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SIRIUS – Zeitschrift für Strategische Analysen

[SIRIUS: Journal of Strategic Analysis ]

Editor-in-Chief: Krause, Joachim

Ed. by Kamp, Karl-Heinz / Masala, Carlo / Wenger, Andreas

Online
ISSN
2510-2648
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Phoenix aus der Asche: Wie al-Qaida sich neu erfindet und wieder an Stärke gewinnt

Florian Wätzel
  • Corresponding author
  • wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel Germany
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Published Online: 2017-09-11 | DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2017-0057

Kurzfassung:

Das Terrornetzwerk al-Qaida hat in den vergangenen Jahren einen Wandel durchlaufen und gewinnt wieder an Stärke. Während die Kernorganisation an Einfluss verloren hat, haben sich ihre regionalen Ableger verselbstständigt. Der Zusammenbruch von Staatlichkeit in Teilen des Nahen Ostens und Nordafrikas als Folge des Arabischen Frühlings hat den Dschihadisten weitreichende Handlungsmöglichkeiten eröffnet. Wo politische Instabilität eine effektive Terrorismusbekämpfung verhindert, eröffnen sie neue Fronten, rekrutieren neue Kämpfer und vergrößern ihren Einfluss. Von Terroroperationen im Ausland und damit von Osama bin Ladens globalen Dschihad gegen den Westen nehmen sie hingegen Abstand, um ihre bisherigen Erfolge in der eigenen Heimat nicht durch Vergeltungsschläge des Westens zu gefährden.

Abstract:

Al-Qaeda has expanded and gained strength but also went through a process of re-orientation. While the al-Qaeda leadership has lost influence, local al-Qaeda affiliates have become more assertive and increasingly turned away from the global Jihad advocated by Osama bin Laden. The disintegration of political order in parts of the Middle East and North Africa caused by the Arab Spring uprisings has presented a new opportunity to al-Qaeda. Political instability has undermined counter-terrorism efforts, allowing al-Qaeda to establish new frontlines, recruit fresh recruits and expand its influence. At the same time, al-Qaeda militants have largely abandoned their previous strategy of spectacular terrorist attacks against the West, so as to not invite retaliation that may put their achievements at the home front at risk.

Schlüsselwörter: Terrorismus; al-Qaida; Islamischer Staat; Mittlerer Osten; Dschihad

Keywords: terrorism; al-Qaead; Islamic State; Middle East; Jihad

1 Einleitung

Der Islamische Staat (IS) verliert in seinen Kerngebieten heute immer mehr an Boden. Es liegt nur drei Jahre zurück, dass seine Kämpfer noch aufsehenerregende Erfolge feierten. Sie eroberten weite Teile des Iraks und Syriens, riefen auf ihrem Herrschaftsgebiet ein Kalifat aus, exportierten ihren Terror nach Europa und verstanden es, mit ihren aktionsgeladenen Propagandafilmchen eine neue Generation von Dschihadisten zu begeistern. Das Terrornetzwerk al-Qaida, das bis dato als Vorreiter der weltweiten dschihadistischen Bewegung und seit den Anschlägen vom 11. September 2001 als größte Terrorgefahr für die internationale Sicherheit galt, schien angesichts der Erfolge des IS plötzlich unzeitgemäß und altersmüde. Doch der Schein trog. Während die weltweite Aufmerksamkeit auf den IS gerichtet war, expandierte das Terrornetzwerk, rekrutierte neue Kämpfer und gewann an Einfluss. Zahlenmäßig ist al-Qaida heute stärker als je zu vor.

Aus der Sicht einiger Experten erhöht das Revival des Netzwerks die Terrorgefahr im Westen. Befürchtet wird, dass al-Qaida neue Basen in Ländern wie Syrien und dem Jemen errichtet, die dann als Sprungbretter für eine internationale Terrorkampagne dienen können. Al-Qaida stelle nicht nur eine größere Gefahr als der IS dar, sondern sei sogar eine „existenzielle Bedrohung“ für den Westen.1 Unabhängig davon, ob diese Warnung berechtigt ist oder nicht, macht sie doch deutlich, dass die Wahrnehmung von al-Qaida noch immer von den schrecklichen Ereignissen des 11. Septembers 2001 bestimmt ist. In der gängigen Sichtweise vieler Experten strebt al-Qaida nach wie vor die Konfrontation mit dem Westen an. Dabei wird übersehen, dass sich die strategischen Prioritäten des Terrornetzwerks deutlich verschoben haben. Al-Qaida kämpft heute hauptsächlich gegen die Herrscherhäuser in der islamischen Welt. Der Kampf gegen den Westen spielt dagegen nicht nur eine Nebenrolle, sondern steht sogar im Widerspruch zu ihren lokalen Ambitionen. Denn eine erneute Provokation des Westens würde ihre Erfolge in Ländern wie Syrien oder dem Jemen gefährden.

