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Information - Wissenschaft & Praxis

Ed. by Reibel-Felten, Margarita

6 Issues per year


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1619-4292
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Buchbesprechungen

Published Online: 2016-08-25 | DOI: https://doi.org/10.1515/iwp-2016-0046

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Buchbesprechungen

Chronik einer wunderbaren Feindschaft. 60 Jahre ÖGDI – 1951–2011. Huemer, Hermann und Carola Wala (Hrsg.). – Wien: ÖGDI Österreichische Gesellschaft für Dokumentation und Information, 2012. 404 S., ISBN 978-3-9502337-1-1, 39,00 Euro

CazanConstantin 11

Obwohl wir heute in einer von höchst dichten und allgegenwärtigen Informationsflüssen vernetzten Welt leben, sind die dahinter steckenden Ideen und historischen Entwicklungen oft wenig bekannt und bewusst. Die intensive hochfrequente Durchdringung unserer Alltags- und Berufswelt durch die digitalisierte Technik, lässt die Ursprungsideen und Projektionen in den Anfängen dieser Entwicklung vollkommen in den Hintergrund treten, ja verschwinden und nährt die Illusion, dass die sich da fortgesetzt entwickelnden Gerätschaften den eigentlichen Fortschritt bilden. Im Hintergrund dieser digitalen Gerätschaften öffnet sich stetig ein riesiges schwarzes Loch, das unsere Gegenwart zu einer in der späteren Geschichte wahrscheinlich am schlechtesten belegten Epoche machen wird. Dabei hätten wir alle intellektuellen und geistigen Errungenschaften schon erreicht, um das zu vermeiden. Aber so funktioniert die Welt nicht. Interessant sind nicht die Ideen, die es ermöglichen Erkenntnisse und Entdeckungen zu speichern und zum Zwecke fortgesetzter Entwicklung effizient und in anderen Kontexten wieder aufzufinden. Interessanter sind materielle Gegenstände und just-in-time transportierbare textlich, optisch-akustische Erlebnisse, die die Basistriebe menschlicher Natur und Sozialisierung befriedigen.

In diesen Kontexten, die sich durch die ganze Menschheitsgeschichte ziehen, haben intellektuelle Projekte und Ideen, die unsere Kultur voranbringen aber meist im Hintergrund materieller Kulturen fortspinnen keinen leichten Stand. Da solche Ideen und Projekte meist auf einzelne Personen oder sehr kleine Interessensgruppen zurückgehen, führen in der Regel nur Zufälle oder extreme Hartnäckigkeit und/oder Fleiß dazu, dass sich derlei durchsetzt oder längerfristig hält.

Dabei spielen notabene die regionalen und nationalen Umstände keine ganz unwesentliche Rolle, weil hier insbesondere die Größe des Umfelds und die wirtschaftliche Kraft die Aussicht auf Durchsetzung wesentlich beeinflussen. Diese vielleicht etwas lang geratene Einleitung erscheint notwendig, um das hier zu rezensierende Werk zur Geschichte der Österreichischen Gesellschaft für Dokumentation und Information (ÖGDI) in den geeigneten Bezugsrahmen zu stellen.

Das vorliegende Werk zur Geschichte der ÖGDI ist aus Sicht des Rezensenten ein in gewissem Sinne besonderes Werk: Es handelt sich nicht um ein klassisches narratives Buchprojekt zur Geschichte einer Organisation im Sinne eines sich chronologisch entwickelnden Textes, der von der Gründung ab Seite 1 berichtend dann durch die Zeiten die Entwicklung schildert, um auf den letzten Seiten die Gegenwart zu erreichen.

Dieses Buch ist vielmehr eine Art Rettungsprojekt der Herausgeber, das gerade noch rechtzeitig die heute verfügbaren Quellen und Dokumente zur Geschichte dieser Gesellschaft, die schon sehr viele Jahre unter großen Ressourcenproblemen leidend und ohne durchgehenden festen Vereinssitz vom Enthusiasmus und Engagement sehr weniger Vorstandsmitglieder überlebt, so gesichert wurden und die wechselvolle Geschichte dieser 60 Jahre dokumentieren. So gesehen ist es eher eine Quellen-Dokumentation „zur“ Geschichte der ÖGDI eine Sicherung von Material, dessen vollständiges Verschwinden sonst befürchtet werden müsste.

