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Bibliothek Forschung und Praxis

Ed. by Bonte, Achim / Degkwitz, Andreas / Horstmann, Wolfram / Kaegbein, Paul / Keller, Alice / Kellersohn, Antje / Lux, Claudia / Marwinski, Konrad / Mittler, Elmar / Rachinger, Johanna / Seadle, Michael / Vodosek, Peter / Vogt, Hannelore / Vonhof, Cornelia

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1865-7648
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Volume 40, Issue 2

Issues

Stadtbibliothek Köln – Bibliothek des Jahres 2015

Judith Petzold
Published Online: 2016-07-01 | DOI: https://doi.org/10.1515/bfp-2016-0035

Zusammenfassung

„Der Deutsche Bibliotheksverband (dbv) verleiht der Stadtbibliothek Köln den Preis ‚Bibliothek des Jahres 2015‘. [...] Mit der Stadtbibliothek Köln wird eine Bibliothek geehrt, die in den letzten Jahren mutig mit unkonventionellen Denkansätzen viele innovative Entwicklungen angestoßen hat. Die Stadtbibliothek Köln stellt den Menschen in den Fokus all ihrer Planungen und wandelt sich so zu einem unverzichtbaren Ort in der Stadtgesellschaft“.1 Die interdisziplinäre Vernetzung in den Bildungs- und Kulturbereich sowie mit der Technologie- und Kreativbranche, aber auch die Akquise von Drittmitteln und Sponsorengeldern durch interessante und innovative Projektanträge sind weitere Erfolgsfaktoren der Kölner Stadtbibliothek.

Abstract

“The Cologne Public Library receives the Library of the Year 2015 award by the Deutsche Bibliotheksverband (dbv), the German Library Association. The Cologne Public Library has courageously launched numerous unconventional and innovative programs and initiatives in the last few years. The Library focuses on people, the patrons and staff, in all of its planning and so transformed itself into an essential stakeholder in the community”.2 A success factor is the interdisciplinary networking with other educational and cultural institutions, as well as with the technology and creative industries. Another mark of success is the acquisition of sponsorships and other third-party funding to support intriguing and innovative project proposals.

Schlüsselwörter: Integration; Kulturprogramme; Makerspace; Vernetzung; Treffpunkt; Wissensvermittlung

Keywords: Integration; cultural programs; makerspace; networking; meeting point; knowledge transfer

„Der Deutsche Bibliotheksverband (dbv) verleiht der Stadtbibliothek Köln den Preis ‚Bibliothek des Jahres 2015‘. [...] Mit der Stadtbibliothek Köln wird eine Bibliothek geehrt, die in den letzten Jahren mutig mit unkonventionellen Denkansätzen viele innovative Entwicklungen angestoßen hat. Die Stadtbibliothek Köln stellt den Menschen in den Fokus all ihrer Planungen und wandelt sich so zu einem unverzichtbaren Ort in der Stadtgesellschaft. [...] Die Stadtbibliothek Köln wurde einstimmig ausgewählt aus einem exzellenten Bewerberfeld. Sie wurde für die Auszeichnung von der Sektion Großstadtbibliotheken im dbv (Sektion 1) sowie vom Landesverband Berlin im dbv vorgeschlagen.“3

Festakt Bibliothek des Jahres, ©Walter Schistel
Abb. 1:

Festakt Bibliothek des Jahres, ©Walter Schistel

Die Auszeichnung zur „Bibliothek des Jahres 2015“ am Samstag, 24. Oktober 2015, feierten Gäste aus dem In- und Ausland mit der Kölner Bürgerschaft und dem Mitarbeiterstab der Stadtbibliothek in der Piazzetta des Historischen Rathauses zu Köln. Nach der Würdigung durch den Vorsitzenden des Deutschen Bibliotheksverbandes, Dr. Frank Simon-Ritz, verlieh Präsident Hans-Joachim Grote der Stadtbibliothek Köln den einzigen nationalen Bibliothekspreis. In seiner Laudatio sprach der Wissenschaftsjournalist Gert Scobel Bibliotheken eine zeitlose Bedeutung zu: Zyklische Veränderungen und gesellschaftliche Orientierung seien notwendig und die Stadtbibliothek Köln ein herausragendes Beispiel für diese Prozesse.4

Unmittelbar nach der Bekanntgabe der Auszeichnung am 12. August hatten die Stadtbibliothek Gratulationen aus 42 Ländern erreicht!

„Bei meinem Besuch in der Stadtbibliothek Köln konnte ich mir auf dem ‚Maker Day 2014‘ ein Bild vom fortschrittlichen und auf die Zukunft ausgerichteten Betrieb der Bibliothek machen. An diversen Ständen wurde mir von vornehmlich jungen Leuten vor Augen geführt, zu welchen rasanten Fortschritten die Technik heutzutage im Stande ist, sei es im Bereich des 3-D-Druckens oder der Augmented Reality.“5

1 125 Jahre Stadtbibliothek Köln – Selbstverständnis in einer veränderten Medienwelt

Das Jahr 2015 war buchstäblich ein Jahr der Feste. Auch der 125. Geburtstag der Stadtbibliothek Köln wurde auf Einladung der gerade designierten Oberbürgermeisterin Henriette Reker im Historischen Rathaus gefeiert. Dabei würdigte das neue Stadtoberhaupt die langjährige Arbeit der Stadtbibliothek und betonte die unverzichtbare Rolle der Bibliothek für Bildung und Integration in Köln.

