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Perspektiven der Wirtschaftspolitik

Editor-in-Chief: Paqué, Karl-Heinz

Ed. by Arnold, Lutz / Corneo, Giacomo / Grimm, Veronika / Horn, Karen / Schneider, Friedrich / Wagner, Franz

4 Issues per year


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ISSN
1468-2516
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Volume 18, Issue 1

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„Kein Wunder, dass Keynes Dollars in Flaschen stopfen, vergraben und wieder ausbuddeln wollte“

Ein Gespräch mit Bertram Schefold über die Herausforderung arbeitssparender Innovation, über die Kuppelproduktion und die Kapitalkontroverse, über Theoriegeschichte, Goethe, George und Europa

Bertram Schefold
  • Corresponding author
  • Goethe-Universität Frankfurt Lehrstuhl für VWL, insbes. Wirtschaftstheorie Theodor-W.-Adorno-Platz 4 D-60629 Frankfurt am MainGermany
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Published Online: 2017-05-10 | DOI: https://doi.org/10.1515/pwp-2017-0003

PWP: Herr Professor Schefold, was ist aus Ihrer Sicht derzeit die vielleicht wichtigste ökonomische Herausforderung?

Schefold: Das ist die Integration der Gesellschaften unter den Bedingungen der neuen Technologien. Meine Sorge ist, dass die Hoffnung der Ordoliberalen – wir brauchen nur das richtige Rahmenwerk, und dann entstehen genug Beschäftigungsverhältnisse von selbst – heute nicht mehr trägt, weil die neuen Technologien überwiegend in Prozessinnovationen bestehen. Sie schaffen nicht genug neue Beschäftigung. Der Automobilboom, so viele Nachteile er uns in der Vergangenheit gebracht haben mag, hatte eben diesen einen großen Vorteil, dass er mit den dazu beitragenden Technologien so viele sekundäre Beschäftigungsmöglichkeiten nach sich zog. Die Ersten, die ein Automobil kauften, waren stolz, es zu besitzen. Sie fuhren damit herum und riefen Nachahmer auf den Plan. Schon wollte man umziehen, weil man besser pendeln konnte; schon mussten die Städte umgebaut werden, weil man neue Straßen brauchte; ganz abgesehen von all den kleinen Garagen, die es zu errichten galt. Die Vielseitigkeit der Anwendungsmöglichkeiten und Bedürfnisse, die durch die Verbreitung der Technologie geschaffen wurden, war einfach enorm.

PWP: Und das ist mit den modernen Technologien heute nicht mehr so?

Schefold: Die neuen Technologien wirken zu einem großen Teil bloß arbeitssparend. Sie schaffen daneben neue Bedürfnisse, zum Beispiel nach gehobener Qualität. Man erwartet nunmehr von einem Manuskript, dass es aussieht, als ob es gedruckt sei. Selbst Seminararbeiten werden heute nicht mehr mit der Hand geschrieben, sondern kommen wie ein Buch daher, auch wenn sie nicht ebenso gut nach Druckfehlern durchgelesen worden sind. Das Problem ist: Die Multiplikator- und Akzeleratorwirkungen sind nicht dieselben. Das Ziel der Innovation besteht vornehmlich darin, die Kosten zu senken. Ein Handy neuester Bauart kostet zwar vielleicht 900 Euro, aber es ersetzt potentiell viele andere Geräte. Deshalb schafft diese Innovation im Saldo nicht Beschäftigung, sondern zerstört sie eher. Wo künftig all die Ergänzungen herkommen sollen, die man braucht, um nicht nur nicht zu schrumpfen, sondern um kräftiges Wachstum zu erreichen – da ist guter Rat teuer. Diese Ernüchterung war übrigens schon eine der allgemeinen Konsequenzen, die sich mir aus den großen kapitaltheoretischen Debatten der sechziger und siebziger Jahre ergeben haben.

PWP: Da steckten Sie als Promotionsstudent und Visiting Scholar in Cambridge seinerzeit ja persönlich mittendrin. Sie wurden dort bekannt durch ihre Beiträge zur Theorie der Kuppelproduktion. Warum wurde diese zu einem theoretischen Problem?

Schefold: Ein Grund, warum William Jevons seinerzeit das klassische System verwarf und zur Neoklassik überging, lag darin, dass er nicht sah, wie man anders modelltheoretisch mit der mathematischen Komplexität einer Welt mit einer Vielzahl von Produkten, hergestellt in Kuppelproduktion, fertig werden sollte. Deshalb zog er, um die relativen Preise zu bestimmen, die Nachfrage heran, die er aus der Nutzenfunktion ableitete. Die sehr einfache Idee meines Cambridger Lehrers Piero Sraffa hingegen, der die Klassik zu restaurieren suchte, war zu sagen: Ich kann schon bei der Einzelproduktion annehmen, dass die produzierten Mengen und die Einkommensverteilung zunächst einmal einfach gegeben sind und dass erst später darüber diskutiert wird, wie sie sich verändern. Also mache ich das auch in der Mehrproduktwelt. Die Preise werden in der langen Frist auch bei Kuppelproduktion den Produktionskosten einschließlich eines Normalgewinns entsprechen, und die Konkurrenz wird dafür sorgen, dass gerade so viele Prozesse eingesetzt werden, wie Preise zu bestimmen sind.

PWP: Wieso? Und wie entscheidet man, wie weit man die Kosten dem einen oder dem anderen Produkt zurechnen soll?

Schefold: Das ergibt sich aus den Proportionen, in denen die Güter benötigt werden. Um ein einfaches Beispiel aus Jevons’ Zeiten aufzugreifen: Die Australier produzierten vor allem verschiffbare Wolle und ließen die Schafe länger leben, um sie öfter scheren zu können; die Engländer schlachteten ihre Tiere früher, um den nahen Konsumenten Fleisch zu liefern. Und so entstanden, modellhaft betrachtet, zwei Prozesse, aus denen sich, die sonstigen Kosten vorausgesetzt, zwei Preise, für Wolle und Schaffleisch, ergaben. Ich begegnete ähnlichen Problemen, als ich im sogenannten Sozialverträglichkeitsprojekt mit Klaus Michael Meyer-Abich und Carl Friedrich von Weizsäcker die Zukunftsfähigkeit der Kernenergie untersuchte. Es ging hauptsächlich um die Begrenzung der Atomwirtschaft, aber nebenher ergab sich auch eine Verbindung zur Theorie. Wenn es so viele Kernreaktionen gibt wie zur Befriedigung des Bedarfs an Tagstrom notwendig, wird zu viel Nachtstrom produziert, da die Kraftwerke nicht kurzfristig abgestellt werden können. Der relative Preis von Tagstrom und Nachtstrom bestimmt sich dann aus den Möglichkeiten, den zunächst überflüssigen Nachtstrom anzuwenden, zum Beispiel durch Nachtspeicherheizungen, oder indem er durch Pumpspeicherwerke in Tagstrom verwandelt wird. Es gibt dann also doch die Möglichkeit, gegeben die Mengen, Preise auch bei Kuppelproduktion von der Kostenseite her zu bestimmen, weil bei Konkurrenz zuletzt so viele preisbestimmenden Prozesse übrig bleiben, wie Preise zu bestimmen sind.

PWP: Lassen Sie uns zur sogenannten Kapitalkontroverse zurückkommen, einer Auseinandersetzung der einen Cambridge-Schule um Piero Sraffa, Joan Robinson und anderen in Großbritannien mit Paul Samuelson und Robert Solow im amerikanischen Cambridge, in Massachusetts. Die Engländer liefen Sturm gegen die Annahmen in der neoklassischen Theorie und infolgedessen auch gegen deren übliche Voraussagen bezüglich Faktorentlohnung und Verteilung. Was war daran aus Ihrer Sicht das Wichtigste?

Schefold: Der Kern der neoklassischen Theorie besteht in der These, dass auch die Einkommen der Produktionsfaktoren Preise sind, die durch Angebot und Nachfrage bestimmt werden, so wie man sich das in der Neoklassik für Outputgüter vorstellt. Daraufhin ist die neoklassische Produktionsfunktion angelegt; und die hat mich immer schon gestört, weil sie eine Messbarkeit impliziert, die so nicht gegeben ist. Jedenfalls behauptet die Neoklassik, dass es Gleichgewichtspreise für die produzierten Güter und die Faktoren gibt, derart, dass angebotene und nachgefragte Mengen übereinstimmen. Dann herrscht Vollbeschäftigung auf den Arbeitsmarkt und Vollauslastung des Sachkapitals. Es ist aber nicht einfach, die aggregierten Angebots- und Nachfragefunktionen zu bestimmen. Diese Schwierigkeit liegt allerdings weniger bei der Arbeit als beim Kapital.

PWP: Wieso?

Schefold: Im Hinblick auf den Produktionsfaktor Arbeit kann ich mir noch halbwegs vorstellen, dass man die Mengen aufaddiert, indem man einfach die Zeiten zusammenzählt. Dabei kann man sogar noch exogen eine Gewichtung einführen, um höhergestellter Arbeit – sei es wegen der Ausbildung, sei es aufgrund gegebener Talente – gerecht zu werden. Dann kann ich die Arbeit messen. Die Nachfrage nach Arbeit muss man ableiten aus jener Nachfrage, die sich in einem allgemeinen Gleichgewicht überhaupt ergibt; es ist die Menge an Arbeit, die notwendig ist, um dieser zu genügen. Warum sollte diese Nachfragekurve eine geringere Nachfrage nach Arbeit zum Ausdruck bringen, wenn die Lohnrate höher ist? Ganz einfach: wegen der Kosten. Wenn man nun aber das gleiche Gedankenexperiment für das Kapital durchführt, stößt man auf zusätzliche Schwierigkeiten, die damit zu tun haben, dass das Kapital als eine Menge von Produktionsmitteln angesehen werden muss. Folglich muss man überlegen, unter welchen Bedingungen die konkreten Produktionsmittel angeboten werden, die als Bestand von jeder Ware vorhanden sind. Und es gilt zu überlegen, wie das Kapital, wenn es dann beschäftigt ist, in sich bewertet ist. Da gibt es eine Interdependenz.

