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Bibliothek Forschung und Praxis

Ed. by Bonte, Achim / Degkwitz, Andreas / Horstmann, Wolfram / Kaegbein, Paul / Keller, Alice / Kellersohn, Antje / Lux, Claudia / Marwinski, Konrad / Mittler, Elmar / Rachinger, Johanna / Seadle, Michael / Vodosek, Peter / Vogt, Hannelore / Vonhof, Cornelia

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ISSN
1865-7648
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Volume 40, Issue 3

Issues

„Bis morgen in der Bibliothek!“ – Entwicklungen für Lernorte an der SUB Göttingen

Dr. Rupert Schaab
  • Corresponding author
  • Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen Platz der Göttinger Sieben 1 D-37073 GöttingenGermany
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/ Dr. Wolfram Horstmann
  • Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen Platz der Göttinger Sieben 1 D-37073 GöttingenGermany
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Published Online: 2016-11-30 | DOI: https://doi.org/10.1515/bfp-2016-0049

Zusammenfassung

Bildung, Wissenschaft und Arbeit erfahren derzeit einen dramatischen Wandel. Insbesondere Studierende realisieren das Potential der digitalen Welt und Zusammenarbeit in Gruppen und benötigen hierfür mehr als klassische Lesesäle. Für Bibliotheken geht es dabei nicht um ein Entweder-oder, sondern um eine Ausdifferenzierung von Arbeitsumgebungen. Die SUB Göttingen entwickelt ihre Lernorte unter besonderer Berücksichtigung des Trends, dass die Bibliothek für Studierende zunehmend ständiger Arbeitsplatz und soziales Zentrum wird. So wurden 1369 Arbeitsplätze insgesamt, davon 482 Einzelarbeitsplätzen und 887 Gruppenarbeitsplätze geschaffen.

Abstract

Education, science and work are changing dramatically. Students in particular realize the potential of working digital and collaboratively in groups and accordingly require environments other than mere traditional reading rooms. Rather than opting for ‘either-or’ solutions, libraries need to diversify the environments they offer. Göttingen State and University Library develops its learning environments, taking into particular account the trend of the library’s increasing importance as a permanent student working area and social center. This created 1,369 learning spaces, thereof 482 for individuals and 887 for group work.

Schlüsselwörter: Bibliothek; Lernortentwicklung; Lernortdiversifizierung

Keywords: Library; learning environment development; learning environment diversification

1 Einleitung

Informationspraxis hat sich in den letzten drei Dekaden massiv gewandelt. In Bibliotheken verändert sich die zuvor betriebene massenhafte Bereitstellung von Einheitsarbeitsplätzen zur Nutzung gedruckter Literatur hin zur Diversifizierung nach Fächern und Arbeitsgewohnheiten. In Bezug auf die Nutzung der Bibliothek als baulichen Lernort kommen besonders Studierende mit Notebooks und mobilen Endgeräten ausgestattet in die Bibliothek, um auf eine individualisierte Mischung aus digitaler und gedruckter Information zuzugreifen und sich sozial zu vernetzen, sei es in Face-to-Face-Gruppensituationen oder virtuellen sozialen Medien. Und angesichts der demographischen Entwicklung und der steigenden Mobilität leistungsorientierter Studierender treten Hochschulen auch im Bereich der Lehre zunehmend in Konkurrenz um die Besten. Nicht nur wissenschaftliches Renommee und inhaltliche Studienangebote der Hochschulen, nicht nur der Erlebniswert und die Lebenshaltungskosten der Stadt, sondern auch die eigentlichen Studienbedingungen wie Betreuungsrelationen und Bibliotheksausstattung tragen wesentlich zu Attraktivität und Erfolg der Hochschule bei. Mit entsprechenden Förderprogrammen reagiert die öffentliche Hand auf die Herausforderung, die Diversität ihrer Studierendenschaft zu fördern, um deutsche Hochschulen auf dem globalen Bildungsmarkt besser zu positionieren. Umgekehrt befördert die steigende Diversifizierung neue Arbeitsformate und Anforderungen, auf welche die Bibliotheken reagieren. Katalograum, Lesesaal und Magazin allein machen heute keine Bibliothek.