Die Stadtbibliothek Köln begreift sich als eine zutiefst demokratische Einrichtung. Sie ist ein Ort des Wissens, der Inspiration und Chancengleichheit. Mit aktuell 2,25 Millionen Besuchern und 7,5 Millionen Nutzungen jährlich ist sie einmal mehr die meistgenutzte Kultur- und Bildungseinrichtung in Köln – ein Umstand, der sich seit Jahren steigert und den die Stadtbibliothek immer wieder in den politischen Fokus rückt.

Die Stadtbibliothek hat in den letzten Jahren viele neue Entwicklungen angestoßen und breite Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit gefunden. Dies gelang trotz der schwierigen Haushaltslage, der nicht günstigen räumlichen Verhältnisse der meisten Bibliothekseinrichtungen und der vergleichsweise geringen finanziellen und personellen Ressourcen.

Die interdisziplinäre Vernetzung in den Bildungs-, Sozial- und Kulturbereich sowie mit der Technologie- und Kreativbranche, aber auch die Akquise von Drittmitteln und Sponsorengeldern durch interessante und innovative Projektanträge sind weitere Erfolgsfaktoren. Die Akzeptanz der Stadtbibliothek als Institution, als Ort und als Bildungseinrichtung mit vielfältigen Angeboten und modernen Konzepten der Wissensvermittlung konnte bei der Bevölkerung sowie in Politik und Verwaltung durch geschickte Vernetzung und inhaltlich überzeugende Arbeit erheblich gesteigert werden.

Wissen ist nicht statisch, es muss fließen und sich entfalten können. Die Stadtbibliothek Köln definiert sich nicht als möglichst große Addition von Medien, sie betont ihren lebendigen und narrativen Charakter. Mit ihren Angeboten ermöglicht sie Bildung und Orientierung, kulturellen Genuss und sinnvolle Freizeitgestaltung.

2 Die exponierte Rolle des Bibliotheksteams

„Niemand kann heute alles wissen.“ Das professionelle und eng vernetzte Bibliotheksteam ist Dienstleister für die Kundschaft, aber auch für die eigene Mitarbeiterschaft. Motivation und Neugier sind dabei elementare Voraussetzungen. Individuelle Kompetenzen der Mitarbeiter, von denen alle profitieren können, erfahren höchste Wertschätzung und schaffen Wissenstransfer auf aktuellem Niveau. Fachkenntnisse in unterschiedlichen Bereichen wie moderner Technik, Film oder Marketing oder ein Makerspace-Team ermöglichen zudem hierarchieübergreifendes Arbeiten und die Verteilung von neuen Aufgaben auf viele Schultern.

Foto: Bibliotheksteam, ©Marcus Becker
Abb. 2:

Foto: Bibliotheksteam, ©Marcus Becker

Mögliche Erfolgsfaktoren der Kölner Bibliotheksstrategie sind darüber hinaus unkonventionelle Denkansätze und der Mut zum Experiment, als „First Mover“ auch Fehler machen zu können. Ebenfalls von großer Bedeutung sind der gezielte Einsatz von durch die Stadtbibliothek qualifizierten Ehrenamtlichen und die Unterstützung durch die Fördervereine.

3 Internationale Vernetzung und Blick in die Zukunft

Die Stadtbibliothek Köln pflegt einen regen Expertenaustausch und empfängt wöchentlich Gäste aus aller Welt. In Seminaren und Workshops – ebenfalls im In- und Ausland – gibt sie ihr Know-how in den unterschiedlichsten fachlichen Kontexten weiter. Aktuell wurde mit der niederländischen „Bibliothek des Jahres 2015“ Gouda ein fachlicher Austausch vereinbart.

Als Orte des Wissens und der Begegnung stehen Bibliotheken in der Verantwortung, sich immer wieder neu die Frage nach den gesellschaftlichen Gegebenheiten zu stellen. Es gilt zu beobachten, wie Wissen heute und in Zukunft gelebt und transportiert wird. Wie werden wir leben? Wie, wo und was lernen wir in 10 oder 20 Jahren? Wie steht es um die digitale Kompetenz? Unterstützend wirkt hier auch die aktive und regelmäßige Zusammenarbeit in Expertenforen.

Ein Beispiel für die internationale Vernetzung ist die Auswahl der Stadtbibliothek Köln als Pilotbibliothek durch die Stiftung „Reading & Writing Foundation“ im Projekt „Public Libraries 2020 – Building stronger EU-Communities“ im Jahr 2014. Ehrenvorsitzende der Stiftung ist Prinzessin Laurentin der Niederlande, Förderer die Bill & Melinda Gates Foundation. Das Projekt will die Bedeutung der Öffentlichen Bibliotheken europaweit in den Fokus rücken. EU-Parlamentarier sollen als aktive Botschafter für die Arbeit der Bibliotheken in ihren Ländern tätig werden. Die Stadtbibliothek Köln konnte den Präsidenten des Europäischen Parlaments Martin Schulz für diese Aufgabe gewinnen. Herr Schulz machte sich bei seinem Besuch selbst ein Bild von der Stadtbibliothek Köln.

4 Treffpunkt – nicht kommerziell und frei zugänglich

Öffentliche Räume sind Mangelware – nicht nur in Köln. Politik und Gesellschaft sind heute und in Zukunft darauf angewiesen, Orte der kulturellen und sozialen Interaktion zu schaffen und zu unterhalten. Bibliotheken nehmen hier eine exponierte Rolle ein.

