Jump to ContentJump to Main Navigation
Show Summary Details
More options …

Bibliothek Forschung und Praxis

Ed. by Bonte, Achim / Degkwitz, Andreas / Horstmann, Wolfram / Kaegbein, Paul / Keller, Alice / Kellersohn, Antje / Lux, Claudia / Marwinski, Konrad / Mittler, Elmar / Rachinger, Johanna / Seadle, Michael / Vodosek, Peter / Vogt, Hannelore / Vonhof, Cornelia

3 Issues per year

Online
ISSN
1865-7648
See all formats and pricing
More options …
Volume 41, Issue 2

Issues

Bibliotheks- und Informationseinrichtungen als Partner für eine nachhaltige Entwicklung

Der bibliothekarische Weltverband IFLA und die Agenda 2030 der Vereinten Nationen. Mit einem Interview mit Stuart Hamilton, Director Policy & Advocacy, IFLA-Zentrale in Den Haag.

Dr. Christine Wellems
Published Online: 2017-07-12 | DOI: https://doi.org/10.1515/bfp-2017-0007

Zusammenfassung

Der bibliothekarische Weltverband IFLA engagiert sich auf globaler Ebene für bibliotheks- und informationspolitische Themen. Im Rahmen dieser advocacy ist es der IFLA gelungen, in die Verhandlungen der Vereinten Nationen zur „Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“ ihre Positionen einzubringen. Innerhalb der hier definierten nachhaltigen Entwicklungsziele wurde unter Ziel 16.10 „Zugang zur Information gewährleisten“ aufgenommen, die Bedeutung des Zugangs zur Information für die Erreichung aller 17 nachhaltigen Entwicklungsziele wurde herausgestellt und Bibliotheken als Partner zur Erreichung der Ziele bekannt gemacht. Jetzt haben weltweit die Bibliotheksverbände, Einrichtungen und einzelne Bibliotheken die Chance, ihren Beitrag zur Erreichung der Ziele zu leisten.

Der Artikel enthält ein Interview mit dem Direktor Policy & Advocacy der IFLA, Stuart Hamilton, der die Verhandlungen für die Agenda 2030 von Anfang an aktiv begleitet hat.

Abstract

The International Federation of Library Associations and Institutions (IFLA) campaigns on a global level for library and information matters. Within this framework of advocacy IFLA has been successful in introducing its position into the negotiations of the United Nations on the UN 2030 Agenda for Sustainable Development. Under goal 16.10 “ensure public access to information” has been included in the agenda. IFLA was also successful in pointing out that access to information is a key to achieve all other 17 targets of the 2030 agenda and libraries and information institutions are worldwide partners in this process. Library associations and institutions and also all libraries now have the chance to participate in achieving the targets of the UN 2030 Agenda.

Schlüsselwörter: Agenda 2030 der Vereinten Nationen; Internationale Vereinigung bibliothekarischer Verbände und Einrichtungen IFLA; Zugang zu Information; Bibliothekswesen

Keywords: UN 2030 Agenda; International Federation of Library Associations and Institutions IFLA; access to information; library community

1 Zwischen fachlicher Arbeit und globaler Advocacy – ein persönlicher Blick auf die Aktivitäten der IFLA

So wie bei vielen Fachkollegen entstand mein Engagement im bibliothekarischen Weltverband IFLA0 (International Federation of Library Associations and Institutions) aus dem Bedürfnis heraus, im fachlichen Austausch mit internationalen Kollegen zu lernen, von anderen Erfahrungen zu profitieren und Teil eines beruflichen Netzwerks zu werden. Die Welt der deutschen Parlamentsbibliotheken hatte ich bereits intensiv erkundet, und so schien mir ein Austausch auf internationaler Ebene als nächster logischer Schritt. Die Struktur der IFLA, die eine Mitgliedschaft und aktive Mitarbeit in fachlichen Sektionen und speziellen Interessengruppen fördert, erwies sich für meine Ziele als genau das Richtige. Meine fachliche IFLA-Heimat wurde die Sektion Bibliotheken und Wissenschaftliche Dienste für Parlamente. Hier machte und mache ich auch heute Erfahrungen, die nur in einer solchen internationalen Gruppe von Kollegen aus unterschiedlichen Kulturen und politischen Systemen möglich sind. Nicht jede Erfahrung konnte oder kann ich in der Hamburgischen Parlamentsbibliothek umsetzen, aber die Kenntnisse über die in meiner Sektion vertretenen Parlaments- und Behördenbibliotheken hat mir doch in manchen Situationen zu Hause einen Erkenntnisvorsprung verschafft und den Blick für Wichtiges und Mögliches geschärft.

