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SIRIUS - Zeitschrift für Strategische Analysen

[SIRIUS: Journal of Strategic Analysis ]

Editor-in-Chief: Krause, Joachim

Ed. by Kamp, Karl-Heinz / Masala, Carlo / Wenger, Andreas

4 Issues per year

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ISSN
2510-2648
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Der Forschungsstand zum Thema Radikalisierung

Jannis Jost
  • Corresponding author
  • Jannis Jost, M. Litt., Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel Germany, E-Mail: jjost@ispk.uni-kiel.de
  • Email:
Published Online: 2017-02-21 | DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2017-0021

1 Einleitung

Der Begriff „Radikalisierung“ ist binnen weniger Jahre zu einem Eckpfeiler der Diskussion über Terrorismus und Innere Sicherheit geworden. Obwohl das Wort an sich natürlich schon vorher existierte, ist nach Meinung der meisten Experten das Konzept „Radikalisierung“ erst nach den Anschlägen in Madrid 2004 und London 2005 zu Popularität in politischen und wissenschaftlichen Kreisen gelangt.1 Diese Entwicklung lässt sich auch anhand der Medien nachweisen2: Eine an der Universität Kent durchgeführte Untersuchung von fünf britischen Tagezeitungen zeigt, dass die Verwendung des Begriffs „Radicalisation“ von 21 Fällen im Jahr 2004 auf 63 (2005) und dann auf 146 Fälle (2006) stieg.3 Eine ähnliche, aber breiter angelegte Untersuchung der Universität Lancaster ergab, dass auch gegenwärtig in britischen Medien Radikalisierung als ein prävalentes und wachsendes Problem dargestellt wird.4

Radikalisierung – und damit auch Radikalisierungsforschung – ist also mittlerweile sozusagen in aller Munde. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Die Bedrohung durch den transnationalen Terrorismus hat immens zugenommen. Weltweit hat sich die Zahl der in Terroranschlägen getöteten Zivilisten seit 2000 mehr als verfünffacht. Der Großteil der Opfer ist in den Bürgerkriegsländern Afrikas und des Nahen und Mittleren Ostens zu beklagen, aber auch an den westlichen Staaten geht der Terrorismus nicht spurlos vorüber. 2015 markierte für die OECD-Staaten das opferintensivste Jahr seit den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001. Frankreich, Schweden, Deutschland und Dänemark verzeichneten 2015 die höchste Anzahl von Terroropfern in ihrer jeweiligen Geschichte.5 Vor diesem Hintergrund und angesichts der unfassbaren Gräueltaten des sogenannten „Islamischen Staates“ stellen man sich natürlich die Frage: warum? Was treibt Menschen zu solchen Taten? Die Radikalisierungsforschung ist angetreten, hierauf eine Antwort zu geben.

2 Radikalisierung ist das, was vor dem Anschlag passiert

Das Konzept „Radikalisierung“ ist also von höchster praktischer Relevanz und trifft auf brennendes Interesse. Doch das hat auch Nachteile. Radikalisierung ist untrennbar mit Terrorismus (oder zumindest Gewalt) verbunden und wird fast immer vom Ergebnis her gedacht: Radikalisierung muss das sein, was vor dem Anschlag geschieht.6 So definiert7 z. B. die Europäische Kommission Radikalisierung als „das Phänomen, dass Menschen Meinungen, Sichtweisen und Ideen übernehmen, die zu Terrorismus führen können“.8 Farhad Khosrokhavar beschreibt Radikalisierung (wiederum unter Bezugnahme auf andere Autoren) als

„[…] den Prozess, der dazu führt, dass ein Individuum oder eine Gruppe zu einer Form der Gewaltausübung greift, die unmittelbar an eine sozial, politisch oder religiös motivierte Ideologie geknüpft ist, von der die herrschende politische, soziale oder kulturelle Ordnung abgelehnt wird.“9

Dass eine Radikalisierung stattgefunden hat, kann man also jeweils nur dann mit Sicherheit sagen, wenn eine Gewalttat erfolgt ist. Man stelle sich zum Vergleich einmal vor, dass sich das Brandschutzkonzept eines Gebäudes nur bewerten ließe, nachdem es Feuer gefangen hat. Das würde nicht für ein solides Verständnis davon sprechen, was Brandschutz ausmacht.