So besteht denn das Werk auch nicht aus einem durchgehenden Text, sondern versammelt in 41 Kapiteln – ergänzt um einen umfangreichen Personen-Index neben einem historischen Textteil – zahlreiche Quellen zu den Personen, Aktivitäten, den Veranstaltungen und Schriften der Gesellschaft.

In diesem Lichte erscheint eine klassisch rezensierende Bewertung dieses Opus nicht angemessen, als nach Kenntnis der Sachlage den Herausgebern und allen, die das unterstützt haben nur großes Lob für diese Sicherstellung der inhaltlichen und organisatorischen Geschichte der Dokumentation in Österreich zu zollen ist.

Jenseits dieses Aspekts ist das Buch trotz seiner eher lokalen Bedeutung für das Informations- und Dokumentationswesen in Österreich durchaus auch von grenzüberschreitender Relevanz:

Zum einen belegt dieses Werk einmal mehr die kontinuierliche Diffusion dokumentarischer Ideen im deutschsprachigen Raum nach dem Zweiten Weltkrieg, zum anderen bietet es einen interessanten Einblick in das wechselvolle Spiel zwischen Bibliotheken und Dokumentation in einem kleinen Land, in dem die Protagonisten beider Strömungen, in sehr engen Beziehungs- und Organisationsräumen agierten und mit viel geringeren finanziellen Ressourcen als in anderen Ländern Bedeutendes erreichen: Eine über Jahrzehnte aufrecht erhaltene Ausbildung neben den bibliothekarischen Kursen und Curricula (langjährig organisierte Kurse für Dokumentation und Informationsmanagement) und die regelmäßige Organisation der ÖGDI-Tagungen, die die in der Wirtschaft tätigen Informationsspezialisten und jene aus dem Bibliotheksbereich regelmäßig versammeln.

Andererseits lässt sich – eben auf Grund der angesprochenen kleinräumigen Verhältnisse – die enge Verzahnung von bibliothekarischen und dokumentarischen Mitwirkenden und Aktivitäten erleben, die bis in die jüngste Zeit reichen.

Schließlich bildet das Werk als solches in seiner Struktur und Gestaltung eine Anregung und vielleicht sogar Vorlage für andere Organisationen und wissenschaftlichen Gesellschaften, die Gefahr laufen die Dokumente und Quellen ihrer Geschichte nicht dauerhaft oder längerfristig sichern zu können, auf diesem Weg unabhängig vom zukünftigen organisatorischen Schicksal zu erhalten.

Personas – User Focused Design. Nielsen, Lene. – London: Springer-Verlag, 2013. [Human-Computer Interaction Series; ISSN 1571-5035] X, 158 S., Hardcover ISBN 978-1-4471-4083-2, ca. 124,00 Euro

SchweibenzWerner 22Bibliotheksservice-Zentrum Baden-Württemberg

Lene Nielsen lehrt und forscht als Mitglied der Interaction Design Group an der IT-Universität Kopenhagen zu User-Focused-Design, insbesondere zum Personas-Verfahren. Diese Methode verwendet datenbasierte, aber fiktive Charaktere im Produktentwicklungsprozess, um benutzerorientierte Produkte zu erzeugen. Diese fiktiven Charaktere, die Personas, stehen stellvertretend für die Benutzer. Sie existieren nicht als tatsächliche Personen, werden aber auf eine Art und Weise beschrieben, dass sie für die Entwickler oder Designer nachvollziehbar, glaubhaft und emotional einfühlbar sind. Dadurch wird es möglich, die Entwicklung aus der Sicht dieser Personas zu steuern, anstatt aus der eigenen Perspektive oder aus Stereotypen, die sich häufig unbemerkt in den Vordergrund schieben. Nielsen betrachtet das Personas-Verfahren als Anknüpfung an die skandinavische Tradition der Benutzerorientierung und -partizipation. Deshalb versteht sie es auch nicht als reine Usability-Methode, vielmehr sieht sie darin eine Entwicklungsmethode für alle Arten von Projekten, weil sie eine holistische Perspektive auf die Benutzer und ihre Nutzung von Produkten bietet.