Erst allmählich wurde mir klar, dass die IFLA nicht nur aus der Arbeit der Mitglieder in den Sektionen, aus den Weltkongressen, der Erstellung von Richtlinien, aus dem IFLA-Journal und Vorkonferenzen in ausländischen Parlamenten besteht. Unter deutschen Präsidentin Claudia Lux wurde das Thema „Bibliotheken auf die Agenda“ Leitlinie für die beiden Jahre ihrer Amtszeit. Frau Lux ließ auf drei „Presidential Meetings“ 2007 bis 2009 und während des IFLA-Weltkongresses Aspekte dieses Themas intensiv diskutieren. Der Aspekt der globalen, regionalen und nationalen politischen Lobbyarbeit der IFLA (besser beschrieben mit dem englischen Wort advocacy, für das es keine gute deutsche Übersetzung gibt) tritt nach meiner Einschätzung seit dieser Zeit immer stärker hervor – auch wenn die IFLA diese Aufgaben auch schon vorher wahrgenommen hatte. In meiner Wahrnehmung hat die bibliothekspolitische und strategische Arbeit der IFLA an Umfang und Bedeutung seit etwa 2007 ständig zugenommen. Dies lässt sich auch an den Themen der jeweiligen IFLA-Präsidentinnen ablesen: von „Bibliotheken auf die Agenda“ (Claudia Lux) über „Bibliotheken – Kräfte des Wandels“ (Ingrid Parent) und „Starke Bibliotheken, starke Gesellschaften“ (Sinikka Sipilä) zum aktuellen Thema der Präsidentin Donna Scheeder „Bibliotheken – Aufruf zum Handeln“.

Die fachliche Arbeit in den Sektionen und Interessengruppen der IFLA erfolgt ausschließlich durch die ehrenamtliche Mitarbeit der IFLA-Aktiven, die nur bei organisatorischen Aufgaben durch die IFLA-Zentrale unterstützt werden. Für eine erfolgreiche Lobbyarbeit reicht ehrenamtliches Engagement allerdings nicht aus, es kann nur mit entsprechend qualifizierten hauptamtlich Beschäftigten erfolgen. Entsprechend hat die IFLA-Zentrale dafür personelle Ressourcen geschaffen: ein Beispiel dafür ist die erst 2008 eingerichtete Position eines hauptamtlichen „Politikberaters“ (Director, Policy & Advocacy). Dass dem Direktor Stuart Hamilton inzwischen vier Kollegen in der Zentrale in Den Haag zuarbeiten, unterstreicht die wachsende Bedeutung dieses Aufgabengebiets innerhalb der IFLA.

2 Die Aktivitäten der IFLA im Bereich der Advocacy – einige Beispiele

Schaut man auf die Website der IFLA, so findet man rasch die wichtigsten Themenfelder, in denen sich der Weltverband in dieser Dekade bibliothekspolitisch positioniert.

So finden sich unter dem Stichwort „strategische Aktivitäten“ zwei Komitees, deren Namen zentrale Aspekte der IFLA-Arbeit widerspiegeln: das Komitee „Freiheit beim Zugang zu Information und Rede- und Meinungsfreiheit“ (Freedom of access to information and freedom of expression (FAIFE)) und das Komitee zu „Copyright und anderen rechtlichen Angelegenheiten“ (Committee on Copyright and other legal matters (CLM)). Die Komitees beschäftigen sich schwerpunktmäßig mit dem öffentlichen Zugang zu Information, mit dem Zugang zu digitaler Information, dem Recht auf Privatheit von Nutzerdaten in Bibliotheken, mit Zensur und Überwachung im Internet, mit Urheberrechtsfragen, mit dem „Recht auf Vergessenwerden“, mit E-Books und E-Lending. Beide Komitees bestehen aus fachlich spezialisierten IFLA-Mitgliedern, die vom IFLA-Headquarter unterstützt werden und ihr Knowhow für Berichte, Positionspapiere, Pressemeldungen und Beratungen zur Verfügung stellen. Die politische Lobbyarbeit der IFLA führt jedoch noch weiter. Die Positionen der IFLA zu den bibliotheks- und informationspolitischen Themen müssen in die entsprechenden politischen Umgebungen auf globaler und nationaler Ebene einfließen. Nur so wird die „globale Stimme“ der Bibliotheken gehört und nur so kann auf politische Akteure bis hin zur Gesetzgebung Einfluss genommen werden.

