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Information - Wissenschaft & Praxis

Ed. by Reibel-Felten, Margarita


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1619-4292
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Buchbesprechungen

Published Online: 2017-11-09 | DOI: https://doi.org/10.1515/iwp-2017-0067

Reviewed publication

Schwarz Helga Das Deutsche Bibliotheksinstitut: Im Spannungsfeld zwischen Auftrag und politischen Interessen 2018 Simon Verlag für Bibliothekswissen Berlin 978-3-945610-37-4 23,80 Euro

Das Deutsche Bibliotheksinstitut: Im Spannungsfeld zwischen Auftrag und politischen InteressenHelga Schwarz. – Berlin: Simon Verlag für Bibliotheks-wissen, 2018. – (Phil. Diss. 2017 Humboldt Universität zu Berlin). 522 Seiten, ISBN 978-3-945610-37-4, 23, 80 Euro.

JakischHelen Elgin U&B Interim-Services UGGermanyBerlin

Das Deutsche Bibliotheksinstitut (DBI) gibt es seit über 15 Jahren nicht mehr. Es war eine Bundesländer übergreifende Service-Agentur, die seit ihrer Gründung 1978 die vielfältigen Interessen des gesamten deutschen Bibliothekswesens bündelte und Beratungen, Dienstleistungen, Weiterbildungen und internationale Kooperationen zentralisierte. Sputnikschock, Teilung des Landes, Kriegsverluste und Bildungsoffensive lösten in den 1960er und 1970er Jahren eine Gründerzeit aus. Es wurde Geld ausgegeben. Finanziert gemeinsam von Bund und Ländern als eine von 46 Institutionen der „Blauen Liste“ schienen die Startbedingungen für das DBI günstig. Doch wie kam es 20 Jahre später zum Aus des Instituts? Jetzt gibt es ein Buch über das Entstehen und Verschwinden dieser Infrastruktureinrichtung.

„Die Fragen nach der Gründung und Schließung bilden den Focus der Arbeit“, erklärt Helga Schwarz in der Einleitung. Die Autorin, selbst ehemalige Mitarbeiterin des DBI und langjährige Aktive beim IFLA und VdDB, hat ihre Dissertation 2011 begonnen und 2017 im Alter von 81 Jahren fertig gestellt. Ihre Promotionsschrift liegt nun als Buch im Simon Verlag Bibliothekswissen vor. Es gliedert sich in zwei formal gleich große Teile. Der erste behandelt „Aufbruch und Erwartung“. Es werden die Jahre 1978 bis 1996 behandelt. Hier stehen die Gründung der Institution und die Tätigkeiten der DBI im Mittelpunkt. Teil zwei „Langsames Sterben“ erfasst die zweite Evaluation des Wissenschaftsrats und die Zeit 1996/97 bis zum Jahr 2000 eher „mit erklärender Perspektive“. Auf 15 Seiten fasst Helga Schwarz ihre persönlichen Schlussfolgerungen am Ende zusammen.

Warum man dieses Buch lesen sollte

Vielleicht ist der Moment für die Aufarbeitung der Geschichte des DBI genau richtig. Genug Zeit ist vergangen, um die Geschehnisse aus neutraler Perspektive zu bewerten. Noch stehen Zeitzeugen für eine Befragung zur Verfügung, dort wo Akten bei der Auflösung verloren gegangen waren. Gerade diese Insidersicht verleiht dem Buch eine atmosphärische Glaubwürdigkeit. Das DBI erlebt drei historische Umbrüche: die Wende, die Erfindung des Internetbrowsers und einen bis heute umstrittenen Paradigmenwechsel bei der Finanzierung.

Ein Institut wie das DBI ist immer Teil eines Systems und seiner Interessen. Dieses Spannungsfeld wird, wie im Titel angekündigt, durch Helga Schwarz Buch tatsächlich transparenter. Minutiös seziert, steht die Geschichte des DBI exemplarisch dafür, was geschieht, wenn sich politische Prioritäten ändern. Deshalb ist das Buch universell interessant. Nicht umsonst kursiert der heimliche Untertitel „Politkrimi“. Das DBI und seine Abwicklung als rein solitäres Ereignis zu sehen, wäre ein falscher Ansatz. Vermutlich ging Helga Schwarz ebenfalls davon aus. Sie sucht im ganzen Spektrum des Geschehens nach Auslösern und Zusammenhängen. Für das Chronologische hat sie die Fakten zusammengetragen, für das Systemische die Zeitzeugen befragt.

