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ISSN
1619-4292
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Open Educational Resources (OER) in Deutschland fördern

Der Diskurs und die Bildungspolitik zu Open Educational Resources in Deutschland am Beispiel des Förderprogramms OERinfo

Luca Mollenhauer
  • Corresponding author
  • Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung, Schloßstraße 29, 60486 Frankfurt am MainGermany
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/ Ingo Blees / Prof. Dr. Marc Rittberger
Published Online: 2017-05-06 | DOI: https://doi.org/10.1515/iwp-2017-0029

1999 startete die Universität Tübingen im Rahmen ihrer Initiative Tübinger Internet MultiMedia Server (timms) den ersten Meilenstein im Bereich der Open Course Ware (OCW). Hier wurden Lehrvideos der Dozierenden veröffentlicht (Danver 2016). Auf dieser First Mover-Position konnte Deutschland anschließend allerdings nicht aufbauen und war lange Zeit ein weißer Fleck im Bereich Open Education.

Der sogenannte „Schultrojaner“ setzte die Entwicklungen um freie Bildungsmaterialien in Deutschland wieder in Gang. Ende 2011 hatten sich die Kultusministerien vertraglich verpflichtet, Schulrechner systematisch nach urheberrechtswidrig erstellten Kopien von Produkten der Schulbuchverlage durchsuchen zu lassen (Beckedahl 2011). Auch wenn dieser Plan bereits im April 2012 wieder aufgegeben wurde, war die ausgelöste Entwicklung im Bildungssektor nachhaltig. Als Reaktion formierte sich eine Bewegung mit der Motivation, eigene Lehr-Lern-Materialien zu nutzen und zu erstellen. Auf der bildungspolitischen Agenda waren OER allerdings noch nicht angekommen. Dies zeigt auch eine Studie der OECD. Sie führte 2012 Deutschland als einziges Land auf, das OER nicht als ein politisches Thema der nahen Zukunft ansah (Hylén et al. 2012). Die Entwicklung bei Praktikern und Lehrenden schritt aber weiter voran. Daher wurden 2012 und 2015 z. B. drei Whitepaper zu OER veröffentlicht, jeweils für die Bereiche Schule, Hochschule und Weiter-/Erwachsenenbildung1.

Anfang 2015 hat eine gemeinsame Arbeitsgruppe der Kultusministerkonferenz (KMK) und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) das Potenzial von OER hervorgehoben, insbesondere im Bereich der rechtlichen Sicherheit für Lehrer und Lehrerinnen, die innovative Lehr-Lern-Formate mit digitalen Medien einsetzen möchten (OER AG 2015). Unterstrichen wurde hier der Aufbau oder die Unterstützung von Plattformen im Internet, auf der Verweise zu verschiedenen OER-Quellen – und falls sinnvoll auch OER-Materialien – gebündelt bereitgestellt, gefunden und heruntergeladen werden können.

In Folge des Berichts wurden vom BMBF zwei Studien in Auftrag gegeben: Mapping OER war eine Studie der Wikimedia Deutschland mit dem Ziel, die Landschaft der freien Bildungsmaterialien in Deutschland zu kartographieren und Ansätze zu entwickeln, wie Open Educational Resources (OER) gestärkt werden können. Der Fokus lag hierbei auf vier Themen: Lizenzierung und Rechtssicherheit, Qualitätssicherung, Qualifizierungsmodelle für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren sowie Finanzierungs- und Geschäftsmodelle (Wikimedia 2016). Der Deutsche Bildungsserver wurde mit einer Machbarkeitsstudie zu OER beauftragt. Diese stellte die Infrastrukturen zum Aufbau und Betrieb von OER in Deutschland in den Mittelpunkt und ermittelte die Bedarfslagen in den Bildungsbereichen (Deutscher Bildungsserver 2016). Eine der zentralen Empfehlungen der Machbarkeitsstudie war der Aufbau einer Aggregationsinstanz (Metadaten‐Austausch‐Service), die auf Basis von Austauschformaten und konkordanten Metadaten dezentrale OER‐Bestände im Sinne eines Nachweissystems integriert und ihre Auffindbarkeit sowohl in bereichsspezifischen als auch in übergreifenden Sichten unterstützt. Diese zwei Studien können als Katalysator für ein verstetigtes OER-Engagement in der deutschen Bildungspolitik gesehen werden.

Gleichzeitig gab es mit dem OER-Festival in Berlin und der Publikation des OER-Atlas (Muuß-Merholz, J., Neumann, J. 2016) weitere öffentlichkeitswirksame Aktivitäten für OER in Deutschland. Der OER-Atlas 2016 bietet einen aktuellen Überblick über die OER-Landschaft im deutschsprachigen Raum. Die Daten zu Akteuren und Projekten wurden im vierten Quartal 2015 in Zusammenarbeit mit dem Projekt OER World Map (gefördert von der Hewlett Foundation) erhoben.

Im Januar 2016 veröffentlichte das BMBF die Bekanntmachung zur neuen Förderlinie OERinfo zur Förderung von Offenen Bildungsmaterialien (BMBF 2016a). Die Basis dafür waren die zwei zuvor veröffentlichten OER-Studien. Die Förderlinie des BMBF sieht einerseits die Einführung einer Informationsstelle OER vor, sowie die Förderung einer Reihe von Maßnahmen zur Sensibilisierung und Qualifizierung von Multiplikator/innen für OER.

Die Informationsstelle OER wurde zum 1. November 2016 am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) eingerichtet, gemeinsam mit sechs Kooperationspartnern: dem Hochschulbibliothekszentrum NRW (HBZ), der Agentur Jöran & Konsorten, die zuvor die OER Transferstelle betrieb, sowie vier Transferpartnern für vier Bildungsbereiche: das Medieninstitut der Länder FWU für den Bereich Schule, das Learning Lab der Universität Duisburg-Essen für den Bereich Hochschule, das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung (DIE) für die Erwachsenenbildung und das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) für die Berufsbildung.