Ein Mittel, sich Gehör zu verschaffen und Einfluss zu nehmen, ist die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen, die ähnliche Themen behandeln, und die gemeinsame Aktionen wie z. B. die Präsenz bei entsprechenden Anhörungen, bei Workshops, auf Treffen der Organisationen oder in politischen Gremien planen.

Während der Eröffnungsveranstaltung zum BID-Kongress 2016 in Leipzig zählte Frau Dr. Metze-Mangold, die Präsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission, in ihrer Rede eine Vielzahl von Publikationen auf, die die IFLA gemeinsam mit der UNESCO veröffentlicht hat, so das UNESCO/IFLA-Manifest von 1994 zu Öffentlichen Bibliotheken oder auch das UNESCO/IFLA-Schulbibliotheksmanifest und das UNESCO/IFLA-Manifest zur multikulturellen Bibliothek.

Die gemeinsamen Manifeste machen deutlich, warum die UNESCO seit vielen Jahren ein wichtiger strategischer Partner für die IFLA ist. Als Sondereinrichtung der Vereinten Nationen umfasst ihr Aufgabenfeld den Bereich Bildung, Wissenschaft und Kultur, sie beschäftigt sich zusätzlich mit Themen der Informationsgesellschaft, mit dem freien Zugang zur Information und der Informations- und Medienkompetenz. Wegen dieser inhaltlichen Nähe ist die IFLA ist seit langem formal assoziierter Partner bei der UNESCO und arbeitet im politischen Bereich eng mit ihr zusammen. Bei Einrichtungen wie den Vereinten Nationen, der WIPO (Weltorganisation für geistiges Eigentum), bei der ISO (Internationale Organisation für Normung) und bei der Welthandelsorganisation WTO hat die IFLA Beobachterstatus.

Ein gutes Beispiel für die Zusammenarbeit der IFLA mit der WIPO ist die Arbeit des IFLA-CLM-Komitees mit dem Ständigen Komitee zur Urheberrecht und verwandten Rechten der WIPO zur internationalen Urheberrechtsreform (WIPO Standing Committee on Copyright and Related Rights (SCCR)). Die IFLA-Delegation ist bei den Tagungen anwesend und macht Vorschläge zu den Ausnahmen und Begrenzungen von Urheberrechten für Bibliotheken. Die Arbeit auf der globalen WIPO-Ebene, z. B. zu verwaisten Werken, grenzübergreifender Arbeit oder Buchimporten aus dem Ausland, muss dann auf nationaler Ebene fortgeführt werden.

Eine andere wichtige Plattform für die IFLA-Advocacy war und ist die von den Vereinten Nationen ins Leben gerufene Konferenz „Weltgipfel zur Informationsgesellschaft“ (World Summit on the Information Society (WSIS)), deren erste Sitzung 2003 in Genf stattfand. Hier wurden von den Delegierten Themen wie die Verringerung der sog. digitalen Spaltung, Informations- und Meinungsfreiheit und Urheberrecht behandelt. Da an den Gipfeltreffen neben Vertreten von Mitgliedstaaten auch Vertreter der Zivilgesellschaft und des privaten Sektors teilnehmen durften, konnte IFLA bibliotheks- und informationspolitische Themen mit einbringen.1 In der TUNIS Agenda 2005, die ein Ergebnis des Weltgipfels ist, wird die Rolle von Bibliotheken für den öffentlichen und preiswerten Zugang zur Information und bei der Schaffung von Informationskompetenz explizit anerkannt. Seit 2005 hat die IFLA sich an der Umsetzung der WSIS-Aktionspläne, an den Folgeveranstaltungen und den jährlichen WSIS-Foren beteiligt. Inzwischen konzentriert sich die IFLA auf die Teilnahme an dem aus dem Weltgipfel entstandenen „Internet Governance Forum“.