Der Student ist gefragt und wird befragt, um die Anpassungsnotwendigkeiten für den eigenen Standort zu erkennen. Die Einführung von Studienbeiträgen in Niedersachsen 2006 wurde seitens der Landesregierung mit der Maßgabe verbunden, die Zustimmung der Studierendenvertreter bei der Mittelverwendung einzuholen. Nachdem in Göttingen sich unter den Studierendenvertretern der Pragmatismus im Umgang mit diesen kontrovers diskutierten Studiengebühren durchgesetzt hatte, konnten beträchtliche Mittel dazu genutzt werden, die Studienangebote, aber auch Studienbedingungen wesentlich zu verbessern. Eines der großen Handlungsfelder bildeten dabei die Bibliotheken der Universität, für welche Öffnungszeiten erweitert, Lehrbücher beschafft und Räumlichkeiten umgestaltet werden konnten. Um die Anforderungen der Studierenden zu berücksichtigen, galt es in Göttingen, Studierende bereits bei der Konzeptentwicklung einzubeziehen. Genauso wichtig war es bei seitens der Studierenden oder Fakultäten aufkommenden Initiativen, die Bibliothek als Partner zu etablieren. Die Wandlung der Studienbeiträge in steuerfinanzierte Studienqualitätsmittel 2014 hat das rechtliche Erfordernis der Studierendenmitwirkung nicht geschmälert. Unabhängig davon zeigen die erreichten Erfolge eindrucksvoll, dass eine starke Einbindung der Studierenden der Qualität und Akzeptanz der Ergebnisse sehr zugute kommt.

2 Differenzierung von studentischen Anforderungen

Das Aufkommen elektronischer Zeitschriften und Bücher erlaubt den Bibliotheken, schwach genutzte Literatur aus den Lesesälen und Freihandbereichen auf Anfrage in Magazine zu verlagern, um Platz für die neuen Anforderungen zu gewinnen. Dabei ist zu beachten, dass sich die Anforderungen zwischen den Disziplinen und unter den Studienphasen sehr stark unterscheiden. Grundsätzlich hat sich aufgrund der Studienreform in den letzten Jahren die Präsenz der Studierenden auf dem Campus erhöht, so dass mehr Arbeitsplätze erforderlich wurden. Von Fach zu Fach unterschiedlich stark ausgeprägt, ähneln vielfach die Arbeitsgewohnheiten der Studierenden Nomaden, welche für unterschiedliche Aufgabenstellungen unterschiedliche Arbeitsumgebungen aufsuchen, vielfach unterbrochen durch Lehrveranstaltungen und im Wechsel zwischen Einzelarbeit und unterschiedlichsten Arbeitsgruppen. Hingegen benötigen fortgeschrittene Studierende und Promovierende stabile Arbeitsplätze, wie sie in Instituten, Laboren und Graduiertenschulen nicht für alle angeboten werden können. In zahlreichen Initiativen gewinnt die Verbesserung der Situation der Promovierenden an Gewicht, wird ihr Potential für die Forschungsorientierung der Hochschule und die Entwicklung des Standorts deutlicher.

Die Arbeit erfolgt einzeln oder gemeinschaftlich in unterschiedlichem Umfang mit gedruckten Büchern und Zeitschriften, digitalen Ressourcen und Lernmanagement-Systemen. Neben Phasen konzentrierter Stoffaneignung oder des Schreibens treten Phasen des Probierens, Durchdenkens, der Diskussion und des Networkings, welche andere Anforderungen an die Arbeitsumgebung und ihre Ausstattung stellen als Lesesaal oder Einzelkabine. Alle Lernsituationen sind idealerweise so zu unterstützen, dass die fokussierte und effiziente Arbeit befördert wird. Dies stellt besondere Herausforderungen an Behaglichkeit und beste Lichtverhältnisse (Blendfreiheit), an Ausstattung und Design. Umgekehrt ist durch eine konsequente Zonierung der Bereiche darauf zu achten, dass diese unterschiedlichen Nutzungen sich nicht wechselseitig stören. So wurden in Göttingen Klima, Lichtbedingungen und Lärmschutz zu wesentlichen Aspekten, für welche die Studierenden in beträchtlicher Höhe Mittel bewilligten, um die Bedingungen in der Zentralbibliothek zu verbessern.

Lernorte im universitären Kontext zu entwickeln bedeutet Diversität zu realisieren.

