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Klio

Beiträge zur Alten Geschichte

Ed. by Clauss, Manfred / Funke, Peter / Gehrke, Hans-Joachim / Mann, Christian

Together with Brandt, Hartwin / Jehne, Martin

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Volume 99, Issue 2

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Die Gründung der Stadt Tarent und die Gesetze des Lykurg. Eine neue Sicht auf Spartas Geschichte in archaischer Zeit

Winfried Schmitz
Published Online: 2018-02-07 | DOI: https://doi.org/10.1515/klio-2017-0087

Zusammenfassung:

Die Stadt Tarent wurde durch ‚Parthenier‘ aus Sparta gegründet. Durch eine Analyse der Quellen zur Gründungsgeschichte kann gezeigt werden, dass die Spartaner wegen der hohen Verluste im Messenischen Krieg gezwungen waren, Heloten freizulassen, die bereit waren, auf spartanischer Seite zu kämpfen. Um die Zahl der spartanischen Bürger zu erhöhen, sollten die freigelassenen Heloten mit Witwen gefallener Spartaner Kinder zeugen. Aufgrund von Auseinandersetzungen um die Rechte der Freigelassenen und deren Kinder kam es zu einer bürgerkriegsartigen Situation. Die aufständischen Heloten wurden aus Sparta in eine Kolonie ausgewiesen. In dieser angespannten Situation konzipierte Lykurg eine Gesetzgebung, die die Integration der Kinder regelte, die aus den Verbindungen von freigelassenen Heloten und Witwen spartanischer Gefallener hervorgegangen waren. Die Gesetze Lykurgs zur Ehe, zur Polyandrie, zur Anerkennung neugeborener Kinder und vermutlich auch zur Erziehung sind auf diese Situation um 600 v. Chr. zu beziehen. Lykurgs „Gesetz über die Kinderzeugung“, wie es Aristoteles bezeichnet, ist ein Gesetz zur Integration von Kindern freigelassener Heloten in die spartanische Bürgerschaft.

Summary:

The city of Tarentum was founded by ‚Parthenians‘ from Sparta. An analysis of the sources about its foundation shows that the high casualties from the Messenian War had forced the Spartans to free Helots willing to fight on Sparta's side. They were to father children with the widows of fallen Spartans in order to increase the number of Spartan citizens. Conflicts over the rights of the freed Helots and their children led to civil unrest and insurrection. The revolting Helots were expelled from Sparta and sent to a colony. It was in this situation that Lycurgus devised laws to regulate the integration of these children. Lycurgus' laws on marriage, on polyandry, on the recognition of new-born children and probably also on education relate to the situation of around 600 BC. Lycurgus' ‚Law on the Procreation of Children‘ (the title is Aristotle's) is a law about the integration of children of freed Helots as citizens of Sparta.

Keywords: Sparta; Tarent; Lykurg; Parthenier; Gesetzgebung

In seinem mehrfach abgedruckten Aufsatz „Sparta“ hat Moses I. Finley Spartas Geschichte vor der Mitte des 6. Jh. v. Chr. ausgeschlossen, weil er glaubte, „daß unsere Nachrichten fast gänzlich erfunden sind (besonders alles, was sich auf Lykurg bezieht); daß alle Versuche, jene ältere Geschichte im Detail – mit Namen und genauem Datum – zu rekonstruieren, auf völlig zweifelhaften methodischen Prinzipien beruhen“.1 Dass hier dennoch der Versuch unternommen werden soll, ein wichtiges Ereignis der spartanischen Geschichte in der Zeit um 600 v. Chr. zu rekonstruieren und dadurch die Gesetze Lykurgs – zumindest einige von ihnen – als historisch zu erweisen, gründet auf der Überzeugung, dass zwei zunächst unabhängig voneinander erscheinende Überlieferungsstränge sich miteinander verbinden lassen und eine neue Sicht auf die Ausweisung der Parthenier nach Unteritalien und auf die in ihrer Historizität umstrittene Gesetzgebung des Lykurg erlauben.

1. Die Gründung Tarents in der Darstellung des Antiochos von Syrakus und des Ephoros von Kyme

In einer ganzen Reihe von antiken Texten ist überliefert, dass die Stadt Tarent in Unteritalien von Partheniern, also wörtlich ‚Jungfrauensöhnen‘, aus Sparta gegründet wurde. Warum die Siedler aus Sparta partheníai genannt wurden, ist im Zuge der Überlieferung verschüttet worden, und so ranken sich schon in der Antike, im 5. und 4. Jh. v. Chr., Anekdoten um diese Episode vergangener Zeiten.2 Die frühesten und ausführlichsten Texte sind bei dem antiken Geographen Strabon überliefert. Er bietet zwei Versionen, zum einen die des Antiochos von Syrakus, zum anderen die des Ephoros von Kyme.3 Antiochos von Syrakus hat im 5. Jh. (ca. 424–415 v. Chr.) ein historisches Werk unter dem Titel perí Italías verfasst, ist damit für uns der älteste bekannte Historiker Siziliens und Unteritaliens und einer der frühesten Historiker überhaupt. Er schreibt über die Gründung Tarents, dass nach dem Messenischen Krieg diejenigen Spartaner zu Sklaven erklärt und Heloten genannt worden seien, die nicht an dem Feldzug teilgenommen hatten.4 Auch deren während des Krieges geborene Söhne seien aus der Bürgerschaft ausgeschlossen, Parthenier genannt und für rechtlos erklärt worden.5 Daraufhin planten die zu Sklaven Erklärten einen Anschlag gegen das Volk, den démos. Doch der Anschlag wurde verraten, und als die Aufstandsbereiten beim Wettkampf am Fest der Hyakinthien im Amyklaion das Zeichen zum Aufstand geben wollten, trat der Herold hervor und rief, Phalanthos solle die Kappe (eine Hundsfellkappe, κυνῆ) nicht aufsetzen. Dies war das verabredete Zeichen gewesen. Da die Aufständischen einsehen mussten, dass ihr Anschlag verraten worden war, liefen sie teils davon, teils flehten sie um Gnade.6 Die Spartaner schickten daraufhin den Phalanthos, ihren Anführer (προστάτης), nach Delphi, und das Orakel gab die Anweisung, sie sollten nach Unteritalien ziehen, um Tarent und das benachbarte Satyrion zu besiedeln.7

Die von Antiochos gebotene Geschichte stößt in der althistorischen Forschung zu Recht auf Skepsis.8 Die Kriege im späten 7. Jh. waren vorrangig Beutezüge adeliger Kriegsherren, bei denen es keine Verpflichtung zur Teilnahme gab. Eine Person zu bestrafen, die nicht an dem Feldzug teilgenommen hatte, mag aufgrund der besonderen Situation – es war ein langer Kampf, der auf des Messers Schneide geführt wurde – und der besonderen Bedrohung im Falle einer Niederlage noch erklärlich sein.9 Ungewöhnlich wäre aber auch, dass man diejenigen, die sich geweigert hatten, am Krieg teilzunehmen, nicht nur zu Ehrlosen (ἄτιμοι) erklärt, sondern versklavt, und sie als Versklavte nicht ins Ausland verkauft, sondern sie zunächst in Sparta belassen hätte. Auch scheinen die Entrechteten und Ehrlosen irgendwelche Rechte für sich beansprucht haben zu können, wenn sie als Aufständische im Sklavenstatus nicht getötet wurden, sondern ihnen die Abwanderung in eine Apoikie gestattet wurde. Verfügte der Autor Antiochos wirklich über gesicherte Erkenntnisse, außer dem Umstand, dass die Ereignisse mit dem Messenischen Krieg zu tun hatten und Auswanderer aus Sparta eine Kolonie in Tarent gegründet hatten?10

In der Version des Ephoros, dessen griechische Geschichte in die Zeit um 360 v. Chr. gehört, die also auch eine frühe Quelle darstellt,11 hatten die Spartaner wegen der Tötung ihres Königs Teleklos einen Krieg gegen die Messenier geführt und geschworen, nicht eher nach Hause zurückzukehren, bis sie entweder Messene zerstört hätten oder alle gefallen wären. Im zehnten Jahr des Krieges seien die Frauen der Lakedaimonier zusammengekommen und hätten einige zu den Männern geschickt und ihnen vorgeworfen, dass sie nicht unter gleichen Bedingungen gegen die Messenier Krieg führten – könnten jene doch (die Messenier), da sie weiter in ihrem Land lebten, Kinder zeugen, während sie (die Spartaner) ihre Frauen verwaist zurückgelassen hätten und in Feindesland lagerten – und die Gefahr drohe, dass dem Vaterland die Männer ausgingen. Um aber ihren Eid zu wahren und gleichzeitig dem Einwand der Frauen zu begegnen, schickten sie aus dem Heer die Kräftigsten und Jüngsten (οἱ εὐρωστότατοι ἅμα καὶ νεώτατοι), von denen sie wussten, dass sie nicht den Eid geleistet hatten, weil sie noch Kinder gewesen waren, als sie zusammen mit den Erwachsenen auszogen, nach Sparta zurück und ordneten an, dass alle diese mit sämtlichen Jungfrauen verkehren sollten (συγγίνεσθαι ταῖς παρθένοις ἁπάσαις ἅπαντας), da sie sich davon reichen Kindersegen versprachen. Als das geschehen war, wurden die Kinder Parthenier genannt und Messene wurde nach neunzehnjährigem Krieg erobert. Messenien teilten sie unter sich auf. Als sie nach Hause zurückgekehrt waren, erwiesen sie den Partheniern aber nicht die gleiche Ehre wie den anderen, weil sie nicht aus einer Ehe hervorgegangen waren.12 Daraufhin taten sie sich mit den Heloten zusammen, bereiteten einen Anschlag gegen die Spartaner vor und verabredeten, als gemeinsames Zeichen auf dem Markt eine spartanische Filzkappe emporzuheben (ἆραι σύσσημον ἐν τῇ ἀγορᾷ πῖλον Λακωνικόν), wenn sie beginnen würden.13 Der Anschlag wurde verraten. Man befahl den Aufstandsbereiten, den Markt zu verlassen. Die anderen (οἱ δὲ) wurden von den Vätern überredet, zu einer Aussiedlung fortzuziehen. Wenn der Ort der Siedlung befriedigend wäre, sollten sie bleiben; andernfalls sollten sie zurückkehren und bekämen dann den fünften Teil Messeniens, um ihn unter sich aufzuteilen. Sie fuhren davon, trafen die Achaier im Kampf mit den Barbaren an, unterstützten sie und gründeten Taras.

Auch dieser Text enthält Inkonsistenzen. In früharchaischer Zeit waren Hoplitenkämpfe Saisonkriege, die zwischen Aussaat und Ernte oder nach der Ernte für relativ kurze Zeit geführt wurden und keine modernen ununterbrochen und über Jahre geführten Kriege.14 Noch nicht volljährige Kinder zogen in solche Kriege nicht mit. Unglaubwürdig erscheint auch, dass man den jungen Leuten erlaubt hätte, mit sämtlichen Jungfrauen zu verkehren. Warum wurden sie nicht zurückgeschickt, um in legitimen Ehen Nachkommen zu zeugen? Die Spartaner hätten ohne weiteres das übliche Hochzeitsalter herabsetzen und die Verbindungen als legitime Ehen ansehen können. Warum wollten die Spartaner nach dem Ende des Krieges die Kinder nicht als rechtmäßige akzeptieren, waren sie doch von spartanischen jungen Männern und Spartanerinnen gezeugt? Bleibt nicht auch hier als glaubwürdiger Kern, dass die Ereignisse in Zusammenhang mit dem Messenischen Krieg standen und die Gründer Tarents in ihrem Status zurückgesetzt waren und deren Kinder ‚Jungfrauensöhne‘ genannt wurden, eine Bezeichnung, die nach einer Erklärung verlangte, was anekdotenhaft ausgemalt wurde?15

Neben den Berichten des Antiochos und Ephoros bietet die antike Überlieferung weitere Quellen zur Ausweisung der Aufständischen aus Sparta und deren Besiedlung von Satyrion und Tarent.16 Die häufig sehr kurzen Auszüge folgen einerseits der Version des Antiochos, andererseits – und dies in der Mehrzahl – der Version des Ephoros. In seinem den Bürgerkriegen in griechischen Städten gewidmeten fünften Buch der Politika nennt Aristoteles den missglückten Aufstand in Sparta als Beispiel für eine in Aristokratien auftretende stásis, „wo eine Vielzahl von Personen jenen an Tugend gleich zu sein beansprucht; so wie in Sparta die sogenannten Parthenier (denn sie stammten von den hómoioi ab)“. Sie seien bei einer Verschwörung entdeckt und als Siedler nach Tarent geschickt worden.17

Einen kurzen Auszug, der mit der Version des Ephoros übereinstimmt, bietet der spätklassische Autor Aineias Taktikos mit Ratschlägen zur Verteidigung einer belagerten Stadt (Poliorketiká) im Zusammenhang mit der Vermeidung von inneren Kriegen. Vor langer Zeit hätten die Spartaner, nachdem sie von einem geplanten Anschlag erfahren hätten, der beginnen sollte, wenn die Filzkappe (πῖλος) emporgehoben würde, diesen im Keim erstickt mit der Ankündigung, dass man die Kappe nicht emporheben dürfe.18 Die Orientierung an der Version des Ephoros lässt sich auch für den griechischen Historiker Diodoros aus Sizilien feststellen, der im 1. Jh. v. Chr. in seinem Bericht über die Gründung Tarents im 15. Buch den Messenischen Krieg mit der Tötung des Königs Teleklos in Verbindung bringt und die eidliche Verpflichtung kennt, erst nach einem Sieg gegen die Messenier nach Sparta zurückzukehren. In dieser Zeit wären die sogenannten Parthenier geboren und sei die Stadt der Tarentiner gegründet worden. Diodor ist sich allerdings unsicher, ob die Aussendung des Tyrtaios aus Athen, der die Spartaner in den Krieg gegen Messenien geführt hätte, in den ersten oder in den zweiten Messenischen Krieg gehört. Warum die Gründer Tarents Parthenier genannt worden seien, erklärt Diodor nicht.19 Der etwas spätere, um die Zeitenwende schreibende Historiker Dionysios von Halikarnass schließlich beschreibt in den Antiquitates (Romaike archaiologia) ausführlicher als andere Autoren das Ende der Gründungsgeschichte. Die Parthenier seien, nachdem ihr Anschlag verhindert worden war, freiwillig aus Sparta gewichen und hätten gemäß dem delphischen Orakel in Italien die Stadt Satyrion am Fluss Taras gegründet, dort wo ein Ziegenbock seinen Bart ins Meer tauchte. Sie wären an den Fluss gelangt und hätten einen wilden Feigenbaum, einen Bocksbaum (caprificus), entdeckt, der von einer Weinrebe überwuchert war, von der ein Zweig bis hinab ins Meer hing.20 Sie sahen darin das Orakel erfüllt.

Die zunehmende Konfrontation zwischen Athen und Sparta, zwei Städten, die durch die Gesetze Solons und Lykurgs ausgezeichnet seien, und der Beginn des Peloponnesischen Krieges bieten dem römischen Historiker Iustinus in seinem im 3. Jh. n. Chr. lateinisch verfassten Auszug aus dem Geschichtswerk des Pompeius Trogus die Gelegenheit, sich näher mit der Gesetzgebung des Lykurg zu beschäftigen.21 Als Vormund des noch minderjährigen Königs Charillus habe Lykurgos den Spartanern Gesetze gegeben, zu den politischen Institutionen, zur Erziehung, zur Ehe und zur Achtung vor dem Alter.22 Durch diese neue Ordnung erstarkt, seien die Spartaner gegen die Messenier in den Krieg gezogen, um die Schändung der spartanischen Jungfrauen im Heiligtum der Artemis Limnatis zu rächen.23 Sie hätten einen Eid geleistet, nicht eher zurückzukehren, bis sie Messenien erobert hätten. Zehn Jahre lang dauerte der Krieg, bis die spartanischen Frauen klagten, dass sie verwaist zurückgelassen worden wären und keine Kinder mehr geboren würden.24 Daher hätten die kämpfenden Spartaner junge Männer aus dem Heer (iuvenes ex eo genere militum) ausgewählt, die erst nach dem Eidschwur als Ergänzung in die Reihen der kämpfenden Spartaner eingetreten seien, sie nach Sparta zurückgeschickt und ihnen „wahllosen Geschlechtsverkehr mit allen Frauen“ gestattet, da sie davon ausgingen, es würden mehr Kinder geboren, wenn jede Frau mit mehreren Männern verkehre. Die Kinder dieser Frauen seien Parthenier genannt worden.25 Als sie herangewachsen waren und ein Alter von 30 Jahren erreicht hatten, hätten sie, da sie kein väterliches Erbe erwarten konnten, den Phalantus, Sohn des Aratus, zu ihrem Anführer bestimmt und nach einem neuen Siedlungsort gesucht. Sie gelangten schließlich nach Tarent und vertrieben die indigene Bevölkerung.26 Diese Version der Gründungsgeschichte deckt sich in vielen Punkten mit der des Ephoros, ja erscheint in einigen Aspekten rationalisiert, denn die nach Hause geschickten jungen Männer waren nicht als Kinder mit in den Krieg gezogen, sondern später als Verstärkung entsandt worden. Eine rationale Auslegung findet auch die Auswanderung nach Unteritalien, die erst dreißig Jahre nach dem ersten Messenischen Krieg erfolgte, als die ‚Jungfrauensöhne‘ herangewachsen waren; die Ursache für den Aufstand liege in einem fehlenden Erbe, das eine Lebensgrundlage für die Parthenier hätte bieten können. Die nach Tarent Ausgewanderten waren also für Iustinus bzw. Pompeius Trogus die Parthenier, nicht deren Väter. In diesem Punkt unterscheidet sich Iustins Darstellung von den Berichten des Antiochos und des Ephoros.27

Über die Auswanderung der Aufständischen nach Tarent sind in der Forschung zahlreiche Hypothesen aufgestellt worden, wobei in der Regel die Berichte des Antiochos und Ephoros nicht als zuverlässige Quellen bewertet werden. Eine überzeugende Rekonstruktion der Ereignisse, die in der althistorischen Forschung allgemeine Akzeptanz gefunden hat, konnte bisher nicht vorgelegt werden. So gilt nach wie vor das Urteil von Hans Schaefer aus dem Jahr 1949: „Mit Recht hat man diese Deutungsversuche [scil. des Antiochos und Ephoros] ins Reich des Mythos verwiesen und es abgelehnt, sie historisch auszuwerten. Auch der Anlaß, der zu der Benennung einer Gruppe von Spartiaten als παρθενίαι führte, ist trotz aller Deutungsversuche […] ebenso unklar wie sein tieferer Sinn“.28