3 Der lange Weg nach New York – die Rolle der IFLA bei der Entwicklung der „Post-2015-Development-Goals“ und der „Agenda 2030 der Vereinten Nationen“

Seit einigen Jahren besitzt die IFLA bei den Vereinten Nationen einen Beobachterstatus, der es ihr ermöglicht, an Beratungen, Sitzungen und Workshops der UN teilzunehmen. Durch die entsprechende Präsenz ist die IFLA rechtzeitig über Themen informiert, die für ihre Mitglieder von Interesse sind. Wie es gelang, die IFLA-Themen in „eines der ambitioniertesten Projekte unserer Zeit“ einzubringen (BMZ 2016), ist spannend und lehrreich zugleich. In einem Interview mit dem Direktor für Politik & Advocacy Stuart Hamilton wird über diese Aktivitäten aus erster Hand berichtet.4

Zuvor noch einige Erläuterungen zu dem Thema: Die deutsche Bundesregierung bezeichnet die im September 2015 von den Vereinten Nationen verabschiedeten „Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“5 als den „Zukunftsvertrag für die Welt“, dessen Ziel es ist, den Menschen weltweit ein Leben in Würde zu ermöglichen.6 Wie bei solchen weltweit wirksamen Projekten üblich wurde auch diese Agenda in einem mehrstufigen Prozess von einer Reihe von Arbeitsgruppen und Komitees über einen längeren Zeitraum entwickelt und erarbeitet, bis eine endgültige Fassung von den UN-Mitgliedstaaten auf der Generalversammlung der Vereinten Nationen im September 2015 verabschiedet wurde.7

Bereits seit 2001 beschäftigten sich die Vereinten Nationen mit Überlegungen, welches Zukunftsprogramm auf die für 2000 bis 2015 festgelegten sog. Milleniumsziele folgen sollte. Im Juli 2012 wurde noch unter dem Arbeitstitel „Nach-2015-Entwicklungsagenda“ durch den Generalsekretär eine hochrangige Arbeitsgruppe („High-level Panel of Eminent Persons on the Post-2015 Development Agenda“) eingesetzt, der auch der frühere deutsche Bundespräsident Horst Köhler angehörte. In ihrem Abschlussbericht8 gab die Arbeitsgruppe im Mai 2013 dem Generalsekretär Empfehlungen für eine neue Agenda mit dem Ziel eines Lebens in Würde für alle. Eine weitere Arbeitsgruppe, die Open Working Group, in der Deutschland sich einen Sitz mit Frankreich und der Schweiz teilte, erarbeitete die nachhaltigen Entwicklungsziele, mit denen die Empfehlungen erreicht werden sollten. Die Vorstellung der „Nachhaltigkeit“ der Ziele bildet einen inhaltlichen Schwerpunkt, eine weitere Neuerung im Vergleich zu den Milleniumszielen ist die Einbeziehung aller Staaten, d. h., eine globale Partnerschaft der Entwicklungs-, Industrie- und Schwellenländer. Von der oben genannten Open Working Group wurden insgesamt 17 nachhaltige Entwicklungsziele erarbeitet, die sich in 169 Unterziele aufgliedern. Alle Ziele und Unterziele sollen auf alle Staaten anwendbar sein und sie zielen darauf, Armut und Hunger zu beseitigen, Bildung, Gesundheit, Geschlechtergleichstellung zu ermöglichen und zu verbessern. Es geht um Infrastruktur, Klimaschutz und erneuerbaren Energien, Wohnen, Biodiversität, Frieden, Sicherheit und Regierungsführung, um nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster und menschenwürdige Beschäftigung.9

Für Bibliotheks- und Informationseinrichtungen wichtig ist das nachhaltige Entwicklungsziel 16.10.

4 Den öffentlichen Zugang zu Informationen gewährleisten und die Grundfreiheiten schützen, im Einklang mit den nationalen Rechtsvorschriften und völkerrechtlichen Übereinkünften: 16.10

Wie es der IFLA gelungen ist, die Formulierung unter 16.10 „Den öffentlichen Zugang zu Informationen gewährleisten“ einzubringen und gleichzeitig die Bedeutung von Bibliotheken bei der Umsetzung anderer nachhaltigen Entwicklungsziele herauszustellen, schildert Stuart Hamilton anschaulich (siehe Interview).