Die neue strategische Ausrichtung ist das Resultat eines schleichenden Veränderungsprozesses, den das Terrornetzwerk in den vergangenen Jahren durchlaufen hat. Um diesen Prozess nachvollziehen zu können, hilft ein Blick auf die Veränderungen in der politischen Umwelt, deren Auswirkungen auf al-Qaida sowie die Dynamiken innerhalb des Terrornetzwerks.2 In ihrer Geschichte war al-Qaida bereits mehrmals gezwungen, sich veränderten strategischen Realitäten anzupassen. Dabei zeigte sich, dass die Dschihadisten, trotz ihrer ideologischen Besessenheit, pragmatische Taktierer waren, die geschickt ihre Organisationsweise den jeweiligen Umständen anzupassen wussten und sich sogar neue Feindbilder suchten, wenn dies notwendig erschien.3 Es ist diese Wandlungsfähigkeit, die bis heute das Überleben von al-Qaida garantiert. Die Neuausrichtung von strategischen Prioritäten innerhalb al-Qaidas erfolgt eher selten durch zentrale Direktiven der Führungsspitze, sondern ist häufig einem Aushandeln zwischen diversen und teilweise gegensätzlichen Interessen innerhalb der Organisation geschuldet. Spätestens seitdem sich al-Qaida nach 2001 zu einem losen Netzwerk aus verschiedenen Regionalablegern und autonomen Zellen gewandelt hat, sind die Absichten der Dschihadisten schwieriger einzuschätzen als je zuvor. Im Folgenden soll der Versuch unternommen werden, unter Berücksichtigung der veränderten strategischen Rahmenbedingungen und internen Organisationsdynamiken al-Qaidas Wandel zu erfassen.

2 Die Geschichte von al-Qaida

Der sowjetische Einmarsch in Afghanistan 1979 war der Katalysator für die Herausbildung einer internationalen dschihadistischen Bewegung, deren Langzeitfolgen bis heute nachwirken. Treibende Kraft hinter dieser Entwicklung war der Muslimbruder Abdullah Azzam, ein charismatischer und redegewandter Prediger mit palästinensischen Wurzeln, der den Kampf gegen die sowjetische Invasion zu einem Heiligen Krieg erklärte. Er entwarf eine dschihadistische Doktrin, der zufolge es die religiöse Pflicht eines jeden Muslims sei, islamischen Boden gegen ausländische und ungläubige Usurpatoren zu verteidigen.4 Seinem Aufruf folgten tausende Freiwillige und im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet bildete sich eine internationale dschihadistische Gemeinschaft heraus, die Gleichgesinnte aus der arabischen Welt zusammenbrachte und einen gemeinsamen Korpsgeist formte. Ein wichtiger Finanzier und enger Vertrauter von Azzam wurde Osama bin Laden, Sprössling eines saudischen Bauunternehmers und Multi-Millionärs. Azzam und bin Laden erkannten das Potenzial dieser internationalen Mobilisierung und so entstand die Idee, aus den eifrigsten Kämpfern eine internationale dschihadistische Avantgarde zu formieren. Dies führte 1987 zur Gründung von al-Qaida (arabisch für „die Basis“).5 Zu diesem Zeitpunkt konnte sie jedoch keineswegs als eine Organisation mit festen Strukturen verstanden werden, sondern vielmehr als ein loses Gefüge aus einzelnen Personen, die durch Freundschaften und eine gemeinsame, wenn auch sehr unscharfe, Vision verbunden waren.6

