Jump to ContentJump to Main Navigation
Show Summary Details
More options …
NEW AT DE GRUYTER

Informationen Deutsch als Fremdsprache

Managing Editor: Krekeler, Christian

6 Issues per year

Online
ISSN
2511-0853
See all formats and pricing
More options …
Volume 44, Issue 2-3

Issues

Imo, Wolfgang; Moraldo, Sandro M. (Hrsg.): Interaktionale Sprache und ihre Didaktisierung im DaF-Unterricht. Tübingen: Stauffenburg, 2015. – ISBN 978-395809-350-8. 394 Seiten, € 44,80.

Andrea Bies
Published Online: 2017-06-27 | DOI: https://doi.org/10.1515/infodaf-2017-0049

Reviewed publication

Imo Wolfgang ; Moraldo Sandro M. (Hrsg.): Interaktionale Sprache und ihre Didaktisierung im DaF-Unterricht. Tübingen: Stauffenburg, 2015. – ISBN 978-395809-350-8. 394 Seiten, € 44,80.

Es bewegt sich etwas in der so oft geforderten Einbindung interaktionaler Sprache in den DaF-Unterricht. Nach dem Sammelband zur gesprochenen Sprache im DaF- Unterricht (Moraldo/Missaglia 2013) legt Sandro M. Moraldo nun in Zusammenarbeit mit Wolfgang Imo dieses Buch vor, welches die Beiträge der deutsch-italienischen Tagung „Sprache-in-Interaktion: Ansätze zur Erforschung interaktionaler Sprache und Überlegungen zu deren Didaktisierung im DaF-Unterricht“ enthält.

Dass für das Lernziel der kommunikativen Kompetenz in der Fremdsprache die Behandlung interaktionaler Sprache notwendig ist, dürfte von kaum jemandem mehr ernstlich bezweifelt werden. Trotzdem wird in den Lehrwerken und Klassenzimmern ein gesprochenes Deutsch gelehrt, das sich an der Schriftnorm orientiert und wenig mit der Realität zu tun hat. Denn bisher scheiterte die Behandlung interaktionaler Sprache im DaF-Unterricht vor allem an drei Problemen: 1.) Das Nichtverfügen über authentisches Sprachmaterial, 2.) Die fehlende Verbindung zwischen sprachwissenschaftlicher Forschung und der DaF-Didaktik und 3.) Der Umstand, dass sich Nicht-Muttersprachler, die Deutsch unterrichten, in diesem Bereich überfordert fühlen. Das Internet und verschiedene Datenbanken (eine Übersicht bieten Imo und Moraldo in der Einführung) haben das erste Problem bereits behoben. Zur Lösung des zweiten und dritten Problems leistet der vorliegende Sammelband, so viel sei schon vorab gesagt, einen überzeugenden Beitrag, da die meisten Autoren den Anspruch des Buchtitels erfüllen, nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse zur interaktionalen Sprache zu referieren, sondern auch einen Bezug zur DaF-Praxis herzustellen.

In der Einführung belegen die Herausgeber anhand des Entwicklungsstandes der deutschen Sprache, die nicht zuletzt durch die computervermittelte Interaktion einen rasanten Wandel erfahren hat, sowie der Orientierung an der kommunikativen Kompetenz als Lernziel die Notwendigkeit des Einbezugs von gesprochener und geschriebener interaktionaler Sprache in den DaF-Unterricht, nicht ohne auf die zahlreichen Fragen einzugehen, die mit diesem Lehr- und Lerngegenstand in Verbindung stehen und in den nachfolgenden Sektionen thematisiert werden.

Im ersten Themenbereich, „Gesprochene Alltagssprache im DaF-Unterricht“, widmet sich Reinhard Fiehler nach einer Vorstellung von Hürden bei der Etablierung interaktionaler Sprache in den DaF-Unterricht vor allem dem Problem des Kenntnisstandes über die Besonderheiten gesprochener Sprache. Für einen integralen Bestandteil interaktionaler Sprache, Gesprächs- und Ausdruckspartikeln sowie Formulierungsverfahren, schlägt er daher eine Systematisierung vor, die als Grundlage für eine Didaktisierung dienen kann. Jan Georg Schneider plädiert im Anschluss dafür, gesprochene und geschriebene Sprache als zwei Varietäten des Deutschen aufzufassen, bzw. statt Standard- und Umgangssprache von gesprochenem und geschriebenem Standard auszugehen, was er überzeugend anhand von Talkshow-Auszügen demonstriert. In der Sprachrezeption sollten seiner Meinung nach von Beginn an die Konstruktionen des gesprochenen Standards unterrichtet und, was die Sprachproduktion betrifft, ab B1/B2 bestimmte Konstruktionen gelehrt werden. Manuela C. Maroni beschäftigt sich mit der Relevanz der Intonation, vor allem Melodieverläufen und Fokusakzent. Sie zeigt, dass die falsche Intonation zu Interferenzen in der Kommunikation führen kann und empfiehlt daher die Behandlung dieses nicht leichten Lerngegenstands im universitären DaF-Unterricht mit Hilfe von Transkripten, Audiodaten und der Software Praat. Jens Philipp Lanwer befasst sich in seinem Beitrag ebenfalls mit der Aussprache. Er zeigt in seiner Analyse des Gebrauchs der Reduktionsformen von <haben>, <wir> und <so einen> im Norddeutschen, dass diese nicht nur Phänomene einer „artikulatorisch ,verkümmerte[n]‘ Standardaussprache“ (108) darstellen, sondern syntaktische und/oder funktionale Distributionen aufweisen, die allerdings nicht sinnvoll erfasst und somit auch nicht didaktisiert werden können. So dient sein Beitrag der Sensibilisierung für den Unterschied zwischen Standardaussprache und Alltagssprache, dessen Lektüre sicherlich für alle jene von Interesse sein wird, die in ihrem Unterricht mit authentischen Audio-Daten und Transkripten arbeiten wollen. Im letzten Beitrag der Sektion leistet Eva Zitta eine äußerst gelungene Verbindung zwischen Gesprächsforschung und der Didaktisierung ihrer Ergebnisse für den DaF-Unterricht. Ihr Thema, die kommunikative Gattung „Erzählen“, ist so relevant und anhand der Ausarbeitung von Infoboxen, Fragen und Antworten so einfach in den Unterricht zu integrieren, dass bereits die Lektüre Lust darauf macht, es im nächsten DaF-Unterricht zu behandeln.

