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Bibliothek Forschung und Praxis

Ed. by Bonte, Achim / Degkwitz, Andreas / Horstmann, Wolfram / Kaegbein, Paul / Keller, Alice / Kellersohn, Antje / Lux, Claudia / Marwinski, Konrad / Mittler, Elmar / Rachinger, Johanna / Seadle, Michael / Vodosek, Peter / Vogt, Hannelore / Vonhof, Cornelia

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ISSN
1865-7648
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Volume 42, Issue 2

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Editorial

Dr. Achim Bonte , Stellvertreter des GeneraldirektorsORCID iD: https://orcid.org/0000-0002-5642-6743 / Dr. Barbara Wiermann , Leiterin MusikabteilungORCID iD: https://orcid.org/0000-0002-0343-1135
Published Online: 2018-06-01 | DOI: https://doi.org/10.1515/bfp-2018-0044

Wer dieses Heft mit dem umfangreichen Themenschwerpunkt zur digitalen Forschungsinfrastruktur für die Musikwissenschaft durchblättert, könnte vermuten, das Fach sei bereits gründlich im digitalen Zeitalter angekommen. Dieser Eindruck täuscht. Wenngleich die hier vorgestellten Überlegungen und konkreten Projekte durchaus bemerkenswert sind und die „Gesellschaft für Musikforschung“ seit Herbst 2017 immerhin eine Fachgruppe „Digitale Musikwissenschaft“ kennt, sind wie in anderen Kulturwissenschaften auch in der Musikwissenschaft in ihrer Breite noch Überzeugungsarbeit zu leisten, Kompetenzen aufzubauen und Verfahrenswege zu bahnen, um von den erweiterten Erkenntnismöglichkeiten durch computergestützte Methoden tatsächlich umfassend zu profitieren. Dieses Heft will dazu anregen, die Chancen digitaler Musikwissenschaft entschlossen zu nutzen, ohne dadurch bewährte herkömmliche Forschungsverfahren zu negieren, die Methodenreflexion zu vernachlässigen oder gar Qualitätsansprüche zu mindern.

Worin bestehen die Chancen der digitalen Musikforschung? Unbestrittenen Schub erzeugen retrospektive Digitalisierung und digitale Methoden zum Beispiel in den Bereichen der Musikedition, der quantitativen Analyse, der Erkennung von Bildmustern und Tonsequenzen oder der Visualisierung komplexer Strukturen. Einige relevante Errungenschaften der Digitalisierung sind sogar bereits in der breiten Öffentlichkeit angelangt. Ist es nicht faszinierend, etwa über die App „Shazam“ Musiktitel mithilfe des Mobiltelefons zu identifizieren? Von dem gewaltigen Potential solcher Lösungen ist offensichtlich auch eines der größten Technologieunternehmen der Welt überzeugt: Im Dezember 2017 hat die Firma Apple Shazam für 400 Millionen Dollar gekauft.

Wie sie es schon in der analogen Welt seit Jahrhunderten waren, sind wissenschaftliche Bibliotheken für die digitale Musikwissenschaft die geborenen Partner. So bemüht sich etwa die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) schon seit 1816 mithilfe einer eigenen Musikabteilung, ihre bedeutenden Bestände fachgerecht auszubauen, zu erschließen und in Forschungsnetzwerke einzubringen. Gemeinsam mit der Bayerischen Staatsbibliothek betreibt sie mit Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft den nationalen Fachinformationsdienst „musiconn“ für möglichst alle bekannten Anliegen der aktuellen Musikwissenschaft. Freilich bedeutet die Digitalisierung für Bibliotheken ebenfalls eine durchgreifende Änderung von Arbeitsmethoden und mithin eine große Herausforderung. Es ist deshalb sehr zu begrüßen, wenn Wissenschaft und Bibliothek auf ihrem Weg in die Zukunft bestmöglich abgestimmt agieren, sich wechselseitig unterstützen und motivieren.

Den hohen Wert einer frühzeitigen, wohlabgestimmten Interaktion von Wissenschaftsgemeinschaften und Infrastruktureinrichtungen hat der Ende 2014 von der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz eingerichtete „Rat für Informationsinfrastrukturen“ von Anbeginn erkannt. In seinen Papieren zur Einrichtung einer „Nationalen Forschungsdateninfrastruktur“ (NFDI) empfiehlt er für die einzelnen Communities produktive Zweckgemeinschaften aus führenden wissenschaftlichen Verbänden sowie leistungsfähigen Bibliotheken und Rechenzentren, die die Qualifizierung, Registrierung, Referenzierung und Langzeitarchivierung von Forschungsdaten von vornherein als gemeinsame Aufgabe betreiben. Mit einer ersten Ausschreibung für den Aufbau der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur ist in Bälde zu rechnen. Wir wünschen uns, dass sich auch die Musikwissenschaft auf den vorgeschlagenen NFDI-Prozess schöpferisch einlassen wird und würden uns freuen, wenn das vorliegende Themenheft dazu einen gewissen Beitrag leisten kann.

Der Themenschwerpunkt „Bibliothek und Digitale Musikwissenschaft“ ist in drei Bereiche gegliedert. Die ersten Aufsätze widmen sich dem Themenfeld „Semantisches Netz, Ontologien, Normdaten“, in dem sich bibliothekarische Traditionen und Aktivitäten des Klassifizierens und Ordnens auf natürlich Weise mit zunehmend greifbar werdenden bzw. artikulierten wissenschaftlichen Interessen und Anforderungen treffen. Der Themenblock wird durch einen Grundlagenbeitrag von Stefan Münnich eröffnet, dem zwei Projektberichte aus Frankreich (DOREMUS) und Großbritannien/Australien (In Collabroration with in Concert und JazzCats) folgen. Sie beschreiben, wie größere in unterschiedlichen Kontexten entstandene Datenkorpora zusammengeführt wurden. In einem abschließenden Beitrag werden die seit 2012 in der Gemeinsamen Normdatei (GND) abgelegten musikalischen Werksätze kritisch in den Blick genommen und hinsichtlich ihrer tatsächlichen Verwendung wie ihres Potentials für Bibliotheksdienstleistungen und Wissenschaft hinterfragt.