3 Umbau als ganzheitliche Herausforderung

Es ist daher nicht nur eine bauliche, sondern eine organisatorisch ganzheitlich zu verankernde Aufgabe, die durchaus soziologischen Charakter hat. Zum Beispiel ist die sachgerechte Umgestaltung von Lernorten nur möglich durch eine gezielte Einbindung der Studierenden. Neben der Analyse spontaner Rückmeldungen gehört hierzu der gepflegte Kontakt zu den Fachschaften und politischen Gruppen, die Einbindung von Studierendenvertretern in die Projektentwicklung und Steuerung sowie die Erhebung breiter Meinungsbilder durch Umfragen. Die Vernetzung mit den Studierenden und Lehrenden zu stärken gehört zu den wichtigsten Entwicklungsaufgaben der Bibliothek. Bibliotheksseitig sind hierfür eine bessere Sichtbarkeit und mehr proaktive Aktivitäten erforderlich, welche von den unterschiedlichsten Akteuren der Bibliothek getragen werden. Die große Vielfalt der Disziplinen lässt die Spezialisierung innerhalb der Bibliothek wachsen. Der hohe Spezialisierungsgrad der Mitarbeiter erfordert Eigeninitiative und eine starke Vernetzung innerhalb des Kollegiums. Wissensaustausch und Abstimmung werden mehr und mehr horizontal erfolgen, um agil auf die Anforderungen aus der Universität reagieren zu können. Für die Führungskräfte bedeutet dies, dass sie die hierfür erforderlichen Freiräume befördern und in die Entwicklung des gemeinsamen Ziel- und Aufgabenverständnisses investieren. Der schnelle Wandel bedingt ein projektförmiges Arbeiten, welches für die Führungskräfte erhöhte Anforderungen hinsichtlich Koordination und Ressourceneinsatz mit sich bringt. Neben der allgemeinen Personalentwicklung bildet so die Führungskräfteentwicklung einen eigenen Schwerpunkt.

4 Service-Erweiterungen für Lernorte

Neben der Ausweitung der Öffnungszeiten wurde für die Lernorte auch eine Ausweitung der Services betrieben. Zwar musste in Göttingen aufgrund von Brandschutzauflagen das zuvor frei zugängliche sogenannte Freihand-Magazin der Zentralbibliothek geschlossen werden, doch wurden mit Selbstabholbereich, Selbstverbuchung und Kassensoftware Möglichkeiten geschaffen, die meisten Services auch während der gesamten Öffnungszeiten anzubieten. Neben den Selbstbedienungsangeboten ermöglichen selbstregulierende Systeme für Schließfachanlagen und Raumvergabe eine intensivere Nutzung dieser Ressourcen und die schrittweise Umwidmung von Arbeitskapazitäten. Die Bibliothek wandelt sich so von einem Ort der Wissensverwaltung in eine vielfältig ausdifferenzierte, unterstützende Arbeitsumgebung für Studium und Wissenschaft.

Diese Entwicklung beinhaltet für die Bibliotheken vielfältige Chancen. Die neuen Lernorte sind keineswegs ein Ausverkauf, sondern ein Zugewinn der Bibliothek. Die Bibliothek definiert sich auch auf anderen Feldern nicht mehr darüber, wo Bücher stehen, sondern als Infrastruktur werden die Angebote der Bibliothek stärker in die Abläufe des Lernens und Forschens integriert. Die Entwicklung der Lernorte für die Studierenden bildet dabei einen wesentlichen Aspekt.

Im Folgenden werden diese Entwicklungen an Bibliotheksbauprojekten der letzten fünf Jahre in Göttingen dargestellt: an der Bereichsbibliothek Kulturwissenschaften (BBK), den Bereichsbibliotheken Forstwissenschaften und Physik am Nordcampus und der Zentralbibliothek (ZB). Darüber hinaus wurde ein völlig neues, stark automatisiertes Lern- und Studiengebäude (LSG) gebaut, das bereits an anderer Stelle ausführlich beschrieben wurde1 und den Rahmen dieser Darstellung sprengen würde.