Am „Politkrimi“ interessierte Leserinnen und Leser können mit Hilfe des Fazits am Ende jeden Kapitels Aspekte überfliegen und je nach Interesse tiefer ins Detail einsteigen, ohne den roten Faden zu verlieren. Interessant sind die Anhänge. Neben dem Literatur- und Abkürzungsverzeichnis finden wir ein Personenregister und Protokolle einiger Interviews mit Zeitzeugen. Das Buch ist übersichtlich und systematisch gegliedert und reich an Quellen, Fakten und Details. Leider fehlt ein Stichwortregister zur punktuellen Recherche.

Federal „Bürokratie“ of Germany

Teil eins beschreibt den Kraftakt der komplexen Gründungsphase. Es beteiligten sich unzählige Akteure aus Bund und Ländern daran, die sich mit ihren hohen Erwartungen an ein künftiges DBI teils gegenseitig blockierten – ein Spiegel typisch deutscher Ambivalenz einer Bund-Länder-Matrix. Dennoch erlebt man eine Gründerzeit zentraler rechnergestützter Bibliotheksservices, aus der die ZDB, die Normdateien oder die Deutsche Bibliotheksstatistik und eine Reihe maßgeblicher Publikationen hervorgingen. Und ebenfalls nicht uninteressant: das DBI begriff sich selbst als „Dienstleister für Dienstleister“. Nach Einschätzung der Autorin gelang jedoch keine übergreifende innenpolitische Öffentlichkeitsarbeit für die Belange des Bibliothekswesens, anders als bei der Auslandsstelle, die viele Kontakte außerhalb Deutschlands aufbauen konnte. Das DBI hatte kaum mediale Aufmerksamkeit und keine Lobby in der Politik, was sich später als Fehler herausstellte.

Bei der ersten positiven Evaluation 1989 wird u. a. vom Wissenschaftsrat erkannt, dass das DBI primär eine Serviceeinrichtung war. Dienstleistungen für die Öffentlichen Bibliotheken sollten ausgebaut werden. Die Forschung geriet aus dem Blick. Kurz darauf durchlebte das DBI die politische Wende, fusionierte in einer Kraftanstrengung 1990 mit den beiden dem DBI an Aufgaben und Inhalten entsprechenden DDR-Institutionen. 1995 war der Internetbrowser erfunden worden. Das DBI erkannte die Tragweite nicht, wurde abermals von einer äußeren Entwicklung überrollt, geriet auch intern in eine organisatorische Überforderung und den eigenen technischen Rückstand.

Blick auf eine Serviceeinrichtung durch die Brille der Wissenschaft

Teil zwei des Buches befasst sich mit den Entwicklungen um 1997 vor und nach der zweiten Evaluation sowie mit dem Aus des DBI und seiner Abwicklung. Die Institute der Blauen Liste waren nach der Wende von 46 auf 81 angestiegen und wandelten sich zur Leibniz-Gemeinschaft, die mehr Wert auf Wissenschaftlichkeit und sogenannte Exzellenz legt. Nicht alle Einrichtungen auf der Liste konnten weiter bestehen. Der öffentlichen Hand wurde politisch ein Sparkurs und auferlegt. Belange des gesamtdeutschen Bibliothekswesens spielten bei der Bewertung des DBI durch den Wissenschaftsrat keine tragende Rolle mehr. Es gab Interessen, gut laufende Projekte des DBI anderweitig zu verteilen, was dann auch erfolgte. Der Urteilsspruch der Entscheidungsträger wurde von der Politik nicht mehr groß angezweifelt.

Aber die „Szene“ hat reagiert. Man erfährt interessante Details über das lange Ringen verschiedener Initiativen zur Rettung des DBI oder eines Nachfolgeinstituts. Namhafte Einrichtungen wie IFLA, DBV, Börsenverein, Goethe-Institute oder der Deutsche Kulturrat sowie viele Öffentliche Bibliotheken richteten ihren Protest sogar an den Bundeskanzler und die Presse. Die Liste der Unterstützer scheint enorm groß und liest sich wie das „Who is Who“ des Bibliothekswesens. Trotzdem wirken die Proteste institutionell und vereinzelt und vergessen die Gründungsidee des DBI, Getrenntes zu vereinen. Die Kräfte, die bei der Gründung Partikularinteressen und Kulturhoheit überwunden hatten, konnten kein zweites Mal zur Rettung mobilisiert werden. Der Protest wirkte letztlich nur nach innen und blieb erfolglos. Auch das Land Berlin machte einen Rückzieher. Selbst die Idee, eine abgespeckte Zentrale zu etablieren, die mit überschaubaren Zuschüssen aus den Ländern hätte finanziert werden können, um wenigstens die koordinierenden Strukturen aufrecht zu erhalten, scheiterte. Im Buch erfährt man, warum.

