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Perspektiven der Wirtschaftspolitik

Editor-in-Chief: Haucap, Justus

Ed. by Arnold, Lutz / Corneo, Giacomo / Grimm, Veronika / Horn, Karen / Schneider, Friedrich / Wagner, Franz / Winter, Joachim


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ISSN
1468-2516
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Volume 19, Issue 4

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Krisen, Einsicht und Reformen

Karl-Heinz Paqué
Published Online: 2019-03-01 | DOI: https://doi.org/10.1515/pwp-2019-0006

„Manchmal helfen Krisen der Einsicht auf die Sprünge.“ So lautet einer der Kernsätze des schwedischen Ökonomen Lars Calmfors, den er in der Rubrik „Das Gespräch“ gegenüber seiner Interviewpartnerin Karen Horn in diesem Heft der „Perspektiven der Wirtschaftspolitik“ ausspricht. Es ist ein Satz, der eigentlich für alle Beiträge des vorliegenden Heftes und für viele historische Phasen von Nationen Gültigkeit hat. So war es in den neunziger Jahren in Schweden, als das Eldorado des Wohlfahrtsstaats in eine schwere Krise geriet, dann aber ein erstaunliches Maß an Flexibilität und Reformfähigkeit bewies, um aus ihr herauszukommen. Lars Calmfors berichtet darüber, er war selbst ein führender Berater in diesem Prozess der Erneuerung. Fast ist dabei ein neues schwedisches Modell entstanden, auf das so manche europäische Nachbarnation neidvoll blickt.

Krisen in Europa gab es in jüngerer Zeit genug. Eine Antwort der Europäischen Zentralbank darauf war schließlich – unter Ökonomen höchst umstritten – ein unorthodoxes Programm der quantitativen Lockerung („Quantitative easing“), mit massivem Aufkauf von Staats- und Unternehmensanleihen zur Verbesserung der Investitionsbedingungen für private Unternehmen. In der Rubrik „Beiträge aus der Forschung“ stellen Moritz Göbell, Mark Mietzner und Dirk Schiereck in ihrer empirischen Untersuchung fest, dass diese Politik wirksam war: Sie erhöhte die Wertpapierpreise, senkte die Renditen und entfaltete damit eine signifikante realwirtschaftliche Wirkung.

Politisch ähnlich umstritten war in den vergangenen Jahren die Frage, ob in Deutschland bei sprudelnden Steuereinnahmen der Solidaritätszuschlag vollständig abgeschafft werden sollte, was bisher nicht geschehen ist. Befürworter erhofften sich davon einen wichtigen Wachstumsimpuls, der auch helfen könnte, hohe Überschüsse der deutschen Leistungsbilanz zu reduzieren und damit die politisch spannungsgeladenen Ungleichgewichte in Europa zu mildern. Die Ergebnisse der empirischen Studie von Ludwig Strohner, Johannes Berger und Tobias Thomas zeigen, dass tatsächlich Bruttoinlandsprodukt und Beschäftigung deutlich zunehmen würden und der länger

fristige Grad der Selbstfinanzierung der Maßnahme mit 50 Prozent relativ hoch läge. Also: eine bisher verpasste Chance.

In der Rubrik „Aus aktuellem Anlass“ widmet sich Martin Hellwig einer der brisantesten geldpolitischen Fragen, die sich in dieser Dekade in der Eurozone gestellt hat: der Bedeutung der Targetsalden. Seit 2011 tobt darüber eine scharfe Kontroverse in Deutschland, im Wesentlichen zwischen zwei Lagern: Die einen Ökonomen sehen in den hohen Targetsalden ein gefährliches Auflaufen von zwischenstaatlichen Krediten innerhalb der Eurozone mit Deutschland als Hauptgläubiger, die anderen sehen darin einen normalen Ausgleichsmechanismus zur Sicherung der Liquiditätsversorgung innerhalb eines Währungsraums, in der es nur eine Zentralbank gibt, die selbstständig agiert. Martin Hellwig, selbst engagierter Vertreter der zweiten Position, analysiert in einem umfassenden Beitrag die deutsche Diskussion zu diesem Thema, dessen kontroverse Behandlung sich in den zurückliegenden Monaten und Jahren vor allem auf den informellen Gedankenaustausch in Email-Verteilern konzentrierte. Mit seinem Beitrag bringt Hellwig die Diskussion zurück zum traditionellen Medium der wissenschaftlichen Auseinandersetzung: dem Journal.