Tatsächlich befindet sich die Radikalisierungsforschung ziemlich genau in dieser Situation. Von dem Ziel, zukünftige Terroristen anhand ihres Profils zu identifizieren, bevor sie zur Tat schreiten, ist die Forschung noch weit entfernt, wie Marc Sageman in einem vielbeachteten Beitrag konstatierte.10 Das trifft zu, allerdings zeigt sich hier wieder die Schattenseite der Praxisrelevanz: Es wird stets gehofft, dass Fortschritte in der Radikalisierungsforschung zur Prävention oder sogar – mittels Profiling – zur Verhinderung von Terroranschlägen beitragen. Das ist eine immens hohe, geradezu unrealistische Erwartung. Immerhin sind wir genauso weit davon entfernt, im Vorhinein absehen zu können, wer warum zum Mörder wird oder auch nur wer genau warum welches neue Auto kauft. Menschliches Verhalten zu modellieren ist extrem komplex, was auch die Aussagekraft zum Thema Radikalisierung begrenzt. Als eine spezifische Forschungsdisziplin, die der Terrorismusabwehr zuarbeiten soll, enttäuscht die Radikalisierungsforschung daher. Wenn man sie aber als ein Sammelbecken für Analysen versteht, die sich der Frage „Wie entsteht Terrorismus?“ aus soziologischer, psychologischer, kriminologischer, kultur-, politik-, religions- oder militärwissenschaftlicher Perspektive annähern, hat die Radikalisierungsforschung einiges zu bieten. Diese unzähligen Ergebnisse mit einer Vielzahl methodischer Hintergründe kohärent zusammenzufassen, ist mittlerweile zu einem Ding der Unmöglichkeit geworden. Ein Forschungsteam des australischen Verteidigungsministeriums schrieb dieses Vorhaben mit den Worten ab: „So ungefähr das Einzige, worüber sich Radikalisierungsexperten einig sind, ist, dass Radikalisierung ein Prozess ist. Darüber hinaus sind die Variationen so beträchtlich, dass sie die existierende Forschung unvergleichbar machen.“11 Dennoch lassen sich einige wichtige Ansätze, Eckpunkte und Entwicklungen identifizieren, die im Folgenden dargestellt werden sollen.

3 Criminal Minds, Gefährliche Freundschaft oder Krieg der Welten?

Charles Tilly, Pionier der Social Movement Theory, postuliert, dass sich die Beschreibungen und Erklärungen von sozialen Prozessen aller Art üblicherweise in eine von drei Kategorien einordnen lassen: systemisch, relational und dispositional.12 Systemische Erklärungen erklären ein Ereignis durch seine Position in einem – daher der Name – allumfassenden System und durch die darin wirkenden Kräften, z. B. die Weltwirtschaftsordnung und die Globalisierung. So ließe sich Terrorismus systemisch z. B. durch die rapiden sozialen Veränderungen im Zuge der Globalisierung erklären, die traditionelle Gesellschaftsformen – mitsamt ihrer konflikt- und gewalthemmenden Mechanismen – aufgebrochen haben.13 Relationale Sichtweisen behandeln die Eigenschaften und Handlungen ihrer jeweiligen Analyseeinheiten (meistens Gruppen, manchmal auch Individuen) als das Ergebnis von Beziehungen und Interaktionen mit anderen Einheiten. Terrorismus ist in diesem Verständnis vor allem eine Kommunikationsmethode – eine Lesart, die in der Terrorismusforschung eine lange Tradition hat.14 Dispositionale Erklärungen schließlich fokussieren sich auf das Individuum als Analyseeinheit und „[…] erklären die Handlungen dieser Einheiten mittels ihrer Orientierung just vor dem Punkt der Handlung.“15