Die nächste Sektion ist dem Thema „Diskursmarker- und Partikelgebrauch und DaF-Unterricht“ gewidmet. Susanne Günthner führt in die Relevanz der Diskursmarkierer im gesprochenen Deutschen ein und illustriert an den Beispielen guck mal und nur nicht nur die Vielfältigkeit ihrer Funktionen, sondern auch die Relevanz des Vor-Vorfeldes im gesprochenen Deutschen. Ein konkreter Didaktisierungsvorschlag findet sich hier allerdings ebenso wenig wie im Beitrag von Giorgio Antoniolis, der zwar umfangreich über Konnektoren in Fragen von autobiographischen Interviews referiert, dabei aber weder überzeugend darstellt, warum dieses Thema für den DaF-Unterricht relevant sei, noch wie man es didaktisieren könne. Seinem Argument, autobiographische Interviews würden sich aufgrund ihrer Nähe zur Schriftlichkeit und eindeutigen Rollenverteilung als „Grundlage für eine anfängliche praktische Auseinandersetzung mit der gesprochenen Sprache“ (219) eignen, ist zu widersprechen, da sich die sehr langen Transkript-Auszüge, deren Kontext erst mühsam rekonstruiert werden muss, und die der Illustration der Funktion eines Konnektors am Ende des Auszugs dienen, kaum für einen Einstieg in die gesprochene Sprache eignen. Hier muss für eine Behandlung im DaF-Unterricht die Frage nach Aufwand und Ertrag gestellt werden. Für einen Einstieg in die gesprochene Sprache wäre Beate Weidners Beitrag über das funktionale Spektrum von ja im Gespräch sicherlich besser geeignet. Ihr Beitrag ist ein weiteres erfreuliches Beispiel dieses Bandes dafür, wie Forschung und Praxis verbunden werden können. Die überaus vielseitigen Verwendungsweisen von ja werden hier aus didaktischen Gründen sinnvoll reduziert und dann in sechs Modulen anhand verschiedener authentischer Materialien kurzweilig für den Unterricht aufbereitet. Auch hier bekommt der Leser sofort Lust, dieses für die sprachliche Interaktion höchst relevante Thema sofort in den eigenen Unterricht zu integrieren.

Für den Themenbereich „Varietäten und DaF-Unterricht“ stellt Marcella Costa ein berufsbezogenes Trainingskonzept für Stadtführungen vor. Die von ihr untersuchte kommunikative Gattung „Stadtführung“ dürfte für alle Deutschlerner von Interesse sein, die im Bereich Tourismus arbeiten wollen. Darüber hinaus lernen die Studierenden am Beispiel von Handlungsschema und kommunikativen Aufgaben von Stadtführungen das Konzept der kommunikativen Gattung kennen, das im DaF-Unterricht auch auf andere berufsbezogene Gattungen ausgerichtet werden könnte. Gertrud Reershemius und Evelyn Ziegler präsentieren einen Didaktisierungsvorschlag zum Film Fack ju Göthe, in dem fortgeschrittene Lerner deutsche sprachkontaktinduzierte jugendkulturelle Stile kennenlernen. Es kann darüber gestritten werden, ob sechs Stunden Unterrichtszeit mit diesem Thema und der Identifizierung, Sammlung und Zuordnung von Merkmalen dieses Stils anhand von Äußerungen wie „die hat immer hier Knutschfleck“, „was für ein Hiphopmusik isch höre“, „Du kennst!“ (261) verbracht werden sollten. Der Vorschlag zur Sprachreflexion und der Thematisierung von Migration in Deutschland anhand dieses Films ist aber auf jeden Fall anregend.