„Wissenschaft im Überblick“: mit dieser Rubrik startet jedes Heft unserer Zeitschrift. Diesmal verdient sie eigentlich eher den Titel „Wirtschaftsgeschichte im Überblick“. Es geht um 70 Jahre Soziale Marktwirtschaft in Deutschland: um Wachstum und Strukturwandel, gelungene und verschleppte Reformen, um Integration in die Weltmärkte und die Deutsche Einheit – kurzum: sieben Dekaden wechselvoller Problemlagen und wirtschaftspolitischer Antworten. Insgesamt kommt der Autor zu einem positiven Befund: Die Soziale Marktwirtschaft hat sich in hohem Maße bewährt. Wichtiger noch: Sie hat sich bis in die jüngere Vergangenheit immer wieder den großen Aufgaben erfolgreich gestellt, auch wenn die Politik gelegentlich verzögert reagierte. Ob dies auch in der Zukunft bei den heutigen Herausforderungen so sein wird, ist offen. Die Herausforderungen jedenfalls sind für Deutschland gewaltig – vom demografischen Wandel über eine schwache Gründerkultur bis zu den neuen globalen Wellen des Protektionismus.

Der Autor des Surveys, der etwas länger als normal geraten ist, bin ich übrigens selbst. Dies hat zwei Gründe: Zum einen liebe ich als Volkswirt die langfristige, eher wirtschaftsgeschichtliche Vogelperspektive, denn sie schärft den Blick für das wirklich Wichtige und glättet den kurzfristigen Wellenschlag der üblichen wirtschaftspolitischen Aufgeregtheit. Zum anderen scheide ich mit dem vorliegenden Heft als federführender Herausgeber der „Perspektiven der Wirtschaftspolitik“ aus – nach sechs Jahren Tätigkeit, in die ein „Relaunch“ der Zeitschrift fiel. Seit 2014, also seit fünf Jahren und 20 Heften, sucht der Verein für Socialpolitik mit der neu konzipierten Zeitschrift ein breiteres Publikum als das rein akademische der Hochschulen und Universitäten anzusprechen. Die Motivation dazu lässt sich im ausführlichen Editorial von Heft 1 des Jahres 2014 nachlesen. Ob dies gelungen ist, müssen die Leserinnen und Leser entscheiden. Die Rückmeldungen über die vergangenen fünf Jahre waren jedenfalls sehr ermutigend.

Mein besonderer Dank gilt dem Team der Herausgeber, allen voran der Chefredakteurin Karen Horn, die auch weiterhin die Zeitschrift gestalten wird, sowie meinen Kolleginnen und Kollegen Lutz Arnold, Giacomo Corneo, Veronika Grimm (seit Mitte 2015), Regina Riphahn (bis Mitte 2017), Friedrich Schneider und Franz Wagner. Großer Dank gilt auch Karolin Herrmann, der Geschäftsführerin des Vereins für Socialpolitik, sowie Kathrin Meyer-Pinger, meiner Assistentin, die beide vor allem in den letzten Jahren in großartiger Weise bei der Herstellung der Zeitschrift mitgewirkt haben. Dank gilt auch den drei Präsidenten des Vereins für Socialpolitik während meiner Amtszeit: Michael C. Burda, Monika Schnitzer und Achim Wambach. Alle drei haben das Projekt sehr wohlwollend begleitet. Dank gilt auch dem Verlag De Gruyter, vor allem Alexander Goerlt und Ulrike Kitzing, für die gute Zusammenarbeit.

Mein Nachfolger als federführender Herausgeber wird Justus Haucap sein. Ich persönlich freue mich sehr darüber, dass er sich dazu bereit erklärt hat und vom Vorstand des Vereins für Socialpolitik gewählt wurde. Ich wünsche ihm bei der Aufgabe viel Glück und Geschick – und der Zeitschrift unter seiner Federführung einen weiteren großen Schritt in die moderne Welt der öffentlichen Kommunikation unserer Profession.

Zum Schluss noch eine persönliche Bemerkung: Ich scheide nicht nur deshalb aus, weil es nach sechs Jahren Zeit ist zu gehen, um etwaiger Ideenlosigkeit und gedanklicher Sklerose eines federführenden Herausgebers vorzubeugen. Es gibt einen zweiten nüchternen Grund: Seit Ende September 2018 bin ich Vorstandsvorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und in dieser Funktion auch federführender Herausgeber der Zeitschrift der Stiftung mit Namen „Liberal – Das Magazin für die Freiheit“. Dort geht es natürlich auch um politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Fragen, und zwar aus liberaler Perspektive. Selbstverständlich spielt auch die Wirtschaftspolitik dabei eine wichtige Rolle. Es wäre deshalb nicht gut, wenn ich gleichzeitig Herausgeber dieser Zeitschrift, der Perspektiven der Wirtschaftspolitik, bliebe – schon allein wegen allfälliger editorischer Interessenskonflikte. Deshalb mein Abschied und der Stabwechsel zum Jahresende 2018.

About the article

Published Online: 2019-03-01

Published in Print: 2019-02-28


Citation Information: Perspektiven der Wirtschaftspolitik, Volume 19, Issue 4, Pages 267–268, ISSN (Online) 1468-2516, ISSN (Print) 1465-6493, DOI: https://doi.org/10.1515/pwp-2019-0006.

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