PWP: Inwiefern?

Schefold: Im Denken Sraffas, unter dessen Paradigma ich in Cambridge geriet, weil es mir ungemein einleuchtete, sind die Preise begründet durch das Handfesteste, was man in der Wirtschaft findet. Das ist einerseits die Technologie und andererseits etwas, was einigermaßen beobachtbar ist, nämlich die Einkommensverteilung. Damit restaurierte er die klassische Werttheorie, die darauf beruht, dass in der langen Frist die Preise auf Kosten einschließlich eines Normalgewinns reduziert werden. Wenn die Einkaufspreise und die Verkaufspreise in der langen Frist übereinstimmen, kann ich durch das Lösen eines Systems simultaner Gleichungen die Preise direkt bestimmen, bei gegebener Technik und Einkommensverteilung. Die mir immer etwas vage erscheinenden, von intersubjektiven Vernetzungen abstrahierenden Nutzenvorstellungen aus der Neoklassik bleiben im Hintergrund. Man richtet also den Blick darauf, dass die Preise der Kapitalgüter unter anderem von der Einkommensverteilung abhängen. Ich brauche aber in der Neoklassik die Bestimmung der Preise der Kapitalgüter, um die Einkommensverteilung überhaupt erst abzuleiten – und deshalb habe ich hier eine Interdependenz.

PWP: Und weshalb ist das problematisch?

Schefold: Weil sich die Frage stellt, ob ich angesichts dieser Interdependenz ein System simultaner Gleichungen erhalte, dessen Lösung ein stabiles Gleichgewicht widerspiegelt. Als ich in Cambridge studierte, war diese Frage virulent. Es hatte sich aus dem Gleichungssystem Sraffas ableiten lassen, dass eine Steigerung der Profitrate nicht immer zur Wahl von Techniken führt, die arbeitsintensiver sind. Wenn ich die Profitrate steigere, fallen die Löhne – das ist die Lohnkurve. Und dann erwarte ich vom neoklassischen Standpunkt den Einsatz einer arbeitsintensiveren Technik. Sobald ich die Gleichungssysteme für mehrere Techniken einander abstrakt gegenüberstelle, gestützt auf die technischen Koeffizienten, finde ich für jede Profitrate eine optimale Lösung, welche die Produktionskosten minimiert. Wenn ich die Profitrate aber verändere, bin ich nicht sicher, dass die nächste Technik, die gewählt wird, bei einer höheren Profitrate und niedrigerer Lohnrate tatsächlich eine höhere Arbeitsintensität bzw. eine geringere Kapitalintensität aufweisen wird. Es gibt also hier die Möglichkeit, dass sich der Faktorpreis und die nachgefragte Faktormenge nicht invers zueinander verhalten, wie man das von einer Nachfragefunktion erwartet. Wenn bei Arbeitslosigkeit die Löhne sinken und daraufhin eine kapitalintensive Technik als gewinnmaximal eingesetzt wird, ist das paradox. Denn nun findet bei gegebenem Kapital noch weniger Arbeit eine Beschäftigung.

PWP: Hat man damals gleich erkannt, wieviel Brisanz darin steckt?

Schefold: Nur teilweise. Man hat damals noch mancherlei durcheinandergebracht. So verwechselte man Stabilität und Existenz. Sraffa hatte schon angedeutet, dass es eine Technik geben kann, bei der sich die Kapitalintensität vom Standpunkt der Neoklassik in die falsche Richtung bewegt. Dann kamen die ersten Zahlenbeispiele, die das bestätigten. Sie waren sehr kompliziert, und warum sie so kompliziert sein mussten, verstand man nicht recht. Das Missverständnis bestand darin, dass man glaubte, das Problem sei dem Sraffa-System eigen. Schließlich hatte man für die allgemeine Gleichgewichtstheorie die Existenz von Gleichgewichten längst bewiesen, auch unter den Voraussetzungen, die dem Sraffa-System zugrunde lagen. Folglich meinte man, dass die Kritik für die allgemeine Gleichgewichtstheorie nicht gelte, sondern lediglich eine Widerlegung der Produktionsfunktion bedeute. Mit dieser und ähnlichen Zurechtlegungen haben die in diesen Dingen interessierten und vielleicht auch eine gewisse Avantgarde bildenden Neoklassiker dann zugegeben, dass es die neoklassische Produktionsfunktion vielleicht wirklich nicht gebe, dass also das Aggregationsproblem nicht richtig gelöst werden könne.

PWP: Aber sie hielten daran fest, dass die allgemeine Gleichgewichtstheorie davon unberührt sei.

Schefold: Ja, aber das war eine Verwechslung. Denn das Problem, das Sraffa aufgeworfen hatte, betraf die Stabilität. Zwar kann man Zahlenbeispiele finden, die zeigen, dass bei einfachen Strukturen auch das Gleichgewicht selbst nicht da ist. Aber das Wesentliche ist, dass die Möglichkeit gezeigt wird, dass eine Instabilität auftritt. Und diese Möglichkeit betrifft dann sehr wohl auch die allgemeine Gleichgewichtstheorie. Doch der Mainstream – in diesem Zusammenhang vielleicht doch der beste Ausdruck – kümmerte sich um diese ganzen, als verstiegen angesehenen Debatten kaum. Man führte seine Theorien mit der Produktionsfunktion weiter, als ob nichts geschehen wäre. Die Avantgarde der Neoklassik – also Persönlichkeiten wie Samuelson und Solow – sagte, man müsse eben ohne Produktionsfunktion auskommen, und sie hielt an der allgemeinen Gleichgewichtstheorie fest. Mir fehlte allerdings immer die Begründung dafür. Ich selbst habe dann in Modellen gezeigt, die ich dafür eigens entwickeln musste, dass auch in der allgemeinen Gleichgewichtstheorie ein solches Stabilitätsproblem existiert, beruhend auf dem Phänomen der sogenannten Wiederkehr der Technik.

PWP: Was ist darunter zu verstehen?

Schefold: Dass bei einer bestimmten Profitrate eine kapitalintensive Technik gewählt wird, dann bei einer höheren Profitrate eine arbeitsintensive Technik, und dass man bei einer weiteren Erhöhung der Profitrate jedoch zur ersten, kapitalintensiven Technik zurückkehrt. Das ist paradox, und es führt in der allgemeinen Gleichgewichtstheorie zu Instabilitäten. Das ist eine Instabilität eines Typs, den man vorher in der allgemeinen Gleichgewichtstheorie nicht beobachtet hatte. Meine Forschungen zu dieser Frage haben in der Neoklassik wenig Eindruck gemacht, weil sich ohnehin immer weniger für die allgemeine Gleichgewichtstheorie interessierten, und weil man Instabilitäten von der Konsumseite her kannte. Die Einsicht Sraffas konnte ich jedoch als grundsätzliche Einsicht bestätigen.

PWP: Was meinen Sie, warum ist diese Kritik nicht im Mainstream angekommen?

Schefold: Man hat die Produktionsfunktion sogar später wieder in den Vordergrund gerückt! Das passierte, als die neue Wachstumstheorie aufkam, die ja dadurch interessant ist, dass der technische Fortschritt endogen erklärt wird. Anfänge davon waren bei Kaldor und Arrow zu finden, aber eben auch in der Cambridge-Theorie. Die Renitenz des Mainstreams hat mich da umso mehr gewurmt, und irgendwann begann ich mich zu fragen, ob seine Vertreter irgendeinen Grund dafür haben könnten. Also habe ich mir überlegt, unter welchen Bedingungen das neoklassische Modell vielleicht doch funktioniert. Das sind Untersuchungen, die ich in den vergangenen zehn Jahren unternommen habe und an denen ich in Varianten auch jetzt noch sitze. Darin habe ich zeigen können, dass das Paradox verschwindet, wenn die Inputmatrizen, die im Modell die Technik darstellen, über Zufallseigenschaften verfügen, und wenn ihre Beziehung zu den Arbeitsinputs ebenfalls gewisse Zufallseigenschaften trägt.

PWP: Bitte erklären Sie das.

Schefold: Der Mathematik, die man braucht, um die entsprechenden Sätze zu beweisen, tut die hier gebotene Vereinfachung unrecht, aber ich versuche es einmal. Wie Sraffa entdeckte, war Ricardo der Erste, der die Akkumulations- und Verteilungstheorie aufgrund eines Einproduktmodells entwickelte. Korn wird produziert mit Hilfe von Korn und Arbeit. Der jährliche Überschuss über Produktions- und Lohnkosten wird als Gewinn und Landrente verteilt. Nun kann ich auf der Grundlage meiner jüngeren Arbeiten sagen, dass das System eigentlich wie ein Einproduktsystem funktioniert, wenn es Zufallseigenschaften hat. Durch die zufällige Verteilung der Inputs in den Industrien entsteht eine Art Homogenität unter diesen. Und dass man in Einproduktsystemen das Kapitalproblem lösen kann, weil das Produkt und die produzierten Produktionsmittel aus demselben Gut bestehen, ist allseits unbestritten. Die Bedingungen, unter denen die Produktionsfunktion grundsätzlich gerettet werden kann, sind mithin interessanterweise jenen sehr ähnlich, unter denen bei Marx das Transformationsproblem gelöst werden kann. Man muss dort die aggregierte Gewinnsumme als eine Umverteilung des aggregierten Mehrwerts darstellen können, was allgemein falsch ist, aber bei Zufallsmatrizen stimmt. Und schließlich versuche ich eine Brücke zu schlagen zwischen den allgemeinen Gleichgewichtstheorien und der Produktionsfunktion unter der Bedingung dieser vereinfachenden Voraussetzungen über die Zufallsmatrizen. Ein weiteres Problem in der allgemeinen Gleichgewichtstheorie ist nämlich die Unklarheit darüber, wie man die Preise der langen Frist bestimmen soll.

