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Klio

Beiträge zur Alten Geschichte

Ed. by Clauss, Manfred / Funke, Peter / Gehrke, Hans-Joachim / Mann, Christian

Together with Brandt, Hartwin / Jehne, Martin


CiteScore 2018: 0.18

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ISSN
2192-7669
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Volume 101, Issue 1

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Sollten wir das medische Reich aus der Geschichte verabschieden?

Victor Parker
Published Online: 2019-06-05 | DOI: https://doi.org/10.1515/klio-2019-0001

Zusammenfassung

Obwohl in letzter Zeit manche Gelehrte die Existenz des Mederreiches, das nach Herodot dem Perserreich voraufgegangen sein soll, zu leugnen versuchen, weisen die Medismen im Altpersischen darauf hin, daß die Meder eine Reichsideologie sowie Reichsinstitutionen entwickelt hatten, welche die Perser von ihnen übernahmen. Dies legt nahe, daß es ein Mederreich tatsächlich gegeben hat. Des weiteren bezeugen die vorderasiatischen Quellen ganz unabhängig von Herodot einen mächtigen medischen ‚Staat‘; Jer. 51,28 weist diesem ‚Staat‘ sogar Reichsbeamte zu. Des weiteren zeigt eine eingehende Besprechung des medischen Logos bei Herodot, daß diese Partie so stark iranisch geprägt ist, daß man sie keinesfalls als Erfindung Herodots abtun kann: statt dessen ist vielmehr von iranischem Quellenmaterial zu reden, welches die Existenz eines Mederreiches von sich aus bezeugt.

Summary

In spite of some scholars’ recent arguments that the Median Kingdom, which according to Herodotus preceded the Persian Empire, never existed, the Medisms within Old Persian show that the Medes had developed both an imperial ideology and institutions for ruling. The Persians inherited both from the Medes. This suggests that a Median Kingdom did exist. Besides, Near Eastern sources, independently of Herodotus, attest to the existence of some sort of a powerful Median state, and Jer. 51,28 actually attributes imperial officials to this state. Close examination of Herodotus’ Median Logos further demonstrates that this passage contains so much Iranian material that one simply cannot dismiss it as Herodotus’ own invention. On the contrary we should acknowledge the existence of Iranian source material which on its own attests to the existence of a Median Kingdom.

Keywords: Meder; Mederreich; medischer Logos; Perser; Perserreich; Herodot; Gadd’s Chronicle; Nabonid-Chronik; Behistun-Inschrift; Jeremia; iranische Fürstenspiegel; Awesta

Sprachen werden wie folgt abgekürzt: AI = Altindisch; AP = Altpersisch; Aram. = Aramäisch; Ass. = Assyrisch; Aw. = Awestisch; Bab. = Babylonisch; Elam. = Elamisch; Gr. = Griechisch; IE = Indo-Europäisch; II = Indo-Iranisch; Lat. = Lateinisch; Med. = Medisch; MP = Mittelpersisch; Myk. = Mykenisch; NP = Neupersisch. Weitere unter Historikern des griechisch-römischen Altertums nicht geläufige Abkürzungen: ABC = A. K. Grayson, Assyrian and Babylonian Chronicles, Locust Valley 1975; CII = Corpus Inscriptionum Iranicarum; IP = Iranisches Personennamenbuch; HdO = Handbuch der Orientalistik; KAI = Kanaanäische und Aramäische Inschriften; PBS = Publications of the Babylonian Section, University Museum, University of Pennsylvania; PF = Persepolis Fortification Tablets; RES = Répertoire d’épigraphie sémitique; SAA = State Archives of Assyria; TAM = Tituli Asiae Minores. Für altpersische Texte sind jetzt die Bände des CII, sofern sie vorliegen, heranzuziehen, sonst R. G. Kent, Old Persian. Grammar. Texts. Lexicon, das auch in anderer Hinsicht nützlich bleibt.

Nach Herodot ging dem Perserreich das Mederreich vorauf, das nach der herkömmlichen Meinung unter seinen letzten Königen Kyaxares und Astyages eine recht prächtige Ausdehnung erreicht haben soll – von dem Halys-Bogen im Westen bis an den Oxos im Osten. In neuester Zeit aber vermehren sich die Stimmen, welche vom Mederreich gerne Abschied nähmen. In dem von Lanfranchi, Roaf und Rollinger im Jahre 2003 herausgegebenen Sammelband „Continuity of Empire?“ z. B. findet sich kaum ein Gelehrter, der die Existenz des Mederreiches in dieser oder jener Hinsicht nicht anzweifelt, und Rollinger nennt in einem anderen Aufsatz das Mederreich gar ein Phantom.1 In der Tat ist Skepsis gegenüber Herodots Bericht angebracht, vor allem bei den literarisch durchstilisierten Erzählungen über den ersten König, Deiokes, sowie in bezug auf evidente Konstruktionen wie etwa die Regierungslängen der vier medischen Könige: zusammen regieren die ersten beiden Könige insgesamt 75 Jahre – genauso wie die letzten beiden. Wenn die Herausgeber des soeben genannten Bandes sich im Nachwort fragen, ob sie nicht vielleicht das medische Kind mit dem herodoteischen Bade ausschütten, so machen sie recht deutlich, was sie von Herodots Bericht als solchem halten, und diese kritische Haltung werden wir fürs erste wohl akzeptieren müssen. Denn eine gewisse Berechtigung kann man ihr nicht absprechen; und da die Existenz des Mederreiches in der traditionellen Geschichtsschreibung in erster Linie durch den sogenannten medischen Logos bei Herodot begründet wurde, wird es wohl methodologisch besser sein, wenn wir im Folgenden zunächst einmal von dem herodoteischen Bade, um bei dieser Metapher zu bleiben, ganz absehen und statt dessen die Frage stellen, ob sich die Existenz des medischen Kindes unabhängig von Herodot wahrscheinlich machen läßt.

Wir wollen mit dem sprachwissenschaftlichen Befund anfangen (Abschnitt I), da er keinerlei gestaltendem literarischen oder historiographischen Einfluß ausgesetzt war und wir daher nicht mit einer bewußten, die historische Wirklichkeit verzerrenden Tendenz rechnen müssen. Wir werden sehen, daß sich in der altpersischen Sprache manche Medismen finden und daß sie sich auf Institutionelles und Ideologisches beschränken und deswegen für unsere Fragestellung von höchster Relevanz sind, denn sie legen nahe, daß es dereinst ein Reich gab, in dem sich diese Institutionen sowie diese Ideologie entwickelt hatten. Erst danach werden wir die vorderasiatischen Geschichtsquellen (babylonische Chroniken, persische Königsinschriften, einige Stellen im Alten Testament) auf ihre Aussagekraft für unsere Frage hin untersuchen (Abschnitt II), ob sie die Existenz eines medischen Reiches mit festgefügtem administrativen Apparat bezeugen. Nach kurzer Besprechung einiger Argumente allgemeiner Natur (Abschnitt III) wollen wir endlich auf den medischen Logos bei Herodot zu sprechen kommen (Abschnitt IV). Dabei werden wir sehen, daß Herodot viel iranisches Material in diesen Logos aufnahm (nicht nur Eigennamen, sondern auch viele Züge aus iranischen Erzählungen) und daß sich daher manches im medischen Logos besser vor einem iranischen als einem griechischen Hintergrund verstehen läßt. Diese Feststellung wird aber Herodots Bericht in ein anderes Licht rücken, denn es wird sich nicht mehr ausschließlich um das einen angeblich historischen Bericht gestaltende Konzept eines griechischen Historikers handeln, sondern auch um das historische Konzept gebildeter Iraner.

Das in diesem Beitrag zu besprechende Material wird, wie soeben angedeutet, stark variieren, und die Argumente, die wir bringen werden, um dieses Material gebührend zu würdigen, werden demgemäß ebenfalls von variierender Beschaffenheit sein. Dennoch werden sie sich am Ende, wie ich hoffe, zu einem einheitlichen Ganzen zusammenfügen, ohne daß der Leser jemals den roten Faden aus den Augen verlieren wird.

Rollinger, der nun am nachhaltigsten gegen die Existenz eines Mederreiches argumentiert hat, plädiert dafür, daß wir statt seiner an eine lose Konföderation denken sollen, in der mehrere Stämme (von denen ein jeder von seinem eigenen Stammesfürsten angeführt wurde) vertreten waren und die durch die charismatische Führerpersönlichkeit des Mederfürsten Kyaxares eher vorübergehend zusammengehalten wurde. Rollinger behauptet, daß dieser Konföderation Reichstrukturen sowie ein Reichsgedanke gefehlt hätten, so daß man keinesfalls an ein „echtes“ Reich denken dürfe – dies sei alles Konstruktion eines phantasierenden Herodot gewesen. An diesem Punkt angelangt, können wir mit unserer positiven Beweisführung beginnen.

I. Gab es unter den Medern einen Reichsgedanken? Die Medismen im Altpersischen

Dank den altpersischen Inschriften besitzen wir einen verhältnismäßig großen Wortschatz des Altpersischen, den wir um die Wörter vergrößern können, die wir anhand des Mittel- und Neupersischen sowie des Awestischen rekonstruieren oder aber der Nebenüberlieferung in Sprachen wie dem Aramäischen, dem Elamischen, dem Griechischen und dem Assyrisch-Babylonischen entnehmen können. Innerhalb dieses Wortschatzes befinden sich nun einige Wörter, welche sich als Lehnwörter aus einer anderen iranischen Sprache erweisen. Wir beginnen mit den folgenden:

aspa- (belegt in Eigennamen [z. B. DNd 1] gegenüber genuin altpersischem asa- [DB I 87]) = Pferd;2 und davon abgeleitet das Kompositum:

uv-aspa- (belegt als epitheton ornans für das Perserreich [z. B. DPd 8]; die erwartete echt altpersische Entsprechung ist nirgends belegt, vielleicht auch nicht zufällig) = „mit guten Pferden versehen, gute Pferde besitzend“;

vispa-zana- (belegt als epitheton ornans für das Perserreich [z. B. DNa 10] gegenüber genuin altpersischem *visa-dana-) = „alle Menschen enthaltend, alle Stämme umfassend“;3

farnah- (belegt in Eigennamen [z. B. DB III 84] gegenüber genuin altpersischem *uvarnah-) = „(der den König umgebenden) Majestäts- oder Schreckensglanz“4; und schließlich:

*ganza- = „(Reichs)schatz“.5

Diese Wörter sind allesamt dem Medischen6 zuzuweisen, wobei sofort ins Auge springt, daß sie sich auf einen bestimmten semantischen Bereich beschränken, nämlich die Reichsideologie und die Reichsinstitutionen. Zuerst das Wort für „Pferd“, aspa. Im Altpersischen wird dieses Wort dem eigentlich altpersischen Wort asa7 in bestimmten Kontexten vorgezogen: wenn man dem eigenen Sohn den Namen gab und wenn es darum ging, die Vorzüge des Reichs bekannt zu machen. Beides hängt zusammen. Für das Selbstverständnis persischer Männer war das Reiten von zentraler Bedeutung, sagt uns doch Herodot (1,136) von den Persern seiner Zeit, daß sie ihren Söhnen nur drei Sachen beibrächten: auf einem Pferd zu Reiten, mit dem Bogen zu schießen und die Wahrheit zu erzählen. Entsprechendes lesen wir dann in einer Inschrift Dareios’ I., als er seine persönlichen Vorzüge auflistet: „als Reiter bin ich ein guter Reiter8, als Bogenschütze ein guter Bogenschütze, als Fußsoldat sowie als Reiter“ (DNb 41–44). Wegen des hohen Stellenwerts, den das Reiten für persische Männer hatte, ist es schon interessant, daß sie anstatt ihres normalen Wortes asa das medische Wort für ‚Pferd‘ bei den zahlreichen hippophoren Männernamen benützten: aus den altpersischen Texten selbst stammen zwar nur Aspacana (DNd 1) und Vištaspa (DB I 4), doch treten aus griechischer Überlieferung etwa Ὀτάσπης (Hdt. 7,63) oder Ἀριάσπης (Plut. Artaxerxes 30,2); aus elamischer etwa *Zariyaspa erschlossen aus za-ri-áš-ba (PF 1719,4), *Sataspa erschlossen aus šá-ad-da-áš-ba (PF 103,2) und *Tahmaspa erschlossen aus tam5-ma-áš-ba (PF 1583,3); aus babylonischer etwa *Aspumetana (as-pu-me-ta-na-a – IP VII IB, Nr. 113) oder *Umartaspa (ú-mar-ta-as-pa-a –IP VII IB, Nr. 574) und aus hebräischer אַסְפָּתָא (Est. 9,7) hinzu. Offenkundig besaß das medische Wort höheres Prestige, dessen man sich in diesem feierlichen Zusammenhang ausnahmslos bedienen wollte.

Nun bedeutete das Pferd den Persern etwas mehr als nur die Vorzüge eines einzelnen Mannes, denn wir finden es auch in anderem Zusammenhang, nämlich in einem epitheton ornans, das auf das ganze Perserreich angewandt ist: uvaspa, „gute Pferde besitzend“ (DSf 11). Hier erblicken wir endlich das Ideologische am Pferde – man verwies auf es, wenn es um die Qualität des ganzen Reiches ging, denn entsprechend dem Stellenwert des Reitens für persische Männer war es ideologisch ebenfalls von Wichtigkeit, daß das Reich selbst gute Pferde besaß.9 Wir sehen also ein Stück weit, wie die Perser ihr Reich auffaßten und darstellten: persische Männer waren gute Reiter, und dementsprechend hatte ihr Reich auch gute Pferde. Um das Reich angemessen zu preisen, benützten die Perser aber ein medisches Lehnwort, und es ist für unsere Fragestellung bezeichnend, daß das Medische das entsprechende Wort „mit guten Pferden versehen“ bereit hatte.10 Hier beginnen wir eine Reichsideologie zu fassen. Charakteristisch ist, daß die Perser, soweit wir wissen, niemals auf den Gedanken kamen, ein diese Ideologie zum Ausdruck bringendes Wort in ihrer Sprache zu prägen. Wollten sie einem ihrer Söhne als Namen ein mit „Pferd“ gebildetes Kompositum geben, so bemühten sie das Medische; priesen sie ihr Reich ob seiner guten Pferde, handelten sie ebenso – das Ideologische und das Sprachliche gingen miteinander einher.

Ähnlich steht es mit vispa-zana-, „mit allen Arten von Menschen; alle Menschen, alle Stämme enthaltend“. Das Wort führt uns einen weiteren Aspekt der Reichsideologie vor Augen, denn ein Reich, das dem Anspruch nach alle Menschen, alle Stämme umfaßt, wird offenkundig als ein universelles dargestellt. Es gibt zu bedenken, daß man im Medischen ein Wort hatte, womit man eine universelle Herrschaft beschreiben konnte, denn dies war z. B. im Elamischen nicht der Fall (siehe Anm. 3). Es gibt weiter zu bedenken, daß die Perser, als sie ihre Herrschaft darstellen wollten, sich dieses Wort zu eigen machten.

Eines der markantesten Merkmale des iranischen Königtums war nun, daß von der Person des Königs ein Respekt heischender Schreckensglanz ausging, der alle wissen ließ, daß er allein der König war. Die altpersische Form des entsprechenden Wortes lautete *uvarnah (siehe Anm. 4). In persischen Männernamen finden wir jedoch diese Form nie; gleich asa, „Pferd“, war sie, wenn es um den Namen des eigenen Sohnes ging, einfach nicht gut genug. Da benützte man das dem Medischen entlehnte farnah – etwa Δαΐφέρνης (Xen. Kyr. 8,3,21) oder Φαρνακύας (Ktesias, BNJ 688, Fr. 15,48). Wir haben hier wiederum nicht nur ein Wort aus dem Bereich der Reichsideologie, sondern auch eines, das gegenüber dem gemeinen Altpersisch Prestige besaß.

Wir wenden uns jetzt einigen Wörtern aus der persischen Verwaltungssprache zu. Kaum eine Institution des Perserreiches, z. B., machte auf die Griechen einen solchen Eindruck wie der Schatz. In jeder Satrapie gab es einen, und er war meist riesig. Alexander der Große fand allein im Schatzhaus von Susa 40.000 Talente vor (Plut. Alexander 36,1). In Persepolis dagegen waren es ihrer 120.000 (Curt. 5,6,9). Selbst wenn keine Zahl genannt wird, war auch in Lydien der Schatz offenkundig riesig.11 Auf Altpersisch nannte man nun den Reichsschatz *ganza, ein dem Medischen entnommenes Lehnwort (siehe Anm. 5), und es gibt wiederum zu bedenken, erstens daß das Medische dieses Wort bereit hatte und zweitens daß die Perser das Wort von den Medern übernahmen.

Noch ein Wort kann für das Medische sicher rekonstruiert werden, und es wird sich als sinnvoll erweisen, dasselbe in diesem Zusammenhang gleich mitzubesprechen, auch wenn dieses Mal die Perser statt seiner ihr eigenes Wort benützten: es handelt sich also um keinen Medismus innerhalb des altpersischen Wortschatzes. Auf Altpersisch lautete das Wort für „Satrap“ xšaça-pāvan- (z. B. DB III 14 – man beachte den mit „ç“ wiedergegebenen Sibilanten; dazu weiter Anm. 13). Das bedeutet so gut wie „der die Herrschaft schützt“. Sowohl die Babylonier als auch die Griechen lernten aber das Wort und folglich auch die Institution des Satrapen in einer anderen Form kennen.12 Die Babylonier schrieben aḫ-šá-da-ra-pa-an-nu (PBS II/1, Nr. 2,6) oder áḫ-šá-ad-ra-pa-an-nu (PBS II/1, Nr. 21,7 und 11), wohingegen bei den Griechen etwa folgende Bandbreite an Formen belegt ist:

σατραπ-εύω (Xen. hell. 3,1,10; vgl. σατραπηίη, Hdt. 1,192,2)

σαδράπ-αϛ (IG XII 2, 645,18 = OGIS 4,18 = DGE3 634,18)

ξατράπ-ης (Arrian, BNJ 156, Fr. 10,2)

ξαδράπ-ης (TAM, Ergänzungsband 7, 320, gr. Text, 1)

ἐξατράπ-ης (Theopompos, BNJ 115, Fr. 103,4)

ἐξαιτράπ-ης (Syll.3 134,30 = SGDI 5493,30 = IvonPriene 458,30)

ἐξαιθραπ-εύω (Syll.3 167,2 = DGE3 746,2)

Die babylonischen und griechischen Schreibungen setzen in ihrer Gesamtheit als Ausgangsform ein iranisches *xšaθrapa(na) voraus: weder das Babylonische noch das Griechische besaßen im Inventar der Phoneme einen dentalen Spiranten, daher rühren bei Wiedergabe desselben die starken Schwankungen zwischen tenuis, media und tenuis aspirata (durch Fettdruck oben hervorgehoben). Eine Form mit einem dentalen Spiranten ist aber in der medischen Sprache zu erwarten.13 Die Schreibungen des Worts im Biblisch-Aramäischen (אֲחַשְׁדַּרְפְּנִין, z. B. Dan. 3,2) sowie im Hebräischen (אֲחַשְׁדַּרְפָּן, z. B. Est. 3,12) hängen von der im Babylonischen ab (man beachte vor allem die regelmäßige Wiedergabe des dentalen Spiranten mit ד sowie den dem anlautenden iranischen Doppelkonsonanten vorgeschlagenen Vokal) und brauchen hier nicht weiter besprochen zu werden. Denn wesentlich interessanter ist die Schreibung im Reichsaramäischen der Inschriften: חשתרפנא (TAM, Ergänzungsband 7, 320, Aram. Text, 3; vgl. die leider abgebrochene Schreibung in der griechisch-aramäischen Bilingue von Akçakale, RES II 954: חשת[רפנא). Hier fehlt der Vorschlagsvokal, und ת (statt eines ד) gibt den dentalen Spiranten wieder. Diese Schreibweise ist also von der im Babylonischen unabhängig, und da sie in einem offiziell verkündeten Reskript vorkommt, ist sie vielleicht sogar als offizielle Schreibweise anzusehen. Aber auch diese ‚offizielle‘ Schreibweise geht auf die medische Form * xšaθrapa(na)- zurück, anstatt auf die persische, wie man vielleicht erwarten würde.

Wichtig aber in unserem Zusammenhang ist folgendes: die Meder hatten ein Wort für „Satrap“. Und die Meder machten sowohl die Griechen als auch die Babylonier mit der Institution des Satrapen bekannt; und beide, als sie die Perser kennenlernten, welche dieselbe Institution hatten, übertrugen das ihnen bereits bekannte medische Wort, das denselben Gegenstand bezeichnete, auf die persische Institution.14 Die Meder hatten also Satrapen und folglich auch Satrapien.15

Wir kommen auf eine zweite Gruppe iranischer Lehnwörter im Altpersischen zu sprechen. Es handelt sich um vier Wörter der Rechtssprache, bei denen medischer Ursprung vermutet werden kann:

zūrah-, „Unrecht, Übel“ (DB 14 65); vgl. zūra-kara-, „Übeltäter“ (DB IV 64);16

patiy-azbayam, „ich sprach aus, ich verkündete [sc. einen Rechtsspruch]“ (XPh 38);17

u-frašta-, „gut, d. h. streng, bestraft“ – drei Male belegt (DB IV 39, 66 und 69) – neben einmal belegtem u-frasta- (DB I 22);18 und schließlich:

nipišta- „geschrieben“ (DB IV 47, DSe 52 und XPh 31).19

In allen Fällen kann nun eine lautliche Entwicklung festgestellt werden, welche die Wörter als dialektfremde Eindringlinge im Altpersischen ausweist. Was leider fehlt, ist ein direktes Indiz, daß diese Termini dem Medischen statt einer anderen iranischen Sprache zuzuweisen sind, auch wenn ihre Zuweisung an das Medische lautgesetzlich mehr als plausibel ist. Es gibt aber ein allgemeineres Argument anhand einer stark formelhaften Wendung, die wir in zwei erst nach dem Untergang des Perserreichs entstandenen Büchern des Alten Testaments, Daniel und Ester,20 vorfinden: דָת־מָדַי וּפָרַס דּי־לָא תֶעְדֵּא, „das Gesetz der Meder und der Perser, welches sich nicht verändert“ (Dan. 6,9; vgl. 13,16 und Est. 1,19).21 Da die Wendung jedes Mal in einem narrativen Kontext vorkommt, in welchem sich die Ereignisse zur Zeit der Perserherrschaft im Vorderen Orient abspielen sollen, ist die Erwähnung der Meder vollkommen überflüssig – es muß sich folglich um eine erstarrte Formel handeln. Wie auch immer dieser Umstand konkret zu interpretieren sein mag, fest steht, daß durch diese Wendung das Gesetz als Gemeingut von Medern und Persern dargestellt wird. Sollte diese Sichtweise der historischen Realität entsprechen, dann wäre es nicht verwunderlich, wenn es unter Medern und Persern dieselben Rechtstermini gegeben hätte – wobei es tief blicken ließe, wenn die Perser diese Termini – und folglich auch das Gesetz selbst – von den Medern übernommen hätten. Hier hat sich jeder Forscher selbst zu entscheiden, was er für das Wahrscheinlichere hält, und des weiteren die Gefahr methodologischer Übervorsicht gegen die einer ungenügend abgestützten Schlußfolgerung sorgfältig abzuwägen. Gelangten aber diese Wörter vom Medischen ins Persische, dann haben wir einen weiteren Beleg dafür, daß die Perser Institutionelles von den Medern übernahmen.

