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1619-4292
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brain drain der europäischen Informationswissenschaft

Brain-drain of the European information science

Une fuite des cerveaux dans les sciences de l'information européenne ?

Vera Hillebrand
  • Corresponding author
  • Lehrstuhl Information Behavior, Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft, Dorotheenstraße 26, 10117 BerlinInstitut für Bibliotheks- und InformationswissenschaftLehrstuhl Information BehaviorDorotheenstraße 2610117 BerlinGermany
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Published Online: 2017-09-25 | DOI: https://doi.org/10.1515/iwp-2017-0053

Zusammenfassung

Diese Studie erforschte die Mobilitätsmuster von 882 aktiven Informationswissenschaftlern, die sich von 2014 bis 2016 an der iConference beteiligten. Analysiert wurde, ob es in dieser informationswissenschaftlichen Community einen brain drain – eine Abwanderung von Forschenden ins Ausland – gibt. Die Ergebnisse zeigen zwei Trends: amerikanische Informationswissenschaftler_innen verlassen selten ihren Kontinent und haben keine internationale Erfahrung, während die Auswanderungsrate unter Forschenden aus Asien und Europe nach Nordamerika hoch ist. 90 Prozent aller Promovierenden aus dem Sample leben gerade in Nordamerika. Ein wichtiger Faktor für das Mobilitätsverhalten scheint die englische Sprache zu sein. Ausländische Studierende wählen in Europa englischsprachige Umgebungen.

Abstract

This study explores the mobility patterns of 882 active Information researchers who have been involved in the 2014 to 2016 iConferences. The analyses examines whether a brain drain – the migration of scientists from their home country to another – exists in Information science. The result reveals two alarming trends: the American Information researchers mostly never left their continent and might lack international exposure. On the other hand, researchers from Asia and Europe show a high rate of mobility towards North America. In particular the next generation of doctoral students receives an education in North America. 90 % of all PhD students in the sample currently live in North America and may never return. One important pull factor seems to be the possibility of studying in English. If foreign students decide to come to Europe, they choose English speaking countries.

Résumé

Cette étude a exploré les tendances de la mobilité de 882 professionnels de l’information actifs qui ont participé à l’iConference de 2014 à 2016. L'analyse devait montrer s'il y a une fuite des cerveaux – un exode des chercheurs à l'étranger – dans les sciences de l'information. Les résultats montrent deux tendances alarmantes : les professionnels de l’information américains ne quittent pratiquement jamais leur continent et n'ont aucune expérience internationale. D'autre part, il y a un taux élevé de migration de scientifiques d'Asie et d'Europe vers l'Amérique du Nord. En particulier, les doctorants de la jeune génération suivent leur formation là-bas. 90 % des doctorants de l'échantillon vivent actuellement en Amérique du Nord et le retour dans leur pays d’origine est incertain. Un élément important dans la mobilité des professionnels de l’information semble être l'anglais. Si des étudiants étrangers viennent en Europe, leur choix porte sur des territoires de langue anglaise.

Deskriptoren: Empirische Untersuchung; Wissenschaftler; Student; Informationswissenschaft; International; Mobilität

Descriptors: Empirical study; Scientist; Student; Information science; International; Mobility;

Descripteurs: Etude empirique; Scientifique; Etudiant; Sciences de l’information; Mobilité

Die Inhalte dieses Artikels sind eine Ausarbeitung der Publikation: Hillebrand, Vera; Greifeneder, Elke (2017): International mobility in Library and Information Science. In: Libellarium 9 (2). DOI: 10.15291/libellarium.v9i2.271. Des weiteren basiert der Artikel auf der Masterarbeit der Autorin: International Degree and Post-Diploma Mobility in Information Science/ von Vera Hillebrand. – Berlin : Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin, 2017. (erscheint zeitnah in den Berliner Handreichungen zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft).