2. Die Parthenier als Söhne freigelassener Heloten? – Eine dritte Version der Geschichte

Bei der Beschreibung des zweiten Messenischen Krieges – Iustinus unterscheidet, anders als Antiochos und Ephoros, eindeutig zwischen einem ersten und einem zweiten Krieg29 – erzählt Iustinus allerdings eine andere Version der Geschichte, wie die ‚Jungfrauensöhne‘ in Sparta zu ihrem Namen kamen. Nach achtzigjähriger Herrschaft über Messenien und der Versklavung der Bewohner wäre es zu einem zweiten Krieg um Messenien gekommen. Das Orakel in Delphi hätte die Lakedaimonier angewiesen, von den Athenern einen Anführer im Krieg zu erbitten. Zur Verhöhnung der Spartaner hätten die Athener den Tyrtaios entsandt, einen lahmenden Dichter.30 Dreimal wurden die Spartaner unter ihrem Anführer Tyrtaios geschlagen, und Verzweiflung machte sich breit, steigerte sich so sehr, „dass sie zur Ergänzung des Heeres ihre Sklaven frei ließen und ihnen die Frauen der im Krieg Getöteten versprachen, so dass sie nicht nur in der Zahl, sondern auch in der Würde der Bürger, die im Kampf umgekommen waren, eintreten sollten“.31 Angesichts der verzweifelten Situation wollten die spartanischen Könige das Heer schon nach Lakonien zurückführen, doch Tyrtaios trat dazwischen und trug in einer Heeresversammlung Kriegslieder vor, in denen er die Spartaner zur Tapferkeit aufrief, sie wegen der Verluste tröstete und Ratschläge für eine erfolgreiche Kriegführung bot. Auf diese Weise angespornt, erfochten die Lakedaimonier schließlich den Sieg.32

Auch wenn die Parthenier hier nicht explizit genannt sind, bietet der Hinweis, den freigelassenen Sklaven seien die Frauen der gefallenen Spartaner versprochen worden, einen unzweifelhaften inhaltlichen Bezug auf die Parthenierepisode, wie sie bei Antiochos und Ephoros erzählt wird, allerdings mit dem Unterschied, dass die den Frauen beigegebenen Männer freigelassene Heloten waren und keine jungen spartanischen Männer. Mustert man die Überlieferung zur Gründung Tarents durch, findet sich auch in einem bei Athenaios überlieferten Fragment des Historikers Theopompos, eines Historikers des 4. Jh. v. Chr., ein Hinweis, der sich mit der Beschreibung bei Iustin bzw. Pompeius Trogus deckt. Der Ausgangspunkt für Athenaios ist eine Stelle in der „Geschichte“ (historíai) des Phylarchos, wonach die Bewohner von Byzanz die einheimischen Bithyner in derselben Abhängigkeit hielten wie die Spartaner die Heloten. Daran knüpft Athenaios ein Zitat von Theopompos an, der im 32. Buch seiner „Geschichte“ (historíai) über die bei den Lakedaimoniern epeúnaktoi (ἐπεύνακτοι) genannten Personen (denn auch diese seien Sklaven) folgendes schreibe:

„Nachdem im Krieg gegen die Messenier viele Spartaner gefallen waren, waren die Überlebenden besorgt, dass den Feinden ihre Verluste bekannt würden. Sie ließen einige der Heloten jedes Bett der Gefallenen (ἐφʼ ἑκάστην στιβάδα τῶν τετελευτηκότων) belegen. Sie nannten diejenigen, die sie später auch zu Bürgern machten, epeúnaktoi, weil sie statt der Gefallenen in deren Ehebetten (ἐπὶ τὰς στιβάδας) abgeordnet worden waren“.33

Man darf voraussetzen, dass die Heloten, denen Verbindungen mit spartanischen Frauen gestattet wurden, zuvor freigelassen worden waren und sie die Väter der partheníai waren, die deswegen ‚Jungfrauensöhne‘ waren, weil sie nicht in legitimen Ehen geboren waren, da die Männer lediglich epeúnaktoi, ‚Hinzugebettete‘, ‚Bettgenossen‘, waren.

Erwähnung finden die epeúnaktoi auch bei Diodoros, allerdings in der leicht abweichenden Form epeunaktaí (ἐπευνακταί). Sie seien die Aufständischen gewesen, die mit Phalanthos verabredet hatten, auf der Agora den Aufstand gegen das Volk zu beginnen, wenn Phalanthos seine Kappe (κυνῆ) in die Stirn ziehe, auf die Ankündigung des Herolds, Phalanthos solle seinen Helm lassen, wie er sei, aber davon abließen und eine friedliche Lösung anstrebten. Die epeunaktaí schickten daraufhin Gesandte nach Delphi, baten um eine Ansiedlung in Sikyon, erhielten aber durch zwei Orakel Satyrion am Fluss Taras angewiesen.34 In dem nur durch die Excerpta des Konstantinos (VII.) Porphyrogennetos des 10. Jh. überlieferten Text Diodors ist nicht erklärt, warum die Aufständischen epeunaktaí heißen, doch werden es auch dort die freigelassenen Heloten sein, denen Verbindungen mit den Frauen der gefallenen Spartaner zugestanden worden waren, und denen zur Lösung des Konflikts die Auswanderung nach Satyrion gestattet wurde. In § 2 des Fragments setzt allerdings Diodor die epeunaktaí fälschlicherweise mit den Partheniern gleich, obwohl es sich bei den Partheniern von der Wortbedeutung her eindeutig um die Söhne der epeunaktaí handeln muss.35

Einzubeziehen ist auch noch der Grammatiker Servius aus dem 4. Jh. n. Chr., der in seinem Kommentar zu Vergils Aeneis zwei unterschiedliche Versionen zur Gründung Tarents anbietet. Zu Vers 3,551 der Aeneis („Bald erblickten den Meerbusen wir von Tarent, das wahrscheinlich Hercules baute“) und zu Vergils Zweifel, ob die Tarentiner ihre Herkunft tatsächlich auf Hercules zurückführen können, kommentiert Servius, dass die Lakoner und die Messenier lange Zeit Krieg geführt hätten, Sparta aber nach den vielen Kriegsjahren die Jugend fehlte. Sie hätten daher die unverheirateten Frauen angewiesen, „mit wem auch immer zu verkehren“ (praeceperunt, ut virgines cum quibuscumque concumberent). Doch nach dem Ende des Krieges schien dem Vaterland und den Betroffenen dies eine Schande zu sein, von ungewissen Eltern abzustammen; sie wurden nämlich ‚Jungfrauensöhne‘ (partheniatae) gerufen.36 Daher zogen sie unter ihrem Führer Phalantus, der in achter Generation von Hercules abstammte, in eine kleine Stadt Kalabriens, die Taras, der Sohn Neptuns, errichtet hatte. Diese Stadt vergrößerten sie und gaben ihr wieder den altehrwürdigen Namen Tarantum. Soweit die erste Version, die weitgehend mit Ephoros übereinstimmt.37

Darauf folgt bei Servius aber noch eine zweite Version der Gründungsgeschichte:

„Als die Lakedaimonier gegen die Messenier Krieg führten, haben sie die gesamte Jugend in den Krieg geführt und allein die Alten zurückgelassen und geschworen, dass sie nicht eher zurückkehren würden, als bis sie Messenien unterworfen hätten. Aber als sie als Sieger zurückgekehrt waren und die große Menge an jungen Männern sahen, die aus dem Beischlaf der Sklaven und der jungfräulichen Herrinnen geboren worden waren, wie etliche es wollten, ohne jeglichen Unterschied gegenüber den ehelich Geborenen, haben sie die Sklaven an Galgen aufgehängt, deren Söhne erwürgt und die Enkel ausgetrieben. Wie andere sagen, haben sie die Kinder, die von den Jungfrauen geboren worden waren, weil sie fürchteten, dass auf diese Weise aus jenen (Personen) eine Zwietracht erwachse, als partheniatae bezeichnet und den Phalantus zu ihrem Führer bestimmt. Als diese aber nach Italien kamen, haben sie nach irgendeinem Grab, an dem der Name Tarae eingeschrieben war, die (neu) gegründete Stadt Tarentum benannt“.38

Diese Version der Gründungsgeschichte Tarents, die bei Theopomp, Diodor, in Iustins „Epitoma des Pompeius Trogus“ und bei Servius bewahrt ist, erlaubt eine sehr viel plausiblere Rekonstruktion der Ereignisse, die zur Auswanderung nach Unteritalien geführt haben, als die Ausgestaltungen der Geschichte bei Antiochos und Ephoros:39 In den Messenischen Kriegen gerieten die Spartaner durch die vielen Gefallenen so sehr unter Druck und erhöhten ihre Kampfkraft dadurch, dass sie denjenigen Heloten die Freilassung gewährten, die bereit waren, loyal in den Reihen der Spartaner gegen die Messenier zu kämpfen.40 Außerdem wurde ihnen die Möglichkeit gegeben, Ehen oder eheähnliche Gemeinschaften mit spartanischen Frauen, deren Ehemänner im Krieg gefallen waren, einzugehen und Kinder zu zeugen, damit so die Zahl der Kinder und der zukünftigen Bürger anstieg. Doch in der Folgezeit kam es zu Auseinandersetzungen über den Status dieser Freigelassenen und ihrer mit spartanischen Frauen gezeugten Kinder. Vielleicht beanspruchten diese Heloten, dass sie nicht nur als Freigelassene galten, sondern auch in die spartanische Bürgerschaft aufgenommen und als Spartiaten anerkannt wurden.41

Parallelen zu einem in dieser Weise rekonstruierten Geschehen lassen sich mehrfach anführen. Zahlreiche Belege bezeugen, dass Unfreien in kritischen Kriegssituationen die Freiheit angeboten wurde, wenn sie sich auf Seiten ihrer Herren in den Kampf begaben. 490 v. Chr. sollen die Athener zuvor freigelassene Sklaven zur Abwehr der Perser bei Marathon aufgeboten haben.42 Als die Athener gegen Ende des Peloponnesischen Krieges alle Kräfte aufzubieten versuchten, nahmen an der Bemannung der Flotte, die 406/5 v. Chr. bei den Arginusen siegreich kämpfte, zahlreiche Sklaven teil. Sie wurden nach der Schlacht freigelassen und sollten denselben Status erhalten wie die Plataier. Die Plataier waren 427 v. Chr. durch athenischen Volksbeschluss in die athenische Bürgerschaft, in die Demen und Phylen aufgenommen worden, ohne allerdings zum Archontat zugelassen zu werden; einige Jahre später wurden diese Plataier als Besatzung in Skione angesiedelt. Vermutlich – so die Ansicht von Karl-Wilhelm Welwei – sollten auch die freigelassenen Sklaven von 406/5 nach dem Ende des Krieges in einer attischen Außenbesitzung angesiedelt werden. Dass eine weitreichende Privilegierung der freigelassenen Sklaven nicht unumstritten war, zeigt die kritische Stellungnahme in der Komödie „Frösche“ des Aristophanes.43 In der aristotelischen Schrift über die „Verfassung der Athener“ ist belegt, dass 403 v. Chr. nach dem Sturz der ‚Dreißig Tyrannen‘, also des gewalttätigen oligarchischen Regimes, der demokratische Politiker Thrasyboulos beantragt hatte, denen, die während des Bürgerkriegs vom Piräus aus die Oligarchen bekämpft hatten, das Bürgerrecht zu verleihen. Ihm wurde jedoch vorgeworfen, der Antrag sei gesetzwidrig, weil sich unter diesen Personen offensichtlich auch Sklaven befänden, bei denen die Athener nicht bereit waren, auch mit diesen das Bürgerrecht zu teilen.44

Beispiele lassen sich auch für Sparta anführen: In einer bedrohlichen Situation während des Peloponnesischen Krieges bewaffneten die Spartaner 424 v. Chr. 700 Heloten als Hopliten und schickten sie mit 1000 Söldnern aus der Peloponnes unter dem Befehl des Brasidas nach Thrakien.45 Als sie nach dem Friedensschluss unter Führung des Klearidas nach Sparta zurückgeführt worden waren, beschlossen die Spartaner 421 v. Chr. die Freilassung dieser Heloten und boten ihnen an, wohnen zu dürfen, wo sie wollten. Kurze Zeit später siedelten sie sie mit den Neodamoden in Lepreon im Grenzgebiet zu Elis an.46 Dass sie nicht das volle Bürgerrecht erhielten, zeigt, dass man mit den in Aussicht gestellten Belohnungen an ehemalige Sklaven durchaus nicht freigiebig verfuhr. Ähnliches gilt für die bedrohliche Situation nach dem Sieg der Thebaner bei Leuktra 371 v. Chr. Im Winter des darauffolgenden Jahres 370/69 v. Chr. zog der boiotische Feldherr Epameinondas gegen Sparta; in der Not riefen die Spartaner die Heloten dazu auf, sich einschreiben zu lassen: Wer bereit sei, in die Schlachtordnung der Spartaner zu treten, sollte anschließend die Freiheit erhalten. Als sich 6000 Heloten einschrieben, wurden Befürchtungen laut, dies seien zu viele und Unruhen könnten daraus entstehen.47 Es war erneut eine Krisensituation, die im 3. Jh. v. Chr. König Kleomenes III. dazu bewog, wieder eine größere Zahl von Heloten freizulassen, damit sie auf Seiten Spartas gegen den makedonischen König Antigonos Doson kämpften. Weitere Sklavenbefreiungen bzw. geplante, dann aber nicht verwirklichte Sklavenbefreiungen ließen sich anführen. Sie zeigen zur Genüge, dass vielfach die mitkämpfenden loyalen Sklaven die Freiheit erhielten, das Bürgerrecht meist jedoch nicht!48

Angesichts dieser Vergleichsbeispiele ist zu vermuten, dass es nach dem Messenischen Krieg zu einem Konflikt um die Integration der freigelassenen Heloten innerhalb der spartanischen Bürgerschaft gekommen war. Entweder beanspruchten die Freigelassenen auch das Bürgerrecht; denn ihnen war ja zugestanden worden, Verbindungen mit verwitweten spartanischen Frauen einzugehen und mit ihnen Kinder zu zeugen. Oder sie wollten zumindest den aus diesen Verbindungen hervorgegangenen Kindern das spartanische Bürgerrecht sichern. Ein Teil der spartanischen Bürger war bereit, ihnen dies wegen der Teilnahme am Krieg und ihrer Loyalität zu gewähren, andere widersetzten sich dem, waren nicht bereit, ihr Bürgerrecht mit ehemaligen Sklaven oder den Söhnen von freigelassenen Sklaven zu teilen. Servius spricht dies explizit aus: Etliche Spartaner wollten es so, dass die jungen Männer, die aus den Verbindungen der Sklaven mit den jungfräulichen Herrinnen hervorgegangen waren, „ohne jeglichen Unterschied gegenüber den ehelich Geborenen“ (ut quidam volunt, sine ullo discrimine nuptiarum nati erant) anerkannt würden. Sie seien unter der Führung des Phalantus zur Auswanderung gezwungen worden, weil die Spartaner fürchteten, dass aus den Kindern, die von den Jungfrauen geboren worden waren, innerer Streit erwachse (timentes ne qua ex illis discordia nasceretur). Schließlich war der Krieg gewonnen, die existentielle Gefahr abgewendet und waren weitere Zugeständnisse nicht erforderlich. Es handelt sich also um ein Integrationsproblem, das beinahe zu einer blutigen stásis, zu einem Bürgerkrieg, geführt hätte, wäre nicht durch die Separierung der Aufständischen und ihre Aussendung nach Tarent eine Lösung gefunden worden.49

3. Plutarchs Beschreibung des spartanischen ‚Hochzeitsbrauchs‘

Diese konkrete, politisch brisante Situation war es, mit der eine andere umstrittene Quelle verbunden werden kann, nämlich mit Plutarchs Bericht über den spartanischen Hochzeitsbrauch in der Biographie des Lykurgos. Dort heißt es:

„Man heiratete durch Raub, nicht kleine und noch nicht mannbare, sondern voll erwachsene und reife Mädchen. Die Geraubte nahm die sogenannte Brautbedienerin (nympheútria) in Empfang, schor ihr den Kopf bis auf die Haut ab, zog ihr ein Männergewand und Schuhe an und legte sie allein ohne Licht auf eine Streu. Dann kam der Bräutigam herein, nicht betrunken und ausgelassen, sondern nüchtern, nachdem er wie immer bei dem Gemeinschaftsmahl gespeist hatte, löste ihren Gürtel, hob sie auf und legte sie aufs Bett (ἐπὶ στιβάδα). Doch blieb er nicht lange bei ihr, sondern ging sittsam davon, um wie früher am gewohnten Ort mit den anderen jungen Leuten zu schlafen. Und auch in der Folgezeit machte er es so, verbrachte den Tag mit den Altersgenossen und schlief mit ihnen bei Nacht, und nur heimlich und mit aller Vorsicht ging er zu der Frau (nýmphē), mit Scheu und in der Besorgnis, daß jemand im Hause es bemerkte, wobei aber auch die Frau (nýmphē) darauf bedacht war, es so einzurichten, daß sie zu guter Zeit und unbemerkt zusammenkommen konnten. Das machten sie nicht nur kurze Zeit so, sondern manchem waren schon Kinder geboren worden, bevor er seine Frau am Tage zu Gesicht bekam“.50

Verständlich wird dieser merkwürdige Hochzeitsbrauch, wenn man ihn den Hochzeitsbräuchen in Athen und in anderen griechischen Städten gegenüberstellt. In einem Gesetz Solons ist für Athen festgelegt, dass Kinder nur dann als rechtmäßige Kinder angesehen werden, wenn der Ehe der Eltern die engýe zugrunde liegt, also das Einverständnis des Vaters oder des nächsten männlichen Verwandten der Braut: „Von derjenigen Frau sind die Kinder rechtmäßige Kinder, die der Vater oder der vom gleichen Vater abstammende Bruder oder der Großvater väterlicherseits rechtmäßig als Ehefrau versprochen hat“.51 In Athen musste sich also der Brautwerber an den Hausvorstand wenden und um dessen Einverständnis ersuchen. Ohne dieses Einverständnis wäre die Ehe nicht rechtmäßig, die Kinder wären keine legitimen Kinder. Aus vielen weiteren Quellen, insbesondere aus Gerichtsreden des Isaios, geht hervor, dass außerdem zweitens die ékdosis, also die Übergabe der Braut aus der Hausgewalt des Vaters in die Hausgewalt des Ehemannes am Tage der Hochzeit, drittens der vor den Augen der Öffentlichkeit stattfindende Hochzeitszug und viertens das synoikeín, das mit der Hochzeitsnacht beginnende Zusammenleben von Ehemann und Ehefrau, konstitutiv für eine rechtmäßige Ehe waren.52 Legt man dies an den Hochzeitsbrauch in Sparta an, so wie er von Plutarch beschrieben wird, ist nichts von dem gegeben, ja die konstituierenden Bestandteile einer rechtmäßigen Ehe werden regelrecht umgangen. Mit dem Brautraub wird dem Hausvater kategorisch die Befugnis entzogen, über die Heirat der Tochter zu entscheiden. Eine Übergabe der Braut an den Ehemann als neuem Hausvorstand findet nicht statt, und es gibt auch kein Zusammenleben von Mann und Frau, zumindest nicht in den ersten Jahren. In Athen beginnt das Zusammenleben von Mann und Frau durch den Geschlechtsverkehr in der Hochzeitsnacht; in Sparta wird auch dies kaschiert, indem ein gleichgeschlechtlicher Verkehr imitiert wird, genau in der Art, wie er in der spartanischen Erziehung gepflegt wird. Denn Plutarch berichtet, dass in der zweiten Phase der Erziehung der Knaben päderastische Beziehungen mit jungen Männern hinzutreten, den Kindern die Haare bis auf den Kopf geschoren werden und sie auf Streu (ἐπὶ στιβάδα) schlafen.53 Gerade bei der Ausstaffierung der Braut als junger männlicher „Geliebter“ (erómenos) wird deutlich, dass das Ritual eine bewusste Umgehung üblicher Hochzeitsbräuche darstellt.