Selbst wenn wir aber von diesen vier Rechtstermini absehen, so haben wir immerhin eine Reihe von Wörtern besprochen, die teils Prestige-Wörter sind, die man nur in bestimmten Kontexten benützte – in der Namensgebung und in offiziellen Bezeichnungen ideologischen Inhalts –, und die teils der Verwaltungssprache entstammen. Zunächst einmal zur Frage des Prestiges. Die Sprache, der diese Wörter entlehnt wurden, besaß in den Augen derer, welche sich die Wörter zu eigen machten, höheres Prestige als die eigene;22 und wir müssen uns dementsprechend eine Situation vorstellen wie die, die es einst in Deutschland gab, als man sich der Oheime und Muhmen, der Vetter und Basen schämte, und nunmehr nur von Onkeln und Tanten, von Cousins und Cousinen wissen wollte. Desgleichen war einmal in England eine Zeit, als man gerade dann, wenn es um die Qualität des eigenen Tisches ging, nicht mehr von der Kuh und dem Schwein und dem Schaf reden wollte. Es hieß jetzt „boeuf“ und „porc“ und „mouton“. Eine andere Sprache hatte weitaus mehr Prestige als die eigene, und dies hatte einen reellen historischen Hintergrund wie die Vorherrschaft Napoleons in Mitteleuropa bzw. die Eroberung Englands durch die Französisch sprechenden Normannen. Zweitens: wenn es in einer Sprache ein Wort für „Satrap“ and „Reichsschatz“, gibt; wenn diese Sprache ein kompliziertes, eine Ideologie einer universellen Herrschaft zum Ausdruck bringendes Kompositum wie vispa-zana besitzt (das es in anderen Sprachen wie dem Elamischen eben nicht gab); wenn diese Sprache den den König umgebenden Schreckensglanz bezeichnen kann; wenn man in dieser Sprache mit einem einzigen Eigenschaftswort feststellen kann, daß ein Land mit guten Pferden versehen sei; so reden wir vermutlich von einem Volk, bei dem es diese Dinge auch gab, und zwar vor einem kulturellen und historischen Hintergrund, der das Vorhandensein dieser Dinge rechtfertigte. Und somit ist ein positives Argument für einen Reichsgedanken und für Reichsstrukturen bei den Medern erbracht; und es handelt sich um eine Reichsideologie, die sich die Perser nachweislich zu eigen machten.23 Umso wahrscheinlicher ist dies, wenn man bedenkt, daß die Perser anscheinend viel mehr als nur diese Wörter von den Medern übernahmen – etwa ihre Tracht oder ihre Kriegsausrüstung24 –, wie Herodot von den Persern seiner Zeit berichtet.25

II. Ein medisches Reich in vorderasiatischen Geschichtsquellen?

A. Die Meder und die Einnahme Ninives

Wir beginnen unserer Besprechung der Meder in den vorderasiatischen Quellen mit einem Blick auf die sogenannte Gadd’s Chronicle of the Fall of Nineveh, der zufolge die Meder unter ihrem Anführer Kyaxares – den es offenkundig wirklich gab – während der Jahre 615–612 zusammen mit den Babyloniern gegen die Assyrer kämpften. Der Ablauf der Geschehnisse laut dieser Chronik soll wie folgt gewesen sein: Obgleich der Krieg gegen die Assyrer bereits 616 begonnen hatte (ABC 3, 3 ff.), traten die Meder erst ganz am Ende des nächsten Jahrs unvermittelt in Erscheinung (ABC 3, 23) und zerstörten dann 614 im Alleingang die Stadt Aššur (ABC 3, 24–27). Auch wenn impliziert wird, daß die Babylonier den Medern zu Hilfe eilen wollten (ohne Erfolg, wie es sich ergab – ABC 3, 28), hat es den Anschein, daß es zwischen diesen beiden Völkern zunächst keine Vereinbarung gab, denn Babylonier und Meder schufen erst nach der Einnahme Aššurs eine „entente cordiale“ (ABC 3, 29), wie Grayson vielleicht übervorsichtig übersetzt, um ja nicht ein festes Bündnis beider Völker anzudeuten. Im Jahre 613 kämpften die Babylonier anscheinend allein, denn die Chronik hat von den Medern nichts zu berichten. Dennoch erschienen sie 612 wieder und nahmen an der Belagerung und Einnahme Ninives teil (ABC 3, 38–45), wobei die Stadt aber im Besitz der Babylonier blieb (ABC 3, 49), so als hätten eigentlich sie statt der Meder die Stadt erobert. Denn nach der Einnahme waren die Meder einfach abgezogen (ABC 3, 47).

An diesem Punkt angelangt, müssen wir vor Beginn unserer eigentlichen Diskussion klar aussprechen, daß auch wenn babylonische Chroniken keine raffinierten literarischen Kunstwerke wie die Historien Herodots waren, ihre Verfasser doch gewisse Vorurteile hatten.26 Man kann sogar feststellen, daß sie bisweilen cum ira et studio zu Werke gingen.27 An babylonischen Chroniken muß man also historische Kritik üben – nüchterne Almanache, die unbestreitbares Faktenwissen bar jedweden parteiischen Standpunkts vermitteln, waren sie nie und nimmer. In unserem konkreten Kontext ist vor allem wichtig, daß wir zur Kenntnis nehmen, daß babylonische Quellen Nicht-Babylonier oftmals als den Babyloniern kulturell und auch sonst unterlegen darstellen und die Errungenschaften dieser Nicht-Babylonier nicht gerade übertreiben – eher spielen sie diese herunter.

Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, fällt sofort auf, daß die Meder mit der literarischen und gleichsam pejorativen Bezeichnung umman-manda (ABC 3, 38) eingeführt werden. Das Wort kann sich auf fast jedes nördlich Babylons wohnende Volk beziehen, impliziert einen Grad an Zivilisation, der zu wünschen übrig läßt, und hat ansonsten in etwa den Stellenwert von „Barbaren-Horde“ – vor allem eine, die alles vor sich verwüstet (z. T. auch als „Geißel Gottes“).28 Ob diese Bezeichnung hinsichtlich der Meder analogisch gerechtfertigt, schlicht dem babylonischen Gefühl der kulturellen Überlegenheit gegenüber den illoti und barbari aus dem Norden entsprungen oder als theologischer Ausspruch über den Fall Ninives gedacht war, mag in unserem Zusammenhang dahingestellt bleiben: bei diesem Wort handelt es sich um einen literarischen Kunstgriff, und wir sollten uns davor hüten, daraus einen historischen Schluß zu ziehen.29

Des weiteren erweist der Verfasser der Chronik kein Interesse an den Medern, wenn sie den Babyloniern gegen die Assyrer gerade nicht helfen – wohin die Meder am Jahresende 614 und 612 gingen, warum sie im Jahre 613 anderweitig beschäftigt waren, warum sie im Jahre 615 überhaupt aufgetaucht waren –; diese Fragen zu beantworten, ist der Verfasser in keiner Weise bestrebt. Das gleiche gilt auch für die genaue Bestimmung des medischen Anteils an der Einnahme Ninives. Für den Verfasser der Chronik ist nur so viel wichtig, daß die Meder die verhaßten Assyrer zu besiegen halfen, und um das Weitere hat er sich nicht mehr gekümmert: es waren ja doch nur illoti.

Für uns hingegen ist am Bericht über die Meder in Gadd’s Chronicle nicht so sehr wichtig, daß die Meder als unzivilisierte, ungeordnete Horden oder als eher zufällig hinzugekommene, nicht besonders zuverlässige (Halb-)Verbündete der Babylonier dargestellt werden, sondern vielmehr daß der Meder überhaupt Erwähnung getan wird. Entsprechend der babylonzentrischen Perspektive einer solchen Chronik hätte man die seitens der Meder empfangene Hilfe problemlos dem Vergessen anheimgeben können. Wenn der Autor dieser Chronik den historischen Sachverhalt verfälscht haben sollte, dann eher so, daß er den medischen Anteil am Krieg herunterspielte und die Meder als weniger zivilisiert darstellte, als sie waren. So oder so muß es aber einen medischen ‚Staat‘ in irgendeiner Form gegen Ende des siebten Jahrhunderts gegeben haben, einen ‚Staat‘, der Heere bis nach Aššur und Ninive schicken konnte. Wie weit aber dehnte sich dieser ‚Staat‘ aus?

B. Die Meder in den persischen Quellen

Das wichtigste Zeugnis entstammt der großen Inschrift Dareios’ I. bei Behistun. Nach seinem Bericht lehnte sich gegen ihn ein Meder namens Fravartiš auf, der sich dann in Medien zum König machte (DB II 13–29). Er behauptete, er heiße eigentlich Xšaθrita und stamme aus dem Geschlechte des Kyaxares. Demgemäß richtete sich sein Appell für Unterstützung an Anhänger eines medischen Herrscherhauses. Doch schlossen sich diesem Aufstand, abgesehen von Medien, zwei Medien benachbarte Satrapien Hyrkanien und Parthien an (DB II 92–98).30 Einen solchen Vorgang finden wir nun in der Behistun-Inschrift nicht mehr. Die anderen acht näher beschriebenen Aufstände waren scheinbar vollkommen unabhängig voneinander.31 Es fragt sich, wieso von den zehn Aufständen nur im Falle desjenigen, dessen Anführer vorgab, er stamme aus einem medischen Königshause, sich Leute anderer Gebiete prompt anschlossen. Behauptete ein Rebell, ein Sohn Kyros’ des Großen zu sein, folgten ihm nur Perser (DB III 21–28). Zwei Rebellen nannten sich Nebuchadnezzar – ihnen folgten nur Babylonier (DB I 72–81 und III 76–83). Einer der babylonischen Rebellen war interessanterweise nach Dareios eigentlich ein Armenier (DB III 76–83), und es ist bezeichnend, daß sich dieser den Namen eines alten babylonischen Königs aneignete, weil er der an sich naheliegenden Auffassung war, daß ihm die Babylonier nur dann folgen würden, wenn sie ihn nicht nur für einen Babylonier, sondern auch für einen Sproß des alten babylonischen Königshauses hielten.

Ganz anders verfuhr ein Rebell im zentraliranischen32 Sagartien (DB II 78–91). Nach Dareios war dieser Rebell, Ciçantaxma, selbst ein Sagarter. Er behauptete von sich aber, daß er aus dem Hause des medischen Kyaxares stammen würde, und ihm schlossen sich die Sagarter an, genauso wie sich die Babylonier zweimal einem Nebuchadnezzar anschlossen und die Perser dem falschen Kyros-Sohne. Des Schlusses kann man sich kaum erwehren, daß hier wirklich Treue zum Hause des Kyaxares bestand; will heißen, daß Meder einst über Sagartien geherrscht hatten.

Nun hat Rollinger die These vorgetragen, daß wir es hier nur mit einer lockeren Konföderation zu tun haben, nicht mit einem Reich als solchem. Über Begriffe zu streiten ist unerquicklich,33 ich will nur wiederum darauf hinweisen, daß die Meder sowohl Reichstrukturen (einen Reichsschatz; Satrapen) als auch eine Reichsideologie (uvaspa; vispa-zana) hatten. Aus dem angeblichen Nebeneinander der Aufstände, die mit einem medischen Herrscherhause zusammenhingen, will Rollinger auf eine lose Konföderation schließen, die es früher gegeben haben soll. Dabei gab es aber im Falle des parthischen und hyrkanischen Aufstands kein ‚Nebeneinander‘ – dieser Aufstand schloß sich unmittelbar an den medischen an.

Demgemäß können wir vielleicht mehr Wert auf das legen, was die Aufstände verband, den Gedanken an eine alte medische Herrschaft. Schließlich war das Perserreich im Jahre 521 in Satrapien aufgeteilt – Medien als Satrapie war in diesem Jahr eine politische und administrative Einheit; desgleichen Hyrkanien und Parthien, die jedenfalls in späterer Zeit eine Doppelsatrapie bildeten.34 Zu welcher Satrapie Sagartien gehörte, ist unklar. Das angebliche Nebeneinander der drei Aufstände kann problemlos hieraus erklärt werden – vor allem wenn die Aufstände in erster Linie von den politisch herrschenden, mit der satrapalen Administration verflochtenen Schichten getragen wurden –, und muß somit nicht als ein Indiz auf eine ehemalige lose medische Konföderation verstanden werden. Sobald man zur Kenntnis nimmt, daß es bereits unter den Medern Satrapen gab, merkt man, daß die politische und administrative Trennung der betreffenden Gebiete recht alt gewesen sein kann. Erstaunlich ist, daß der Gedanke an eine alte medische Herrschaft, gleich welcher Art, trotz der politischen und administrativen Trennung lebendig geblieben war.

Übrigens halte ich, anders als Rollinger, es für nicht von Belang, daß sich die Prätendenten in Medien und Sagartien auf Kyaxares statt des letzten Herrschers, Astyages, beriefen: Der Prätendent in Persien übersprang den letzten vor Dareios sicher legitimen König Kambyses und berief sich auf den großen Kyros; und auch wenn sich die beiden Prätendenten in Babylon als Söhne des letzen Königs Nabonid ausgaben, so legten sie sich den Namen Nebuchadnezzars zu und beriefen sich somit auf den bedeutendsten und mächtigsten König des neubabylonischen Reiches. Diese Stelle in Medien hatte nun Kyaxares inne. Des weiteren dürfte der letzte medische König, Astyages, wie wir gleich sehen werden, unpopulär gewesen sein, und es wird niemanden wundernehmen, wenn keiner an sein Erbe anknüpfen wollte. Als Zwischenbilanz kann also festgehalten werden, daß hinter den drei mit dem alten medischen Herrscherhause verbundenen Aufständen eine vor dem Perserreich existierende medische Herrschaft irgendeiner Art existierte, die sich in östlicher Richtung mindestens bis in den Zentraliran erstreckte.

C. Die Meder in der Nabonid-Chronik

Wir kommen auf die nächste Quelle zu sprechen, die sogenannte Nabonid-Chronik (ABC 7), wo wir zu Beginn der zweiten Kolumne, im Eintrag für das sechste Regierungsjahr Nabonids (550/549 v. Chr.) folgendes lesen:

1 [id]-ke-e-ma ana muḫḫi mKu-raš šàr An-šá-an ana ka-š[á-di i]l-lik-ma […]

[Ištumegu = Astyages] musterte (seine Truppen) und zog gegen Kuraš (= Kyros), den König von Anšan, um (ihn) zu besiegen und […]

2 mIš-tu-me-gu ummāni-šú ibbalkit-su-ma ina qātēII ṣa-bít a-na mKu-raš it-x[…]

Seine Truppen fielen von Ištumegu ab und man nahm ihn gefangen. Dem Kuraš [übergab man ihn vel sim.]

3 mKu-raš a-na kurA-gam-ta-nu āl šarru-ú-tu <il-lik-ma> kaspa ḫurāṣa būša makkūra […]

Kuraš <ging> nach Ekbatana, der Königsstadt <und> Silber, Gold, Gut, Besitz [ergriff er vel sim.]

4 šá kurA-gam-ta-nu iš-lul-ú-ma a-na kurAn-šá-an il-qí būša makkūra šá ummānim[…]

das er (von) Ekbatana fortschleppte und nach Anšan brachte. Gut (und) Besitz der Truppen […]

Nabonid-Chronik, Kolumne II 1–4

Kyros ist hier der König eines Landes, das Anšan heißt; es handelt sich um die Persis. Als gegen ihn der Mederkönig Astyages in den Krieg zog, liefen die medischen Truppen zu ihm über, so daß er den Mederkönig gefangen nehmen konnte.35

Bei unbefangener Lektüre meint man, daß Anšan und Medien verschiedene Länder gewesen seien, die miteinander in den Krieg geraten wären. Aber auch bei babylonischen Chroniken ist historische Kritik am Platze. Denn das Überlaufen des medischen Heeres zum König von Anšan macht stutzig. Parallelen für ein solches Überlaufen eines Heeres zum Feind, mit oder ohne Übergabe des eigenen Feldherrn, sind selten. In aller Kürze stelle ich jetzt vier solche Fälle in chronologischer Reihenfolge vor:

  • 1.)

    das eventuelle Überlaufen der persischen Truppen des jüngeren Kyros zu Artaxerxes II. 401 nach der Schlacht bei Kynaxa (nachdem sich in den darauf folgenden Tagen die Truppen vergewissert hatten, daß Artaxerxes sie aufnähme) (Xen. an. 2,1 ff., n.b. 4,1–2);36

  • 2.)

    das Überlaufen des Heeres des Diadochen Eumenes zum anderen Diadochen Antigonos Monophthalmos 316 nach der Schlacht in Gabene (Diod. 19,43);37

  • 3.)

    das Überlaufen des Heeres des Demetrios Poliorketes zu Seleukos 286 (bevor es zu einer Schlacht in Syrien kam) (Plut. Demetrios 49);38

  • 4.)

    das Überlaufen des Heeres Molons, des aufständischen Satrapen Großmediens, 222 zu Antiochos III. (Pol. 5,54).39

In allen Fällen handelt es sich um einen Bürgerkrieg zwischen zwei Feldherren; in zweien (1 und 4) um den spezifischen Fall eines Aufstands gegen den eigentlichen König. Wenn die beiden Heere aufeinander treffen, haben die Truppen auf beiden Seiten zweierlei zu entscheiden: wem sie folgen wollen und wessen Chancen höher stehen. Wenn sie meinen, daß die Sache ihres eigenen Feldherrn verloren sei (ob nach oder vor einer Schlacht – vgl. 1 und 2 mit 3 und 4), oder wenn sie bei Lichte besehen der Überzeugung sind, daß sie jetzt lieber einem anderen als ihrem jetzigen Feldherrn dienen würden, dann laufen sie über – sofern sie sich der freundlichen Aufnahme bei diesem sicher sind, was rein praktisch bedeutet, daß sie diesen bereits gut kennen, so daß er ihnen berechenbar erscheint. Dies wird besonders klar als im Jahre 286 Seleukos im Angesicht von Demetrios’ Truppen den Helm abnahm, so daß diese genau sahen, wer ihnen das Angebot machte; denn dieses mußte, um Wirkung zu haben, glaubwürdig sein. Die Notwendigkeit des Wissens um die freundliche Aufnahme kommt mit aller wünschenswerten Klarheit im Falle der Truppen des jüngeren Kyros zum Vorschein, denn diese verhandelten einige Tage lang um gerade diesen Punkt – sobald sie glaubenswürdige Versicherungen bekommen hatten, liefen sie über. Zum Vergleich: zu einem Überlaufen des Heeres kam es nicht, als Alexander Dareios III. bei Issos und danach bei Gaugamela besiegte; ebensowenig als Kyros der Große Nabonids Heer 539 in die Flucht schlug oder ein paar Jahre vorher das lydische. In allen diesen Fällen floh zwar das besiegte Heer, aber es lief nicht über, denn hier handelte es sich um einen Fremden, der in das eigene Land marschiert war: auf eine freundliche Aufnahme konnten sich die unterlegenen Truppen keine Hoffnung machen.

Den Krieg des Kuraš von Anšan gegen Ištumegu von Medien will ich nun gerne unter diesem Gesichtspunkt betrachten, und die Frage stellen, ob sich Kuraš gegen Ištumegu aufgelehnt hatte; ob er den Truppen Ištumegus nicht schon von früher, mindestens vom Hörensagen her, als ein ehrenwerter Edelmann bekannt war, bei dem man Aufnahme fände und dem man dienen könnte.40 Daß ihn der Verfasser der Chronik „König von Anšan“ nannte, spricht nicht dagegen; denn Dareios I. selbst ist bereit, diejenigen, die gegen ihn aufstanden und sich Könige nannten, ebenfalls Könige zu nennen – sonst hätte er sich des Sieges über gar neun Könige nicht rühmen können (DB IV 2–32). Außerdem, wenn sich Kuraš von Ištumegu losgesagt hatte, dann war er ja formal ein unabhängiger König, als gegen ihn Ištumegu in den Krieg zog. Das Zeugnis der Nabonid-Chronik spricht meines Erachtens nicht gegen die Annahme, daß der Krieg zwischen Kyros und Astyages eigentlich ein Bürgerkrieg zwischen zwei iranischen Fürsten war, eine Annahme, die aus sachlichen Gründen naheliegt. Der medische ‚Staat‘, wenn es sich bis nach Sagartien erstreckte, mag sehr wohl auch die Persis eingeschlossen haben; desgleichen auch Hyrkanien und Parthien.

D. Die Ausdehnung des Meder-‚Staats‘ in westlicher Richtung

Hier lassen uns die vorderasiatischen Quellen weitestgehend im Stich. Je weiter nach Westen die Meder aber vorgedrungen waren, umso leichter konnten die Griechen von einem ihrer Wörter Kenntnis erhalten haben (zum Wort „Satrap“ siehe Anm. 12–14). Die Meder waren den Griechen irgendwie vor Augen gekommen, noch bevor diese die Perser kennenlernten, denn die Griechen pflegten noch lange danach, die Perser „Meder“41 zu nennen und, anders als wir, von den Mederkriegen42 zu reden. Das Verbum für das Verraten der griechischen Sache zugunsten der persischen lautete bekanntlich μηδίζω. Die Meder waren den Griechen ein fester Begriff, den ihnen die Perser so schnell nicht austreiben konnten. Je weiter nach Westen die Meder gekommen und je länger sie dort geblieben waren, desto leichter können wir dies verstehen. Ein ‚ephemeres‘ Auftreten der Meder im Zentral-Anatolien, wovon Rollinger ausgeht, wäre dazu kaum geeignet gewesen, so einen Eindruck zu machen. Man vergleiche etwa das wirklich ephemere Auftreten eines anderen vermutlich iranischen Volkes, der Kimmerier, die bis an die Ägäis kamen,43 bei den Griechen aber kein Wort hinterließen, geschweige denn ein so wichtiges institutionelles wie „Satrap“. Den Kimmeriernamen übertrugen die Griechen auch auf kein anderes Volk. Die Anwesenheit der Meder in Kleinasien war offenkundig ganz anderer Art und eben nicht ephemer.44

Dem steht ein Zeugnis trotz neueren Versuchen, dies zu behaupten, meines Erachtens nicht im Wege. In der Nabonid-Chronik steht im Eintrag für das neunte Regierungsjahr Nabonids (547/546 v. Chr.) folgendes:

15  … ina itiNisanni mKu-raš šàr kurPar-su ummāni-šú id-ke-e-[m]a

… Im Monat Nisan sammelte Kuraš, der König von Parsu, seine Truppen. Danach

16 šap-la-an uruAr-ba-’-il ídIdiqlat i-bir-ma ina itiAiiari ana kur x[… il-li]k

überschritt er den Tigris unterhalb Arbelas.

