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Neuroforum

Organ der Neurowissenschaftlichen Gesellschaft

Editor-in-Chief: Luhmann, Heiko

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1868-856X
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Ich glaub, mich trifft der Schlag: Warum das Gehirn tut, was es tun soll, oder manchmal auch nicht

Besprochen von Arno Villringer, Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig

Published Online: 2017-02-10 | DOI: https://doi.org/10.1515/nf-2016-1110

„Brauchst Du dieses Buch wirklich zweimal“, fragte mich meine Mitarbeiterin, als sie zwei Exemplare desselben Buches in meinem Büro liegen sah und – während sie auf mich gewartet hatte – darin gestöbert hatte (aus Gründen der Mitarbeitermotivation, habe ich jetzt also nur noch ein Exemplar).

Als Neurowissenschaftler und Neurologe interessiert mich die Frage, ‚Was das Gehirn tut, was es tun soll, oder manchmal auch nicht‘ natürlich brennend. Dies ist der Untertitel des Buches ‚Ich glaub, mich trifft der Schlag‘ von Ulrich Dirnagl und Jochen Müller. Diese Namen auf dem Cover des im Droemer Verlag erschienenen Paperback stehen bei mir für wissenschaftliche Solidität: Mit Ulrich Dirnagl verbinden mich viele Jahre gemeinsamer Forschung, und Jochen Müller ist Neurobiologe, der bei Helmut Kettenmann promoviert hat.

Nicht nur der flapsige Titel, auch das poppige Cover signalisiert, daß es sich hier nicht um ein Lehrbuch oder einen der „langweiligen“ Patientenratgeber handelt. Jochen Müller ist nämlich ein prominenter ‚Science Slammer‘. Also jemand, der sich der Wettkampf-mässig betriebenen Kunst verschrieben hat, Nicht-Fachleuten in wenige Minuten dauernden Vorträgen die eigene Forschung unterhaltsam nahe zu bringen. Und genau darum geht es in diesem Buch: Interessierten Laien Hirnfunktionen zu erklären. Der Grundgedanke ist im Übrigen in der klinischen Neurologie wie auch der Neurowissenschaft seit vielen Jahren gut etabliert: Wenn was kaputt geht, kann man anhand der resultierenden Störung auf die ursprüngliche Funktion zurückschließen. Dieses Prinzip ist die Basis der Lokalisationstheorien von Paul Broca, einem der Begründer der modernen Neurowissenschaften. Anhand von sechs der häufigsten Hirnerkrankungen, nämlich Kopfschmerz, Schlaganfall, Epilepsie, Multipler Sklerose, Morbus Parkinson und der Alzheimer’schen Erkrankung werden bei Dirnagl und Müller basale Neurophysiologie (Aktionspotential, Nervenleitung, Neurotransmitter usw.), funktionelle Neuroanatomie, und auch höhere Hirnfunktionen behandelt. Die Krankheiten selbst, deren Ursachen und Behandlung, kommen dabei auch nicht zu kurz. Jochen Müller bedient sich dabei der von Fritz Kahn in den dreissiger Jahren des vergangen Jahrhunderts perfektionierten Technik zur Erklärung komplizierter biologischer Sachverhalte Metaphern und Bilder einzusetzen. Passenderweise, und ebenfalls im Geiste Kahn’s, wird all dies durch Comic-Zeichnungen von Oliver Wünsch illustriert. Die Rolle von Ulrich Dirnagl ist es dabei, den slammenden Jochen Müller im Schach zu halten, sicherzustellen, daß neurowissenschaftlich alles mit rechten Dingen zugeht, und die Leser auf so manch kleineren Exkurs zu den Kontroversen und offenen Fragen dieser Wissenschaft mitzunehmen. Auch so aktuelle Themen wie CGRP-Antikörperbehandlung bei Migräne, AC-und DCHirnstimulation, Rolle des Mikrobioms, hippokampale Place Cells fehlen deshalb nicht.

Ist es möglich, auf 330 Seiten, inklusive Glossar, Laien auf Grundlagen-wissenschaftlich wie klinisch aktuellem Stand allgemeinverständlich und unterhaltsam die ‚Funktion des Gehirns‘ nahe zu bringen? Müller und Dirnagl zeigen, daß das tatsächlich geht! Außerdem – so sagt meine Mitarbeiterin – macht es Spass. Aber selbst für gestandene Neurowissenschaftler, für die das Buch ja gar nicht geschrieben ist, könnte ‚Ich glaub, mich triff der Schlag‘ etwas bieten. Es wird Kandel’s Principles und das Brandt’sche Therapiebuch zwar nicht ersetzen, aber nicht jeder Neurowissenschaftler duerfte z. B. die Marburg Variante der MS kennen oder die Therapieprinzipien der Epilepsie. Aber, auch wenn man nicht zugeben möchte, dass man dabei auch was gelernt hat, so bleibt das „gesichtwahrende Argument“ darin viel anschauliches Material, didaktisch geschickte Formulierungen und einige schöne Metaphern für den Studentunterricht zum Einstieg in komplexe Mechanismen zu finden. Ausserdem könnten die Liebsten zu Hause durch die Lektüre dieses Buches etwas besser verstehen, was man tagsüber (und manchmal auch nachts) so treibt.

Ich glaub, mich trifft der Schlag: Warum das Gehirn tut, was es tun soll, oder manchmal auch nicht

Ulrich Dirnagl und Jochen Müller

Broschiert: 336 Seiten

Droemer Verlag (2016)

ISBN-10: 3426276798

ISBN-13: 978-3426276792

16,99 € (D), 17,50 € (A)


Published Online: 2017-02-10

Published in Print: 2017-02-01


Citation Information: e-Neuroforum. Volume 23, Issue 1, Pages 53–54, ISSN (Online) 1868-856X, ISSN (Print) 0947-0875, DOI: https://doi.org/10.1515/nf-2016-1110, February 2017

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