Das bei Plutarch beschriebene spartanische ‚Hochzeitsritual‘ zielt also darauf ab, dass gerade keine rechtsgültige Ehe begründet wird.54 Weitere Quellenbelege lassen sich dafür anführen, wie zum Beispiel die Anekdote, dass ein ganz alter, also mit Autorität ausgestatteter Spartaner auf die Frage, was die Spartaner mit Ehebrechern machten, antwortete, in Sparta gäbe es keine Ehebrecher. Als der andere insistierte, antwortete der alte Geradas, dann müsse er einen Ochsen als Buße zahlen, der so groß sei wie das Taygetosgebirge. Der Fremde wandte ein, wie könne es einen so großen Ochsen geben, worauf Geradas konterte, wie könne es in Sparta einen Ehebruch geben.55 Ehebruch als rechtliches Delikt konnte es dann nicht geben, wenn keine rechtmäßige Ehe bestand. Die Anekdote setzt also den zuvor beschriebenen ‚Hochzeitsbrauch‘ voraus. Diese Plutarchstellen mit dem Verweis abzutun, es handle sich um eine sehr späte (kaiserzeitliche) und zudem anekdotenhafte Quelle, verfängt insofern nicht, als auch der wesentlich frühere Xenophon in seiner „Verfassung der Lakedaimonier“ für die spartanische ‚Hochzeit‘ hervorhebt, dass der Mann Scham empfinden solle, gesehen zu werden, wenn er zu seiner Frau geht und wenn er sie verlässt:

„Da er [Lykurgos] sah, dass die Männer andernorts in der ersten Zeit unmittelbar nach der Heirat ohne rechtes Maß mit ihren Frauen verkehren, ordnete er auch hiervon das Entgegengesetzte an: Er bestimmte, der Mann solle Scham empfinden, gesehen zu werden, wenn er zu seiner Frau geht oder wenn er sie verläßt. Verkehren sie in dieser Weise miteinander, verstärkt sich notwendigerweise ihr gegenseitiges Verlangen, und ihre Nachkommen, die sie hervorbringen können, werden so eher kräftiger sein, als wenn die Eltern einander überdrüssig sind“.56

Auch Xenophon belegt damit eine Beziehung, bei der der Mann zur Frau geht, nicht die Frau zum Mann, wie dies bei Ehen im übrigen Griechenland der Fall war.57

Plutarchs Bericht über die ‚Eheschließung‘ in Sparta passt sehr gut zu der Auseinandersetzung der freigelassenen Heloten mit den spartanischen Bürgern. Es kann kein Zufall sein, dass die Quellen zur Gründung Tarents von Personen sprechen, die von ‚Jungfrauen‘ abstammten, also rechtlich keine Väter hatten, und für dieselbe Zeit von der Einrichtung eines ‚Hochzeitsbrauchs‘ berichten, dessen Zielrichtung es war, dass eine Verbindung von Mann und Frau gerade nicht zu einer rechtsgültigen Ehe wurde, die Kinder also der Mutter, nicht dem Vater folgten.58

Damit lässt sich folgender Ablauf postulieren: Die in den Krieg gegen die Messenier eingetretenen Heloten waren freigelassen worden und ihnen war zugestanden worden, als epeúnaktoi („Bettgenossen“) mit den Frauen von gefallenen Spartanern Verbindungen einzugehen und Kinder zu zeugen, um so die im Krieg erlittenen Verluste auszugleichen. Diese Verbindungen waren nicht als rechtsgültige Ehen anerkannt worden, wie der Begriff epeúnaktoi zeigt – und dies war so gewollt. Denn wenn die Verbindungen als rechtsgültige Ehen anerkannt worden wären, wären die Kinder in ihrem rechtlichen Status dem Vater gefolgt und der war ein freigelassener Helote, kein spartanischer Bürger. Wollte man die Zahl der Kinder und der spartanischen Bürger steigern, mussten die Verbindungen unrechtmäßige bleiben, da nur so die Kinder in ihrem Status der Mutter folgten, und die war spartanische Bürgerin.59 Das Angebot an die loyalen Heloten sah also so aus, dass sie selbst als spartanische Bürger nicht anerkannt wurden, wohl aber ihre Kinder, unter der Voraussetzung, dass sie nicht rechtmäßige Verbindungen mit spartanischen Frauen eingingen, epeúnaktoi blieben, nicht legitime Ehemänner wurden. Nur unter dieser Voraussetzung waren die Kinder ‚Jungfrauensöhne‘, Parthenier, die einen biologischen, aber keinen rechtlichen Vater hatten. Dieses Angebot zu gewähren waren aber viele Spartaner nicht bereit zu akzeptieren; sie wollten nach der siegreichen Beendigung des Krieges die ‚Jungfrauensöhne‘ nicht als Gleiche unter Gleichen anerkannt wissen. Solche Konflikte hat Aristoteles in allgemeiner Form beschrieben:

„In vielen Verfassungen berücksichtigt das Gesetz teilweise auch die Fremden; so gilt man in einigen Demokratien als Bürger, wenn nur die Mutter Bürgerin ist, und ähnlich verhält es sich vielfach mit den illegitimen Kindern. Man macht aus Mangel an Vollbürgern vielfach solche Leute zu Bürgern (wegen Menschenmangels [ὀλιγανθρωπία] wenden sie die Gesetze in diesem Sinne an); sind aber genügend Menschen vorhanden, schalten sie zuerst die Nachkommen von Sklaven oder Sklavinnen aus, dann jene von ausländischen Vätern und lassen zum Schlusse nur jene als Bürger gelten, die beidseits von Bürgern abstammen“.60

Die Weigerung, die freigelassenen Heloten bzw. deren Kinder in die Bürgerschaft aufzunehmen, führte dazu, dass diese ihre Integration als Freigelassene und die ihrer Kinder als spartanische Bürger nur durch einen gewaltsamen Aufstand verwirklichen zu können glaubten.61 Der Konflikt drohte zu eskalieren, wurde nur durch die vorzeitige Anzeige bei den Behörden verhindert.62 Die Aufständischen mussten das Land verlassen, möglicherweise wurden einige von ihnen, die sich als Schutzflehende in das Heiligtum des Poseidon am Tainaros geflüchtet hatten, auch getötet.63 Andere, die sich nicht an dem Aufstand beteiligt hatten, konnten möglicherweise in Sparta bleiben; ihre Kinder kamen in den Genuss, in die spartanische Bürgerschaft aufgenommen zu werden.64 In seiner „Politik“ erkennt Aristoteles bei aller Kritik an den spartanischen politischen und sozialen Institutionen an, dass die Spartaner „unter den früheren Königen Fremden das Bürgerrecht verliehen hätten, so dass trotz den langen Kriegen kein Menschenmangel entstand“.65 Aufgrund des Hinweises auf die „langen Kriege“ wird sich diese Aussage, die bisher nicht auf die ‚Parthenierepisode‘ bezogen wurde, auf die Aufnahme der in Sparta verbliebenen Parthenier in das spartanische Bürgerrecht beziehen.66

Lykurgs Bestimmung über den spartanischen ‚Hochzeitsbrauch‘ zielte also auf die Integration der freigelassenen Heloten, der epeúnaktoi, und ihrer Kinder, der partheníai, in die spartanische Bürgerschaft. Es war ein Kompromiss: Die Väter waren freigelassene Heloten, erhielten aber kein Bürgerrecht. Gingen sie Verbindungen mit Witwen gefallener Spartiaten ein, musste alles vermieden werden, was einer Ehe Rechtsgültigkeit verlieh, also engýe, ékdosis, Hochzeitszug und synoikeín als eheliches Zusammenleben, das mit dem Geschlechtsverkehr von Mann und Frau in der Hochzeitsnacht begann.67 Nur dann folgten die Kinder, die eine Mutter, aber rechtlich keinen Vater hatten, also ‚Jungfrauensöhne‘ waren, im rechtlichen Status ihrer Mutter und wurden damit spartanische Bürger. Mit diesem Kompromiss sollte die soziale Stabilität der Gesellschaft wiederhergestellt werden.68 Die freigelassenen Heloten, die mit diesem Kompromiss nicht einverstanden waren, sollten Sparta verlassen. Sie konnten in einer Apoikie unmittelbar zu Bürgern der neu gegründeten Stadt werden. Es mag auch sein, dass diejenigen epeúnaktoi von dem Kompromiss ausgenommen waren, die in den Anschlagsplan verwickelt waren und sich daran beteiligt hatten.

Blickt man auf die anfangs zitierten Berichte des Antiochos und des Ephoros zurück, erscheinen diese als mit Anekdoten angereicherte Geschichten, die allerdings so ganz unzutreffend nicht sind. Es hatte nach dem siegreichen Ende des Messenischen Krieges einen tiefgreifenden Konflikt innerhalb der Bürgerschaft um den Status der Parthenier gegeben. In ihrer Ehre zurückgesetzte Personen sahen Hoffnungen auf eine volle Integration in die Bürgerschaft nur in einem bewaffneten Anschlag auf den Demos der Spartaner, weil – so Ephoros – die Spartaner nicht bereit waren, den Partheniern die gleiche Ehre wie Bürgern zuzubilligen. Da die Väter der Parthenier aber im Messenischen Krieg mitgefochten hatten, konnte man ihnen nicht sämtliche Rechte und Vergünstigungen absprechen; alle zitierten Quellen vermitteln den Eindruck, dass die Parthenier und ihre Väter ein gewisses Verständnis für ihre Forderungen erwarten durften. Nach dem Bericht des Ephoros hätten die Spartaner den Partheniern sogar die Rückkehr und die Ansiedlung in Messenien versprochen, sollte die Anlage einer Apoikie in Unteritalien misslingen. Um den Konflikt zu lösen, wurde ein Weg beschritten, der häufig in früharchaischer Zeit bei solchen tiefgehenden Spaltungen angewandt wurde, wie Frank Bernstein überzeugend dargelegt hat: Eine der rivalisierenden Gruppen wurde als befleckt etikettiert, zur Entsühnung ins Apollonheiligtum nach Delphi geschickt und von dort in eine Kolonie gesandt.69 Der Konflikt sollte durch räumliche Trennung der Konfliktparteien befriedet, eine Eskalation am Ort verhindert werden. Die Entsendung der freigelassenen, aber aufstandsbereiten Heloten mit ihren ‚Familien‘ nach Satyrion und Tarent verhinderte also, dass sich in Sparta selbst eine blutige stásis entlud.

Dass die Berichte des Antiochos und des Ephoros eine beschönigende und damit teilweise unzutreffende Sicht der Dinge darstellen, klingt bei Polybios an, der bei der Gründungsgeschichte von Lokroi Epizephyrioi durch die mutterländischen Lokrer gegen den Historiker Timaios vorbringt, dass sich die Auswanderer aus Lokroi als Freunde und Verbündete der Lakedaimonier ausgaben, obwohl sie tatsächlich Sklaven (οἰκέται) waren. Die Lokrer, die im Messenischen Krieg gemeinsam mit den Spartanern gekämpft hätten, wären nie und nimmer dem Vorbild der Spartaner gefolgt und hätten alle jungen Männer nach Hause zurückgeschickt, um Kinder zu zeugen, und hätten auch ihren Frauen nicht erlaubt, Geschlechtsverkehr mit mehreren Männern zu haben. Stattdessen gingen sie einzeln und nur selten in ihre Heimatstadt zurück und boten deswegen ihren Ehefrauen – und mehr noch den Jungfrauen – eine Veranlassung, sich mit Sklaven einzulassen. Diese unehelichen Verbindungen und die daraus hervorgehenden Kinder seien der Grund für die Auswanderung nach Lokroi Epizephyrioi gewesen.70 Doch die aus der Heimat Vertriebenen wollten ihre soziale Herkunft verschleiern:

„Denn ehemalige Sklaven (οἱ δουλεύσαντες) versuchen, wenn sie wider Erwarten Glück gehabt haben [also freigelassen wurden], nach Ablauf einer gewissen Zeit, sich nicht bloß die guten Beziehungen, sondern auch die gastfreundschaftlichen und verwandtschaftlichen Verbindungen ihrer früheren Herren mehr als deren natürliche Angehörige zuzueignen und zu erneuern, indem sie das Andenken an ihre frühere niedrige und verachtete Stellung eben dadurch auszulöschen suchen, dass sie als Abkömmlinge, nicht als Freigelassene ihrer Herren zu erscheinen suchen (τῶν δεσποτῶν ἀπόγονοι μᾶλλον ἐπιφαίνειν ἤπερ ἀπελεύθεροι). Dies ist denn sehr wahrscheinlich auch bei den Lokrern der Fall gewesen. Denn durch einen weiten Raum getrennt von denen, die ihre Verhältnisse kannten, und begünstigt durch den Abstand einer geraumen Zeit waren sie nicht so töricht, eine Politik einzuschlagen, bei der sie die Erinnerung an ihre frühere Erniedrigung auffrischen mussten, sondern im Gegenteil eine solche, welche dieselbe zuzudecken geeignet war“.71

Was hier bei den Auswanderern nach Lokroi Epizephyrioi angeprangert wird, gilt ebenso für die Auswanderer nach Tarent. In der Version des Ephoros werden die Parthenier als Abkömmlinge spartanischer Bürger (wenn auch noch sehr junger) ausgegeben, um ihre wahre Abstammung, nämlich von (freigelassenen) Heloten, auszulöschen.72 Hier ist also dieselbe Verschleierungstaktik angewandt, wie sie Polybios in seiner ‚Mythenkritik‘ den Lokrern vorwirft. Aber auch die Nachfahren der nach Tarent Ausgewanderten waren nicht frei von solchen Verschleierungsabsichten. Denn auch in der Version des Antiochos, die vermutlich auf die ‚Auswandererperspektive‘ zurückgeht,73 waren die Parthenier die Kinder von solchen Heloten, die noch zu Beginn des Messenischen Krieges freie spartanische Bürger gewesen waren und erst zu Sklaven erklärt wurden, weil sie am Messenischen Krieg nicht teilgenommen hatten. Weder die in Sparta verbliebenen und in die Bürgerschaft integrierten Nachfahren der Parthenier noch die Nachfahren der in die Apoikie nach Tarent Ausgewanderten hatten ein Interesse an der ganzen Wahrheit, dass sie tatsächlich Nachfahren freigelassener Heloten, also letztlich Nachkommen von Sklaven waren.74 Der Überlieferungsstrang, wonach die Parthenier Söhne freigelassener Heloten und spartanischer Frauen waren, ist dünn und geht vielleicht auf Kreise von Spartanern zurück, die nicht zu den Nachfahren der Parthenier gehörten, sondern sich als die besseren, stets legitimen Nachkommen von Spartiaten sahen, als die wahren hómoioi.

In dem fragmentarisch erhaltenen Bericht des Polybios sind zwei Geschichten miteinander verbunden, die der spartanischen Parthenier und die der ausgewanderten Lokrer. Die Parthenier waren gemäß Polybios Kinder von spartanischen Frauen und jungen, aus dem Krieg zurückgeschickten Spartanern; die nach Lokroi Epizephyrioi Ausgewanderten waren Nachkommen lokrischer Frauen und Sklaven, die nach Unteritalien ausgewandert waren. In der Nachfolge der lokrischen Bürgerfrauen folgten die Nachkommen dem Status der Mutter.75 Bei den auffälligen Parallelen ist davon auszugehen, dass die Gründungsgeschichte von Lokroi Epizephyrioi nach der Vorlage der Auswanderung aus Sparta nach Tarent gestaltet wurde, um eine enge Verbindung zwischen Tarent und Lokroi Epizephyrioi zu konstruieren, die bereits auf die jeweiligen Vorfahren und angeblichen Bündnispartner im Messenischen Krieg zurückgeht.76

Zu der hier vorgelegten Rekonstruktion der Ereignisse, die zur Auswanderung der aufständischen epeúnaktoi nach Tarent und zur Integration der in Sparta verbliebenen Parthenier in die Bürgerschaft führten, gibt es im archaischen Griechenland eine dem recht nahe kommende Parallele: Die Polis Argos hatte im 6. Jh. erbitterte Kriege gegen Sparta geführt, schließlich die Herrschaft über die Landschaft Thyreatis verloren. Am Ende des 6., Anfang des 5. Jh. geriet Argos durch die Niederlage von Sepeia (der „Schlacht am Siebten“, meist auf 494 v. Chr. datiert) in eine schwere Krise. Die Argiver hatten hohe Verluste erlitten – Herodot nennt eine Zahl von 6000 Gefallenen77 – und waren gezwungen, weitere Personen in die Bürgerschaft aufzunehmen. Aristoteles bezeichnet die Aufgenommenen als ‚Periöken‘.78 Mit diesem Begriff sind keine freien Personen ohne Bürgerrecht gemeint, analog zu den athenischen Metöken, sondern Abhängige im Status von Unfreien, da Aristoteles den Begriff ansonsten in Zusammenhang mit Kreta, Thessalien und Sparta verwendet, also die sogenannten Halbfreien meint, wie sie der Lexikograph Pollux eingestuft hatte.79 Pollux nennt unter der Formulierung „diejenigen, die zwischen Freien und Sklaven stehen“ (μεταξὺ ἐλευθέρων καὶ δούλων) nicht nur die Heloten in Sparta, die Penesten in Thessalien und die Klaroten und Mnoiten in Kreta sowie die Mariandyner in Herakleia am Pontos, sondern auch die gymnétes der Argiver.80 Sie also, die ihrer Bezeichnung nach zu urteilen nicht hoplitenfähig waren, seien wegen der hohen Kriegsverluste in die Bürgerschaft von Argos aufgenommen worden. Doch auch in Argos gab es nach diesem Krieg Auseinandersetzungen um die Frage, wie weit die Integration der freigelassenen Gymneten reichen sollte.81 Herodot berichtet, Argos sei

„von seinen männlichen Einwohnern so verwaist, daß sich die Sklaven (οἱ δοῦλοι) in allen Angelegenheiten zur Leitung und Verwaltung als Herren aufspielten (πάντα τὰ πρήγματα ἄρχοντές τε καὶ διέποντες), bis die Söhne der Gefallenen herangewachsen waren. Diese erwarben dann Argos wieder zurück und vertrieben die Sklaven. Durch eine Schlacht aber gewannen die verjagten Sklaven die Stadt Tiryns“.82

Wenn die Sklaven sich in Argos solche Befugnisse angemaßt hatten, waren sie offensichtlich freigelassen worden und hatten Rechte als Bürger in Argos für sich in Anspruch genommen, die ihnen von den Söhnen der Gefallenen später wieder streitig gemacht wurden. Schließlich waren nur sie, die Söhne der gefallenen Argiver, Nachkommen angesehener argivischer Bürger und keine Freigelassenen und Kinder von Unfreien.

