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Information - Wissenschaft & Praxis

Ed. by Reibel-Felten, Margarita


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ISSN
1619-4292
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Informationsdidaktik – Skizze eines neuen informationswissenschaftlichen Forschungsfelds

Information didactics – outline of a new research field in information science

Didactique de l’information – esquisse d'un champ de recherche nouveau dans le domaine des sciences de l'information

Prof. Dr. Antje Michel
  • Corresponding author
  • Professorin für Informationsdidaktik & Wissenstransfer, Fachhochschule Potsdam, Friedrich-Ebert-Straße 4, 14467 PotsdamGermany
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Published Online: 2016-11-02 | DOI: https://doi.org/10.1515/iwp-2016-0057

Zusammenfassung

In diesem Beitrag wird das Forschungsfeld der Informationsdidaktik aus den didaktikwissenschaftlich und informationswissenschaftlich relevanten Forschungsdesideraten der formalen Beschreibung von Information und der Praxis des „sich Informierens“ hergeleitet. Als Ziel der informationsdidaktischen Forschung werden zum einen die Überprüfung der Relevanz der beiden Untersuchungsgegenstände als Einflussfaktoren für die didaktische Modellbildung und zum anderen die Entwicklung eines Beitrags zur empirischen Beschreibung von Information als einer der Grundkategorien der Informationswissenschaften benannt. Weiterhin wird der methodische Rahmen der informationsdidaktischen Forschung im Kontext der angewandten Forschung an der Fachhochschule Potsdam erläutert. Abschließend wird eine Verortung der Informationsdidaktik in der informationswissenschaftlichen Fachdiskussion vorgeschlagen.

Abstract

This paper derives the new research field of information didactics from two existing research desiderata relating to didactics and information science, namely the formal description of information and the practical process of „informing oneself“. The goal of information didactics research is perceived on the one hand as involving a review of these two areas of investigation as factors influencing the building of didactic models and on the other as incorporating a contribution towards the empirical description of information as one of the basic categories of the information sciences. In addition the paper elucidates the methodical framework of information didactics research within the context of applied research at the Potsdam University of Applied Sciences. The paper concludes by suggesting that information didactics be positioned within the specialist information sciences discourse.

Résumé

Cet article décrit le domaine de recherche de la didactique de l'information, des desiderata de deux domaines de recherche existants liés à la didactique et aux sciences de l’information, à savoir la description formelle de l'information et le processus pratique de "s'informer". Les buts de la recherche en didactique de l'information sont, d'une part, l’examen de ces deux domaines d'investigation en tant que facteurs influençant la construction de modèles didactiques et, d'autre part, la contribution à la description empirique de l'information comme l'une des catégories de base des sciences de l'information. L’auteur décrit également le cadre méthodologique de la recherche didactique de l'information dans le contexte de la recherche appliquée à l’Université de Potsdam. Enfin, il suggère le positionnement de la didactique de l'information dans la discussion spécialisée des sciences de l’information.

Deskriptoren: Information; Ausbildungsmethode; Informationswissenschaft; Forschungsplanung; Informationsdidaktik

Descriptors: Information; Training method; Information science; Research planning; Information didactics

Descripteurs: Information; Méthodes didactiques; Sciences de l'information; Planification de la recherche; Didactique de l'information

Dieser Beitrag ist eine gekürzte und bearbeitete Fassung eines Vortrags mit dem Titel: „Informationsdidaktik – ein neues informationswissenschaftliches Forschungsfeld wird besichtigt“, den die Autorin am 21. Juni 2016 im Rahmen des Berliner Bibliothekswissenschaftlichen Kolloquiums des Instituts für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der HU Berlin gehalten hat. Der durch mehrere Beispiele angereicherte Vortragsmitschnitt ist unter dem folgenden URL verfügbar: https://www.ibi.hu-berlin.de/de/bbk/abstracts/ss16/michel.