Fazit: Vielfalt und das große Ganze

Wer glaubt, Kulturpolitik sei trocken, wird bei der Lektüre eines Besseren belehrt. Das Buch liest sich flüssig, spannend, Sprache und Stil sind klar und protokollarisch, nie langatmig. Helga Schwarz entwirrt die Handlungsstränge der Ereignisse. Sie wird dort faktenreich wo es plausibel erscheint und bringt auf den Punkt, wo sich vermeintliche Weichenstellungen abgespielt haben. Von diesen Momenten gibt es einige. Die Autorin hat die Geschichte des DBI durchdrungen. Das Buch ist auf jeden Fall ein wichtiger Lückenschluss in der Bibliotheksgeschichte dieses Landes. Es kann ein Lehrstück für zukünftige Wissenschaftler dieses Fachs sein, sich mit den Folgen der damaligen Entscheidungen auseinander zu setzen. Helga Schwarz kritisiert, dass es nicht gelang, die Bedürfnisse des gesamtdeutschen Bibliothekswesens als großes Ganzes in die vorhandene kulturelle Vielfalt strategisch zu integrieren. Am Schluss beschäftigt einen die Frage „Was wäre gewesen, wenn...?“ Vielleicht steckt in den Ideen und Empfehlungen, die nach dem Urteil für eine Zukunft des DBI entstanden, der Ansatz für ein Konzept für das 21. Jahrhundert. Wer oder was könnte diese Rolle heute übernehmen? Vielleicht ahnt man nach der Lektüre, wie aussichtslos dieser Wunsch in Zeiten der „Schwarzen Null“ ist. Gesamturteil für das Buch: lesenswert.

Ein statistisches Mittel zur Messbarkeit von SemantikPhilipp Schäfer. – Aachen: Shaker Verlag, 2017, 32 Seiten, ISBN 978-3-8440-5036-3, 19,80 Euro.

UmstätterWaltherProf. Dr. GermanyBerlin

Dieses Heftchen mit 19 Seiten Text, zwei Seiten Anhang und einer Seite Literaturverzeichnis erinnert zunächst vom Titel her an die Diskussion von J. Bar-Hillel, R. Carnap und etlicher anderer Autoren, die sich seit 1952 zur „Semantic Information“ geäußert haben. Schon damals sahen einige Autoren nicht ein, warum C. Shannon und W. Weaver in der Informationstheorie die Semantik explizit ausschlossen, als diese schrieben „information must not be confused with meaning“. Dagegen ist die Semantik Gegenstand der Zeichentheorie, wie sie bereits vorher konzipiert wurde. So unterschied C. Morris unter dem Oberbegriff Semiotik, die Semantik (Zuordnung von Zeichen zu den Objekten für die sie stehen), die Syntax (Zuordnung der Zeichen zueinander) und die Pragmatik (Beziehung der Zeichen zum Interpreten auf der Empfängerseite). Diese Diskussion im letzten halben Jahrhundert übergeht der Autor, und setzt an seine Stelle eine sehr eigene Hypothese (S. 5). Für ihn sind Zeichen wie „s“, „i“ oder „n“ bedeutungslos, wohingegen Zeichenkombinationen, wie das Wort „sinn“, seiner Meinung nach Semantik enthalten. Das wirft aber zwei Probleme auf:

  • 1.

    In manchen Sprachen gibt es Wörter, die nur aus einem (durchaus bedeutungstragenden) Buchstaben bestehen. Die Bedeutung dieser Worte wird von der Syntax bestimmt. Eine semiotische Syntax darf nicht mit der Syntax auf der Ebene der Informationstheorie verwechselt werden, auch wenn sie mit dieser natürlich korrespondiert.

  • 2.

    In vielen Lehrbüchern der Physik hat „s“ die Bedeutung von Zeit im Sinne der Zeiteinheit Sekunde. Semantik beginnt also nicht immer erst auf der Wort-Ebene.

Die Information im Sinne von Shannon, Weaver, Wiener, Hartley, Nyquist, Fisher, bis hin zu Boltzmanns Eta-Theorem darf weiterhin nicht verwechselt werden mit der Interpretation von Zeichen in der Semiotik.

An dieser Stelle sei auch kurz angemerkt, dass die ursprüngliche Einführung des bit (als duales Zahlensystem „zwecks maschineller Datenverarbeitung“ – S. 3) zunächst nichts mit Computern zu tun hat, und dass Information grundsätzlich „nach der Zahl von Jas und Neins zu messen“ sei, wie N. Wiener in seinem Buch „Mathematik mein Leben“ S. 233, Econ Verl. (1962) rückblickend schreibt.

Inwieweit die vom Autor vorgeschlagene Messbarkeit Vorteile gegenüber den seit etlichen Jahrzehnten entwickelten Textanalyseprogrammen erbringt, wäre in Vergleichstexten noch zu prüfen. Aus historischen Gründen sei hier nur an W. Fucks: Nach allen Regeln der Kunst. Diagnosen über Literatur, Kunst ...; Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart (1968) erinnert.