5 Neubau der Bereichsbibliothek Kulturwissenschaften (BBK)

Die BBK in Stichworten:

  • Architekten Prof. Klaus Sill, Hamburg

  • Bauzeit: 2010–2012 (KWZ insgesamt)

  • Kosten: 25 Mio. € (KWZ insgesamt)

  • Fläche: 6 460 m2

  • Öffnungszeiten: Mo-Fr 8:30–21:00 Uhr und Sa 10:00–18:00 Uhr

  • Nutzer: Studierende und Wissenschaftler der Universität hauptsächlich der Philosophischen Fakultät sowie Privatpersonen

  • Freihandaufstellung von rund 600 000 Titeln

  • Zugang zu allen E-Ressourcen der SUB Göttingen

  • 320 Arbeitsplätze

  • 220 Einzelarbeitsplätze

  • 30 Einzelarbeitskabinen (davon 24 für Langzeitbuchungen bis zu 6 Monaten für Studierende mit Abschlussarbeit, Promovierende und Wissenschaftler sowie 6 für Tagesbuchungen)

  • 7 Gruppenarbeitsräume mit insges. 46 Arbeitsplätzen

  • Arbeitsbereich mit 24 PC-Arbeitsplätzen (u. a. Software für die Verarbeitung außereuropäischer Schriften, Mikrofilm- und Diascanner)

  • 1 Eltern-Kind-Raum

  • 5 Lounge-Bereiche mit Sofas und Sitzsäcken

  • 9 Mitarbeiterzugänge zur 24/7-Nutzung

  • 7 Selbstverbuchungsgeräte

  • Selbstabholbereich für aus der Zentralbibliothek bestellte Bücher

  • 5 Aufsichtsscanner, 6 Multifunktionsgeräte für Ausdrucke, Kopien und Scans mit Follow-Me-Printing, Scan2USB- und Scan2mail-Funktionen

  • 120 Schließfächer

  • 450 Garderobenfächer

Der Einrichtung der BBK im 2012 eröffneten Kulturwissenschaftlichen Zentrum (KWZ) der Universität Göttingen waren intensive Gespräche der SUB Göttingen mit der Philosophischen Fakultät und den beteiligten Einrichtungen zur Zusammenführung von insgesamt 22 bislang über das Stadtgebiet verstreuten dezentralen Bibliotheken mit Beständen der SUB Göttingen unter einem Dach vorausgegangen. Im Ergebnis sind – nach vorheriger Dublettenbereinigung – rund 600 000 Titel verschiedener Fachdisziplinen freihand in der BBK zugänglich – zu Öffnungszeiten, die gerade in den kleineren geisteswissenschaftlichen Fächern zuvor nicht realisierbar waren.

Durch den Bau sind zahlreiche ästhetisch ansprechende Arbeitsplätze sowohl für die Einzel- auch Gruppenarbeit entstanden. Das Angebot wird durch Carrels für Langzeitbuchungen (bis zu vier Monaten) sowie einige Carrels für tägliche Kurzzeitbuchungen ergänzt (nach Verfügbarkeit). Die Nachfrage nach Carrels übersteigt das Angebot bei weitem.

BBK Gruppenarbeitsraum, © Martin Liebetruth
Abb. 1:

BBK Gruppenarbeitsraum, © Martin Liebetruth

Im Eingangsbereich der BBK ist die Servicetheke angesiedelt, die von einem zweiköpfigen Servicegruppenteam betreut wird. Als „One-Stop Shop“ steht sie für Auskünfte und technische Beratungen, z. B. zur Nutzung der PC-Arbeitsplätze und ihrer Software, zur Verfügung.

Ebenfalls im Eingangsbereich befindet sich die mit RFID-Schlössern ausgestattete Garderobenanlage: Bei einer Belegung über Nacht wird die Studierenden- bzw. Mitarbeiterkarte automatisch 72 Stunden für die Garderobenbenutzung gesperrt, um ein mehrtägiges Blockieren von Fächern zulasten anderer zu verhindern.

Rund um die Uhr können die Mitarbeiter der Lehrstühle mittels elektronischem Schlüssel die BBK betreten: Sie scannen ihre Mitarbeiterkarte an Terminals, um Zutritt zu erhalten. Für die Ausleihe von Büchern im Self-Service stehen auf allen Stockwerken Selbstverbuchungsgeräte zur Verfügung. Eine durch die bauliche Einbettung der BBK in die umliegenden Gebäude ermöglichte Besonderheit ist, dass dieser Zutritt direkt aus den Bürotrakten erfolgt und Forschende keinen Umweg durch die regulären Eingänge machen müssen.