Mittlerweile folgen die meisten Erklärungsversuche zur Radikalisierung dem dispositionalen Ansatz. Das war nicht immer so, und es ist auch nicht ohne Nachteile. Aber es ist der einzige Weg, sich einem Grundproblem der Radikalisierungsforschung zu stellen: dem Problem der Spezifizität. Wenn man versucht, Faktoren zu identifizieren, die mit Radikalisierung korrelieren (z. B. die „vier Ms“ des Verfassungsschutzes: männlich, muslimisch, Migrationshintergrund, Misserfolg in der Pubertät16), so stellt man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit fest, dass diese Faktoren auf eine erhebliche Zahl von Menschen zutreffen. Einige Menschen in dieser Gruppe mögen tatsächlich radikalisiert sein, aber die große Mehrheit ist es nicht. Die identifizierten Faktoren sind also nicht spezifisch für Radikalisierte. Solange noch kein allgemeingültiges Charakteristikum gefunden wurde, das die Gruppe der Radikalisierten zuverlässig von der der Nicht-Radikalisierten unterscheidet, liefern Analysen auf Gruppenebene sozusagen nur grobkörnige Bilder über die Ursachen von Radikalisierung. Deswegen ist es sinnvoll, sich auf die kleinstmögliche Analyseeinheit zu konzentrieren: das Individuum und seine Motivation.

Auch systemische und relationale Ansätze können sich auf das Individuum konzentrieren. Dann aber stehen meistens die Kräfte im Mittelpunkt, die auf das Individuum ausgeübt werden, entweder durch ein übergeordnetes System oder die existierenden Beziehungsdynamiken. Durch die Umstände wird das Individuum radikalisiert (man beachte die passivische Form). Intuitiv werden z. B. häufig Armut und Mangel an Bildung als terrorismusfördernde Umstände benannt. Ein kausaler Zusammenhang zur Radikalisierung gilt in diesem Fall allerdings als weitgehend widerlegt.17 Andere systemische oder relationale Faktoren – vor allem exzessive Staatsgewalt und diskriminierende, als demütigend empfundene Politik gegenüber einer Gruppe – werden aber sehr wohl als radikalisierungsfördernd angesehen.18 Ganz abgesehen davon, dass sich hier wieder das Problem der Spezifizität aufdrängt, pocht aber die moderne Forschung gerade in den letzten Jahren darauf, dass Terroristen in aller Regel nicht passivisch radikalisiert worden sind oder ihr Handeln das Ergebnis von Alternativlosigkeit ist. Stattdessen stehen ihre Taten am Ende einer Reihe von Entscheidungen, die getroffen werden, weil sie mit (emotionalen, identitären oder materiellen) Zugewinnen verknüpft sind – sie haben Handlungsmacht (agency) über ihre Radikalisierung.19

Es bietet sich also das Individuum als Analyseeinheit an, und zwar als handelndes Subjekt, nicht als bloßer Spielball der es umgebenden Kräfte. Dieser Ansatz kann aber auch zu weit getrieben werden. Frühe Erklärungsansätze zur Radikalisierung aus den 1970er Jahren trieben den dispositionalen Ansatz ins Extrem, indem sie die Gründe für Terrorismus allein in einer pathologischen Prädisposition (sprich Geistesstörung) der Täter erkannten.20 Auch das gilt als weitgehend widerlegt.21 Retrospektiv bemängeln einige Experten, dass die neue, rapide expandierende Generation der Radikalisierungsforschung nach 2004 einen ähnlichen Fehler machte und die Ursachen ausschließlich im Kopf der Betroffenen suchte.22 Wenn man die Radikalisierung von Terroristen verstehen will, sollte man also sowohl Generalisierungen vermeiden, als auch anerkennen, dass die Welt, in der Terroristen leben, einen Einfluss auf sie und ihren Werdegang hat.