Wissenschaftliches Publizieren. Zwischen Digitalisierung, Leistungsmessung, Ökonomisierung und medialer BeobachtungPeter Weingart, Niels Taubert (Hrsg.).Berlin: DeGruyter, 2016 (Akademie-Forschung, herausgegeben von der Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Interdisziplinäre Arbeitsgruppen, Band 38). XII, 295 Seiten, ISBN ISBN 978-3-11-044810-8, 79,95 Euro. Als eBook Open Access online verfügbar unter www.degruyter.com.

Müller-HeidenBarbara GermanyBerlin

2015 legte die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften „Empfehlungen zur Zukunft des wissenschaftlichen Kommunikationssystems“ (BBAW 2015) vor, in denen vor dem Hintergrund grundlegender Veränderungsprozesse im Verlagswesen und wissenschaftlichen Bibliotheksbereich Prinzipien für ein gutes wissenschaftliches Publikationssystem formuliert werden. Die Freiheit des wissenschaftlichen Austauschs, Qualitätsstandards und dauerhafte Verfügbarkeit von Veröffentlichungen, aber auch Zeitressourcen der Beteiligten sind zu schützen. Als derzeitige Problembereiche werden Kosten- und Preisentwicklung, Zugänglichkeit und Langzeitverfügbarkeit, Fehlanreize des Wissenschaftssystems, die Urheberrechtsproblematik und das Mengenwachstum von Publikationen ausgemacht. Die Empfehlungen umfassen vor allem die digitale Publikationsweise, Open Access und die Langzeitarchivierung. Die Entwicklung von tragfähigen Infrastrukturen für das Publikationswesen wird angemahnt wie auch die Eindämmung des Mengenwachstums durch Verzicht auf die Mehrfachveröffentlichung inhaltlich redundanter Beiträge gefordert.

Die Empfehlungen wurden als Broschüre, knapp 60 Seiten, veröffentlicht und sind online verfügbar. Sie sind das Ergebnis einer interdisziplinären Arbeitsgruppe (IAG) am BBAW, die über einen Zeitraum von drei Jahren eine umfangreiche Bestandsaufnahme zum Thema durchgeführt hat. Expertisen durch Fachexperten wurden eingeholt, Online-Konsultationsrunden durchgeführt, um Rahmenbedingungen und Veränderungspotentiale auszuloten sowie die Interessen aller Parteien zu berücksichtigen und haben insofern Kompromiss-Charakter.

Der nun vorliegende Sammelband „Wissenschaftliches Publizieren“ ist ein informativer Materialband zu diesen Empfehlungen und erzeugt damit eine erfreuliche Transparenz der komplexen Situation des wissenschaftlichen Publikationswesens, identifiziert die Faktoren und Strukturen des Wandels, die in gegenseitiger Abhängigkeit aber auch durch Eigenentwicklung eine Dynamik des Wandels hervorrufen. Es ist die Standortbestimmung einer bedeutenden Wissenschaftsvereinigung, die Ansätze für die weitere Gestaltung liefern kann. Der Sammelband beinhaltet ein Dutzend Beiträge unterschiedlicher Diskussionsebenen – theoretisch, praxisorientiert, wissenschaftsspezifisch – die den drei Themenbereichen „Wissenschaftliches Kommunikationssystem im Wandel“, „Rahmenbedingungen“, und „Visionen“ zugeordnet werden. Die Verfasser sind zum Teil auch im Autorenteam der Empfehlungen vertreten.

Wissenschaftliches Kommunikationssystem im Wandel

Das vorgestellte theoretische Konzept sei hier kurz skizziert: Das wissenschaftliche Kommunikationssystem realisiert sich auf verschiedenen Ebenen: der informellen Kommunikation zwischen Wissenschaftlern mit der Erarbeitung und Diskussion von Forschungsdesigns sowie der Ebene des formalen Kommunikationssystems, das mit der Publikation von Forschungsergebnissen einhergeht. Dieses weist vier Funktionen auf: die Registrierung dient der Rekonstruktion des Wissensfortschritts, ist auch entscheidend für die Zuordnung von Prioritätsansprüchen, die Zertifizierung dient der Anerkennung eines Beitrags und der daraus folgenden Reputation. Weitere Funktionen sind die Verbreitung und Reichweite der Forschungserkenntnisse, sowie die Archivierung zur Stabilisierung des Wissensbestandes.