In der Einführung erklärt Nielsen sehr anschaulich, was Personas sind, wofür und wie sie eingesetzt werden können und von wem. Allerdings ist dieser Einführungstext stark persönlich gefärbt und erweckt den Eindruck, Nielsen hätte das Verfahren erfunden oder zumindest wesentlich mitgeprägt. Die Anwendungsbeispiele sind stark auf ihre Arbeit in Dänemark ausgerichtet, was einerseits informative Einblicke in konkrete Projekte erlaubt, andererseits aber eine stellenweise sehr spezifische Ausrichtung mit sich bringt. Der regionale Fokus auf Dänemark wird durch das letzte Kapitel ausgeglichen, in dem die Verwendung der Methode in acht anderen Ländern beschrieben wird und das dem Buch eine globale Ausrichtung geben soll. Dabei handelt es sich um Interviews zum Personas-Verfahren, die vermutlich in einem andren Kontext entstanden sind und zur Abrundung des Buches aufgenommen wurden.

Nielsen legt Wert darauf, die Personas-Methode von den künstlerischen Vorstellungen von Design ebenso abzugrenzen wie von benachbarten Verfahren wie der Marketing-Segmentierung, der Archetypenbildung und den User-Profilen. Weiter nimmt sie Stellung zur Kritik am Personas-Verfahren, in deren Mittelpunkt die Kombination von Daten mit fiktiven Elementen steht. In einem Unterkapitel gibt sie eine ausführliche praktische Anleitung für die Durchführung eines Personas-Workshops von der Datenanalyse über die Entwicklung von Personas bis zu Szenarien, in denen das Verhalten der Personas bzw. ihr Umgang mit einem Produkt durchgespielt wird. Dabei betont sie, dass das Verfahren mehr ist als eine Kommunikationsstrategie, nämlich ein Prozess, der eine gemeinsame Grundlage aller Beteiligten in der Produktentwicklung schafft.

Ein interessanter Beitrag von Nielsen zur Theoriebildung zum Personas-Verfahren, das sich seit den 1990er Jahren in verschiedenen Ausprägungen entwickelt hat, ist die Einteilung der verschiedenen Ansätze in vier eigene Schulen: The Goal-Directed Perspective, the Role-Based Perspective, the Engaging Perspective (die Nielsen vertritt) und the Fiction-Based Perspective. Nielsen gelingt es, die bestehenden Unterschiede und Gemeinsamkeiten der vier Schulen sehr anschaulich herauszuarbeiten.

Im Folgenden stellt Nielsen jeweils in einem eigenen Kapitel die von ihr entwickelten zehn Schritte zu Personas dar. Durch diese Kapitel ziehen sich zur Illustration zwei durchgängig verwendete Fallbeispiele, eines zu einem Portal-Projekt der öffentlichen Verwaltung und eines zu einem Schreinereibetrieb. Die zehn Schritte sind:

  • 1.

    Datensammeln: Datenerhebung, Diskussion über quantitative und qualitative Erhebungsmethoden, Beispiele und Bewertungen.

  • 2.

    Hypothesenbildung: Die Hypothese als Informationsreduktion, Ausbalancieren des Informationsreichtums für eine Identifizierung mit dem User und der Erinnerbarkeit der einzelnen Personas. Analyse mit Kategorisierung, Kontrastierung und Festlegung der Anzahl der Personas.

  • 3.

    Hypothesenakzeptanz: Überprüfung und Akzeptanz der Hypothese, Anforderung an die Daten: Generalisierbarkeit, Verlässlichkeit und Validität.

  • 4.

    Personas-Anzahl: Ziel ist Reduktion der Daten auf ein Maß, dass sie sowohl repräsentativ als auch handhabbar sind. Die Personas mit ihren Details müssen in der praktischen Anwendung erinnerbar sein. Die Grenze der Erinnerbarkeit liegt bei fünf bis sechs Personas.

  • 5.

    Personas-Beschreibung: Stereotypen, Archetypen im Unterschied zu Personas. Eindimensionale Stereotypen innerhalb der Beschreibung verhindern die Identifikation mit der Persona.

  • 6.