Einleitung

Durch den Bologna-Prozess 1999 vereinheitlichten 25 europäische Länder ihre Hochschulsysteme und schufen den europäischen Hochschulraum. Ziel war die Angleichung an den anglo-sächsischen Hochschulraum, um durch einheitliche Qualitätsnormen die Mobilität für Studierende zu erleichtern. 2011 schrieb Nickel Sigrun, dass diese Ziele innerhalb des geplanten Zeitraums nicht erreicht werden konnten, der Veränderungsprozess an den Hochschulen sei langwieriger und komplexer als gedacht (S. 8/9). Eine weitere unerfüllte Hoffnung des Bologna-Prozesses war die Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit im innereuropäischen Arbeitsmarkt. Dass europäische Forschende ins Ausland gehen, ist keine neue Entwicklung. Der Begriff brain drain stammt aus den 1950er Jahren und bezeichnet die Abwanderung von Wissenschaftler_innen und Spezialist_innen. Diese führt dazu, dass die Forschung im Heimatland versiegt (Wächter, 2006). Seitdem geistert diese Sorge durch die europäische Politik und Forschung. 2004 (Labi) titelte der Chronicle of Higher Education: “Europeans have worried for decades about the loss of top scientific talent to the United States, and some recent studies show that the ‘brain drain’ is getting worse." Ein Jahr später schrieb dagegen Grit Laudel in einem Beitrag über die Forschungselite, dass es nur vereinzelte Beweise für eine dauerhafte Forscherabwanderung in die Vereinigten Staaten gebe. Dazu sei unklar, ob alle Forschungsbereiche davon betroffen seien (Laudel, 2005, S. 378). Diese Studie geht mehreren Fragen nach: gibt es einen brain drain im Forschungsbereich Informationswissenschaft (1), warum ist Europa attraktiv bzw. unattraktiv für internationale Studierende und Forschende in diesem Fachbereich (2) und welche Eigenschaften charakterisieren nationale Forschungsumgebungen (3)? Diesen Fragen geht die Autorin in drei in sich geschlossenen Artikeln nach. Im folgenden ersten Teil werden die Ergebnisse der quantitativen Analyse vorgestellt. Analysiert wurden 882 Mobilitäts-Muster, gesammelt aus Lebensläufen von Gutachtern und Autoren der iConference 2014, 2015 und 2016, mit der Fragestellung: Ist die europäische Informationswissenschaft aufgrund der Abwanderung von Forschenden in Gefahr zu versanden?

brain drain – medialer Hype oder Realität?

Mobilität ist eine temporale Form von Migration und beinhaltet die Möglichkeit, dass diese dauerhaft wird (Wiers-Jenssen, 2013). Auswanderung ist ein schwieriges Thema in Medien, Gesellschaft und Politik. Dies gilt auch für Mobilität, wenn sie in permanenter Migration endet. Seit den 1950ern als die British Royal Society die Befürchtung äußerte, ihre Forschenden an die Vereinigten Staaten und Kanada zu verlieren (Labi, 2004), sorgt sich Europa um den Verlust seiner Wissenschaftselite. Doch die Existenz eines brain drains ist umstritten. 2011 schreiben Brooks und Waters in der Einleitung zu einem Sammelband über Mobilität von Studierenden, dass der brain drain – die Tatsache, dass gerade die talentiertesten Menschen dazu neigen weg zu ziehen – weitgehend diskreditiert wurde. Die Zweifel an der Existenz des Phänomens wachsen mit dem Sammeln von Daten über mobile Studierende und Forschende und der Diskussion welche Daten eine nachvollziehbare Berechnung erlauben. Ein weiterer Punkt ist die Vermischung zwischen credit mobility (kurzzeitige Form, Auslandssemester) und degree mobility (langfristige Form mit der Absicht einen Abschluss im Ausland zu absolvieren). Ein fester Bestandteil der credit mobility ist die Rückkehr an die Universität und somit in das Land, indem ein Studierender sein Studium aufgenommen hat. Dieser Art von Mobilität fördert eine dauerhafte Migration nicht auf dieselbe Weise wie degree mobility – „degree mobility implies the risk of brain drain“ (Wiers-Jenssen, 2013, S. [471]). Um einen brain drain zu analysieren, sind Daten über degree mobility folglich besser geeignet. Aber genau diese Daten fehlen. Transnationale Organisationen wie ERASMUS fördern credit mobility in Europa. Dies macht es leicht für sie Daten zu erheben. Solche transnationalen Organisationen gibt es für degree mobility nicht. Somit bleibt die Verantwortlichkeit bei den einzelnen Nationalstaaten ohne Richtlinien oder Verpflichtung. Kelo u. a. glauben, dass auf nationalem Level falsche Daten gesammelt werden:

“They report on foreign students, using the foreign nationality of students as a measure of mobility. [...] The use of ‘nationality’ data as a measure of true mobility would not be a major problem if every foreign student (or at least the overwhelming majority) had also been mobile prior to taking up studies in the ‘host’ country.” (Kelo u. a., 2006, S. 3)

Laut Kelos Bericht sammeln nur 10 von 32 europäischen Staaten Daten über genuine mobility: die Anzahl der Studierenden, die nationale Grenzen überqueren mit der Absicht im Ausland zu studieren (Kelo u. a., 2006). Die anderen „falschen“ Daten finden ihren Weg in internationale Berichte der UNSESCO, OECD oder EUROSTAT (ibid., S. 3.) und verfälschen die Ergebnisse. Teichler u. a. (2011) wiederlegen den brain drain in Zahlen. Diese zeigen, dass Deutschland und das Vereinigte Königreich mehr europäische Studierenden anziehen als die Vereinigten Staaten. Auch Welch (2008) bezeichnet den brain drain als Mythos mit der Annahme, dass durch knowledge diasporas eher ein Vorteil für das Heimatland entstehe.

Noch schwieriger ist die Datenerhebung nachdem Studierende das Hochschulsystem verlassen haben. Sobald Personen ihre Promotion abgeschlossen haben, spricht Cairns (2015) von der post-diploma mobility. Diese entspricht eher dem Konzept der klassischen Migration. Darüber Daten zu sammeln, ist fast unmöglich, da es keine vergleichbaren internationalen Strukturen gibt, die post-diploma mobility unterstützten oder fördern. Somit bleibt der Forschende selbst als Quelle übrig.

Deshalb beruht die Datengrundlage dieser Studie auf Lebensläufen. Der Autorin geht es nicht darum eine Elite der Informationswissenschaft zu definieren und sich auf deren Mobilitäts-Muster zu konzentrieren, wie es bei brain drain Forschung üblich ist. Es sollen die Mobilitäts-Muster aktiver Forschender analysiert werden, die durch das Einreichen und das Begutachten von Konferenzbeiträgen ihren Teil zur Forschung beitragen. Die Analyse bezieht sich auf Teilnehmende, die bereits seit einigen Jahren im Berufsleben stehen sowie auf Promovierende. Die Analyse der beiden Gruppen zeigt nicht nur die aktuelle Mobilitäts-Situation auf, sondern ermöglicht auch eine Prognose zukünftiger Entwicklungen.

Methodik

Die Studie basiert auf einem Datenset, das die iSchool community beschreibt. Bogers und Greifeneder (2016) nutzten dieselben Grundlagen, um den Gutachterprozess der iConference zu analysieren. Die iConference ist das jährliche Treffen der iSchools1. Das Datenset schließt alle registrierten Teilnehmer_innen der Konferenzen von 2014, 2015 und 2016 ein, die einen Beitrag eingereicht haben oder am Bewertungsprozess teilnahmen. Diese Daten, bestehend aus Personennamen, entstammen mit Erlaubnis von iCaucus aus dem Registrationsportal ConfTool und wurden durch eine Online Suche nach Lebensläufen vervollständigt. Die Erhebung beinhaltet folgende Daten von jeder Person:

  • Geschlecht

  • Aufenthaltsland

  • Ob bereits eine Promotion abgeschlossen wurde oder sie gerade promoviert

  • In welchem Land die Promotion abgeschlossen wurde oder gerade absolviert wird

  • In welchem Land der Master abgeschlossen wurde

  • Das Heimatland oder bei fehlenden Angaben das Land in dem der Bachelor absolviert wurde

Laudel (2003) kritisiert die Nutzung von Lebensläufen zur Messung von Mobilität, weil zu wenige davon online abrufbar sind. Allerdings ist sie im Moment beste Option um Mobilitäts-Muster zu untersuchen.