Im Konflikt zwischen den Freigelassenen und den freigeborenen Bürgern hatten die Argiver offensichtlich dieselbe Lösung gefunden wie die Spartaner nach dem Messenischen Krieg. Darauf weist ein Bericht des Plutarch zu diesen Ereignissen. Er erzählt in seiner Schrift „Die Tugenden von Frauen“, dass sich die argivischen Frauen dadurch verdient gemacht hätten, dass sie in den Kampf gegen den spartanischen König Kleomenes eingegriffen hätten. Als Kleomenes nach der Schlacht von Sepeia gegen Argos gezogen sei, ein großes Blutbad unter den Argivern angerichtet hätte und daraufhin gegen die Stadt vorgerückt sei, hätten alle kräftigen Frauen unter Anführung der Telesilla zu den Waffen gegriffen, seien auf die Mauerumwehrung getreten, hätten Kleomenes mit großen Verlusten zurück- und den zweiten König Damaratos, der schon in die Stadt eingedrungen war, wieder hinausgetrieben. Pausanias, der ebenfalls Telesillas Taten würdigt, fügt hinzu, dass Telesilla nicht nur all diejenigen, die wegen ihres Alters keine Waffen führen konnten, und „die stärksten unter den Frauen“, sondern auch die zu den Häusern gehörenden Sklaven (οἰκέται) für den Kampf gegen die spartanischen Könige aufgeboten habe.83 Plutarch fährt fort, dass die Stadt Argos auf diese Weise gerettet wurde und man die im Kampf gefallenen Frauen am Argivischen Weg bestattete.

„Um aber dem Mangel an Männern abzuhelfen, vermählten sie ihre Frauen nicht mit Sklaven, wie Herodot erzählt, sondern mit den Vornehmsten der Periöken, welchen sie zuvor das Bürgerrecht erteilt hatten. Dennoch verachteten die Frauen auch diese und wollten nicht mit ihnen zusammen schlafen, weil sie sie für geringer ansahen. Daher wurde das Gesetz (nómos) gegeben, dass die Frauen, wenn sie bei ihren Männern schliefen, sich einen (falschen) Bart anlegen sollten“.84

Die vermeintliche Richtigstellung Plutarchs ist unnötig, da – wie oben gezeigt wurde – Aristoteles mit den in die Bürgerschaft aufgenommenen ‚Periöken‘ Personen im Status von ‚Halbfreien‘ meint, es also keine Diskrepanz zwischen Herodot und Aristoteles in dieser Hinsicht gibt.85 Auch in Argos ging es ursprünglich darum, eheähnliche Gemeinschaften zwischen freigelassenen Gymneten und argivischen Frauen zuzulassen, damit die Bürgerschaft durch die aus diesen Verbindungen hervorgehenden Kinder wieder anstieg.86 Mit dem nómos, beim Geschlechtsverkehr einen falschen Bart zu tragen, wird ähnlich wie in Sparta symbolisch zum Ausdruck gebracht, dass ein solcher sexueller Verkehr keine rechtmäßige Ehe begründete.87 Denn nur so war auch in Argos sichergestellt, dass die Kinder in ihrem Status der Mutter folgten, also argivische Bürger wurden, ein Recht, das den Vätern, die freigelassene Gymneten blieben, noch versagt war. Wenn die ‚Jungfrauensöhne‘ in Argos vor späteren Anschuldigungen sie seien keine rechtmäßigen Bürger geschützt sein sollten, dann durfte es keine Zeugen und kein Zeugnis geben, das eine rechtmäßige Ehe belegen könnte.88

Auf eine weitere Parallele sei hingewiesen. In seinem Skythenexkurs berichtet Herodot, dass die skythischen Kämpfer nach 28 Jahren im Krieg, bei dem sie weit nach Asien vorgedrungen seien und der Herrschaft der Meder ein Ende bereitet hätten, in ihre Heimat zurückgekehrt seien, indes die Rückkehr erzwingen mussten. Denn ihre Frauen hätten sich während ihrer Abwesenheit mit den Sklaven eingelassen und deren Kinder suchten nun die Rückkehr der skythischen Herren mit Waffengewalt zu verhindern. Auch sie sahen sich also als ‚Jungfrauensöhne‘ in ihrem Status bedroht, beanspruchten nicht nur die Freilassung, sondern auch politische Partizipationsrechte. Diese wurden ihnen nach der Rückkehr der skythischen Krieger verweigert, obwohl sie – wie Herodot sagt – „als den Skythen gleich und von gleichen abstammend“ (ὁμοιοί τε καὶ ἐξ ὁμοίων) gelten konnten.89 Aufgrund der doppelten Verwendung des Begriffs homoiós wurde immer schon eine Verbindung zu Sparta gezogen; es liegt in der Tat nahe, dass die Geschichte in Parallele zur Parthenierepisode ausgestaltet ist.

Verwiesen werden kann schließlich noch auf eine Bestimmung im großen Gesetz aus dem kretischen Gortyn, in dem geregelt ist, dass die Kinder einer Bürgerin Gortyns und eines woikeús, also eines kretischen ‚Halbfreien‘, dann frei sind, wenn der woikeús zu der Frau in die Stadt zieht, dann aber unfrei, wenn die Frau zu dem woikeús auf das Land geht.90 Diese Regelung betraf ebenfalls den Status von Kindern aus Verbindungen von Personen unterschiedlichen Standes, nur dass hier nicht die Rechtmäßigkeit der Ehe, sondern das Lokalitätsprinzip für den Status der Kinder ausschlaggebend war. Ging der Unfreie von der ländlichen Siedlung in die Stadt der Freien und dies wurde akzeptiert, waren die Kinder Freie (möglicherweise geschah auch dies unter der Voraussetzung, dass die Verbindung keine Anzeichen einer rechtmäßigen Ehe aufwies); begab sich die Frau in die bäuerliche Siedlung der Unfreien, war das Kind unfrei (weil diese virilokale Beziehung als Ehe aufgefasst wurde). Schließlich sei daran erinnert, dass auch Athen seine strikte, von Perikles durchgesetzte Bürgerrechtspolitik während des lange dauernden Peloponnesischen Krieges gelockert, Ehen mit nichtathenischen Frauen toleriert und die Kinder ins Bürgerrecht aufgenommen hat, bis die restriktiven Regeln des perikleischen Bürgerrechtsgesetzes unmittelbar nach dem Ende des Krieges wieder eingesetzt wurden.91

Es kann an dieser Stelle ein Zwischenfazit gezogen werden. Das bei Plutarch beschriebene ‚Hochzeitsritual‘ gehört unmittelbar in den Kontext der Parthenierepisode. In einer kritischen Situation während der Messenischen Kriege hatten die Spartaner denjenigen Heloten die Freiheit gewährt, die sich am Krieg gegen Messenien beteiligten. Die Freigelassenen waren mit den Frauen gefallener Spartaner Beziehungen eingegangen und hatten Kinder gezeugt. Durch Aufnahme der Kinder ins Bürgerrecht sollte die Zahl der Spartiaten wieder ansteigen. Über den Status der Freigelassenen und deren Kinder geriet die Gemeinschaft in Streit, sei es dass die Freigelassenen (die epeúnaktoi) für sich Bürgerrechte beanspruchten, sei es dass die nicht integrationsbereiten Spartaner die Regelung außer Kraft setzen und den Partheniern das Bürgerrecht verweigern wollten. Offenbar setzten sich diejenigen durch, die sich einer weitreichenden Integration in den spartanischen Bürgerverband widersetzten. Um sich dagegen zur Wehr zu setzen, planten die Zurückgesetzten einen Anschlag gegen das Volk, durch den sie ihr bzw. ihrer Kinder Bürgerrecht erzwingen wollten. Der Konflikt führte beinahe zu einem blutigen Bürgerkrieg, der gerade noch abgewendet werden konnte. Um eine weitere Eskalation zu vermeiden, wurden die Aufstandsbereiten unter Führung des Phalanthos außer Landes gewiesen, über Delphi in eine Apoikie nach Unteritalien. Für die in Sparta verbleibenden epeúnaktoi und deren Kinder wurde indes die Regelung durchgesetzt, dass die Kinder das spartanische Bürgerrecht erhielten, ihre Väter aber Freigelassene ohne Bürgerrecht blieben.

4. Die Gesetze des Lykurg

Die Nachrichten über die Gründung der Stadt Tarent lassen sich in einen plausiblen Kontext stellen, wenn man den Berichten von Diodor, Iustin und Servius folgt und die Parthenier als die Kinder freigelassener Heloten versteht, die im Messenischen Krieg auf Seiten der Spartaner gekämpft und mit ihnen den Sieg erfochten hatten und die mit den Witwen gefallener Spartiaten Kinder zeugen sollten, um die Verluste an spartanischen Bürgern auszugleichen. In diesen Kontext kann der von Plutarch überlieferte, außergewöhnliche ‚Hochzeitsbrauch‘ einbezogen werden, dessen Einrichtung also auf ein konkretes historisches Ereignis zurückgeführt werden kann. Er sollte sicherstellen, dass die Kinder der freigelassenen Heloten in ihrem rechtlichen Status der (spartanischen) Mutter folgten, wohingegen die Freigelassenen als epeúnaktoi das Bürgerrecht nicht erhielten, da sie noch Sklaven gewesen waren. Wie auch für Argos bezeugt, war die Etablierung des ‚Hochzeitsbrauchs‘ zunächst als Sonderregelung gedacht, die nur bei Verbindungen zwischen spartanischen Frauen und freigelassenen Heloten ohne spartanisches Bürgerrecht Anwendung finden sollte. Der Umstand, dass es sich um eine Sonderregelung für spezielle Verbindungen von Personen eines unterschiedlichen rechtlichen Status handelt, war ausschlaggebend dafür, dass diese Regelung im kulturellen Gedächtnis bewahrt blieb und mündlich oder schriftlich oder auch als Ritual überliefert wurde. Offenbar war in dieser Erinnerung aber die Verbindung zu dem Ereignis, das die Sonderregelung hervorgebracht hatte, nicht mit überliefert worden, so dass von späteren Autoren, von Xenophon, Hermippos und Plutarch nur die davon losgelösten Regelungen überliefert wurden. Dies könnte dafür sprechen, dass das Gesetz tatsächlich schriftlich tradiert worden war. Auch in den uns inschriftlich erhaltenen Gesetzen aus Kreta und anderen griechischen Städten ist nie der konkrete Anlass für die Gesetzgebung mit aufgenommen worden.

Keine Veranlassung bestand hingegen, den Regelfall, nämlich die durch ein Heiratsversprechen des Hausvaters zustande gekommene rechtsgültige Ehe zwischen einem spartanischen Bürger und einer Spartanerin, durch ein Gesetz zu normieren. In diesem Fall war klar und unbestritten, dass die Kinder spartanische Bürger waren.92 Auch die Ausstattung mit einer Mitgift war bei einer solchen regulären Ehe möglich.

Der von Plutarch beschriebene ‚Hochzeitsbrauch‘ mutet ohne Zweifel merkwürdig an. Angesichts der hier vorgelegten Rekonstruktion der Ereignisse halte ich es für durchaus möglich, dass Lykurg in seinem Gesetz zur Integration der Parthenier in die spartanische Bürgerschaft eine sehr viel nüchternere Sprache verwendet hat, wie wir sie von archaischen Gesetzen kennen und wie es den Gepflogenheiten im übrigen Griechenland entsprach und dass die Freude an anekdotenhaften Ausschmückungen zu der Version geführt hat, die uns bei Plutarch vorliegt. Xenophon könnte darauf einen Hinweis geben, da er nur davon spricht, dass der Mann zur Frau ging und beide darauf achteten, dass sie nicht gesehen wurden, also kein Zeuge später behaupten konnte, es bestünde eine rechtmäßige Ehe. Das Gesetz mag also angeordnet haben, dass Kinder von freigelassenen Heloten dann in die Bürgerschaft aufgenommen werden, wenn die Väter als epeúnaktoi zu den verwitweten Spartanerinnen gegangen und nach dem Geschlechtsverkehr wieder in die Gruppe der Gleichaltrigen zurückgekehrt waren, es also kein Zusammenleben auf Dauer gab. Plutarchs Hinweis, dass die ‚Bräute‘ in Sparta Frauen in reiferem Alter waren, ist vermutlich dem Umstand geschuldet, dass sich die Regelung ausdrücklich auf die Witwen bezog, nicht auf junge Spartanerinnen, die Ehen mit spartanischen Bürgern eingehen sollten.93 Die Version, die uns Plutarch bietet, ist nicht die einzige anekdotenhafte Ausschmückung eines solchen, in nüchternem Ton gehaltenen Gesetzes; Hermippos, ein Autor des 3. Jh. v. Chr., berichtet in seinem Buch „Über Gesetzgeber“ (Περὶ Νομοθετῶν), dass in Lakedaimon alle Mädchen in einen dunklen Raum eingeschlossen und die unverheirateten jungen Männer dazu gesperrt würden. Ein jeder führte dann diejenige, die er ergriffen habe, ohne Mitgift in sein Haus.94 Da es auch in diesem Fall keine engýe, keine ékdosis und keinen Hochzeitszug durch die Stadt gab, wäre auch eine solche Verbindung keine rechtmäßige Ehe. Man mag aber füglich daran zweifeln, ob die gesetzliche Bestimmung Lykurgs zur Integration von Partheniern in die spartanische Bürgerschaft in dieser Weise umgesetzt wurde. Auch in diesem Fall kann es sich um eine phantasievolle Ausschmückung handeln. Folgerichtig aber war – und dies mag auf eine Bestimmung in dem Gesetz zurückgehen –, dass in diesen Fällen die Frau nicht mit einer Mitgift ausgestattet werden durfte. Eine Mitgift wäre ein Beleg für eine rechtmäßige Ehe gewesen.95 So diente der Nachweis einer Mitgiftzahlung in vielen athenischen Gerichtsverfahren als Beweis für die Rechtmäßigkeit einer Ehe.

Die ‚Gesetze des Lykurg‘ regelten nicht nur die Stellung der epeúnaktoi, deren Verbindungen mit Witwen gefallener Spartaner und die Aufnahme der ‚Jungfrauensöhne‘ in die Bürgerschaft, sondern umfassten weitere Bestimmungen, die sich aus dieser Kompromisslösung ergaben. In der Biographie des Lykurg berichtet Plutarch, dass die Entscheidung, „das zur Welt Gekommene“ aufzuziehen, nicht bei „dem Zeugenden“ liege, sondern es zu einem Lesche genannten Ort gebracht werden sollte, wo die Phylenältesten das Kind untersuchten und die Aufzucht befahlen, wenn es wohlgestaltet und kräftig war. War es hingegen schwächlich und missgestaltet, so ließen sie es zu den Apothetai, einem Felsabhang am Taygetos, bringen und töten.96 Dass Plutarch von „dem Geborenen“ (τὸ γεννηθέν) und „dem Zeugenden“ (ὁ γεννήσας) spricht, zeigt unmissverständlich, dass „der Zeugende“ rechtlich nicht der Vater des Kindes war. Es liegt daher nahe, hinter dieser Formulierung den „Bettgenossen“ (epeúnaktos) zu sehen, die Regelung also auf Verbindungen von spartanischen Frauen und freigelassenen Heloten zu beziehen. Da der Freigelassene nur „Bettgenosse“ war, konnte er nicht darüber entscheiden, ob „das Geborene“ (also der ‚Jungfrauensohn‘) aufgezogen werden sollte oder nicht. Da die Spartaner angeordnet hatten, die freigelassenen Heloten sollten mit den Witwen der gefallenen Spartaner Kinder zeugen, um die Zahl der Spartiaten wieder ansteigen zu lassen, liegt nicht fern, dass sie die aus diesen Verbindungen hervorgegangenen Kinder daraufhin prüfen wollten, ob sie kräftig genug seien, um später einen Platz in der Hoplitenphalanx einzunehmen. Diese Prüfung der Neugeborenen wurde den Phylenältesten anvertraut. Die neutrale Formulierung in Hinsicht auf den „Gezeugten“ und den „Zeugenden“ legt nahe, dass wir hier die Sprache des Gesetzes fassen können, bei der die Begriffe „Vater“ und „rechtmäßiges Kind“ bewusst vermieden wurden.97 Dies gilt auch für die Bestimmung, dass ein Übeltäter (ein kakós) allerlei Zurücksetzungen erdulden muss, unter anderem dass er „die ihm angehörenden Mädchen“ zu Hause aufziehen müsse, an seinem Herd keine Frau sei und er dafür auch noch eine Strafe zu zahlen habe.98

Von Lykurg geregelt wurde auch die Ausstattung der in das Bürgerrecht aufgenommenen Parthenier. Hatten die Phylenältesten „das Geborene“ als wohlgestaltet und kräftig anerkannt, wiesen sie dem Kind eines der neuntausend Landlose zu.99 Eine solche Bestimmung war bei den ‚Jungfrauensöhnen‘ sinnvoll und geradezu notwendig, und auch nur bei diesen, denn als Söhne der freigelassenen und nicht ins Bürgerrecht aufgenommenen Heloten verfügten sie über kein eigenes Land oder ein väterliches Erbe. Ihre Lebensgrundlage (und ihr Bürgerstatus) musste daher mit der Verleihung eines Landloses gesichert werden. Da sich damit auch diese Bestimmung als Teil des lykurgischen Gesetzes bezüglich der epeúnaktoi und der Parthenier erweist, ist nicht auszuschließen, dass auch die Zahl von „neuntausend Landlosen“ als Zitat aus dieser gesetzlichen Regelung und damit als zuverlässige Überlieferung angesehen werden kann. Nach der siegreichen Beendigung des Messenischen Krieges und der vollständigen Eroberung Messeniens hatten die Spartaner das hinzugewonnene Land in Landlose geteilt. Die siegreichen Spartaner erhielten jeweils ein solches Landgut zugewiesen, das von den in den Status von Heloten gezwungenen Personen bewirtschaftet wurde, und es waren ausreichend Landlose vorhanden, um auch die Parthenier mit einem solchen auszustatten.