    Situationsbeschreibungen: Die Situation als Ausgangspunkt für Handlungen mit Szenarien. Die Situation bildet den Startpunkt des Szenarios. Diskussion der Unterschiede zwischen Situation und Bedürfnis, die beide zu einem Ziel führen.

  • 7.

    Akzeptanzherstellung in der Organisation: Validierung praktisch (nach der Funktionalität) und kommunikativ (nach der Akzeptanz). Beispiele für erfolgreiche und gescheiterte Kommunikation; Bedeutung der Kommunikation in der Organisation.

  • 8.

    Verbreitung der Personas: Dies beinhaltet einen Kommunikationsplan und Zugang zu den grundlegenden Daten, die für jede Persona in einem sog. foundation document zusammengefasst werden. Vermittlungsmedien für Personas sind Poster, mood boards und Spielkarten. Personas-Kampagnen und Workshops zur Verbreitung in der Institution, Einführungspakete für neue Mitarbeiter.

  • 9.

    Szenario-Bildung: Das Szenario ist der zentrale Punkt der Ideenentwicklung mit Personas. Verschiedene Möglichkeiten von Szenarios werden vorgestellt, das Verhältnis von Persona und Szenario wird geklärt. Ein Problem ist die Definition von Szenario und seine Abgrenzung zur Story als narrative Struktur. Darstellung von verschiedenen Einsatzmöglichkeiten von Szenarios, z. B. Co-Design mit Benutzern. Hinweise zum Schreiben von Scenarios. Diskussion der Vor- und Nachteilen von Scenarios. Erarbeitung von Scenario-Templates als Muster.

  • 10.

    Kontinuierliche Weiterarbeit an den Personas: Neues Wissen einbauen, neue Projektmitarbeiter einarbeiten, Persona-Botschafter für die nachhaltige Verbreitung einsetzen.

Insgesamt ist das Buch eine durchaus empfehlenswerte Lektüre für alle, die sich tiefergehend mit dem Personas-Verfahren befassen wollen. Für Leser, die sich einen schnellen Methodenüberblick verschaffen wollen, sind das Einführungskapitel sowie die Übersicht über die verschiedenen Personas-Schulen sehr gut geeignet. Einige Schwächen in der Ausarbeitung wie beispielsweise die unklar bleibende Abgrenzung von Personas und Archetypen oder Szenarios und Stories trüben den positiven Gesamteindruck und lassen Fragen offen. Hinzu kommen gewollt originelle Kapitelüberschriften im Bereich der zehn Schritte zu Personas, die den Bezug zum jeweiligen Schritt eher verschleiern als erhellen. Diese Tendenz wird verstärkt durch die Nummerierung der Unterkapitel, die für jedes Unterkapitel ab eins beginnt anstatt die Nummer des jeweiligen Kapitels aufzunehmen und so eine hierarchische Gliederung zu schaffen, die eine schnelle Orientierung ermöglichen würde.

Wer sich nicht sofort mit dem besprochenen Buch auseinandersetzen möchte, aber einen Einstieg in das Personas-Verfahren sucht, findet im Internet eine kondensierte Fassung in Nielsens Beitrag über Personas in der Encyclopedia of Human-Computer Interaction: Nielsen, Lene (2013): Personas. In: Soegaard, Mads; Dam, Rikke Friis (2014, eds.): The Encyclopedia of Human-Computer Interaction. 2nd ed. Aarhus, Denmark: The Interaction Design Foundation. Internet, URL <https://www.interaction-design.org/literature/book/the-encyclopedia-of-human-computer-interaction-2nd-ed/personas>.

Basiswissen RDA. Eine Einführung für deutschsprachige Anwender. Wiesenmüller, Heidrun und Silke Horny. – Berlin: De Gruyter Saur, 2016. XX, 300 S., Broschur ISBN 978-3-11-031147-4, 39,95 Euro

Müller-HeidenBarbara 33Berlin

Der Startschuss für den Einsatz des neuen bibliothekarischen Regelwerks RDA Resource Description and Access (RDA) – ist gefallen. Die Erfassung der Metadaten nach dem internationalen RDA-Standard ist nunmehr verpflichtend in deutschsprachigen Bibliotheken, der „neue Katalogisierungsstandard des 21. Jahrhunderts“ muss umgesetzt werden. Die RDA-Richtlinien lösen das Regelwerk für die alphabetische Katalogisierung (RAK), ja die ganze RAK-Familie ab, die bislang in deutschen Landen üblich war. Die Deutsche Nationalbibliothek (DNB) mit ihrem Standardisierungsausschuss hat die Federführung für die neuen Richtlinien und dank dieser Regelungskompetenz die begleitenden Anwendungsrichtlinien D-A-CH für Deutschland, Österreich und die deutschsprachige Schweiz erarbeitet.