Der sowjetische Abzug aus Afghanistan 1989 beflügelte die sogenannten arabischen Afghanen, sie zerstritten sich aber zugleich darüber, wie es weitergehen sollte. Als Folge bildete sich neben al-Qaida eine Vielzahl von weiteren Gruppierungen und losen Kampfgemeinschaften heraus, die im Wesentlichen zwei Strömungen zugeordnet werden konnten: dem revolutionären Dschihad und dem klassischen Dschihad.7 Die klassischen Dschihadisten hielten an der Idee von Azzam fest und zogen zu anderen Konfliktherden weiter, um die muslimische Gemeinschaft zu verteidigen. Nach dem Afghanistankrieg verlagerten sich die Schauplätze des internationalen Dschihads an andere Orte entlang der Peripherie der islamischen Welt, nach Bosnien, Kaschmir und Tschetschenien. In den Augen der Dschihadisten ging es in den lokalen Konflikten nicht nur um den Kampf gegen die Feinde des Islams, sondern auch um eine religiöse und gesellschaftliche Revolution. Als Anhänger eines ultrakonservativen und puristischen Salafismus, wie er auf der Arabischen Halbinsel gelebt wird, galt für sie der frühe Islam zurzeit des Propheten Mohammed und den nachfolgenden drei Generationen von Muslimen, den sogenannten „Altvorderen“ (Salaf), als rein und unverfälscht. Sie träumten von einer Tabula rasa, bei der die Uhren auf die Zeit des Propheten zurückgedreht und alle religiösen Neuerungen rückgängig gemacht werden. Damit standen sie nicht nur im Konflikt mit einer westlich geprägten Moderne, sondern auch mit den über Jahrhunderte gewachsenen religiösen, kulturellen und sozialen Praktiken und Normen in weiten Teilen der muslimischen Welt. Kaum verwunderlich war es daher, dass die Dschihadisten in den Kampfgebieten einen Glauben vorfanden, der nicht ihren Vorstellungen eines wahren Islam entsprach. Denn die lokalen Muslime praktizierten überwiegend eine sanfte Variante, die vom Sufismus geprägt war. Bedenkt man, dass die Gotteskämpfer sich zu den Verteidigern des Islams aufgeschwungen hatten, mutet es geradezu paradox an, dass sie dem lokalen Islam zutiefst ablehnend gegenüberstanden.8 Während die einheimischen Muslime die ausländische Schützenhilfe begrüßten, stieß die aggressive Missionsarbeit, mit der die Dschihadisten ihre salafistischen Moralvorstellungen verbreiteten, auf ihre Ablehnung. Die Einheimischen zogen für ihre nationale Unabhängigkeit in den Kampf und nicht für einen Gottesstaat. Zur großen Enttäuschung der aus Afghanistan herbeigeeilten Kämpfer gelang es ihnen letztendlich nicht, die lokale Bevölkerung für ihre Art des Heiligen Krieges zu begeistern. Zu groß waren die ideologischen Differenzen auf beiden Seiten.9

Die revolutionären Dschihadisten wollten nach dem Sieg in Afghanistan den Kampf in ihre Heimat tragen, um die autoritären Regime in ihren arabischen Herkunftsländern zu stürzen und eine islamische Herrschaft zu errichten. Zu ihnen gehörten allen voran Dschihadisten aus Algerien und Ägypten. An der Seite einheimischer Salafisten führten Afghanistanrückkehrer im algerischen Bürgerkrieg einen brutalen Kampf gegen die Regierung, in dem die Zivilbevölkerung gezielt in die Kampfhandlungen einbezogen wurde. Immer wieder verübten die Dschihadisten Massaker an Zivilisten und brachten ganzen Dorfgemeinschaften um. Weniger barbarisch, aber dennoch blutig waren die Auseinandersetzungen in Ägypten, wo Dschihadisten eine Terrorwelle gegen das Mubarak-Regime und seine Sicherheitskräfte entfachten. Anders als in Afghanistan richteten sich die Gewaltexzesse in Algerien und Ägypten nicht gegen ausländische Besatzungstruppen, sondern vorrangig gegen einheimische Muslime, ob mit oder ohne Uniform. Dadurch verspielte die dschihadistische Bewegung ihren ohnehin geringen Rückhalt in der Bevölkerung und verschwand in der politischen Bedeutungslosigkeit.