4 Vor uns liegen die Mühen der Ebenen

Als Antwort auf diese Herausforderung hat sich in der Radikalisierungsforschung ein Ebenenmodell (üblicherweise dreigeteilt in Mikro-, Meso- und Makro-Ebene) herausgebildet, das versucht, das Individuum, seine Umwelt und die übergeordneten Verhältnisse zueinander in Beziehung zu setzen. Ungeachtet aller berechtigten Kritik an der Radikalisierungsforschung hat es hierbei, um ein Ergebnis vorwegzunehmen, durchaus Fortschritte gegeben. Auf wen genau das Ebenenmodell zurückgeht, ist nicht feststellbar. Der Psychologe John Horgan – eine Koryphäe auf dem Gebiet der Radikalisierungsforschung – bezieht sich bei der Vorstellung des Modells in seinem vielbeachteten Werk The Psychology of Terrorism23 auf die Arbeit von Scott Kleinmann24. Die Unterteilung in Individuum – Gruppe – Masse findet sich aber auch schon vorher bei anderen Experten, z. B. bei Louise Richardson, die Terrorismus am Schnittpunkt zwischen entfremdeten Individuum, unterstützender Gemeinschaft und legitimierender Ideologie verortet.25 Das Ebenenmodell kann vielleicht eher als eine organisch gewachsene, implizite Adaption der Kategorien systemisch, relational und dispositional denn als spezifische Idee einer Person verstanden werden.

Erste Ansätze für das Verknüpfen der Ebenen finden sich nämlich schon lange bevor von einer systematischen Radikalisierungsforschung die Rede sein kann – tatsächlich gehören diese Ansätze weiterhin zu den meistzitierten und einflussreichsten in der Terrorismusforschung. Ted Gurr untersuchte in seinem Buch Why Men Rebel den soziopsychologischen Faktor der relativen Deprivation als Bindeglied zwischen makroökonomischen Umständen und individueller Gewalt, welche er auf Basis der Frustations-Agressions-Hypothese erklärt.26 Während direkte Kausalverbindungen – wie oben erwähnt – einer empirischen Prüfung nicht standhalten, kann ökonomische Ungleichheit psychologische Dynamiken befeuern, die Gruppenidentitäten und Inter-Gruppen-Konflikte verstärken.27

Eine Reihe von Experten, unter denen Martha Crenshaw die prominenteste ist,28 hat außerdem bereits früh den ebenfalls aus der Ökonomie stammenden Rational-Choice-Ansatz genutzt, um zu erklären, warum Terrorismus entsteht. Terrorismus wird so als eine kostengünstige, effektive Strategie zur Verfolgung weitreichender soziopolitischer Ziele interpretiert29 – was aber noch nicht erklärt, warum sich einzelne Individuen radikalisieren. Crenshaw selbst warnt, dass die politischen Ziele der meistens Terrorgruppen so weitreichend sind, dass es kaum als rational gelten kann, sie zu verfolgen.30 Schbley hat außerdem empirisch nachgewiesen, dass nur die wenigsten Menschen, die Terrorismus für ein rationales Mittel zur Verbesserung ihrer Situation halten, auch tatsächlich zu Terroristen werden.31 Obwohl das Problem der Spezifizität also verbleibt, haben diverse Studien seitdem interessante Arbeit dazu geleistet, kollektive und individuelle Rationalität in komplexeren Modellen in Einklang zu bringen32 – selbst in so intuitiv irrationalen Feldern wie Selbstmordterrorismus.33

Ebenfalls bereits früh belegt, aber von ungebrochen hoher Wichtigkeit, ist die Bedeutung der Meso- oder Gruppenebene, um zu erklären, warum Individuen (Mikroebene) zu terroristischen Methoden greifen, um die politischen, gesellschaftlichen oder ökonomischen Verhältnisse (Makroebene) zu ändern.34 Donatella della Porta stellte 1988 fest, dass 45,6 % der über tausend von ihr interviewten italienischen Linksextremisten bereits mindestens acht Gruppenmitglieder kannten, bevor sie ihrerseits beitraten.35 Marc Sageman bestätigte 2004 in einer Analyse von 172 Biographien von al-Qaida-Mitgliedern, dass Familien-, Freundschafts- und Stammesnetzwerke der primäre Einstiegspunkt in die Szene und in die Radikalisierung sind.36 Einmal innerhalb der Gruppe setzt ein Gemisch von psychologischen Dynamiken ein, welches die Radikalisierung vorantreibt, darunter Indoktrination, Gruppendruck und Echo-Kammer-Effekt,37 sowie Auslagerung der individuellen Verantwortung38 bis hin zur quasi-Aufgabe der individuellen Identität.39 In Anlehnung an Horgan könnte man diesen Ansatz so pointieren, dass nicht radikale Individuen sich Terrorgruppen anschließen, sondern dass Terrorgruppen ihre Neuzugänge radikalisieren. Andere Wissenschaftler beobachteten, dass Radikalität nicht nur innerhalb von Terrorgruppen, sondern auch in ganzen Gesellschaften „gelehrt und erlernt“ werden kann, wenn die politischen Verhältnisse konfliktbehaftet und Terrorismus (dann gerne als Widerstandskampf bezeichnet) sozial akzeptiert ist.40