Die Prüfung der neugeborenen ‚Jungfrauensöhne‘ durch die Phylenältesten zeigt, welche Bedeutung die Spartaner und ihr Gesetzgeber Lykurg dem Zuwachs an wehrfähigen Spartiaten und dem Ausgleich der entstandenen Verluste durch die vielen Kriegsgefallenen beimaßen. So kann es sein, dass von diesen Regelungen nur diejenigen profitieren sollten, die den Spartanern neue wehrfähige spartanische Bürger boten, also nur diejenigen epeúnaktoi, die mit den Witwen gefallener Spartiaten Kinder zeugten.100 Wer sich solcher Verbindungen mit spartanischen Witwen entzog oder in solchen Verbindungen keine Kinder zeugte, musste entehrenden Spott über sich ergehen lassen und war bei den Gymnopaidien ausgeschlossen. Nach Plutarch mussten solche Männer im Winter nackt um den Markt herumlaufen und dabei ein auf sie gemünztes Spottlied singen. Außerdem blieb ihnen die Ehrerbietung im Alter versagt.101

Der Erhöhung der Kinderzahl sollte es ebenfalls dienen, dass den Witwen gefallener Spartiaten, die nicht von einem der epeúnaktoi schwanger wurden, zugestanden wurde, mit einem zweiten „Bettgenossen“ Geschlechtsverkehr zu haben. Auch die bei Xenophon genannte (und als anstößig empfundene) und ebenso bei Plutarch belegte Polyandrie verliert ihre außergewöhnliche, ja paradox anmutende Brisanz, wenn sie als Bestandteil der lykurgischen Gesetze über die Integration der freigelassenen Heloten und deren Söhne in die Bürgerschaft begriffen wird. Xenophon und Plutarch berichten übereinstimmend, dass es in Sparta gestattet war, dass ein schon älterer Mann einen kräftigen jungen Mann mit seiner Frau zusammenbringen konnte, um sie mit „gutem Samen“ befruchten zu lassen. Ebenso war es gestattet, dass ein Mann, der die Frau eines anderen wegen ihrer Fruchtbarkeit oder wegen ihrer sonstigen guten Eigenschaften hochschätzte, mit der Erlaubnis ihres Mannes Geschlechtsverkehr mit dieser Frau haben konnte.102 Bei den Verbindungen von spartanischen Frauen mit freigelassenen Heloten, und nur bei diesen, ist die für griechische Poleis sonst so ungewöhnlich anmutende Regelung verständlich, und nur in diesen Fällen rechtlich völlig unproblematisch, da es keine legitime Ehe zwischen solchen Spartanerinnen und den Freigelassenen gab, ein Ehebruch also nicht vorlag. Dass diese ungewöhnliche Bestimmung in den Kontext der Parthenierepisode einzuordnen ist, dafür ist die Darstellung bei Polybios ein expliziter Beleg.103 In Zusammenhang mit dem Geschehen um die Parthenier weist Polybios darauf hin, dass es bei den Lakedaimoniern väterliche Sitte und Brauch sei (καὶ πάτριος ἦν καὶ σύνηθες), dass eine Frau drei oder vier Männer habe oder auch noch mehr, „wenn sie Brüder seien“ (τρεῖς ἆνδρας ἔχειν τὴν γυναῖκα καὶ τέτταρας, τοτὲ δὲ καὶ πλείους ἀδελφοὺς ὄντας).104 Ephoros hatte bei den Beratungen der spartanischen Behörde, wie man auf den geplanten Anschlag reagieren solle, erwähnt, dass ein Gegenangriff schwierig zu sein scheine, „seien diese doch zahlreich und auch alle einmütig, da sie sich gegenseitig als Brüder betrachteten“.105 Die Regelung, dass eine Frau mit drei, vier oder mehr Männern geschlechtlich verkehren konnte, bezieht sich also auf die „verschworenen Brüder“, die den Anschlag auf das Volk vorbereitet hatten. Polybios fährt fort, dass in solchen Fällen die Kinder ihnen gemeinsam seien (τὰ τέκνα τούτων εἶναι κοινά). Auch sei man es gewohnt gewesen und hätte es für gut und richtig gehalten, die Frau, wenn sie ausreichend Kinder geboren hätte, an einen der Freunde abzugeben. Diese Regelung zielte offensichtlich darauf, die Zahl der geborenen Kinder zu erhöhen und anderen freigelassenen Heloten zu ermöglichen, solche Kinder zu zeugen, die später als spartanische Bürger angesehen wurden. Aussagen von Xenophon und Plutarch, die Spartaner empfänden sich als gemeinsame Väter aller Kinder, sind vor diesem Hintergrund zu verstehen und zunächst allein auf die epeúnaktoi und die Parthenier zu beziehen.106

Der Konflikt um die Integration der im Messenischen Krieg freigelassenen Heloten und der aus den Verbindungen mit Spartanerinnen hervorgegangenen ‚Jungfrauensöhne‘, der zur Gründung einer Apoikie in Satyrion und Tarent führte, ist meines Erachtens der Schlüssel für das Verständnis vieler spartanischer Bräuche. Die ‚verkehrte Welt‘, in der diese Bräuche erscheinen, der spartanische Sonderweg, wird sehr viel verständlicher, wenn diese Praktiken als Sonderregelungen verstanden werden, mit denen in einem konkreten Konflikt eine spezifische Lösung gefunden wurde.107 Der Kompromiss wurde gesetzlich geregelt, wobei zwar in den Quellen diesbezüglich stets von den ‚Gesetzen des Lykurg‘ die Rede ist, jedoch eher davon auszugehen ist, dass es sich – ähnlich wie bei dem Gesetz Drakons über die Tötung – um nur ein Gesetz mit verschiedenen Bestimmungen handelt, das die (zu vermeidende) Legitimität der Ehe, den Status der Kinder, ihre Ausstattung mit einem Landlos und die Zulassung eines geschlechtlichen Verkehrs mit mehreren Männern regelte.108

Vorauszusetzen ist, dass diese Sonderregelungen nicht nur einzelne Fälle betrafen, sondern mehrere hundert, wenn nicht gar über tausend Heloten, die freigelassen worden waren und mit spartanischen Witwen Verbindungen eingegangen waren. Immerhin hatten die Spartaner, wenn wir Ephoros glauben wollen, den nach Unteritalien Auswandernden angeboten, sie würden, wenn sie keinen Erfolg hätten, ein Fünftel Messeniens zur Ansiedlung erhalten. Wenn die Zahl der ‚Jungfrauensöhne‘ so groß war, wäre letztlich auch zu fragen, ob nicht die rigide Form der spartanischen Erziehung mit der strikten Einteilung in Altersklassen, der Herauslösung aus der Familie und der Etablierung von ganz auf die Gemeinschaft ausgerichteten Erziehungszielen auf diese Krisensituation um 600 v. Chr. zurückgeht. Sollte so eine Sozialisation der Helotenkinder im spartanischen Sinne sichergestellt werden?109

Mit seinem Gesetz hat Lykurg einen Kompromiss vorgelegt, der unabhängig von der Aussendung der Aufständischen in die Kolonie Tarent die akute innere Krise lösen konnte. Möglicherweise wurde die Praxis, Heloten in kritischen Situationen freizulassen, ihnen Verbindungen mit spartanischen Frauen zuzugestehen und die Kinder nach absolvierter Erziehung in die spartanische Bürgerschaft aufzunehmen, auch später noch praktiziert. Denn die mehrfach in den Quellen belegten neodamódeis waren nach Thukydides, Myron und Pollux freigelassene Heloten.110 421 v. Chr. siedelten die Spartaner Heloten, die unter dem Feldherrn Brasidas treu gedient hatten und deswegen freigelassen worden waren, zusammen mit anderen Neodamodeis zur Grenzsicherung in Lepreon an.111 Mehrfach setzten die Spartaner im Peloponnesischen Krieg und bei Kriegszügen in den ersten Dezennien des 4. Jh. Neodamodeis ein, manchmal einige Hundert, aber auch bis zu 3000.112 Wenn die Neodamodeis in der Tradition der epeúnaktoi stehen, wäre verständlich, warum sie trotz der Benennung als „Neubürger“ kein Bürgerrecht hatten: Erst ihre Kinder konnten in die Bürgerschaft aufgenommen werden.113

5. Die Auswanderung nach Tarent als historischer Erinnerungsort

„Denn durch einen weiten Raum getrennt von denen, die ihre Verhältnisse kannten, und begünstigt durch den Abstand einer geraumen Zeit waren sie nicht so töricht, eine Politik einzuschlagen, bei der sie die Erinnerung an ihre frühere Erniedrigung auffrischen mussten, sondern im Gegenteil eine solche, welche dieselbe zuzudecken geeignet war“.114

Dieses Urteil des Polybios über die Lokrer kann auch über die Auswanderer nach Tarent gefällt werden. Am Ende des 5. Jh. und im 4. Jh. v. Chr. konnte eine Mythenbildung um die Gründungsgeschichte Tarents mit neuen Sinnstiftungen einsetzen, sowohl in Sparta selbst als auch in Tarent, da man von den historischen Ereignissen am Ende des Messenischen Kriegs „durch einen weiten Raum“ und „den Abstand einer geraumen Zeit“ getrennt war. Eine nachprüfbare Erinnerung bestand nicht mehr – weder schriftlich noch mündlich –, und so geriet der Zusammenhang zwischen dem gerade noch vereitelten Anschlag der freigelassenen Heloten und der aus dem Konflikt resultierenden Gesetzgebung in Vergessenheit. Um die Gesetzgebung des Lykurg rankten sich fortan eigenständig Anekdoten, entwickelte sich eine Tradition und das Bild, dass die gesamte politische und soziale Ordnung Spartas auf die Gesetze des Lykurg zurückgehe.

In Tarent und in Sparta bildeten sich unterschiedliche Versionen der Gründungsgeschichte aus, zum einen aus der Sicht der Auswanderer nach Tarent – dies ist die bei Antiochos von Syrakus und bei Diodor von Tauromenion (8, fr. 21) zu fassende – und aus der Sicht der Mutterstadt – das ist die bei Ephoros von Kyme und bei vielen von Ephoros abhängigen Quellen zu greifende Version. In der Version des Antiochos blieb die Kenntnis davon gewahrt, dass die Parthenier Kinder von Unfreien gewesen waren; in der Version des Ephoros mag dies von denen, die als Söhne freigelassener Heloten in die Bürgerschaft aufgenommen worden waren, kaschiert worden sein, um ihre Abstammung von Sklaven vergessen zu machen. Dort kursierte fortan die Version, die Parthenier seien Kinder von spartanischen Vätern, die in jungen Jahren nach Sparta zurückgeschickt worden waren, um zahlreiche Kinder zu zeugen.

Dass die Auswanderung der freigelassenen und dann aufständischen spartanischen Heloten in späterer Zeit eine Mythologisierung erfuhr, darauf deuten nicht nur die literarisch überlieferten Gründungsgeschichten hin, sondern auch Denkmäler in Lakonien und in Tarent, die auf die Auswanderungsgeschichte Bezug nehmen. So war im südlakonischen Tainaron – wohl nicht zufällig an dem Ort, an dem einige Freilassungsinschriften von Heloten gefunden wurden – die Bronzestatue einer Person aufgestellt, die auf einem Delphin über das Meer reitet, ein Bild, das sich auch auf den Münzen Tarents findet.115 Herodot sieht in diesem „nicht sehr großen Weihgeschenk“ den Sänger Arion von Methymna auf Lesbos, der, nachdem er sich lange Zeit bei dem Tyrannen Periandros in Korinth, später in Italien und Sizilien aufgehalten hat, bei der Rückfahrt von Tarent nach Korinth von den Seeleuten über Bord geworfen wurde, aber von einem Delphin über das Meer nach Tainaron getragen worden sei.116 Der Bezug auf Kap Tainaron an der Südspitze Lakoniens und auf Tarent weckt Zweifel an der Identifizierung der Statue als Arion; wie auf den Münzen der Stadt Tarent wird es sich bei diesem ‚Auswandererdenkmal‘ vielmehr um Phalanthos oder den Heros Taras handeln. Außerdem soll es an der von der Agora in Sparta ausgehenden Straße, die die Spartaner Aphetaïs nennen, einen heiligen Bezirk des Poseidon Tainarios gegeben haben; nicht weit davon stehe ein Kultbild der Athena, das diejenigen, die nach Tarent ausgewandert sind, gestiftet hätten.117 Die Tarentiner hatten in der zweiten Hälfte des 5. Jh. auch ein Denkmal nach Delphi geweiht, mit Taras, Phalanthos und einem Delphin,118 und auch in Tarent selbst soll sich ein Monument mit dem Delphinreiter befunden haben,119 offensichtlich als ein weiteres ‚Auswandererdenkmal‘.

Acknowledgment:

Der Aufsatz geht auf Vorträge zurück, die ich an den Universitäten Bonn, Göttingen, Hannover, Heidelberg, Tübingen, Eichstätt, Graz und an der Humboldt-Universität Berlin gehalten habe. Den Teilnehmern an den Diskussionen danke ich ganz herzlich für Anregungen.

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Footnotes

  • 1

    Finley (1968); wiederabgedruckt in (1975) 161–177 und 238–240 sowie in deutscher Übersetzung in Christ (1986) 327–350 (Zitat von 327). Finley verweist dazu auch auf Starr (1965): „Ich fürchte, wir laufen manchmal Gefahr, als Historiker hellenistische Legenden weiterzuverbreiten“. Über die Gründung Tarents urteilt Cartledge (1979) 123: „The traditional date of settlement, 706, is not contradicted by the earliest archaeological finds. The rest of the ancient evidence, however, is almost entirely worthless“. Auch Franz Kiechle (1963) 178, spricht von der „Unergiebigkeit der Tradition“. 

  • 2

    Ausführliche Auseinandersetzungen mit den Gründungsgeschichten und der dazu vorliegenden vorangegangenen althistorischen Forschung bieten Meier (1998) 121–141, und Nafissi (1999). 

  • 3

    Leschhorn (1984) 31 f., geht davon aus, dass Strabon beide Versionen nebeneinandergestellt hat, da sie zu unterschiedlich gewesen seien, um sie zu harmonisieren, und er eine Entscheidung gescheut hat, welche der Versionen vorzuziehen ist. 

  • 4

    Antiochos von Syrakus FGrH 555 F 13 aus Strabon 6,3,2, 278–279 C.: ὅτι τοῦ Μεσσηνιακοῦ πολέμου γενηθέντος οἱ μὴ μετασχόντες Λακεδαιμονίων τῆς στρατείας ἐκρίθησαν δοῦλοι καὶ ὠνομάσθησαν Εϊλωτες. Zu Antiochos siehe Prontera (1992). 

  • 5

    Antiochos von Syrakus FGrH 555 F 13 aus Strabon 6,3,2, 278–279 C: Παρθενίας ἐκάλουν καὶ ἀτίμους ἔκριναν. 

  • 6

    Antiochos von Syrakus FGrH 555 F 13 aus Strabon 6,3,2, 278–279 C: οἱ μὲν διεδίδρασκον, οἱ δὲ ἱκέτεθον. 

  • 7

    Zum Orakel, wonach die Kolonisten den Iapygiern ein „Leid“ (πῆμα) sein sollten: Malkin (1994) 115–127. Satyrion liegt etwa 12 km südöstlich von Tarent (heute Saturo/Leporano; siehe die Karte bei Cartledge [1979] 125; Yntema [2000] Abb. 1, 11 und 13). Vgl. Radt (2007) 205–208, mit weiterer Literatur. Vielfach wird angenommen, dass Satyrion der ursprüngliche Ort der Koloniegründung war (Malkin [1994] 121; vgl. dazu Meier [1998] 138; ablehnend De Juliis [2000] 13–15). Zu Phalanthos Ehrenberg (1938); Leschhorn (1984) 31–41; Malkin (1994) 142; Vollkommer (1997a). Das traditionelle Gründungsdatum 706/5 v. Chr., das bei Eus. chron. 91 b Helm überliefert ist, ist umstritten. Malkin ebd. hält das Datum aber für ziemlich sicher und archäologische Funde bestätigten es. 

  • 8

    Zu den inneren Widersprüchen und der Ablehnung des historischen Werts in der Forschung im Einzelnen Meier (1998) 124–126.  

  • 9

    Für die angespannte Situation lassen sich die Fragmente des Tyrtaios anführen (F 6–9 Gentili-Prato; 10–12 West). Siehe dazu Meier (1998) 292–302. 

  • 10

    Dem Bericht des Antiochos ist nicht zu entnehmen, dass es die Parthenier waren, die zur Auswanderung nach Tarent und Satyrion gezwungen wurden; es waren vielmehr deren Väter. Zur Einschätzung der historischen Glaubwürdigkeit Gehrke (2000). 

  • 11

    Ephoros von Kyme FGrH 70 F 216 aus Strabon 6,3,3, 279–280 C. 

  • 12

    Ebd.: ἐπανελθόντες δʼ οἴκαδε τοὺς Παρθενίας οὐχ ὁμοίως τοῖς ἄλλοις ἐτίμων ὡς οὐκ ἐκ γάμου γεγονότας. 

  • 13

    Der pílos ist die Kappe, in der die spartanischen Dioskuren kämpften. Sie findet sich auf vielen Darstellungen der Dioskuren. Zu der aus der Antike übernommenen Symbolik des pileus libertatis, der Freiheits- oder Jakobinermütze, seiner Verbreitung und seinem Bedeutungswandel vom 16. bis ins 18. Jh. in Italien, den Niederlanden, der Schweiz, in Amerika und Frankreich siehe ausführlich Metzler (2001) 67–86 mit Abb. 4–28. Die neuzeitliche Rezeption bezieht sich auf App. civ. 2,17 (119) („Einer unter ihnen trug eine Mütze auf einer Stange und rief zur alten Freiheit, zur väterlichen Verfassung auf“) und auf Denare des Caesarmörders Brutus aus dem Jahre 44 v. Chr., beruht aber auch auf dieser bei Strabon überlieferten Passage des Ephoros (dazu Metzler [2001] 75; vgl. 77 f.; 81–83). 

  • 14

    Dass es sich um Krieger in Hoplitenrüstung handelt, zeigt Tyrtaios F 8 Gentili-Prato; 11 West Z. 21–34; zu Leichtbewaffneten ebd. Z. 35–38.  

  • 15

    In der Version des Ephoros sind die nach Unteritalien Ausgewiesenen vermutlich junge Männer im Alter von 20–30 Jahren, die mit ihren Kindern die Heimatstadt verließen, weil diese Kinder nicht in die Bürgerschaft aufgenommen werden sollten. Das οἱ <δὲ> in Ephoros FGrH 70 F 216 (Strabon 6,3,3, 280 C.) wird sich auf die Väter beziehen, nicht auf die Parthenier, die zu dieser Zeit noch Kinder waren. Nach Szanto (1905) seien die Berichte bei Antiochos, Ephoros und Aristoteles Versuche, den schon im Altertum unverständlichen Namen der Parthenier zu erklären. Ebenso Clauss (1983) 21; Leschhorn (1984) 31 f., 35 (bei Strabon seien die beiden wichtigsten „Legenden“ überliefert); Welwei (2004) 58 f. („erfindungsreiche Erzählungen“, „abenteuerliche Geschichten“); Malkin (1994) 139, 141 („we must reject these stories as sources of details on Taras' foundation; what may be salvaged is the memory of the existence of distinct, non-integrated groups which, as Plato suggests, had to go“); Meier (1998) 125 (mit weiteren Literaturhinweisen) und ähnlich Nilsson (1986) 128 f. (zuerst: Klio 12, 1912, 308–340) sowie Luria [1933] 222: „es handelt sich, wie schon Ed. Meyer (II 306A) hervorgehoben hat, um eine Legende ohne jeden historischen Wert“. Wenig Glaubwürdigkeit billigt auch Massimo Nafissi (1999) 254–257 den Berichten zu; er hält die Gründungsgeschichten für weitgehend fiktiv: „[…] it is clear, that in the narrative of the misfortunes of the valorous Partheniae I would rather see a fiction devoted inter alia to the promotion of good relationships between metropolis and colony. In fact the whole story of the sons of the parthenoi seems to me to be a metaphor, a variation on the theme ‚fathers and sons‘“. 