Eine der Kernaufgaben der Informationsstelle OER ist es, Informationsquelle und erste Anlaufstelle zu OER zu sein, insbesondere auch für solche Adressaten, die bisher wenig bis gar keinen Kontakt mit dem Thema OER hatten. Ziel ist es, zu einer breiten Sichtbarmachung des Themas in Deutschland beizutragen. Dies umfasst die Darstellung des aktuellen Kenntnisstands zu OER und der Vielfalt der bereits bestehenden Initiativen und Ansätze. Good Practice-Beispiele werden hierzu gebündelt und der Austausch zwischen OER-Initiativen, Stakeholdern und Interessengruppen unterstützt.

Die Aktivitäten der Informationsstelle OER erstrecken sich auf drei Aktionsfelder: Information, Transfer und Vernetzung. Die Koordination liegt beim DIPF bzw. dem Deutschen Bildungsserver in Absprache mit den Kooperationspartnern. Die Informationsstelle analysiert und dokumentiert systematisch aktuelle OER-Aktivitäten. Laufende Entwicklungen in der OER-Community und Good Practice-Beispiele werden gesichtet, gemonitort und ergänzend über Workshops und Präsentationen einem möglichst breiten Publikum zugänglich gemacht.

Der Transfer der Informationsstelle wird durch die Arbeit der genannten Transferpartner unterstützt, die jeweils für die Bildungsbereiche Schule, Hochschule, Erwachsenenbildung und Berufsbildung verantwortlich sind. Diese Partner sind damit beauftragt, die Potenziale für OER in ihren Bildungsbereichen zu analysieren und Informationen und Veranstaltungen für die Nutzung von OER zu konzipieren. Hierdurch sollen neue Zielgruppen identifiziert und gezielt eingebunden werden. Über (Fach-)Publikationen wird das Thema OER hierbei in die jeweiligen Bildungsbereiche getragen. Gleichzeitig fungieren die Transferpartner als Multiplikatoren, um neue Aktivitäten und Initiativen aufzugreifen und darüber zu berichten.

Darüber hinaus ermöglicht die Informationsstelle als Unterstützer und Moderator die Zusammenarbeit zwischen den oben genannten Projekten zur Sensibilisierung und Qualifizierung von Lehrenden und Multiplikatoren und Multiplikatorinnen. Diese Projekte sollen auch den Bekanntheitsgrad von OER steigern sowie das Innovationspotenzial von OER unterstreichen und in die Lehr-Lern-Praxis ihrer Aus- und Fortbildungsstrukturen der jeweiligen Bildungsbereiche tragen. Die Informationsstelle ist ein Informations- und Dokumentationspunkt für die Projekte und unterstützt durch ihre eigenen Netzwerke und Kanäle deren Öffentlichkeitsarbeit. Potenziale für eine Erweiterung der bestehenden Netzwerke werden hierbei identifiziert, um so die Wirkung von OER und seinen Fürsprechern zu verstärken.

Über die OER-Deutschlandkarte, eine Ausprägung der OER World Map, können die Verbindungen zwischen OER-Akteuren dargestellt werden. Ziel ist eine datengestützte Netzwerkvisualisierung der OER-Community in Deutschland, wobei der Datenbestand hierzu systematisch ausgebaut wird. Die OER-Deutschlandkarte erlaubt u. a. die Einträge von Organisationen, Personen, Projekten und Veranstaltungen und die Verknüpfungen der Elemente untereinander. Somit können sowohl Akteure als auch Aktivitäten und Ereignisse in ihren Netzwerken visualisiert werden und es wird Narration der OER-Landschaft in Deutschland ermöglicht.

Ein weiteres Instrument, um die OER-Projekte zukünftig zu unterstützen, ist das OER InfoKit, das darauf abzielt, ein Reflexionswerkzeug zu entwickeln, das für Projektteams und für die Teilnehmenden an Maßnahmen bestimmt ist. Das InfoKit unterstützt den Arbeitsfortschritt, indem (Zwischen-)Ergebnisse im laufenden Projektverlauf beobachtet und evaluiert werden. Die Entwicklung erfolgt derzeit in Kooperation mit fünf OER-Projekten.

Im Oktober 2016 wurde die Strategie „Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft“ des BMBF veröffentlicht (BMBF 2016b). OER sind darin als ein wichtiges Instrument bei der Vermittlung digitaler Bildung genannt. Nach dem Start der Förderlinie OERinfo im November 2016 hat die KMK im Dezember 2016 ihre Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ veröffentlicht (KMK 2016). Diese stellt die Bildung und das Lernen mit offenen Inhalten in der digitalen Welt in den Mittelpunkt. Sie unterstreicht die Kurskorrektur in der deutschen Bildungspolitik in Bezug auf OER und freier und offener Bildung im Allgemeinen. Mit der großen Unterstützung der OER-Community und dem kommunizierten politischen Willen scheint Deutschland in der Lage zu sein, den in (Hylén et al. 2012) formulierten Rückstand im Bereich Open Education aufzuholen.

Deskriptoren: Pädagogik, Lehrmaterial, Open Access

Literatur

About the article

Published Online: 2017-05-06

Published in Print: 2017-05-04


Citation Information: Information - Wissenschaft & Praxis, Volume 68, Issue 2-3, Pages 179–181, ISSN (Online) 1619-4292, ISSN (Print) 1434-4653, DOI: https://doi.org/10.1515/iwp-2017-0029.

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