Dann, im Monat Ayar, [gin]g er zum Land …

Nabonid-Chronik, Kolumne II 15–16

Die Schwierigkeit besteht darin, daß abgesehen von winzigen Resten des ersten Zeichens der Name des Landes fehlt. Die Herausgeber haben im Laufe der Generationen manches erwogen: LU, SU/ZU, IS, IŠ, Ú, oder auch gar nichts.45 Will man trotz allen Unsicherheiten mit Oelsner jetzt Ú lesen, dann kann man gewiß Urarṭu (also: Ú-[raš-ṭu]) ergänzen, aber weitere Belege für ein politisch selbständiges Land Urarṭu in dieser Zeit gibt es nicht. Wer hier von der Geschichte eines Reichs bzw. Reststaats „Urarṭu“ handelt, schreibt, wie es Ernst Badian einst formulierte, „history from square brackets“.46

E. Das Zeugnis von Jeremia 51,28

Von den Medern erhofft der Verfasser dieses Verses Feindschaft gegen die Babylonier:

קַדְּשׁוּ עָלֶיהָ גוֹיִם אֶת־מַלְכֵי מָדַי אֶת־פַּחוֹתֶיהָ וְאֶת־כָּל־סְגָנֶיהָ וְאֵת כָּל־אֶרֶץ מֶמְשַׁלְתּוֹ

„Heiligt gegen sie (eam, sc. Babylon) die Völker, die Könige der Meder, ihre (eius – sc. Mediens) Statthalter und all ihre (eius – sc. Mediens) Präfekten und alles Land seiner Herrschaft.“

Das in diesem Zitat mit „Statthalter“ wiedergegebene Wort (פַּחוֹת) könnte man ebensogut als „Satrapen“ übersetzen (siehe Anm. 15), aber darauf braucht man nicht zu bestehen. Obwohl Rollinger versucht hat, das Wort „Könige“47 (מְלָכִים) als Hinweis auf mehrere gleichzeitig nebeneinander herrschende Fürsten zu deuten, zeigt eine weitere Stelle bei Jeremia (25,22–25), daß hier ganz offenkundig die Dynastie gemeint ist:

„22. alle Könige von Tyros, alle Könige Sidons und die Könige der Küste jenseits des Meeres; 23. Dedan, Tema, Buz, und alle die das Haar rundum schneiden; 24. alle Könige Arabiens und alle Könige der Mischvölker welche in der Wüste wohnen; 25. alle Könige Sumurs und alle Könige Elams und alle Könige Mediens …“

Zu Recht oder Unrecht stellt sich der Autor des Verses 51,28 den medischen Staat als einen durchaus festgefügten, mit administrativem Apparat versehenen vor – ein veritables Reich also. Die Entstehungsgeschichte des Jeremia-Buches48 sowie das mutmaßliche Datum dieses Verses müssen wir hier glücklicherweise nicht in extenso behandeln, denn für unsere Zwecke, wie sich gleich herausstellen wird, läuft eine Tiefdatierung auf dasselbe hinaus wie eine Hochdatierung.

Mit ins Gespräch muß aber gleich eine Partie des Jesaia-Buches (13,2–22) gezogen werden, der zufolge die Meder (Vers 17) Babylon eines Tages zerstören sollten. Als vaticinium ex eventu kann man diese Partie wohl nicht auffassen, da es doch die Perser waren, welche Babylon einnahmen (wie allgemein bekannt: siehe etwa 2. Chron. 36,20–23 oder Es. 1).49 Hier ist also spätere gelehrte Konstruktion wenig wahrscheinlich. Als Entstehungszeit der Partie denkt man doch viel eher an einen Zeitpunkt, zu dem die Meder eine wirkliche Bedrohung für Babylon darstellten (also auf jeden Fall vor 550)50 – es würde sich dann um eine echte, allerdings fehlgeschlagene Prophezeiung handeln. Nebenbei bemerkt, hätten wir hier dann einen unabhängigen zeitgenössischen Beleg für die Existenz eines mächtigen medischen Staates irgendeiner Art.

Einige Kommentatoren haben nun gemeint, der Vers Jer. 51,28 sei ein späterer exegetischer Einschub, der Vers 27 präzisieren oder zusammenfassen solle51 – dort werden als Feinde Babylons nicht näher definierte Völker sowie die Königreiche „Ararat, Minni und Askenas“ erwähnt. Dabei möge der Vers Jes. 13,17 Pate gestanden haben. Jer. 51,28 hätten wir also irgendeine spätere gelehrte Konstruktion, der zufolge es einst ein medisches Großreich mit vielen imperialen Beamten und dergleichen mehr gegeben hätte. Herodoteischen Einfluß auf die Ausarbeitung dieses Gedankens können wir sicherlich ausschließen, so daß der rhetorische Ausruf erlaubt ist, welch ein merkwürdiger Zufall es denn sei, daß zwei Male unabhängig voneinander – sowohl bei Herodot als auch bei der Entstehung von Jer. 51,28 – die irrige Vorstellung von einem medischen Großreich aufgekommen sei! Zu Recht gehen die Schulmeister seit eh und je davon aus, daß zwei unabhängig voneinander Arbeitende sehr wohl auf dieselbe richtige Antwort kommen können, auf dieselbe abwegige hingegen nicht ganz so leicht.

Nun halten andere Kommentatoren den Vers Jer. 51,28 für in etwa zeitgleich mit der Jesaia-Partie 13,2–23.52 Ihnen zufolge hätten wir dann einen Zeugen, der spätestens um die Mitte des sechsten Jahrhunderts gelebt hätte. Er wäre also ein Zeitgenosse des medischen Staates, der eine glaubwürdige Bedrohung für Babylon darstellte, und seine Aussage, dieser Staat habe imperiale Beamte gehabt, sei also ein echtes Großreich gewesen, könnte man keinesfalls so leicht von der Hand weisen.

So oder so ist der Vers Jer. 51,28 ernstzunehmen. Daß man ihn als Zeugen entkräften kann, will ich nicht bestreiten, aber vom Methodologischen her muß doch mit allem Nachdruck eine Frage gestellt werden: von welchem Punkt ab wird eine Argumentation rein negativ – d. h., daß man nur noch versucht, Zeugen zu entkräften – der sprachwissenschaftliche Befund sei zu unsicher, Herodot sei unglaubwürdig, der Jeremia-Vers sei nicht sicher zu datieren –, um den Nachweis führen zu können, daß die eigene Meinung nicht ganz unhaltbar sei?

III. Allgemeine Argumente für und wider die Historizität eines Mederreiches

Im Vorangegangenen haben wir uns fast ausschließlich mit schriftlichen Belegen beschäftigt. Es gibt aber auch einige Argumente allgemeiner Natur, die sich nicht unmittelbar auf solche stützen, und es erscheint angebracht, sie hier getrennt zu behandeln.

A. Großreiche ohne eigene Schrifterzeugnisse?

Rollinger hat gemeint, daß das Mederreich, sollte es existiert haben, das einzige Großreich ohne eigene Schriftzeugnisse gewesen wäre.53 Dagegen läßt sich aber einiges ins Feld führen. Erstens kennt die Wissenschaftsgeschichte viele Fälle von Staaten, die lange Zeit ohne eigene Schriftzeugnisse dastanden, bis diese am Ende doch gefunden wurden.54 Einen besonders lehrreichen Fall bieten die mykenischen Reiche, denen erst in der Nachkriegszeit eigene Schriftzeugnisse zugesprochen wurden, als die Pylos-Täfelchen veröffentlicht und 1953 entziffert wurden. Dann erst erkannte man, daß die schon vorher entdeckten Linear-B-Täfelchen aus Knosos von den Mykenäern statt der Minoer herrührten. Man bedenke aber, welchen drei Umständen wir es zu verdanken haben, daß diese Reiche heute im Besitz von Schriftzeugnissen sind: Erstens machten die mykenischen Bürokraten einen prinzipiellen Unterschied zwischen den als vorläufig erachteten Akten eines laufenden Amtsjahres, die sie dann gesondert für sich und sogar auf anderem Material führten als die Akten abgeschlossener Amtsjahre; am Ende eines Amtsjahres wurden die permanenten Akten auf den neuesten Stand gebracht und die vorläufigen Akten des soeben abgeschlossenen Amtsjahres weggeworfen.55 Zum anderen sollte sich die weitere Entscheidung der Bürokraten, die vorläufigen Akten ausgerechnet auf ungebrannten Tontafeln zu führen, in unserem konkreten Kontext von großer Tragweite erweisen. Die Feuersbrunst schließlich, welche die Paläste zerstörte, brannte die Tontäfelchen, die dann die Jahrhunderte überdauerten, während die permanenten Akten – ob sie auf Papyrus oder Leder oder Holz verzeichnet waren, ist einerlei – in den Flammen aufgingen. Was wir an Tafeln von Pylos besitzen, sind die vorläufigen Akten eines einzigen Amtsjahres, und zwar des letzten des Palastes. Einzig und allein ein Brennprozeß hätte diese ungebrannten Tafeln sicher vor der Zeit retten können, denn wäre der Palast in Pylos etwa durch eine Überschwemmung zerstört worden, hätten sich die Tafeln im Wasser aufgelöst. Hätten die Bürokraten die vorläufigen Akten nicht auf Ton geführt, wären sie gleich den permanenten dem Feuer zum Opfer gefallen. Und ohne die prinzipielle Unterscheidung zwischen permanenten und vorläufigen Akten stünden die mykenischen Reiche heute ohne Schriftzeugnisse da. Wenn man diese drei Umstände bedenkt, dank denen die mykenischen Reiche heute Schriftzeugnisse aufzuweisen haben, und in Rechnung zieht, daß sie bei leicht geänderten Umständen dieser noch heute entbehren würden, dann merkt man erst recht, wie schwach dieses Argument gegen die Existenz eines Mederreiches ist.

Des weiteren gibt es eigentlich ein Indiz, daß die Meder über die Schriftlichkeit verfügten: Wenn der Rechtsterminus nipišta, „geschrieben“ wirklich ein Lehnwort aus dem Medischen sein sollte (siehe Anm. 19), dann ist die Sache bereits entschieden. Denn wer den Terminus „geschrieben“ im Munde führt, kennt auch die Schrift.

B. Das Fehlen archäologischer Funde

Archäologische Untersuchungen haben bisher keine Ergebnisse erbracht, die von sich aus auf ein medisches Reich schließen ließen. Insbesondere haben sich auf medischem Gebiet keine großen städtischen Zentren samt Palastanlagen und dergleichen (wie etwa Herodot in bezug auf Ekbatana beschreibt) finden lassen. Es gibt aber einen Unterschied zwischen einem positiven Befund und einem negativen, nämlich daß ersterer aussagekräftig ist, wohingegen letzterer an und für sich nichts bedeutet – daher auch die Regel der Logik, „absence of evidence is not evidence of absence“. In einer ausführlichen Argumentation ist ein negativer Befund nur insofern wichtig, um feststellen zu können, wenn man aufgrund anderer Indizien ein positives Ergebnis erarbeitet hat, daß ein bestimmtes Gegenargument mangels Befundes nicht ins Feld geführt werden kann. Aber ein negativer Befund auf einem Gebiet kann keinen positiven auf anderem außer Kraft setzen.

Es mag aber von Nutzen sein, darauf aufmerksam zu machen, daß die Nabonid-Chronik ein städtisches Zentrum auf medischem Gebiet in der Tat belegt:56 Ekbatana sei im Jahre 550 eine „Königsstadt“ gewesen, in der sich Schätze befunden hätten (die Stelle wird in Abschnitt II D, im Wortlaut zitiert). Die Wendungen mögen stereotyp sein, aber der Verfasser der Chronik war eben der Meinung, daß im Falle Ekbatanas die abgedroschenen Phrasen zuträfen – ob zu Recht oder zu Unrecht, mag dahingestellt bleiben.

Schließlich hat uns ein besonders scharfer Geist vor Augen geführt, wie trügerisch die archäologische Hinterlassenschaft in Fragen wie der unsrigen sein kann:

„Denn wenn die Stadt der Lakedaimonier verlassen dastünde, und nichts als die Tempel und der Grundriß im allgemeinen übrigbliebe, ich denke, daß es zukünftigen Generationen, nachdem viel Zeit verflossen ist, schwerfiele, daran zu glauben, daß die tatsächliche Macht der Lakedaimonier ihrem Ruf gleichgekommen wäre. Trotzdem beherrschen diese zwei Fünftel der Peloponnes direkt und führen die ganze Peloponnes sowie viele Bundesgenossen außerhalb davon an. Gleichwohl ist ihre Stadt nicht zu einem einzigen Gemeinwesen zusammengeschlossen und hat auch sonst keine prächtigen Tempel oder Bauten. Die Leute sind stattdessen nach der alten Weise Griechenlands in Dörfern angesiedelt, und gerade deswegen würden die Ruinen nicht imponieren. Wenn aber dasgleiche den Athenern widerführe, bekäme man nach Besichtigung der Stadt den klaren Eindruck, sie hätten zweimal soviel Macht als in der Tat der Fall ist.“

Wer heute die jämmerlichen Ruinen des antiken Sparta betrachtet, wird sich leicht davon überzeugen können, daß Thukydides (1,10,2) vollkommen richtig geurteilt hat.

C. Eroberung politisch und administrativ durchstrukturierter Gebiete

Es bleibt noch, ein weiteres allgemeines Argument durchzusprechen, ob sich das rasche Entstehen des Perserreiches besser verstehen läßt, wenn bereits vor ihm das Mederreich Bestand hatte. Denn Kyros der Große errichtete das Perserreich zwischen den Jahren 550 (dem Sieg über Astyages) und seinem Tode im Jahre 529. Am Ende seines Lebens erstreckte sich sein Reich von der Ägäis und Palästina im Westen bis an den Indus und an den Jaxartes im Osten. Was er in 21 Jahren vollbrachte ist nur mit dem vergleichbar, was Alexander der Große in zwölfen tat, dessen Reich im Vergleich zu Kyros’ Griechenland, Ägypten, und gewisse Gebiete jenseits des Indus zwar miteinschloß, der aber über Gebiete wie Armenien und Kappadokien am Pontos niemals herrschte.

Mit Kyros’ und Alexanders Leistungen vergleiche man nun die von Alexanders Vater, Philipp II. Dieser führte dreiundzwanzig Jahre lang unermüdlich Krieg, um seinem ‚Reich‘ die vielen unabhängigen griechischen Staaten sowie die Gebiete Thrakiens bis zur Donaumündung hin einzuverleiben. Philipp, der ein Ausbund an Tatendrang sowie an politischer und militärischer Begabung war, eroberte aber nur einen Bruchteil dessen, was seinem Sohn in der halben Zeit gelang, und hier sehen wir in aller wünschenswerten Deutlichkeit, wieviel schwieriger es ist, sich ein Gebiet zu unterwerfen, das politisch und administrativ noch nicht durchstrukturiert worden ist. Am Beispiel der Griechen sehen wir auch, wie schwierig es sein kann, ein Gebiet, das aus vielen unabhängigen Gemeinwesen besteht, politisch und administrativ durchzustrukturieren. Denn nach Philipps Tode schüttelten nicht nur griechische Gemeinwesen wie die Boioter und Athen, sondern auch thrakische und illyrische Stämme das makedonische Joch flink ab; und Alexander mußte zwei Jahre damit verbringen, die verschiedenen Aufstände zu beseitigen.

Bei Alexanders großen Eroberungen im Vorderen Orient aber wissen wir, daß er anders als sein Vater sein Reich nicht selbst zusammensetzte, sondern daß er es bereits zusammengesetzt vorfand und somit anderer Arbeit erntete. Auch Kyros ging evidenterweise so vor, nachweislich im Falle des Lyderreiches, das die Mermnadenkönige im Laufe von fünf Generationen aufgebaut hatten (Hdt. 1,15–28); nachweislich auch im Falle des neubabylonischen Reiches. Einzig und allein im Falle des aus der Geschichte verabschiedeten Mederreiches soll es anders gewesen sein? Nein, auch hier erntete Kyros offenkundig anderer Arbeit, was ja auch aus der Übernahme der Institutionen wie der Satrapien hervorgeht.

IV. Das herodoteische Bad

A. Allgemeine geschichtliche Würdigung

Im Vorangegangen habe ich nun nichts über das herodoteische Bad gesagt, um diese Metapher wieder aufzugreifen. Meiner Meinung nach ist es darum aber gar nicht so schlecht bestellt. Vielleicht brauchen wir gar nicht so viel davon auszuschütten. Erstens gab es die Mederkönige Kyaxares und Astyages wirklich. Elementare Kritik an den babylonischen Chroniken läßt vermuten, daß in ihnen die Macht dieser Könige eher heruntergespielt worden ist, und nach Herodot waren es in erster Linie die Meder, welche Assyrien besiegten (Hdt. 1,106). Zum andern hatte sich das Mederreich in östlicher Richtung mindestens bis in den Zentraliran ausgedehnt, und in westlicher auf jeden Fall nahe genug an die Griechen, um bei ihnen einen bleibenden Nachdruck zu hinterlassen. Vielleicht können wir es Herodot glauben, daß das Mederreich bis an den Halys reichte (Hdt. 1,6 und 103), denn dies bleibt, trotz Rollinger, von vorderasiatischer Seite her unwidersprochen. Schließlich wissen wir ja, daß die Meder eine Ideologie von einer universellen Herrschaft entwickelt hatten, und über einige Völker müssen sie schon geherrscht haben, so daß diese Vorstellung aufkam. Wenn sie Satrapen hatten, dann gab es bei ihnen auch Satrapien; und auch das spricht für eine gewisse räumliche Ausdehnung. Und was die Meder erbaut hatten, überragte alles, wozu es in der Persis gekommen war – daher das hohe Prestige der medischen Sprache, das besonders in der Namensgebung der Perser zum Ausdruck kommt. Als die Perser unter Kyros ihr Reich aufbauten, so übernahmen sie von den Medern Institutionen wie Ideologie – und es ist bezeichnend, daß sich die Medismen im Altpersischen gerade auf das Bereich der Reichsideologie und der Reichsinstitutionen (vielleicht auch in juristischer Hinsicht) beschränken. Denn dies ist es, was die Perser übernehmen wollten und was sie ihrem Reiche zugrunde legten. Schließlich waren die Meder nach einem Zeitzeugen im Alten Testament mächtig genug, um eine ernsthafte Bedrohung für die Babylonier darzustellen (Jes. 12,17); und im Alten Testament gibt es gleich wie bei Herodot eine Vorstellung des medischen Staates als eines echten Reiches mit administrativem Apparat (Jer. 51,28).

Daß einiges aber doch auszuschütten ist, wird niemand bestreiten. Was Medien in der Zeit vor Kyaxares angeht, bieten die assyrischen Quellen vor allem die Annalen Sargons II. und die Orakelanfragen Esarhaddons57 – ein ganz anderes Bild als Herodot: statt eines von einem Monarchen regierten Landes sehen wir in diesen eine politisch stark zersplitterte Landschaft, deren Bewohner den assyrischen Heeren hilflos gegenüberstehen. Des weiteren ist mit Herodots Erzählung von den Mederkönigen die Vorstellung, eine Skythenschar hätte 28 Jahre lang über Asien geherrscht, verwoben, und ich weiß von keinem Gelehrten, der daran geglaubt hat. Um all dies aber gebührend besprechen zu können, müssen wir erst Herodots medischen Logos als ganzen unter die Lupe nehmen.

B. Der medische Logos

1.Einführung. In dem medischen Logos (Hdt. 1,95–122) erzählt Herodot die Geschichte des Mederreiches von dessen Entstehung nach der vermeintlichen Auflösung der Assyrerherrschaft bis hin zu dessen Ende mit dem Sturz des letzten medischen Königs durch Kyros den Großen: Die Assyrer hätten 520 Jahre über das obere Asien geherrscht, als sich die Meder gegen sie erhoben und ihrer Herrschaft ein Ende gesetzt hätten. In den Jahren danach habe sich ein kluger, ehrgeiziger und gerechter Mann namens Deiokes durch seine weisen Urteile, deren die Meder nicht hätten entbehren können, zum König ausrufen lassen. Nachdem er König geworden sei, habe er sich eine Leibwache geben sowie einen Palast und eine befestigte Stadt erbauen lassen, wo er sich hinter pompösem Hofzeremoniell den Blicken der Öffentlichkeit entzogen habe. 53 Jahre soll er geherrscht haben. Ihm sei sein Sohn Phraortes auf den Thron gefolgt, welcher die Perser unterworfen habe, im Kriege gegen die noch mächtigen Assyrer aber nach 22jähriger Herrschaft gefallen sei. Sein Sohn Kyaxares hingegen habe das medische Heer neu organisiert und sei gegen die Assyrer wieder ins Feld gezogen. Während seiner Regierungszeit aber seien die Skythen unter ihrem König Madyes, dem Sohne des Protothyes, in Asien eingefallen. Diese hätten die Herrschaft über das obere Asien zunächst an sich gerissen, doch nach 28 Jahren sei es Kyaxares gelungen, die Skythen zu vertreiben. Kyaxares habe 40 Jahre geherrscht, zusammen mit den 28 Jahren der Skythen. Im neubegonnenen Krieg gegen die Assyrer habe er diese besiegt, Ninive zerstört und Assyrien und Babylon ausgenommen und besetzt. Danach habe sein Sohn Astyages den Thron bestiegen. Dieser aber sei nach 30 Jahren von seinem Enkel, dem Perser Kyros, gestürzt worden, nachdem Astyages zwei diesbezügliche Traumgesichte erschienen wären.

Zunächst zum chronologischen Gerüst dieser Erzählung. Nach der Nabonid-Chronik besiegte Astyages Kyros den Großen im Jahre 550. Demnach kam Astyages im Jahre 580 an die Macht. Sein Vater Kyaxares hatte 40 Jahre geherrscht, aber es ist leider unklar, ob die 28 Jahre der Skythen in dieser Summe miteinbegriffen sind oder nicht, denn den griechischen Text (σὺν τοῖϛ [sc. ἔτεσι] Σκύθαι ᾖρξαν – Hdt. 1,106,2) kann man auf zweierlei Weise übersetzen: „zusätzlich dazu die 28 Jahre, während deren die Skythen herrschten“ (siehe LSJ, s. v. σύν, A. 9) oder aber „darunter miteinbegriffen die 28 Jahre, während deren die Skythen herrschten“ (siehe LSJ, s. v. σύν, A. 8). Man kann sachliche Argumente für beide Übersetzungen ins Feld führen,58 und man muß auch berücksichtigen, daß, vorausgesetzt daß Herodot hierfür eine Quelle hatte, er etwas anderes gemeint haben mag als seine Quelle, denn in allen Sprachen sind derartige Wendungen zweideutig. Kyaxares mag nach den Angaben der herodoteischen Erzählung entweder im Jahre 620 oder im Jahre 648 den Thron bestiegen haben. Demgemäß wurde Phraortes entweder im Jahre 642 oder im Jahre 670 König, Deiokes entweder im Jahre 695 oder im Jahre 723. Also:

Deiokes

723–670

oder

695–642

Phraortes

670–648

oder

642–620

Kyaxares

648–580

oder

620–580

Astyages

580–550.

Jetzt zu den Namen: Deiokes identifiziert man gerne mit Daiukku, einem iranischen Würdenträger des assyrischen Reichs auf medischem Gebiet, der sich im Jahre 715 gegen Sargon II. auflehnte und von diesem besiegt und deportiert wurde.59 Der Namensgleichung ist formal nichts entgegenzuhalten, und der Name selbst ist sicherlich iranisch (ein Hypokoristikon mit dahyu-, „Land“, als erstem Glied).60 Gemäß den höheren Daten ist auch chronologisch nichts einzuwenden, wiewohl sachlich der herodoteische König mit dem deportieren Daiukku der Sargon-Annalen nichts zu tun haben kann. Aber der herodoteischen Erzählung muß immerhin zugute gehalten werden, daß ihr angeblicher Mederkönig einen echt iranischen Namen trägt, und zwar denselben nicht gerade häufig vorkommenden wie ein assyrischer Würdenträger (der sicherlich iranischer Abstammung war), der, die höheren Daten vorausgesetzt, zur richtigen Zeit sowie am richtigen Ort lebte.