  • 16

    Eine Zusammenstellung aller Quellenbelege und einer Auswahl von Literatur bei Lippolis – Garraffo – Nafissi (1995) 263–290, Vollkommer (1997a) 978 f. und bei Bernstein (2004) 23 f. Zur anzuzweifelnden Authentizität der Gründungsgeschichte von Tarent siehe ebd. 40. Siehe auch die Diskussion der Quellenbelege bei Vidal-Naquet (1989) 191–193 (franz.: „Le chasseur noir“, Paris 21983) und bei De Juliis (2000) 9–15, und den Überblick über die Geschichte Tarents in Fischer-Hansen – Heine Nielsen – Ampolo (2004) 299–302 Nr. 71 (Taras). Brauer (1986) 3–10, bleibt weitgehend bei einer Schilderung der Gründung nach den Versionen des Antiochos und Ephoros stehen. 

  • 17

    Aristot. pol. 5,7, 1306b 27–31: ὅταν ᾖ τὸ πλῆθος τῶν πεφρονηματισμένων ὡς ὁμοίων κατʼ ἀρετήν, οἷον ἐν Λακεδαίμονι οἱ λεγόμενοι Παρθενίαι (ἐκ τῶν ὁμοίων γὰρ ἦσαν). Zu dieser Stelle ausführlich Meier (1998) 127–130, dessen Interpretation ich hier indes nicht folge. – Keine darüber hinausgehenden Informationen bietet ein Fragment des hellenistischen Autors Herakleides Lembos aus den aristotelischen Verfassungen. Zur Verfassung der Tarentiner schreibt er: Als die Lakedaimonier gegen die Messenier Krieg führten, hätten die Frauen in deren Abwesenheit einige Kinder geboren, die die Väter in Verdacht hätten, dass sie nicht von ihnen seien, und die sie daher Parthenier, Jungfrauensöhne, genannt hätten. Diese aber hätten das nicht ertragen (Herakleides Lembos 57 Dilts). 

  • 18

    Ain. takt. 11,12. David Whitehead setzt in seinem Kommentar ([2001] 133) den geplanten Aufstand der Parthenier mit Berufung auf frühere Ausgaben und Kommentare in die letzte Dekade des 8. Jh. v. Chr. Auch in den Kriegslisten (Strategemata) des Polyainos von Makedonien aus dem 2. Jh. n. Chr. findet die Episode Erwähnung. Danach hätten die Ephoren den Herold angewiesen, den die Filzkappe, den pílos, tragenden Partheniern, die einen Aufstand hatten beginnen wollen, zu verkünden, die Agora zu verlassen (Polyain. 2,14,2). Auch dort ist die Version des Ephoros zugrunde gelegt, da die Parthenier den pílos trugen und als Ort des Geschehens die Agora genannt ist. Der Grammatiker Sextus Pompeius Festus (2. Jh. n. Chr.) überliefert (207 M), dass die Spartaner mit Filzkappen bedeckt (pileati) kämpften. Zum pílos bzw. pilleus Kreis-von Schaewen (1950a) und (1950b). 

  • 19

    Diod. 15,66,3–4. 

  • 20

    Dion. Hal. ant. 19,1,2–4. Vgl. dazu Vidal-Naquet (1989) 193; Malkin (1994) 121 f.; Bernstein (2004) 86 f., 138. Über die Gründung Tarents und die Auswahl des Platzes berichtet ausführlich auch Paus. 10,10,6–8, ohne aber auf die Vorgeschichte einzugehen. Die kurze Erwähnung der Parthenier in Dions „Euböischer Rede“ (or. 7,147) gewährt nur wenige Informationen. Sie seien als Kinder von Jungfrauen geboren worden und hießen deswegen Parthenier; sie seien zahlreich (συχνοί) gewesen, worauf auch Ephoros explizit hingewiesen hat (καὶ γὰρ πολλοὺς εἶναι). Gustav Adolf Lehmann folgt in seinem Kommentar zu der Rede ([2012] 118 Anm. 175) Mischa Meier, wonach es sich bei den Partheniern wahrscheinlich um eine einem hochrangigen Adelsgeschlecht zugeordnete Bevölkerungsgruppe in Sparta handle.  

  • 21

    Iust., epitoma historiarum Philippicarum 3,2–3. Pompeius Trogus hatte in augusteischer Zeit eine Universalgeschichte in 44 Büchern verfasst, die erste ihrer Art in Rom. Erhalten ist sie nur in dem Auszug des Iustinus und durch Inhaltsangaben zu den einzelnen Büchern. 

  • 22

    Iust. 3,2,5–3,3,12. 

  • 23

    Ausführlicher berichtet Pausanias über diesen Hergang: Paus. 4,4,1–4,5,10. 

  • 24

    Iust. 3,4,1–4. 

  • 25

    Iust. 3,4,5–7: quibus Spartam remissis promiscuos omnium feminarum concubitus permisere, maturiorem futuram conceptionem rati, si eam singulae per plures viros experirentur. Ex his nati ob notam materni pudoris Partheniae vocati.  

  • 26

    Iust. 3,4,8–11; zum weiteren Schicksal des Phalantus 3,4,12–19. Siehe dazu Leschhorn (1984) 33. 

  • 27

    Der Version des Ephoros verpflichtet ist auch der Eintrag bei Isid. orig. 9,2,81; vgl. 15,1,62. Eine ebenfalls weitgehend Ephoros – z. T. wortwörtlich – folgende Darstellung der Hintergründe der Aussiedlung präsentiert Eustathios von Konstantinopel, Erzbischof von Thessaloniki im 12. Jh., der zu einem Vers des Dionysios Periegetes (2. Jh. n. Chr.) kommentiert, dass die Spartaner einen Eid abgelegt hätten, nicht eher nach Sparta zurückzukehren, bis die abtrünnigen Messenier mit Gewalt versklavt seien. Er folgt Ephoros auch darin, dass die Frauen – bei ihm sind es betagte Frauen (πρεσβύτιδες) – zu den im Krieg stehenden Männern geschickt hätten, da sie Sorge um ausreichenden Nachwuchs in Sparta hätten. Die Spartaner hätten fünfzig der kräftigsten und jüngsten Teilnehmer am Krieg bestimmt, nach Sparta zu gehen und „mit allen Jungfrauen Geschlechtsverkehr aufzunehmen, um auf diese Weise viele Kinder zu zeugen“ (συγγίνεσθαι ταῖς παρθένοις ἁπάσαις ἅπαντας, ὡς ἂν οὕτω πολυτεκνήσωσι; dies fast wörtlich nach Ephoros [s. o. S. 423]). Die aus diesen Verbindungen geborenen Kinder seien aber nicht als rechtmäßige und wohlgeborene Kinder gemäß den Gesetzen Lykurgs aufgezogen (μὴ τραφέντες γνησίως καὶ εὐγενῶς κατὰ τοὺς νόμους τοῦ Λυκούργου) und daher von der politischen Teilhabe ausgeschlossen worden. Phalanthos, ein Einheimischer, hätte sie in eine Apoikie geführt und Tarent gegründet. Den geplanten Anschlag übergeht Eustathios. Der Anfang des Textes bezeugt aber auch die Kenntnis der Version des Antiochos, denn die Stadt sei nach irgendeinem Heros Táras genannt worden, was dem letzten Satz in Antiochos' Bericht entspricht (und Ps.-Skymnos v. 330 f.), und nach Dionysios Periegetes habe der mächtige Ares „diese Stadt der Amyklaier“ gegründet, womit eine Verbindung zu dem Ort des geplanten Anschlags hergestellt wird, den Antiochos in seiner Version nennt. Fast wörtlich aus Antiochos ist übernommen, dass die, die nicht am Feldzug teilgenommen hätten, zu Sklaven gemacht und auch diese zu Heloten erklärt worden seien. Da all diese Belegstellen vor den Übereinstimmungen mit der Version des Ephoros stehen, ist zu vermuten, dass Eustathios beide Versionen dem Werk Strabons entnommen hat. Indes bietet er auch einige wenige Informationen, die weder Antiochos noch Ephoros bieten, so diejenige, dass es fünfzig junge Männer waren, die nach Sparta zurückgeschickt wurden (Eustathios, Commentarius zu Dionysios Periegetes v. 376; GGM I, Leipzig 1828 [Nachdr. Hildesheim 1974] 164 f.; GGM II, Paris 1871, 285,24–286,19). In kürzerer Version und ohne Hinweise auf die Version des Antiochos in den Scholia zu Dionysios Periegetes v. 377 (GGM II, Paris 1871, 446). 

  • 28

    Schaefer (1949) 1885f. Zu weiteren Deutungen der partheníai in der Forschung siehe Qviller (1996). 

  • 29

    Ausdrücklich und mit Berufung auf Tyrtaios' Hinweis auf den Krieg „zu Zeiten der Großväter“ auch schon Strabon (8,4,10, 362 C.).  

  • 30

    Iust. 3,5,1–5; vgl. Ampelius 14,5. Die Lahmheit des Tyrtaios ist wahrscheinlich symbolisch zu verstehen, weist auf einen göttlichen Makel hin und damit auf eine Katastrophe voraus, die von den Göttern angekündigt wird, nämlich den Verlust Messeniens nach der Niederlage gegen die Thebaner im Jahr 371 v. Chr. Zur Symbolik des Lahmens und zur Semantik dieses Zeichens Jameson (1986); Ogden (1997) 87–94; Flaig (2006); Schmitz (2010) 24, 31–35. Dass Tyrtaios aus Erineos in der Landschaft Doris oder aus Aphidnai in Attika gekommen sein soll, überliefert Strabon (8,4,10, 362 C.) mit Berufung auf Philochoros und Kallisthenes. 

  • 31

    Iust. 3,5,6–7: ut servos suos ad supplementum exercitus manumitterent hisque interfectorum matrimonia pollicerentur, ut non numero tantum amissorum civium, sed et dignitati succederent. Siehe dazu Welwei (1974) 117–119, der diese Überlieferung allerdings als nachträglich konstruierte Darstellung ablehnt: „[…] doch entstammen diese Nachrichten der erst im 4. Jahrhundert entstandenen literarischen Tradition über die Messenischen Kriege. Es handelt sich hierbei bekanntlich um eine Pseudohistorie, die nach der Gründung eines von Sparta unabhängigen messenischen Staates die Lücken in der Überlieferung zur frühen messenischen Geschichte durch mehr oder weniger phantasievolle Kombinationen zu füllen suchte. […] Sie sind vielmehr als Erfindungen zu betrachten, […]“ (117 f.). 

  • 32

    Iust. 3,5,8–15. 

  • 33

    Theopomp FGrH 115 F 171 (= Ath. 6,271 C–D). Vidal-Naquet (1989) 192 versteht ἐπὶ τὰς στιβάδας in Anlehnung an die Interpretation von Pembroke (1970) als deren Feldbetten. Mir scheint ein Anklang an Plut. Lyk. 15,4–9 und 17,1 (s.u. S. 436--438) wahrscheinlicher. Siehe auch Theopomp FGrH 115 F 176 (= Ath. 6,271 D): Theopomp berichtet im 33. Buch, dass bei den Sikyoniern bestimmte Sklaven (δοῦλοι τινές) ‚Katonakophoroi‘ genannt würden, mit denen es sich genauso verhalte wie mit den epeúnaktoi. Dies berichte auch Menaichmos in den Sikyoniaka (FGrH 131 F 1). Bei der κατωνάκη handelt es sich um ein Kleidungsstück aus Schaffell, das Sklaven oder Angehörige einer Unterschicht trugen (Theopomp FGrH 115 F 311). 

  • 34

    Diod. 8, fr. 21,1–3. Nach Szanto (1905) geht der Bericht Diodors auf den Historiker Timaios von Tauromenion auf Sizilien, also auf das 4. Jh. v. Chr. zurück (dazu s. u. S. 442 f.). Das zweite Orakel deckt sich mit dem bei Antiochos (Strab. 6,3,2) überlieferten, das erste mit dem Bericht bei Dionysios von Halikarnass (ant. 19,1,2–4). Zu den epeúnaktoi siehe Meier (1997). 

  • 35

    Diese Gleichsetzung auch bei dem Lexikographen Hesychios von Alexandria (5. Jh. n. Chr.) s. v. ἐνεύνακτοι· οἱ παρθενίαι; vgl. s. v. ἐπευνακταί· οἱ συγκοιμηταί. Nach Hesychios π 923 sind die παρθένιοι „die ihnen während des Messenischen Krieges von den Jungfrauen (parthénoi) Geborenen“ (vgl. Suda ϖ 662 s. v. παρθένειος· „parthénios aber ist der von einer Jungfrau Geborene“). In den Berichten des Antiochos und Ephoros ist hingegen zwischen den Vätern und den Söhnen – letztere sind die Parthenier – unterschieden (siehe den Kommentar von Radt [2007] 205 zu 278–279 C. und schon Vidal-Naquet [1989] 192 mit Anm. 28). 

  • 36

    Dies auch in einer der Varianten, die Eustathios in seinem Kommentar zu Dionysios Periegetes zur Gründungsgeschichte bietet, und in den Scholia zu Dionysios v. 377 (GGM II, Paris 1871, 446; s. o. Anm. 27). 

  • 37

    Serv. Aen. 3,551; in kürzerer Fassung auch in Serv. georg. 4,125; ecl. 10,57. 

  • 38

    Serv. Aen. 3,551: Est et alius fabulae ordo: Lacedaemonii cum adversum Messenios bellum haberent, solis senibus relictis omnem iuventutem eduxerunt iuraveruntque se non ante reversuros quam Messeniam expugnassent. Sed cum victores reversi essent vidissentque multitudinem iuvenum, qui ex servorum et dominarum virginum concubitu, ut quidam volunt, sine ullo discrimine nuptiarum nati erant, servos patibulis suffixerunt, filios strangulavere, nepotes fugaverunt. Ut alii dicunt, timentes ne qua ex illis discordia nasceretur, pueros qui ex virginibus nati erant partheniatas vocaverunt et Phalantum eis ducem constituerunt. Sed hi cum venissent in Italiam, a quodam sepulchro, cui inscriptum erat Tarae nomen, urbem conditam Tarentum dixerunt. – Es folgen weitere Erklärungen zur Herkunft des Namens Tarent. Die Scholiensammlung Ps.-Acro in Hor. carm. 2,6,12 und der Kommentar des Porphyrios (in Hor. carm. 2,6,11 f.) bieten keine darüber hinausgehende Informationen. 

  • 39

    Bereits Pierre Vidal-Naquet (1989) 192 und Wolfgang Leschhorn (1984) 32 haben diese dritte Version von den Versionen des Antiochos und Ephoros klar geschieden, allerdings ohne weitere Schlussfolgerungen. Leschhorn (1984) 41 resümiert: „Im Falle Tarents muß man zugeben, daß die Gründungsgeschichte der Stadt von so vielen legendären und uneinheitlichen Varianten durchzogen und mit so vielen Problemen überhäuft ist, daß der historische Kern nicht mehr mit Sicherheit nachzuweisen ist“. Vidal-Naquet nennt diese dritte Version die „einfachste“ Überlieferung, dass die Parthenier aus den Verbindungen spartanischer Frauen mit ihren Sklaven hervorgegangene Bastarde waren. Meist ist in der Forschung nur von den beiden Versionen des Antiochos und Ephoros die Rede, auf denen die späteren Quellen beruhen, z. B. De Juliis (2000) 9; Vollkommer (1997a) 978. 

  • 40

    Dabei ist es zunächst unerheblich, ob die Freilassung der Heloten in den ersten oder in den zweiten Messenischen Krieg gehört. Auch Fischer-Bossert (1999) 410–423 fasst die Parthenier als Personen auf, „die aus der in einer Zwangslage vollzogenen Vereinigung zwischen Heloten und Spartanerinnen hervorgegangen und daher als unebenbürtig betrachtet worden sein sollen“ (418). 

  • 41

    Malkin (1994) 7 vermutet nach Ablehnung der anekdotenhaften Gründungsgeschichten des Antiochos und Ephoros den Grund für die Auswanderung in Integrationsproblemen (141: „We know practically nothing of the reasons for the colonization of Taras. Because it took place immediately after the Messenian War and apparently involved non-integrated groups of ‚Spartans‘, it is highly probable that social crisis concerning land and status was one of those reasons“). Meier (1998) 130–136 hat nachzuweisen versucht, dass es sich bei den Partheniern um Angehörige der spartanischen Aristokratie gehandelt habe, die – als Hetairie auftretend – in einen inneren Krieg verwickelt waren. Qviller (1996) gibt eine andere Deutung der Parthenier: Der Name gehe auf einen Initiationsritus innerhalb der spartanischen Erziehung zurück. Weil sie die Erziehung nicht erfolgreich durchlaufen hätten, seien sie von zukünftigen Ehren und auch von der Ehe ausgeschlossen worden. Als die Gruppe dieser Parthenier zu stark angewachsen sei und gefährlich zu werden drohte, habe Sparta sie in eine Kolonie nach Unteritalien geschickt. 

  • 42

    Paus. 1,32,3; 10,20,2. Nach Paus. 7,15,7 entließ 146 v. Chr. der achaiische Stratege Diaios nach dem Vorbild des Miltiades und der bei Marathon kämpfenden Athener Sklaven in die Freiheit, so dass er mit den freigelassenen Sklaven 600 Reiter und 14000 Hopliten im Krieg gegen Rom aufbieten konnte (Welwei [1974] 22–36). Vor der Schlacht von Marathon war bereits Kleisthenes vorgeworfen worden, dass er bei seiner Phylenreform auch viele Sklaven in die Bürgerschaft aufgenommen habe (Aristot. pol. 3,2, 1275b 34–1276a 2; Aristot. Ath. pol. 21,4). 

  • 43

    Xen. hell. 1,6,24; Aristoph. Ran. 690–694; Hellanikos FGrH 4 F 171 = 323 a F 25; Schol. Aristoph. Ran. 33. Vgl. auch Diod. 13,97,1; And. 2,23 und Isokr. 8,48 mit der Interpretation von Adak (2003) 190 f.; Osborne (1983) 33–37; Welwei (1974) 98–101, geht davon aus, dass der Freilassungsbeschluss noch vor der Ausfahrt gefasst, aber unter den Vorbehalt gestellt wurde, dass er erst in Kraft tritt, wenn sich die Sklaven im Kampf bewährt hätten. 