PWP: Kann man das nicht lösen, indem man sich Zukunftsmärkte vorstellt?

Schefold: Ja, in der allgemeinen Gleichgewichtstheorie in ihrer modernen Form mit einem entfernten Zeithorizont löst man das Problem in der Tat, indem man annimmt, auf solchen Zukunftsmärkten für alle Waren würden im Anfangszeitpunkt die Waren gehandelt, die jetzt zirkulieren, zuzüglich aller künftigen Waren und Faktoren innerhalb des Zeithorizonts. Genauer gesagt werden diese durch Versprechungen von Lieferungen und Nachfragen repräsentiert. Die Lösung des allgemeinen Gleichgewichts gibt also einen Preisvektor an für alle produzierten Güter und die Faktoren, derart, dass sich die Lieferversprechungen bei diesen Preisen ausgleichen. Die Existenz eines solchen Gleichgewichts lässt sich unter sehr allgemeinen Bedingungen beweisen. Den Zeithorizont kann man sogar ins Unendliche schieben. Dennoch ist die Frage, ob das eigentlich Preise der langen Frist sind.

PWP: Wieso nicht?

Schefold: Der Charakter des Gleichgewichts wird hier durch das Angebot an Faktoren am Anfang der sukzessiven Perioden bestimmt, durch Bestände, die zufällig aus der Vergangenheit ererbt sind. Man ist also noch nicht in einem langfristigen Gleichgewicht, das sich reproduziert, sondern man wächst erst hinein, indem sich die Kapitalgüterproduktion an die langfristigen Bedarfe anpasst. Man bewegt sich deshalb vom Standpunkt der älteren Theorie, sei sie klassisch oder neoklassisch, jedenfalls aus der Zeit vor 1930, eigentlich noch innerhalb einer Theorie der Marktpreise. Die Eigenzinssätze sind in jedem Numéraire dann uniform; die vom Numéraire unabhängige Profitrate ist es jedoch im Allgemeinen nicht. Beweisen kann man nur, dass diese Preise zu langfristigen Preisen gravitieren, wenn die Präferenzen stationär sind und bei den in jeder Periode neu zur Verfügung gestellten, nicht produzierbaren Faktoren keine Schocks eintreten. So stellt also vom Standpunkt einer älteren Theorie die neoklassische Preistheorie eine Theorie der Marktpreise und ihrer Gravitation zu einem langfristigen Gleichgewicht dar, nicht aber eine Theorie des langfristigen Gleichgewichts, bei der die Profitrate von vornherein uniform ist. Die Ökonomen des 19. Jahrhunderts, die diese Schwierigkeit fühlten, suchten nach einem direkten Weg, ein langfristiges Gleichgewicht als allgemeines Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage zu bestimmen. Das berühmteste Beispiel ist Léon Walras in seinem Modell der Kapitalbildung. Er entwickelte einen in sehr interessanter Weise verkehrten Ansatz, weil er einerseits davon ausging, dass die Ausstattungen an Kapitalgütern am Anfang einfach beliebig gegeben seien, und weil er andererseits annahm, dass man direkt zur uniformen Profitrate kommen würde.

PWP: Und das ist verkehrt.

Schefold: Ja, da hatte Walras sich geirrt. Modernisierungen seines Gleichgewichtssystems zeigen, dass im Allgemeinen, wenn man so vorgeht, nicht alle Kapitalgüter reproduziert werden, sondern nur einige oder vielleicht sogar gar keins, weil die Forderung der uniformen Profitrate dem Datum der verschiedenen Anfangsbestände entgegensteht. Ein anderer Ansatz aus dem 19. Jahrhundert bestand darin anzunehmen, dass das Kapital gegeben ist, nicht in der Form von Anfangsbeständen von Gütern, sondern in der Form eines Kapitalwerts. Die physische Zusammensetzung des Kapitals wird als endogen betrachtet: Wenn man verschiedene Techniken hat, muss man bestimmen, welche Zusammensetzung der Kapitalien dazu geeignet ist, dass sich das System unter der Bedingung reproduzieren kann, dass der Wert des Kapitalaggregats dem vorgegebenen Wertaggregat entspricht. In meiner jüngsten Arbeit habe ich versucht, ein solches Modell des allgemeinen Gleichgewichts aufzustellen und einen rigorosen Existenzbeweis zu führen. Es zeigt sich, dass man das tatsächlich tun kann. Man bekommt eine vernünftige Lösung, unter Bedingungen, die denen für die Aggregation des Kapitals als Variable einer Produktionsfunktion entsprechen und denen, die man bekommt, wenn man bei Marx das Transformationsproblem so löst, wie er selbst das wollte.

PWP: Und was bedeutet das?

Schefold: Das heißt, dass die verschiedenen Ansätze der Nationalökonomie des 19. Jahrhunderts alle gemeinsam funktionieren, unter der Voraussetzung, dass Zufallsmatrizen angenommen werden, mit ein paar Zusatzbedingungen: sowohl das klassische Erbe bei Marx als auch die Neoklassik in der Form, wie wir sie bei John Bates Clark mit der Produktionsfunktion skizziert finden; aber auch die allgemeine Gleichgewichtstheorie, wenn man den Kapitalwert vorgibt. Das heißt, der Versuch Sraffas, durch eine logische Kritik die Neoklassik auszuscheiden, verbunden mit dem impliziten Versuch, die Klassik zu restaurieren, ist nicht so geglückt, wie er sich gedacht hat. Es gibt Bedingungen, unter denen die Neoklassik doch funktioniert. Diese Bedingungen sind aber restriktiv.

PWP: Das Ergebnis scheint Sie überrascht zu haben.

Schefold: Allerdings! Zumindest hat der Versuch, ehrlich mit der Entwicklung der Theorie umzugehen, mich gezwungen, meine ursprünglichen Ansichten ein ganzes Stück weit zu modifizieren. Rein abstrakt genommen, ist die aus der Sraffa-Diskussion hervorgegangene These, dass die neoklassische Produktionsfunktion nicht allgemein konstruiert werden kann, natürlich richtig geblieben. Aber es ist auch eine empirische Frage, inwieweit die technischen Systeme, mit denen wir es in der Industriegesellschaft zu tun haben, den Zufallscharakter tragen, der die Konstruktion doch ermöglicht. Hier eröffnet sich ein Forschungsgebiet, das noch wenig bekannt ist, an dem sich aber bereits etliche internationale Wissenschaftler beteiligen, unter anderem Anwar Shaikh, der ein großes Buch geschrieben hat, „Capitalism“, in dem er diese Probleme auch anspricht.

PWP: Wie direkt kann man solche theoretischen Fortentwicklungen in der Praxis anwenden?

Schefold: Das geht nicht direkt. Vorsicht ist geboten und Geduld notwendig. Es passiert ja auch in den Naturwissenschaften, dass die Anwendung theoretischer Einsichten erst Jahrzehnte nach der Entdeckung der neuen theoretischen Einsichten kommt. Das berühmteste Beispiel ist vielleicht die allgemeine Relativitätstheorie. Das, woran wir arbeiten, ist gewiss nicht so großartig. Bisher beruhte das Finden der Ergebnisse auf der reinen Theorie, mit sehr wenigen Inspirationen von der Empirie. Erst jetzt, nachdem sich die theoretischen Ergebnisse geändert haben, beginnt man, sich diese Empirie genauer anzusehen. Ich hatte gedacht, die Wiederkehr der Technik komme in der Wirklichkeit oft vor.

PWP: Tut sie das also nicht?

Schefold: Wenn wir Zufallsmatrizen haben, kann das grundsätzlich ausgeschlossen werden. Aber nur wenn wir strikte Zufallsmatrizen haben, wird es ganz ausgeschlossen – und das bedeutet, da die realen Input-Output-Systeme nur genähert Zufallsmatrizen entsprechen, dass das Phänomen empirisch selten wird. Ich habe gemeinsam mit einem koreanischen Studenten vor zehn Jahren empirische Untersuchungen dazu durchgeführt. Dabei haben wir einen einzigen Fall gefunden, wo so eine strikte Wiederkehr der Technik stattfand. In knapp 3 Prozent der Fälle wurde es auf der mikroökonomischen Ebene gefunden, in einem Prozent war es makroökonomisch zu finden. Insgesamt wichen jedenfalls weniger als 5 Prozent der Fälle überhaupt von der neoklassischen Prognose ab.

PWP: Das heißt, die Paradoxe der Kapitaltheorie sind empirisch selten.

Schefold: Ja, und Wissenschaftler, die die Cambridge-Kritik der Neoklassik ihrerseits kritisierten, werden sich damit zufrieden geben. Wer in die Anwendung schaut, lässt sich allemal von einem gelegentlichen Paradox nicht abschrecken. Und doch bleibt etwas.

PWP: Inwiefern?