Der Übergang von den Preußischen Instruktionen (PI) in den 1970er Jahren zu den Regeln der alphabetischen Katalogisierung (RAK) war der Abkehr von der grammatikalischen Orientierung der PI und dem beginnenden Einsatz der EDV geschuldet. Jetzt, kaum 50 Jahre später, liegen die Argumente des Umstiegs bei der Globalisierung, dem internationalen Austausch und der Kompatibilität in den nunmehr weltweit zugänglichen Katalogen, dem Ziel eines internationalen Bibliotheksnetzes mit Öffnung in das Semantische Web. Die bibliothekarische Titelaufnahme nach dem RDA-Standard ist ein Baustein dazu. Die Weiterentwicklung der Anglo-American Cataloguing Rules (AACR2) zu dem neuen Katalogisierungsstandard RDA soll dies stemmen, noch ist die Entwicklung nicht abgeschlossen – der, die, das RDA?

In Deutschland hatte es bereits Anfang der 2000er Jahre einen Ansatz zur Anpassung an den verbreiteten Standard der AACR2 gegeben, der jedoch stark auf die Kritik der deutschen Fachwelt gestoßen war, mit den Argumenten des Kosten- und Personalaufwandes der Umstellungen. Zehn Jahre später ist die Notwendigkeit kaum umstritten, die Katalogisierung des Bibliotheksbestandes international aufzustellen, die Öffnung der Bestände auch im Netz zu erreichen. 2011 vom DNB-Standardisierungsausschuss beschlossen, gibt es für die Bibliotheken kein Entkommen, die Metadaten der Medien müssen RDA-konform aufgenommen werden, andere Informationseinrichtungen wie Archive und Museen sollen folgen.

In dieser Umstellungssituation ist das Buch BASISWISSEN RDA von Heidrun Wiesenmüller und Silke Horny eine willkommene, zeitlich passende Handreichung. Übersichtlich strukturiert, lesbar in gedruckter Form, als E-Book oder im EPUB-Format für mobile Endgeräte setzt das Buch einen Meilenstein in mehrfacher Hinsicht. Didaktisch gut aufbereitet führt das Werk in die bislang ungewohnte Denkweise des RDA ein. Es bündelt den derzeitigen Stand, der bislang online in umfänglichen Arbeits- und Schulungsmaterialien der DBN zur Einarbeitung für die Fachwelt veröffentlicht wurde und die auch der Transparenz der Neuentwicklung dienen. Den Autorinnen und dem Verlag im RDA-Jargon nunmehr die „Verantwortlichen“ ist es gelungen, die komplexe Materie des RDA auf 300 Seiten gut aufbereitet, lesbar und nachvollziehbar zusammen zu schmelzen.

Frau Wiesenmüller, Professorin an der Fachhochschule Stuttgart, ist übrigens dem dokumentarischen Publikum wohlbekannt, hat sie doch das Kapitel Inhaltserschließung I – Formale Erfassung in den Grundlagen der praktischen Information und Dokumentation (2004) beigetragen, das einen Überblick über das Regelwerk RAK gibt, das auch den Dokumentationsbereich im Bereich der formalen Literaturauswertung geprägt hat.

Das Buch ist zeitig genug auf den Markt gekommen (2015), um den Ausbildungseinrichtungen, Fachhochschulen wie Berufsschulen für die Ausbildung zu Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste einen Vorlauf zu geben, RDA in ihre Unterrichtskonzepte einzuführen und Lehrmaterialien auszuarbeiten. Hier war auch die bereitwillige Vorarbeit von Frau Wiesenmüller hilfreich, in zahlreichen Seminaren in das RDA-Konzept einzuführen. Was die Mitarbeiter in den Bibliotheken, vor allem die Diplom-Bibliothekare/ innen betrifft, so gibt es für sie ja hausinterne Schulungen – oder die Gnade der Fremddatenübernahme von der DNB!