  • 44

    Aristot. Ath. pol. 40,2. Etwa zwei Jahre später wurde ein Antrag zur Ehrung der mitkämpfenden Metöken, geschätzt werden 1000 bis 1200 Personen, angenommen, denen die isotéleia oder das Bürgerrecht verliehen wurde (IG II2 10+). Adak (2003) 187–192 vermutet, dass es sich bei den in Aristot. Ath. pol. 40,2 genannten Sklaven um Freigelassene handelt, die zum Zeitpunkt der Kämpfe bereits den Status von Metöken erworben hatten (ebd. 192). 

  • 45

    Thuk. 4,80,5. Zu Heloten als Kombattanten im spartanischen Heer: Hunt (1998) 56–62. Eine Freilassung war mit dem Aufgebot von Heloten nicht zwangsläufig verbunden (ebd. 61). 

  • 46

    Thuk. 5,34,1. Später dienten sie als Besatzungstruppen und in eigenen Einheiten im spartanischen Heer (Welwei [1974] 144–158; Fisher [2006] 330). In einem Volksbeschluss der kretischen Gortynier wird den Freigelassenen gestattet, Latosion zu besiedeln, „unter gleichem und gleichartigem Recht“ (ICret. IV 78: ἐπὶ τᾶι ϝίσϝαι [καὶ τ]ᾶι ὀμοίαι). Eine rechtliche Gleichstellung mit den Bürgern bedeutete dies aber anscheinend nicht. Siehe dazu Seelentag (2015) 298–301. 

  • 47

    Xen. hell. 6,5,28–29. Diodor (15,65) nennt eine Zahl von 1000 Heloten. 

  • 48

    Plut. Cleom. 23,1. Weitere Sklavenbefreiungen z. B. durch die syrakusanischen Tyrannen Dionysios I. 397 v. Chr. (Diod. 14,58,1; vgl. 14,96,3) und Agathokles 310 v. Chr. (Diod. 20,4,8; Iust. 22,4,5). Zu Klearchos von Herakleia Pontike Iust. 16,5,1–5 (um 365 v. Chr.). Zusammenstellungen der Belege finden sich bei Welwei (1974) und bei Welwei (2017a). Zur Freilassung von Sklaven angesichts der Belagerung Olbias am Borysthenes durch makedonische Truppen Alexanders des Großen (Macr. Sat. 1,11,33) siehe Heinen (2001) 499 f. 

  • 49

    Zu den engen Beziehungen, die zwischen der Mutterstadt Sparta und der Kolonie Tarent bestanden, in Kult und Religion, bei den politischen Institutionen (Königtum, Ephoren), in Schrift und Dialekt und bis hin zu Toponymen, aber auch zu den Unterschieden, die sich z. B. in der Hochschätzung des Dionysos und der dionysischen Symposien zeigen, Nafissi (1999); Cappalletti (2009) 35–39. 

  • 50

    Plut. Lyk. 15,4–9. Die Übersetzung folgt weitgehend der von Konrat Ziegler. 

  • 51

    Lex ap. Demosth. or. 46,18: ἣν ἂν ἐγγυήσῃ ἐπὶ δικαίοις δάμαρτα εἶναι ἢ πατὴρ ἢ ἀδελφὸς ὁμοπάτωρ ἢ πάππος ὁ πρὸς πατρὸς, ἐκ ταύτης εἶναι παῖδες γνησίους. 

  • 52

    Siehe dazu Hartmann (2002) 79–89. 

  • 53

    Plut. Lyk. 17,1. Zum Scheren der Haare bis auf den Kopf und zur Streu, auf der die Kinder schliefen, ebd. 16,11–13. 

  • 54

    Dazu im Einzelnen Schmitz (2002) mit Diskussion der früheren Forschung zur Interpretation dieser Quellenstellen. 

  • 55

    Plut. Lyk. 15,16–18. 

  • 56

    Xen. Lak. pol. 1,5. Übersetzung Stefan Rebenich. 

  • 57

    In der Regel bestand also Patri- bzw. Virilokalität. 

  • 58

    Auf die umstrittene Frage der chronologischen Einordnung soll hier nicht weiter eingegangen werden. Eine ausführliche Diskussion der Quellen und der modernen Forschungsliteratur zur Datierung der Messenischen Kriege bietet Meier (1998) 91–99. Nach den Funden spätgeometrischer lakonischer Keramik zu urteilen, sieht Conrad M. Stibbe das traditionelle Gründungsdatum Tarents 706 v. Chr. bestätigt (ebenso De Juliis [2000] 9). Die lakonische Keramik wurde auf der Festlandspitze Scoglio del Tonno und auf der ehemaligen Akropolis von Tarent gefunden; ähnliche Funde gebe es bei Porto Saturo, dem antiken Satyrion, fehlen aber sonst weitgehend außerhalb Spartas. Über das gesamte 7. Jh. v. Chr. gibt es dann keine weiteren Keramikimporte mehr in Tarent, was sich um 600 v. Chr. mit dem Beginn des Imports lakonischer Keramik wieder markant änderte, die von Tarent aus auch in anderen süditalischen und sizilischen Städten Verbreitung fand (Stibbe [1974]; vgl. Stibbe [1996] 163, 185, 194; Pelagatti [1955/56]; Nafissi [1999] 246; ausführlich dazu Meier [1998] 137–141 und Yntema [2000] 18–23). Die Auswanderung der Aufständischen aus Sparta ließe sich also nach den archäologischen Funden sowohl um 700, also auch um 600 v. Chr. ansetzen. 

  • 59

    Auch im römischen Recht gilt: „Wenn keine Ehe besteht, folgt die Leibesfrucht der Mutter“ (Ulp. reg. 5,9; Dig. 1,5,24: cum his casibus connubia non sint, partus sequitur matrem). 

  • 60

    Aristot. pol. 3,5, 1278a 27–34 (Übersetzung nach O. Gigon). Beispiele für eine fehlgeschlagene Integration von Neubürgern nennt Aristoteles in pol. 5,3, 1303a 25–b 3. Dazu Austin (1998) 537. Zur Tendenz griechischer Polisgesellschaften, sich in der politischen Partizipation von Nichtbürgern abzugrenzen, siehe Fisher (2006). 

  • 61

    Ephoros spricht ausdrücklich davon, dass die Parthenier die von den Jungfrauen geborenen Kinder waren (FGrH 70 F 216: οἱ μὲν παῖδες ὠνομάσθησαν Παρθενίαι), die von den zurückgeschickten jungen Männern gezeugt worden waren. Weil die Spartaner den Partheniern nicht die gleiche Ehre wie den anderen erwiesen (οὐχ ὁμοίως τοῖς ἄλλοις ἐτίμων), sie sie also nicht in die Bürgerschaft aufnehmen wollten, planten deren Väter einen Anschlag auf das Volk. In der späteren Überlieferung wurden die Parthenier fälschlicherweise mit den Aufständischen selbst gleichgesetzt.  

  • 62

    Nach Polyain. 2,14,2 wurde der Anschlag an die Ephoren verraten.  

  • 63

    Als zu Beginn des Peloponnesischen Krieges die Spartaner von den Athenern forderten, den kylonischen Frevel zu sühnen, konterten die Athener mit der Forderung, Sparta solle den Fluch vom Tainaron sühnen. Die Spartaner hätten nämlich schutzflehende Heloten (τῶν Εἱλώτων ἱκέται) aufgefordert, den Poseidontempel am Tainaron zu verlassen, sie dann aber getötet (Thuk. 1,128,1; Paus. 7,25,3; Ail. var. 6,7; Schol. Aristoph. Ach. 510; Suda α 3064 s. v. ἀπέσπασε). Da die Spartaner selbst dies für die Ursache des großen Erdbebens von 464 v. Chr. hielten, muss dieses Ereignis zeitlich vor diesem Helotenaufstand liegen. Die (angebliche) Tötung der schutzflehenden Heloten könnte allerdings auch Kriegspropaganda der Athener sein. Dass Sklaven im Poseidonheiligtum am Tainaron Schutz suchten, bezeugen auch Thuk. 1,133, Diod. 11,45,4 und Nep. Paus. 4,4. 

  • 64

    Antiochos (FGrH 555 F 13) unterscheidet in „diejenigen, die davonliefen“ und „diejenigen, die um Schutz flehten“ (οἱ δὲ ἱκέτευον), Ephoros (FGrH 70 F 216) in „diejenigen, die nach der Aufdeckung des Anschlags innehielten“ und „diejenigen, die von den Vätern überredet wurden, in eine Apoikie fortzuziehen“. Eine ähnliche Regelung einer sukzessiven Aufnahme in das volle Bürgerrecht haben die Athener 427 v. Chr. praktiziert. Die der spartanischen Belagerung entkommenen Plataier erhielten in Athen das attische Bürgerrecht und wurden in die Demen und Phylen aufgenommen. Ausgenommen waren sie allerdings von bestimmten Priesterämtern und vom Archontat. Dieses Amt konnten erst deren Kinder bekleiden, wenn sie aus einer rechtmäßigen Ehe mit einer Athenerin stammten (Ps.-Demosth. or. 49,104–106). Dazu Welwei (1974) 100 f.  

  • 65

    Aristot. pol. 2,9, 1270a 34–36: λέγουσι δʼ ὡς ἐπὶ μὲν τῶν προτέρων βασιλέων μετεδίδοσαν τῆς πολιτείας, ὥστʼ οὐ γίνεσθαι τότε ὀλιγανθρωπίαν, πολεμούντων πολὺν χρόνον.  

  • 66

    Von einer großzügigen Aufnahme von Fremden wegen des Menschenmangels spricht auch Ephoros FrgH 70 F 117 (= Strab. 8,5,4, 364 C.). 

  • 67

    Die Bemerkung des Philosophen Hagnon (2. Jh. v. Chr.), „dass es bei den Spartiaten Brauch ist, vor den Hochzeiten mit den unverheirateten Frauen wie Knaben zu verkehren“, bezieht sich auf die Ausstattung der Frau als jugendlicher erómenos, wie Plutarch dies beschreibt (bei Ath. 13,602 D–E: παρὰ δὲ Σπαρτιάταις ὡς Ἅγων φησὶν ὁ Ἀκαδημαïκός, πρὸ τῶν γάμον ταῖς παρθένοις ὡς παιδικοῖς νόμος ἐστὶν ὁμιλεῖν). Hesych. ϖ 923 s. v. παρθένιοι bietet neben der Erklärung, dies seien die während des Messenischen Krieges von Jungfrauen geborenen Kinder, die Deutung, es seien die ohne verheiratet zu sein (ἀνέκδοτος) und heimlich geborenen Kinder, weil die Frauen, die sie geboren haben, noch Jungfrauen zu sein scheinen. Vgl. Suda ϖ 662 s. v. παρθένειος. 

  • 68

    Pierre Vidal-Naquet (1998) 192 f. vertritt eine ähnliche Deutung der Parthenier: „die Frauen sind es, die zwar nicht eigentlich die Herrschaft, aber doch zumindest die Kontinuität der Bevölkerung sichern. Die Parthenier sind also vor allem die Söhne der jungen Mädchen, und erst danach die Söhne der Männer. […] Die Väter der Parthenier gehören zur Stadt und auch wieder nicht; sie stehen am Rande. Das gilt in gleichem Maße auch für die ‚Sklaven‘ von Argos wie für die Männer der Gründerinnen von Lokroi. Die normale Rangordnung ist auf den Kopf gestellt“. 

  • 69

    Bernstein (2004). 

  • 70

    Pol. 12,6b 5–10. Im Zuge der sogenannten Ionischen Wanderung seien nach Nikolaos von Damaskus Söhne von Phokern, die Frauen aus Orchomenos im Krieg erbeutet, zu Konkubinen (pallakaí) gemacht und mit ihnen Kinder gezeugt hatten, von den rechtmäßigen Kindern vertrieben worden. Diese seien zunächst ins attische Thorikos, von dort aus nach Kleinasien geflüchtet, wo sie sich niederließen (FGrH 90 F 51). Für den Hinweis danke ich Tino Shahin. 

  • 71

    Pol. 12,6a 3–6b 1 (Timaios FGrH 566 F 12; Übersetzung L. Möller). Neben Polybios hat der Scholiast zu Dionysios Periegetes (v. 366; GGM II 125 Müller) diese Version bewahrt. Siehe dazu Vidal-Naquet (1989) 198 f. und Bernstein (2004) 40: „Gewiß, die Forschung konnte manche ktisis überzeugend als fingiert entlarven, obwohl die Überlieferung eindeutige Hinweise vermissen läßt. Lokroi Epizephyrioi etwa wäre zu nennen. Mit seiner Behauptung, es sei von Sklaven gegründet worden, wollte es offenbar seine Nähe zu Taras, der Stadt der Parthenier, und damit zu Sparta betonen“. Mit Verweis auf Sourvinou-Inwood (1974); van Compernolle (1982). Indem sich Polybios gegen Timaios ausspricht, folgt er der Version des Aristoteles bzw. dem Autor der aristotelischen Verfassung der Lokrer (Pol. 12,5,4–5 und 6a, 1). 

  • 72

    Nach Aly (1957) 273–279 hätte Ephoros der Gründungsgeschichte von Tarent alle für Sparta negativen Züge genommen, um so die Ehre der spartanischen Frauen zu retten; die Unehelichkeit der Parthenier habe er verschweigen wollen. 

  • 73

    Diese Version findet sich daher nicht nur bei Antiochos von Syrakus, sondern auch bei dem aus Sizilien stammenden Diodor. Heinz-Günther Nesselrath (2012) hat bezüglich der Auswanderung der Phokaier nach Alalia und Elea nachgewiesen, dass der Bericht Herodots einer spezifischen Perspektive, nämlich der der nach Elea ausgewanderten Phokaier folgt, zu der Herodot vermutlich Zugang über Nachfahren hatte, als er selbst sich in Thurioi aufhielt. Anders als Antiochos, der nur von einem Teil der phokäischen Bevölkerung spricht, die ausgewandert sei, vermittelt Herodots Bericht den Eindruck, alle Phokaier hätten einmütig die Auswanderung beschlossen, ein Beschluss, dem aber später nicht alle gefolgt seien. Auch die Rolle Massilias werde in Herodots Version unterschlagen, ganz im Gegensatz zum Bericht des Antiochos. Bei der Gründungsgeschichte Kyrenes unterscheidet Herodot ausdrücklich zwischen der Version der Theraier und der Version der Kyrenaier (Hdt. 4,150–158).  

  • 74

    Vgl. Nafissi (1999) 252: „The foundation stories were not ‚historical‘ reflections of the actual facts of the settling, but a fiction based on the actions, characters and times of the histoire événementielle. As Claude Calame points out, foundation stories are in between what we call myth and history“. Dasselbe wird auch für Argos gelten, wenn Sokrates von Argos (und ihm folgend Plutarch) hervorhebt, dass die in die Bürgerschaft Aufgenommenen keine Sklaven waren, wie Herodot berichte, sondern vornehme Periöken (s. u. Anm. 84). 

  • 75

    Pol. 12,5,6: „Aller durch Vorfahren vermittelter Ruhm rührte bei ihnen von den Frauen, nicht von den Männern her“ (πάντα τὰ διὰ προγόνων ἔνδοξα παρʼ αὐτοῖς ἀπὸ τῶν γυναικῶν οὐκ ἀπὸ τῶν ἀνδρῶν ἐστιν). Ähnlich Pol. 12,6b, 2. Siehe Vidal-Naquet (1989) 191. 

  • 76

    Walbank (1967) 339: „τῶν Λακεδαιμονίοις συμμαχησάντων: presumably in the First Messenian War. There is no independent evidence for this […]“. 

  • 77

    Hdt. 7,148,2. Wegen der hohen Verluste im Kampf gegen Sparta und Kleomenes sahen sich die Argiver nicht in der Lage, bei der Abwehr der Perser mitzuwirken. Pausanias (3,4,1) spricht von 5000 Gefallenen. Einen Kommentar zu dieser Textstelle bietet Willetts (1959). 

  • 78

    Aristot. pol. 5,3, 1303a 6–8. Zur Datierung der Schlacht Bourke (2011) 125, 129–137. 

  • 79

    Aristot. pol. 2,9, 1269b 3 (in Zusammenhang mit den Penesten in Thessalien, den Heloten in Sparta und den Verhältnissen in Kreta); pol. 2,10, 1271b 30 und 1272a 18 (in Bezug auf Kreta); pol. 2,10, 1272a 1 (die kretischen Periöken in Analogie zu den spartanischen Heloten); pol. 7,6, 1327b 11 (bezogen auf die Stadt Herakleia); pol. 7,9 und 10, 1329a 26 und 1330a 29 (in Aristoteles' Idealstaat sollen die das Land bestellenden Personen Sklaven oder „barbarische Periöken“ sein, die von der Natur den Sklaven ähnlich sind). Angesichts dieser Parallelen halte ich die These von Bourke (2011) 139–144, dass Aristoteles an dieser Stelle freie Bewohner von Argos ohne Bürgerrecht meint, für nicht überzeugend. Bourke hält die argivischen ‚Periöken‘ für sozial höherstehende Personen, da Bakchylides (11,59–81) sie als Heroen bezeichnet, die in Tiryns unter einem basileús lebten (11,62 f.; s.u. Anm. 81). Die Ansicht, dass es sich bei den argivischen ‚Periöken‘ um ‚Halbfreie‘ handelt, lässt sich sehr wohl mit der Begrifflichkeit sowohl bei Aristoteles als auch bei Herodot verbinden. Dies hat van Compernolle (1975) 360–364, nachdrücklich und zu Recht betont. 

  • 80

    Pollux 3,83 (2. Jh. n. Chr.). Für eine Gleichsetzung der argivischen ‚Periöken‘ bei Aristoteles mit den gymnétes bei Pollux ist bereits Lotze (1971) 105 eingetreten (ebenso Willetts [1959] 496). Siehe dazu auch Welwei (2008) 21 f.; Welwei (2017b), der allerdings eine Gleichsetzung für hypothetisch hält. 

  • 81

    Es sei angemerkt, dass auch für Sparta durch ein Fragment des Tyrtaios gymnétes belegt sind, die als Leichtbewaffnete am Messenischen Krieg teilnahmen. Sollte es sich dabei wie in Argos um ‚Halbfreie‘ (also um Heloten) handeln, dann könnte auch Tyrtaios einen Hinweis darauf geben, dass Heloten im Messenischen Krieg eingesetzt worden waren (Tyrtaios fr. 8,35–38 Gentili-Prato; 11 West; vgl. dazu Welwei [1974] 118–120; Welwei [2008] 21 f., der sich allerdings gegen eine Gleichsetzung der spartanischen gymnétes mit den Heloten ausspricht). Im Zusammenhang mit den Perserkriegen spricht auch Herodot von „leicht bewaffneten Heloten“ (Hdt. 9,28,2: ψιλοὶ τῶν εἱλωτέων). Tyrtaios erinnert in seiner Kampfparänese die Kämpfenden daran, dass sie zum Genos des Herakles gehörten, so wie Bakchylides die nach Tiryns Geflohenen als Heroen bezeichnet. Ideologisch erfuhren also die Minderberechtigten keine Zurücksetzung. 