In der Kölner Stadtbibliothek lässt sich beobachten, dass sich die Öffentliche Bibliothek zunehmend zum „dritten Lebensraum“ neben der Arbeitsstelle und der privaten Umgebung wandelt. Menschen machen sich den Ort zu Eigen. Dieses Phänomen wurde auch bei der neuen Montagsöffnung der Zentralbibliothek deutlich.

Seit Oktober 2015 ist das Haus von 10 bis 18 Uhr geöffnet – als Treffpunkt und Lernort und für die autonome Ausleihe und Rückgabe von Medien. Der Zugang ins Internet ist mit mitgebrachten Geräten über das hauseigene WLAN kostenlos möglich. Dieses Konzept konnte ohne zusätzliche Personalstellen realisiert werden. Ermöglicht werden die Mehrstunden durch den Einsatz eines Wachdienstes, der die Öffnung der Bibliothek flankiert.

Der Vollservice der fachlichen Beratung und Anmeldung, der Magazinnutzung, des Leihverkehrs sowie alle Angebote des Makerspace und der Leseförderung werden wie bisher weiterhin von dienstags bis samstags angeboten. Inzwischen nutzen die Bibliothek montags über 2 000 Menschen.

Die Stadtbibliothek engagiert sich seit Jahren auf dem interkulturellen Sektor. So besuchen jährlich über 1 500 Menschen die Bibliotheksangebote für Zuwanderer. Die Schaffung eines eigenen Raums war die logische Konsequenz, auch angesichts der intensiven Vernetzung mit immer mehr Kooperationspartnern. Das neue Forum „sprachraum“ wurde am 30. Oktober 2015 eröffnet – als identitätsstiftender Treffpunkt für Flüchtlinge, Willkommensinitiativen und ehrenamtliche Arbeit gleichermaßen.

„sprachraum“ – neues Konzept der Integration mit Ehrenamtlichen, ©Stadtbibliothek Köln
Abb. 3:

„sprachraum“ – neues Konzept der Integration mit Ehrenamtlichen, ©Stadtbibliothek Köln

Der „sprachraum“ ist ausgestattet mit Gruppen- und Einzelarbeitsplätzen, einer Leselounge, einem Präsenzbestand mit Deutsch-Lernmaterialien, einem Alpha-Studio, PCs, einem Beamer und CD-Hörstationen. In enger Anbindung zur Zentralbibliothek wird das Forum von über zwanzig Ehrenamtlichen betreut. Sie geben Erstorientierung, beraten die Besucher bei der Auswahl der digitalen Sprachangebote und informieren die Lernpaten über die interkulturellen Angebote der Stadtbibliothek. Dazu gehören: Spielend Deutsch lernen, Gesprächskreise und Lerntandems. Auch außerhalb der regulären Öffnungszeiten können Lerngruppen und Initiativen den „sprachraum“ nutzen.

Mit dem neuen „forum integration online“ vernetzt die Stadtbibliothek Menschen aus dem IT-Bereich, die an digitalen Angeboten und deren Chancen für die Integration von Flüchtlingen arbeiten.

5 Makerspace – innovatives Beispiel für Kreativität und neuen Wissenstransfer

In den letzten Jahren ist eine internationale „Makerbewegung“ entstanden, deren Akteure selbst kreativ werden und ihr Wissen mit anderen teilen, vor allem mit innovativer Technik und IT-Wissen. Als erste Bibliothek Deutschlands griff die Stadtbibliothek Köln diesen Trend vor drei Jahren auf und richtete einen „Makerspace“ ein.

Der Makerspace ist ein offener Raum mit neuer Technologie, Tools und Medien zur freien kreativen Nutzung. Wissenserwerb vom Do-It-Yourself zum Do-it-Together steht im Vordergrund. Zum Equipment gehören beispielsweise eine Vinylbar, ein Vinyl-Schneideplotter sowie neueste 3-D-Drucker und die Filmbar, an der eigene VHS- Kassetten digitalisiert werden können. Diese Infrastruktur steht jedem zur Verfügung. Menschen aller Altersgruppen nutzen sie.

Aktuelle Anschaffungen sind eine High-Tech-Overlock-Nähmaschine für kreative Handarbeitsprojekte sowie die neueste VR-Brille HTC Vive, mit der man sich in der virtuellen Realität auf Objekte zu bewegen und den virtuellen Raum erkunden kann. Alle Angebote sind entspannt im kommerzfreien Raum der Bibliothek nutzbar.

Die frühe Verbindung der Stadtbibliothek mit der regionalen Maker- und Kreativszene war für den Erfolg des Makerspace von großer Bedeutung. Mit der Schaffung eines technisch innovativen Forums zum Selbermachen in der Zentralbibliothek ist es der Bibliothek gelungen, sich als Initiator und Vermittler von kreativen Ideen und ihrer Umsetzung zu etablieren. Die Szene vernetzt sich inzwischen aktiv mit dem speziell geschulten Makerspace-Team der Bibliothek, das auch für die Konzeption des Makerspace-Programms verantwortlich ist. Dieses „Programm für Selbermacher“ erreicht mit Themen wie „Selbstmarketing im Internet“, „Zeichnen mit dem iPad“ oder „Selfpublishing“ ein neues Publikum. 2015 bot es etwa 50 Workshops an, von denen die meisten bereits im Vorfeld ausgebucht waren!