Die Analyse bezog sich auf drei Themenbereiche: 1) einen Mobilitätsindex, der zeigt wie häufig Forschende mobil waren, 2) wohin die Forschenden gegangen sind und 3) der Mobilitätindex von Promovierenden. Der Mobilitätsindex gibt basierend auf den vier geographischen Variablen an, wie oft eine Person umgezogen ist, bevor sie ihren jetzigen Aufenthaltsort erreicht hat. Er reicht von gar nicht (index = 0) bis zu einem Maximum von drei Bewegungen (index = > 0). Für die Übersichtlichkeit fasste die Autorin die 60 Nationen in vier Kontinente zusammen (Amerika, Asien, Europa und in einer Gruppe: Australien, den Nahen Osten2 und Afrika). Promovierte Forscher_innen und Promovierende werden aufgrund der Annahme einer erhöhten Mobilität direkt nach der Promotion getrennt analysiert.

Geschlecht
weiblichmännlichGesamt
Promovierende187128315
Promovierte292275567
Gesamt479403882
Tabelle 1

Übersicht aller Teilnehmenden getrennt nach Geschlecht und Bildungsgrad.

Tabelle 1Tabelle 1 zeigt die Verteilung zwischen Promovierenden und promovierten Forschenden. 315 Teilnehmende des Sets promovierten zur Zeit der Datenerhebung. 567 hatten ihre Promotion bereits abgeschlossen. 479 sind weiblich und 403 männlich. Von den insgesamt 882 Teilnehmenden stammen mehr als die Hälfte (52 %) aus Amerika. Danach folgt Asien mit 219 Teilnehmer_innen, Europa mit 148 und Australien, Afrika und der Nahen Osten mit insgesamt 51 Teilnehmer_innen (Abb. 1).

Teilnehmer_innen aufgeschlüsselt nach Herkunftsland.
Abbildung 1

Teilnehmer_innen aufgeschlüsselt nach Herkunftsland.

Die Gruppe der aus Europa stammenden Teilnehmer_innen macht 17 Prozent der Gesamtmenge aus. 4 Prozent weniger leben heute noch auf dem europäischen Kontinent. Auch aus Asien, Australien und dem Nahe Osten zieht es Teilnehmer_innen nach Amerika. Dort lebten zur Zeit der Datenerhebung 78 Prozent aller Teilnehmenden (Abb. 2).

Teilnehmer_innen aufgeschlüsselt nach Aufenthaltsland.
Abbildung 2

Teilnehmer_innen aufgeschlüsselt nach Aufenthaltsland.

In Amerika spielt vor allem der Norden mit den Vereinigten Staaten eine große Rolle, von dort stammt der Großteil aller amerikanisch stämmigen Teilnehmer_innen (85 %). Es ist beachtlich, dass von 464 Personen, die in Amerika geboren wurden, 86 Prozent noch nie ihr Land verlassen haben. Von den 64 Teilnehmenden, die umgezogen sind, haben nur 25 den amerikanischen Kontinent verlassen, die meisten gingen nach Irland. Sieben sind in ihr amerikanisches Heimatland zurückgekehrt und die übrigen 13 Personen verteilen sich auf Asien (5), Australien und Neuseeland (3) und auf die europäischen Länder Schweden (2), Deutschland (1), Polen (1) und die Niederlande (1).

Anders sieht dagegen das Mobilitätsverhalten der asiatischen Teilnehmer_innen aus. Von 219 Personen sind nur 38 noch nicht mobil gewesen. Rund 53 Prozent kommen aus China. 163 (71 %) Personen haben dem asiatischen Kontinent den Rücken gekehrt. 155 davon leben heute in den Vereinigten Staaten. Kein anderer Kontinent hat eine so hohe Anzahl an mobilen Forscherinnen. 108 Frauen (87 % aller weiblichen asiatischen Teilnehmerinnen) haben den Kontinent verlassen. 63 von ihnen sind promoviert und nur zwei davon haben ihre Promotion nicht in Nord Amerika, sondern in Australien und China gemacht. Bei den männlichen Forschern ist die Rate an Promotionen aus Nord Amerika ähnlich hoch. Fünf haben im Vereinigten Königreich promoviert, einer in Japan. Diese Situation trifft auch auf die nächste Generation von asiatischen Informationswissenschaftler_innen zu. Alle 72 asiatisch stämmigen Promovierenden, die den Kontinent verlassen haben, leben in den Vereinigten Staaten. Ob sie zurückkehren, scheint unwahrscheinlich, wenn man sich die Generation der promovierten Forschenden ansieht. Bei den Frauen sind es nur neun Rückkehrer von 63; bei den Männern neun von 41.