  • 82

    Hdt. 6,83,1. Bourke (2011) hat überzeugend nachgewiesen, dass das elfte epinikion (v. 59–81) des Bakchylides (vermutlich von 478 v. Chr.) auf diese Vorgänge in Argos Bezug nimmt und für dieses Ereignis die früheste Quelle darstellt. Danach hätten die nach Tiryns Geflüchteten aus geringem Anlass und eskalierendem Streit Argos verlassen müssen, als eine „rechtsverachtende Zwietracht und jammervolle Kämpfe“ ausgetragen wurden (λαούς τε διχοστασίαις ἤρειπον ἀμετροδίκοις μάχαις τε λυγραῖς). Um die Stadt vor einem blutigen Bürgerkrieg zu bewahren, wurden die jüngeren, die „wehrhafteren“ überredet, Tiryns zu besiedeln (v. 64–72). 

  • 83

    Paus. 2,20,9. 

  • 84

    Plut. Mulierum virtutes 4 (Mor. 245 F; Sokrates von Argos FGrH 310 F 6): Ἐπανορθούμενοι δὲ τὴν ὀλιγανδρίαν, οὐχ ὡς Ἡρόδοτος ἱστορεῖ τοῖς δούλοις, ἀλλὰ τῶν περιοίκων ποιησάμενοι πολίτας τοὺς ἀρίστους, συνῴκισαν τὰς γυναῖκας· ἐδόκουν δὲ καὶ τούτους ἀτιμάζειν καὶ περιορᾶν ἐν τῷ συγκαθεύδειν ὡς χείρονας. ὅθεν ἔθεντο νόμον τὸν κελεύοντα πώγωνα δεῖν ἐχούσας συναναπαύεσθαι τοῖς ἀνδράσι τὰς γεγαμημένας. Nach Paus. 2,20,8–10 (vgl. Suda s. v. Τελέσιλλα) wurde im Heiligtum der Aphrodite in Argos auf einer Stele der Dichterin Telesilla wegen ihres Einsatzes im Kampf gegen Kleomenes gedacht; Schriften lägen zu ihren Füßen und sie schaue den Helm an, den sie in der Hand halte und sich aufsetzen wolle. Ein Teil der Argiver sei in der Schlacht gefallen, ein anderer hätte sich in das Heiligtum schutzsuchend geflüchtet und sich dort selbst verbrannt. Nach Polyainos (strat. 8,33) wären bei der Niederlage 7777 Argeier gefallen. Ein Fest an Neumond des Monats Hermaios – es ist das Fest der hybristica –, an dem die Frauen sich wie Männer und die Männer sich wie Frauen kleideten, erinnere an die Tat der Telesilla. Vidal-Naquet (1989) 188. 

  • 85

    Diese Ansicht hat bereits Vidal-Naquet (1989) 188 mit Berufung auf ältere Literatur vertreten. 

  • 86

    Vgl. Bourke (2011) 145: „whoever these men were, they indeed became citizens and lived with Argive women“. Die ältere Forschung hatte diese und die Parthenierepisode vor allem unter der Fragestellung untersucht, ob die Quellen Indizien für eine frühe Frauen- oder Sklavenherrschaft bieten; siehe Pembroke (1970); van Compernolle (1975).  

  • 87

    Möglicherweise sollte dies bei dem Fest im Monat Hermaios, von dem Polyainos (strat. 8,33) berichtet, symbolisch zum Ausdruck gebracht werden. Wenn die Frauen Chiton und Chlamys des Mannes, die Männer den Peplos der Frau anzögen, folgten die Kinder in ihrem Status den vermeintlichen ‚Männern‘ und wurden damit argivische Bürger. 

  • 88

    Eine intensive Diskussion der Textstellen und der früheren Literatur bietet Boehringer (2001) 234–241, der allerdings eine andere Deutung der aristotelischen Periöken präferiert. Boehringer folgt der Ansicht von A. Andrewes, dass aufgrund der Einbürgerungen eine vierte, nichtdorische Phyle, die der Hynarthioi, eingerichtet worden sei. – Dafür, dass die gymnetes in Argos zwar freigelassen, aber selbst noch nicht das Bürgerrecht erhalten hatten, könnte eine Stelle bei Diodor sprechen, die in die 490er Jahre zu datieren ist, allerdings den Ort des Geschehens nicht nennt. Demnach hätte eine (offenbar herrschende) Minderheit ihrem Hass gegen das einfache Volk freien Lauf gelassen, sobald sich die Möglichkeit dazu bot. Aus Ehrsucht hätten sie die Sklaven (δοῦλοι) freigelassen, da sie lieber mit den Sklaven (ihrer Häuser) die Freiheit als mit den Freien das Bürgerrecht teilen wollten (Diod. 10,26: μᾶλλον βουλόμενοι τοῖς οἰκέταις μεταδοῦναι τῆς ἐλευθερίας ἢ τοῖς ἐλευθέροις τῆς πολιτείας; der Text ist allerdings unsicher). Dazu Boehringer (2001) 237 Anm. 3; ebenfalls auf Argos bezieht diese Stelle Bourke (2011) 138 f. Zurückhaltend ist van Compernolle (1975) 363 f. Offenbar hat die aristokratische Oberschicht versucht, Ansprüche von Bauern und Gewerbetreibenden auf stärkere politische Partizipation dadurch abzuwehren, dass sie die ihnen treu ergebenen Abhängigen freisetzten. 

  • 89

    Hdt. 4,1–4. 

  • 90

    ICret. IV 72, col. 6,56–7,2: „Wenn der Sklave zu einer freien Frau geht und sie heiratet, sollen ihre Kinder frei sein, wenn die freie Frau aber zum Sklaven geht und ihn heiratet, sollen die Kinder Sklaven sein“. In der Regelung geht es stets um eine Ehe zwischen einer Bürgerin und einem woikeús, nicht um den Status von Kindern aus Verbindungen eines Bürgers mit einer woikéa, so wie in Sparta nur Verbindungen einer spartanischen Bürgerin mit einem oder mehreren freigelassenen Heloten geregelt sind. 

  • 91

    Zum perikleischen Bürgerrechtsgesetz: Aristot. Ath. pol. 26,4 und 42,1; Plut. Per. 37,2–3. Zur Aufnahme des Kindes, das Perikles mit der Milesierin Aspasia gezeugt hatte, in die Phratrie und ins Bürgerrecht: Plut. Per. 37,5; Ail. var. 13,24,2. Hinweise auf eine generelle Lockerung des perikleischen Bürgerrechtsgesetzes während des Peloponnesischen Krieges geben Isokr. 8,88 und Schol. Aischin 1,39. Zu Einzelpersonen, die trotz fremder mütterlicher Abstammung ins athenische Bürgerrecht aufgenommen wurden, Hartmann (2002) 54–57. 

  • 92

    Auf diesen Regelfall könnten sich dann rechtliche Bestimmungen hinsichtlich Ehelosigkeit, später oder unwürdiger Ehen beziehen (Plut. Lys. 30,7: ἀγαμίου δίκη καὶ ὀψιγαμίου καὶ κακογαμίου). 

  • 93

    Plut. Lyk. 15,4: die Männer in Sparta heirateten „nicht kleine und noch nicht mannbare, sondern voll erwachsene und reife“ Frauen (οὐ μικρὰς οὐδʼ ἀώρους πρὸς γάμον, ἀλλʼ [καὶ] ἀκμαζούσας καὶ πεπείρους). Da die Gefallenen mehrheitlich junge Männer waren, die in den Krieg gegen Messenien gezogen waren, wird es sich um junge Witwen handeln, die ansonsten kaum eine Chance auf eine Wiederverheiratung gehabt haben werden.  

  • 94

    Hermippos bei Ath. 13,555 B–C: […] Ἕρμιππον ἐν τοῖς Περὶ Νομοθετῶν ἱστορεῖν ὅτι ἐν Λακεδαίμονι εἰς οἴκημά τι σκοτεινὸν πᾶσαι ἐνεκλείοντο αἱ κόραι, συνεγκλειομένων καὶ τῶν ἀγάμων νεανίσκων· καὶ ἕκαστος ἧς ἐπιλάβοιτο, ταύτην ἀπῆγεν ἄπροικον. 

  • 95

    Auf diese Weise lassen sich die widersprüchlichen Quellen zu Mitgiften in Sparta erklären. Belege für eine Mitgift (so z. B. Aristot. pol. 2,9, 1270a 25) beziehen sich auf die regulären Ehen eines Spartaners mit einer Spartanerin, das Verbot von Mitgiften auf die Verbindung eines freigelassenen Heloten mit einer Spartanerin (Hermippos F 6 bei Ath. 13,555 B–C; Plut. apophth. lac. Lykurgos 15 [Mor. 227 F]; Ail. var. 6,6; Iust. 3,3,8). Weitere Belege für Mitgiften bei Hodkinson (1986) 398–404 und Link (1994) 37. MacDowell (1986) 81 f. erklärt den Widerspruch in den Quellen mit dem Unterschied zwischen Norm und Praxis. 

  • 96

    Plut. Lyk. 16,1–2. 

  • 97

    Das athenische Gesetz spricht in diesem Zusammenhang von paídes gnésioi (s. o. Anm. 51). 

  • 98

    Xen. Lak. pol. 9,5: καὶ τὰς μὲν προσηκούσας κόρας οἴκοι θρεπτέον, […] γυναικὸς δὲ κενὴν ἑστίαν [οὐ] περιοπτέον καὶ ἅμα τούτου ζημίαν ἀποτειστέον. Offenbar wird auch hier umgangen, von der legitimen Tochter und Ehefrau zu sprechen, so dass auch diese Regelung auf die freigelassenen Heloten zu beziehen sein wird. 

  • 99

    Plut. Lyk. 16,1: κλῆρον αὐτῷ τῶν ἐνακισχιλίων προσνείμαντες. 

  • 100

    Möglicherweise sind die bei Aristot. pol. 2,9, 1270b 3–4 genannten Privilegien der Befreiung vom Wachdienst und der Befreiung von allen Abgaben ebenfalls auf epeúnaktoi zu beziehen, die drei bzw. vier Kinder gezeugt hatten. Überhaupt wird der gesamte Kontext dieser Stelle auf die gesetzliche Regelung Lykurgs Bezug nehmen (s. o. Anm. 65). Aristoteles kennt indes die Regelungen nicht unter der Bezeichnung „Gesetze des Lykurg“, sondern als „Gesetz über die Kinderzeugung“ (1270a 40: ὁ περὶ τὴν τεκνοποιίαν νόμος). Auffällig ist auch, dass Aristoteles just in diesem Zusammenhang von zehntausend Spartiaten in früherer Zeit spricht, eine Zahl, die der von neuntausend Landlosen in Zusammenhang mit der Ausstattung der Parthenier bei Plutarch nahekommt. Xenophon beginnt seine Schrift über die „Verfassung der Lakedaimonier“ nach einigen bewundernden Worten für den Gesetzgeber Lykurg mit der „Kinderzeugung“ (Lak. pol. 1,3: τεκνοποιία). 

  • 101

    Spott gegen Unverheiratete bzw. gegen die, die keine Kinder gezeugt hatten: Plut. Lyk. 15,1–3 und apophth. lac. Lykurgos 14 (Mor. 227 F); Ath. 13,555 D (nach Klearchos von Soloi). 

  • 102

    Xen. Lak. pol. 1,7–8; Plut. Lyk. 15,11–15; Synkr. 3,2; Lacaenarum apophtheg. var. 23 (Mor. 242 B); vgl. Nikolaos Dam. FGrH 90 F 103 z 6.  

  • 103

    Eine zweite explizite Verbindung zwischen Parthenierepisode und dem bei Xenophon und Plutarch überlieferten ‚Hochzeitsbrauch‘ findet sich bei Hesychios ϖ 923 s. v. παρθένιοι: „die während des Messenischen Krieges von den ‚Jungfrauen‘ (παρθένοι) Geborenen. Und die ohne verheiratet zu sein (ἀνέκδοτοι) und heimlich geborenen Kinder, weil die Frauen, die sie geboren haben, noch Jungfrauen zu sein scheinen“. 

  • 104

    Pol. 12,6b 8. Den Zusammenhang mit der Parthenierepisode stellt Polybios in 12,6b 5 und 9 her. Zur „mütterlichen Brüderlichkeit“ der Parthenier im Sinne Bachofens siehe Metzler (2001) 81 f. 

  • 105

    Ephoros FGrH 70 F 216: καὶ γὰρ πολλοὺς εἶναι καὶ πάντας ὁμόφρονας ὡς ἂν ἀλλήλων ἀδελφοὺς νομιζομένους. Ebenso (vermutlich aus Ephoros) Eustathios, Commentarius zu Dionysios Periegetes v. 376 (GGM II 286 Müller; s. o. Anm. 27). 

  • 106

    Xen. Lak. pol. 6,1–2; Plut. Lyk. 15,14. 

  • 107

    Vidal-Naquet (1989) 188 hatte hingegen die ‚verkehrte Welt‘ in Argos, Lokroi Epizephyrioi und Sparta, in der das Weibliche das Männliche besiegt und die Sklaven an die Macht gelangen, symbolisch ausgedeutet. Zur gegenwärtigen Diskussion über die Exzeptionalität der sozialen Ordnung Spartas siehe insbesondere Hansen (2009), Hodkinson (2009) und Link (2011). 

  • 108

    Herodot und Thukydides betonen, dass mit den Gesetzen Lykurgs die Verfassung von einer der schlechtesten zu einer guten wurde (Hdt. 1,65,2; Thuk. 1,18,1; vgl. Nikolaos von Damaskus FGrH 90 F 56). Meier (1998) 136 hat hingegen die Große Rhetra als Reaktion der Spartaner auf den Aufstand der Parthenier gesehen (ebenso Walter [1993] 157). Bei der großen Rhetra handelt es sich aber eher um ein Dokument eines spartanischen Synoikismos, der zeitlich deutlich früher anzusetzen ist. 

  • 109

    Eine Textstelle bei Aelian (var. 12,43) könnte dafür sprechen, dass Lykurgos entsprechende Bestimmungen über die Erziehung von ‚Jungfrauensöhnen‘ in seine Gesetzgebung aufgenommen hat: „Kallikratidas, Gylippos und Lysandros zählten in Sparta zu den Mothakes. Diesen Namen trugen die Sklaven der Reichen, die ihnen von den Vätern zur gemeinsamen körperlichen Ertüchtigung in den Gymnasien mitgeschickt wurden. Lykurgos, der dies genehmigt hatte, räumte denen, die der im Knabenalter erhaltenen Erziehung treu blieben, das spartanische Bürgerrecht ein“ (var. 12,43: ὁ δὲ συγχωρήσας τοῦτο Λυκοῦργος τοῖς ἐμμείνασι τῇ τῶν παίδων ἀγωγῇ πολιτείας λακωνικῆς μεταλαγχάνει; Übersetzung Hadwig Helms). Am Feldzug des Königs Agesipolis gegen Olynth nahmen neben dreißig Spartiaten und Periöken als Freiwillige auch Fremde aus der Gruppe der tróphimoi und nóthoi der Spartiaten teil, „die ausreichend stattlich waren und keine der in der Stadt anerkannten guten Eigenschaften vermissen ließen“ (also an der Erziehung teilgenommen hatten; Xen. hell. 5,3,9: μάλα εὐειδεῖς τε καὶ τῶν ἐν τῇ πόλει καλῶν οὐκ ἄπειροι). 

  • 110

    Thuk. 7,58,3; Myron FGrH 106 F 1; Poll. 3,83; ebenso Hesych. s.v.  

  • 111

    Thuk. 5,34,1; vgl. auch 5,67,1; Xen. hell. 3,3,6; 6,1,14; 6,5,24. Zur Diskussion verschiedener Forschungsmeinungen zu den Neodamodeis siehe Link (1994) 14–19; Thommen (2003) 146. Nach Hunt (1998) 170–175 sei der Einsatz von Neodamodeis zwischen ca. 421 und 370 v. Chr. gängige Praxis gewesen. 

  • 112

    Thuk. 7,19,3; 7,58,3; 8,5,1; Xen. hell. 1,3,15; 3,1,4; 3,4,2; 5,2,24; 6,5,24; Xen. Ag. 2,7–8.  

  • 113

    Offenbar wurde für die Kinder von spartanischen Bürgern und Helotenfrauen eine ähnliche Regelung getroffen. So waren die berühmten spartanischen Feldherren Lysander, Gylippos und Kallikratides Söhne von Spartiaten und Helotenfrauen. 

  • 114

    Pol. 12,6a 3–6b 1 (Timaios FGrH 566 F 12; Übersetzung L. Möller). 

  • 115

    Hdt. 1,24,8: ἀνάθημα χάλκεον οὐ μέγα ἐπὶ Ταινάρῳ, ἐπὶ δελφῖνος ἐπεὼν ἄνθρωπος. Aufgrund der Münzbilder glaubt Massimo Nafissi an die Entstehung eines Gründungsmythos von Tarent spätestens im späten 6. Jh., der – in welcher literarischen Form auch immer – möglicherweise beim Fest der Hyakinthia oder am Kultplatz für den Oikisten vorgetragen wurde (Nafissi [1999] 255). Der delphinreitende Jüngling auf den Münzen des späten 6. bis 3. Jh. wird teils als Phalanthos, teils als Taras, Sohn des Poseidon, gedeutet (letzteres schon bei Aristot. F 590 Rose [607 Gigon; Pollux 3,80]). Zur Deutung der Münzen ausführlich Leschhorn (1984) 35–40; Vollkommer (1997a) 979–981 und ausführlich Fischer-Bossert (1999), der den Delphinreiter eindeutig als Phalanthos identifiziert (422). Auf einigen Münzen des 4. und 3. Jh. ist Phalanthos mit einem Helm in den Händen dargestellt. – Freilassungsinschriften: IG V1, 1228–1234. 

  • 116

    Hdt. 1,23–24. Pausanias folgt in 3,25,7 ausdrücklich der Deutung Herodots und identifiziert das Weihegeschenk ebenfalls mit Arion. Vgl. Gell. 16,19,16. Weitere Quellen bei Bölte (1932) 2041. 

  • 117

    Paus. 3,12,5. Am Kap Tainaron war vor einem Poseidonheiligtum mit einer etwa 10 m tiefen Höhle eine Statue des Poseidon aufgestellt (Paus. 3,25,4; vgl. Aristoph. Ach. 510). Siehe dazu Graham (1964) 162. 

  • 118

    Paus. 10,13,10. Dazu Vollkommer (1997a) 981; Vollkommer (1997b); De Juliis (2000) 21–23. 

  • 119

    Nach Probus (commentarius in Virgilii georgica 2,197) soll noch zu seiner Zeit das Monument mit dem Delphinreiter in Tarent zu sehen gewesen sein. Vollkommer (1997a) 980. Skeptisch ist Rainer Vollkommer gegenüber der Hypothese von Hafner, der die beiden Bronzestatuen von Riace mit Taras und Phalanthos gleichsetzen wollte (1997b) 1186. 

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Published Online: 2018-02-07


Citation Information: Klio, Volume 99, Issue 2, Pages 420–463, ISSN (Online) 2192-7669, ISSN (Print) 0075-6334, DOI: https://doi.org/10.1515/klio-2017-0087.

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