Dem Verlag DeGruyter Saur Berlin gebührt Dank für die Gestaltung des Buches.

Erschienen in der Lehrbuchreihe Studium, ist eine neuartige Darstellung gelungen. Die Textspalte, gut lesbar mit 80 Zeichen Breite, wird ergänzt durch die Randspalte mit vielen erklärenden Beispielen und Zusammenfassungen. Farblich und typografisch abgesetzt finden sich Erläuterungen, der Text ist mit vielen Zwischenüberschriften hilfreich strukturiert. So setzt das Layout einen neuen Standard für Lehrbücher in unserem Berufsbereich!

Zum Inhalt. Die Autorinnen stellen in drei Teilen den RDA-Standard anwendungsorientiert dar. Die Denkweise der RDA, Konzepte und Standards der „Formalerschließung“ werden vorgestellt. Es wird an die Internationale Standard Bibliographic Description (ISBD) mit ihren acht Beschreibungsgruppen angeknüpft, die in der Reihenfolge der Informationselemente und Anwendung der Deskriptionszeichen als bislang weltweite Grundlage für die Katalogisierung dient. Diese heute gerne als Zitierformat benannte Form weicht ja zunehmend der übersichtlichen, strukturierten Darstellung von Mediennachweisen in den Bibliothekskatalogen.

Wesentliche Eckpfeiler der neuen Denkweise sprich „Entitäten“ – sind Werk, Expression, Manifestation und Exemplar – das Werk ist die Idee, die intellektuelle Schöpfung, die ihren Ausdruck in den Expressionen finden, sei es als gesprochenes Wort/Theaterstück oder Text/Buch, in Textfassungen oder Versionen. Diese wiederum finden ihren Ausdruck in der Manifestation, z. B. einem Verlagsprodukt, seinen verschiedenen Ausgaben. Zu seinen Merkmalen gehören die Verantwortlichkeitsangabe, der Erscheinungsvermerk und die ISBN. Eine der Ausgaben, die ihren Weg in eine Bibliothek gefunden hat, ist das Exemplar – das letztlich die Anlage eines Datensatzes auslöst, und zumindest mit den Pflichtfeldern (Kern-Elemente-Set) beschrieben werden muss. Wesentlich für RDA ist, dass die verschiedenen Merkmale, aber auch die Beziehungen zwischen diesen vier „Entitäten“ festgehalten werden, und mit weiteren Entitäten verknüpft werden – mit Normdaten zu Personen, Körperschaften, Geografika. Diese Grundlage ist festgehalten in den Funktionalen Anforderungen an die bibliografische Datensätze bzw. Normdaten – in der Arbeitssprache Englisch Functional Requirements for Bibliographic Records (FRBR) bzw. Authority Data (FRAD).

Im Hauptteil des Buches werden die Merkmale der Entitäten und ihre Beziehungen untereinander systematisch und informativ dargestellt. Eine umfangreiche Beispielsammlung ergänzt die theoretischen Ausführungen. Die Beispiele lassen die Struktur und Art der Erfassung erkennen, ihre Auswahl ist realitäts- und zeitnah – so finden wir etwa den bekannten Film Ziemlich beste Freunde in RDA-konformer Darstellung!

Register. Das Buch endet erfreulicherweise mit einem umfangreichen Sachregister zu allen Aspekten des BASISWISSEN RDA (zweispaltig, neun Seiten, 292–300). Falls nötig, sind die Einträge mit zwei Stufen differenziert. Die Einträge verweisen auch auf (nunmehr veraltete) RAK-Termini – ein Register ist in RDA-Terminologie ein ´ergänzender Inhalt´, im Eintrag ´monografische Reihe´ wird an die Gesamttitelangabe erinnert. Bei einer Neuauflage wäre wünschenswert, RDA-spezifische Bezeichnungen fett auszuzeichnen. Ideal wäre auch die Ergänzung durch ein Glossar, ist doch die neue RDA-Terminologie gewöhnungsbedürftig. Zudem können kleine Unstimmigkeiten beseitigt werden:

Beispiele: Tondokument verweist nur auf CD, nicht aber auf Hörbuch, Audiodatei fehlt.

