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SIRIUS - Zeitschrift für Strategische Analysen

[SIRIUS: Journal of Strategic Analysis ]

Editor-in-Chief: Krause, Joachim

Ed. by Kamp, Karl-Heinz / Masala, Carlo / Wenger, Andreas

4 Issues per year

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Online
ISSN
2510-2648
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Shiraz Maher und Peter Neumann: Pain, Confusion, Anger, Shame: The Stories of Islamic State Families. 2016.

Florian Wätzel
  • Corresponding author
  • M.A. Florian Wätzel: Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel Germany
Published Online: 2017-02-21 | DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2017-0011

Der deutsche Politikwissenschaftler Peter Neumann gilt als ausgewiesener Experte für die dschihadistische Radikalisierung in Europa und ist vielleicht der derzeit gefragteste Ansprechpartner für Medien und Politik. Zusammen mit seinem Kollegen Shiraz Maher vom renommierten Londoner King's College untersucht er eine in der Forschung bisher kaum betrachtete Gruppe: die Familienmitglieder dschihadistischer Auslandskämpfer. Dabei ergründen sie, wie Familien reagieren, wenn eines ihrer Mitglieder nach Syrien aufbricht, um sich den Islamischen Staat anzuschließen.

Durch eine Analyse von Medienquellen konnten die beiden Forscher Äußerungen aus dem Familienkreis von 46 Dschihadreisenden zusammentragen. In den meisten Fällen kommen die Eltern junger Dschihadisten zu Wort. In einigen Fällen handelt es sich auch um Geschwister, die Großmutter oder andere Verwandte. Die betroffenen Familien kommen aus insgesamt 17 Ländern. Die Aussagen erfolgten in den vergangenen zwei Jahren und wurden zumeist im Rahmen von Interviews getätigt.

Die Auswertung zeigt, dass die Reaktionen der Familienmitglieder nicht nur sehr ähnlich ausfallen, sondern auch durchweg negativ konnotiert sind. Verständnis oder gar Zustimmung für die Teilnahme am Dschihad wurde von keinem Familienmitglied geäußert. Vielmehr regierten die Angehörigen mit einer Mischung aus „Trauer, Fassungslosigkeit, Wut und Schamgefühl“. Dominierend war jedoch das Gefühl einer tief empfundenen Trauer. Die Entscheidung der Tochter, des Sohnes, Enkels oder Cousins, sich dem Islamischen Staat anzuschließen, wurde in den meisten Fällen als schmerzhafter Verlust einer geliebten Person empfunden.

Auch wenn die Autoren hierzu keine weiteren Ausführungen machen, so lässt die Studie den Rückschluss zu, dass dschihadistische Radikalisierung kein Familienphänomen ist, sondern hauptsächlich außerhalb der Familie stattfindet. Dies steht im Gegensatz zu terroristischen Gruppierungen aus dem ethnisch-nationalistischen Spektrum, wie der IRA, die häufig von einer deutlich breiteren Unterstützung innerhalb der Bevölkerung profitierten. Hier war es nicht ungewöhnlich, dass einzelne Familien mehrere Kämpfergenerationen hervorbrachten.

Basierend auf ihren Ergebnissen empfehlen die Autoren kurz und knapp, betroffene Familien besser zu unterstützen. Zudem sollten Familien stärker in eine Radikalisierungsprävention eingebunden werden. Damit stärken sie eine wichtige Grundannahme aus der praktischen De-Radikalisierungsarbeit. Hier erfüllen Familienmitglieder eine Kernfunktion, weil sie den Betroffenen sehr nahe stehen, und Verwandte werden gezielt in die Präventionsarbeit eingebunden, um die Radikalisierung von jungen Muslimen zu stoppen.1

Kritisch anzumerken ist allerdings, dass die Studie auf einer sehr kleinen Stichprobe aufbaut und deshalb, wie die Autoren eingestehen, ihre Aussagekraft begrenzt bleibt. Zudem haben die Autoren die Interviews nicht selbst geführt, sondern die Antworten aus Medienquellen zitiert. Die Interviewsituation sowie die gestellten Fragen sind dadurch nicht nachvollziehbar. Die Methodik wird zusätzliche durch die logische Annahme in Frage gestellt, dass potentielle Dschihadunterstützer sich kaum in Interviews öffentlich äußern oder zumindest ihre wahren Ansichten verbergen würden, um sich nicht selbst strafrechtlich zu belasten. Auch wenn die Aussage, dass Familien die Ausreise eines Verwandten in den Dschihad ablehnen, in ihrer Tendenz grundsätzlich richtig erscheint, trifft dies gleichwohl nicht immer zu. Es gab sie durchaus, die Einzelfälle, in denen Verwandte sich gemeinsam radikalisierten und in den Dschihad reisten oder von Familienmitgliedern aus der Heimat unterstützt wurden.2

Zusammenfassend bleibt festzustellen, dass die Studie ein guter Richtungsschuss ist, der Komplexität des Sachverhalts allerdings nicht gerecht wird. Um die Auswirkungen und Wechselwirkungen zwischen Radikalisierung und Familie besser verstehen zu können, bedarf es weitere Forschung, die gezielt Daten erhebt, auf größeren Stichproben aufbaut und die bestehenden Erfahrungen aus der Deradikaliserungsarbeit einbezieht.

http://icsr.info/wp-content/uploads/2016/04/ICSR-Report-Pain-Confusion-Anger-and-Shame-The-Stories-of-Islamic-State-Families1.pdf

About the article

Published Online: 2017-02-21

Published in Print: 2017-02-21



Citation Information: SIRIUS - Zeitschrift für Strategische Analysen, ISSN (Online) 2510-2648, ISSN (Print) 2510-263X, DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2017-0011. Export Citation

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