6 Maker Kids

Inzwischen wurde ein spezielles medienpädagogisches Programm entwickelt, das sich an die Zielgruppe der jüngeren Macher im Alter von 8 bis 12 richtet: die „Maker Kids“. Hier erhalten die jungen Workshop-Teilnehmer die Möglichkeit, durch eigenes Tun und außerhalb des institutionalisierten Bildungsangebotes aktuelle Technik kennenzulernen und für sich auszuprobieren.

Unterstützt durch renommierte Stiftungen und medienpädagogische Fachstellen werden Workshops wie Roboter programmieren, crazy machines erfinden, T-Shirts drucken, Coding, Musikkomposition und digitales Musikmachen mit MakeyMakey angeboten. Dabei arbeitet das Makerspace-Team der Stadtbibliothek auch mit den „Junior Experts“ einer fortschrittlichen Kölner Schule, die sich mit eigenen Workshops unter die Lehrenden begeben und dabei ihre Kenntnisse weitergeben. Der Makerspace-Gedanke beinhaltet aber nicht nur neueste Technik, dominierend ist die Idee des Selbertuns und der gegenseitigen Wissensvermittlung. Musizieren, Handarbeiten u. v. m. gehören dazu.

Maker Kids Workshop, ©Stadtbibliothek Köln
Abb. 4:

Maker Kids Workshop, ©Stadtbibliothek Köln

7 3-D-Drucker – Publikumsmagnet im Makerspace

Der 3-D-Drucker und die Möglichkeit des dreidimensionalen Ausdrucks hat vor einigen Jahren eine technische Revolution eingeleitet. Die Stadtbibliothek Köln präsentierte diese Technik als erste in Köln und als Anwendung, die jedem Bürger offensteht. Nach wie vor nehmen Kunden und Nicht-Kunden an den täglichen Vorführungen des Druckers teil. Samstags erhalten sie Gelegenheit, eigene Dateien ausdrucken zu lassen. Die stark genutzten Anwendungen reichen vom Druck von Ersatzteilen des Alltagslebens über Design und Rapid Prototyping bis zur Unterstützung wissenschaftlicher Arbeit. So freute sich das Institut für Afrikakunde der Universität zu Köln über den originalgetreuen Druck eines prähistorischen Knochens. Mehr als 150 Menschen erwarben bisher eine 3-D-Drucker-Lizenz in einem zweistündigen Workshop und belegen damit das enorme Interesse an diesem Thema. Der 3-D-Drucker bescherte der Bibliothek auch ein Medienhighlight. Über 100 Publikationen sorgten für eine enorme Medienpräsenz.

8 Digitale Werkstatt – Förderung digitaler Kompetenzen

Nicht nur versierte Maker stehen im Fokus des Interesses. Als Basiskultureinrichtung bietet die Stadtbibliothek auch Orientierung für eher unerfahrene Computernutzer. In der „Digitalen Werkstatt“ werden Schnupperworkshops angeboten, die das Bibliotheksteam eigenständig durchführt. Die Themen reichen vom Einstieg in Online-Shopping und Internet- Recherche über Passwortschutz und Computersicherheit bis hin zum Umgang mit Smartphone-Apps, iPads und E-Books. Die Digitale Werkstatt setzt auf bereits vorhandenes Know-how der Mitarbeiter der Stadtbibliothek. Train-the-Trainer-Schulungen unterstützen dieses Engagement und fördern gleichzeitig die Personalentwicklung und Motivation.

9 Veranstaltungsformate – im Zentrum stehen Gespräch und Interaktion

In Köln findet täglich eine Fülle von Veranstaltungen in allen Bereichen statt. Mit den eigenen Formaten des Kulturprogramms und den vielfältigen Veranstaltungen in den Stadtteilbibliotheken trägt die Stadtbibliothek erfolgreich zum kulturellen Repertoire Kölns bei. Dabei vernetzt sie sich mit Partnern wie Buchhandlungen, dem Kölner Literaturhaus, der Universität, den Akademien, Museen oder der freien Szene.

Die Reihe „Wissenswert – Gespräche am Puls der Zeit“ widmet sich gesellschaftlichen Strömungen, politischen Ereignissen und aktuellen Wissenschaftsthemen. Zu „Wissenswert“ werden renommierte Autoren und Moderatoren eingeladen, um miteinander ins Gespräch zu kommen – unterhaltsam, kontrovers und informativ. Die Stadtbibliothek konnte bisher zahlreiche Gäste begrüßen, unter ihnen Peter Bieri, Gerald Hüther, Navid Kermani, Bascha Mika, Julian Nida-Rümelin, Wafaa el Sadik, Dieter Wellershoff oder Gert Scobel und Ranga Yogeshwar.

Gespräch Navid Kermani und Hubert Winkels, ©Stadtbibliothek Köln
Abb. 5:

Gespräch Navid Kermani und Hubert Winkels, ©Stadtbibliothek Köln

2015 wurde die Stadtbibliothek eingeladen, „wissenswert“ um das Segment „Kölner Themen im Rathaus“ zu erweitern. Ab Herbst 2016 werden die Kölner per Aufforderung durch die Oberbürgermeisterin selbst das Thema für „Wissenswert im Rathaus“ auswählen können.

