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1619-4292
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Projekt Internationales Informationsmanagement für Geflüchtete an der Hochschule Hannover

Prof. Dr. Thomas J. Schult / Mareike Schulte
Published Online: 2017-05-06 | DOI: https://doi.org/10.1515/iwp-2017-0031

Einleitung

Viele junge Geflüchtete in Deutschland haben in ihrem Heimatland ihre Hochschulzugangsberechtigung (HZB) erworben oder bereits ein Studium begonnen. In Deutschland angekommen, erweist sich die (Wieder-)Aufnahme eines Studiums als schwierig. Oft fehlen die Sprachkenntnisse oder die bürokratischen Hürden sind zu hoch. Die Hochschule Hannover (HsH) hatte bereits in einem ersten Schritt die Gebühren für die Gasthörerschaft gestrichen. Dennoch wurde dieses Angebot wenig genutzt, da die Lehrveranstaltungen vorwiegend auf Deutsch abgehalten wurden. So wurde Ende 2015 das Projekt Internationales Informationsmanagement ins Leben gerufen. Dies ermöglicht über eine Gasthörerschaft die Integration in den Bachelor-Studiengang Informationsmanagement an der HsH.

Der Bachelor-Studiengang erfüllt mit seiner Kombination aus den Bereichen Informatik, Dokumentation und Betriebswirtschaft einen Bedarf in Firmen und Organisationen. So kommen Absolventen dieses Studiengangs in verschiedenen Branchen wie Online-Marketing, E-Commerce, Web-Entwicklung oder wissenschaftlichen Bibliotheken unter. Weiterhin beinhaltet das Studium zwei Praxisphasen, in denen wichtige Kontakte zu Arbeitgebern geknüpft werden können. Mit dem siebensemestrigen Bachelor-Studiengang Informationsmanagement existiert also ein für Geflüchtete interessantes Bildungsangebot, das der Zielgruppe in relativ kurzer Zeit zu einer bedeutenden Qualifizierung für den deutschen Arbeitsmarkt verhelfen kann.

Anfänge des Projektes

Das Organisationsteam, bestehend aus Prof. Dr. Monika Steinberg, Prof. Dr. Thomas J. Schult, V-Prof. Dr. Ina Blümel (International Coordinator der Fakultät III) und Christina Ahrberg vom Language Center der HsH, begann mit der Planung des Projektes Ende 2015. Das Projekt wurde für einen Zeitraum von zwei Semestern konzipiert. In dieser Zeit sollten die Studierenden in Deutschintensivkursen am Vormittag innerhalb von acht Monaten das C1-Sprachniveau erreichen und am Nachmittag den fachlichen Inhalt aus dem ersten Semester des deutschsprachigen Studiengangs in englischer Sprache erlernen.

Nach den zwei Semestern sollten sich die Gasthörer mit Hilfe von uni-assist, einer bundesweit tätigen Agentur zur Prüfung ausländischer Hochschulzugangsberechtigungen, auf einen regulären Studienplatz bewerben können. Die bestandenen Prüfungsleistungen sollten nach der Immatrikulation als Credits anerkannt werden und der Einstieg ins zweite Semester des regulären Studiengangs erfolgen. So verlängert sich das Studium für die Geflüchteten nur um ein Semester.

Der erste Jahrgang startete im März 2016 mit zwanzig Studierenden aus Syrien, Afghanistan und dem Irak, die in Einzelinterviews ausgewählt wurden. Entscheidend für die Teilnahme waren hier das Interesse an dem Studiengang Informationsmanagement und die langfristigen Bleibeaussichten der Bewerber. Die englischsprachigen Kurse weckten auch das Interesse von ausländischen Studierenden im Erasmus-Semester, die ebenfalls an ausgewählten Veranstaltungen teilnahmen.

Bereits im Auswahlverfahren stellte sich heraus, dass viele der Projektstudierenden nicht über ein persönliches Umfeld verfügten, in dem sie ungestört arbeiten konnten. Daher wurde ein Betreuungsangebot durch studentische Tutoren in einem Computerlabor der Hochschule eingeführt. Dort konnten die Projektstudierenden die Vorlesungen vor- und nachbereiten sowie soziale Unterstützung erfahren.

Herausforderungen und Erkenntnisse

Nach dem ersten Semester des Projektes zeigten sich erste Hürden, die es zu bewältigen galt. Bei einigen Geflüchteten hatten die Strapazen der Flucht und die Belastungen des Krieges psychische Auswirkungen. Andere fanden in Ihrer Unterbringung im Flüchtlingsheim keine Ruhe zum Lernen. Dies beeinflusste die Leistung in den Kursen und konnte auch durch das Betreuungsangebot nicht komplett aufgefangen werden. Dazu kamen Konflikte mit den Behörden, da sich z. B. Integrationskurse terminlich mit den Veranstaltungen des Projektes überschnitten. Auch bei weiteren behördlichen Formalitäten standen die studentischen Tutoren den Geflüchteten zur Seite. Die Betreuung durch die Tutoren und die Dozenten nahm durch diese Faktoren viel Zeit und Geduld in Anspruch. Insgesamt war der Beratungsbedarf der Geflüchteten sehr hoch. Diese Erfahrungen führten dazu, dass für den zweiten Jahrgang einige Umstrukturierungen vorgenommen wurden.