Zum ersten Januar 2016 wurde an der Fachhochschule Potsdam die international erste Professur für Informationsdidaktik und Wissenstransfer eingerichtet. Ziel der Professur ist es, ein Konzept der Informationsdidaktik unter fachlichen Gesichtspunkten der Informationswissenschaften in Forschung und Lehre zu etablieren.

Nicht nur hinsichtlich ihrer Denomination, sondern auch in Bezug auf ihre organisatorische Zuordnung ist diese Professur ein Novum, denn sie ist nur zur Hälfte dem Fachbereich Informationswissenschaften zugeordnet und zu 50 Prozent fachbereichsübergreifend angesiedelt. Somit ist sie Teil der Strategie der Hochschule zur Stärkung der interdisziplinären Lehre und Forschung. Dieses interdisziplinäre Prinzip schlägt sich, wie in diesem Beitrag ausgeführt wird, im Forschungs- und Lehrprofil der Professur nieder.

1 Was ist Informationsdidaktik?

Informationsdidaktik ist ein Teilbereich der Didaktik, in dem die Relevanz der Beschaffenheit von Information für die didaktische Konzept- und Modellbildung in den unterschiedlichen Kontexten von Informationsverarbeitungs- und Wissensvermittlungsprozessen untersucht wird. Was das genau heißt, soll im Folgenden erläutert werden.

Gemäß ihrer allgemeinsten und weiträumigsten Definition, ist Didaktik die Wissenschaft vom Lernen und vom Lehren (Lüders 2011, S. 269). Die didaktische Forschung und Praxis verortet den Lehr-Lernprozess in einem sozialwissenschaftlich reflektierten, pädagogischen Rahmen. Das bedeutet, sie reflektiert die soziale Situierung von Wissensvermittlungsprozessen und richtet die didaktischen Interventionen an diesem sozialen Rahmen aus. Wesentliche Bezugskriterien dieses sozialwissenschaftlichen und pädagogischen Rahmens, der zum Teil in „Lernumwelt“ und „außerdidaktische Umwelt“ (Flechsig 1983, S. 138) differenziert wird, sind z. B. die Gesellschaftsform, in der sich ein Lehr-Lernprozess abspielt, die soziologische Bezugssysteme der Lehrenden und Lernenden, die institutionellen Rahmenbedingungen sowie die pädagogische Programmatik innerhalb derer sich die Wissensvermittlungsprozesse abspielen. Wichtige Arbeitsbereiche der Didaktik bestehen in der praktischen Planung, der Durchführung, der theoretischen Analyse und Reflexion des eigentlichen Lehr-Lernprozesses, in der Identifikation von Lerninhalten in Bezug auf den jeweils spezifischen Kontext und die adressierte Zielgruppe sowie in der Erarbeitung angemessener didaktischer Vermittlungsmethoden für diese Lerninhalte. Darüber hinaus entwickelt die Didaktik Kriterien und Verfahren für die Evaluation der Kongruenz von Lernziel und Lernerfolg und überprüft somit, inwiefern die Inhalte, die vermittelt werden sollten, in den Wissensbestand der Lernenden integriert worden sind (Lüders 2011, S. 269–271).

Die didaktische Forschung und Praxis differenziert sich nach vielfältigen Bezugspunkten der didaktischen Konzept- und Modellbildung: So sind z. B. die Identifikation allgemeiner Prinzipien sowie deren Beschreibung in analytischen Modellen des Lehr-Lernprozesses sowie Begründungsfragen von Bildungsprozessen Gegenstand der allgemeinen Didaktik (vgl.: Kron; Jürgens, Standop 2014). Die Fachdidaktik, wie z. B. die Mathematikdidaktik und die Musikdidaktik, zielt auf die Entwicklung angemessener didaktischer Konzepte und Methoden für die Vermittlung spezifischer fachlicher Inhalte. Die Bereichsdidaktik oder aufgabenfeldbezogene Didaktik, wie z. B. die Mediendidaktik oder die interkulturelle Didaktik erarbeitet didaktische Vermittlungskonzepte für spezifische, gesamtgesellschaftliche Erfordernisse, wie z. B. den Umgang mit digitalen Medien oder mit kulturell heterogenen Lernendengruppen in Bildungsprozessen (vgl. Kron; Jürgens, Standop 2014, S. 26–30).