„Phraortes“ ist wiederum ein iranischer Name (Fravartiš61), aber niemand mit diesem Namen kann man in der außerherodoteischen Überlieferung ausfindig machen, der zur richtigen Zeit lebte, ganz gleich welche Daten man vorzieht. (Siehe aber weiter unten, Abschnitt IV B 6.)

Der Skythen-König heißt „Madyes, Sohn des Protothyes“. Aus den Orakelanfragen Esarhaddons kennen wir einen gewissen nicht-assyrischen Fürsten bar (oder besser: par)-ta-tu-a, der um 675 belegt ist (SAA IV, 20). Vom Namen her kann man ihn problemlos mit dem herodoteischen Προτοθύης gleichsetzen,62 und weder vom Chronologischen noch vom Sachlichen her ist gegen die Gleichsetzung etwas auszusetzen.

Über Kyaxares und Astyages ist in diesem Zusammenhang nichts weiter auszuführen, denn diese Könige sind in den vorderasiatischen Quellen klar bezeugt: erfunden hat sie Herodot jedenfalls nicht. Auch sonst scheinen die Namen in der herodoteischen Erzählung nicht ganz aus der Luft gegriffen zu sein. Die Erzählung verdient also eine ernsthafte Behandlung, um diesen Umständen gerecht zu werden.

Im Folgenden werden wir zwei Abschnitte (den Sturz des letzten medischen Königs, Astyages, und den Aufstieg des ersten Königs, Deiokes) des medischen Logos genau untersuchen. Wir werden sehen, daß beide Abschnitte so stark iranisch geprägt sind, daß man den medischen Logos nicht mehr als reine Erfindung Herodots abtun kann. Das Material hat er gewiß nach eigenen Ansichten geformt und ausgestaltet, aber ihm lag es übersichtlich und geordnet vor. Die Argumente, die wir werden besprechen müssen, werden uns vom medischen Logos um einiges wegführen, aber ihre Relevanz für unsere Fragestellung wird, wie ich hoffe, klar sein. Danach können wir die übrigen Teile des medischen Logos knapp besprechen und anschließend den Logos als ganzen charakterisieren.

2.Astyages und das Ende des Mederreichs. Wir beginnen mit dem Sturz des Astyages (Hdt. 1,107 ff.). Herodot zufolge träumte Astyages, er sehe seine Tochter Mandane, wie sie Wasser mache; der Strom aber habe alles Asien überschwemmt. Die Traumdeuter boten die Erklärung, daß Mandane einen Sohn gebäre, welcher anstatt von Astyages die Herrschaft über ganz Asien ausüben würde. Um dieses Schicksal zu verhindern, vermählte Astyages seine Tochter rasch mit einem Vasallen niedrigen Standes, denn aus einer solchen Ehe ginge doch kein ernstzunehmender Konkurrent um die Königswürde hervor. Dann hatte Astyages einen zweiten Traum: aus Mandanes Schamteilen wuchs eine Rebe, die ganz Asien überwucherte. Die Traumdeuter verharrten bei derselben Erklärung, doch war Mandane, mit einem persischen Adligen verheiratet, inzwischen schwanger. Also befahl Astyages einem Beamten am Hofe, Harpagos, das Kleinkind sofort nach der Geburt zu töten. Harpagos aber, gleich dem Jäger im Märchen von Schneewittchen, konnte die Tat nicht vollbringen, gab das Kleinkind an einen Hirten mit dem Befehl, dieser solle es töten. Der Hirt aber, wie nicht anders zu erwarten, konnte es auch nicht tun und brachte das neugeborene Knäblein nach Hause, wo seine Frau soeben eine Totgeburt erlitten hatte. Die Frau (die Spako, „Hündin“ hieß – die Rationalisierung des volkstümlichen Erzählzugs wird niemandem entgehen) nahm daher das lebendige Kind, stillte es und erzog es als ihr eigenes; ihr totes Kind hingegen wurde pro forma ausgesetzt, dem Harpagos gezeigt und von diesem anschließend begraben. So vor dem Tode gerettet wuchs der junge Kyros als Sohn eines Hirten auf. Im Alter von etwa zwölf Jahren spielte er ‚König‘ mit den anderen Knaben: Kyros wurde verheißungsvoll zum ‚König‘ auserkoren und erteilte entsprechend dem Spiel Befehle an die anderen. Doch als ihm einer nicht gehorchte, ließ ihn Kyros in aller königlichen Form auspeitschen. Allein dieser Junge war der Sohn eines Adligen, der, voller Entrüstung über die Behandlung seines Sohnes durch den Sohn eines gemeinen Hirten, sich lauthals bei Astyages darüber beschwerte. Astyages ließ den jungen Kyros vor sich zitieren, warf auf diesen einen Blick und erriet sofort die Wahrheit. Nach Rücksprache mit den Traumdeutern entschied sich aber Astyages, daß seine Träume durch das Spiel ‚König‘ bereits in Erfüllung gegangen wären, und schickte Kyros schlicht in die Persis an seine wahren Eltern. Über die Strafe, die er dann über Harpagos verhängte, brauchen wir hier nicht zu handeln.

Offenkundig haben wir es hier mit einem volkstümlichen Märchen zu tun, wie schon längst erkannt worden ist: das Stillen des zukünftigen Königs durch ein (wenngleich leicht rationalisiertes) Tier; der Diener, der ein Kind töten soll, es aber nicht über’s Herz bringt; der durch glückliche Fügung dem Tode entronnene zukünftige König; der zukünftige König, der in bescheidenen Verhältnissen aufwächst; das Zeichen, das den König als solchen ausweist, während er noch ein unscheinbarer gemeiner ist – dies sind alles typische Merkmale der Volkserzählung, und jedem werden sofort die Comparanda einfallen. Nicht gebührend gewürdigt an der Geschichte scheinen mir dagegen die vielen Züge, welche sie als ein eigentümlich iranisches Produkt ausweisen.

Wir kennen eine längere Erzählung von dem Gründer der Sassanidendynastie, das Karnamak i Ardaxšir i Papakan, „die Taten des Ardašir, des Sohnes des Papak“63. Sie stammt vermutlich aus dem letzten Jahrhundert des Sassanidenreichs, noch vor der arabischen Eroberung im Jahre 651 n. Chr. und wurde nach einhelligem Konsens der Forschung64 von einem frommen Zoroastrier, vermutlich eben einem Priester, verfaßt. Was von Ardašir im ersten und zweiten Kapitel dieses Werks erzählt wird, erinnert auffällig an die Erzählung von Kyros, dem Gründer der Achaimenidendynastie. Während der Regierungszeit Ardavans V. (228–224 n. Chr.), des letzten Königs aus dem Arsakidenhause, lebte ein Adliger namens Papak, der keinen Sohn, dafür aber eine Tochter hatte. Bei ihm arbeitete ein Hirt namens Sasan, der – ohne daß dies Papak wußte – aus dem Achaimenidenhause stammte. Eines Nachts sah Papak ein Traumgesicht: aus Sasans Kopf heraus schien die Sonne und erleuchtete alle Welt. In der nächsten Nacht sah er ein zweites Gesicht: Sasan saß auf einem weißen Elephanten, und alle um ihn verbeugten sich vor ihm. In der dritten Nacht sah er wie die heiligen Feuer – Adar Farnbag, Adar Gušnasp und Adar Burzin Mihr – im Hause des Sasan brannten und die Welt erleuchteten (es meldet sich also der zoroastrische Priester zu Wort). Die Traumdeuter meinten, daß der Sohn dieses Mannes die Welt regieren würde, und fügten Erklärungen der verschiedenen Feuer hinzu (dies ist neuerlich auf den zoroastrischen Priester zurückzuführen). Papak befragte Sasan zu seiner Herkunft und gab ihm schließlich die eigene Tochter zur Frau. Ein Sohn, Ardašir, wurde geboren, und Papak erzog ihn als seinen eigenen Sohn. Im Alter von fünfzehn Jahren war Ardašir wegen seiner vielen Vorzüge – wie in iranischem Kontext nicht anders zu erwarten, insbesondere wegen seines guten Reitens – so berühmt, daß ihn Ardavan an den Hof kommen ließ. Als Reiter übertraf er dort alle, einschließlich des Sohnes Ardavans. Mit dem Königssohn geriet er aber in Streit, so daß ihn der König schließlich in den Roßstall verbannte, wo er sich fortan als Knecht um die Pferde kümmern sollte, statt als Adliger zu reiten. Im Roßstall schmiedete der verdrossene Ardašir einen Plan, Ardavan zu stürzen, und führte diesen am Ende auch aus.

Auch hier haben wir es mit einem Volksmärchen zu tun, wenn man die wohlgemeinten Einschübe des frommen zoroastrischen Nacherzählers (gleich der Rationalisierung des stillenden Tieres bei Herodot) abstreift, und in dem Märchen erweisen sich die meisten Züge als bloße Variationen zu denjenigen in dem Kyros-Märchen:

  • 1.)

    Der zukünftige König wird von einem Pflegevater großgezogen (bei Kyros ist der biologische Vater ein Adliger und der Pflegevater ein Hirt; bei Ardašir hingegen ist jener ein Hirt und dieser ein Adliger).

  • 2.)

    In einem Traum, der die Herrschaft des zukünftigen Königs ankündigt, erscheint nicht der zukünftige König selbst, sondern eines seiner Eltern (bei Kyros die Mutter, bei Ardašir der Vater).

  • 3.)

    Ein weiterer Traum kündigt den König noch einmal an (der dritte Traum im Karnamak kann wohl gestrichen werden).65

  • 4.)

    In mindestens einem Traum kommt etwas aus dem Körper des Königsvaters oder aber der Königsmutter heraus und geht über alle Welt (bei Kyros ist es Harn oder eine Rebe; bei Ardašir ist es Sonnenschein).

  • 5.)

    Als junger Mann wird der zukünftige König in den Palast vor den derzeitigen König zitiert, wird aber von diesem gleich wieder entlassen (Kyros in die Provinz, Ardašir in den Roßstall).66

Viele dieser Züge sind sehr auffällig: Warum muß im Traume statt des zukünftigen Königs ausgerechnet eines seiner Eltern erscheinen? Warum muß etwas aus dem Körper dieses Elternteils kommen? Warum muß der zukünftige König als Pflegekind erzogen werden? Warum muß entweder der Pflege- oder der biologische Vater ein Hirt sein? Warum muß der zukünftige König in den Palast zitiert, nur um aus diesem wieder hinausgewiesen zu werden? Am wichtigsten: Herodots Geschichte von dem Gründer der Achaimenidendynastie kann kaum Einfluß auf eine auf iranischem Gebiet entstandene volkstümliche Geschichte vom Gründer der Sassanidendynastie ausgeübt haben.

Wir haben es hier mit einem an iranischem Boden haftenden Märchen zu tun, dem wir den generischen Titel „der Gründer der Dynastie“ geben können. Es gilt von dem Gründer der derzeitigen Dynastie, und bevor diese die alte Dynastie verdrängte und somit an die Macht kam, hatte es von dem Gründer jener Dynastie gegolten, und so fort. Wer es vom Gründer der Dynastie erzählte, konnte natürlich gewisse Details ändern, an den Grundzügen jedoch war nicht zu rütteln. Dies brauchen wir nicht weiter zu besprechen, sondern nur das eine feststellen: die Erzählung über Kyros bei Herodot ist auf iranischem Boden gewachsen und nicht von diesem erfunden. Er mag sie hier und dort nach eigenen Ansichten ausgebessert haben (wie eben der zoroastrische Priester die Geschichte im Karnamak), aber dies tut nichts zur Sache. Im Schlußteil des medischen Logos finden wir eine eindeutig iranische Erzählung vor.

3.Deiokes und der Anfang des medischen Logos. Diesem Abschnitt des medischen Logos (Hdt. 1,96–101) sind jüngst ein Sammelband sowie eine detaillierte Behandlung in Provencals Buch über „sophist kings“ gewidmet worden.67 Wichtige Beobachtungen am Text sowie weiterführende Vergleiche mit anderen griechischen Texten sind von den verschiedenen Autoren gemacht worden, von denen ich viel gelernt habe. Dennoch scheinen sie mir einen Aspekt unterbeleuchtet zu haben, nämlich den tiefen iranischen Einfluß in diesem Abschnitt. Den richtigen Weg hat dagegen meines Erachtens Panaino gewiesen.68

Nehmen wir nur ein Beispiel. Einer der bemerkenswertesten Züge in der Deiokes-Erzählung ist das Erbauen einer gigantischen Burg, um Deiokes’ Herrschaft zu sichern. Hierfür fehlt eine auch nur einigermaßen passende griechische Parallele, doch erinnert Deiokes’ Burg sofort an den riesigen Bau, den der iranische Urkönig Yima nach dem Awesta (Videvat 2,22–41) anlegen läßt, in dessen größtem Bezirk neun Gänge verlaufen, in dessen mittlerem deren sechs und in dessen kleinstem deren drei. Freilich ist die Parallele nicht exakt: So zieht bei Herodot nur Deiokes in die neuerbaute Burg, während viele Menschen in Yimas großen Bau hineinströmen, in dem sie vor einer Hungersnot bewahrt werden sollen. Dennoch sollen die Bewohner von Yimas Bau den Blicken aller entrückt werden, und sie selbst werden nicht einmal Sonne, Mond und Sterne sehen können. Beide Geschichten haben den riesigen Bau, den ein iranischer König anlegen läßt und dessen Bewohner von der Außenwelt ganz abgeschirmt sind, gemeinsam, auch wenn der Zweck des Baus ein anderer ist und der jeweilige Erzähler andere Details ausgewählt hat, um seinem Auditorium Pracht und Größe des Baus deutlich vor Augen zu führen. Wichtig ist: im Geschichtenschatz des iranischen statt des griechischen Erzählers findet sich dieser riesige Bau eines alten Königs, denn hier greift der Erzähler klar auf iranisches Erzählgut zurück, wenngleich er es zu eigenen Zwecken mit neuen Details ausschmückt.69 Dieses eine Beispiel ermuntert uns, bei der Besprechung der Deiokes-Erzählung weiterhin das Augenmerk auf den Iran anstatt Griechenlands zu lenken.

Wir beginnen unsere Ausführungen mit einem Zitat aus dem um 1100 n. Chr. verfaßten Fārsnāmeh („das Buch der Persis“), dessen anonymer Autor meist mit dem Ethnikon Ibn Balkhī („Bürger der Stadt Balkh“) angegeben wird:70

فاعدهٔ ملك ثارسیان بر عدل … کی از ایشان فرزندرا

ولی ءهد کردی اورا وصیت برین جملت کردی لا ملك الا بالعسکر و لا

عسکر الا بالمال و لا مال الا بالعمارة و لا عمارة الا بالعدل71

„Die Grundlage des persischen Königtums [war] Gerechtigkeit … Wenn einer von ihnen (sc. den alten Königen) den Sohn zum Erben machte, so verpflichtete er ihn auf folgende Weisung: es ist kein Königtum (wörtlich: „König“) ohne Heer (wörtlich: „Krieger“), und kein Heer ohne Reichtum (wörtlich: „Geld“), und kein Reichtum ohne Wohlstand (wörtlich: „Gebäude, Haus“), und kein Wohlstand ohne Gerechtigkeit.“

Diese Weisung findet sich mehrmals in den Fürstenspiegeln dieser Zeit, und nach al-Tha‘ālibī (961–1038 n. Chr.) entstammt sie dem Gründer der Sassanidendynastie, Ardašir I.72

Ein weiterer Aphorismus der mittelalterlichen persischen Fürstenspiegel lautet bei al-Ghazzālī (ca. 1058–1111 n. Chr.) wie folgt (in arabischer Sprache): الملک یبعی مع الکفر و لا یبعی مع الظلم, „Königtum (bleibt) da mit Unglaube (bestehen), aber nicht da mit Ungerechtigkeit“.73 Den Gedanken führt al-Ghazzālī in Hinblick auf die vorislamischen Könige weiter aus:

„In den Chroniken das steht (geschrieben): daß viertausend Jahre lang diese Erde die Mager regierten und der Besitz bei ihrem Stamme verharrte. Und daher verharrte, weil unter ihren Untertanen sie die Gerechtigkeit wahrten und für ihre Untertanen Sorge trugen. In ihrer Religion selbst hatten sie weder Unterdrückung noch Unrecht, und die Erde mit Recht und Billigkeit ließen sie gedeihen […]. Also mußt du verstehen, das Gedeihen oder Zugrundegehen der Erde (rührt) von Königen (her), denn wenn der König gerecht ist, ist die Erde wohlhabend und die Untertanen sind sicher, genau wie unter Ardašir […]“

Nach dieser Lehre ruht das Königtum letzten Endes auf Gerechtigkeit. Was wir in der Erzählung über Deiokes vorfinden, macht konkret den in den Fürstenspiegeln in abstracto ausgeführten Gedankengang. Deiokes schlichtet alle Streitigkeiten seiner Nachbarn und, nachdem sich seine Gerechtigkeit weit und breit herumgesprochen hat, schließlich die aller Meder. Als er sich weigert, seine Richtertätigkeit weiter wahrzunehmen, tritt Chaos ein: Die Meder fühlen sich nicht nur vor Verbrechern unsicher, sondern sie befürchten auch, daß sie ihre Häuser – also ihren mühsam erarbeiteten Wohlstand: man beachte, daß das zuvor im Fārsnāmeh-Zitat mit „Wohlstand“ übersetzte Wort (عمارة) wörtlich „Haus“ heißt – gleich verlören. Es hat sich also dank Deiokes’ Rechtssprüchen Wohlstand eingestellt, aber beim Entzug jener ist dieser wieder gefährdet. Er würde aber bewahrt werden, so meinen die Meder, wenn Deiokes seine Tätigkeit wiederaufnähme, und deswegen machen sie ihn zum König. Es fehlt aber noch eines, und Deiokes holt dies sofort nach: er verlangt und bekommt dann auch eine Leibwache, das heißt ein stehendes Heer. Denn es ist kein Königtum ohne ein Heer; aber ein Heer wird durch den Wohlstand der Bevölkerung gewährleistet und dieser durch die Gerechtigkeit des Königs. In gedrängter Form anhand eines konkreten Beispiels wird in der Erzählung über Deiokes eben diese iranische Lehre von der Staatskunst vor Augen geführt.

Es gibt übrigens eine partielle Parallele in Firdausis Schahnameh für diese Erzählung über den ersten König Mediens. Nach einer Sichtweise war der erste iranische König in dem legendären Material, das Firdausi bearbeitete, Hušang.74 Nach Firdausi stellte er nicht nur den Wohlstand, sondern auch die Gerechtigkeit auf Erden her;75 beides wird in einem Atemzug festgestellt, weil beides nach iranischem Verständnis eben unzertrennlich zusammengehört.

Man mag nun gegen diese iranische Deutung der Deiokes-Erzählung einwenden, daß sie sich ausschließlich auf Texte mittelalterlichen Datums stützt. Freilich ist diese Lehre von der Staatskunst erst dann in solch ausgeprägter Form belegt, doch mag sie viel älter sein: Die Verfasser der mittelalterlichen Fürstenspiegel stellen sie doch als alt dar, denn sie exemplifizieren die Lehre anhand der vorislamischen Könige, und Tha’ālibī legt immerhin Ardašir I. den einen Lehrspruch ausdrücklich in den Mund. Ich meine auch, daß sich Spuren dieser Lehre sowohl in den altpersischen Inschriften als auch im Awesta76 finden lassen.

Dareios I. betont, daß er nach Beseitigung des angeblich falschen Gaumata den durch diesen stark gefährdeten Wohlstand – möglicherweise der historischen Wirklichkeit entgegen77 – wiederhergestellt habe (DB I 64–68):

adam niyaçārayam kārahyā ābicarīš gaθāmcā māniyamcā viθbišcā, tayādiš Gaṷmāta haya maguš adinā, adam kāram gāθavā avāstāyam Pārsamcā Mādamcā utā aniyā dahyāva, yaθā paruvamci, avaθā adam taya parābṛtam patiyābaram

„Ich gab dem Volke die Weiden und die Viehherden und die Haussklaven zusammen mit den Häusern zurück, welche Gaumata der Mager weggenommen hatte. Ich restaurierte das Volk vor Ort, sowohl das persische als auch das medische, und die anderen Länder. Wie es früher war, ebenso brachte ich zurück, was fortgeschleppt worden war.“

Man beachte, daß auch Dareios unter anderem das Wort „Haus“ (viθ-) verwendet, um den von ihm wiederhergestellten Wohlstand zu beschreiben. Aber er betont auch seine Gerechtigkeit – DB IV 61–67; und noch klarer DNb, 6–11, 16–24:

„Durch die Gunst Ahura Mazdas bin ich dieser Art, daß ich der Gerechtigkeit wohlgesinnt bin – dem Unrecht bin ich nicht wohlgesinnt. Mein Wunsch ist es nicht, daß der Schwache des Starken wegen Unrecht erleide. Ebensowenig ist es mein Wunsch, daß der Starke des Schwachen wegen Unrecht erleide … Der Mann, der mitarbeitet, seiner Mitarbeit entsprechend, also nehme ich mich seiner an. Wer Schaden anrichtet, dem Schaden entsprechend, also bestrafe ich ihn. Mein Wunsch ist es nicht, daß ein Mann Schaden anrichte; ebensowenig ist es mein Wunsch, sollte er Schaden anrichten, daß er nicht bestraft werde. Was ein Mann über einen Mann sagt, das überzeugt mich nicht, bis daß ich beider Aussage vernommen habe.“

Diesbezüglich muß noch erwähnt werden, daß diese Inschrift an Dareios’ Grabe angebracht wurde und gewissermaßen seine apologia pro vita sua an den Tag legt: als erstes, nachdem er das religiöse Bekenntnis abgelegt hat („ein großer Gott ist Ahura Mazda“ usf.), berichtet Dareios, daß er in seiner Eigenschaft als König für Gerechtigkeit im Lande gesorgt habe, vermutlich weil diese die Grundlage für alles andere geschaffen hatte und deswegen das Allerwichtigste war.

Wenn wir uns nun dem Awesta zuwenden, so treten uns dieselben Gedanken entgegen. Wie nicht anders zu erwarten, war gerade der König dazu verpflichtet, als Richter tätig zu sein. Dies ersieht man in erster Linie aus der Unzertrennlichkeit von Herrschen und Richten, denn wiederholt werden verschiedene Gottheiten und Zarathustra mit folgender Formel beschrieben:

yaθā ahū vairiiō aθā ratuš ašāṯcīṯ hacā

„Wie der beste Oberherr, so der [beste] Richter (ist er) gemäß dem heiligen Recht“

(Yasna 27,13; Yašt 16,20; 18,7; 20,3; 21,2)

Wer ein guter Herrscher war, mußte folglich auch gut richten – beides gehörte einfach zusammen. Aus den Gathas lernen wir weiter, wie der König zu richten hatte: Yasna 43,5 (vgl. 45,7; 51,6) wird mitgeteilt, daß Ahura Mazda ebenso verordnet hat, wie Dareios handelt, jedenfalls zufolge seiner eigenen Angaben:

hiiaṯ då šiiaoθanā mīždauuąn yācā uxðā

akə̄m akāi vaŋuhīm ašīm vaŋhaouuē

„wie du (sc. Ahura Mazda) zuwiest den Taten den Lohn, und auch den Worten:

Schlechtes dem Schlechten, guten Lohn dem Guten“

Nicht nur das, sondern es wird bei einem Rechtsurteil vorausgesetzt, daß alle, wie auch Dareios meint, nach demselben Maßstab gemessen sein sollten (Yasna 33,1):

ratuš78 šiiaoθanā razištā drəguuataēcā hiiaṯcā ašaonē

yehiiācā həm.iiasaētē79 miθahiiā yācā hōi ārəzuuā

„das Rechtsurteil mit gerechtestem Tun gegen den Trügerischen sowie gegen den Ehrlichen sowie gegen denjenigen, bei dem sich ausgleichen, was falsch und was bei ihm recht ist“

Dareios sprach von Reichen und Armen, die alle gleich zu behandeln waren;80 hier aber ist die Rede von Bösen, Guten und denen in der Mitte – alle sind gemäß den gleichen Prinzipien zu behandeln. Ahura Mazda selbst gibt das Exempel in den Gathas, denn Yasna 46,17 richtet er die Gerechten und die Ungerechten mit Hilfe der Wahrheit.