Zentrale Bedeutung haben aus Sicht der Herausgeber zwei Komponenten außerhalb der Wissenschaft: Die eine ist die technische Publikationsinfrastruktur, die ihrerseits aus den Publikationsmedien besteht – konventionelle Medien bis hin zu neuen Entwicklungen wie Repositorien – und anderseits dem Bereich der Nutzung der Publikationsmedien, der durch Nachweissysteme wie Bibliothekskataloge, Abstract- und Fachdatenbanken sowie durch deren Ordnungssysteme, z. B. Systematiken, Orientierungsleistungen erbringt. Beide Bereiche sind wiederum abhängig von so genannten Trägerorganisationen, zu denen Verlage, Bibliotheken und Redaktionen gehören. Diese Trägerorganisationen sorgen für die Entwicklung und Aufrechterhaltung der Publikationsinfrastruktur.

Neben der gegenseitigen Abhängigkeit dieser Bereiche voneinander werden jedoch vier weitere Strukturdynamiken von überragender Bedeutung ausgemacht, die das wissenschaftliche Kommunikationssystem stark beeinflussen. Allen voran ist es die Digitalisierung, die alle Produktionsprozesse, Vertriebs- und Verbreitungswege transformiert.„Die Bereitstellung findet nicht mehr über einen lokal gepflegten Bibliotheksbestand statt, sondern über Datenbanken, die über das Internet globale Reichweite haben... Ergänzenden Charakter haben dabei Pre- und Postprint-Server und Zeitschriftentenbanken mit retrodigitalisierten Publikationen.“ (S. 11).

Die Ökonomisierung im Verlagswesen ist ein weiterer Faktor. Als Ware betrachtet, „sind Publikationen und Journale eine individuelle, einmalige Ware und nicht substituierbar. Ist ein Publikationsmedium nicht zugänglich, kann ein Wissenschaftler zwar auf andere Publikationen zurückgreifen – die in für ihn unzugänglichen Publikationen veröffentlichten Forschungsergebnisse bleiben ihm vorenthalten. Hieraus leitet sich auch der Anspruch von Bibliotheken nach vollumfänglicher Informationsversorgung... ab.“ (S. 13). Hinzu kommen die zunehmende Bedeutung von Renditezielen bei Wissenschaftsverlagen und Informationsdienstleistern sowie die zu beobachtenden Konzentrationsprozesse auf dem Informationsmarkt.

Der Faktor Leistungsmessung innerhalb der Wissenschaft wird durch ein wachsendes Instrumentarium gefördert. Publikationsindikatoren werden nicht mehr allein durch Zitate gemessen, sondern zunehmend durch Klicks und Downloads. „Die genannten Indikatoren werden nicht mehr nur im Kontext von Forschungsevaluationen genutzt, sondern auch bei Entscheidungen über die Ressourcenzuteilung in Forschungsorganisationen, bei der Besetzung von Stellen und bei Entscheidungen über Drittmittelanträge.“(S. 15)

Die Außenbeobachtung des Wissenschaftssystems durch die Massenmedien (Medialisierung) ist ein weiterer Faktor. Der traditionelle Wissenschaftsjournalismus wird zur kritischen Berichterstattung. Es ist zu befürchten, dass „die Orientierung der Wissenschaftler beziehungsweise der wissenschaftlichen Organisationen an den Relevanzkriterien der Massenmedien (Nachrichtenwert) in ein konflikthaftes Verhältnis zum Wahrheitscode der Wissenschaft treten kann.“ (S. 17)

Diese Außenfaktoren überlagern sich, stehen mit ihrer fortschreitenden Eigenentwicklung in Wechselwirkung auf die Wissenschaftskommunikation. Hinzu kommt die Diversität innerhalb der verschiedenen Wissenschaftszweige, die einer einheitlichen Sichtweise entgegensteht. Diese eingangs geschilderte komplexe Situation legt nahe, wie viele Stellschrauben es gibt, welche die Zukunft der Wissenschaftlichen Kommunikation beeinflussen werden. Es ist spannend zu lesen, wie Verlage, traditionell der Wissenschaftskommunikation dienend, als Wirtschaftsunternehmen agieren, und wie die Verflochtenheit der Bereiche die Komplexität zunehmend steigert.

Wissenschaftsverlage haben das Prinzip des Open Access und Digitalisierung zu neuen Tätigkeitsfeldern zusammengefügt. Grundsätzlich gibt es dabei zwei Geschäftsmodelle, welche die Gewinnerwartungen der Verlage sichern. Publikationsgebühren finanzieren die Veröffentlichung des Journals, gezahlt durch die Forschungseinrichtung der Autoren, sie führen zu kostenfreiem Zugriff für den Benutzer. Das alternative Modell bietet die freie Zugänglichkeit optional an, wenn der Beitrag vom Autor quasi freigekauft wurde – was durchaus für den Verlag auch zu einer Doppelfinanzierung führen kann!