Während also die übergreifende Struktur von Lehr-Lernprozessen, die spezifischen Inhalte und die zur Wissensvermittlung eingesetzten Medien sowie zahlreiche andere Einflussfaktoren Gegenstand der didaktischen Reflexion geworden sind, ist die Relevanz der Kategorie „Information“ für die didaktische Konzept- und Modellbildung bisher noch nicht systematisch analysiert und operationalisiert worden (vgl.: Ballod 2007). Dies ist Gegenstand der Informationsdidaktik, die, ähnlich wie die

Didaktische Perspektiven.
Abbildung 1:

Didaktische Perspektiven.

Mediendidaktik oder die interkulturelle Didaktik zunächst als Bereichsdidaktik eingeordnet werden könnte. Wie sie sich zum Konzept der Fachdidaktik verhält, wird am Ende dieses Artikels näher erläutert.

In Bezug auf die zu entwickelnde informationswissenschaftlich fundierte Informationsdidaktik liegen die Forschungsdesiderate vor allem in zwei Dimensionen: zum einen fehlt in den bisherigen didaktischen Konzepten und Modellen die wissenschaftliche Reflexion darüber, inwieweit die spezifische Beschaffenheit von Information Einfluss auf den Lehr-Lernprozess hat. Zum anderen existieren bisher keine Erkenntnisse darüber, inwieweit die jeweilige soziale Praxis des „sich Informierens“ innerhalb einer bestimmten sozialen Gruppe als Einflussfaktor für die didaktische Vermittlungsstrategie relevant ist.

„Information“ wird in didaktischen Konzepten und Modellen lediglich in Bezug auf ihren inhaltlichen Gehalt betrachtet, nicht in Bezug auf ihre Beschaffenheit oder Form. Dies wird Gegenstand der informationswissenschaftlichen Informationsdidaktik sein. Ziel ist somit, die didaktische Konzept- und Modellbildung um das Kriterium der formalen Beschaffenheit von Information zu ergänzen, sofern sich herausstellen sollte, dass dieses Kriterium eine relevante Einflussgröße für den Wissensvermittlungsprozess ist. Innerhalb der Informationswissenschaften aber auch in anderen wissenschaftlichen Disziplinen, die sich mit der Kategorie „Information“ beschäftigen, wie z. B. der Soziologie, den Kommunikationswissenschaften, der Informatik oder der Psychologie, gibt es bisher keine allgemeingültige Definition von Information. Solch eine abstrakte Begriffsbestimmung mit universellem Geltungsanspruch wäre vermutlich auch zu wenig spezifisch für die informationsdidaktische Adaptation. Somit wird die formale Beschreibung von Information durch empirische Untersuchung möglichst vielfältiger Wissensvermittlungsprozesse vergleichend entwickelt. Das daraus resultierende Verständnis von Information begreift sich im Sinne Kuhlens als dynamisch nicht als ontologisch (vgl. Kuhlen 2013, S. 2). Bezugspunkte einer formalen Beschreibung von „Information“, die nach den vorläufigen Erkenntnissen aus den Lehr-Forschungsprojekten des vergangenen halben Jahrs als relevant erscheinen, sind in Abbildung 2 dargestellt.

Bezugspunkte der Beschreibung von „Information“.
Abbildung 2:

Bezugspunkte der Beschreibung von „Information“.

Diese Liste wird in der weiteren informationsdidaktischen Forschung zu überprüfen und zu ergänzen sein, wie auch die zum Teil auf der Hand liegenden Anknüpfungspunkte zu verwandten didaktischen Forschungsgebieten genauerer Aufmerksamkeit bedürfen.

Die These, dass die soziale Praxis des „sich Informierens“ innerhalb einer bestimmten sozialen Gruppe den Informationsaufnahme- und –verarbeitungsprozess beeinflusst, ist in der Informationsverhaltensforschung, die einen wichtigen Bezugspunkt der informationsdidaktischen Forschung bildet, nicht neu. Birger Hjørland hatte sie z. B. bereits im Jahr 2004 der Entwicklung seiner Domain Analysis zugrunde gelegt (Hjørland 2004).