Der Herrscher war aber auch dazu verpflichtet, den Wohlstand im Lande herzustellen. Videvdat 2,4 ff. bekommt der Urkönig Yima von Ahura Mazda selbst in aller Form den Auftrag, die Welt größer zu machen und sie zu ernähren; und den Auftrag nimmt er freudig an. Yašt 9,9–11 richtet Yima an Dṛvaspa eine Bitte, daß er große Herden (also: Reichtum, Wohlstand) in die Welt bringen und diesem Reichtum auch Sicherheit vor Gefahren verschaffen möge, und dieser Bitte wird entsprochen (vgl. Yašt 15,16 und 17,29–31). Yasna 46,12 wird von einem guten Herrscher gesagt, er habe seine Geschöpfe gedeihen lassen.

Daß ein König auch Heere führen sollte, kann sicherlich angenommen werden – für gewöhnlich erbitten sich die Urkönige ja militärischen Erfolg von den Gottheiten (z. B. Yašt 5,54.68–69; 9,30–31). Was im Awesta und in den altpersischen Inschriften allerdings fehlt, ist der in einem gerafften Aphorismus durchgeführte kausale Zusammenhang zwischen Königtum (und Heer) und Wohlstand und Gerechtigkeit.

Vor diesem iranischen81 Hintergrund müssen wir die Deiokes-Erzählung betrachten, und so finden die vielen sonstigen iranischen Einzelheiten in ihr, auf die vor allem Panaino aufmerksam gemacht hat (Anm. 68), ihre Erklärung. Am Ende bearbeitete Herodot die Erzählung, und dabei flossen sicherlich griechische Elemente in sie ein,82 auf die unter anderem Provencal aufmerksam gemacht hat – seine und anderer Beobachtungen in diesem Bezug behalten samt und sonders ihr Recht. Bevor wir nun versuchen, alle Fäden zusammenzuziehen, gilt es die übrigen Teile des medischen Logos schnell zu besprechen.

4.Die Regierungszeit des Kyaxares und der Skytheneinfall (Hdt. 1,103–106). Nach Herodot griff Kyaxares die Assyrer an und war dabei, diese zu besiegen, als in Asien die Skythen einfielen. Nach einem Sieg über die Meder rissen die Skythen die Herrschaft über Asien an sich. An diesem Punkt angelangt, macht Herodot eine seiner berühmten Exkurse. Er behandelt – ohne irgendwelchen Bezug auf Medien – den Marsch der Skythen an die Grenze Ägyptens, wo es dem Pharao Psammetichos gelang, sie abzuwehren. Es folgt eine weitere Erzählung über den Frevel der Skythen an dem Tempel der Aphrodite Urania in Askelon und über deren Bestrafung dieser Skythen. Dann kommt Herodot wieder auf die Meder zu sprechen. Nachdem die Skythen 28 Jahre lang in Asien gewütet hatten – unter anderem zerstörten sie vollends den von den Mederkönigen hergestellten und bewahrten Wohlstand, indem sie Leute ausraubten –, gelang es Kyaxares, sie zu einem Fest einzuladen, wo er sie betrunken machte und anschließend ermordete. Der Skythen endlich ledig marschierte Kyaxares wieder gegen Ninive, zerstörte die Stadt und machte sich alles Assyrien außer Babylon untertan.

Den Einschub Herodots brauchen wir in diesem Zusammenhang nicht zu besprechen – was die Geschichte Mediens anbelangt, stört er nur. Wichtig an dieser Geschichte erscheinen mir dagegen einige Abweichungen von dem babylonischen Bericht in Gadd’s Chronicle (siehe Abschnitt II A):

Gadd’s Chronicle

Medischer Logos

Babylonier und Meder belagern Ninive.

Meder nehmen Ninive im Alleingang ein.

Babylonier besetzen Ninive während die Meder abziehen.

Meder besetzen alles Assyrien (Babylon ausgenommen).

Meder erscheinen und verschwinden ohne Erklärung 615–612.

Meder werden durch die Skythen gezwungen, ihren Krieg gegen Assyrien zu unterbrechen.

Meder sind eher unorganisierte ‚Horde‘.

Kyaxares hat das medische Heer neu organisiert.

Die Abweichungen des medischen Logos sind allesamt ad maiorem Medorum gloriam, und die Einseitigkeit der Berichterstattung tritt noch deutlicher zutage als in der babylonischen Chronik, welche die Teilnahme der Meder möglicherweise herunterspielt, aber doch nicht verschweigt. Im medischen Logos dagegen wird die Teilnahme der Babylonier überhaupt nicht erwähnt! Bei dem durch den Skytheneinfall bedingten Abbruch des Krieges gegen die Assyrer wird sicherlich impliziert, daß die Meder Ninive wesentlich früher eingenommen hätten, wenn die Skythen in Asien bloß nicht eingefallen wären.

Die Meder-freundliche Perspektive ist also mit Händen zu greifen, und nach dem Grundsatz der Logik cui prodest scelus, is fecit kann man nur auf einen Meder als Verfasser schließen. Dieser Teil des medischen Logos ist nicht so sehr iranisch geprägt als eindeutig von einem Meder verfaßt.

5.Zwischenbilanz. Die Geschichte Mediens nach dem medischen Logos. An diesem Punkt angelangt, mag es von Nutzen sein, die anderen Meder-freundlichen Elemente im medischen Logos herauszuarbeiten, vor allem dort, wo starkes Abweichen von der geschichtlichen Wirklichkeit festzustellen ist. Bereits in die Regierungszeit des Phraortes fällt die Eroberung der Persis, wobei zu dieser Zeit nach den assyrischen Quellen Medien eine politisch stark zersplitterte Landschaft war, so daß von einer Unterwerfung der Persis schlechterdings keine Rede sein kann. Doch nach dem medischen Logos soll die medische Herrschaft über die Persis von recht langer Dauer gewesen sein, bevor unter Kyros dem Großen 550 die Verhältnisse bedauerlicherweise umgekehrt wurden. Zuweilen hat es im medischen Logos den Anschein, daß eine Herabwürdigung der Perser beabsichtigt wird: wenn Astyages wegen seines ersten Traumes versucht, seine Tochter mit jemandem tieferen Standes zu vermählen – denn aus dem Kind einer solchen Ehe würde doch nichts –, so wählt er ihr als Gatten einen Perser aus. Es wird eigentlich eine gewisse Rivalität zwischen Medern und Persern deutlich, wobei daran festgehalten wird, daß die Meder die eigentlich vornehmeren gewesen seien, denen die Herrschaft als ersten zugestanden hätte. Die Unterscheidung in der Heeresorganisation zwischen Infanterie und Reiterei wird einem Meder, Kyaxares, zugeschrieben – samt der Behauptung, daß diese Organisation in ganz Asien später maßgeblich geworden sei. Alles in allem tritt uns ein recht ansehnliches Reich entgegen, das viel größer war, als es in der Wirklichkeit gewesen sein kann, denn nach dem medischen Logos eroberten die Meder unter Kyaxares das ganze assyrische Reich, Babylon allein ausgenommen – dabei beherrschte nach dem Untergang Assyriens das neubabylonische Reich dessen ehemaliges Territorium, den fruchtbaren Halbmond einschließlich Phoinikiens und Palästinas. In diesen Zusammenhang gehört auch die Rückprojektion eines medischen Reiches in die tiefe Vergangenheit hinein, lange bevor es einen einheitlichen medischen Staat gegeben haben kann.

Wir haben hier sicherlich mehr als eine Meder-freundliche Geschichte Mediens. Wir haben hier eindeutig eine medische Geschichte Mediens, ein patriotisches Produkt mit mehreren kleinen Seitenhieben gegen die Perser, dasjenige iranische Volk, das den Medern am Ende den Rang ablief, was ihnen die Meder wohl nie ganz verziehen – daher die vielen Behauptungen, daß eigentlich sie, die Meder, die besseren, die ersten, die vornehmeren gewesen seien. Wegen des Patriotismus dieser Geschichte müssen wir selbstverständlich mit Entstellungen rechnen (z. B. das Stillschweigen der Teilnahme der Babylonier an der Einnahme Ninives), aber wir müssen auch die Möglichkeit von gutem Detailwissen eingestehen, wie etwa dem durch die neuassyrischen Quellen bestätigten Namen „Protothyes“, den der Vater des Skythenführers Madyes getragen haben soll.83

Der sprachwissenschaftliche Befund (siehe Abschnitt I) bezeugt, daß selbst die Perser die Meder in gewisser Weise für kulturell überlegen hielten, so daß der soziale Dünkel gegenüber den Persern im medischen Logos von dieser Seite her bestätigt wird. Auch halte ich es nicht für zufällig, daß wenn in dieser Geschichte ein medisches Reich bis in die graue Vorzeit rückprojiziert wird, ein in diese Zeit gehörender Name (Deiokes/Daiukku) genannt wird, dessen Träger nach Ausweis des sprachwissenschaftlichen Befundes mindestens ein Iraner und, da er auf medischem Gebiet wohnte, vermutlich eben ein Meder war.

6.Phraortes. Hier kann ich mich kurz fassen, da ich mich andernorts zu diesem Problem geäußert habe.84 Ich halte es nach wie vor für gut möglich, daß hier eine Vertauschung zweier Namen – Fravartiš und Xšaθrita – wegen des DB II 13–17 beschriebenen Aufstands in Medien vorliegen kann: Der Rebell dort hieß nach Dareios Fravartiš, nannte sich aber Xšaθrita. Herodots unmittelbarer Gewährsmann mag ihm den medischen Logos aus dem Gedächtnis heraus erzählt haben, und beim Erzählen unterlief ihm sicherlich der eine oder andere Fehler. Herodots Gewährsmann fiel beim Erzählen an der einen Stelle der richtige Name nicht ein, und aufgrund einer Wortassoziation nannte er einen anderen. Sofern er eigentlich Xšaθrita meinte, so gab es einen medischen Fürsten dieses Namens um 670 v. Chr.85 Wenn wir die höheren Daten für Phraortes voraussetzen, dann ist chronologisch alles in Ordnung, auch wenn wiederum eine Verzerrung der geschichtlichen Wirklichkeit zugunsten der Meder vorliegt, indem der historische Xšaθrita keinesfalls der König eines mächtigen Mederreiches war, sondern ein kümmerlicher Kleinfürst. Für unsere eigentliche Argumentation in diesem Aufsatz kommt es aber darauf nicht mehr an.

V. Abschließendes und Zusammenfassung

Hier am Ende muß aber ernsthaft die Frage gestellt werden, ob eine von einem Meder entworfene „Geschichte Mediens“, wie wir sie postuliert haben, im späten sechsten oder im frühen fünften Jahrhundert überhaupt möglich gewesen sei, vor allem eine, in der verfassungsgeschichtliche Reflexionen vorgekommen seien. Es hilft nicht zu sagen, daß Fritz Gschnitzer vor einigen Jahren wahrscheinlich machte, daß es in den persischen Erzählungen über die Beseitigung des angeblich falschen Gaumata etwas in dieser Art gegeben haben muß,86 so sehr mir seine Argumente auch einleuchten – etwas Handfestes ist das nicht. Aber mit seinem allgemeinen Verweis auf das Awesta zeigte Gschnitzer den richtigen Weg, auch wenn er ihn in seiner Arbeit aus Platzgründen nicht mehr beschritt. Die Lektüre des Awesta zeigt in der Tat, daß gebildete Iraner während dieses Zeitalters mit historischem und politischem Denken vertraut waren. Zum einen werden im Awesta wiederholt Listen der Urkönige geboten, meist in einer feststehenden, das heißt nach irgendwelchen Gesichtspunkten geordneten Reihenfolge.87 Mögen diese Könige auch größtenteils legendär gewesen sein, für die Verfasser des Awesta waren sie unzweifelhaft historisch, und deswegen wurden sie exemplarisch wiederholt herangezogen: Yašt 5,21 ff. richten z. B. mehrere Könige an die betreffende Gottheit eine Bitte, wobei einigen entsprochen wird, anderen hingegen nicht, um so klar zu machen, was für Vorhaben es sind, die der Himmel begünstigt. Die Verfasser des Awesta verfügten also über einen ihrem Dafürhalten nach historischen Stoff, der ihnen bearbeitet und übersichtlich vorlag und dem sie daher Beispiele für ihre theologischen Argumente entnehmen konnten. Im Grunde sind es übrigens dieselben Könige, die vor der Alexanderzeit bei Firdausi vorkommen – das Material hielt sich also bis in mittelpersische Zeit in irgendeiner Form, so daß auch Firdausi und seine Vorgänger es in einer Weise bearbeiten konnten, die ihnen als historisch galt, was auch immer wir davon halten mögen.88

Des weiteren machen sich die Verfasser des Awesta wiederholt Gedanken über Formen der Herrschaft, das Verhältnis von Religion und Herrschaft, die Qualitäten verschiedener Dynastien und Machthaber, gute und schlechte Könige, die Legitimierung von Herrschaft und sogar die Amtsentsetzung eines Königs. Gerade demjenigen, der von der Selbstverständlichkeit der Monarchie im Iran ausgeht (vgl. etwa Hdt. 6,43),89 kommt es als Überraschung vor, daß sich ein Iraner mindestens in Gedanken ein Volk vorstellen konnte, das gar keinen Oberherrn kennt (Videvdat 1,19). Der Iraner konnte sich sogar den Segen wünschen, er bekäme einen Sohn, der bei Volksversammlungen das Wort führen und so das Wohl von Gemeinde und Land fördern wird (Yasna 62,5), wobei man zunächst meint, man befände sich in Athen zur Zeit des Kleon und des Hyperbolos. Die Verfasser des Awesta gehen von einer bestimmten Ämterhierarchie aus, die ihnen offenkundig als ‚Normalfall‘ gilt: Hausherr, Dorfherr, Gauherr, Landesherr (z. B. Yašt 10,18; Yasna 13,1; 52,7; u. ö.). Doch gibt es die Ausnahme, wo es nämlich keinen Landesherrn gibt, und seine Stelle durch Zarathustra selbst besetzt wird (Yasna 19,18). Gerade diese Stelle hält auch fest, daß selbst dort, wo es einen Landesherrn gibt, Zarathustra (also: die religiöse Obrigkeit) über ihm steht. Auf nahezu aristotelische Art hatte man eine grundsätzliche Form abstrahiert, zu der es mindestens eine Variante gab. Die grundsätzliche Form hatte man sogar in ein bestimmtes Verhältnis zur religiösen Obrigkeit gerückt. Sehr oft wird Zarathustra als „bester Oberherr“ gelobt (z. B. Yasna 27,13; Yašt 16,20; 18,7; 20,3; 21,2), was sicherlich heißen will, er stehe über allen sonstigen Landesherren. Ähnliches muß man auch der Stelle entnehmen, wo Mithra als „Landesherr aller Länder“ apostrophiert wird (Yasna 6,10): er steht auf einer höheren Stufe als der gemeine menschliche Landesherr. Mag dieses Bild der historischen Wirklichkeit entsprochen haben oder nicht, es ist von politischem und verfassungsgeschichtlichem Denken geprägt.

Die Verfasser kennen auch Dynastien und Machthaber verschiedener Qualität. An einer Stelle wird eine Fremdherrschaft beschrieben – eine Dynastie nicht-arischer Herrscher, die einer Landplage gleichgesetzt wird (Videvdat 1,17). Mehrmals werden unter den Feinden des Zoroastrismus „kavische und karapanische“ Herrscher erwähnt (Yasna 46,11; Yašt 5,13 u. ö.; 10,34; 14,4.62; Yasna 9,18). Was genau die beiden Sorten unterschied, wird nie klar, aber es wird auch das „mazdahgeschaffene kavische xvarǝnah-“ gepriesen (z. B. Yasna 6,13; 17,14; 22,16): mindestens ein kavischer Machthaber war dem Zoroastrismus wohlgesinnt. Ganz abgesehen von diesen Herrschaftsformen (wenn wir wirklich von solchen sprechen können) werden Überlegungen angestellt, was einen Herrscher legitimiert: huxšaθrōtəmāi bāṯ xšaθrəm ahmaṯ hiiaṯ aibī dadəmahicā, „demjenigen, der die Herrschaft wahrhaftig am besten führt, dem weisen wir die Herrschaft zu“ (Yasna 35,5; Visprat 8,2; Afrinakan 3,6). Freilich wird hier von Ahura Mazdah gesprochen, der oberhalb jeglicher menschlichen Herrschaft schwebt, doch wird hier begründet, wieso man gerade Ahura Mazda als ultimativen Herrscher anerkennt: er führt die Herrschaft eben am besten. Es wird also unter anderem über Legitimität spekuliert. Einem Menschen wird man denselben Grad an Perfektion wohl nicht abverlangt haben, aber auch auf Erden wollte man einen guten Herrscher haben (Yasna 48,5):

huxšaθrā xšə̄ṇtąm mā nə̄ dušǝxšaθrā xšə̄ṇtā

vaŋhuiiå cistōiš šiiaoθanāiš ārmaiti90

„Gute Herrscher sollen herrschen – nicht sollen schlechte Herrscher über uns herrschen – mit den Werken der guten Lehre, mit Frommergebenheit.“

So erhofft man sich Yasna 41,2 huxšaθrastū nə̄ nā-vā nāirī-vā xšaētā ubōiiō, „es möge über uns, Mann und Weib, ein guter Herrscher herrschen“. War nun ein menschlicher Herrscher nicht gut genug, so konnten ihm die Gottheiten die Herrschaft wegnehmen. Yasna 9,24 verjagt Haoma den Kǝrǝsānay aus seiner Herrschaft. Yašt 19,31 ff. wird erzählt, wie der Urkönig Yima sich allmählich der Lüge zuneigte und deswegen die Herrschaft verlor. Yašt 10,111 behauptet Mithra sogar, er könne jederzeit jeden Herrscher der Herrschaft berauben. Mithra kann natürlich einen Herrscher auch einsetzen (Yašt 10,109), und wenn ein Herrscher als von Mithra eingesetzt galt, so verschaffte ihm dieser Umstand sicherlich Legitimität. Nun strebten die Verfasser des Awesta ganz anderen Zielen zu als einer detaillierten Analyse von Herrschaftsformen nach Art eines Aristoteles, so daß dies alles bei knappen Andeutungen bleibt. Nichtsdestoweniger steckt eine Menge Staatsdenken hinter diesen.

Die Grundlagen für staatstheoretische Gedanken anhand konkreter, vermeintlich historischer Personen waren also innerhalb des geistigen Eigentums gebildeter Iraner um 500 v. Chr. geboten: geordnetes und nach irgendwelchen Grundsätzen bearbeitetes, mindestens dem Anspruch nach historisches Material; Gedanken über gute und schlechte Herrscher sowie vielleicht auch Herrschaftsformen; eine Tradition des Heranziehens historischer Exempel, um Ansichten konkret auszuführen. Einiges hiervon ist natürlich in die Behistun-Inschrift eingeflossen, die ja an und für sich zeigt, daß es einem Iraner im Jahre 520 möglich war, historische Ereignisse in eine sinnvolle Ordnung zu bringen und in einer literarisch anspruchsvollen Form der Öffentlichkeit darzubieten.

Außerdem, sobald der Kontakt mit den Assyrern und Babyloniern begonnen hatte, standen den Iranern auch andere Quellen politischen und historischen Denkens als das Awesta zur Verfügung – assyrische Annalen, babylonische Chroniken, usw. Je nach dem, wo man die Entstehung dieser „Medergeschichte“ lokalisieren will, kommt auch anderer Einfluß in Betracht: Wenn sie unter den im westlichen Kleinasien wohnhaften Iranern91 entstand, dann wäre auch griechischer Einfluß denkbar. Noch vor Herodot verfaßte Xanthos der Lyder eine Geschichte Lydiens gar in griechischer Sprache,92 vermutlich weil ihm Modelle in dieser Sprache vorlagen, was ja zur Voraussetzung hat, daß griechische Historien unter gebildeten Kleinasiaten im Umlauf waren. Aber darauf brauchen wir nicht zu bestehen: Modelle waren an mehreren Orten im Vorderen Orient und in Nachbargebieten vorhanden,93 und schließlich wissen wir ja, daß ein Iraner um diese Zeit in einer Abhandlung, in der es unter anderem um Fragen der Geschichte und der Politik ging, sehr wohl andere Völker im Vorderen Orient mitberücksichtigen konnte: Dareios ließ ja seinen Bericht nicht nur in persischer, sondern auch in elamischer, babylonischer und aramäischer Sprache aufschreiben. Trotz der Sprachenvielfalt gab es im Reich einen einzigen Kulturraum, in den Dareios seinen großen Bericht hinaussandte und auf den dieser wirken sollte und mußte. Wir sollten uns daher vor der Annahme hüten, daß Berichte in den anderen Sprachen in diesem Kulturraum auf gebildete Iraner nicht eingewirkt hätten. Sofern man Kyros den Großen mit dem Text am Kyros-Zylinder vertraut machte, muß mindestens ein Iraner dem Einfluß eines babylonischen Berichts ausgesetzt worden sein, denn dieser Text, der Kyros unter anderem zu Marduk beten läßt, ist sicherlich in der Hauptsache ein babylonisches Produkt (auch wenn es der Absegnung durch die Perser bedurfte). Anregungen, die von nicht-iranischen Quellen herrührten, sind bei einem iranischen Verfasser folglich nicht auszuschließen.

Treffen unsere Überlegungen über den medischen Logos auch nur annähernd zu, dann erblicken wir in diesem nicht nur Herodots Hand (denn Herodot hat sicherlich gestaltend in das ihm vorliegende Material eingegriffen), sondern auch die eines iranischen Verfassers, der in medischen Kreisen zur Achaimenidenzeit gewirkt hat. Somit rückt die Frage nach der Historizität eines medischen Reiches in ein anderes Licht. Denn wir haben es nicht mehr nur mit Herodots Konzept eines Vorgängerreiches für das Perserreich, sondern auch mit dem eines wesentlich besser informierten Meders (man beachte vor allem die genuinen Namen wie „Deiokes“ und „Protothyes“ sowie das chronologische Gerüst) zu tun, der zwar manche Fabel über die alten Meder erzählt haben mag, ein ganzes Reich wohl nicht wird haben erfinden können. Die zuvor besprochenen Stellen im Alten Testament treten ihm in der Sache ohnehin bestätigend zur Seite, desgleichen die Stellen der Behistun-Inschrift, die eine Ausdehnung der medischen Herrschaft bis in den Zentraliran bezeugen. Schließlich haben wir auch die Medismen (einschließlich des Worts „Satrap“) im Altpersischen eingehend besprochen und gesehen, daß sie für die Meder ein Reich mit festgefügtem Regierungsapparat und ausgebildeter Reichsideologie voraussetzen. Ja, es gab ein medisches Reich, das dem Perserreich voraufging, wie Herodot berichtet; und die Meder, auch wenn sie am Ende den Persern den Platz räumen mußten, blieben deren Lehrmeister auf diesem Gebiet.