Die Auswirkungen machen auch nicht Halt vor wissenschaftlichen Bibliotheken, die sich mit den neuen Geschäftsmodellen arrangieren müssen.

Rahmenbedingungen

Teil zwei des Bandes widmet sich der Analyse der Rahmenbedingungen, bei der verschiedene Expertisen durch Fachexperten dargestellt werden. Eine Übersicht über 21 unterschiedliche wissenschaftspolitische Akteure zeigt die Differenzierungen auf, beginnend mit der Allianz der Deutschen Wissenschaftsorganisationen über die Deutsche Forschungsgemeinschaft bis hin zum Forschungsförderverbund Knowledge Exchange. Diese sind befasst mit der Sicherstellung des Zugangs zu wissenschaftlichen Publikationen, mit Fragen der Lizenzierung vor dem Hintergrund des Geistigen Eigentums und der Urheberrechte von Wissenschaftlern. Die Auswirkungen von Open Access in quantitativer und qualitativer Wirkung auf das Publikationsverhalten werden diskutiert, mögliche Veränderungen auf Peer Review, Qualitätssicherung und Leistungsmessung – mit der Kernaussage, dass nicht vorausgesagt werden kann, wie sich wissenschaftliche Kommunikation unter Open Access entwickelt wird!

Die Bibliothekskrise wird beschrieben – Kostensteigerungen verursacht durch Verlage mit dem Argument des Aufwandes bei der Bereitstellung digitaler Produktions- und Vertriebsplattformen. Die Antworten? Bundle Deals der Großverlage, und zunehmend treten Bibliotheken selber als Betreiber von Publikationsmedien auf mittels Repositorien, die eine Kopie von andernorts zugangsbeschränkten Publikationen enthalten und damit Zugänglichkeit herstellen.

Die vorgestellten Ergebnisse sind teils durch Verfahren einer neu erprobten Online-Konsultation „Publikationssystem“ zustande gekommen, das als Beteiligungsverfahren im Bereich der Wissenschaft innovativ ist. Auf den bisherigen Erfahrungen aufbauend kann diese Methode durchaus für zukünftige Diskussionsthemen eingesetzt werden, etwa für wissenschaftspolitische Stellungnahmen, Forschungsevaluationen oder Programmförderungen.

Visionen

Teil drei konfrontiert mit der fachwissenschaftlichen Realität. Wie wird die Zukunft des wissenschaftlichen Publizierens aussehen? Die unterschiedlichen Sichtweisen in den Bereichen Mathematik, Philosophie, Psychologie und Soziologie legen nahe, dass die Gestaltung von Rahmenbedingungen für die Wissenschaftliche Kommunikation deren fachspezifische Gegebenheiten berücksichtigen muss, und derzeit kein homogenes Bild der Wissenschaftlichen Kommunikation gezeichnet werden kann.

Da sind zunächst die Interessen der beteiligten Akteure: „die Verlage, die in einem typischen Spannungsverhältnis zwischen der Orientierung an Wirtschaftlichkeit und der Leistungserbringung im Dienste der Wissenschaftsgemeinde stehen, zum anderen die Bibliotheken, deren Versorgungsauftrag sich angesichts des Bedeutungsgewinns der digitalen Publikation rasch wandelt.“ (S. 245)

Die Visionen verschiedener Fachwissenschaftler kreisen um Open Science, einer digitalen Welt, in der öffentlich geförderte Wissenschaft von der Datenerhebung bis zur Publikation auch öffentlich zugänglich ist. Doch ist es auch der Wettbewerb und die Kooperation, die neue Forschungsergebnisse fördert! Und wie wird sich das Verhältnis von gedrucktem zu digitalen Formaten entwickeln – wird das gedruckte Werk nicht auch seinen Platz haben? Wie werden sich typische Publikationsformen, z. B. der Sammelband zur Darstellung von Forschungsergebnissen in der Soziologie, verändern? Die aufgezeigten Zukunftsszenarien sind nicht einheitlich. Ihre Darstellungen belegen, dass die vorliegende Standortbestimmung weitere Beobachtung nach sich ziehen muss. Beachtenswert sind die Forderungen nach der Einrichtung forschungsfeldspezifischer Repositorien und die stärkere Gewichtung von Forschungsdaten.

Fazit

Ein Sachregister hätte dem Band gut getan, ist vielleicht aus Zeitgründen nicht realisiert worden, würde aber dem Leser den Zugang zu den relevanten Entwicklungen erleichtern. Werden diese doch in den Beiträgen durchaus aus unterschiedlichen Perspektiven diskutiert – etwa das Vordringen von Predatory Journals, die mit sittenwidrigen Praktiken in den Markt einschleichen, die Praktiken von Peer Reviews im Vorfeld von Veröffentlichungen, deren Zugänglichkeit durch Open Access in seinen mittlerweile variierenden Ausprägungen und der nachfolgenden bibliometrischen „Vermessung“ des Publikationsaufkommens, die Bibliothekskrise sowie Praktiken der Verlage. In den Vordergrund tritt auch die Verfügbarkeit von Forschungsdaten in aggregierter Form. Positiv hervorzuheben sind die Quellen- und Literaturhinweise, welche die Argumentation der einzelnen Autoren sorgfältig belegen.

