientierung an tatsächlichen Forschungsabläufen gesteigert.

4 Ausblick

Das Stakeholdergremium „Fachgesellschaften“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, mithilfe von Umfragen, Workshops und Arbeitstagungen zu eruieren, in welchen Phasen des Forschungsprozesses bereits auf welche Weise digital gearbeitet wird und an welchen Stellen noch Bedarf an

  • a)

    Kompetenzvermittlung

  • b)

    Entwicklungen methodischer und

  • c)

    Entwicklungen technischer Art

besteht. Zentral ist hierbei die gegenseitige Bereicherung: DARIAH-DE erhält wichtige Informationen zum derzeitigen Stand des Forschungsfeldes und der Entwicklungsdesiderata, während die Fachwissenschaftler eine gegebene Infrastruktur dazu nutzen können, ihre Kompetenzfelder zu erweitern und interdisziplinär Kontakte zu knüpfen.

Nicht zuletzt durch die Entwicklung von universitären Curricula kommen immer wieder Fragen auf, die um das Verhältnis zwischen Informatik und Geisteswissenschaft in den DH, das Verhältnis von digitalen Geisteswissenschaften zu ihren Fachdisziplinen und die Möglichkeiten der Interdisziplinarität kreisen. An dieser Stelle müsste folgerichtig in einem nächsten Schritt ein Abgleich der Fachcurricula bereits auf Bachelorebene erfolgen, aus dem sich ersehen lässt, an welcher Stelle DH-Inhalte innerhalb der einzelnen Fachdisziplinen anzusiedeln sind.

Ziel muss es sein, den in den einzelnen Disziplinen erarbeiteten DH-Verfahren zu mehr Außenwirkung zu verhelfen und das Potential ihrer jeweiligen über eine bestimmte Fachdisziplin hinausgehenden Reichweite und Weiterverwendbarkeit auszuloten. Disziplinübergreifend ist es die Aufgabe einer Infrastruktur wie DARIAH-DE, einen solchen Austausch zu ermöglichen, ohne dabei den einzelnen Fachwissenschaftler, seine Bedürfnisse und Ziele aus den Augen zu verlieren. Dabei hat die Prämisse zu gelten: Die Bedarfe von Fachwissenschaftlern sollen als Motor für den weiteren Ausbau einer digitalen Infrastruktur dienen.

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Published Online: 2016-07-01

Published in Print: 2016-07-01


Citation Information: Bibliothek Forschung und Praxis, Volume 40, Issue 2, Pages 278–282, ISSN (Online) 1865-7648, ISSN (Print) 0341-4183, DOI: https://doi.org/10.1515/bfp-2016-0028.

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