Von den Personen aus dem Nahen Osten, Australien und Afrika stellen Israel und Iran die größte Teilnehmerzahl mit jeweils 12 Personen. 51 Forschende aus diesen Regionen waren Autoren oder Gutachter bei den letzten drei iConferences. Auch hier haben nur neun Personen noch nie ihr Heimatland verlassen. Die 42 mobilen Forschenden zeigen dasselbe Mobilitäts-Muster wie die asiatischen Teilnehmer_innen. Nur vier sind zurückgekehrt, die anderen leben in Nordamerika oder im Vereinigten Königreich. Auch bei dieser Gruppe sind die nicht-englischsprachigen Länder in der Unterzahl und alle 15 Promovierenden leben in englischsprachigen Gebieten. Das muss nicht heißen, dass alle Promovierenden aus diesen Regionen ihr Heimatland verlassen. Aber da es keine Promovierenden mit einem Mobilitäts-Index von < 0 in dem Sample gibt, deutet dies darauf hin, dass nur mobile Promovierende aktiv an der Forschungsentwicklung teilnehmen.

Europa – brain drain oder brain gain?

Europa hat im Gegensatz zu den anderen Kontinenten ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen stayern und leavern. Die Anzahl der in Europa bleibenden Teilnehmenden ist höher, als die, derjenigen, die es mindestens einmal verlassen haben (Tab. 2). Aus dem Vereinigten Königreich (30) und Deutschland (26) stammen 34 Prozent der Teilnehmenden, die in Europa geboren wurden.3

Mobilitäts_indexGesamt
> 00
Promoviert
Promovierend
47
12
74
15
120
27
Gesamt5989148
Tabelle 2

Übersicht aller europäischer Teilnehmenden getrennt nach Mobilitäts-Index und Bildungsgrad.

Die Mobilitäts-Muster werden übersichtlich durch Alluvial Diagramme dargestellt. Abbildung 3 zeigt das Mobilitäts-Muster der 47 europäischen, promovierten Personen, die einen Mobilitäts-Index > 0 haben.

Promovierte europäische Teilnehmende mit einem Mobilitäts-index > 0.
Abbildung 3

Promovierte europäische Teilnehmende mit einem Mobilitäts-index > 0.

Das Diagramm stellt die Bewegung der Personen von ihrem Heimatland zu ihrem jetzigen Aufenthaltsort dar. 33 der in Europa geborenen Teilnehmer_innen leben in den Vereinigten Staaten, fünf in Kanada und zwei im Vereinigten Königreich. Somit sind diese Top 3, Länder in denen Englisch die Landessprache ist. Sechs Personen sind nach einem Abschluss im Ausland wieder nach Europa zurückgekehrt. Von den 27 europäischen Promovierenden haben 12 den Kontinent verlassen, sie promovieren alle in den Vereinigten Staaten (Abb. 6).

Promovierende europäische Teilnehmende mit einem Mobilitäts-index > 0.
Abbildung 4

Promovierende europäische Teilnehmende mit einem Mobilitäts-index > 0.

Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal des europäischen Kontinents ist die hohe Anzahl an intra-europäischen Bewegungen. Europa vereint auf einer kleinen Fläche viele verschiedene Sprachterritorien. Ein Land zu verlassen, bedeutet eine Entwurzelung, da man sein emotionales, persönliches und sprachliches Territorium verlässt (Murphy-Lejeune, 2003, S. 65). Es ist eine größere Herausforderung in einem fremdsprachigen Land einen Abschluss zu absolvieren, als in der selben Sprach- und Kulturzone zu bleiben. 20 Personen von der Gruppe, die einen Mobilitäts-Index von 0 hat, wanderten innerhalb Europas (Abb. 5).