Danksagung

Ich spreche Prof. Dr. W. T. Blösel, der diesen Aufsatz mehrmals durchlas und in jeder Hinsicht verbesserte, meinen herzlichen Dank aus. Für die noch verbleibenden Fehler, gleich welcher Art, trage jedoch ich die alleinige Verantwortung.

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Footnotes

  • 1

     Lanfranchi – Roaf – Rollinger 2003; Rollinger 2005. 

  • 2

     Die Etymologie ist unstrittig: IE *eḱṷo- (vgl. Lat. equus; Myk. i-qo, /(h)i(k)kṷos/) > II *asṷa- (vgl. AI áśva-) > AP asa-, „Pferd“. Davon hebt sich die Form aspa- in altpersischen hippophoren Namen wie Aspacanah- (DNd 1) und Vištāspa (z. B. DSf 13) sowie im epitheton ornans uvaspa- deutlich ab, denn hier haben wir /sp/ aus IE *ḱṷ. So verlief im Medischen die Entwicklung, denn in dieser Sprache lautete das Wort für Hündin σπά-κα (Hdt. 1,110,1). Die Etymologie ist wiederum unstrittig: IE *ḱṷon- (vgl. gr. κύων) > II *sṷa- (vgl. AI. śva-) > AP *sa-ka- (erschlossen aus MP sak und NP sag, „Hund“). Somit steht Med. /sp/ (spaka) neben AP /s/ (*saka-). Dieser Verteilung entspricht außerdem das Vorhandensein von /sp/ aus IE *ḱṷ in den nordwestlichen Dialekten des Neupersischen (auf dem Gebiet des antiken Medien) gegenüber /s/ in den südwestlichen (auf dem Gebiet der antiken Persis): Lentz 1926, 263–264. (Aus mitteliranischer Zeit bietet zwar auch das Sogdische /sp/ < IE *ḱṷ – ’sp, „Pferd“ –, aber aus geographischen Gründen wird die Sprache der Sogder auf das Altpersische kaum Einfluß ausgeübt haben, selbst wenn die Sogder bereits in altiranischer Zeit /sp/ < IE *ḱṷ gekannt hätten. Auch das Awestische bietet aspa-, „Pferd“, u. a. auch in hippophoren Namen, und man könnte die persische Vorliebe für aspa- bei solchen Namen dadurch erklären. Dennoch scheint das Problem der Namen mit aspa- mit dem der Namen mit farnah- – beide Male handelt es sich um dem Altpersischen dialektfremde Formen bei männlichen Eigennamen – zusammenzuhängen, und farnah- [siehe Anm. 4] kann dem Awestischen nicht entlehnt worden sein – dort hieß es xvarǝnah- [siehe Anm. 4]). 

  • 3

     Die genuin altpersische Form *visa-dana- ist erschlossen aus der von einem elamischen Schreiber benützten Transliteration mi-iš-šá-da-na (DNa Elam. 8). Da ein Wort mit der Bedeutung „alle Menschen umfassend“ im Elamischen fehlte, blieb Elamitern, die dieses in einem elamischen Text schreiben mußten, nichts anderes übrig als den altpersischen Begriff zu transliterieren, und der eine elamische Schreiber legte hierbei die genuin altpersische Form zugrunde. Bei vispa- neben *visa- (aus IE *ṷiḱṷo-, „all“) liegt dasselbe Phänomen wie bei aspa-/asa- und spaka-/*saka- vor (siehe Anm. 2), und aufgrund dieses Umstands können wir das Wort als Ganzes dem Medischen zuweisen. Bei -zana- und *-dana- ist die Etymologie wiederum unstrittig. IE *ǵono- (vgl. gr. γόνος von γίγνομαι, „Gezeugter, d. i. Mensch“) > II *źana- > AI jána-, AP *-dana- und Med. -zana-, „Mensch“. Dem entspricht die Verteilung von /z/ und /d/ aus IE *ǵ in den neupersischen Dialekten, mit /z/ in den nordwestlichen und /d/ in den südwestlichen: Lentz 1926, 260–262; Tedesco 1921, 189. Zwar bietet auch das Awestische /z/ < IE *ǵ – etwa zan-, „zeugen“ –, doch ist ein Nomen zana- (ob als Simplex oder als Kompositum) nicht belegt, worauf es hier aber ankäme. 

  • 4

     Aw. xvarǝnah- setzt AP *uvarnah- voraus. AI śvarnah-, „Lichtraum“, zeigt, daß es sich um die Fortsetzung von IE *-sṷ- handelt. (IE *sṷe- [lat. suus, gr. *σϝός] > AI śva-, AP uva- und Aw. xva-, „sein, suus“.) Statt des im AP zu erwartenden *uvarnah- finden wir aber in Männernamen farnah- (e. g. Φαρνάβαζος, Τισσαφέρνης, Vindafarnah-). In irgendeiner iranischen Sprache lief die Entwicklung offenkundig wie folgt: IE *sṷ > /f/. Schmitt 2003, 25–26, hat gegen die herkömmliche Annahme, diese Sprache sei das Medische, eingewandt, daß der Name des medischen Königs Kyaxares voraussetze, daß im Medischen IE *sṷ statt dessen zu /ḫṷ/ geworden sei. (Im AP lautete der Name Uvaxštra [DB II 15] – also mit uv- e positione aus IE *sṷ –, wobei Gr. Κυαξάρης, /K(u)ṷaksárēs/, die Ausgangsform *Ḫṷaxštra voraussetzt. Dies entspricht der Entwicklung im Falle des zentraliranischen Ortsnamens Chorasmien: AP Uvārazmī- [DB I 16] und Aw. Xvāirizəm neben Bab. ḫu-ma-ri-iz-mu [DB Bab. 6] und Gr. Χωρασμίη, die beide eine Ausgangsform *Ḫṷarasm- voraussetzen.) Nach Schmitt wäre demgemäß auch im Medischen die Entwicklung wie folgt gewesen: IE *sṷ > /ḫṷ/. Hierbei verfällt Schmitt aber einer petitio principii: es ist eben nicht erwiesen, daß der Name Kyaxares genuin medisch ist. Gerade Herrscher tragen oftmals Namen fremden Ursprungs: man denke etwa an den Anführer der aus dem babylonischen Exil nach Jerusalem zurückgekehrten Juden, Zerubabbel, der keinen hebräischen, sondern einen babylonischen Namen hatte – „Sproß Babylons“, auch wenn er dem Hause Davids entsprossen war. Bevor Schmitts Argument Geltung erlangen kann, muß erst der Beweis geführt werden, daß „Kyaxares“ ein echt medischer Name gewesen sei. Dabei liegt sogar ein Indiz vor, daß dieser Name einen fremden Ursprung hatte. Denn Uvaxštra weist /tr/ auf, statt des im AP zu erwartenden Sibilanten „ç“ und des im Med. zu erwartenden /θr/ – siehe Anm. 13. Nun blieb ererbtes /tr/ nach Spiranten (Sibilanten eingeschlossen) im Awestischen ebenso wie hier erhalten, wobei es auch in dieser Position im echten Altpersisch zu „ç“ wurde: Aw. uštra-, „Kamel“ neben AP uša-, „Kamel“ – belegt im Kompositum uša-bāri-, „vom Kamel getragen“ (DB I 86); uša- ist wohl aus *ušça- < uštra- entstanden. Der einzige andere Beleg von /tr/ nach Spirant im altpersischen Corpus ist nun der Ortsname Bāxtriš, „Baktrien“ (DB I 16) – aber Baktrien lag im fernen Nordosten des Perserreichs, weit weg vom eigentlich medischen Sprachgebiet. Für AP Baxtriš schrieben die Elamiter zwar manchmal ba-ik-tur-ri-iš (DNa Elam. 17), jedoch auch ba-ak-ši-iš (PF 1555,8), das die erwartete genuin altpersische Form *Baxçiš voraussetzt, mit Sibilant anstelle von /tr/ selbst nach Spirant. Der Name Kyaxares könnte daher einer iranischen Sprache im Nordosten des iranischen Sprachgebiets entlehnt worden sein – unter den bekannten mitteliranischen Sprachen im Nordosten bieten als Fortsetzung von II *tr das Baktrische /r/ < /θr/ (πουρο, „Sohn“ [CII, III/II dd4] neben AP puça- [DB I 3], Aw. puθra-, AI putrá- < II *putra- < IE *putlo-) und das Chwaresmische bisweilen /hr/ (hrδys, „dreizehn“ < IE *tri-), so daß das Bewahren von ererbtem /tr/ nach Spirant in diesen Sprachen im Nordosten in altiranischer Zeit nach dem jetzigen Stand des Beweismaterials mindestens nicht ausgeschlossen werden kann. Entfällt somit Schmitts Argument gegen die Zuweisung von farnah- an das Medische, dann kommt das Argument Mayrhofers 1968, 5, aufgrund der Verteilung der neupersischen Dialekte erst recht zur Geltung. Unter diesen bietet allein der Dialekt von Sivand, der sich auch sonst als eine Insel innerhalb der Dialekte im Süden des heutigen Iran ausweist, solche f-Formen, und von einer nördlichen Herkunft (sprich: aus dem Gebiet des ehemaligen Medien) dieses Dialekts wird aufgrund anderer Spracherscheinungen meist ausgegangen: Mayrhofer 1968, Anm. 19; Morgenstierne, HdO I/IV 1, 171–172; P. Lecoq 1979, 11. Dies macht sehr wahrscheinlich, daß farnah- in der Tat medisch war, und, wie nicht anders zu erwarten, finden wir es in den Namen mehrerer Meder wieder: *Agnifarnah-, *Bagafarnah-, *Farnahṷant-, *Ciθranfarnah- – erschlossen aus Ass. ag-nu-par-nu, ba-ga-par-na, pa-ar-nu-u-a bzw. ši-dir-pa-ar-na (IP VII 1A, Nr. 5, 32, 106 bzw. 130). Auch wenn meines Wissens keine der genannten Personen spezifisch als Meder gekennzeichnet wird, so sind ihrer zwei (*Bagafarnah- und *Ciθranfarnah- – n.b. bei letzterem auch Med. /θr/ – siehe Anm. 13) doch Würdenträger auf medischem Gebiet. Des weiteren handelt es sich in allen Fällen um Leute im neuassyrischen Reich vom späten 8. bis zum späten 7. Jahrhundert: die Assyrer hatten kaum mit anderen iranischen Völkern als denen im Zagros-Gebiet zu tun, wo die Meder saßen. Schließlich kennen wir auch folgenden Namen aus elamischer Überlieferung: ma-da-bar-na, also *Madafarnah-, „medisches Farnah besitzend“ (PF 1203,2). 

  • 5

     Die Form und das davon abgeleitete *ganza-bara-, „Schatzmeister“, sind sicher erschlossen aus biblisch-aramäischem גִּנְזֵי (Es. 7,20) und גִּזַּבְרַיָּא, „Schatzmeister“ (Es. 7,21) sowie aus elam. qa-an-za (PF 1442,7) und gán-za-bar-ra, „Schatzmeister“ (PT 22,1). Zwei Indizien weisen darauf hin, daß *ganza- im Altpersischen ein Fremdwort ist. Zum einem setzt NP gašn eigentlich die Form *gazna- für das Altpersische voraus – Mayrhofer 1968, 13. Zweitens: Als ein elamischer Schreiber sich anschickte, *ganza-bara- zu transliterieren, setzte er das bekannte Nebeneinander von AP /d/ und Med. /z/ (siehe Anm. 3; weitere Belege: AP Bṛdiya [DB I 30] neben Med. *Bṛziya [erschlossen aus Bab. bar-zi-iá (DB Bab. 13) und Aram. ב[ר]זי (DB Aram. 41)] und AP Ṛtavardiya [DB III 36] neben Med. *Ṛtavarziya [erschlossen aus Bab. ar-ta-mar-zi-ia (DB Bab. 73) und Aram. ארתורזי (DB Aram. 25)]) voraus und schrieb daher die Form gán-da-bar-ra (PF 1947, 19), was ein nicht existierendes altpersisches *ganda- voraussetzt. Der Fehler zeigt aber, daß dieser Schreiber erstens *ganza- als Medismus empfand und zudem wußte, daß AP /d/ in der Regel Med. /z/ entsprach. Siehe Mayrhofer 1968, 13–15. Eben dasselbe finden wir übrigens Dan. 3,2 (גְדָבְרַיָּא, „Schatzmeister“) wieder. Auch hier wird als altpersische Ausgangsform *ganda- vorausgesetzt, d. h. daß *ganza- als von den Lautgesetzen des Altpersischen abweichend empfunden und ihnen daher (wiewohl irrtümlich) angepaßt wurde. 

  • 6

     Schmitt 2003 schließt *ganza- implizit und farnah- explizit aus; Mayrhofer 1968 fügt der Liste weitere Wörter hinzu. Meiner Ansicht nach muß einem zweier Kriterien entsprochen worden sein, bevor ein Wort im Altpersischen als Lehnwort aus einer anderen iranischen Sprache angesehen werden kann: 1.) Entweder muß die genuin altpersische Entsprechung des betreffenden Wortes belegt oder mindestens zu erschließen sein, so daß das Lehnwort als Fremdkörper im Altpersischen ausgewiesen wird; 2.) oder die Etymologie des betreffenden Wortes muß unstrittig sein, so daß auf diesem Wege eine dem Altpersischen fremde Lautentwicklung festgestellt werden kann. Bei *ganza- ist, wie mir erscheint, der erste Punkt gegeben; und bei farnah- eigentlich beide. Um schließlich das Lehnwort dem Medischen zuzuweisen, muß angesichts der vielen anderen iranischen Sprachen ein positives Indiz vorliegen, daß das Wort wirklich medisch ist: bei *ganza- können wir feststellen, daß ein elamischer Schreiber sowie der Autor des Buches Daniel das Wort effektiv als Medismus empfanden; bei farnah- weist die moderne Dialektologie auf Medien hin. 

  • 7

     Die Form asa- steht DB I 87 in der normalen Narration und kommt auch in dem mehrmals belegten Kompositum asa-bara-, „vom Pferde Getragener, Reiter“ sowie in uv-asa-bara, „guter Reiter“ vor (z. B. DNb 41–42). Des weiteren setzt der elamische Berufstitel áš-šá-bat-ti-iš (PF 1978, 15) das AP Kompositum *asa-pati-, „Gestütsmeister“ voraus. 

  • 8

     Mit der Wendung vgl. das awestische „ein Reiter, der gut zu Roß ist“ (Yasna 65,4). 

  • 9

     Wegen der ‚reichsideologischen‘ Qualitäten des Pferdes mag in diesen Zusammenhang noch hineingehören, daß es Herodot zufolge (3,84–86) formal die Pferde waren, die nach Dareios’ und der sechs Mitverschwörer gelungenem Staatsstreich entschieden, wer aus ihrem Kreise König werden sollte. Daß Dareios’ Knappe dabei gemogelt haben soll, tut nichts zur Sache, sollte die Geschichte einer iranischen Quelle entnommen worden sein: wichtig wäre dann allein die Vorstellung, daß das Schicksal des ganzen Reichs auf dem Rücken der Pferde ruhte. Bezüglich eines etwaigen „Pferdeorakels“ bei den Persern vgl. man auch die wesentlich spätere Geschichte, die wir bei Prokop (BP 2,5,9–10) finden, der zufolge der Sassaniden-König Chosrau I. auf das Wiehern seines Pferdes hin die Entscheidung traf, während eines Feldzuges durch römisches Gebiet die Stadt Sura zu belagern. Siehe auch Ktesias, FGrH 688, Fr. 8d 13 (besprochen unten, Anm. 66). 

  • 10

     Nach Herodot (7,40) hatten die medischen Pferde in der Tat einen besonders hohen Ruf. 

  • 11

     Nach Thuk. 8,58 übernahm der Satrap Lydiens, Tissaphernes, die Kosten der lakedaimonischen Flotte gegen Ende des Peloponnesischen Krieges. Vorausgesetzt, daß jede lakedaimonische Triere eine volle Besatzung von 180 Ruderern hatte und daß jedem Ruderer drei Obolen pro Tag bezahlt wurden, so kostete es rund 150 Talente, um 100 Trieren 100 Tage lang auf dem Wasser zu halten. Nun hatten die Lakedaimonier in der Regel mehr als 100 Schiffe, die außerdem länger als 100 Tage im Jahr im Einsatz waren, doch konnte Tissaphernes die hohen Summen wiederholt ausgeben, ohne daß er es anscheinend zu spüren bekam. Die Silbervorräte im Schatzhaus zu Sardeis müssen schier unerschöpflich gewesen sein, und gerade dies machte auf die Griechen einen nachhaltigen Eindruck, so daß sie manchmal scherzten, daß die Bogenschützen auf den Münzen der Perser weitaus effektiver als die eigentlichen gewesen seien: Plut. Agesilaos 15,6. 

  • 12

     Für die Einzelheiten im Folgenden sei auf Schmitt 1976, 373–390, verwiesen. 

  • 13

     Es handelt sich um die Fortsetzung von II *tr (< IE *tr und *tl), im AI noch erhalten: kṣatrá-, „Herrschaft“. Im AP wurde II *tr zu einem nicht näher definierbaren stimmlosen Sibilanten, den wir konventionell mit „ç“ wiedergeben: xšaça-, „Herrschaft“ (DB I 44). Als sich der Meder Fravartiš gegen Dareios auflehnte, legte er sich den Namen Xšaθrita (DB II 15) zu, der /θr/ anstelle des im AP zu erwartenden „ç“ aufweist. Leider kann nicht ohne weiteres angenommen werden, daß der Name Xšaθrita medisch sei (vor allem weisen auch andere iranische Sprachen wie das Awestische /θr/ < II *tr auf: vgl. den Fall von Kyaxares, Anm. 4), aber weitere Indizien legen dies nahe. Auch in Sagartien gab es einen Aufstand, und hier hieß der Rebell, der behauptete, ein Meder zu sein, in der persischen Fassung der Behistun-Inschrift Ciçantaxma (DB II 79). Das zweite Glied des Namens, taxma-, „tapfer“, ist wohl medisch, zumal die genuin altpersische Form tahma im Eigennamen *Tahma-aspa (erschlossen aus elam. tam5-ma-áš-ba – PF 1583,3; Mayrhofer 1969, 109) belegt ist; außerdem weisen die nordwestlichen Dialekte des Neupersischen auf dem Gebiet des antiken Medien /xm/ auf, wo die südwestlichen auf dem Gebiet der antiken Persis /m/ bieten: Lentz 1926, 263. Das erste Glied, ciçan-, das auch im Namen „Tissaphernes“ vorkommt, weist aber mit seinem „ç“ die altpersische Form auf. Dies macht zunächst stutzig, aber die babylonische Fassung der Behistun-Inschrift bietet dagegen ši-it-ra-an-taḫ-ma (DB Bab. 61), wohl Wiedergabe von /Tšiθran-taxma/. Es gab also ein Nebeneinander von „Ciçan-“ und /Tšiθran-/, und wenn die Form mit „ç“ altpersisch ist, dann ist die mit /θr/ höchstwahrscheinlich als medisch anzusehen. Vgl. *Vahu-ciça neben *Vahu-ciθra (erschlossen aus elam. ma-u-zí-iš-šá [PF 754,2] bzw. ma-u-zí-ut-ra [PF 242,5] – Mayrhofer 1969, 110). Des weiteren weisen die nordwestlichen Dialekte des Neupersischen die Fortsetzung von /θr/, nämlich /hr/ auf, wohingegen die südwestlichen /s/ bieten und somit das altpersische „ç“ fortsetzen: Lentz 1926, 257–258; Tedesco 1921, 198–199. Hinzu kommt schließlich, daß die Griechen (und eigentlich auch die Babylonier) aus rein geographischen Gründen nur von einem westiranischen Volk das Wort *xšaθrapa gelernt haben können, und da kommen wirklich nur die Meder in Frage. Wie nicht anders zu erwarten, kommt /θr/ < II *tr oft genug in den Namen von Medern vor: *Ciθranfarnah-, erschlossen aus Ass ši-dir-pa-ar-na (IP VII 1A, Nr. 130 – es handelt sich um einen Stadtfürsten auf medischem Gebiet) oder *Miθraka, erschlossen aus Ass mì-it-ra-ku (IP VII 1A, 93 – es handelt sich wieder um einen Stadtfürsten auf medischem Gebiet). Beide Male sind die Personen in den Texten der Neuassyrer belegt, die kaum mit anderen iranischen Völkern als denen auf dem Gebiet des späteren Medien zu tun hatten; und beide Male ist die genuin altpersische Entsprechung in den Namen von Persern gut bezeugt: ciçan- (wie oben dargelegt) bzw. *miça(-), erschlossen etwa aus elam. mi-iš-šá (d. i. *Miça: PF 9028,21) oder mi-iš-šá-ak-qa (d. i. *Miçaka: PF 1946,77). Schließlich gibt es einen in diesem Zusammenhang besonders relevanten Personennamen: *Xšaθrapana – erschlossen aus Ass. sa-tar-pa-nu (IP VII 1A, Nr. 121). Den Namen trugen zwei Stadtfürsten auf medischem Gebiet im späten 8. Jahrhundert. 

  • 14

     Auf einen möglichen Einwand muß hier eingegangen werden, unter anderem weil er während meiner Arbeit an diesem Aufsatz erhoben worden ist: daß die Meder das Wort *xšaθrapa- zwar an die Griechen vermittelt haben mögen, es sich jedoch auf etwas anderes als die bei den Persern vorhandene Institution bezogen haben könne. Das hieße, daß als die Griechen den Persern begegneten und die ihnen e positione bis dato unbekannte Institution des Satrapen kennenlernten – sicherlich unter dem persischen Namen xšaçapāvan- –, sie prompt auf den Gedanken kamen, die Institution nicht so, sondern nach einem ihnen zufällig in der Erinnerung gebliebenen medischen Wort zu bezeichnen, vor allem weil dieses etwas anderes bedeutete. Gewiß ist diese reductio ad absurdum etwas überspitzt, und sie lenkt auf jeden Fall von einem echten Problem ab, nämlich wie und in welchem Zeitraum die Institution des Satrapen (und der Satrapie) entstand und sich entwickelte, bis sie den Stand erreichte, in dem sie Griechen und Babylonier bereits zur Mederzeit kennenlernten, so daß diese in der persischen Institution dasselbe wie damals in der medischen erkannten. Etymologisch bedeutet der Titel nichts mehr denn „der die Herrschaft schützt“, so daß er ursprünglich eine andersartige Würde bezeichnet haben mag, wie unter anderem die Verwendung dieses Titels als eines Personennamens im späten 8. Jahrhundert (siehe Anm. 13) nahelegt. 

  • 15

     Sowohl Griechen als auch Babyloniern standen andere Wörter als das Lehnwort *xšaθrapa zur Verfügung. Zuweilen schrieben die Babylonier ja ihr eigenes Wort, pāḫatu, „Statthalter, Distriktsvorsteher“ (DB Bab. 79), das wir dann auch im Hebräischen wie im Aramäischen vorfinden (פֶּחָה – Es. 8,36 oder Neh. 2,7 bzw. Es. 6,6; alle drei Male von dem „Gouverneur“ Ebir Naris). Herodot für sein Teil schreibt einige Male ὕπαρχος, „Statthalter, untergeordneter Befehlshaber“ (3,120 und 126; 4,166). Aber die Griechen verwendeten in aller Regel das Lehnwort, das sie dem Medischen entnommen hatten, um die persische Institution zu bezeichnen, statt eines ihrer eigenen Wörter – und dies legt doch sehr nahe, daß die persische Institution grundverschieden von denen war, auf die sich ihre eigenen Wörter bezogen; auch daher ihre Präferenz für das medische Lehnwort, das offenkundig dieselbe Institution wie die persische bezeichnete. 