Die Literaturarchive der Stadtbibliothek, das Heinrich- Böll-Archiv und das Literatur-in-Köln-Archiv (lik) pflegen und dokumentieren das literarische Gedächtnis Kölns.

Die Veranstaltungsreihe der Archive „Das Rote Quadrat“ führt Werkstattgespräche über die Kölner Literatur. Die neue Schriftenreihe „lik“ widmet sich Kölner Autoren und fußt auf den Beständen der beiden Archive. Auch der international bedeutende Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln wird zukünftig als Sonderpublikation der Schriftenreihe erscheinen. Start war die Auszeichnung der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller im vergangenen Jahr.

Mit „geeks@cologne“ wurde vor einigen Jahren ein Veranstaltungsformat für Technikinteressierte gegründet. Hier dreht sich alles um Technologien, Webkultur und den Nerdfaktor. In „Lichtjahre voraus“ mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) geben Wissenschaftler regelmäßig einen Einblick in die aktuellen Projekte der Kölner Weltraumforschung. Der Aktionstag „3Day“ zu 3-D-Druck und Virtueller Realität bietet Makern einmal jährlich Gelegenheit zu intensivem Austausch. Für 2016 ist eine große Maker Faire in Zusammenarbeit mit dem Heise-Verlag geplant. Der Erfolg von geeks@cologne fußt auf einem breiten konzeptionellen Ansatz. Mitarbeiter fungieren hier als Scouts für neue Veranstaltungsideen auf dem aktuellen technischen Sektor.

geeks@cologne, ©Stadtbibliothek Köln
Abb. 6:

geeks@cologne, ©Stadtbibliothek Köln

10 Sprach- und Leseförderung – analog und digital

Die Sprach- und Leseförderung gehört zu den unverzichtbaren Basisangeboten einer Öffentlichen Bibliothek. Neue Konzepte in der Sprach- und Leseförderung der Stadtbibliothek orientieren sich an den gesellschaftlichen Erfordernissen. Die Stadtbibliothek Köln entwickelte ein modulares Konzept, das bereits mit den „Bücherbabys“ beginnt und sich altersspezifisch fortsetzt. Mit der Kindergarteninitiative „Papalapap“, dem „Leseclub für Kinder und Jugendliche“, „Ran-ans-Lesen“ für die offenen Ganztagsschulen sowie dem täglich stattfindenden Vorleseangebot der „LeseWelten“ werden Tausende von Kindern erreicht. Kinder und Eltern können Bilderbuch-Apps auf dem Tablet ausprobieren und erhalten kompetente Beratung durch das Bibliotheksteam.

Kamishibai – Erzähltheater in der Stadtteilbibliothek Bocklemünd, ©Stadtbibliothek Köln
Abb. 7:

Kamishibai – Erzähltheater in der Stadtteilbibliothek Bocklemünd, ©Stadtbibliothek Köln

Vor allem im mehrsprachigen Bereich setzt die Stadtbibliothek Akzente. Ihr Programm „Kinder in aller Welt“ geht gezielt auf die Bedürfnisse einer multikulturell geprägten Stadt wie Köln ein – mit Elternseminaren zum Vorlesen und Schulungen für Lehrende, Erzieher oder Mitarbeiter von Migrantenorganisationen. „Wir sprechen viele Sprachen“ ist das regelmäßig stattfindende Aktionsforum der Initiative. Dabei lesen Kinder aus vielen Nationen in ihren jeweiligen Herkunftssprachen einem öffentlichen Publikum vor. Die Nachfrage ist riesig und die Veranstaltungen erfahren eine große Presseresonanz. Allen Kölner Grundschulen stehen außerdem die mehrsprachigen Medienkoffer der Stadtbibliothek für interkulturelle Unterrichtsprojekte zur Verfügung. Auch Kamishibai, das mobile Erzähltheater, findet großen Anklang bei den Kindern jeder Altersstufe und 2016 startet auch das neue, vom Land NRW geförderte Projekt: „Väter lesen vor!“

11 BeeBots – Interaktive Lesung

Die Auszubildenden der Stadtbibliothek haben eine Interaktive Lesung mit BeeBots – kleine Mini-Roboter in Bienchen-Form entwickelt. Die Bienchen fahren die Stationen des Biene-Maja-Bilderbuchs auf einem Flickenteppich ab. Die kleinen Bienen-Roboter unterstützen spielerisch das Heranführen von Kindern ans Programmieren und fördern ihr analytisches und logisches Denken. Über große Tasten steuerbar sind sie auch für Kinder geeignet, die noch nicht lesen und schreiben können.

12 Schulservice der Stadtbibliothek – professioneller Partner für die Kölner Schulen

In den letzten Jahren bevölkern immer mehr Lerngruppen die zahlreichen Arbeitstische der Stadtbibliothek – Lesementoren mit ihren Mentees, Jugendliche, die gemeinsam Hausaufgaben machen oder Facharbeiten vorbereiten, Menschen, die Nachhilfe oder Sprachunterricht geben. Die Bibliothek wird als adäquater Arbeitsort mit einer idealen medialen Lernumgebung und exzellenter Beratung wahrgenommen.