Die drei nächsten Beiträge behandeln das Thema „Interaktionale computervermittelte Kommunikation und DaF-Unterricht“. Valentina Crestani zeigt anhand von Youtube-Videoanleitungen, wie die Behandlung interaktionaler Sprache im DaF-Unterricht nicht nur die Sprachkompetenz, sondern auch die Sozial- und Fachkompetenz fördern kann. Auch zur Einführung von Elementen der interaktionalen Sprache in den DaF-Unterricht kann Crestanis Unterrichtsvorschlag dienen. Durch den Vergleich der Textsorten Bedienungsanleitung und YouTube-Videoanleitung können die Lerner die Unterschiede zwischen geschriebener und gesprochener Sprache in einem realen Kontext kennenlernen. Die Musterhaftigkeit von YouTube-Videoanleitungen lädt außerdem zur Anfertigung eigener Video-Anleitungen der Lerner ein. Je nach Schwierigkeitsgrad des Videos kann man hier interaktionale Sprache bereits auf dem Niveau A2 behandeln. Sandro M. Moraldo zeigt im nächsten Beitrag zur Kommunikationsplattform Twitter, dass viele neumediale Textsorten konzeptionell mündlich sind und durch ihre massenhafte Verbreitung nicht länger im DaF-Unterricht ignoriert werden dürfen. Bei seiner Analyse eines Twitter-Dialogs ist die dialogische Schreibsituation von besonderem Interesse, ihre Gesprächsphasen und ihre Phänomene gesprochener Umgangssprache. Um die Schaffung neuer, nämlicher authentischer Lernkontexte und -räume geht es auch im Beitrag von Grazia Diamante. Ihre didaktischen Vorschläge sollen die kommunikative Kompetenz fördern und zeigen die Möglichkeiten des Einsatzes von google maps und webquests im DaF-Unterricht. Hier geht es ganz allgemein um die Förderung mündlicher und schriftlicher Kompetenz, allerdings wären einige Textauszüge als Beispiele wünschenswert gewesen.

Das fünfte und letzte Kapitel widmet sich schließlich dem Thema „Verben in der Interaktion“. Claudio Di Meola gibt einen Einblick in den Tempusgebrauch im gesprochenen Deutschen. Er untersucht die Kombinationen von Präsens und Futur I in Dialogsequenzen und zeigt, dass mit den unterschiedlichen Realisierungen positive oder negative Hörerreaktionen korrelieren. Dieser Nachweis der engen Verbindung von Grammatik und Pragmatik ist zwar interessant, bedauernswerterweise fehlt hier jedoch jeglicher Bezug zur DaF-Didaktik. Irina Mostovaias Beitrag zu den Gesprächsfunktionen von soll ich und sollen wir in Kurznachrichten (SMS- und WhatsApp-Dialoge) stellt dafür wieder eine sehr gelungene Verbindung von Sprachanalyse und DaF-Praxis dar. Die Relevanz ihres Themas weist sie nach einer Frequenzanalyse an den je nach Kontext unterschiedlichen Bedeutungen des Modalverbs sollen nach, die interaktionale Relevanz besitzen. Die Behandlung von Kurznachrichten-Dialogen im Unterricht ist empfehlenswert, da sie einen Teil der unverzichtbaren Alltagskommunikation darstellen, und die Didaktisierung für den Unterricht erweist sich als bestechend einfach, da die Daten leicht zugänglich (MoCoDa-Database) sind und die Lerner keine Vorkenntnisse im Umgang mit Transkripten benötigen. Eine ebenso überzeugende Verbindung von Forschung und Praxis leistet der letzte Beitrag des Kapitels zur Aspektrealisierung im Deutschen von Wolfgang Imo. Anhand authentischer Daten zeigt er die verschiedenen Formen und Funktionen dieses in den Deutsch-Grammatiken noch sehr vernachlässigten Bereichs der deutschen Sprache und fasst sie lehr- und lerngerecht in einer Infobox für den DaF-Unterricht zusammen. Es folgen Übungsaufgaben und Lösungsvorschläge.

Der Sammelband ist äußerst gelungen und seine Lektüre jedem DaF-Studierenden und DaF-Lehrenden sehr zu empfehlen. Er zeigt die Notwendigkeit der Einbeziehung interaktionaler gesprochener und geschriebener Sprache, vermittelt relevante Phänomene und die Vielseitigkeit, mit der sie im Unterricht gelehrt werden kann. Über die Frage, was und wieviel aus dem Bereich interaktionale Sprache im Unterricht vermittelt werden sollte, wird freilich auch in Zukunft noch gestritten werden (müssen).

Literatur

  • Moraldo, Sandro M.; Missaglia, Federica (Hrsg.) (2013): Gesprochene Sprache im DaF-Unterricht. Grundlagen – Ansätze – Praxis. Heidelberg: Winter. Google Scholar

About the article

Published Online: 2017-06-27

Published in Print: 2017-06-08


Citation Information: Informationen Deutsch als Fremdsprache, Volume 44, Issue 2-3, Pages 309–313, ISSN (Online) 2511-0853, ISSN (Print) 0724-9616, DOI: https://doi.org/10.1515/infodaf-2017-0049.

Export Citation

© 2017 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston.Get Permission

Comments (0)

Please log in or register to comment.
Log in