Wurde das Kulturwissenschaftliche Zentrum mit der BBK als Forschungsneubau im Rahmen der Bund/Länderfinanzierung nach Art. 91 b GG finanziert, so war das Interesse an der Verbesserung der Studienbedingungen seitens der Studierenden und der Fakultät so groß, dass für die Einarbeitung der 20 Bibliotheken der Philosophischen Fakultät Studienbeiträge bereitgestellt wurden. Im regelmäßigen Austausch mit den beteiligten Einrichtungen und mit den Vertretungen der studentischen Fachgruppen werden die Services der BBK weiterentwickelt: Zu ihnen zählen Anschaffungen von Mobiliar für das informelle Arbeiten ebenso wie erweiterte Öffnungszeiten, für die in den letzten Jahren durchweg erfolgreich Anträge auf dezentrale Studienbeiträge bzw. -qualitätsmittel gestellt worden sind.

6 Umbau der Bereichsbibliotheken Forstwissenschaften (BBF) und Physik (BBP) auf dem Nordcampus

Der Umbau in Stichworten:

  • ohne Architekturleistungen

  • Bauzeit: 2014–2015

  • Öffnungszeiten:

  • Nutzer: Studierende, Promovierende, Wissenschaftler der Universität und Privatpersonen

  • Neue Arbeitsräume und -plätze / Ausstattung / Standort der SUB Göttingen:

  • Arbeitsplätze für mobilitätseingeschränkte Nutzer

  • Zugang zu allen E-Ressourcen der SUB Göttingen

  • Keine Aufstellung gedruckter Bestände der SUB Göttingen in den neuen Räumen

Intensive Diskussionen über Möglichkeiten zur Verbesserung der Lern- und Studienbedingungen auf dem Nordcampus (naturwissenschaftlicher Schwerpunkt) führten im Sommer 2013 zur Einrichtung einer Arbeitsgruppe unter Leitung des Universitätspräsidiums mit Vertretern der entsprechenden Fakultäten, Studierenden, des universitären Gebäudemanagements und Vertretern der SUB Göttingen, um Bedarfe zur ermitteln und erste Umsetzungskonzepte zu erarbeiten. Bereits Ende 2013 fiel die Entscheidung zur Schaffung von neuen Arbeitsplätzen für Einzel-, Gruppen- und Seminararbeit mit moderner technischer Ausstattung durch den Umbau vorhandener Räume insbesondere in den Bereichsbibliotheken der SUB Göttingen. Nach der Verlagerung von digital vorhandenen gedruckten Zeitschriften aller Standorte in das zentrale Magazin der SUB Göttingen erfassten Arbeitsgruppen unter Leitung des Gebäudemanagements mit Vertretern der jeweiligen Fakultäten und Studierenden sowie der Benutzungsabteilung der SUB Göttingen pro Standort Raumbedarfe und stimmten die zeitliche Umsetzung ab.

Im Ergebnis entstanden in der BBF und BBP zahlreiche neue Arbeitsplätze, von denen entsprechend den Wünschen der Nutzer der größere Teil für die Gruppenarbeit vorgesehen ist. Auch die technische Ausstattung der Arbeitsplätze (Whiteboards, Monitore, Beamer) sowie die Möblierung sind ganz auf den Nutzerbedarf ausgerichtet.

BBF neue Einzelarbeitsplätze, © Christian von Schnehen
Abb. 2:

BBF neue Einzelarbeitsplätze, © Christian von Schnehen

Die neuen Arbeitsplätze in der BBF und BBP sind deutlich länger als bisher verfügbar: In der BBF sind die neuen Arbeitsräume während der regulären Öffnungszeiten über die Bibliothek zugänglich, während sie außerhalb der Öffnungszeiten der Bibliothek mittels der Studierendenkarte Zutritt erhalten. In der BBP wurden die neuen Einzel- und Gruppenarbeitsräume räumlich völlig von der Bibliothek abgetrennt und stehen bis zur Schließung des Fakultätsgebäudes offen. Die Betreuung dieser Räume liegt bei der Fakultät für Physik. An der SUB Göttingen entstehen durch die Betreuung der neuen Räume in der BBF nur geringfügige, in der BBP keine Mehraufwände.