Schefold: Als ich dachte, die Paradoxe seien häufig, stellte ich mir auch vor, dass die Lohnkurven auf ihrer Umhüllenden sehr rasch aufeinander folgten, was Sraffa in seinem Buch auch am Schluss angedeutet hat. Die Vermutung lässt sich so illustrieren: Nehmen wir an, wir hätten 10 Länder und 100 Industrien. Diese Zahlen sind nicht unvernünftig gewählt, weil es darum geht, ob man die Techniken der anderen kennen kann. Die Ingenieure der Automobilfabriken in Deutschland haben zwar eine Vorstellung davon, wie Automobile in anderen Ländern gefertigt werden, aber das hat Grenzen. Die genaueren Kenntnisse konzentrieren sich auf den eigenen Industriezweig und auf wenige Länder. Die Information ist also verteilt. Mit Blick auf die Industrien muss man auf einem gewissen Niveau des Aggregats argumentieren, sonst gerät man nicht nur empirisch endlos ins Einzelne, sondern es verschwindet auch die Homogenität und die Vorstellung von einem Durchschnittspreis, wenn man desaggregiert. Nun kann man folgendes Gedankenexperiment machen: Wenn ich 10 Länder habe und in jedem Land 100 Industrien, und in jedem Land könnte jeder Unternehmer auch die Produktionsmethoden aus den anderen Ländern anwenden und strebt nach der besten – wie viele denkbare Kombinationen gibt es dann? 10 hoch 100, also eine 1 mit 100 Nullen daran.

PWP: Das ist eine ungeheure Zahl.

Schefold: Früher dachte ich, dass ich dann ebenso viele Lohnkurven habe und dass die meisten dieser Lohnkurven auch auf der Umhüllenden erscheinen. Doch das Letztere war falsch. Ich hatte die Frage schon einmal Joan Robinson gestellt, als ich Student war: Wenn wir die Lohnkurven zeichnen, wie viele effiziente Alternativen werden da eigentlich auf der Umhüllenden erscheinen? Ich erinnere mich noch an die Antwort: Joan Robinson meinte, es werde eine Technik geben, die überhaupt die beste ist. Nehmen wir einmal an, dass die Lohnkurven alle linear sind, entweder dank Zufallsmatrizen oder weil ich das einfach voraussetze. Außerdem seien die maximalen Profitraten und die maximalen Lohnraten, die sich mit einer Technik ergeben, gar nicht miteinander korreliert, sondern rein zufällig. Dann kann ich die Lohnkurven nach der maximalen Lohnrate ordnen. Wenn ich bei irgendeiner Lohnrate in dieser Hierarchie anfange und die entsprechende Lohnkurve betrachte, dann befindet sich die zugehörige maximale Profitrate in der Vielzahl der maximalen Profitraten dieser Systeme an einem völlig zufälligen Ort. Wenn ich mit der Technik mit der maximalem Lohnrate beginne, müsste unter dieser Annahme – wenn nur eine Technik auf der Umhüllenden zum Vorschein kommen soll, wie Joan Robinson meinte – diese Technik zufällig die größte der maximalen Profitraten aufweisen. Die Wahrscheinlichkeit dafür wäre 1 zu 10 hoch 100.

PWP: Also sehr gering.

Schefold: Es wird nicht nur nicht besser, sondern schlimmer, wenn man mit Paul Samuelson annimmt, dass sich die Reihenfolge der maximalen Profitraten genau invers verhält zur Reihenfolge der maximalen Lohnraten. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist 1: 10 hoch 100 Fakultät. Das ist noch viel unwahrscheinlicher. Also besteht da offenbar eine Schwierigkeit. Sehr unwahrscheinlich ist die Hypothese, dass nur eine beste Technik existiert und man sich, wie die Keynesianer oft unterstellen, um die Frage der Substitution nicht kümmern muss. Noch unwahrscheinlicher aber scheint es zu sein, dass alle Techniken sukzessive, mit bei steigender Profitrate zunehmender Arbeitsintensität, als Substitute erscheinen. Deshalb bietet es sich an, noch ein weiteres Gedankenexperiment durchzuführen, das gar nicht sehr schwierig ist: Wie viele Techniken erwarte ich eigentlich auf der effizienten Lohnkurve der Umhüllenden anzutreffen, wenn ich bei einem gegebenen Spektrum von Techniken, beispielsweise eben mit 10 Ländern und je 100 Industrien, diese vollständige Zufälligkeit der maximalen Profitraten annehme, nachdem ich die maximalen Lohnraten in eine Hierarchie gebracht habe? Ich kann zeigen, dass dies in sehr guter Annäherung der natürliche Logarithmus der Anzahl der Techniken ist. Der Logarithmus ist eine Funktion, die ganz besonders langsam gegen unendlich geht. Wenn ich den natürlichen Logarithmus von 10 hoch 100 nehme, dann ist das 100mal der natürliche Logarithmus von 10. Es sind also ungefähr 243 Techniken, die noch erscheinen – weit entfernt von der Vorstellung eines Kontinuums von effizienten Techniken wie auf der neoklassischen Produktionsfunktion.

PWP: Das ist schon überschaubarer.

Schefold: Dabei sind aber die einigermaßen plausiblen Verteilungsveränderungen sehr klein. Wenn zum Beispiel die Lohnrate gesenkt wird, um eine Technik zu finden, die eine höhere Arbeitsintensität verspricht, in der Hoffnung, auf diese Weise zu Vollbeschäftigung zu gelangen, dann muss ich, um eine zu finden, bei der die Arbeitsintensität genügend größer ist, ein ganzes Stück die Umhüllende hinunterrutschen. Bei einer kleinen Variation finde ich aber vielleicht gar keine, die sich so weit eignet. Das heißt also, dass von dieser Seite die Skepsis der Cambridge-Ökonomen bezüglich des neoklassischen Mechanismus zur Wiederherstellung von Vollbeschäftigung durch Lohnsenkungen nun doch bestätigt wird – auf eine neue, vielleicht auch interessantere Weise. Vorher war diese Skepsis eine reine Negation. Aber hier sehe ich jetzt, dass die Kritik schwieriger ist.

PWP: Aber ganz widerlegt ist die Neoklassik immer noch nicht.

Schefold: Nein, aber der Befund ist enttäuschend im Verhältnis zu den Erwartungen, welche die Neoklassiker hatten.

PWP: Und was heißt das nun mit Blick auf die Beschäftigungschancen in einer Volkswirtschaft? Wir waren ja von der Frage ausgegangen, ob unter den Bedingungen der modernen Technologie noch damit zu rechnen ist, dass Innovationen die Leute auch weiterhin in Lohn und Brot bringen.

Schefold: Die Schlussfolgerung, die ich auf der Grundlage meiner Forschungen anbieten kann, ist die Folgende: Es gibt eine Unmenge von Techniken, die arbeitsintensiver sind als die in der Ausgangslage verwendete, doch sie sind leider nicht effizient – ihre Lohnkurven liegen unterhalb der Umhüllenden. Es ist kein Wunder, dass John Maynard Keynes mit seinem humorvollen Zynismus empfiehlt, man solle Dollarnoten in Flaschen stopfen, vergraben und zwecks Beschäftigung wieder ausbuddeln. Keynes hoffte, dass wir schon vernünftigere Techniken finden würden. Aber wir müssen wirklich danach suchen, und es ist mit der Konkretisierung offenbar nicht leicht. Die Kunst würde eigentlich darin bestehen, Beschäftigung dadurch zu schaffen, dass man Aktivitäten fördert, durch die sich die Menschen gegenseitig beschäftigen, ohne dass sie den Staat allzu sehr belasten. Da kann man sich einiges denken, beispielsweise dass der Staat Minijobs mit Steuererleichterungen fördert.

PWP: Empfehlen Sie das?

Schefold: Man kann sich schon fragen, ob es die Aufgabe einer demokratischen Regierung ist, den Menschen ihre Beschäftigungsverhältnisse sozusagen vorzuschreiben. Aber immerhin ist in dieser Diskussion zu einem der bedeutendsten Ziele der Wirtschaftspolitik, das man zu oft als leicht erreichbar behandelt, ein neuer Ansatz gefunden worden. Die Lehre besteht auf jeden Fall darin, dass man, wenn der Staat in den Arbeitsmarkt eingreift, sehr genau überlegen muss, wie er das tun soll. Letztlich ist man zurückverwiesen auf den gesunden Menschenverstand. In gewisser Weise behält die Historische Schule in doppelter Weise Recht. Einerseits insofern, als die handfesten Theorien, die handfeste Lösungen anbieten, offenbar nicht allgemein gelten. Andererseits lernt man vielleicht doch auch etwas durch Erfahrung, und so kommt man zurück zur Geschichte.

PWP: Um einen solchen innertheoretischen Diskurs zu führen, um ein Gedankengebäude so auf seine Stringenz zu prüfen, wie Sie das gerade getan haben, muss man sich in der Dogmengeschichte gut auskennen.

Schefold: Es war zu meiner Zeit in Cambridge allgemein üblich, dass man die ökonomische Theorie im Zusammenhang mit ihrer Entstehungsgeschichte darbot. Wer damals beispielsweise bei Nicholas Kaldor oder bei Joan Robinson in der Vorlesung saß, musste selbstverständlich über Adam Smith und David Ricardo jedenfalls alles Grundlegende wissen. Sonst konnte er gar nicht folgen, auch wenn diese Vorlesung dann auf moderne – damals moderne – Wachstumstheorien hinauslief. Ich versuche, das Ganze als eine letzten Endes irgendwie zusammenhängende Einheit der Theorie zu verstehen, an der jeder irgendwo arbeitet. Jeder verfügt dabei über ein Stück Autonomie, wie er seine Modelle ausgestaltet und worauf er dabei verzichtet – aber man steckt doch in einem Gesamtzusammenhang. An dieser Stelle besteht ein großes Defizit in der Art und Weise, wie die ökonomische Theorie den Studenten an der Universität vermittelt wird. Sie müssen geradezu den Eindruck gewinnen, dass sie sich der Instrumente aus diesem Instrumentenkasten der Theoriegeschichte jeweils einzeln bedienen dürften und dass man ihren Gesamtzusammenhang kaum zu kennen brauchte. Dass es überhaupt so weit gekommen ist, beruht auf der Spezialisierung und ist insofern ein Stück weit unvermeidlich.