Ein Expertenteam des Schulservice unterstützt Kölner Schulen bei der Vermittlung von Medien- und Informationskompetenz für alle Klassen- und Altersstufen. Das Konzept klassischer Führungen wurde durch aktivierende Methoden ersetzt und durch spezielle Recherchetrainings und Online-Tutorials erweitert. In der Mittelstufe wird die Bibliothek auf spielerische Art und Weise erforscht, aber auch ein Tool für das kritische Hinterfragen von Wikipedia-Inhalten kennengelernt. In intensiven Recherche-Workshops erlernten die Jahrgangsstufen 10 bis 12 Kompetenzen, die weit über Google & Co. hinausgehen. Dieses Wissen hilft bei der Facharbeit, aber auch im späteren Alltag an der Universität. Ergänzend dazu gibt es Anleitungen im Kölner Schulwiki und von Dezember bis Januar offene Sprechstunden für alle, die individuelle Hilfestellung bei der Recherche in Katalogen und professionellen Datenbanken benötigen. Mit 44 Schulen besteht eine ausgewiesene Bildungspartnerschaft.

Durch den Einsatz der Rallye-App BIPARCOURS wird die Bibliothekserkundung zukünftig noch interaktiver und vielfältiger, die App kann nach dem Motto „bring your own device“ auf mitgebrachten Smartphones, aber auch auf den iPads der Bibliothek genutzt werden.

13 Stadtteilbibliotheken – Stadtteilkultur und neue Konzepte

Die Stadtteilbibliotheken sind zentrale Anlaufstellen im jeweiligen Viertel. Sie werden als unverzichtbare Kulturzentren in den infrastrukturell höchst heterogenen Kölner Stadtteilen wahrgenommen und bieten eine hohe Aufenthaltsqualität. Das Veranstaltungsportfolio umfasst vor allem Aktionen zur Sprach- und Leseförderung. Die Stadtteilbibliotheken sind außerdem Motoren für zukunftsweisende Projekte.

13.1 Beispiel: Games4Kalk

Spielen und Lernen sind keine Gegensätze. Die Stadtbibliothek Köln entwickelte frühzeitig Konzepte über die bloße Bereitstellung von PC- und Konsolenspielen hinaus. Gaming, durch die „Gamescom“ in Köln verortet, sollte auch räumlich im Bibliothekssystem zu finden sein.

In der der Stadtteilbibliothek Kalk gibt es die spezielle Spiel- und Lernzone „Games4Kalk“. In einer medienpädagogisch betreuten Gruppe testen Jugendliche angesagte Games. Die Ergebnisse werden in einem Blog veröffentlicht. Aktive inhaltliche Auseinandersetzungen und spielerisch-kreatives Tun stehen im Vordergrund. Ob FIFA-Turnier, Senioren-Wii-Bowling oder Minecraft-Workshops, die Testergebnisse in der Stadtteilbibliothek Kalk interessieren auch die Fachwelt. Ihre Expertise ist sogar auf der Messe Gamescom gefragt.

Was als Pilotprojekt in Kalk begann, zieht sich mittlerweile durch das Bibliothekssystem.

Mit dem Angebot „Eltern-LAN – Computerspiele verstehen“ in der Zentralbibliothek will die Stadtbibliothek eine Brücke zwischen den Generationen bauen. Eltern erhalten Einblick in jugendliche Medienwelten und können eigene Computerspielerfahrungen sammeln. Unterstützt wird die medienpädagogisch begleitete Auseinandersetzung mit Computer- und Konsolenspielen durch das Team des „Spieleratgebers NRW“. Zu den Partnern zählt auch die Bundeszentrale für politische Bildung.

14 Die Bücherbüdchen minibib im Kölner Stadtgarten und im alten Wasserturm – was Ehrenamt vermag

Die Idee der „minibibs“ hat überregionale Signalwirkung. Vor einigen Jahren initiierte der Förderverein Stadtbibliothek Köln e. V. das erste Bücherbüdchen im Kölner Stadtgarten mit einem Studenten-Architekturwettbewerb. Inzwischen ist eine weitere minibib im alten Wasserturm im multikulturellen Köln-Kalk entstanden. In historischem Ambiente wurde ein Raum für integrative Bibliotheksarbeit geschaffen. In beiden minibibs können neuwertige lektorierte Buchspenden ohne Ausweis und Angabe von persönlichen Daten kostenlos ausgeliehen werden.

minibib im Wasserturm, ©Manos Meisen
Abb. 8:

minibib im Wasserturm, ©Manos Meisen

Wie schon die minibib im Stadtgarten basiert auch das neue Projekt auf Inklusion und Vertrauen. Das Konzept unterscheidet sich bewusst von Tauschinitiativen wie den Bücherschränken. Denn die minibibs werden gezielt von geschulten ehrenamtlichen Teams betreut und werben als Sympathieträger für die professionelle Arbeit der Stadtbibliothek.

15 Neue IT-Lösungen und Mediennutzung

Mediennutzung und EDV sind eng miteinander verzahnt. Die innerbetriebliche Organisation wurde mithilfe einer neuen Controllingsoftware weiter optimiert. Im Bereich Medienzugang konnte die Einarbeitungszeit der Medien noch einmal beschleunigt werden.

Über das Portal „Pressreader“ stehen mehr als 5 000 tagesaktuelle Zeitungen, Magazine und Zeitschriften aus 100 Ländern in über 50 Sprachen zur Verfügung – auch mobil oder am heimischen PC.

Das neue Touchscreen „eCircle“ regt zum interaktiven Entdecken der virtuellen und realen Angebote der Bibliothek an, E-Books lassen sich sofort ins eigene Medien-Konto herunterladen.

