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SIRIUS - Zeitschrift für Strategische Analysen

[SIRIUS: Journal of Strategic Analysis ]

Editor-in-Chief: Krause, Joachim

Ed. by Kamp, Karl-Heinz / Masala, Carlo / Wenger, Andreas

4 Issues per year

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Online
ISSN
2510-2648
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Stefan Forss, Lauri Kiianlinna, Pertti Inkinen & Heikki Hult: The Development of Russian Military Policy and Finland. 2013.

Leo Bamberger
  • Corresponding author
  • non-resident fellow, Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel Germany
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Published Online: 2017-02-21 | DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2017-0022

Die vorliegende Studie ist zwar fast vier Jahre alt, sie wurde seinerzeit in Berlin und in anderen westlichen Hauptstädten aber kaum gelesen bzw. rezipiert. Ihre Ergebnisse sind weitgehend noch heute aktuell und lassen Schwächen und Versäumnisse westlicher Politik erkennen. Die Verfasser – ein Dozent an der Nationalen Verteidigungsuniversität sowie pensionierte Generäle der drei Teilstreitkräfte – bewerten die Modernisierung und den Neuaufbau der russischen Militärpräsenz in Nordosteuropa. Die kooperative Ordnung, die nach 1990 eingesetzt hat, sehen die Verfasser bereits lange als gescheitert an. Russland sehe sich als Großmacht und untermauere diesen Anspruch zunehmend mit dem Aufbau von militärischen Kapazitäten, die für Nachbarstaaten bedrohlich sind. Die Verfasser kritisieren, dass sowohl in Paris wie in Berlin die strategischen Implikationen dieses Aufbaus nicht verstanden worden sind. Vielmehr betrachteten die beiden Regierungen Russland immer noch als strategischen Partner.

Hauptziel der russischen Militärreform ist nach Einschätzung der Verfasser die Modernisierung auf kleinere, aber effektivere Verbände, die besser verlegbar und vielfältig eingesetzt werden können. Anstelle von schweren Panzerdivisionen liegt das Augenmerk auf mobilen Brigaden mit hoher Feuerkraft. Die alten Militärbezirke sind aufgegeben worden, an ihre Stelle sind vier operativ-strategische Kommandostrukturen teilstreitkraftübergreifender Natur getreten, die auch wieder Militärbezirke genannt werden. Der westliche Militärbezirk entstand aus der Zusammenlegung des alten Leningrader und des Moskauer Militärbezirks. Die Tatsache, dass das Hauptquartier dieses Militärbezirks in Petersburg sitzt, sehen die Verfasser als Indiz dafür an, dass das Zentrum der Gravität der russischen Streitkräfte auf den nordosteuropäischen Ostseeraum und Skandinavien zielt.

Die Verfasser weisen auf das große Beschaffungs- und Munitionierungsprogramm der russischen Streitkräfte hin. Bis 2010 sollen umgerechnet 500 Milliarden Euro für die Beschaffung neuer Waffensysteme aufgewendet werden. Zum ersten Mal seit dem Ende der Sowjetunion sei Russland wieder in die massive Serienproduktion von Waffensystemen und Munition eingestiegen. Die Wehrpflicht, so die Verfasser, ist nicht aufgehoben worden. Das bedeutet, dass das Land neben seinen etwa 700.00 aktiven Soldaten auf eine Reserve von mehreren Millionen Mann zurückgreifen könnte. Die Modernisierungen der Streitkräfte und deren operativ-strategische Ausrichtung im Ostseeraum lasse den Wunsch erkennen, vornehmlich in der Nachbarschaft militärisch eingreifen zu können. Aber die Beibehaltung einer großen Reserve kann nur dadurch erklärt werden, dass sich Russland auch für einen langanhaltenden größeren Krieg wappnen will – auch in Ostasien.