Es gibt den Eintrag Tonträger, nicht jedoch Bildträger.

Gemessen an dem großen Vorteil von BASISWISSEN RDA, den gegenwärtigen Stand anwendbar aufbereitet zu haben, wiegen die wenigen bemerkten Lücken jedoch wenig. Die verschiedenen Nummerungssysteme (Buchkapitel, RDA-Regelwerkstruktur) in den Beispielen sind etwas verwirrend, möglicherweise hätte hier eine Ergänzung/ Ausweichen auf eine alphanumerische Kennzeichnung gut getan. Der Übersicht dienen würde auch eine Darstellung der Datenbankstruktur, zumindest der Gruppen der Datenfelder, da aus den Beispielen nur die jeweils belegten Datenfelder ersichtlich sind.

Was bringt der neue „Katalogisierungsstandard des 21. Jahrhunderts“? Terminologisch wird hinzu gelernt werden müssen – es gibt neue Bezeichnungen im Bibliothekswortschatz, aufgrund der notwendigen Übersetzung von Bezeichnungen aus dem Englischen, aber auch Wortneuschöpfungen, z. B. Identifikator. Der Registereintrag ´Datenbank´ verweist auf integrierende Ressource, die ´Ausgabe´ wird zu Manifestation, ´Serie´ zur mehrteiligen Monografie...

Neu – revolutionär? – ist auch das RDA-Grundprinzip: Nimm, was Du siehst – „take what you see“ – die Angaben werden genauso übernommen wie sie in dem Bezugsobjekt stehen, die RAK-gewohnte Abänderungen oder Begrenzungsregeln (z. B. Anzahl der Verfasser) entfallen! Die Grundprinzipien beim Erfassen (d. h. Angabe einer Information im Katalog) und dem Übertragen – eine exakte, vorlagegetreue Übernahme der Angaben, ggf. sogar mit den dort vorhandenen Fehlern (!) einschließlich der vorgefundenen Groß- oder Kleinschreibung – stellt eine Abkehr von RAK-Konventionen dar, in denen die Ansetzungsregeln eine zentrale Rolle spielten. Erst die Verknüpfung mit den Normdaten wirkt dann als Korrektiv. Dieses Grundprinzip legt die Vermutung nahe, dass die Haupttitelseiten auch zunächst eingescannt werden könnten, die Elemente den Datenfeldern entsprechend unbearbeitet zugeordnet werden, z. B. dem Datenfeld Verantwortliche – dort dürfen Namen nun genau so stehen wie in der Vorlage mit oder ohne Titel, natürliche oder invertierte Darstellung! Die Identifizierung des Verantwortlichen als Verfasser oder Herausgeber geschieht erst in späteren Datenfeldern, dann in Bezug zu den Normdateien.

Klärend erscheint die Unterscheidung der Datenfelder Medientyp und Datenträger. Der Medientyp gibt an, ob Geräte zur Nutzung nötig sind, unterschieden werden z. B. audio, Computermedien, ohne Hilfsmittel lesbarer Text/Bild, Video u. a. Erst das Datenfeld Datenträger spezifiziert den tatsächlichen Datenträger z. B. CD. Das Datenfeld Inhaltstyp sagt aus, in welcher Form ein Werk realisiert ist – möglich sind Text, taktiler Text (Blindenschrift), unbewegtes, bewegtes Bild, gesprochenes Wort, ... In weiteren Datenfeldern können dann die jeweiligen Merkmale eingegeben werden. Im Vergleich mit dem nunmehr auszusondernden RAK gibt es hier eine Fülle von Veränderungen auch im Detail, auf die hier nicht eingegangen werden soll. Das vollständige Regelwerk RDA, soweit bislang erarbeitet, ist über das RDA-Toolkit erreichbar, dass von den teilnehmenden Institutionen über eine Lizenz erreichbar ist.