7 Umbau der Zentralbibliothek (ZB)

Die ZB in Stichworten (nach dem Umbau):

  • bmp Architekten, Göttingen (Umbau)

  • Bauzeit: Mai 2015 bis voraussichtlich September 2016

  • Kosten: ca. 3,5 Mio. €

  • Fläche: 22 000 m2

  • Öffnungszeiten: Mo–Fr: 7 – 1 Uhr und Sa–So: 9–22 Uhr

  • Nutzer: Angehörige der Universität sowie Privatpersonen

  • Systematische Freihandaufstellung von rund 250 000 Bänden

  • Zugang zu allen E-Ressourcen der SUB Göttingen

  • 830 Arbeitsplätze, davon:

    • 435 Einzelarbeitsplätze (in den „Fingern“ der Lesesäle)

    • 92 Einzelarbeitskabinen:

      • 35 für Studierende (Kurzzeitbuchungen)

      • 57 für Promovierende und Gäste (Langzeitbuchungen bis zu 6 Monaten)

  • Gruppenarbeitsmöglichkeiten:

    • 3 Gruppenarbeitsräume mit jew. 8 Arbeitsplätzen (insges. 24 Arbeitsplätze)

    • 10 akustisch abgeschirmte Gruppenarbeits-Bereiche mit jew. 16 Arbeitsplätzen (insges. 160 Arbeitsplätze)

    • 1 Großarbeitsraum mit 70 Arbeitsplätzen (Mitnahme von Jacken und Taschen möglich)

  • Learning Resources Center mit 47 PC-Arbeitsplätzen (u. a. 2 Blindenarbeitsplätze, besondere Software, z. B. SPSS 21, Videoschnittplatz, Posterplotter für A0-Ausdruck, Schneidemaschinen)

  • 1 Eltern-Kind-Raum mit 2 Arbeitsplätzen

  • 2 Lounge-Bereiche für informelles Arbeiten mit Sofas auf den Galerien

  • Zentrale Thekenanlage im EG mit angeschlossenem Selbstabholbereich bestellte Bücher

  • 4 Selbstverbuchungsgeräte

  • 6 Aufsichtscanner, 5 Multifunktionsgeräte für Ausdrucke, Kopien und Scans mit Follow-Me-Printing-, Scan2USB- und Scan2mail-Funktionen

  • 114 Schließfächer

  • 933 Garderobenfächer

  • Betrieb der Bibliothek: SUB Göttingen, Benutzungsabteilung

Die 1993 eröffnete Zentralbibliothek (ZB) der SUB Göttingen wird jährlich von rund 1 Mio. Nutzern besucht. Sich wandelnde Anforderungen an diesen hochfrequent genutzten zentralen Standort der Bibliothek waren der Ausgangspunkt für den 2015 begonnenen Umbau des Bibliotheksgebäudes. Ein Hauptproblem ist die durch die zunehmende Gruppenarbeit stärkere Geräuschentwicklung, die sich in der offenen Gebäudestruktur leicht fortsetzt. Um eine geeignete Zonierung zu entwickeln, wurden durch ein Ingenieurbüro verschiedene Varianten geprüft. Aufgrund dessen wurde ab 2009 mit Studierenden eine neue Nutzungskonzeption entwickelt, welche auch die Zustimmung des ursprünglichen Architekten (Gerber, Dortmund) fand. Das Gesamtkonzept wurde in einer anschließenden Online-Nutzerumfrage mit 325 Teilnehmenden validiert: Einer Beschreibung der gegenwärtigen Einrichtung des Lernraums und neuerer Entwicklungen schlossen sich Vorschläge zur Einrichtung und Gestaltung zusätzlicher Einzel- und Gruppenarbeitsplätze und von Bereichen für das informelle Arbeiten an, die von den Studierenden bewertet wurden. Aufgrund der Umfrageergebnisse wurde das Konzept angepasst und erweitert (Erneuerung Garderobenanlage), um es schrittweise umzusetzen. Parallel konnte im Zuge der Fassadensanierung der unzureichende Blendschutz ersetzt werden. Auch die Erneuerung des Sheddachs über dem Foyer wurde bereits mit Unterstützung der Studierenden vorgenommen, um die Behaglichkeit weiter zu optimieren.

Durch die Verlagerung von Zettelkatalogen und Beständen und die Umwidmung schwächer genutzter Raumangebote (z. B. der Räumlichkeiten der Lehrbuchsammlung oder des Sonderlesesaals) entstanden großräumige Freiflächen für zahlreiche neue Einzel- und Gruppenarbeitsplätze. Neben Einzelarbeitsplätzen in den Lesesälen wurden aufgrund der hohen Nachfrage 35 neue online buchbare Einzelarbeitskabinen zur Kurzzeitnutzung für Studierende eingerichtet. Kurz vor der Fertigstellung stehen weitere Einzelarbeitskabinen, die Promovierenden und Gästen der Universität Göttingen zur Langzeitnutzung (bis zu sechs Monate) zur Verfügung stehen werden. Die Anforderungen waren zuvor in einem gemeinsamen Workshop mit Promovierenden der Göttinger Graduiertenschulen ermittelt worden.