Im westlichen Militärdistrikt hält Russland hauptsächlich kleine, hochmobile, gut ausgebildete und modern ausgerüstete Verbände vor, die zudem in Friedenszeiten eine hohe Präsenz aufweisen. Sie sind geeignet, binnen kurzer Vorwarnzeit eingesetzt zu werden. Diese Zielsetzung reflektiert das neue russische Militärdenken, welches die Betonung auf die strategische Initiative legt, und dort insbesondere auf entscheidende erste Schläge, die bereits in der Frühphase eines Konflikts eine Entscheidung herbeiführen sollen. Dazu gehören vor allem präemptive und präventive Schläge. Außerdem wird dafür Sorge getragen, dass nach Beginn eines Konfliktes Verstärkung herangeführt werden kann. Diese Truppen können auch für Besatzungsaufgaben Verwendung finden.

Die Verfasser bilanzieren die wesentlichen Aufwüchse bei den Landstreitkräften, den Luftstreitkräften und der Luftabwehr. Sie listen die einzelnen Brigaden auf, die um Finnland und die Baltischen Staaten in den letzten Jahren aufgestellt worden sind und die dort für erhebliche Verunsicherung gesorgt haben. Besonderes Gewicht scheint die russische Militärführung dabei auf die Bekämpfung gegnerischer Kräfte durch Luftangriffe bzw. Angriffe durch ballistische Raketen und Marschflugkörper zu legen. Im Mittelpunkt der russischen Bemühungen stehe das Raketensystem Iskander, welches äußerst präzise Angriffe mit konventionellen und nuklearen Sprengköpfen durchführen könne. Eine in Luga bei St. Petersburg aufgestellte Iskander Brigade sei zusammen mit den etwa 200 weitgehend modernisierten Kampfflugzeugen eine fundamentale Bedrohung für die territoriale Existenz der baltischen Staaten, Finnlands und Schwedens. Sie erlauben die rasche und effektive Unterdrückung jeglichen lokalen Widerstands gegen eine Invasion. Die Stationierung einer Luftlandebrigade und einer Spezialeinheit (Spetsnaz) in dem Gebiet von Pskow nahe der estnischen Grenze sei ein weiteres Indiz dafür, dass die Vorbereitungen auf die Invasion der Nachbarstaaten zielen. Die russischen Streitkräfte hätten Aussicht auf raschen Erfolg, weil die Territorialverteidigung in allen NATO Staaten vernachlässigt worden sei.

Große Bedeutung messen die Verfasser auch der Stationierung von S-400 Luftabwehrsystemen im Kaliningrad Gebiet zu. Dieses hochmoderne und effektive System der Luftraumverteidigung würde es in einer Krisen-Situation der NATO erschweren, wenn nicht sogar verunmöglichen, Flugoperationen im Ostseeraum durchzuführen. In der Einschätzung der Verfasser hat die NATO den militärischen Aufbau Russlands im Ostseeraum sträflich vernachlässigt. Dadurch würde es Russland jederzeit möglich sein, eine militärische Operation zur Okkupation der baltischen Staaten und Finnlands mit großer Aussicht auf Erfolg durchzuführen. Die Verantwortung für diese Vernachlässigung sehen sie er vor allem bei der deutschen und der französischen Regierung, die daran festhielten, dass Russland ein Partner und kein Gegner sei. Auch die US-Regierung habe in dieser Hinsicht bisher wenig geleistet, sie sei mehr auf Ostasien fixiert.

Zwar hat sich die Politik der NATO seit der russischen Annexion der Krim und der hybriden Invasion der Ost-Ukraine gewandelt und heute werden Militärmanöver der NATO unter Mitwirkung deutscher und amerikanischer Einheiten in den baltischen Staaten durchgeführt. Aber die grundlegende Problematik bleibt bestehen. Im Jahr 1990 war als Grundelement der europäischen Friedensordnung vorgesehen, dass kein Land die Fähigkeit erwerben soll, andere militärisch zu besetzen. Was den Ostseeraum betrifft, ist dieser Pfeiler nicht mehr existent.

http://www.doria.fi/bitstream/handle/10024/88963/TheDevelopmentOfRussian_netti.pdf

About the article

Published Online: 2017-02-21


Citation Information: SIRIUS - Zeitschrift für Strategische Analysen, ISSN (Online) 2510-2648, ISSN (Print) 2510-263X, DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2017-0022.

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