Verstärkt nehmen Kunden das Angebot der Stadtbibliothek wahr, sich aktiv als Partner bei der Medienauswahl zu beteiligen. 3 000 Medienvorschläge wurden realisiert und befinden sich jetzt im Bibliotheksbestand.

16 Generalsanierung und Innenarchitekturwettbewerb der Zentralbibliothek

Das 1979 errichtete Gebäude der Zentralbibliothek ist technisch und baulich sanierungsbedürftig, deshalb ist in den kommenden Jahren eine Generalsanierung geplant. Um die Einschränkungen der Angebote und Dienstleistungen für die Kunden möglichst gering zu halten, soll die Sanierung bei laufendem Betrieb erfolgen. Innenausstattung und Mobiliar der Zentralbibliothek werden im Rahmen der Generalsanierung ebenfalls dem zeitgemäßen Erscheinungsbild einer innovativen öffentlichen Bibliothek angepasst: Für den öffentlichen Bereich wurde 2015 ein europaweiter innenarchitektonischer Planungs- und Realisierungswettbewerb angestoßen. Mitte 2016 werden die Gestaltungsentwürfe von sieben Architekturbüros der international besetzten Jury vorgelegt.

17 Fazit

Das Bibliothekssystem in seiner Gesamtheit in Köln lässt sich zusammenfassend wie folgt darstellen. Es besteht aus:

  • Zentralbibliothek mit Kinderbibliothek, Musikbibliothek, Makerspace, Heinrich-Böll-Archiv, Literatur-in-Köln-Archiv (LiK), Blindenhörbibliothek, Bibliothek Germania Judaica e. V.,

  • 11 Stadtteilbibliotheken,

  • 20 Haltestellen des Bücherbusses,

  • 2 „Minibibs“ (Wasserturm in Kalk und Bücherbüdchen im Stadtgarten).

Die im Artikel ausführlich besprochenen Beispiele aus dem Alltag der Stadtbibliothek belegen eindrücklich, warum sie den Preis „Bibliothek des Jahres 2015“ erhalten hat. Daher ist es nicht weiter verwunderlich, wenn der Wissenschaftsjournalist Gert Scobel in seiner Laudatio zur Verleihung des Preises den Bibliotheksbesuch mit einem Fest vergleicht. Er spricht Bibliotheken gar eine eigene Spiritualität zu und belegt seine Gedanken mit illustren Beispielen aus Neurowissenschaft, Philosophie, Literatur und Marketing. Damit stellt Scobel Bibliotheken in einen Kontext, der sie im Kern unangreifbar macht. Deswegen werden wir hier Auszüge aus seiner Laudatio wiedergeben.

Was ist eine Bibliothek?6

Das ist einfach. Bibliothek? Eine Ansammlung von Büchern. Aber das ist falsch, grundfalsch. Eine Bibliothek ist keine Ansammlung. Das wäre so, als würde man die Frage „Was ist ein Mensch?“ beantworten mit „Eine Ansammlung von Zellen.“ Ein Zell-Haufen. Bibliotheken sind keine Buch-Haufen oder Bücher-Berge. Ansammlungen und Haufen fehlt das, was man früher einmal die Seele nannte.

Haben Bibliotheken Seelen? Ich glaube, dass Bibliotheken einen Sinn, eine große Bedeutung, eine Funktion und auch so etwas wie eine eigene Spiritualität haben, die über den bloßen Umgang mit Büchern hinausgeht [...].

Wenn eine Bibliothek also eine Idee, eine Seele hat, dann meint man damit, dass ihr ein System, ein Prinzip, manchmal auch nur ein Marketingkonzept zugrunde liegt – aber eben so, dass diese abstrakte Struktur sichtbar, greifbar, benutzbar wird. [...] In der Kölner Stadtbibliothek spürt man diese Seele. Und man sieht etwas, das mich immer wieder erstaunt hat: wie viele unterschiedliche Menschen man in ihr antrifft. Menschen, die alle ein Ziel haben: in die Bibliothek zu gehen, sich dort zu treffen und miteinander in Kontakt zu kommen [...]. Was eine Bibliothek ist, merken wir wie bei der Bestimmung der Bedeutung eines Wortes erst, wenn wir darin sind. Wenn wir sie benutzen, gebrauchen oder, pathetischer formuliert, mit und in ihr leben [...]. Vielleicht ist das die erste, fast ein wenig religiöse Bestimmung: In einer Bibliothek feiern Daten, Bilder, Programme, Informationen, Gedichte, Menschen, Töne, Sprache, aber auch Architektur, Design, Raum und Zeit ein Fest [...].

Jede Bibliothek ist mehr als das, was in ihr zu finden ist. Sie ist ein Versprechen oder, wie Robert Musil sagen würde, immer auch ein noch nicht ausgeträumter, noch nicht erwachter Traum. Wie groß die Dimensionen dieses Traums sind, können Sie erkennen, wenn Sie an das Thema Flüchtlinge denken. Als es akut wurde, hat die Stadtbibliothek das vielleicht notwendigste nach Essen, Trinken und Unterkunft getan, das man überhaupt tun kann. Sie hat einen zusätzlichen Raum angemietet, der kommendes Wochenende eröffnet wird, damit dort Sprachunterricht stattfinden kann [...].