Im weiteren Ergebnis steht für die Gruppenarbeit zum einen ein Großgruppenarbeitsraum mit ca. 70 Arbeitsplätzen zur Verfügung, der durch eine Glaswand von den ruhigen Lesesaalbereichen der ZB getrennt ist. Weitere Gruppenarbeitsbereiche mit insgesamt 160 Arbeitsplätzen entstehen, akustisch abgeschirmt, in den Lesesaalbereichen selbst. Zu ihnen zählen zehn durch Raumteiler ummantelte Gruppenarbeits-„Inseln“, die mit je vier Tischen für jeweils 4 Personen und einem großen Flachbildschirm ausgestattet sind; ein optisches Signal unterstützt die Selbstkontrolle der Gesprächslautstärke. Drei online buchbare Gruppenarbeitsräume mit moderner technischer Ausstattung ergänzen das Angebot. Für das informelle Arbeiten werden Lounge-Bereiche auf Galerien des Foyers eingerichtet.

ZB-Arbeitskabinen für Kurzzeitbuchungen, © Regina Sonnenberg
Abb. 3:

ZB-Arbeitskabinen für Kurzzeitbuchungen, © Regina Sonnenberg

Der im Eingangsbereich angesiedelte Servicethekenbereich führt die bisher über das Gebäude verteilten Theken zusammen: Empfang, Information, Beratung und Rückgabe erfolgen direkt dort. Der angegliederte Selbstabholbereich für aus dem Magazin bestellte Medien ermöglicht die Ausleihe während der gesamten Öffnungszeit.

Die Zahl der Arbeitsplätze wird dank dieser Maßnahmen um ein Viertel erhöht; ihre Attraktivität wird durch ihre Ausdifferenzierung und moderne technische Ausstattung wesentlich gesteigert. Das Personal wird weniger für administrative Aufgaben (Kasse, Verbuchung) als für Information und Beratung eingesetzt. Die Studierenden unterstützen den Umbau bis zum Abschluss in einer Lenkungsgruppe.

8 Ergebnisse

Durch den Um- und Neubau von Standorten der SUB Göttingen wurde das Angebot an Arbeitsplätzen erheblich vergrößert und zugleich an unterschiedliche, im Vorfeld konsequent erhobene Nutzungsbedürfnisse ausgerichtet. Neben neuen Einzelarbeitsplätzen tragen neue Gruppenarbeitsplätze und – an den größeren Standorten – neue Lounge- und Pausenbereiche insbesondere auch den Bedürfnissen der Nutzer Rechnung, um konzentriert oder informell in Teams und Projektgruppen arbeiten zu können.3

Tab. 1:

Übersicht der neuen Lernorte an der SUB Göttingen

Die Notwendigkeit und Attraktivität der neuen Arbeitsbereiche wird durch die Besucherzahlen aller Standorte bestätigt: Die Gesamtzahl der Besuche ist – trotz z. T. umbaubedingter Einschränkungen und damit verbundener zeitweiliger leichter Rückgänge an einzelnen Standorten – von 2013 (1 624 064 Besuche) bis 2015 (1 782 819 ) um rund 10 % gestiegen. Auch das Beispiel des hier nicht eingehend betrachteten LSG zeigt, in welch hohem Maße ein breites Angebot räumlich und technisch ausdifferenzierter Arbeitsplätze und selbstregulierender Angebote modernen Nutzungsanforderungen entspricht: Seit Eröffnung des LSG steigen die Anmeldungen im Buchungssystem kontinuierlich (2014: 173 047 Anmeldungen, 2015: 212 491 Anmeldungen: eine Steigerung um 23 %).

Mit allen Maßnahmen trägt die SUB Göttingen maßgeblich zur Weiterentwicklung des Arbeitsplatzangebotes infolge des digitalen Wandels als einem universitären Kernservice bei. Bezieht man weitere auf dem Göttinger Campus verfügbare Arbeitsplätze ein, wird die außerordentlich hohe erreichte Versorgungsdichte deutlich: An der Universität Göttingen stehen 28 700 Studierenden 4 799 Arbeitsplätze (davon 1 735 in Seminar und Institutsbibliotheken) zur Verfügung. ca. 16,7 % der Studierenden wird damit ein Arbeitsplatz geboten. Die für den Bibliotheksbau gültige DIN-Norm zum Verhältnis von Arbeitsplätzen und Studierenden (15 %) wird eingelöst.