Im Grunde ist die Advocacy-Arbeit der IFLA auf der globalen Ebene mit der Verabschiedung der Agenda, die den endgültigen Namen Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung (Kurzform ist Agenda 2030) trägt, beendet. Wie geht es nun weiter? Die Ziele der Agenda werden in den Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen in nationale Entwicklungspläne aufgenommen, und jeder Mitgliedstaat soll Beiträge zur Umsetzung formulieren. Damit sind im Hinblick auf den Beitrag von Bibliotheken und Informationseinrichtungen die IFLA-Mitglieder, die nationalen Bibliotheksverbände sowie einzelne Bibliotheken in der Pflicht: Sie werden sich an der Erreichung der Ziele beteiligen. Sie müssen neue bibliotheksspezifische Dienste entwickeln und überlegen, ob Dienste vorhanden sind, die man in die Themen der Agenda einbringen kann oder können Dienste angepasst werden? Bereits heute, weniger als ein Jahr nach der Verabschiedung, gibt es eine Reihe von Beispielen, wie sich Bibliotheken weltweit an der Umsetzung der nachhaltigen Entwicklungsziele beteiligen. Die Beispiele sind sehr motivierend und aufschlussreich, sie geben eine nützliche Hilfestellung für eigene Ideen. Einige schöne Beispiele hat die IFLA in einer Broschüre zusammengefasst, die im Juni 2016 erschienen ist, die deutsche Übersetzung kurze Zeit später. Interessant und motivierend für Bibliotheken sowie für die Kommunikation des Deutschen Bibliotheksverbands mit dem für den deutschen nationalen Entwicklungsplan zur UN Agenda 2030 zuständigen Ministerium. Gewiss wird sich eine Sitzung auf dem Deutsche Bibliothekartag 2017 mit diesem Thema beschäftigen.

5 Interview mit Stuart Hamilton, bis März 2017 Director Policy & Advocacy, IFLA-Zentrale, Den Haag am 19. Mai 2016910

Foto Stuart Hamilton
Abb. 1:

Foto Stuart Hamilton

CW:11 Stuart, Sie sind seit 2008 im IFLA-Headquarter in Den Haag für den Bereich der Advocacy zuständig und haben in dieser Funktion u. a. auch die IFLA-Aktivitäten für die Agenda 2030 der Vereinten Nationen begleitet und mitgestaltet. Wann begann eigentlich dieser Prozess?

SH: Lassen Sie mich kurz noch zurückgehen auf die sog. Milleniumsziele, die durch die Agenda 2030 abgelöst wurden. Auch bei diesen Zielen kamen Bibliotheken vor, aber eher reaktiv. Vor allem waren bei der Entwicklung der Ziele und der späteren Verhandlungen für die Milleniumsziele die Nicht-Regierungsorganisationen, Interessenvertreter und Vertreter der Zivilgesellschaft nicht in dem Maße beteiligt, wie dies bei der Agenda 2030 dann der Fall war. Die Milleniumsziele wurden im Wesentlichen durch die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen beschlossen.

Unsere Arbeit im Rahmen der Agenda 2030 begann 2012. Damals war ich Teilnehmer an der Rio+20-Konferenz in Brasilien, der Konferenz der Vereinten Nationen über nachhaltige Entwicklung. Ich hatte dort die Aufgabe, einen Workshop gemeinsam mit einem Kollegen von der Initiative „Beyond access“ zu moderieren, in dem es um die Rolle Öffentlicher Bibliotheken für Entwicklung ging. Also eine Art von „promotion“ für öffentliche Bibliotheken. Im Rahmen der Konferenz erhielt ich viele Informationen über das Konzept der nachhaltigen Entwicklungsziele, das dort vorgestellt und erstmalig im Entwurf diskutiert wurde. Als ich den Vertretern der UNESCO, der Vereinten Nationen und anderen hochrangigen Rednern zuhörte, wurde mir klar, dass eine sehr wichtige und bedeutende Agenda entstehen würde, ein „big thing“. Ich hatte bereits Lobbyarbeit in Genf und Paris gemacht, aber dieses hier war erstmals eine wirklich globale Angelegenheit.