PWP: Also müssen wir uns damit abfinden?

Schefold: Nicht ganz. Das Problem könnte relativ leicht ein wenig geheilt werden, wenn die Inhaber der Lehrstühle für die ökonomischen Spezialdisziplinen mehr Verständnis für die Notwendigkeit der Darlegung des Zusammenhangs hätten. Es würde schon helfen, wenn man in Anfängerveranstaltungen bestrebt bliebe, einen echten Gesamtüberblick zu geben. Auch solche Fächer wie Methodologie und Theoriegeschichte helfen zu verstehen, wie es genetisch aus gemeinsamen Wurzeln zur Ausdifferenzierung der verschiedenen Instrumente im theoretischen Fundus der Ökonomie kam.

PWP: Sie sagten, man sollte den Gesamtzusammenhang kennen. Aber man darf sich dann schon auch ein wenig eklektisch aus dem Instrumentenkasten der Ökonomie bedienen, nicht wahr?

Schefold: Natürlich. Nehmen wir als Beispiel das Projekt der Erneuerung der klassischen Tradition, wie es Sraffa betrieb. Es ging damit einher, dass man mit Theorien umzugehen hatte, die „offen“ waren, wie ich das gern nenne. Sraffa selbst war in seinem Modell zur Bestimmung der langfristigen Preise offen bezüglich der Verteilungstheorien. Ob man eine Ergänzung mit keynesianischen oder machttheoretischen Verteilungstheorien versuchen will, ließ er offen, und wie weit man mit einer neoklassischen Schließung des Modells kommen mag, haben wir soeben ein Stück weit auszuloten versucht. Das Zusammensetzen zu einem Ganzen kann man auch mit etwas heterogeneren Elementen versuchen. Aber die Theoriegeschichte ist noch aus einem anderen, übergeordneten Grund eine fantastische Quelle der Inspiration.

PWP: Welcher Grund ist das?

Schefold: Ich bin ein Leben lang immer in Museen herumgegangen und habe versucht, Gemälde nach Epochen und Stilen zu ordnen und zu genießen, und entsprechend verfahre ich mit der schönen Literatur. Es ist ungeheuer spannend zu erkennen, wie die Wahrnehmungen sich ändern. Gerade deshalb habe ich noch nie akzeptieren können, dass die Nationalökonomie für alle Zeiten dieselbe gewesen sein soll, wie es der Unterricht in neoklassischer Theorie nahezulegen scheint. Ich weiß noch, wie überrascht ich war, als ich in Japan in Carl Mengers Bibliothek stand – ohne Schuhe, um den gebührenden Respekt zu erweisen – und bemerkte, dass der größte Teil seiner Sammlung aus Reiseberichten zu bestehen schien.

PWP: Aus Reiseberichten?

Schefold: Ja, wirklich. Menger hat offenbar seine Abende genossen, indem er Reiseberichte las. Die Haltung, die er so gewann, kann nur die gewesen sein, dass er meinte, Begriffe wie „Grenznutzen“ seien derart allgemein, dass man sie auf verschiedene kulturelle Zusammenhänge anwenden könne – mit der Intuition, dass der zugrundeliegende ökonomische Mechanismus ein ganz einfacher sei. Aus der Historischen Schule kam der Vorwurf, er reduziere die Ökonomie auf einen Naturalismus. In der Tat muss man fragen, ob sich auf diese Weise die Mannigfaltigkeit der historischen Wirklichkeit packen lässt. Mir liegt da jemand wie Walter Eucken mehr. Es hat mich gerade im Hinblick auf meine historischen Fragestellungen fasziniert, wie er mit seinem freilich begrenzten theoretischen Instrumentarium an Modellen gleichsam kombinatorisch die Idealtypen verschiedener Wirtschaftsformen zu charakterisieren versucht. Wer gewohnt ist, die Entsprechungen zwischen den Epochen der Literatur, der Malerei, der bildenden Kunst und der Architektur zu erspüren, und wer ein Auge für die dahinter stehenden gesellschaftlichen Formen hat, bis ins Wirtschaftliche und ins Militärische hinein – den muss es schon erheblich wurmen, dass die Wirtschaftsgeschichte als empirische Wissenschaft auf die letzten zweihundert Jahre beschränkt ist, für die es quantitative Daten gibt. Für die Zeit davor muss man hauptsächlich von schriftlichen Quellen ausgehen, von denen viel zur ökonomischen Theoriegeschichte im weiteren Sinn gerechnet werden darf. Sie erlaubt uns, das Selbstverständnis und die Selbstdarstellung der Wirtschaft in früheren Perioden zu rekonstruieren.

PWP: Wie sollte man denn nach Ihrer Auffassung Theoriegeschichte sinnvollerweise betreiben?

Schefold: Ich unterscheide immer gern zwischen positivistischer, relativistischer und politischer Theoriegeschichte. „Positivistisch“ soll kein denunzierendes Wort sein, aber schon eine gewisse Einschränkung zum Ausdruck bringen. Ich verstehe unter „positivistischer Theoriegeschichte“ eine Herangehensweise, mit der man die Entwicklung der Analyse beschreibt, also wie die verschiedenen Ansätze auseinander hervorgehen, wie Theorien neu entdeckt und kritisiert werden. Das gleicht der Theoriegeschichte, wie sie auch beispielsweise in der Mathematik betrieben wird. Diese Art ist notwendig beschränkt ist auf die Epochen, in denen eine solche Theoriebildung – zunächst in elementarer Form – überhaupt stattfand. Sie ist eigentlich erst vom ausgehenden Merkantilismus an zu bemerken, und entfaltet sich groß erst in der Klassik. Für die Zwecke einer erweiterten Theoriegeschichte eher politischer Art kann man sich auch schlicht auf die Wirtschaftspolitik konzentrieren. Volkswirtschaftliche Theorie ist ja doch letzten Endes darauf gerichtet zu gestalten, wie sich Staat und Wirtschaft zueinander verhalten sollen, etwa durch das Steuersystem. Fragt man, wie das alles nun wieder mit den kulturellen Faktoren und der gesellschaftlichen Strukturierung zusammenhängt, treibt man politische Ökonomie in einem weiteren Sinne. In der „relativistischen Theoriegeschichte“ versuche ich, die Wirtschaft in den kulturellen Zusammenhang einzubetten, weshalb diese auch die gesamte Menschheitsgeschichte umfassen kann. Sie berührt sich mit einer Wirtschafts- und Kulturgeschichte – ein Rahmen, in dem man zum Beispiel über die Webersche Puritanismusthese diskutieren kann.

PWP: Also den möglichen historischen Zusammenhang von protestantischem Erwerbsfleiß und kapitalistischer Entwicklung.

Schefold: Ich habe in meiner Arbeit immer wieder versucht, mit dem Begriff der Wirtschaftsstile zu charakterisieren, was beispielsweise die Unterschiede zwischen den Konzeptionen der verschiedenen Länder in der Merkantilperiode ausmachte. Das erschien mir als Beitrag zur relativistischen Theoriegeschichte deshalb interessant, weil es gerade in der Merkantilperiode sehr deutlich wird, dass man sich in der höheren Literatur ganz ähnlich wie auch in der Reiseliteratur und in den politischen Schriften scharf voneinander absetzte und sich bemühte, nationale Charaktere zu betonen.

PWP: Das erinnert ein wenig an heute, wo immer wieder die Rede ist von den verschiedenen wirtschaftspolitischen Kulturen beispielsweise in Griechenland, in Frankreich und in Deutschland.

Schefold: Ja, in der Tat. Deswegen habe ich auch immer gern etwas zu Tagungen beigesteuert, wo es um die Gegensätze vor allem innerhalb Eurolands ging und man zu wissen wünschte, warum die Südeuropäer eine so andere Vorstellung davon haben, wie man Euroland entwickeln sollte, als der Norden. Gewisse nationale Charakterzüge verändern sich auch über Jahrhunderte hinweg nur langsam. Ich kenne Texte aus dem 14. Jahrhundert, die sich auf Unterschiede zwischen den Deutschen und den Franzosen beziehen, wie wir sie bis heute kennen.

PWP: Bedarf es, um solche Kulturen zu erfassen, einer mehr „anschaulichen“, nicht so sehr formalen Theorie, nach einem Begriff, der bei Ihnen immer wieder auftaucht?

Schefold: Unbedingt. Der Begriff der Anschauung hat in der deutschen Ideengeschichte seit Goethe eine wichtige Rolle gespielt. Goethe ging seinerzeit nach Italien, um, wie er selbst sagte, sein Auge zu schulen. Liest man seine „Italienische Reise“, dann stellt man fest, dass darin fast jede Zeile anschaulich ist. Und zwar anschaulich in dem Sinne, dass die konkrete Anschauung, das Bild beschworen wird, das Goethe für sich selber auch festzuhalten versuchte, indem er zeichnete – es ist also auch im Wortsinn visuell. Aber es ist mehr als das. Goethe erstrebte, einen Gesamtkontext zu erfassen, der übrigens auch wirtschaftliche Aspekte umfasste, was viele Germanisten bei der Lektüre der italienischen Reise übersehen. Diesen Begriff der Anschauung hat die Phänomenologie teils aufgenommen, teils autonom reproduziert. Mein ökonomischer Lehrer Edgar Salin war ein Schüler Friedrich Gundolfs gewesen, der dieses Thema 1916 in seinem berühmten Buch „Goethe“ herausgehoben hatte.