Zugleich kann dieses neue Angebot ausgesprochen ressourcenbewusst betrieben werden: Die Konzentration von Standorten (BBK) und von Thekenservices (BBK, ZB), Self-Service und selbstregulierende Angebote wie Schließfächer (BBK, ZB) und die Automatisierung von Raumbuchungen (ZB) stellen nicht nur komfortable Nutzungsangebote dar, sondern ermöglichen zudem eine deutliche Reduzierung des erforderlichen Personaleinsatzes.

9 Ausblick

Anhand der außerordentlich guten Akzeptanz der neuen Arbeitsplätze an der SUB Göttingen ist abzulesen, wie wichtig eine hohe Arbeits- und Aufenthaltsqualität von Bibliotheken als physischem Raum ist, verbunden mit dem Einsatz hochmoderner Technologie. Der Rückgang der Buchaufstellungsflächen ermöglicht die Erhöhung der Arbeitsplatzanzahl und ihre Ausdifferenzierung und Entflechtung.

Die wachsende Diversität von Arbeitsplätzen hat ihren Abschluss noch nicht gefunden. In der Zentralbibliothek schafft die Aufgabe von getrennter Lehrbuchsammlung und konventioneller Leihstelle im nördlichen Teil des Erdgeschosses der Zentralbibliothek eine große Fläche, auf welcher in den nächsten Jahren weitere neue Angebote entstehen (z. B. Studio, Medienlabor, Trainingsräume). Auch in weiteren Bibliotheken, z. B. am Waldweg (Pädagogik, Psychologie, Sport, Fachdidaktiken), sollen im Zuge des Ausbaus als Zentrum der Lehrerbildung weitere attraktive Arbeitsplätze für Studierende geschaffen werden.

Angesichts des anhaltenden Wandels, welcher zunehmend von der Arbeitsweise der Digital Natives getragen wird, ist neben der Beobachtung der gesellschaftlichen Trends und technologischen Innovationen die konsequente Einbindung der Studierenden und Fakultäten für die Weiterentwicklung der Raumnutzungskonzepte unabdingbar: passgenau auf die Bedürfnisse spezifischer Nutzergruppen zugeschnittene Arbeits- und Kommunikationsräume, offene Kreativräume sowie flexibel an die individuellen Bedürfnisse anpassbare Arbeitsflächen werden an Bedeutung gewinnen. Aufgrund der Entwicklung der Emerging Technologies in den Bereichen bildgebender Verfahren, 3D und Datenvisualisierung werden aufwändige raumgebundene Infrastrukturen erforderlich, welche von verschiedenen Disziplinen genutzt und auch ihren Platz in der Lehre finden werden. Die Bibliothek wird ihre Bedeutung hier steigern können, wenn sie die enge Abstimmung mit den Fakultäten und Studierenden sucht und die Zusammenarbeit mit Rechenzentrum und Gebäudemanagement ausbaut. Diversität unterstützen bedeutet zugleich, die weiterhin wichtigen Angebote in den Bereichen Kulturelles Erbe, Sammlungsausbau und Verfügbarkeit nur gedruckt vorliegender Informationen nicht zu vernachlässigen. Weder machen Magazin, Katalog und Lesesaal die Bibliothek, noch kann sie darauf verzichten.

Literaturverzeichnis

  • Helmkamp, Kerstin (2015): Automatisierung im Zuge des digitalen Wandels von Benutzungsservices: das neue Lern- und Studiengebäude (LSG) und die Verbesserungen der Studien- und Lernbedingungen am Campus-Nord der Universität Göttingen. In: O-bib, 2 (4), 192–201.Google Scholar

Footnotes

  • 1

    Helmkamp (2015). 

  • 3

    LSG: Das Lern- und Studiengebäude wird an anderer Stelle ausführlich beschrieben (s. o.). 

About the article

Published Online: 2016-11-30

Published in Print: 2016-12-01


Citation Information: Bibliothek Forschung und Praxis, Volume 40, Issue 3, Pages 444–451, ISSN (Online) 1865-7648, ISSN (Print) 0341-4183, DOI: https://doi.org/10.1515/bfp-2016-0049.

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