  • 16

     Für zūrah- steht die Etymologie dank Aw. zūro- „unrechtmäßig“ und AI hurás-, „unrechtmäßig“ fest; es handelt sich um die Fortsetzung von IE *ǵh, das im AP durch /d/ vertreten wird (AP dasta- [DB IV 35], Aw. zasta- und AI hásta- < IE *ǵhesto-, „Hand“). Somit ist zūrah- als Lehnwort im Altpersischen erwiesen. Die postulierte Entwicklung von IE *ǵh im Medischen (das wäre also Med. /z/ gegenüber von AP /d/) gliche aufs Haar der von IE *ǵ, wo das Medische nachweislich /z/ statt des AP /d/ bietet (siehe Anm. 3). Leider ist die Entwicklung von IE *ǵh im Medischen eben nicht belegt, das heißt es liegt kein direktes Indiz für die Zuweisung von zūrah- an das Medische vor – hinsichtlich des Methodologischen vgl. Anm. 6. 

  • 17

     Beim Verbum (patiy-)zbaya-, „(Recht) aussprechen, (Rechtsspruch) verkünden“, sichern Aw. zbā- und AI hvā-, „rufen“, wiederum die Etymologie, in diesem Fall die Herleitung von IE *ǵhṷ, das sich im Altpersischen zu /z/ entwickelte (vgl. AP hazāna- [DB II 74] mit Aw. hizvā- [< *hizbā-] und AI jihvá- < IE *dṇǵhṷā-, „Zunge“). Dementsprechend ist zbaya- im Altpersischen ein Lehnwort. Die postulierte Entwicklung von IE *ǵhṷ im Medischen (das wäre also Med. /zb/ neben AP /z/) entspräche der von IE *ḱṷ (Med. /sp/ neben AP /s/) haargenau. Doch ist jene Entwicklung im Medischen eben nicht belegt, so daß wiederum kein direktes Indiz für die Zuweisung an das Medische vorliegt (vgl. Anm. 6). 

  • 18

     Für die Einzelheiten sei auf Schmitt 1997, 121–130, verwiesen. In den mitteliranischen Sprachen gibt es eine klare Verteilung von /št/ und /st/ (entstanden aus IE *ḱt): das Parthische (also eine nordwestiranische Sprache) bietet /št/ gegenüber dem normalen /st/ des südwestiranischen Mittelpersisch, das jedoch vereinzelte /št/-Formen aufweist (wobei das Umgekehrte nicht vorkommt). Diese /št/-Formen im Mittelpersischen müssen also als aus einer nordwestiranischen Sprache entlehnt gelten. Bezüglich der Sprachen im Westen in altiranischer Zeit könnte mit demselben dialektischen Unterschied gerechnet werden, was hieße das Wort u-frašta-, „streng bestraft“ (aus IE *preḱ-to-) zum Lehnwort aus einer nordwestiranischen Sprache wie dem Medischen zu erklären. 

  • 19

     Siehe voranstehende Anmerkung. Den Schluß, daß es sich bei ni-pišta- (aus IE *peiḱ-to-) um einen terminus technicus der Rechtssprache handelt – also „(ein Edikt oder Rechtsspruch vel sim. steht) geschrieben“ –, erlaubt, wie Schmitt 1997 dargelegt hat, die Verwendung eben dieses Wortes, und zwar als eines evidenten Lehnworts, in dem Felsen-Edikt des indischen Herrschers Aśoka in Shāhbāzgaṛhi (in Gandhara, also im äußersten Nordwesten des altindischen Sprachgebiets): etwa VI M ayi dhrama nipista, „diese Inschrift über das Recht ist geschrieben“ (siehe auch IV J und K, XIII X und XIV A), verglichen mit den anderen sieben Versionen des Edikts, die aus anderen Teilen des Mauryen-Reichs stammen und die anstatt von nipista stets das AI likhita verwenden. Das iranische Lehnwort verwendet Aśoka außerhalb dieses an den iranischen Sprachraum anschließenden Gebiets nicht, also werden hier die Normen der dort ansässigen Bevölkerung offenkundig berücksichtigt, für die es in diesem Kontext nun einmal nipista, „geschrieben“ hieß. Text der Felsen-Edikte: Schneider 1978. 

  • 20

     Beide Bücher entstanden wohl im 2. Jahrhundert v. Chr. Daniel wurde, wie die Verse 11,20–45 zeigen, gegen Ende der Regierungszeit Antiochos’ IV. (175–164 v. Chr.) verfaßt, Ester wohl nach etwa 200 v. Chr. (die berühmte Hymne Sirachs auf „ruhmreiche Männer“ – Sir. 44–49 – weiß nichts von Mordechai und Ester, und nach dem Prolog verfaßte diese Schrift der Großvater eines 132 v. Chr. nach Ägypten gekommenen Juden) und vor der Entstehungszeit des zweiten Makkabäerbuches, das Mordechai und seine Taten bereits kennt (2 Makk. 15,36). Das zweite Makkabäerbuch entstand aber im Zeitraum etwa 150–65 v. Chr. (siehe Parker 2013, 33–44, und 2007, 386–402). 

  • 21

     Da die Wendung formelhaften Charakter aufweist und auch andernorts als im Danielbuch vorkommt, ist sie vom Autor dieses Buches vermutlich nicht erfunden worden. Diese Feststellung ist insofern wichtig, als das Danielbuch in oftmals recht merkwürdiger Weise mit historischen Begebenheiten umspringt: z. B. soll Dareios der Meder den letzte König Babylons, Belsazar, gestürzt haben (Dan. 5,30–6,1). Dabei war Dareios natürlich Perser, und der letzte König Babylons hieß Nabonid. 

  • 22

     Auch wenn es bisweilen vorkommt, daß Wörter aus der mit weniger Prestige ausgestatteten Sprache in die mit höherem entlehnt werden (etwa „Durbar“ – „[Königs]hof“ – aus Urdu ins Englische während der Zeit des Raj), ist dies in unserem konkreten Fall wenig wahrscheinlich. Erstens stand das Altpersische in engerem Kontakt mit mehreren Sprachen wie etwa dem Babylonischen, dem Elamischen und dem Aramäischen. Vor allem das Babylonische war eine altehrwürdige Kultursprache, mit einer umfangreichen und hochangesehenen Literatur, und doch entlieh ihm die Sprache der Perserkönige kein Wort. Die Perser bedienten sich des Aramäischen als allgemeiner Amtssprache, und dieses „Reichsaramäische“ enthält viele Iranismen, wohingegen bloß ein aramäisches Wort in die Sprache der Perserkönige sicher eingedrungen ist (maškā-, „[aufgeblasene] Tierhaut“). Das gleiche gilt auch für das Elamische der Persepolistäfelchen – da wimmelt es von Iranismen, wobei sich im Altpersischen nur ein Elamismus (dipī- „[in Stein gemeißelte] Inschrift“) nachweisen läßt. Umso mehr fällt es auf, daß die Sprache der Könige wiederholt dem Medischen Wörter entlieh, und zwar immer wieder aus einem bestimmten semantischen Bereich (vgl. damit etwa den eher zufällig ins Altpersische gekommenen Aramaismus maškā). Zum anderen ist kein Bestandteil der Titulatur der persischen Könige sicher persisch, wohingegen einiges sicher medisch ist. Wenn ich das Material recht gesichtet habe, ist xšaça-pāvan-, „Satrap“, der einzige ideologische oder institutionelle terminus technicus, der sprachlich sicher persisch ist (neben mehreren medischen). Das persische Amt, jedenfalls nach griechischem und babylonischem Verständnis, war aber mit dem medischen identisch, so daß wir hier vermutlich die Ausnahme haben, welche die Regel bestätigt. Denn die Perser hatten vielleicht einen triftigen Grund, wieso sie in diesem bestimmten Fall ein eigenes Wort schufen: den Persern scheinen die Konsonantenballungen /θr/ und /tr/ große Schwierigkeiten bei der Aussprache bereitet zu haben (daher ihr Schwanken um 500 v. Chr. zwischen dem sicherlich einheimischen Baktriš und dem für sie wesentlich einfacher auszusprechenden *Bakçiš; daher das Schwanken zwischen Mitra und Mithra als in ihren Inschriften die Achaimeniden-Könige des 4. Jahrhunderts diese Gottheit unter diesem Namen zu nennen begannen: eine genaue Aussprache gelang ihnen nicht, denn in ihrer Mundart hieß es *Miça). Das ständige Stolpern bei solch einem wichtigen Wort wie „Satrap“ mag die Perser bewogen haben, es sich leichter zu machen. Das Phänomen, wobei ein bestimmter Konsonant oder eine Konsonantenballung für die Mitglieder einer gewissen Sprachgemeinschaft zum schier unüberwindlichen Stolperstein wird, ist längst bekannt: Ri. 12,6. 

  • 23

     Klar zum Ausdruck kommt diese Ideologie einer universellen Herrschaft nicht nur in einem Titel wie „der große König, der König der Könige, der König von Ländern mit Menschen aller Stämme, der König dieser großen Erde weit und breit“ (DNa 8–12), sondern auch darin, was diesem Titel fehlt: die geographische Eingrenzung des Herrschaftsgebietes durch Nennen eines Landes- oder Völkernamens wie etwa „Persien“. Letztere Eigentümlichkeit des persischen Königtums fand auch in den Sprachgebrauch der Griechen Eingang, denn bei ihnen bedeutete βασιλεύς ohne jegliche weitere Qualifikation immer den Perserkönig. Bei anderen Königen hingegen finden wir stets den Landes- oder Völkernamen. So steht Thuk. 1,89 sehr schön ὁ βασιλεὺς τῶν Λακεδαιμονίων („der König der Lakedaimonier“) neben ἀφεστηκότες ἀπὸ βασιλέως, „jene, die vom Könige abgefallenen sind“, und es muß eben nicht erklärt werden, welcher „König“ hier gemeint war. 

  • 24

     Tracht: Hdt. 1,135 (vgl. Xen. Kyr. 7,3,1–3 und 8,15); Kriegsausrüstung: Hdt. 7,62. Letztere Stelle ist vielleicht die wichtigere, denn meiner Meinung nach geht sie auf eine Quelle Herodots zurück (Parker 2015, 99–117) und stellt somit eine ältere, von Herodot unabhängige Überlieferung dar. 

  • 25

     Aus methodologischen Gründen lassen wir hier ein paar Wörter außer acht, auch wenn sie mit gewisser Wahrscheinlichkeit als medisch angesehen werden können: 1.) vazṛka-, „groß, erhaben, mächtig“. Dieses Wort kommt fast ausschließlich in der Königstitulatur (xsāyaθiya ahyāyā būmiyā vazṛkāyā, „König dieser großen Erde“ [DNa 11–12]; xsāyaθiya vazṛka, „großer König“ [DB I 1]) und in einer formelhaften Wendung (Ahuramazda sei baga vazṛka, „[ein] großer Gott“ [XPh 1]) vor. Die Titel würden zwar gut zu den bereits besprochenen Medismen passen, aber wir dürfen den Wunsch nicht zum Vater des Gedankens werden lassen: Die erwartete persische Entsprechung *vadṛka- ist nirgends belegt und auch nicht zu erschließen; und die Etymologie von vazṛka- steht leider nicht fest. Aw. vazra-, „Keule“, und AI vájra-, „Donnerkeil (Indras)“ hat man vazṛka- als awestische bzw. altindische Entsprechung gerne zur Seite gestellt (z. B. Kent 1950, 207), doch fragt es sich, ob diese beiden Wörter wirklich, wie diese Ansicht verlangt, von Hause aus „das Große, das Mächtige“ bedeuteten und nicht etwa schlicht „Kolben“ oder „Waffe“. 2.) xšāyaθiya, „König“. Altpersisch könnte man statt dessen *xšāyasiya < II *kšāyatiya erwarten, aber die Form kann man auch anders erklären: Schmitt 1989, 89 f. 

  • 26

     Grayson (ABC, S. 50) notiert zutreffend: „It is unfortunate that enquiries into biased history do not usually go back any further than Herodotus“. 

  • 27

     Die Nabonid-Chronik (ABC 7) scheint z. B. gegen Nabonid, den letzten einheimischen König Babylons, stark voreingenommen zu sein. Man beachte vor allem die wiederholten Hinweise darauf, daß wegen seiner Politik bestimmte wichtige religiöse Feste nicht mehr gefeiert werden konnten (ABC 7, II 6, 11, 20, 24). Von seiner „Chronicle 21“ schreibt Grayson (ABC, S. 50): „The pro-Assyrian prejudice of the author of this text is so blatant that a modern reader might wonder how any sensible person would ever accept the facts as narrated in the chronicle.“ 

  • 28

     Siehe jetzt Adah 2011. 

  • 29

     Selbst Rollinger 2010, räumt ein, daß wir in den babylonischen Chroniken die Meder stets „durch die babylonische Brille“ (74) sähen. Dennoch erkennt er (68–77) dem Bild der Meder als unorganisierter Horde in den Chroniken einiges an Beweiskraft zu – meiner Meinung nach zu Unrecht. 

  • 30

     Obwohl Rollinger 2005, 21 die Stelle erwähnt, spielt sie in seiner weiteren Beweisführung leider keine Rolle. 

  • 31

     Rollinger 2005, 22 f. argumentiert, daß der armenische Aufstand (DB II 29–63), weil er in der Narration mit dem Aufstand in Medien (DB II 13–29, 64–90) verzahnt sei, mit diesem auch inhaltlich zusammenhänge. Damit mag er recht haben, aber meiner Meinung nach bleibt dies bloße Vermutung. 

  • 32

     Meiner Ansicht nach ergibt sich die Lokalisation dieses Gebiets klar aus DPe, denn hier bietet Dareios eine geographisch gegliederte Liste der Länder oder Völker, über die er herrscht. Erst listet er diejenigen in der westlichen Reichshälfte auf, und zwar in der Reichsmitte beginnend und nach dem Westen vordringend; dabei stößt er erst nach dem Südwesten vor und, nachdem er mit Ägypten in dieser Richtung ans Reichsende gekommen ist, setzt er wieder mit Armenien an und fährt in nordwestlicher Richtung fort: Elam, Medien, Babylonien, Arabien, Assyrien, Ägypten, Armenien, Kappadokien, Lydien, die Griechen des Festlandes sowie die am Meere, und die Länder jenseits des Meeres (es sind letztere die gegen Ende des 6. Jahrhunderts von Dareios erworbenen europäischen Besitztümer des Reichs). Dann setzt Dareios von neuem an und listet die Länder oder Völker in der östlichen Reichshälfte auf: Sagartien, Parthien, die Drangiane, Arien, Baktrien, die Sogdiane, Chorasmien, Sattagydien, Arachosien, Indien, Gandara, die Saker, die Maker. Offenkundig beginnt er wiederum in der Reichsmitte (Parthien, die Drangiane, Arien), doch dieses Mal dringt er nach Osten vor. Demgemäß gehören die Sagarter eindeutig zu den zentraliranischen Völkern.Es liegt übrigens in der Natur der Sache, daß man bei einer solchen Auflistung geographisch vorgeht und dabei, an bestimmten Punkten angelangt, einen Sprung macht und neu ansetzt. Man vgl. die Auflistung bei der Reichsteilung zu Triparadeisos im Jahre 321 (Diod. 18,39): Ägypten, Syrien, Kilikien – leichter Sprung – Mesopotamien, Babylonien, die Susiane, die Persis, Karmanien – leichter Sprung –, Großmedien, Parthien, Arien und die Drangiane, Baktrien und die Sogdiane, Parapamisadae, die indischen Satrapien – großer Sprung – Kappadokien, Großphrygien, Karien, Lydien, das hellespontische Phrygien (versehentlich ausgelassen: Media Atropatene und Arachosien zusammen mit Gedrosien). Die Reichsteilung zu Babylon 323 (Diod. 18,3): Ägypten, Syrien, Kilikien – Sprung – Großmedien, Kappadokien, Großphrygien, Karien, Lydien, das hellespontische Phrygien – Sprung – die indischen Satrapien, Parapamisadae, Arachosien und Gedrosien, Arien und die Drangiane, Baktrien und die Sogdiane, Parthien und Hyrkanien, die Persis, Karmanien – leichter Sprung – Media Atropatene – leichter Sprung – Babylonien, Mesopotamien (versehentlich ausgelassen: die Susiane). Dabei redet man gewöhnlich von einer „scribal route“, bei der es manchmal zu Kringeln und Kreisen anstatt einer geraden Linie kommen kann.Rollingers Umsetzung der Sagarter in den Westen um Arbela herum (2005, 22) aufgrund von DB II 90–91, wo Dareios den sagartischen Rebellen Ciçantaxma in Arbela pfählen läßt, ist meines Erachtens nicht zulässig: Dareios muß den Rebellen nicht gerade dort bestraft haben, wo dieser gegen ihn gekämpft hatte. Alexander nahm z. B. Bessus in der Sogdiane gefangen, schickte ihn zwecks Hinrichtung jedoch weg nach Baktrien (Arr. 3,30). 

  • 33

     Es fragt sich natürlich, wann eine „lose Konföderation“ fest genug wird, um fortan den Namen ‚Reich‘ zu verdienen; und wann ein ‚Reich‘ solch lockere Strukturen aufweist, daß man sich mit dem Gedanken trägt, ihm den Namen ‚Reich‘ abzusprechen. Das Perserreich z. B. kann man mit einiger Berechtigung als lockeres Gefüge weitestgehend unabhängiger Bestandteile betrachten. Satrapien wurden oftmals von Dynastien regiert (Karien, Hellespontisches Phrygien) und im Falle Kilikiens sogar von dem ehemaligen einheimischen Königshaus. Angesichts der damaligen Kommunikationsmittel unterlagen Satrapen im Alltag einer recht oberflächlichen Kontrolle durch die zentralen Regierungsinstanzen, sofern man von diesen überhaupt sprechen kann. Selbst innerhalb einer Satrapie waren lokale Herrscher (die Stadtkönige auf Zypern; Tyrannen im griechisch bewohnten Kleinasien) oftmals weitestgehend frei, ihre Städte nach Belieben zu verwalten. Wie weit diese Freiheit gehen konnte, kann man anhand einer von den Persern nach dem Ionischen Aufstand durchgeführten Maßnahme sehen. Nach der Zerschlagung des Aufstands zwangen die Perser die griechischen Städte, in Zukunft ihre Streitigkeiten vor einem Gericht schlichten zu lassen – statt miteinander Krieg zu führen (Hdt. 6,42). Wenn vor etwa 500 v. Chr. zwei griechische Städte einen Grenzzwist hatten, so konnten sie einander ohne Behinderung bekriegen, ohne daß es den persischen Satrapen in Sardeis gestört hätte. War das Perserreich so ‚locker‘, daß es kein ‚wirkliches‘ Reich war? Und inwiefern sind die Merkmale eines ‚Reichs‘, die Staaten wie dem persischen und dem medischen abgefordert werden, ein in moderner Zeit entstandenes Konstrukt? 

  • 34

     Im Osten des Perserreiches gab es einige ‚Doppelsatrapien‘, die wohl ursprünglich eigenständige Satrapien gewesen waren, die zu einem späteren Zeitpunkt zusammengelegt wurden. Im Falle von Baktrien und der Sogdiane ist dies klar ersichtlich: obwohl unter nur einem Satrapen, Bessos (Arr. 3,8,3), gab es sowohl in der Sogdiane als auch in Baktrien eine Hauptstadt, Marakanda (Arr. 3,30,6 – mit königlicher Residenz) bzw. Zariaspa/Baktra (Arr. 4,1,5). Vgl. die Drangiane, in der es eine königliche Residenz gab (Arr. 3,25,8), obwohl die Drangiane dem „Satrapen Arachosiens“ unterstand (ebenda mit Arr. 3,8,4). Hyrkanien und Parthien bildeten ebenfalls eine Doppelsatrapie zur Alexanderzeit (Arr. 3,8,4 und 23,4), und da die beiden Gebiete DB II 92–98 gleichsam als Einheit agieren, mögen sie es auch 521 gewesen sein. Die Zusammengehörigkeit beider Gebiete war auf jeden Fall zur Zeit Alexanders des Großen sehr alt, denn wir finden nur in Hyrkanien Spuren einer Administration (Arr. 3,25,1 – Hauptstadt Zadrakarta mitsamt königlicher Residenz). In Parthien wird bei den Alexander-Historikern nichts dergleichen erwähnt, und erst die Seleukiden gründeten dort als administratives Zentrum am Kreuzungspunkt mehrerer Wege Hekatompylos, die spätere Hauptstadt der Arsakiden (App. Syr. 57; Pol. 10,28,7; Plin. nat. 6,61). Es mag sein, daß die Merkmale einer eigenständigen Administration in Parthien (Residenz, Paradeisos und Schatzhaus) wegen Redundanz um 330 schon längst verschwunden waren und erst unter griechischer Herrschaft wieder installiert wurden. Bildeten also Hyrkanien und Parthien bereits im Jahre 521 eine Doppelsatrapie, dann liegt die Zeit ihrer Zusammenlegung vor 521 und die Zeit der satrapalen Eigenständigkeit beider Gebiete noch weiter zurück – ob in der Mederzeit oder nicht bleibe hier dahingestellt. 

  • 35

     Eine Stele Nabonids (siehe Schaudig 2001, 436 f.) stellt Kyros als das Werkzeug Marduks dar, mit dem Marduk Ištumegu zerschlägt. Nach dieser Quelle soll Kuraš weniger Truppen als Ištumegu gehabt, dessen Truppen aber dennoch „zerstreut“ (sapāhu) haben. Welchen Vorgang genau das Verbum sapāhu andeuten soll, bleibt im unklaren. In der Gefangennahme Ištumegus aber geht diese Quelle mit der Nabonid-Chronik konform. 

  • 36

     Kyros der Jüngere war in der Schlacht geblieben, also befanden sich seine Truppen in einer äußerst prekären Lage. Mangels ihres Feldherrn war der Krieg verloren, auch wenn Artaxerxes II. keinen eindeutigen Sieg errungen hatte. Doch liefen Kyros’ persische Truppen zunächst einmal nicht zur anderen Seite über, denn ihrer Aufnahme beim ehemaligen Feinde waren sie noch nicht sicher. Erst nachdem sie ihnen vertrauenswürdig erscheinende Beteuerungen erhalten hatten, daß Artaxerxes II. sie gut empfange, liefen sie über. 

  • 37

     In den Kriegen der Diadochen nach Alexanders Tode hatte Eumenes zwei Schlachten gegen Antigonos eigentlich gewonnen, doch war bei der zweiten sein Lager, einschließlich des Hab und Guts seiner Soldaten sowie ihrer Familien, in die Hände des Antigonos gekommen. Eumenes war ein Grieche, dem seine makedonischen Soldaten nur unter Vorbehalt gefolgt waren und dem die mit ihm bis dahin verbündeten Satrapen im Osten des Reiches wenig vertrauten, wohingegen Antigonos nicht nur Makedone, sondern gar ein unter Alexander zu Ehren gekommener Feldherr war. Nach Verhandlungen mit Antigonos fühlten sich die Soldaten der Aufnahme bei ihm sicher – vor allem da sie ihm den von ihnen gefangengenommenen Eumenes anboten –, und eigentlich wollten sie viel lieber einem Makedonen als einem Griechen dienen. Eumenes wurde ausgeliefert, und seine ehemaligen Soldaten gingen bei Antigonos in den Dienst. 