In der didaktischen Theorie- und Modellbildung wurde diese Erkenntnis jedoch noch nicht systematisch reflektiert und bisher auch in didaktischen Vermittlungsprozessen vernachlässigt. Dies ist insbesondere dann problematisch, wenn die Lehrenden nicht Angehörige derselben Wissenskultur (Knorr-Cetina 2002) sind wie die Lernenden. Dies ist z. B. häufig bei Bibliothekarinnen und Bibliothekaren der Fall, die Informationskompetenz-Kurse für Studierende unterschiedlicher Disziplinen bzw. Angehörige unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen anbieten.

2 Fokus und Methodik der informationsdidaktischen Forschung

Wie lassen sich nun die formale Beschaffenheit von Information und die soziale Praxis des „sich Informierens“ in unterschiedlichen Kontexten der Wissensvermittlung empirisch beschreiben? Der zentrale Fokus für die informationsdidaktische Forschung liegt in der Untersuchung der unterschiedlichen Wissenskulturen insbesondere in Hinblick auf die dort vorhandenen Ausprägungen von Information und des jeweiligen Umgangs mit Information. Die Wissenssoziologin Karin Knorr-Cetina hat im Jahr 2002 Wissenskulturen als Gesamtheit der „Praktiken, Mechanismen, und Prinzipien, die gebunden durch Verwandtschaft und historische Koinzidenz, in einem Wissensgebiet bestimmen, wie wir wissen, was wir wissen“ (Knorr-Cetina 2002, S. 11) begriffsprägend definiert. Wissenskulturen sind somit soziale, fachlich geprägte Gruppen, die sich durch eine gemeinsame Wissenspraxis auszeichnen. Vom Begriff der Disziplin unterscheidet sie zum einen die praxeologische Forschungsperspektive und die damit zusammenhängende Aufmerksamkeit für Brüche und Unterschiede in den epistemologischen Begründungen dessen, was jeweils als Wissen betrachtet wird (vgl. exemplarisch zur Genese Praxistheorie: Lengersdorf 2011, S. 65–77; Reckwitz 2003, S. 282–301). In die Informationsverhaltensforschung hat die praxistheoretische Perspektive z. B. durch Savolainen mit Bezug auf Knorr-Cetina bereits Eingang gefunden (vgl. Savolainen 2007, S. 109–132).

Zum anderen ist der Begriff der Wissenskultur über die wissenschaftlichen Disziplinen hinaus anwendbar auf jeden möglichen Kontext, in dem Wissen innerhalb von sozialen Praktiken und Gruppierungen erzeugt, verarbeitet und kommuniziert wird. Beide Dimensionen dieses analytischen Begriffs sind für die informationsdidaktische Forschung wichtig, die zwar mit der vergleichenden Betrachtung akademischer Wissenskulturen ihren Ausgangspunkt nehmen, diesen Fokus aber um die Analyse des Umgangs mit Information und die Übertragbarkeit von Wissen zwischen Wissenschaft und Praxis bzw. zwischen unterschiedlichen Praxiskulturen als wesentliches Forschungsfeld erweitern wird.