Intra-europäische Mobilität promovierender und promovierter Teilnehmenden.
Abbildung 5

Intra-europäische Mobilität promovierender und promovierter Teilnehmenden.

Dänemark und das Vereinigte Königreich zogen jeweils fünf Teilnehmende an, wobei zwei Dänen returnees sind. Italien ist mit fünf Personen das Land mit den meisten Auswanderern, wovon zwei wieder zurückgekehrt sind. Die zwei Promovierenden in diesem Sample kommen aus den Niederlanden und dem Vereinigen Königreich und promovieren in Österreich und in Dänemark.

Wer kommt nach Europa?

Von 110 Forschenden, die in Europa leben, haben 69 nie ihr Heimatland verlassen, 20 bewegten sich innerhalb Europas und sechs kamen zurück, nachdem sie einen Abschluss im Ausland gemacht hatten. Die restlichen 15 kamen von anderen Kontinenten nach Europa, um hier zu arbeiten oder zu studieren. Zehn stammen aus Amerika, zwei aus Asien, zwei aus dem Nahen Osten und einer aus Afrika (Abb. 6). Auch hier sind die Länder mit den meisten Zugezogenen englischsprachig. Die restlichen sechs Teilnehmer_innen sind in Schweden, Dänemark, Deutschland, den Niederlanden und in Polen.

Nach Europa gezogene, promovierende und promovierte Teilnehmenden mit einem Mobilitäts-index > 0.
Abbildung 6

Nach Europa gezogene, promovierende und promovierte Teilnehmenden mit einem Mobilitäts-index > 0.

Abschluss und Ausblick

Zwei Dinge sind klar nach der Analyse von 882 Lebensläufen von Informationswissenschaftler_innen. Auf einer Seite besteht mehr als die Hälfte des Samples aus amerikanischen Wissenschaftler_innen, die nie ihren Kontinent verlassen hat. Auf der anderen Seite zeigen alle nicht-amerikanischen Forschende eine bedenklich hohe Abwanderungsrate nach Nord Amerika. Für Asien existiert dieses Problem nicht nur in der Informationswissenschaft (Furukawa, 2012; Marginson, 2006; OECD, 2008). Es gibt zwei Gründe dafür: Asien ermutigt seine Studierenden schon immer dazu im Ausland zu studieren (Do/Pham, 2016; Lucas, 2001; OECD, 2008) und der schlechte Arbeitsmarkt in einigen Ländern verhindert eine hohe Rückkehrquote (Jonkers/Tijssen 2008). Dies gilt besonders für asiatische Frauen, die seit Mitte der 80er vermehrt auswandern. Kim (2012) führte eine qualitative Studie mit 60 Frauen aus China, Japan und Korea durch. Die Ergebnisse zeigen ein Ungleichgewicht zwischen geforderten Bildungsabschlüssen und Geschlechtergerechtigkeit auf dem Arbeitsmarkt. Frauen mit demselben Bildungsgrad wie ihre männlichen Kollegen verdienen weniger und haben geringere Aufstiegsmöglichkeiten. Dies führt dazu, dass viele weibliche Personen im Ausland bleiben. Um auf dem nationalen Arbeitsmarkt eine Chance zu haben, brauchen Frauen einen Abschluss aus einem englischsprachigen Land (Kim, 2012). Auffällig ist auch die geringe Teilnahme von Forschenden aus den Regionen Australien, Afrika und dem Nahen Osten. Nur Teilnehmer_innen, die einen Studienabschluss in einem englischsprachigen Land absolvierten oder absolvieren, sind Teil der aktiven iSchool-Gemeinschaft. Als deren Minderheit ist für diese Länder die Migration ihrer Informationswissenschaftler_innen noch besorgniserregender. Europäische Studierende bevorzugen eine kurzzeitige Mobilität und periodische Migration (Ackers, 2005; OECD, 2008). Parallel dazu ist für Europäische Forschende aber auch eine Postdoktorandenkarriere in den Vereinigten Staaten üblich (Laudel, 2005). Die Ergebnisse diese Samples zeigen, dass die Europäische Informationswissenschaft einer Abwanderung in den nordamerikanischen Raum erlebt. Das wird deutlich an den Mobilitäts-Mustern der promovierten Teilnehmenden und auch denen der Promovierenden. Dabei handelt es sich aber nicht um einen brain drain, weil die Zahl der mobilen Forschenden doch geringer ist, als jener die in Europa bleiben. Problematischer ist viel mehr das Extrem im europäischen Mobilitätsverhalten. Entweder verlässt ein/e Informationswissenschaflter_in nie sein/ihr Heimatland, um international zu studieren oder zu arbeiten, oder wenn er/sie auswandert, dann bevorzugt in die Vereinigten Staaten.