PWP: Der Dichter und Literaturwissenschaftler Gundolf war lange ein enger Vertrauter und Freund des Symbolisten Stefan George und wie Salin Mitglied des sogenannten George-Kreises, eines regelmäßig in Austausch stehenden Zirkels von Dichtern und Denkern. Diesem Kreis gehörten unter anderem auch die Stauffenberg-Brüder an.

Schefold: Salin jedenfalls hat in seiner Dogmengeschichte den Begriff der anschaulichen Theorie in die Ökonomie übertragen, und zwar bei Gelegenheit einer Rezension von Sombarts Buch „Der moderne Kapitalismus“ in der Version von 1927. Salin schrieb, Sombart habe anschauliche und rationale Kapitel aufeinander folgen lassen. Als rationale Kapitel bezeichnete er jene, in denen Sombart ein wenig Theorie trieb. Da ging es zum Beispiel darum, wie sich eine Goldvermehrung auf die Gesamtwirtschaft auswirkt. Sombart war insofern prä-keynesianisch, als er nicht meinte, dies müsse das Preisniveau steigern, wie es die Quantitätstheorie postuliert, sondern es könne die Nachfrage stimulieren. Und andererseits gab es anschauliche Kapitel, in denen Sombart zeigte, wie die historische Evolution verläuft, und nachzeichnete, wie sich die Wirkung von Goldfunden in einer Wirtschaft fortpflanzt. In seiner „Geschichte der Volkswirtschaftslehre“ hat Salin in einem Anhang den Bogen von der Ökonomie zu der ursprünglich von Goethe herkommenden und dann von George und Gundolf aufgenommenen Theorie der Anschaulichkeit zu schlagen versucht, wie sie Edith Landmann entwickelt hatte, die Philosophin im George-Kreis. Dahinter stand die Frage, wie man das, was man aus der historischen Soziologie und insbesondere von Max Weber gelernt hatte, im Sinne einer anschaulichen Theorie erweitern könnte.

PWP: Damit sind wir wieder bei der Puritanismusthese.

Schefold: Jawohl. Im weiteren Sinne ging es um die historische Charakterisierung wirtschaftlicher Formen. Weber und George hatten sich eine Zeit lang intensiv miteinander auseinandergesetzt. Weber schien George und vor allem Gundolf und Salin besessen von dem Wunsch, die historischen Wechsel in abstrakte Begriffe zu fassen. Seine Idealtypen waren kontrafaktisch und entbehrten schon deswegen einer gewissen Anschaulichkeit. Sie waren in der Manier des Juristen konstruiert, der Begriffe formulieren muss, die jeder Jurastudent, jeder Richter und jeder Anwalt verstehen kann. Weber war ja ursprünglich Jurist. Er machte sich nicht, wie man es in einer modernen Modellbildung tut, die Mathematik zunutze, um die Grundbegriffe festzuhalten, sondern er musste sie aus der Alltagssprache heraus bilden. Aber sie sollten dann fest sein und gewisse Möglichkeiten auch logischer Deduktion eröffnen. Erst wenn eine solche Begriffsbildung erreicht war, schien ihm damit auch Wissenschaft möglich. Bei Weber ist damit eine Zurückweisung anschaulicher Schilderungen verbunden, die aus dem Empfinden eines Totalzusammenhangs entstehen.

PWP: Also ganz anders als bei Goethe.

Schefold: Ja. Weber bringt ausdrücklich das Beispiel der Totalität einer Stadt, die man durchwandert, und in der man das Gefühl hat, dass alles hänge doch eigentlich zusammen: Die italienische Stadt Rom ist doch anders als irgendeine nordische Stadt. Von genau diesem Gefühl der Totalität ist Goethe erfüllt, wenn er in der „Italienischen Reise“ seine letzte Nacht in Rom beschreibt und alles, was ihn umgibt, als einen Kosmos wahrnimmt. Die Darstellung solchen Empfindens ist im Sinne Webers keine Wissenschaft. Salin fand dagegen in Übereinstimmung mit George und seinen Mitstreitern, dass Wissenschaft eigentlich erst da ihren Gipfel erreiche, wo sie durch formvollendete Gestaltung Totalitäten erfasst, die Weber immer nur in ihre Teile zerlegen wollte. Wenn man Weber im Überblick gelesen hat, dann wird man ihm zwar zubilligen, dass er in großartiger Weise auch auf Totalitäten zugegriffen hat, aber wenn man die Sache vom methodischen Prinzip her betrachtet, dann wird die Kritik schon insofern verständlich. Ihm fehlte, behaupteten die Georgeaner, dadurch etwas Wesentliches. Jenes Erfassen und Darstellen der Formen kann natürlich nicht im gleichen Sinne systematisch gelehrt werden wie beispielsweise die Mathematik, die wir für unsere ökonomischen Modelle verwenden.

PWP: Welche klassischen Ökonomen betrachten Sie als besonders stark, was die Anschaulichkeit angeht?

Schefold: Ich folge da meinem Lehrer Salin, der befand, dass die Anschaulichkeit bei Adam Smith dominiert, bei Ricardo aber nicht, und dass Marx in großen Passagen den Smithschen Stil erreicht. Auch Keynes war sehr begabt für anschauliche Theorie – Walras aber weniger. Und dann finden wir interessante Übergangsfiguren wie Pareto, der so sehr darauf versessen war, Anschauung und rationale Theorie voneinander zu trennen. Ich finde natürlich, dass man das zu verbinden suchen sollte. Es mag sein, dass man mal mehr im einen, mal mehr im anderen Habitus steckt. Aber das Ganze einer wissenschaftlichen Leistung setzt sich dann aus beidem zusammen.

PWP: Zurück zum George-Kreis. Sie sind lange Präsident der George-Gesellschaft gewesen und haben insbesondere über die Ökonomen im George-Kreis geforscht. Wer gehörte eigentlich alles dazu?

Schefold: Es gab eine ganze Menge von ihnen. Edgar Salin war der von heute und von der Ökonomie aus gesehen Bekannteste, aber da zählten sich auch noch Friedrich Andreae, Julius Landmann, Arthur Salz, Kurt Singer und Friedrich Wolters dazu. Letzteren assoziiert man mit einer problematischen Zuspitzung des George-Kreises wegen der berühmt-berüchtigten Schrift „Herrschaft und Dienst“ (1909) und der „Vier Reden über das Vaterland“ (1927). Wolters war eigentlich Wirtschaftshistoriker und hat ein vorzügliches, der ökonomischen Dogmengeschichte zuzurechnendes Buch zu den Vorstellungen über Agrarreformen im Frankreich des 18. Jahrhunderts geschrieben, aus dem man viel darüber lernt, was es außerhalb der Physiokratie noch gegeben hat. Im weiteren Sinne zählte auch Robert Boehringer dazu, der ein großer Unternehmer und Dichter war; ihn hat George später zu seinem Erben gemacht.

PWP: Und offenbar geben das Interesse für Gesamtzusammenhänge, für „Totalitäten“, und das Paradigma der Anschaulichkeit, so wie Sie es beschrieben haben, gerade diesen Ökonomen einen besonderen Blick, von dem wir heute wieder besonders profitieren können.

Schefold: Sie standen eigentlich alle in der Tradition der jüngsten Historischen Schule, in der es darum ging, sich aufgrund von überlieferten Schriften mehr denn aufgrund von empirischer rekonstruierender Forschung mit verschiedenen historischen Verhältnissen zu beschäftigen. Sie versuchten, daraus eine Orientierung zu gewinnen, und sie überlegten, wie man aus der Erfahrung dieses jeweiligen Hintergrunds gute Wirtschaftspolitik gewinnen könne. Erst kürzlich habe ich in einem Aufsatz zu begründen versucht, dass Salin in seinen Äußerungen zur Europapolitik durchaus zu den Europa-Visionen passt, die man mit George in Verbindung bringt. Und dabei kommt etwas Wesentliches, auch für heute Bemerkenswertes ans Tageslicht. Um das zu erklären, muss ich ein wenig ausholen. George war am Anfang ein ausgesprochen europäischer Dichter. Er hat den europäischen Symbolismus, der in Frankreich entstanden war und der in den Niederlanden bereits einen Rückhalt in jungen Dichtern hatte, nach Deutschland gebracht. So wird denn auch von Germanisten der Beginn der Moderne in Deutschland manchmal einfach mit George datiert, weil Hugo von Hofmannsthal und Rainer Maria Rilke erst danach kommen und der Expressionismus noch später beginnt.

PWP: Was war die Absicht hinter diesem Symbolismus?

Schefold: Hier wurde versucht, dem Naturalismus etwas entgegenzusetzen und aus der Dekadenz einer ohne Tiefe fortgeführten Poesie im Stile Goethes herauszukommen. Das Ziel war, in der Verfolgung eines neuen ästhetischen Ideals eine neue deutsche Sprache zu schaffen, die der Dichtung eine neue Form gäbe. Damit entstand für kurze Zeit und in dem beschränkten Rahmen der Lyrik etwas Europa Gemeinsames. Es existierte, obwohl es sich bei der Dichtung um etwas handelt, das eigentlich sprachlich und damit national gebunden scheint. Dass es einen Aufbruch neuer europäischer Musik geben konnte, beispielsweise mit den Kompositionen Arnold Schönbergs, das ist keine Zauberei, denn die Musik ist eben nicht durch Sprache beschränkt. Auch in der darstellenden Kunst ist es leichter, einen solchen nationenübergreifenden Zusammenhang zu stiften. Aber in der Dichtung ist das etwas Erstaunliches.