Also ging ich zu einer Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York und beriet mich mit Kolleginnen und Kollegen anderer Interessengruppen und Vertretern der Zivilgesellschaft darüber, wie sich die IFLA in die Verhandlungen würde einbringen können. Bei der Entwicklung der Agenda 2030 wurden die Nichtregierungsorganisationen und Interessengruppen tatsächlich ganz stark einbezogen. Da die IFLA einen sog. „consultative status“ beim Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen, dem ECOSOC, hat, können wir ohne Einladung an praktisch allen Sitzungen und Beratungen der Vereinten Nationen teilnehmen. Das ist sehr nützlich, denn es gibt Zehntausende von Interessengruppen in der Welt, die sich gerne einbringen wollen.

Wie muss man sich Ihre Arbeit für die Agenda 2030 in den folgenden Jahren vorstellen?

Es gab zwei wichtige Arbeitsgruppen bzw. Arbeitsprozesse:

Die erste wichtige Gruppe war die „Open Working Group on Sustainable Development Goals“, in der von etwa 60 Mitgliedstaaten seit 2014 „draft goals“ entwickelt wurden. Die IFLA war hier natürlich kein Mitglied, sondern hatte Beobachterstatus. Zusammen mit zahlreichen Kolleginnen und Kollegen aus anderen NGOs habe ich teilgenommen, in den Pausen, zwischen den Sitzungen und abends bei Empfängen mit den Delegierten gesprochen, Papiere überreicht und Briefe geschrieben. Zusätzlich haben wir als IFLA auch die Möglichkeit genutzt, unsere Mitglieder zu aktivieren, d. h., die nationalen Bibliotheksverbände wurden gebeten, ihre nationalen Vertreter bei den Vereinten Nationen über unsere bibliothekspolitischen Ziele zu informieren, um zu erreichen, dass Mitgliedstaaten in den Sitzungen unsere Position vertreten. So war z. B. Deutschland eine sehr große Hilfe, ein „friendly government“, wir haben sogar den deutschen Vertreter bei den Vereinten Nationen getroffen, der vom Deutschen Bibliotheksverband informiert war, und wir konnten ihm unsere Position erläutern. Ich bin ziemlich sicher, dass es uns auch mithilfe des Deutschen Vertreters gelungen ist, beinahe am Ende der Verhandlungen noch zu erreichen, dass folgende Vision in die Präambel der Agenda aufgenommen wurde: „Eine Welt, in der alle Menschen lesen und schreiben können.“12

Belegen kann man dies natürlich nicht, da die Verhandlungen und Abstimmungen zwischen den Mitgliedstaaten vertraulich bleiben.

Nach der Überreichung des Berichts der Open Working Group im September 2014 begannen dann die Verhandlungen zwischen den Mitgliedstaaten, die „intergovernmental negotiations“, über die Endfassung der Agenda bei den Vereinten Nationen in New York. Damals habe ich Donna Scheeder, die designierte IFLA-Präsidentin aus Washington und Loida Garcia Febo, die Mitglied des Governing Board ist und in New York lebt, „rekrutiert“, d. h., sie haben einige Sitzungen besucht.

Die Agenda wurde von Januar bis September 2015 in monatlichen Sitzungen bei den Vereinten Nationen verhandelt. Ich habe an etwa ¾ der Sitzungen in New York teilgenommen, die übrigen wurden von Donna Scheeder und Loida Garcia Febo besucht. Was war unsere Aufgabe dort? Wir haben zusammen mit den anderen Organisationen und Interessenvertretern an Arbeitsgruppen und informellen Treffen teilgenommen, wir haben Gespräche mit Vertretern der Mitgliedstaaten geführt und Positionspapiere und Kommentare vorbereitet. Zweimal ist es uns gelungen, innerhalb der Sitzung einen mündlichen Beitrag zu leisten, eine sog. „intervention on the floor“, zu der man sich melden kann und dann aufgerufen wird. Bei unseren Interventionen ging es darum, die Bedeutung von freiem Zugang zur Information zu betonen und deren Bedeutung für die Entwicklungsziele wie Transparenz, Accountability und Teilhabe stärker herauszustellen. Der genauen Text einer Intervention durch Donna Scheeder aus einer Sitzung in New York findet sich hier.13 Bei dieser Intervention hatten wir das Glück, dass der Vorsitzende sogar die Formulierung „Zugang zur Information“ wiederholte und diese als wichtig bezeichnete. Das war für uns ein großer Erfolg. Ein Ergebnis einer Intervention ist natürlich auch, dass man bekannt wird und damit auch die Organisation, die man vertritt.