Methodisch lassen sich die Strukturmerkmale von Information und die Situierung von Informationsprozessen in Wissenskulturen unter Anwendung des gesamten Spektrums der empirischen Sozialforschung, der Ethnomethodologie sowie der Dokumenten- und der Diskursanalyse untersuchen. Die Wahl der Methode richtet sich zum einen nach den konkreten Forschungsfragen und zum anderen nach den Kompetenzen und Präferenzen der Forschenden. Die informationsdidaktische Forschung an der FH Potsdam erfolgt zu einem großen Teil im Rahmen von Lehr-Forschungsprojekten (Michel 2016). Hierbei werden zwei Strategien verfolgt: zum einen werden wissenschaftliche Fragestellungen der Informationsdidaktik in forschungsorientierten Lehrveranstaltungen, wie z. B. Forschungsseminaren und -werkstätten mit einem Studierendenteam bearbeitet. Hierbei richtet sich die Wahl der Methode sowohl nach der Angemessenheit zur Beantwortung der Forschungsfrage als auch nach didaktischen Kriterien im Rahmen des jeweiligen Curriculums der Lehrveranstaltung. Zum anderen werden Lehrveranstaltungen in den unterschiedlichen Fachbereichen als Element der verschiedenen Wissenskulturen selber zum Forschungsgegenstand und im Rahmen der teilnehmenden Beobachtung (Bohnsack, Marotzki, Meuser 2003, S. 151–153) bzw. unter Reflexion des eigenen didaktischen Handelns der Autoethnographie (Reinmann; Schmohl 2016) untersucht.

Der Fokus der Informationswissenschaftlichen Forschung wird in den nächsten Jahren auf den Wissenskulturen der FH Potsdam liegen. Ihre hochschuldidaktischen Lehr-Lernformen unter besonderer Berücksichtigung der Beschaffenheit von Information und des Umgangs mit Information sowie die Praxis des Wissenstransfers in den jeweils kongruenten Praxiskulturen werden wesentliche Untersuchungsgegenstände sein. In Bezug auf die informationswissenschaftlichen Wissenskulturen wird also z. B. erforscht, welche Formen von Information und welche Praxis des „sich Informierens“ jeweils prägend sind, wie diese Praktiken in den informationswissenschaftlichen Studiengängen eingeübt werden und die Wissensvermittlung unter Berücksichtigung dieser Praktiken optimiert werden kann. Zudem wird analysiert, wie sich die sozialen Praktiken innerhalb der informationswissenschaftlichen Wissenskulturen zu denen in den Praxiskulturen in Informationseinrichtungen verhalten und wie sie sich besser aufeinander beziehen lassen könnten.

3 Wissenschaftliche Verortung der Informationsdidaktik

Wie verhält sich nun die Informationsdidaktik zu den Informationswissenschaften? Die Informationsdidaktik zielt wie bereits erläutert auf die Überprüfung der Relevanz der jeweiligen formalen Beschaffenheit der Kategorie „Information“ für didaktische Vermittlungsprozesse und auf eine Ergänzung der didaktischen Konzept- und Modellbildung, wenn sich diese Relevanz bestätigen sollte. Daher besteht ein enger Zusammenhang zwischen der Informationsdidaktik und der Forschung und Praxis zur Vermittlung von Informationskompetenz, verstanden als didaktisch geleiteten Prozess der Entwicklung von Wissen und Fertigkeiten für den kompetenten Umgang mit Information in jeglichem Informationsrecherche- und Verarbeitungsprozess.

Während in den einschlägigen Definitionen von Informationskompetenz das Forschungs- und Praxisfeld ähnlich weiträumig definiert wird, wie in diesem Beitrag der Gegenstand der Informationsdidaktik (vgl. exemplarisch Association of College and Research Libraries 2015; Hochschulrektorenkonferenz 2012), und diese Konzepte auch im Praxisdiskurs reflektiert werden (vgl. exemplarisch Sühl-Strohmenger; Straub 2016), konzentriert sich die Praxis der Informationskompetenzvermittlung überwiegend auf das weiträumige Feld bibliothekarischer Angebote. Dies lässt sich aus den inhaltlichen Schwerpunkten der Publikationen sowie der jährlich auf dem Portal „Informationskompetenz.de“ veröffentlichten Veranstaltungen im Kontext der Informationskompetenzvermittlung ablesen (Gemeinsame Kommission Informationskompetenz des Deutschen Bibliotheksverbands e.V. und des Vereins Deutscher Bibliothekarinnen und Bibliothekare 2014). Diese Fokussierung ist nicht verwunderlich, weil die in der Informationsvermittlung aktiv Tätigen überwiegend Bibliothekarinnen und Bibliothekare sind, die den Auftrag haben, den Kundinnen und Kunden ihrer Einrichtungen bei der Nutzung der angebotenen Informationsressourcen weiterzuhelfen. Für die didaktische Unterfütterung dieser Aktivitäten haben Hanke und Sühl-Strohmenger unlängst den Begriff „Bibliotheksdidaktik“ verwendet und in ihrer Publikation ausführlich vorgestellt (Hanke; Sühl-Strohmenger 2016). Informationsdidaktik umfasst diesen Bereich, ist jedoch, wie oben ausgeführt, nicht darauf beschränkt.