PWP: Warum ist das wichtig?

Schefold: Es ist wichtig als Paradigma, weil die europäische Bewegung solchen kulturellen Anstößen folgte. Goethe wurde zwar überall in Europa gelesen, aber es entstand daraus nicht gleich auch schon eine europäische goethesche Dichtung. Aber hier, im Symbolismus, entwickelte sich etwas für Europa Spezifisches. Das war vor dem Ersten Weltkrieg. Danach gab es die Bemühungen, die europäische Einigung politisch voranzubringen aufgrund eines durch die Kultur bedingten Zusammengehörigkeitsgefühls. Insbesondere der Europäische Kulturbund ist da zu nennen. Und nach dem Zweiten Weltkrieg überlegte sich Robert Schuman, ob man auf dieser Basis weiter vorgehen solle. Doch das Erlebnis des Zweiten Weltkriegs war so entsetzlich, dass man dem rein Kulturellen nicht mehr traute. Stattdessen hat man sich darauf beschränkt, Europa aus dem rein Wirtschaftlichen neu zu begründen. Die Idee war, das wirtschaftliche Bündnis so zu organisieren, dass alle Teilnehmer Grund hätten, dabeizubleiben und nicht wieder auszutreten. Offensichtlich ist dieses Experiment nicht völlig gelungen, wie wir jetzt gerade gesehen haben.

PWP: Die gegenwärtigen Probleme der Europäischen Union sind also letztlich die Folge einer nicht hinreichenden gegenseitigen kulturellen Durchdringung?

Schefold: Ja, das würde ich behaupten. Man hat kaum versucht, jenseits der Bündnisse zur Verteidigung und zur Wahrung der wirtschaftlichen Interessen ein Gemeinsames zu schaffen. Man hat von Anfang an auf größere Anstrengungen verzichtet, ein verbindendes europäisches Kulturelement heranzuziehen, um eine Einheit auch im Denken und im künstlerischen Schaffen zu stiften, die zwischen dem stünde, was nationale Einheit ausmacht und dem, was heute mit Globalisierung gemeint wird. Wie oberflächlich man mit dem Problem dieses Mangels umgeht, zeigt sich vor allem in der Art und Weise, wie man in der öffentlichen Debatte die europäischen Werte immer als solche präsentiert, die sich von selbst globalisieren müssten. Wenn man nach europäischen Werten fragt, dann werden einem regelmäßig die Werte der Aufklärung genannt. Das ist gut und recht. Aber das sind Werte, die aus sich heraus einen universalen Anspruch erheben. Dabei geht Europa als etwas Spezifisches verloren.

PWP: Wozu bedarf es dessen?

Schefold: Für den Zusammenhalt. Blicken wir kurz auf China. Dort gibt es enorme zentrifugale Kräfte aufgrund der Unterschiedlichkeit der Provinzen. Aber die Chinesen teilen nicht nur die Tradition einer gemeinsamen Verwaltung – die nicht immer durchgängig war, denn ein paar Mal ist ja auch China auseinander gefallen. Sie haben vor allem eine gemeinsame chinesische Kultur, die in ihrer merkwürdigen Schriftlichkeit begründet ist. Diese Schrift ist Gott sei Dank so schwierig, dass man sich viele Jahre damit befassen muss, sie zu lernen. Um sie anwenden zu können, muss man die Literatur gelesen haben. Deshalb kommt man als Chinese gar nicht darum herum, sich mit der eigenen Kultur zu beschäftigen und sich im Ergebnis auch mit ihr zu identifizieren. Bis man 17 oder 20 Jahre alt ist, ist man dermaßen intensiv darin erzogen, dass man nicht mehr herauswill. In Europa hätte man sich daran durchaus ein Vorbild nehmen und in den sechziger Jahren beispielsweise beschließen können, dass in europäischen Belangen alle nur noch Lateinisch sprechen.

PWP: Oh je. Über das kleine Latinum bin zumindest ich nicht hinausgekommen.

Schefold: Oder Französisch, um sich vom globalen Englisch abzusetzen. Vielleicht wäre auch das zu künstlich gewesen, ich weiß es nicht. Jedenfalls ist da etwas, das Europa fehlt. Und das ist es, was die Ökonomen, die aus dem George-Kreis kamen – natürlich nicht als Einzige – als Defizit erkannt hatten. Selbstverständlich war der Symbolismus nur ein Beispiel – und dazu ein elitäres – für einigende und kulturelle Momente. Zu umfassenderen wie den kirchlichen Organisationen brauche ich hier nicht viel zu sagen. Autoren wie Salin haben jedenfalls zu ihrer Zeit damit sicher leichter ein Echo gefunden, als das gegenwärtig der Fall wäre. Bundeskanzler Konrad Adenauer, Alcide De Gasperi – das waren zwar wirklich Politiker und nicht Repräsentanten des europäischen Humanismus. Aber sie hatten von diesem noch mehr in sich als die politischen Figuren und die Angehörigen der Elite, mit denen wir gegenwärtig zu tun haben.

PWP: Sie beschreiben einen Prozess, indem durch den Austausch über Grenzen hinweg etwas Gemeinsames entsteht. Erleben wir das in der Wissenschaft nicht längst, durch internationale Tagungen und Forschungsverbünde? Und auch in der Gesellschaft insgesamt, durch die Möglichkeit von Reisen und sogar von dauerhafter Wanderung der Menschen?

Schefold: Natürlich erleben wir das, aber das ist ein internationales, tendenziell globales Phänomen – wo entsteht denn dabei das spezifisch Europäische? Ein Gespür für die Kunst, wie man einen Kulturzusammenhang schafft und erhält, insbesondere wie man einen solchen für Europa schafft und erhält, scheint dann verloren.

PWP: Ist das denn so entscheidend?

Schefold: Entscheidend – das wage ich, mit Bezug auf Europa, nicht zu sagen. Es wäre aber gewiss ein Gewicht in der Waagschale, wenn eben, wie in Europa seit Maastricht, die wirtschaftspolitischen Konzeptionen auseinandertreiben. Dann muss ja irgendetwas anderes da sein, was einen zusammenhält als nur die Angst vor Feinden. Zumal Europa für die Verteidigung von Amerika abhängig ist. Leider fehlen auch auf anderen Feldern der europäischen Politik wie der Wissenschaftspolitik – abgesehen vom Organisatorischen – bisher die spezifisch europäischen Konturen. Aber es wäre leichter, sich über politische Maßnahmen zu verständigen, wenn ein gewisser Grundkonsens bestünde.

PWP: Lassen Sie mich abschließend noch einmal kurz auf die Klassiker in der ökonomischen Theoriegeschichte insgesamt eingehen. Welche haben Sie unter all den Gesichtspunkten, die Sie hier bisher skizziert haben, besonders gern? Haben Sie überhaupt Lieblinge?

Schefold: Ja, natürlich, aber das verschiebt sich immer wieder. Es ist mir nicht gegeben gewesen, gute Ökonomen hassen zu können. Ich habe eigentlich immer gefunden, sie seien alle interessant. Auch wenn ich zum Beispiel bei Walras eine bestimmte Kritik hatte, fand ich ihn trotzdem einen außerordentlich faszinierenden Autor. Man hat die Klassiker eben auf verschiedene Weise gern.

PWP: Kann man Ökonomen überhaupt hassen?

Schefold: Marx ist von manchen Leuten sehr intensiv gehasst worden, um ein eklatantes Beispiel zu nehmen, und seinerseits konnte er Thomas Malthus nicht ausstehen. Übrigens sind von den Marxschen Hypothesen bezeichnenderweise die interessantesten historischer Natur. Marx ist in gewisser Weise der linke Flügel der Historischen Schule und kann insofern als deren erfolgreichster Denker gelten, als er als einziger wirklich Theorie und Geschichte enger zusammengebracht hat – weit mehr als Gustav Schmoller. Was mich betrifft, sind mir in der Theoriegeschichte manche Dinge doch eher fremd geblieben. Lieblinge hatte ich schon, da haben Sie Recht. Ich habe immer den Merkantilismus und dessen bedeutende Autoren gern gehabt, Antonio Serra oder William Petty, oder die Spanier, vor allem Luís Ortíz. Das ist der früheste Merkantilist, den ich studiert habe. Und eine Zeit lang fand ich den Münzstreit im 16. Jahrhundert faszinierend und den Kameralisten Kaspar Klock, den Autor von „De aerario“, der mitten im Dreißigjährigen Krieg mit seinen lateinischen Schriften einen späten europäischen Humanismus repräsentierte und, mit anderen Begriffen, Wirtschaftsstile wahrnahm. Aristoteles bleibt in außergewöhnlicher Weise maßgebend. Es ist unabweisbar, dass von ihm die verschiedenen Strömungen ausgehen. Einer, zu dem sich meine Haltung verändert hat, war Eugen von Böhm-Bawerk; ihn habe ich erst in jüngerer Zeit schätzen gelernt.

PWP: Warum?

Schefold: Es ist frappierend, wie sehr er an der ricardianischen Theorie der natürlichen und normalen Preise festhält. In der Frage, wie die Veränderung der Einkommensverteilung auf die relativen Preise wirkt, kann man Ricardo mit Böhm-Bawerk gegen Irving Fisher verteidigen. Böhm-Bawerk hält an der Vorstellung der Preise in der langen Frist fest und sagt, wenn der Zinssatz steigt, dann sei es keineswegs so, wie Fisher meine, dass dann die Werte künftiger Erträge allesamt fielen. Bezogen auf die Kapitalgüter würden im langfristigen Gleichgewicht vielmehr die Preise bei Änderung der Profitrate teils steigen, teils fallen, wobei er ein aus dem Durchschnitt der Güter gebildetes Numéraire verwendet. Das hat er gesehen, während Fisher diese ganze große Tradition der Analyse der langfristigen Preise durch seine einseitige Betonung des Diskontierens ein Stück weit zerstört hat, ohne zu sehen, was er da eigentlich tat. Eugen von Böhm-Bawerk und ebenfalls Knut Wicksell waren außerordentlich begabt in der Durchdringung auch solcher Denkgebäude, die ihrer eigenen Lehre fremd waren.