Von der gegenwärtigen Situation aus betrachtet drängen sich allerdings einige Anmerkungen auf: Klassische Terrorgruppen, wie al-Qaida oder erst recht die sozialrevolutionären und ethnisch-separatistischen europäischen Gruppen der 1970er und 80er Jahre (deren Erforschung oft die Grundlage der hier aufgeführten Erkenntnissen bildete), sind heutzutage in den Hintergrund getreten. Mittlerweile scheint die terroristische Bedrohung eher zweierlei Formen anzunehmen, die sich kaum stärker unterscheiden könnten: die von „unabhängigen“ Einzeltätern oder Kleinstgruppen (im Westen) und die von großen, eher lose organisierten, nicht-konspirativen Aufstandsbewegungen (im Nahen und Mittleren Osten sowie in Afrika).41 In der neueren Radikalisierungsforschung hat vor allem ein Ansatz Anklang gefunden, der beide Dimensionen verbindet. Er fußt im Wesentlichen auf der Humiliation-Revenge-Theory, die Radikalisierung als Reaktion auf eine erlittene Demütigung versteht.42 Ein solches Gefühl der Demütigung durch eine (empfundene) Marginalisierung islamischer Staaten durch die westliche Welt, durch Fehlverhalten gegenüber Muslimen (insbesondere z. B. im Kontext des israelisch-palästinensischen Zusammenlebens) oder islamophobe Rhetorik – mitsamt daraus resultierender Radikalisierung – haben Wissenschaftler im Nahen Osten43, bei Mitgliedern des „Islamischen Staates“44 und bei islamistisch radikalisierten Jugendlichen im Westen45 beobachtet. Längst nicht alle dieser Betroffenen haben wirklich persönlich eine Erniedrigung erfahren. Die Mehrheit – grade im Westen – solidarisiert sich mit ihren ideologisch definierten46 „Brüdern und Schwestern“, deren Demütigung sie im Alltagsleben, auf Reisen oder auch nur durch Medien wahrnehmen, in einem Prozess, den Khosrokhavar „humiliation by proxy“ nennt.47 Diese Beobachtung korrespondiert mit der – intuitiv vielleicht überraschenden – Schlussfolgerung, dass grade Selbstmordattentäter oft altruistisch motiviert sind – sich also für andere aufopfern.48 Darüber hinaus kann das Rachebedürfnis seine Wurzeln aber auch in anderen Umständen haben, wie weiter unten diskutiert werden soll.

5 Woher kommen wir, wohin gehen wir?

Was kann nun nach Jahrzehnten der Forschung, nach einer Vielzahl komplementärer und teils auch widersprüchlicher Ergebnisse als gesichert gelten? Der eminente Terrorismusforscher Alex P. Schmid formuliert dazu gleich am Anfang seines Überblicks über das Forschungsfeld ebenso eindeutig wie vernichtend: „Die Popularität des Konzepts ‚Radikalisierung‘ steht in keinem direkten Verhältnis zu seiner tatsächlichen Erklärungskraft bezüglich der Grundursachen von Terrorismus.“49 Das gesicherte Wissen lässt sich ihm zufolge in sieben Punkten zusammenfassen:

  • Obwohl ihre Taten gemeinhin als unnormal im moralischen Sinne gelten, sind die meisten Terroristen im klinischen Sinne normal.

  • Es gibt viele Pfade der Radikalisierung und kein universal gültiges Profil eines Terroristen.

  • Radikalisierung ist im Allgemeinen ein gradueller Prozess.

  • Armut alleine ist keine Erklärung für Radikalisierung, allerdings könnte Arbeitslosigkeit eine Rolle spielen.

  • Soziale Missstände spielen eine Rolle, allerdings oft eher als ein Ansatzpunkt und „Hilfsmittel“ zur Mobilisierung denn als persönliche Erfahrung.