  • 38

     Demetrios Poliorketes, der Sohn des Antigonos Monophthalmos, störte den Frieden, der sich zwischen Lysimachos (dem König Thrakiens und des westlichen Kleinasien), Ptolemaios (dem König Ägyptens und Palästinas) und Seleukos (dem König der übrigen asiatischen Gebiete von Alexanders Reich) allmählich eingestellt hatte. Demetrios war durch Kleinasien nach Syrien marschiert. Als sein Heer dem des Seleukos in Schlachtordnung gegenüberstand, ritt Seleukos vor die eigenen Truppen, zog den Helm vom Haupte, daß ihn alle auch erkennen konnten, und rief Demetrios’ Truppen zu, wer wolle, könne bei ihm in den Dienst treten. Zu einer Schlacht kam es nicht, denn Demetrios’ Truppen liefen zuhauf über, und wenige Tage später wurde er selbst gefangengenommen. 

  • 39

     In einer für das Seleukidenreich äußerst schwierigen Situation hatte sich Molon, der Satrap Großmediens gegen Antiochos III. aufgelehnt und war in Mesopotamien eingefallen. Zwei vom König ausgesandte Heere hatte er bereits besiegt, als der König höchstselbst an der Spitze eines dritten Heeres erschien. Durch den Anblick ihres Königs an ihre Treue gemahnt, ließen Molons Truppen ihn im Stich und liefen zu Antiochos III. über. Molon, dem ahnte, was ihm geschähe, sollte man ihn gefangen nehmen, beging Selbstmord. 

  • 40

     Plutarch (Demetrios 44,5) beschreibt sehr schön die etwaigen Überlegungen von Soldaten, die sich mit dem Gedanken tragen, an einen anderen Feldherrn überzulaufen: „[Demetrios’] Truppen hatten seinen [des Pyrrhos’] Ruhm im Kriege stets bewundert und seit eh und je waren sie daran gewöhnt, den erfolgreichsten Feldherrn auch als den königlichsten zu erachten. Zu der Zeit erfuhren sie ferner, daß er [Pyrrhos] Gefangene milde behandeln würde, und da sie vor allem bestrebt waren, des Demetrios ledig zu werden – ob im Austausch gegen diesen [Pyrrhos] oder sonst jemanden, war einerlei – liefen sie über, am Anfang noch im geheimen und in kleinen Gruppen […].“ Es handelt sich hier um Ereignisse im Jahre 288, als Demetrios Makedonien an Pyrrhos, den König von Epeiros, und Lysimachos, den König Thrakiens, abtreten mußte. Demetrios war in Makedonien äußerst unpopulär geworden und als die anderen Diadochen (neben Pyrrhos und Lysimachos waren auch Ptolemaios und Seleukos daran beteiligt) ein Bündnis gegen ihn schlossen, hatte er unter den makedonischen Truppen wenig Halt. Daß Plutarch direkte Auskunft über die Gedanken der makedonischen Truppen hatte, ist natürlich ausgeschlossen, aber entweder er oder seine Quelle (wohl Hieronymos von Kardia) hat sich vortrefflich in die entsprechende Gemütsverfassung der Truppen hineinversetzen können. Falls Hieronymos in der Tat die Quelle war, dann hatte er ja persönliche Erfahrung mit einem überlaufenden Heer: er war bei Eumenes in Gabene im Jahre 316 gewesen. 

  • 41

     Z. B. Thuk. 1,18,1. Prokop sagt noch im 6. Jahrhundert n. Chr. manchmal „Meder“ statt „Perser“ (z. B. BP 1,3,12), weil er darum bestrebt ist, den klassischen Sprachgebrauch nachzuahmen. 

  • 42

     Z. B. Thuk. 1,14. 

  • 43

     Kallinos, Fr. 5a West; Hdt. 1,6,3 und 15; Kall. h. 3,252–254; Strab. 1,3,21, p. 61. Vollständige Auflistung der assyrischen Quellen: Parker 1995, 32 Anm. 105–113. Zu den Kimmeriern im Allgemeinen: Ivantchik 1995; Lanfranchi 1990. 

  • 44

     Mit der Übertragung des Meder-Namens auf andere Iraner vgl. die des Alemannen-Namens auf alle Deutschen im Französischen und die des Sachsen-Namens auf alle Engländer in den keltischen Sprachen (sassenach [Schottisch], sasanach [Irisch], saesneg [Walisisch]). In beiden Fällen gab es dauerhaften statt ephemeren Kontakt mit dem betreffenden Volke (die Alemannen unterstanden ja dem Frankenreich von 496 n. Chr. an). 

  • 45

     Diskussion unter Berücksichtigung früherer Ansichten: Grayson (ABC, S. 282) und Oelsner 1999/2000, 378 f. (der oben angegebene Text richtet sich nach den Angaben dieser Autoren). Beim gegenwärtigen Stand der Dinge liest man wohl am besten gar nichts. In unserem Zusammenhang ist mehr nicht vonnöten, aber ich möchte eine eigene Behandlung dieser schwierigen Stelle in Aussicht stellen. 

  • 46

     Zum Untergang Urarṭus s. Steele 2003, 5–16 (die für die zweite Hälfte des 7. Jahrhunderts plädiert). 

  • 47

     Rollinger 2005, 14. Es ist, nebenbei bemerkt, gut möglich, hier den Singular, „König“, zu lesen, wie es einige Herausgeber getan haben (Eißfeldt 1966, 362 [mir nur in englischer Übersetzung zugänglich]; Thompson 1980, 758), denn sowohl LXX als auch die syrische Pešiṭta bieten hier den Singular. 

  • 48

     Der echte Jeremia war im späten 7. und frühen 6. Jahrhundert tätig, aber nach einstimmiger Meinung der Fachleute umfaßt das unter seinem Namen kursierende Buch auch Material anderen Datums. Vs. 51,28 ist Teil eines größeren Orakels (50 f.), das für sein Teil zu einer noch größeren Orakelsammlung (46–51) gehört, die dem Jeremia-Buch angehängt wurde und deren Datum umstritten ist. 

  • 49

     Es sei denn, man dächte an eine Verwechslung der beiden nahe miteinander verwandten iranischen Völker, aber selbst das bei historischem Fakten-Wissen oftmals so verwirrte Danielbuch verwechselt sie nicht: dort heißt es nämlich 5,28, daß „die Meder und die Perser“ Babylon erobern würden. 

  • 50

     Eißfeldt 1966, 362. 

  • 51

     Siehe etwa Thompson 1980, 759; vgl. Bright 1965, 357. 

  • 52

     Siehe etwa Kaiser 1974, 10. 

  • 53

     Rollinger 2005, 13. 

  • 54

     Das Hsia-Reich aus der chinesischen Bronzezeit besitzt immer noch keine eigenen Schriftzeugnisse, und seine Existenz wird heute oftmals entsprechend angezweifelt. Andererseits bekam das Shang-Reich, das nach der traditionellen Auffassung das Hsia-Reich um 1600 v. Chr. ablöste, erst um etwa 1900 n. Chr. eigene Schriftzeugnisse dank den sogenannten Orakel-Knochen: Keightley 1978. 

  • 55

     Dies ergibt sich aus dem Umstand, daß die Tontafeln oft Monatsnamen erwähnen (z. B. po-ro-wi-to, /Plōṷistos/, „Monat des Segelns“, PY Tn 316), niemals aber ein genaues Jahr, wenn man von den gelegentlichen Hinweisen auf „dieses Jahr“ (za-we-te, /tsāṷetes/) und „letztes Jahr“ (pe-ru-si-nu-wa, /perusinṷa/) absieht (beides PY Ma 225). Mit anderen Worten behandeln die Tafeln die Vorgänge eines einzelnen Jahres, die aber bei Gelegenheit in einem Bezug zu den Vorgängen von „letztem Jahr“ (etwa bei einem rückständigen Betrag) standen, die offenkundig anderswo registriert waren. Außerdem ist es an sich ganz unwahrscheinlich, daß die vielgefächerte Bürokratie, welche die Tontafeln produzierte, über schriftliche Notizen nur für das laufende Jahr verfügte. Daß die Tafeln des vorherigen Jahres vernichtet wurden, ergibt sich daraus, daß beim Brand des Palastes keine solchen Tafeln – jedenfalls keine erkennbaren – übriggeblieben waren, denn die Feuersbrunst sicherte der Nachwelt jede sich zu der Zeit im Palast befindliche Tontafel. 

  • 56

     Dies wird auch von Rollinger 2010, 80 zugegeben. 

  • 57

    Fuchs 1994; Starr 1990. 

  • 58

     In etwa: Die 28 Jahre der Skythenherrschaft können in der 40jährigen Herrschaft des Kyaxares nicht miteinbegriffen sein, denn in den übrigbleibenden zwölf Jahren hätte Kyaxares nicht genügend Zeit gehabt, Ninive einzunehmen (1,106) und die medische Herrschaft bis an den Halys auszudehnen, wie es Herodot ja behauptet (1,103,2). Andererseits müssen die 28 Jahre der Skythenherrschaft in Kyaxares’ 40 Jahren miteinbegriffen sein, denn sonst würde Kyaxares 68 Jahre lang geherrscht haben, was ja selbst Herodot nicht geglaubt haben kann – als Kind wäre er dann zu Beginn seiner Regierungszeit gegen die Assyrer ins Feld gezogen! Die Unzulänglichkeit aller solcher Argumente liegt aber auf der Hand und macht deutlich, daß man diese Frage so nicht wird lösen können. 

  • 59

     Fuchs 1994, 105 f. 

  • 60

     IP VII.1a, Nr. 49. 

  • 61

     Siehe IP VII.1b, Nr. 413. 

  • 62

     IP VII.1a, Nr. 38. 

  • 63

     Der Text der betreffenden Kapitel ist wohl am bequemsten zugänglich bei Nyberg 1964. Deutsche Übersetzung: Nöldeke 1879; Auf Englisch: Sanjana 1896 (zugänglich im Internet: http://www.avesta.org/mp/karname.htm). Auf Französisch: Grenet 2003. 

  • 64

     Z. B. Boyce, HdO I/IV 2, 60. 

  • 65

     Auch Firdausi, der sich sonst eng am Karnamak hielt, schien ein dritter Traum des Guten zuviel, doch strich er den ersten und behielt den dritten bei (Bd. VI, 140–142 in der Textausgabe von D. Khaleghi-Motlagh; in der neuen Übersetzung von Davies ins Englische [2007, 530 f.]). 

  • 66

     Einen kuriosen Reflex davon, daß Ardašir seine Rebellion im Roßstall begonnen haben soll, findet man vielleicht bei Ktesias (BNJ 688, Fr. 8d 13): als sich Kyros mit dem Gedanken trägt, sich gegen Astyages aufzulehnen, kommt ihm ein Mann mit einem Eimer Pferdemist entgegen. Für Kyros ist dies ein gutes Omen, und er entschließt sich zum Aufstand. Die Geschichte bei Ktesias hat sonst kaum etwas mit denen bei Herodot und im Karnamak zu tun. Zu Pferdeomina bei den Persern vgl. Anm. 9. 

  • 67

    Meier 2004; Provencal 2015, vor allem 62–65. 

  • 68

    Panaino 2003, 332–338. Panaino macht zu Recht auf verschiedene eigentümlich iranische Züge in der Deiokes-Erzählung aufmerksam: das Verbot des Speiens vor dem König (1,99,1) – nach Xen. Kyr. 1,2,16 galt den Persern das Speien in der Tat als höchst unmanierlich, und Kyros der Große soll Xen. Kyr. 8,1,42 seinen Gefolgsleuten streng eingeschärft haben, sich in der Öffentlichkeit beim Speien nicht erwischen zu lassen; das Entrücken des Königs vor den Blicken gemeiner Sterblicher (1,99,1) – nach Herakleides von Kymai (Athen. 4,25, p. 145) aß der persische König im Normalfall in einem anderen Raum als seine Gäste, die er durch einen Vorhang sehen konnte, sie ihn hingegen nicht; das Unterhalten vieler Spione und Horcher im Lande, um Leute beim Begehen von Unrecht zu ertappen (1,100,2) – im Awesta hat die Gottheit Mithra, die über Verträge wacht, tausend Ohren, zehn tausend Augen und schließlich auch zehn tausend Spione (wiederholt Yašt 10, auch Yašt 6,5; Yasna 2,3; 3,5; 4,8 und sehr oft auch sonst), um feststellen zu können, ob jene, die Verträge abgeschlossen haben, diese brechen (Yašt 10,82.107). Solche Elemente wiegen mindestens ebenso schwer wie etwa die Wendung ἐρασθεὶς τυραννίδος (1,96,2) oder die tyrannenartige Leibwache (1,98,2). 

  • 69

     Miteingewirkt haben mag etwa Dareios’ Bericht über das Erbauen seines Palastes in Susa: DSf. 

  • 70

     Grundlegend zum Folgenden: Lambton 1962, 91–119. Allgemeiner und leicht populärer: Darling 2013, vor allem Kapitel 3–5. 

  • 71

     Le Strange – Nicholson 1921, 4 f. des persischen Textes. 

  • 72

    Zotenberg 1979, 482 (französische Übersetzung steht unterhalb des Textes). 

  • 73

     Humā’ī 1982, 82 f. (Englische Übersetzung: Bagley 1962; die betreffende Stelle findet sich S. 46). Den Aphorismus bietet auch Nizam al-Mulk: Ḥuṣūrī 1964, 13 (englische Übersetzung: Darke 1978; die betreffende Stelle findet sich S. 12). 

  • 74

     In den Listen der Urkönige im Awesta steht Hušang stets an erster Stelle (z. B. Yašt 5,21; 15,7; 17,24; 19,26). Die bei Firdausi wiederkehrende formelhafte Wendung „von (den Zeiten des) Hušang bis jetzt“ (z. B. Bd. VIII, S. 371 Khaleghi-Motlagh [Davies 2007, 830]) bedeutet nichts anderes als „vom Anfang bis heute“, impliziert also, daß die Königsgeschichte mit Hušang beginne. Dem zum Trotz ist der erste in der Narration genannte Urkönig bei Firdausi Gayomart (Bd. I, S. 21 Khaleghi-Motlagh [Davies 2007, 1]), der aber beim Awesta (z. B. Yašt 13,87) der erste Mensch ist. Obwohl dieser bei Firdausi zum ersten König aufgestiegen ist, wird die feststehende Wendung ungeachtet des Widerspruchs mit der Narration beibehalten. 

  • 75

     Bd. I, S. 29 Khalegi-Motlagh (Davies 2007, 3). 

  • 76

     Die awestischen Schriften können kaum absolut datiert werden, doch gab es angeblich eine Sammlung solcher Schriften bereits zur Zeit Alexanders des Großen (Arda Viraf, 1,3–9), und niemand zweifelt ernsthaft daran, daß die awestischen Schriften bereits im ersten Jahrtausend v. Chr. mindestens im Entstehen begriffen waren, auch wenn sie ihre Endgestalt im Laufe der nächsten Jahrhunderte nur allmählich gewannen. Die Sprache der Gathas ist älter als die der anderen awestischen Schriften, aber über diese relative Datierung kommt man nicht hinaus. Es fällt aber dennoch auf, daß unter den im Awesta erwähnten iranischen Königen keine historisch bekannten (ob Achaimeniden, Arsakiden oder Sassaniden) vorkommen – so als hätte der „Kanon“ der in diesem Zusammenhang diskutablen Könige bereits festgestanden, als Kyros der Große das persische Reich errichtete. Auch geographisch läßt sich das Awestische kaum festlegen. Aus allgemeinen Erwägungen heraus hat man meist an den Osten oder Nordosten Irans gedacht (etwa Boyce 1975, 189–191), aber sicher ist dies keinesfalls. Im Folgenden benütze ich für die Gathas die Ausgabe von Insler 1975; und für den Rest des Awesta eben Geldner. Deutsche Übersetzung: Wolff 1921. Wie Wolff halte ich mich eng an Chr. Bartholomaes Übersetzungen einzelner Satzteile im Altiranischen Wörterbuch. 

  • 77

     Herodot (3,67) berichtet ganz anders von den Taten des Gaumata, der ihm zufolge der Bevölkerung große Wohltaten erwies und ihr auf drei Jahre die Steuern und die Heerespflicht erließ. Bei Dareios’ Angaben müssen wir aus offensichtlichen Gründen stets mit groben Entstellungen der Wahrheit in seinem Sinne rechnen, und eine bereits feststehende iranische Ideologie vom gerechten König mag seine Propaganda über sich selbst sowie über den vermeintlich bösen Thronräuber ab und an vorgeschrieben haben – der geschichtlichen Wirklichkeit ungeachtet, die hier Herodot richtig wiedergegeben haben mag. 

  • 78

     Text und Deutung nach Insler 1975, 211. 

  • 79

     Emendation und Deutung nach Insler 1975, 211 f. 

  • 80

     Vgl. hiermit Yasna 18,5, wo dasselbe Verhalten von Reich und Arm verlangt wird. Hinsichtlich des Prinzips vgl. auch Yašt 10,2, dem zufolge Verträge einzuhalten sind, ganz gleich ob sie mit einem Zoroastrier oder mit einem „Anhänger der Lüge“ abgeschlossen worden sind. 

  • 81

     Man beachte zum Vergleich, daß bei den Griechen das Hervorheben der Richtertätigkeit eines Herrschers fehlt, das wir bei Dareios und beim Awesta klar feststellen können. Denn im 4. Jahrhundert v. Chr. entstanden in Griechenland mehrere Schriften über idealisierte Herrscher (etwa Isokrates’ „Euagoras“ oder Xenophons „Agesilaos“ und „Hieron“), doch bei allem überschwenglichen Lob für Euagoras, den König des kyprischen Salamis, und für Agesilaos, den König Spartas, wird in diesen Schriften niemals behauptet, jene hätten gut gerichtet. Im griechischen Kontext ist vielmehr wichtig zu betonen, daß ein König wie Agesilaos sich den Gesetzen gefügt habe (Ag. 7,2) oder daß ein König wie Euagoras Verbrecher gemäß den Gesetzen bestraft, d. h. sich nicht über diese hinwegsetzt habe (Euag. 43). Xenophon läßt seinen Hieron zwar über manches klagen, das ihn belästigt, aber die Pflicht zu richten findet sich im Katalog nicht, höchstens die Pflicht, Verbrecher zu bestrafen (Hier. 8,9). Dabei besprechen Simonides und Hieron aber einen Weg, wie Hieron dieser unangenehmen Pflicht ledig werden könnte (Hier. 9–10,1), denn nach griechischem Verständnis war sie eben kein unverzichtbarer Bestandteil des Herrschens. Nun hinterließ Xenophon auch eine Schrift über einen iranischen Herrscher, die „Kyropaidia“, und bezeichnenderweise redet er gerade hier von der Pflicht des Königs zu richten (z. B. Kyr. 1,3,16–18). Xenophon hatte ja selbst erlebt, wie wichtig das Richten für einen Perserkönig war (siehe den an. 1,6 beschriebenen Prozeß, den der jüngere Kyros in aller Form führt), und vermutlich deswegen betont er dies in der Kyropaidia – nicht aber bei griechischen Herrschern. Des weiteren scheint weder Isokrates noch Xenophon jemals in den Sinn gekommen zu sein, daß ein König für wirtschaftlichen Aufschwung im Lande sorgen sollte. 

  • 82

     Wie dies vor sich ging, ersieht man aus einer Stelle bei Polyainos (7,1), der Herodots Geschichte über Deiokes nacherzählt: bei Herodot erhält Deiokes von den Medern eine Leibwache auf seine Bitte hin; bei Polyainos aber täuscht Deiokes, gleich Peisistratos (Hdt. 1,59,4), ein versuchtes Attentat vor, um seine Bitte um eine Leibwache zu begründen. Es mag auch sein, daß Herodot, der Deiokes’ Aufstieg zur Macht dem eines griechischen Tyrannen bereits angeglichen haben mag, ein normales ‚Heer‘ durch eine tyrannenhafte ‚Leibwache‘ ersetzte. Gemäß Herodots eigener Wortwahl wird an einer Stelle sogar nahegelegt, daß Herodot hellenisierende Interpretationen seines Materials zuweilen bewußt zurechtlegte: 1,92,2 schreibt er ὣς δ’ ἐγὼ δοκέω, μάλιστα ἔλεγον οἱ τοῦ Δηιόκεω φίλοι, „wie ich meine, waren es Deiokes’ Freunde/Parteigänger, die (bei einer Versammlung der Meder) am meisten sprachen“. Nach eigenem Gutdünken also, behauptet Herodot jedenfalls, gibt er dem Deiokes στασιῶται bei, wie sie Peisistratos um sich sammelte (Hdt. 1,59,3). Auf diese Weise kann eine ursprünglich iranische Erzählung problemlos griechische Züge erhalten haben. Vgl. Gschnitzer 1977, 34 f., der wahrscheinlich macht, daß Herodot bei der großen Verfassungsdebatte (3,80–82) persisches Material bewußt strich und durch griechisches ersetzte. 

  • 83

     An der Historizität des Skytheneinfalls kann meiner Meinung nach nicht gezweifelt werden – vor allem wegen des Namens Protothyes –, wohl aber an dessen Ausmaß. Auch hier mag die medo-zentrische Perspektive im medischen Logos zum Vorschein treten: ein Ereignis, das vor allem Medien betraf, mag maßlos übertrieben und zu einem gemacht worden sein, unter dem ganz Asien litt. 

  • 84

     Siehe Verf. (wie Anm. 43) 22 und 25 f. 

  • 85

     SAA IV, 41–45, 48–51, 56–57, 60–62. Die neuassyrische Namensform lautete Kaštarītu – siehe IP VII.1a, Nr. 74. 

  • 86

     Gschnitzer 1977, passim bes. 33–34. 

  • 87

     Z. B. Yašt 5,21–118; 15,7–33; 17,24–52; 19,26–93. 

  • 88

     Klar ausgeführt: Nöldeke 1896–1904, 130 f. 

  • 89

     Vgl. auch Gschnitzer 1977 (wie Anm. 81), 35 f. mit Anm. 42. 

  • 90

     Text nach Insler 1975, 287. 

  • 91

     Nachkommen des Meders Harpagos wohnten noch zu Herodots Zeit in Lykien: TAM I, 44 lat. sept. 20–31. 

  • 92

     FGrH 765. Nach Ephoros (BNJ 70, Fr. 180 mit Kommentar) schrieb Xanthos vor Herodot. 

  • 93

     Es dienten ja auch Juden wie Nehemia am persischen Hofe (Neh. 1–2), die auf die historiographischen Errungenschaften ihres Volkes wie etwa das deuteronomistische Geschichtswerk hätten aufmerksam machen können. Überall im Perserreich lagen historische Entwürfe bereit: abgesehen von den vielen ägyptischen Texten denke man etwa an die phönikisch-hieroglyphenluwische Bilingue von Karatepe (KAI I, 26) oder an den historischen Bericht Mešas von Moab (KAI I, 222). Soll nichts davon auf Iraner eingewirkt haben? 

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Published Online: 2019-06-05

Published in Print: 2019-06-01


Citation Information: Klio, Volume 101, Issue 1, Pages 1–56, ISSN (Online) 2192-7669, ISSN (Print) 0075-6334, DOI: https://doi.org/10.1515/klio-2019-0001.

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