PWP: Wenn Sie eine Empfehlung abgeben sollten, welchen Autor sollte jeder gelesen haben?

Schefold: Ich empfehle immer, die Klassiker zu lesen, einschließlich Keynes. Auch die Ordoliberalen muss man kennen. Mit welchem Denker Sie anfangen, ist eigentlich egal. Aber nur einen zu lesen, um danach gleich wieder aufzuhören – das allerdings wäre gewiss nicht meine Empfehlung.

Mit Bertram Schefold sprach Karen Horn, Dozentin für ökonomische Ideengeschichte und Publizistin in Zürich. Bertram Schefold wurde von Wonge Bergmann fotografiert, Karen Horn von Beatríz Barragán.

Zur Person

Wirtschaft und Kultur

Bertram Schefold

Bertram Schefold, geboren 1943 in Basel, entstammt einer weitläufigen deutschen Gelehrtenfamilie. Sein Vater Karl Schefold war ein bedeutender Archäologe, sein Großvater mütterlicherseits, Karl von den Steinen, Ethnologe. Seine beiden Brüder sind ebenfalls Hochschullehrer geworden. Zur Ökonomie kam Schefold über Umwege. Im Hause seiner in den dreißiger Jahren in die Schweiz emigrierten Eltern erhielt er eine geisteswissenschaftliche Prägung; das Humanistische Gymnasium in Basel vertiefte sein Interesse für Literatur, Geschichte und Kunstgeschichte; er entwickelte daneben aber auch eine starke Neigung für die Naturwissenschaften.

„Die Naturwissenschaften schienen in den sechziger Jahren, als sie in voller Blüte standen, derart interessant, dass ich mich ihnen zuwandte, als da ein Talent zum Vorschein kam, das zunächst gar nicht angelegt schien – allerdings mit der Absicht, Philosoph zu werden“, erzählt er. Wer das umfassende, die Grenzen der Disziplinen sprengende wissenschaftliche Spektrum dieses hochgebildeten Ökonomen kennt und seine Eigenart, jegliche Gedankengebäude auf ihre Konsistenz zu prüfen, der möchte meinen, in gewisser Weise sei das sogar wahr geworden. Und wer ihn im Arbeitszimmer seiner Altbauwohnung im eleganten Frankfurter Holzhausenviertel erlebt, bis unter die hohe Decke gefüllt mit Büchern und Kunst aus aller Welt, der fühlt sich in eine Epoche versetzt, in der ohnehin alles Philosophie war.

Im Jahr 1962 nahm Schefold das Studium der Mathematik, der Theoretischen Physik und der Philosophie in München auf, wobei er ausgiebig auch in anderen Fächern Vorlesungen besuchte, zum Beispiel in Geschichte und Archäologie. Die nächste Station war Basel, unterbrochen von einigen Semestern in Hamburg, wo ihn der Philosoph und Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker beeindruckte. „Unter anderem seine Hypothesen, wie die kantianische Philosophie ein wenig modifiziert und empirisch angereichert auch den modernen Naturwissenschaften weiterhelfen könnte, haben mir ganz außerordentlich imponiert“, berichtet er.

Nach dem Diplom betätigte sich Schefold zunächst ein Jahr als Präsident des Verbandes der schweizerischen Studentenschaft. Er organisierte die erste gesamtschweizerische Konferenz über Wissenschaftsfragen, aus der Vor

schläge für ein zweistufiges Diplomstudium hervorgingen. Aufregend wurde es, als in Deutschland die Studentenrevolte ausbrach. Schefold nahm die Entwicklung in Berlin in Augenschein und fühlte sich intellektuell von dem Ruf nach einer kritischeren Wissenschaft angezogen. Das Ergebnis war, dass er am Ende seiner Amtszeit die ihm angebotene Assistentenstelle in Mathematik ablehnte und sich in ein Zweitstudium der Ökonomie stürzte. Diese Kombination seiner Studienfächer erwies sich später in dem Maße als günstig, wie sich die Wirtschaftswissenschaften auf den Pfad der mathematischen Formalisierung begaben. In Basel beeinflussten ihn vor allem seine Lehrer Gottfried Bombach und Edgar Salin.

Schon nach eineinhalb Semestern wurde Schefold nach Cambridge geschickt, wo er unter den prägenden Einfluss der keynesianischen Ökonomen Nicholas Kaldor, Joan Robinson und Piero Sraffa kam. „Meine wesentliche Einführung in die Ökonomie habe ich eigentlich dadurch bekommen, dass ich im Common Room der Fakultät, wo sich die Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeiter täglich um 11 und um 16 Uhr zum Teetrinken zu versammeln pflegten, ausspähte, wo einer der berühmten Köpfe gerade ohne ein Gegenüber saß, mich dazu setzte und meine Fragen stellte“, erzählt Schefold. Zufällig entdeckte er dann in einem Antiquariat das Buch „Mathematical Methods in Analytical Economics“ von Jacob Schwartz, das ihn inspirierte, sich mit der Kapitaltheorie und der Kuppelproduktion im Rahmen des Sraffaschen Ansatzes zu befassen. So geriet er mitten in die berühmte Cambridge-Kontroverse hinein und machte sich mit formalen Untersuchungen dazu einen Namen. Gleichzeitig begann er die Fährte der Theoriegeschichte aufzunehmen.

Nach der Promotion lehrte Schefold zunächst in Basel, kehrte dann für ein Jahr nach Cambridge zurück, zog weiter nach Harvard – und nahm 1974 einen Ruf an die Universität Frankfurt an, wo er noch heute forscht, zuletzt als Seniorprofessor. Dass er einer breiteren Öffentlichkeit in den siebziger und achtziger Jahren mit Themen der Energie- und Umweltpolitik bekannt wurde, ist nicht so überraschend, wie es auf den ersten Blick scheinen mag: Aus der Cambridge-Schule kam der genaue Blick für die Rolle der Technologie, die hier eine entscheidende Rolle spielt; aus der heimischen Sozialisation das Interesse für kulturelle Kräfte und Wirtschaftsstile, die neben den politischen Entscheidungen die technologische Entwicklung treiben. Dazu passt, wie Schefold das verbindende Thema seiner Forschung beschreibt: „Es ist der Versuch, die wechselnden Formen der Interaktion zwischen den Kräften des Marktes, der zentralen Kontrolle und der sozialen Traditionen zu verstehen.“

Viel Aufmerksamkeit erhielt das von Bertram Schefold und Klaus Michael Meyer-Abich geleitete Forschungsprojekt „Die Sozialverträglichkeit verschiedener Energiesysteme in der industriegesellschaftlichen Entwicklung“. Ihr abschließendes Buch „Grenzen der Atomwirtschaft“ brachte es 1986 zum Bestseller. Man kann sagen, dass diese Arbeiten zusammen mit den Diskussionen in der 1979 ins Leben gerufenen Bundestags-Enquête-Kommission „Zukünftige Kernenergiepolitik“ nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl den Ausstieg aus der großen Atomwirtschaft im Sinne eines Komplexes von Brütern und Wiederaufarbeitung einleiteten.

Heute assoziiert man Schefold infolge seiner langjährigen Herausgeberschaft der Reihe „Klassiker der Nationalökonomie“ vor allem mit der Theoriegeschichte. Diese wunderschöne bibliophile Klassiker-Reihe präsentiert einen Kanon der Ökonomie als Faksimiles von Erstausgaben der wichtigsten und bahnbrechenden Werke von einhundert Klassikern, in edler Aufmachung und ergänzt durch anspruchsvolle Kommentarbände. Schefold bezeichnet es als sein Steckenpferd, die Anschauung über das Ökonomische aus der Wirtschaftsgeschichte und der Dogmengeschichte zu ziehen. Doch es ist weit mehr als das. Es ist das Ergebnis seines spezifischen kulturgeschichtlich erweiterten Ansatzes – und sein feingeistiges Markenzeichen.

Immer wieder wagt sich Schefold gern auch in spannende Randgebiete seines Fachs vor, zum Beispiel in seiner Beschäftigung mit Goethe oder mit dem Lyriker Stefan George. In der Familie bestanden seinerzeit Verbindungen zum George-Kreis; in dieser Tradition stand Schefold selbst 1995–2009 der in Bingen am Rhein ansässigen Stefan-George-Gesellschaft vor und ist seit 2010 deren Ehrenmitglied.

Seiner Frankfurter Standorttreue steht eine umfangreiche Reisetätigkeit gegenüber; Gastprofessuren und Forschungsaufenthalte haben ihn in alle Welt geführt, unter anderem nach Wien, New York, Rom, Toulouse, Nizza, St. Petersburg, Neu Delhi und Tokio. Zweimal hat er bisher die Ehrendoktorwürde verliehen bekommen, von der juristischen Fakultät der Universität Tübingen und der politikwissenschaftlichen Fakultät der Universität Macerata (Italien). (orn.)

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Published Online: 2017-05-10

Published in Print: 2017-05-01


Citation Information: Perspektiven der Wirtschaftspolitik, Volume 18, Issue 1, Pages 56–71, ISSN (Online) 1468-2516, ISSN (Print) 1465-6493, DOI: https://doi.org/10.1515/pwp-2017-0003.

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