RDA zielt auf die Teilnahme am Semantic Web. Kein neues Konzept ohne Informationstechnologie – sowohl für die Erfassung als auch für die Recherche. Systemanbieter müssen sich auf den neuen Standard einstellen – ein RDA-Release ist zur Herausforderung für jeden Systemanbieter der Branchensoftware geworden, aber immer unabdingbare Voraussetzung, wo die Erfassung von Metadaten nach dem RDA-Standard verpflichtend für eine Bibliothek geworden ist. Viel Aufwand hinter den Kulissen, neue Datenstrukturen, alte Daten in neu generierte Datenfelder überführen, neue Datenfelder einführen,....

Bezug zu Dokumentation. Manches am RDA erscheint aufgrund der traditionell stärkeren Ausrichtung des Dokumentationsbereiches auf Datenbanken und Datenbankstrukturen vertraut: Die Trennung von Eingabe und Darstellungsoptionen, von Pflicht- und optionalen Feldern, wie sie im RDA-Standard-Elemente-Set nun festgeschrieben ist. Dokumentarische Regelwerke, Richtlinien verbleiben üblicherweise unternehmensintern bzw. nur innerhalb Kooperationspartnerschaften – wie jetzt das RDA-Toolkit lizenzpflichtig. Begrenzungsregeln und Ansetzungsvorschriften des RAK waren meist nicht Gegenstand dokumentarischer Praxis, die Angaben des Bezugsobjektes wurden meist übernommen wie vorgefunden. Die „formularartige Darstellung“ laut Wiesenmüller spiegelt die Datenbankstruktur, simuliert das Erfassungsschema im Eingabemodul des Dokumentationssystems. Weitere Ähnlichkeit besteht in der Anwendbarkeit des Dokumentationssystems auf verschiedene Dokumentarten. Spannend wird zu beobachten sein, wie die inhaltlichen Erschließungsverfahren und Repräsentation der Dokumente, Domäne der Dokumentation, im Rahmen der bibliothekarischen Sacherschließung in RDA entwickelt werden.

Fazit. BASISWISSEN RDA – eine gelungene Darstellung und Erläuterung des neuen RDA-Standards, die umso mehr Anerkennung verdient, weil das zugrunde liegende Regelwerk sich noch in der Erarbeitung befindet. Noch ist nicht deutlich, wie der RDA-Standard die Darstellung in den Bestandskatalogen der Bibliotheken verändern wird. Wird es Retrokatalogisierungen von Beständen geben? Welche Web-basierten Technologien werden die RDA-konformen Mediennachweise in das Semantic Web integrieren? Welche Konsequenzen werden sich insgesamt für die Bibliotheken ergeben? Wie können die Normdateien international aufgestellt werden, welche Risiken sind damit verbunden?

Zumindest im Berufsbildungsbereich, der Ausbildung von Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste, wird das Buch zur Basisliteratur gehören. Der Standard-Elemente-Set – die Gruppe der verbindlichen Datenfelder – wird gemeinsame Basis in der Unterrichtspraxis sein.

Aber auch die anderen Fachbereiche – Information und Dokumentation, Archiv und Bildagentur – können hier mit Gewinn in die Schulung des RDA-Standards eingeschlossen werden – entsprechen doch die strukturierte Erfassung der Metadaten, die stärkere Berücksichtigung auch anderer Verantwortlicher über die Verfasser hinaus, die Nutzung von Normdaten sowie die Darstellung der Beziehungen untereinander, die Funktionen der Verantwortlichen, sowie die Anwendung hausinterner Richtlinien durchaus den Anforderungen im Bereich des Sammlungsmanagements, sei es bei der Erfassung von Bild- und Tonträgern im Rundfunkbereich oder der Objekte im Museumsbereich. Es ist auch der Anspruch des RDA, in anderen Gedächtniseinrichtungen außerhalb der Bibliotheken einsetzbar zu sein. Inwieweit dies gelingen wird, hängt vermutlich zunächst von der institutionellen Nähe zu den Trägern der Bibliotheken ab.

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Published Online: 2016-08-25

Published in Print: 2016-08-01


Citation Information: Information - Wissenschaft & Praxis, Volume 67, Issue 4, Pages 275–280, ISSN (Online) 1619-4292, ISSN (Print) 1434-4653, DOI: https://doi.org/10.1515/iwp-2016-0046.

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