Aktueller Aufbau des Projektes

Als Reaktion auf die oben geschilderte Situation wurde das Projekt von zwei auf drei Semester verlängert. Es werden in diesem Zeitraum die Veranstaltungen des ersten und zweiten Fachsemesters des regulären Bachelor-Studiengangs Informationsmanagements gelehrt. Ebenso wurde die Zeitspanne der Sprachkurse angepasst. Für das Erreichen des C1-Niveaus steht nun ein längerer Zeitraum zur Verfügung. So soll der Sprachunterricht vom Sommersemester 2017 bis einschließlich Sommersemester 2018 erfolgen und mit dem TestDaF abgeschlossen werden. Da die Projektstudierenden unterschiedliche Vorkenntnisse der deutschen Sprache mitbringen, gibt es nun zwei Gruppen. Eine Gruppe startet auf Niveau A2, die andere auf dem Niveau B1+. Mit einer festen Mitarbeiterstelle wird die fachliche und psychosoziale Beratungskompetenz ausgebaut und den Bewerbern wird aktiv bei der Suche nach einer Wohnung in Hannover geholfen.

In Abbildung 1 sind die Module und die Verteilung auf die drei Projektsemester aufgeführt. Im ersten Semester können 12 Credits Points (cp) erreicht werden. Im Vordergrund steht das Erlernen der deutschen Sprache. Im zweiten und dritten Semester erhöht sich die Anzahl der Credits auf 18cp beziehungsweise 30cp. Damit können sich die Studierenden auf das dritte Fachsemester des Bachelor-Studiengangs Informationsmanagement bewerben.

Das Lehrangebot ist für die Dauer von 3 Semestern ausgelegt und orientiert sich im ersten Semester an einer möglichen Übertragbarkeit auf andere Studiengänge.
Abbildung 1

Das Lehrangebot ist für die Dauer von 3 Semestern ausgelegt und orientiert sich im ersten Semester an einer möglichen Übertragbarkeit auf andere Studiengänge.

Um die Attraktivität des Projektes zu steigern, wurden Anbindungen an andere Studiengänge der HsH geschaffen. Aus diesem Grund wurden Lehrveranstaltungen in das erste Semester gelegt, die auch in anderen Studiengängen anerkannt werden können. Geplant ist die Anerkennung in den Studiengängen Medizinisches Informationsmanagement und Wirtschaftsinformatik. Die Gestaltung des dritten Semesters erlaubt eine erste Zusammenführung mit den deutschen Studierenden im zweiten Semester, da die Fächer identisch sind. Die Studierenden können gemeinsam Lehrveranstaltungen auf Deutsch oder Englisch besuchen. Das Angebot von Lehrveranstaltungen in englischer Sprache passt zum Internationalisierungskonzept der Hochschule Hannover, und die Durchmischung von deutschen Studierenden, Geflüchteten und Erasmus-Incomings fördert den kulturellen Austausch.

Internetauftritt – Refugeeks

Die Website refugeeks.de entstand im Rahmen eines Studierendenprojektes von Prof. Dr. Schult im Sommersemester 2016. Sie bietet Informationen für studierwillige Geflüchtete aus dem Raum Hannover zu den Themen Studium und Karriere, Finanzen sowie Leben in Hannover. Ein Forum hilft bei der Wohnungssuche oder allgemeinen Fragen.

Unter http://refugeeks.de finden Geflüchtete, die in Hannover studieren möchten, alle Informationen über das Leben in Deutschland und insbesondere in Hannover.
Abbildung 2

Unter http://refugeeks.de finden Geflüchtete, die in Hannover studieren möchten, alle Informationen über das Leben in Deutschland und insbesondere in Hannover.

Die Website ist auf Deutsch, Englisch und Arabisch verfügbar und wurde von einer Expertenjury ins Finale des bundesweiten „Future Award 2016“ in der Kategorie Bildung gewählt. Refugeeks.de wird kontinuierlich weiterentwickelt und soll zukünftig zu einer deutschlandweiten Plattform für den Austausch von Flüchtlingsprojekten im Hochschulbereich werden.

Ausblick

Das Projekt startete im März 2017 mit vierzig neuen Geflüchteten in den zweiten Jahrgang. Für die Zukunft ist eine stärkere Verknüpfung mit dem Internationalisierungskonzept der Hochschule geplant, um das englischsprachige Lehrangebot für Erasmus-Incomings zu erhöhen und die deutschen Studierenden auf den internationalen Arbeitsmarkt vorzubereiten. Weiterhin wird unabhängig vom Projektstudium eine Zusammenarbeit mit der Online-Bildungseinrichtung „Kiron Open Higher Education“ angestrebt. Diese bietet Geflüchteten in vier wichtigen Fächern ein Kerncurriculum von 90 Credit Points in Form von Online-Kursen an. Anschließend können sich die Teilnehmer in ein höheres Fachsemester an einer Partnerhochschule bewerben. Eine bundesweite Vernetzung und Zusammenarbeit mit anderen Initiativen, nicht nur im Hochschulbereich, werden auch in Zukunft das Projekt bereichern.

Deskriptoren: Studium, Informationswissenschaft, Lehrplan, Gesellschaftliche Gruppen, Web Site

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Published Online: 2017-05-06

Published in Print: 2017-05-04


Citation Information: Information - Wissenschaft & Praxis, Volume 68, Issue 2-3, Pages 182–184, ISSN (Online) 1619-4292, ISSN (Print) 1434-4653, DOI: https://doi.org/10.1515/iwp-2017-0031.

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