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SIRIUS - Zeitschrift für Strategische Analysen

Editor-in-Chief: Krause, Joachim

Ed. by Kamp, Karl-Heinz / Masala, Carlo / Wenger, Andreas

4 Issues per year

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Online
ISSN
2510-2648
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Daniel A. Shlapak, Michael W. Johnson: Reinforcing Deterrence on NATO's Eastern Flank, RAND Corporation, Santa Monica 2016.

Karl-Heinz Kamp
  • Corresponding author
  • Dr.Karl-Heinz Kamp: Präsident, Bundesakademie für Sicherheitspolitik, Berlin Germany
Published Online: 2017-02-21 | DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2017-0013

Gerade in den Monaten vor dem NATO-Gipfel in Warschau im Juli 2016 entbrannte eine heftige Diskussion im Bündnis, ob die Allianz einer militärischen Aggression Russlands gegen das Baltikum gewachsen wäre. Einer der Auslöser für diese Debatte waren eine Reihe von militärischen Simulationen (Wargames), welche die amerikanische RAND-Corporation ab Mitte 2014 durchgeführt hatte. Die Ergebnisse dieser Simulationen sind in dem Papier von Shlapak und Johnson dokumentiert.

Dabei verweisen die Autoren zunächst auf den Umstand, dass gerade Präsident Obama explizit erklärt habe, die Sicherheit der drei Baltischen Staaten falls nötig auch militärisch verteidigen zu wollen. Mit diesem so deutlich ausgesprochenen amerikanischen „Commitment“ bekommt der Artikel 5 des NATO-Vertrages (der alle Mitgliedsstaaten zur Bündnissolidarität verpflichtet) ein besonderes Gewicht. Allerdings seien – so die Analyse – weder die USA noch die übrigen NATO Mitglieder auf eine solche Aufgabe militärisch vorbereitet. Dies sei während den unterschiedlichen Wargames auf erschreckende Weise deutlich geworden.

Sollte sich also die russische Regierung aus welchen politischen Gründen auch immer für eine militärische Aggression gegen die Baltischen Staaten entscheiden, so könne sie auf einen raschen militärischen Erfolg hoffen. Zunächst sei die Geografie in Nordosteuropa ohnehin von Vorteil für Russland. NATO-Streitkräfte, die während eines militärischen Konflikts mit Russland ins Baltikum vorrücken wollten, müssten zwangsläufig einen gut 100 km breiten Korridor zwischen Weißrussland, das in einem Konflikt auf der Seite Russlands stehen dürfte, und dem russischen Kaliningrad passieren. In dieser Phase wären sie hochverwundbar oder könnten an der Passage gehindert werden. Auch hätte Russland zwei weitere militärische Vorteile: zum einen könne es kurzfristig deutlich mehr Streitkräfte in der Region konzentrieren als die NATO und zum anderen verfügten diese Streitkräfte auch über eine deutlich höhere Feuerkraft.

Die durchgeführten Wargames gingen von einem Szenario aus, in dem die NATO rund eine Woche Vorwarnung gehabt hätte und bereits einige Einheiten in die Region bringen konnte. Dennoch waren die simulierten russischen Angriffe in der Lage, in 36 bis 60 Stunden die drei baltischen Hauptstädte zu erreichen und unter Kontrolle zu bringen. Damit hätte Russland einen Fait Accompli geschaffen und könnte zu diesem Zeitpunkt die Kämpfe einstellen.

Die NATO hätte in einer solchen Situation nur drei Optionen, die alle negativ wären. Zum einen könne man sich – ähnlich wie in der Ukraine – mit der russischen Landnahme unter Protest abfinden. Die Folge wäre, dass die NATO als Sicherheitsbündnis ihre Handlungsunfähigkeit bewiesen hätte und womöglich zerfallen würde. Zweitens könne man, nachdem ausreichende Verstärkung von allem aus den USA nach Europa gebracht worden wäre, die russischen Streitkräfte militärisch wieder zurückdrängen. Dies hätte aber einen Landkrieg im Baltikum, einschließlich einem Häuserkampf um die besetzten Hauptstädte, zur Folge. In diesem Krieg wäre die NATO Russland zwar weit überlegen, allerdings wären Zerstörungen wie 1999–2000 in Grosny zu erwarten. Drittens könnte die NATO mit der nuklearen Eskalation drohen und wäre damit im gleichen Dilemma wie im Kalten Krieg: Jeder Ersteinsatz einer Nuklearwaffe – ganz gleich von welcher Seite – könnte eine unkontrollierte Eskalation bis hin zum „All Out Nuclear War“ in Gang setzen, welche die Menschheit als Ganzes bedrohen würde.

Aus den Ergebnissen des Wargaming leiten die Autoren klare Forderungen ab. Gerade die europäischen NATO-Mitglieder müssten den seit Jahren andauernden Trend der Reduzierung ihrer militärischen Verteidigungsfähigkeit unterbrechen und umkehren. Dabei ginge es nicht allein um Waffen und Munition. Auch die einst im Kalten Krieg vorhandene Infrastruktur zum Transport von militärischem Gerät von West nach Ost müsste zumindest in Teilen wieder hergestellt werden. Darüber hinaus sollten die USA drei Army Brigade Combat Teams (ABCT) für das Baltikum bereitstellen – keine kleine Investition aber angesichts der militärischen Bedrohung durch Russland durchaus berechtigt.

https://www.rand.org/content/dam/rand/pubs/research_reports/RR1200/RR1253/RAND_RR1253.pdf

About the article

Published Online: 2017-02-21

Published in Print: 2017-02-21


Citation Information: SIRIUS - Zeitschrift für Strategische Analysen, ISSN (Online) 2510-2648, ISSN (Print) 2510-263X, DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2017-0013. Export Citation

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