  • Die soziale Umgebung und soziale Beziehungsnetzwerke haben eine sehr hohe Bedeutung für den Einstieg in die Szene.

  • Ideologie spielt eine insofern eine Rolle, als dass sie für den Radikalisierten eine In-Group („die Guten“) und eine Out-Group („die Bösen“) definiert und Gewalt gegen letztere legitimiert.50

Schmid ist insofern zuzustimmen, als das dies in der Tat die Punkte sind, die als unstrittig gelten können – vielleicht mit einer Ausnahme.51 Als gesicherter Wissensstand ist das nicht gerade beeindruckend. Man sollte diesen wissenschaftlichen Konsens allerdings nicht mit dem Forschungsstand in der Radikalisierungsforschung gleichzusetzen, denn es gibt darüber hinausgehende Aspekte. Seit einigen Jahren werden Ansätze verfolgt und verfeinert, die vielversprechend sind, die sich aber noch nicht etablieren konnten. In Anbetracht der ungenügenden Datenlage, des schwierigen Zugangs zu Radikalisierten und deren mangelnder Kooperation dauert es in der Radikalisierungsforschung stets lange, bis Hypothesen oft genug reproduziert und bestätigt wurden, um als etabliert zu gelten.

Viele der neuen Arbeiten und Erkenntnisse in der Radikalisierungsforschung scheinen zunehmend um ein Stichwort zu kreisen: Identität. Als Stichwort ist das erstmal nur bedingt hilfreich, denn auch das Konzept „Identität“ kann, salopp gesagt, Alles und Nichts umfassen. Wirklich neu ist es auch nicht: Die Idee, dass Radikalisierung die Reaktion auf eine Identitätskrise oder -suche sein kann, kam bereits in den 1980er Jahren auf.52 Seitdem hat der Zusammenhang zwischen Radikalisierung und Identitätsbildung seinen Platz in der Forschung.53 Neue Entwicklungen geben der Arbeit aber neue Impulse: Im Zuge der Entwicklungen, die mit dem 11. September 2001 ihren Anfang nahmen, wurden in Europa erstmals Menschen in nennenswerten Zahlen wegen ihrer Affiliation mit dschihadistischem Terrorismus verurteilt. Diejenigen unter ihnen, die sich nur vergleichsweise minderschwerer Delikte schuldig gemacht haben (Finanzierung, Verbreitung von Propaganda) stellen nun nach ihrer Entlassung eine Herausforderung für die Deradikalisierungsarbeit dar. Für die Radikalisierungsforschung – die mit der Deradikalisierungsforschung logischerweise aufs Engste verwandt ist – liegt darin eine Chance. Im direkten Dialog mit Praktikern aus der Deradikalisierungsarbeit können anhand von Erfolgen in diesem Feld Rückschlüsse darauf gezogen werden, was der Radikalisierung ursprünglich zugrunde lag.

In Anlehnung an die Arbeit von Sarah Marsden54 erscheinen solche Ansätze besonders bemerkenswert, die nicht (primär) versuchen, den (Irr)Glauben der Betroffenen – also islamistischen Extremismus – zu dekonstruieren, sondern ihre Identität zu diversifizieren.55 Was kann uns der Erfolg solcher Ansätze über die Ursachen von Radikalisierung sagen? Im Normalfall setzt sich die Identität aus verschiedenen Aspekten zusammen, die oft über einen bestimmten Personenkreis definiert sind (Arbeitsumfeld, Familie etc.). Agiert das Individuum in diesen Kontexten erfolgreich, erlangt es „Güter“ wie Anerkennung, zwischenmenschliche Wärme, Freude usw. Was genau in welchem Kontext „Erfolg“ bedeutet, definieren verschiedene Ideologien (z. B. Kapitalismus am Arbeitsplatz, Humanismus/Altruismus in der Familie usw.) Hier findet sich die Trias Individuum – Soziales Umfeld – Ideologie wieder. Je mehr Aspekte eine Identität aufweist, desto wahrscheinlicher ist es, dass Misserfolge (und damit ausbleibende Güter) in einigen Aspekten durch Erfolge in anderen aufgewogen werden können (darauf baut die Rehabilitationsarbeit auf). Deviantes Verhalten wie Kriminalität oder Terrorismus entsteht – so wird hypothetisiert –, wenn eine Identität keinen sozial akzeptablen Weg des Gütererwerbs begünstigt.