Wie lässt sich die inhaltliche Arbeit beschreiben, mit der Einfluss auf die Agenda 2030 genommen wurde?

Wir haben uns während der gesamten Verhandlungen auf die Lyon Declaration (Lyoner Erklärung über den Zugang zu Information und Entwicklung14) bezogen, die ja von über 600 Einrichtungen unterschrieben wurde und sich direkt an die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen wendet. Die Deklaration wurde übergeben und in einer Intervention hat Donna Scheeder auf die wichtigsten Punkte aufmerksam gemacht. Es sollte deutlich gemacht werden, dass der freie Zugang zu Information als Ziel in die Agenda aufgenommen werden sollte und dass für die Erreichung der nachhaltigen Entwicklungsziele der Zugang zur Information unabdingbar ist.

Hier ein Zitat aus der Intervention: „Increased access to information is a cross-cutting issue that will contribute to the achievement of all goals – whether in health, education, transparency and accountability: all goals will benefit from people being able to know more about how to achieve them.“15

Inzwischen wurde die Agenda verabschiedet. Ist nun eigentlich die Arbeit der IFLA auf diesem Feld beendet? Oder wie geht es weiter?

Nein, wir sind weiter aktiv. Zunächst haben wir nach der Verabschiedung das IFLA-Toolkit16 für die Arbeit in den nationalen Verbänden aktualisiert. Es soll den Mitgliedern helfen, auf nationaler Ebene die Themen zu verfolgen. In den nächsten Wochen wird die IFLA eine Broschüre an alle Mitglieder versenden, in der beispielhaft gezeigt wird, was Bibliotheken zur Erreichung der nachhaltigen Ziele tun können. Hier wird auch gezeigt, was einzelne Bibliotheken erreicht haben. Die Broschüre enthält auch Empfehlungen für Politiker, so dass Bibliothekare zu den zuständigen Behörden gehen und die Broschüre dort übergeben können.17

Wird es ein Feedback aus den Mitgliedstaaten an die IFLA zu Thema Agenda 2030 geben?

Ja, wir werden auf der Konferenz in Columbus/Ohio eine Reihe von Sitzungen zu diesem Thema haben.

Für uns folgt eine weitere große Aufgabe: Wir sind in diesem Jahr involviert in das Konzept des Monitoring für die Erreichung der Ziele der Agenda 2030. Es werden Indikatoren und Impact-Faktoren (Wirkungsfaktoren) entwickelt, mit deren Hilfe die Erreichung der Ziele in den kommenden 15 Jahren erfolgen soll. Auch hier sind wir beteiligt. Auch dazu findet sich bereits eine Beschreibung in der Lyon Declaration.

Lassen Sie mich noch eines sagen, sozusagen als abschließende Bewertung: Für die Library Community, also das Bibliotheks- und Informationswesen, ist die Agenda 2030 der Anfang von etwas. Wir waren mit am Tisch, wir haben unsere Meinung gesagt, man hat uns zugehört, unsere Themen wurden einbezogen, wir können mit dem Zugang zur Information zu so vielen nachhaltigen Entwicklungszielen beitragen. Wenn wir positiv und kreativ sind, kann jede Bibliotheksgemeinschaft weltweit ihren Beitrag zu der Agenda 2030 leisten.

Lieber Stuart Hamilton, vielen Dank für die vielen interessanten Informationen.

Literaturverzeichnis

Footnotes

About the article

Published Online: 2017-07-12

Published in Print: 2017-07-06


Citation Information: Bibliothek Forschung und Praxis, Volume 41, Issue 2, Pages 250–256, ISSN (Online) 1865-7648, ISSN (Print) 0341-4183, DOI: https://doi.org/10.1515/bfp-2017-0007.

Export Citation

© 2017 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston.Get Permission

Comments (0)

Please log in or register to comment.
Log in