Indem die eingangs genannten Arbeitsbereiche der Didaktik noch einmal auf die Informationsdidaktik angewendet werden, erschließt sich, dass die Informationsdidaktik eine Didaktik der zentralen Gegenstandsbereiche der Informationswissenschaften ist: Informationsdidaktik analysiert Informationsrecherche und -verarbeitung, Wissensentwicklung und Wissenskommunikation im sozialwissenschaftlich reflektierten Rahmen der unterschiedlichen Wissenskulturen und im pädagogischen Rahmen der jeweiligen Wissensvermittlungsprozesse sowie der hierfür zuständigen Akteur/innen und Institutionen. Sie trägt zur Differenzierung fachspezifischer Inhalte unter dem Gesichtspunkt der Erweiterung des Wissens über den Informationsprozess bei. Dazu entwickelt sie unter diesem Fokus didaktische Modelle und Vermittlungsmethoden weiter. Und schließlich evaluiert die Informationsdidaktik, inwiefern eine Kongruenz zwischen Lernziel und Lernerfolg besteht. Mit den zentralen Arbeitsschwerpunkten der Analyse der formalen Beschaffenheit von Information und der Situiertheit von Informationsprozessen im inter- und transdisziplinären Kontext liegt ein Erkenntnisinteresse der Informationsdidaktik in der Entwicklung einer Systematik von Information. Mit dieser Annährung an das Konzept der Information wird ein genuin informationswissenschaftliches Projekt verfolgt. Indem die Systematik im Rahmen der didaktischen Konzept- und Modellbildung für Lehr-Lernprozesse im Kontext des Umgangs mit Information angewendet werden soll, zielt die Informationsdidaktik nicht nur auf einen Beitrag zur informationswissenschaftlichen Begriffsbildung sondern auch auf die Entwicklung strukturierter didaktischer Konzepte und Modelle für die Vermittlung informationswissenschaftlicher Kerninhalte in den Informationswissenschaften sowie in inter- und transdisziplinären Kontexten. Somit hat die Informationsdidaktik das Potenzial, eine Didaktik der Informationswissenschaften zu werden.

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Prof. Dr. Antje Michel ist seit Januar 2016 Professorin für Informationsdidaktik und Wissenstransfer an der FH Potsdam. Sie hat an der Georg-August-Universität Göttingen und der Freien Universität Berlin Soziologie studiert und wurde 2003 am Institut für Soziologie der Freien Universität Berlin promoviert. Im Anschluss an das Referendariat für den wissenschaftlichen Bibliotheksdienst an der Bibliothek der Universität Konstanz und der Bayerischen Bibliotheksakademie München hat sie als wissenschaftliche Bibliothekarin an der Max Planck Digital Library und als Leiterin zweier großer Fachbibliotheken der Universitätsbibliothek der LMU München gearbeitet. Der zentrale Schwerpunkt ihrer Forschungs- und Lehrtätigkeit an der FH Potsdam liegt in der Entwicklung des international neuen Forschungsfelds der Informationsdidaktik sowie der interdisziplinären Integration informationsdidaktischer Konzepte und Forschungsergebnisse in die akademische Lehre und den Wissenstransfer.

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Published Online: 2016-11-02

Published in Print: 2016-11-01


Citation Information: Information - Wissenschaft & Praxis, Volume 67, Issue 5-6, Pages 325–330, ISSN (Online) 1619-4292, ISSN (Print) 1434-4653, DOI: https://doi.org/10.1515/iwp-2016-0057.

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