Marginson (2006) definiert drei Faktoren, welche die globale Hierarchie in der Forschung strukturieren: die Verteilung von Forschungskapazitäten, der globale Vorteil von Englisch und die globale Dominanz der Vereinigten Staaten im Hochschulsektor. Wie sehr beeinflussen diese Faktoren die internationale Mobilität in der Informationswissenschaft? Die Bedeutung von Englisch in der Wissenschaft allein erklärt nicht, wieso amerikanischen Wissenschaftler_innen auch kein größeres Interesse an einem Studium in anderen englischsprachigen Territorien haben. Dass die Ziele des Bologna-Prozesses nach Nickel noch nicht erreicht wurden, liegt daran, dass trotz der Angleichung der Hochschulsysteme, Europa nicht mehr internationale Studierende anzieht. In der Informationswissenschaft beobachteten Abdullahi und Kajberg (2004), dass nordamerikanische iSchools mehr internationale Studierende anziehen als die europäischen. Die Ergebnisse dieser Studie lassen darauf schließen, dass sich daran auch in den letzten 13 Jahren nichts geändert hat.

Die Mobilitäts-Muster der Informationswissenschaftler unterscheiden sich nicht vom globalen Trend, dies bestätigt Marginson (2006). Auch sind die Ergebnisse dieser Studie ein Beweis, dass die Informationswissenschaft zu den Disziplinen gehört, deren zentrales Auswanderungsziel die Vereinigten Staaten sind (Laudel, 2003). Das andere europäische Verhaltensmuster, also keine internationale Mobilität, egal ob innerhalb Europas oder außerhalb, ist genau so wenig wünschenswert für einen Forschungsbereich wie Migration. Liegt dies daran, dass die Europäischen iSchools nicht gut genug vernetzt bzw. für einander sichtbar sind? Oder bevorzugen die Studierenden und Forschenden bewusst die Vereinigten Staaten für degree und post-diploma mobility? Die Gründe für solch eine bewusste Entscheidung, kann aus den statistischen Ergebnissen nicht gelesen werden. Warum europäische Forschende und Studierende international mobil sind oder in ihrem Heimatland bleiben, soll in einem zweiten Teil der Studie durch Interviews mit 16 Informationswissenschaftler_innen geklärt werden. Die Ergebnisse dieser qualitativen Studien werden in einem weiteren Artikel vorgestellt.

Literatur

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Footnotes

  • 1

    ischools, information schools, sind Hochschulinstitutionen, die überwiegend an nordamerikanischen Universitäten angesiedelt sind, nur zwei (HU Berlin und Universität Siegen) befinden sich in Deutschland: http://ischools.org/members/directory/. 

  • 2

    Hier wurden folgende Länder berücksichtigt: Aserbaidschan, Iran, Israel, Jordanien, Kuwait, Libanon, Pakistan, Saudi Arabien und die Türkei. 

  • 3

    Bereits publizierit in: Hillebrand und Greifeneder (2017, S. 31). 

About the article

Vera Hillebrand

Vera Hillebrand ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Information Behavior am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie schrieb ihre Masterarbeit zum Thema internationale Mobilität in der Informationswissenschaft.


Published Online: 2017-09-25

Published in Print: 2017-08-30


Citation Information: Information - Wissenschaft & Praxis, Volume 68, Issue 4, Pages 263–270, ISSN (Online) 1619-4292, ISSN (Print) 1434-4653, DOI: https://doi.org/10.1515/iwp-2017-0053.

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