Das fehlende Verzeichnis der Beteiligten – sie sind lediglich im Vorwort mit ihrer institutionellen Zuordnung genannt – ist vermutlich der durchgeführten Nostrifizierung durch interne Abstimmungsprozesse geschuldet. Sie lässt die Ergebnisse als Meinung des BBAW als bedeutende Wissenschaftsvereinigung erscheinen und erhebt dadurch einen größeren Anspruch im Namen der Wissenschaft zu sprechen, Konsens zu formulieren und in den wissenschaftlichen Diskurs zur bringen. Dieses erscheint durchaus gerechtfertigt durch die Einbindung verschiedener Wissenschaftsbereiche und Publikationskulturen in die Diskussionsprozesse. Hier ist sicher auch eine Leitfunktion durch das BBAW beabsichtigt worden, bevor das Thema Wissenschaftskommunikation möglicherweise durch andere Initiativen auf diesem Gebiet aufgeweicht wird.

Welche Perspektiven ergeben sich aus dieser komplexen Bestandsaufnahme des gegenwärtigen Zustandes? Elektronisches Publizieren ist seit über drei Jahrzehnten in der Welt, hat mittlerweile durch die durchdringende Digitalisierung alle beteiligten Bereiche – Autoren, Verlage, Multiplikatoren, Nutzer – erreicht. So erscheint der Band als wertvolle Dokumentation, wenn auch als Momentaufnahme, und macht neugierig, aber auch ein wenig ratlos, wie die Wissenschaftskommunikation in weiteren 30 Jahren aussehen wird!

300 Keywords Informationsethik. Grundwissen aus Computer-, Netz und Neue-Medien-Ethik sowie MaschinenethikOliver Bendel. – Wiesbaden: Springer Gabler, 2016. 250 Seiten, ISBN 978-3-658-10566-2, 19,99 Euro.

BertramJuttaProf. Dr. GermanyHannover

Auf dem Gebiet der Informationsethik ist im deutschsprachigen Raum jüngst einiges in Bewegung geraten. Noch in diesem Jahr soll das Deutsche Internet-Institut seine Arbeit aufnehmen und die gesellschaftlichen Implikationen des digitalen Wandels erforschen. Letztes Jahr sind zudem zwei deutschsprachige Publikationen zur Informationsethik mit Grundsatzcharakter erschienen: das von Jessica Heesen herausgegebene Handbuch zur Medien- und Informationsethik1 und die hier besprochene Sammlung von Fachbegriffen.

Der Autor von „300 Keywords Informationsethik“ ist promovierter Wirtschaftsinformatiker und betreibt ein Internetportal zum Thema (www.informationsethik.net). Die Sammlung umfasst neben informationsethischen Begriffen (z. B. Compliance, gläserner Patient, Hoax, Kinderschutzfilter, Netiquette, Recht auf Vergessenwerden ...) auch Stichwörter aus dem Bereich der Maschinenethik (etwa soziale Robotik) und allgemeine ethische Termini wie Ethos, Identität, Moral, das Böse.

Für fast jedes Stichwort wird konsequent ein ethischer Bezug hergestellt. Manchmal ist er unerwartet, meist überzeugend und bisweilen auch unterhaltsam. Bei einigen wenigen Begriffen wird der Zusammenhang jedoch etwas lapidar hergestellt oder ist nicht recht erkennbar; das ist etwa bei Akkreditierung, Schlüsselqualifikation oder Rolle der Fall.

Die einzelnen Artikel sind überwiegend kurz gehalten und sehr verständlich geschrieben. Die meisten weisen keine Quellenangaben auf. Dadurch veralten sie nicht so schnell, allerdings mag dies auch etwas unbefriedigend für diejenigen sein, die es genauer wissen oder noch andere Autoren konsultieren wollen.