Der Fokus auf den Faktor Identität hat den Vorteil, dass er quasi automatisch das Problem der Spezifität berücksichtigt, immerhin ist Identitätsbildung letztlich ein Prozess auf der individuellen Ebene. Somit lassen sich zumindest theoretisch auch augenscheinlich untypische Fälle erklären: Eine sozioökonomisch vorteilhafte Stellung z. B. ist keine Garantie gegen Radikalisierung, wenn das betreffende Individuum daraus nicht die benötigten (immateriellen) Güter ziehen kann. Identität bildet sozusagen einen Filter zwischen den objektiven Umweltumständen und dem, was das Individuum daraus macht. Das soll aber keinesfalls bedeuten, dass diese Umstände – also die Makroebene – unbedeutend wären. Khosrokhavars hochinteressante Arbeit zur Radikalisierung Jugendlicher in den französischen Banlieus zeigt, wie den dort Heranwachsenden durch die Umstände viele mögliche Identitäten versperrt bleiben. Sie werden weder als vollwertige Franzosen noch als vollwertige Mitglieder ihrer meist nordafrikanischen Herkunftsgesellschaften anerkannt,56 der sozioökonomische Aufstieg in die Mittelschicht bleibt ihnen in den meisten Fällen versperrt (oder wird zumindest von ihnen selbst als unrealistisch angesehen)57 und ihre Identität als Muslime stößt in der Mehrheitsgesellschaft ebenfalls auf Unbehagen.58 In Ermangelung pro-sozialer Wege zum Gütererwerb greifen viele Jugendliche zu anderen Möglichkeiten, unter denen Kriminalität und Gang-Kultur die offensichtlichste ist. Sich als von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlend beginnen Einige aber auch damit, sich als Teil einer alternativen, imaginierten Gesellschaft zu sehen, die angeblich – wie sie selbst – vom Westen unterdrückt wird: der „wahre Islam“ der Extremisten.59 Diese Ideologie und die damit verbundene Identität bietet eine alternative Möglichkeit des Gütererwerbs, bis hin zur Stilisierung als das, was Khosrokhavar den „negativen Helden“ nennt: Der Radikalisierte zwingt die Gesellschaft schließlich, ihn wahrzunehmen und (in gewisser Weise) anzuerkennen, indem er sie angreift (man erinnere sich an die Humiliation-Revenge-Theory).

Sich der Frage nach den Ursachen von Radikalisierung über den Faktor Identität anzunähern ist – wie gesagt – nur eine von vielen Möglichkeiten. Sie zeigt aber beispielhaft: Obwohl die Radikalisierungsforschung zugegebenermaßen bislang nur wenig gesicherte Ergebnisse erzielen konnte, ist sie noch lange nicht am Ende. Gebremst durch die massiven Schwierigkeiten, Primärdaten zu erheben und Hypothesen zuverlässig und valide zu testen, entwickelt sie sich langsam weiter. Durch die Wechselwirkung mit der Deradikalisierungsarbeit und der Radikalisierungsprävention hat sie weiterhin Praxisrelevanz – und kann dabei aus der komfortablen Distanz der Wissenschaftlichkeit auch kritische Fragen stellen.60 Die Grenzen des Machbaren, was das Analyse- und Vorhersagepotential menschlichen Verhaltens angeht, wird die Radikalisierungsforschung aber nicht verschieben können. Ein universelles terroristisches Profil ist und bleibt Wunschdenken. Deswegen wird und auch der nächste Anschlag überraschen, erschrecken und vor offene Fragen stellen. Aber immerhin sind wir nicht mehr ganz ratlos, wenn wir uns fragen „Warum tun Menschen so etwas?“

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About the article

Published Online: 2017-02-21

Published in Print: 2017-02-21



Citation Information: SIRIUS - Zeitschrift für Strategische Analysen, ISSN (Online) 2510-2648, ISSN (Print) 2510-263X, DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2017-0021. Export Citation

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