Der Universalgelehrte Niklas Luhmann, der in Bielefeld die erste soziologische Fakultät Deutschlands mit aufbaute, ist unter anderem berühmt für seinen Zettelkasten, der eigentlich eine ganze Bibliothek mit mehr als 90 000 Gedanken darstellt [...].

Interessant ist was Luhmann als Systemtheoretiker über die Gesellschaft sagt. Eine der zentralen Ideen von Luhmann ist, dass das, was die Gesellschaft ausmacht, das also, was JEDE Gesellschaft ist, in einem einzigen besteht: Gesellschaften bestehen aus nichts anderem als Kommunikation. Sie sind ihre eigenen Medien der Kommunikation – und das, was wir Medien nennen, stellt nur eine dieser Formen der Kommunikation dar. Indem man kommuniziert, teilt man Sinn. Eine Gesellschaft macht daher permanent von Sinn Gebrauch, indem sie Kommunikation ermöglicht und herstellt. Sinn gibt es einzig und allein nur so: durch Kommunikation. Sie finden Sinn also nie isoliert auf der Straße oder in einem Buch so wie eine Zahl auf einem Geldschein. Damit Sinn hergestellt wird, müssen Sie kommunizieren – übrigens auch mit oder in sich selbst [...].

Sie können in einem Buch, in einer Information, kurz: in einer Bibliothek also nicht Sinn selbst finden, wohl aber Anlässe, Sinn zu suchen und zu finden. Bibliotheken sind daher in hohem Maß sinnvoll. Sie bieten Anstöße Sinn zu finden, den Sie sich dann im Weiteren durch Gespräch, Nachdenken oder welchen Formen der Kommunikation auch immer weiter erschließen können. Dass die Bibliothek als reiner Aufbewahrungsort von Büchern tot ist, war erstens absehbar, ist zweitens sinnvoll und drittens völlig problemlos für die Bibliothek der Gegenwart, die Zukunft hat [...].

In der Sprache der Metapher, die heute richtungsweisend geworden ist für viele Zusammenhänge: Bibliotheken sind die Netzwerke, sind Nahtstellen zwischen den beiden Dimensionen von Kommunikation und Gesellschaften. Bibliotheken leben, wenn sie Kommunikation hervorbringen. Deshalb sind sie Kraftwerke für die Gesellschaft, die eben nicht nur von Brot, Unterkunft, Arbeit und Geld alleine lebt [...].

Für mich verkörpert die Kölner Zentralbibliothek diesen Geist, den ich nicht nur in ihr kennengelernt habe sondern vor allem auch im Umgang mit einigen der Menschen, die dort arbeiten: wie die Bibliothek der Zukunft Gestalt annehmen zu lassen und sie Schritt für Schritt zu verwirklichen. Die Kölner Stadtbibliothek ist eine Zukunftsbibliothek. Es gibt nicht nur vielfaltige Bildungsangebote, die weit über Bücher hinausgehen, sondern auch einen Blog, ein Klavierzimmer, Gaming, Veranstaltungen, einen 3-D-Drucker, Ausstellungen, die digitale Werkstatt. Noch bevor ich selber eine Sendung über dieses neue Thema, das Wirtschaft und Industrie maßgeblich verändern wird, machen konnte, stand hier in Köln bei Ihnen in der Bibliothek ein 3-D-Drucker, mit dem man experimentieren konnte.

Das sind nicht nur Dinge, sondern Themen, Kontexte, die unsere Welt verändern werden. Wir müssen sie im wörtlichen Sinne begreifen können und nicht nur darüber lesen. Die Kölner Stadtbibliothek ist ein Netzwerk, das all das aus den Büchern heraus und hinein ins Leben holt. Sie macht Wissen und Kommunikation sichtbar und sinnlich greifbar. Darüber hinaus – und auch deshalb schätze ich diese Bibliothek so – haben Sie dieses Leben nicht nur einfach reingeholt und dann reingeknallt, sondern liebevoll eingeordnet. Diese Einordnung ist das, was den Unterschied macht – zumindest in einer Zeit, in der Sie auf jedem beliebigen Smartphone Zugang zu so viel Wissen haben, dass Sie es nie, wirklich nie innerhalb ihrer Lebenszeit verarbeiten können.

Dagegen ist eine klassische Bibliothek notwendig beschränkt. Was Sie aber in all dieser Flut von Wissen, übrigens auch in einer mit dem Internet vernetzen Bibliothek nicht haben, ist die innere Ordnung dieses Wissens. Aber nur geordnetes Wissen ist etwas wert – und daran hapert es heute immer mehr. Wir ertrinken in Informationen, leben aber in einer Wüste der Orientierungslosigkeit. Eine Bibliothek mit Zukunft muss jedoch mehr sein als ein Ort, an dem Sie Informationen gleich welcher Art finden. Eine wirkliche, zukunftsorientierte Bibliothek ist für mich ein Ort des Lernens und Verstehens, ein Ort der Kommunikation und damit ein weiter, im Grunde unendlicher Raum, der für mich Mittel bereitstellt, gut in dieser Welt zu leben ...

Footnotes

About the article

Published Online: 2016-07-01

Published in Print: 2016-07-01


Citation Information: Bibliothek Forschung und Praxis, Volume 40, Issue 2, Pages 283–293, ISSN (Online) 1865-7648, ISSN (Print) 0341-4183, DOI: https://doi.org/10.1515/bfp-2016-0035.

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