Musikwissenschaftliches Quellenmaterial zeichnet sich durch eine große medientypologische Bandbreite aus, die auch entsprechende Digitalisierungsprojekte prägt. Nachdrücklich weist Andreas Münzmay im Themenblock „Digitalisierung“ darauf hin, dass die in den letzten Jahren entstandenen und weiter entstehenden „digitalen Sammlungen“ nicht auf das Digitale verkürzt werden dürfen. Vielmehr sind sie als hybride Sammlungen ernst zu nehmen, in denen die analogen kulturhistorischen Objekte weiter mitgedacht werden müssen. Christiane Hausmanns Text über Bach digital – ein Projekt, das bereits auf das Jahr 1999 zurückgeht und damit ein Urgestein digitaler Musikwissenschaft darstellt – veranschaulicht die Herausforderungen einer stetigen inhaltlichen Weiterentwicklung sowie der Neubewertung jeweils aktueller technischer Möglichkeiten und Notwendigkeiten. The letters of Casa Ricordi sind herausragendes Quellenmaterial, das bis heute im Besitz des italienischen Musikverlags ist. Wie Helen Müller, Pierluigi Ledda und Patrizia Rebulla beschreiben, hat sich der Verlag entschlossen, seine Handschriften allgemein digital zugänglich zu machen, und greift dabei unter anderem im Bereich der OCR die neuesten bibliothekarischen Entwicklungen auf. Die besonderen bibliothekspolitischen, technischen und rechtlichen Herausforderungen der Tonträger-Digitalisierung werden von Frédéric Lemmers und Karolin Schmahl thematisiert, die sich einem Digitalisierungsprojekt von Schellack-Platten der Königlichen Bibliothek Belgien bzw. den Audiomaterialien in der Deutschen Digitalen Bibliothek widmen.

Der dritte Themenblock beschäftigt sich mit verschiedenen Ansätzen und Methoden des digitalen Arbeitens. In ihrer Diskussion des Datenformats MEI erläutern Joachim Veit und Kristina Richts das Potential dieser von TEI abgeleiteten Codierungssprache. Wie zahlreiche Projekte der letzten Jahre verdeutlichen, erlaubt MEI eine fundierte, von sehr unterschiedlichen Forschungsfragen geleitete Auseinandersetzung mit musikalischen Quellen und bietet zugleich große Chancen für eine qualitativ neue Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Bibliotheken. Klaus Keil und Laurent Pugin stellen das in den 1950er-Jahren konzipierte und inzwischen weitgehend ins Digitale überführte Internationale Quellenlexikon der Musik (RISM) vor, dessen jüngste technische Entwicklungen gerade die Anschlussfähigkeit und Nachnutzbarkeit des hier zusammengetragenen Datenkorpus im Kontext digitaler Musikwissenschaft nachhaltig verbessern. Im Vergleich zur Langzeitsicherung von Forschungsdaten findet das Problem der Nachhaltigkeit von Forschungssoftware, obwohl für die Sicherung von wissenschaftlichen Ergebnissen ebenso relevant, bisher nur geringe Aufmerksamkeit. Am Beispiel der Editionssoftware „Edirom“ zeigt Daniel Röwenstrunk verschiedene Ansätze und Maßnahmen auf, durch die Forschungssoftware langfristig nutzbar gehalten werden kann. Der Einsatz von Optical Music Recognition (OMR) wird von Jürgen Diet und Manuel Burghardt diskutiert. Jürgen Diet berichtet über die Evaluation verschiedener OMR-Tools, die die Bayerische Staatsbibliothek im Rahmen des Fachinformationsdienstes Musikwissenschaft „musiconn“ durchführt. Manuel Burghardt testete entsprechende Software für eine Aufarbeitung der Regensburger Liedblattsammlung, und setzte zur Erstellung der Noten-Codierung zuletzt auf eine Crowdsourcing-Lösung.

Als Herausgeber des Themenschwerpunkts „Bibliothek und Digitale Musikwissenschaft“ danken wir allen Autorinnen und Autoren, dass sie neben ihren zahlreichen sonstigen Verpflichtungen Zeit und Kraft für diesen schriftlichen Überblick über die digitale Musikwissenschaft eingesetzt haben. Die Ende Juli stattfindende Tagung der International Association of Music Libraries, Archives and Documentation Centres in Leipzig wird neue Impulse zum Thema erbringen. Auf diesem Weg gilt es, möglichst konsequent weiterzugehen – zum Nutzen der musikwissenschaftlichen Forschung, ihrer Ergebnisse, Sichtbarkeit und Reichweite.

About the article

Dr. Achim Bonte , Stellvertreter des Generaldirektors

Dr. Barbara Wiermann , Leiterin Musikabteilung


Published Online: 2018-06-01

Published in Print: 2018-06-01


Citation Information: Bibliothek Forschung und Praxis, Volume 42, Issue 2, Pages 182–183, ISSN (Online) 1865-7648, ISSN (Print) 0341-4183, DOI: https://doi.org/10.1515/bfp-2018-0044.

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