Bedauerlich und auch überraschend angesichts des Lexikoncharakters, den der Autor seiner Sammlung zuspricht, ist, dass die Artikel nicht miteinander vernetzt sind. Entsprechende Verweise fehlen auf zwei Ebenen: Erstens ist bei den Begriffen, die der Autor im erklärenden Text verwendet, nicht markiert, ob es sich dabei um selbstständige Stichwörter handelt oder nicht; das muss man also erraten oder auf Verdacht nachschlagen. Zweitens gibt es keine Querverweise auf der Ebene der Stichwörter selbst – Synonyme bzw. Quasi-Synonyme werden nicht angegeben. Ein Nachschlagen kann da schon einmal ins Leere laufen, obwohl der entsprechende Inhalt vorhanden ist. So sucht man z. B. vergeblich nach „informationeller Selbstbestimmung“, findet das Thema aber unter dem allgemeineren Stichwort Autonomie. „Internetsucht“ ist als Onlinesucht verzeichnet, Roboterautos stehen für „autonomes Fahren“ bzw. „selbstfahrende Autos“, „Computerkriminalität“ und „Internetkriminalität“ sind unter Cyberkriminalität zu finden, aus „Digital Divide“ wurde digitaler Graben.

Bei so manchem Artikel fehlt eine explizite Bezugnahme auf verwandte Einträge im Buch. So wird z. B. bei Dilemma kein Bezug zum Trolley-Problem hergestellt. Der Eintrag zu Freiheit enthält keinen Hinweis auf das tatsächliche oder vermeintliche Spannungsfeld mit Sicherheit, bei Reputation wird nicht auf Shitstorm rekurriert, bei Smartphone fehlt ein Verweis auf Phubbing (seinem unangemessenen Gebrauch in Gesellschaft), bei Fake vermisst man einen Brückenschlag zu Transparenz.

Einige Artikel sind gemessen an ihrem gesellschaftlichen Stellenwert recht kurz geraten, z. B. der über Vorratsdatenspeicherung, die immerhin den wohl umfassendsten Angriff auf die informationelle Selbstbestimmung in den letzten Jahren darstellt. Auch der Datenschutz wird mit wenigen Sätzen abgehandelt. Besonders im Verhältnis dazu fallen einige andere Artikel überraschend ausführlich aus, z. B. diejenigen zu Drohne und E-Book.

Fehlt etwas? Bendels Sammlung ist recht umfassend; nur wenige Begriffe habe ich entweder ganz oder als eigenständige Stichwörter vermisst – z. B. „Darknet“, „Smart City“, „Nomophobie“ (die Angst, von seinem Smartphone getrennt zu sein), „Predictive Policing“ (vorhersagende Polizeiarbeit), „Crowdsourcing“ und die Internetkonferenz „re:publica“. Zugleich habe ich bei der Lektüre manchen neuen Begriff entdeckt, z. B. Candystorm (als Gegenteil von Shitstorm), und Begriffe für Phänomene gelernt, für die ich bislang keine hatte, z. B. Gleichgewicht der Namen (Regel zum Umgang mit Namensnennungen im Internet), digitaler Ungehorsam und informationelle Notwehr.

Auffällig ist ansonsten eine deutlich religions- und kirchenkritische Grundhaltung des Autors, die sich durch das gesamte Buch zieht. Dagegen ist ja erst einmal nichts einzuwenden. Aber ist es wirklich so, dass „in Deutschland die Massenmedien traditionell eine große Nähe zu den Kirchen [haben] und sich mit deren Sache gemein [machen]“ (S. 246) oder dass die Bundesländer „die religiöse Ausrichtung [fördern], indem sie, teils ihren Schulgesetzen folgend, tendenziösen Religionsunterricht anbieten“ (S. 247, beide Zitate unter Wissenschaft)?

Fazit: Bendels Werk ist ein informatives und verständliches, zugleich aber unverbundenes und nicht immer leicht vorhersehbares Nachschlagemedium. Dadurch ist es eher für den linearen Gebrauch und ein Suchen ‚auf Verdacht‘ geeignet als für assoziatives, aber gezieltes Blättern. Vom Charakter her ist die Sammlung somit eher ein Glossar als ein Lexikon, und zwar vor allem für Bendels eigene Arbeiten zur Informationsethik, die etwa die Hälfte der im Literaturverzeichnis aufgeführten Quellen ausmachen. Ein Verdienst des Autors ist in jedem Fall, dass er mit dieser Publikation erstmals den Gegenstandsbereich der Informationsethik im deutschsprachigen Raum begrifflich abgesteckt hat. Damit trägt er dazu bei, dem Thema die Aufmerksamkeit zu verschaffen, die ihm gebührt.

Footnotes

  • 1

    Heesen, Jessica (Hg.): Handbuch Medien- und Informationsethik. Stuttgart 2016: J.B. Metzler. ISBN: 978-3-476-02557-9. 

About the article

Published Online: 2017-11-09

Published in Print: 2017-11-02


Citation Information: Information - Wissenschaft & Praxis, Volume 68, Issue 5-6, Pages 378–384, ISSN (Online) 1619-4292, ISSN (Print) 1434-4653, DOI: https://doi.org/10.1515/iwp-2017-0067.

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