In dieser Periode verschlug es bin Laden scheinbar ziellos in verschiedene Länder, offenbar auf der Suche nach neuen Aufgaben. Nach seiner Rückkehr aus Afghanistan kehrte er dem bewaffneten Kampf zunächst den Rücken und ging zurück in seine saudische Heimat. Wegen seiner lautstarken Kritik an der Stationierung von US-Truppen während des Golfkriegs wurde er jedoch des Landes verwiesen. Gefolgt von einer kleinen Anhängerschar, zog er daraufhin in den Sudan. Dort widmete er sich überwiegend friedlichen Aufgaben und investierte in Landwirtschafts- und Infrastrukturprojekte. Kontakte zu Kampfbrüdern hielt er, indem er dschihadistische Revolutionsprojekte mit finanziellen Spenden unterstützte, so etwa in Ägypten und im Jemen.10 Nachdem diplomatischer Druck aus Saudi-Arabien 1996 zu seiner Ausweisung aus dem Sudan führte, blieb ihm nur noch die Flucht nach Afghanistan. Wieder am Ausgangspunkt seiner dschihadistischen Karriere angekommen, fasste er offenbar den Entschluss, sich vollends dem Kampf zu widmen. Er versammelte alte Veteranen, rekrutierte neue Kämpfer und baute feste Organisationsstrukturen auf. Erstmals nahm seine al-Qaida die Gestalt einer Organisation an.11 Zur gleichen Zeit zeichnete sich das Scheitern der revolutionären und klassischen Dschihadprojekte ab. Für bin Laden bot dies die Gelegenheit, die zerstrittenen und zunehmend desillusionierten Dschihadisten hinter seine Organisation zu scharen. Dabei versuchte er, die fragmentierte Bewegung auf ihren kleinsten gemeinsamen Nenner zu einigen: ihren gemeinsamen Hass auf die USA. Fortan stilisierte er die USA als neues Feindbild und rief zum Kampf gegen „die Allianz der Zionisten und Kreuzzügler“ auf.12 Zwar unterschied sich bin Laden in seinen politischen Zielen nicht von anderen Dschihadisten, er strebte den Sturz der arabischen Regime und die Gründung eines islamischen Kalifats an, aber seine Strategie war anders. Er propagierte einen globalen Dschihad gegen den fernen Feind. Dahinter stand das strategische Kalkül, die Kosten für die US-amerikanische Präsenz im Nahen Osten durch Terroranschläge zu erhöhen. Damit sollte ein Rückzug der USA erzwungen werden, wodurch es gemäß seiner Denkweise zu einem Kollaps der vom Westen abhängigen arabischen Regierungen käme. Anschließend sollte auf den Trümmern der arabischen Nationalstaaten ein islamistisches Kalifat errichtet werden.13

Wie bereits andere dschihadistische Vordenker vor ihm, betrachtete bin Laden sich und seine Anhänger als eine elitäre Avantgarde, die den wahren Islam in die Massen tragen werde.14 Hinderlich war dabei allerdings, dass al-Qaida keine Volksbewegung, sondern eine klandestine Organisation war, die sich weitgehend von der Außenwelt abschottete.15 Darüber hinaus hielt sich bin Laden in Afghanistan auf, weit weg von den Zentren der islamischen Welt. Wie sollte er von hier die Muslime weltweit erreichen? Um den revolutionären Funken dennoch in die Massen tragen zu können, initiierte bin Laden spektakuläre Terroranschläge, die größtmögliche Aufmerksamkeit versprachen.16

Erstmalig in die Tat umgesetzt wurde bin Ladens Strategie bei dem Doppelanschlag auf die US-Botschaften in Daressalam und Nairobi 1998 sowie zwei Jahre später auf das US-Marineschiff USS Cole im Hafen von Aden. Allerdings war bin Ladens Strategie innerhalb der dschihadistischen Gemeinschaft nicht unumstritten. Aber zu einer Zeit, in der die meisten Dschihad-Gruppierungen an Boden verloren hatten, war sein Privatvermögen ein Garant für Einfluss und erlaubte ihm, Loyalitäten zu erkaufen. So war es weniger die Zustimmung zu bin Ladens Strategie, sondern vielmehr waren es finanzielle Probleme, die den Ägypter Aymen az-Zawahiri dazu bewegten, seine revolutionäre Dschihad-Gruppe Islamischer Dschihad im Juni 2001 mit al-Qaida zu verschmelzen.17 Die kampferfahrenen Ägypter stellten danach einen bedeutenden Teil von al-Qaidas Führungskader. Unter az-Zawahiris Anhängern stieß die neue globale Ausrichtung jedoch nicht auf einhellige Zustimmung. Viele schlossen sich nur widerwillig dem neuen Kurs an, andere verließen unter Protest die Gruppe.18 Widerstand gab es auch, als der Führungszirkel von al-Qaida von bin Ladens Plan erfuhr, mit entführten Passagierflugzeugen unterschiedliche Ziele in den USA anzugreifen. Daraufhin versuchten mehrere enge Vertraute des Terrorführers, ihn von dem Vorhaben abzubringen, wenngleich vergebens.19

Mit den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York und Washington erfolgte der Höhepunkt von al-Qaidas globalem Terror. Die zerstörerischen Ausmaße der Anschläge, bei denen fast 3.000 Menschen ums Leben kamen, übertrafen sogar die Erwartungen von bin Laden.20 Doch die von ihm erhofften Folgen blieben aus. Weder erhoben sich weltweit die Muslime zu einer islamischen Revolution noch beugten sich die Opfer dem Terror. Gestärkt durch eine beispiellose Solidarität der internationalen Gemeinschaft – auch aus der muslimischen Welt – holten die USA vielmehr zum Gegenschlag aus. Nur wenige Wochen nach den Anschlägen marschierten ihre Truppen in Afghanistan ein, um al-Qaida zu zerschlagen. Die entschiedene Antwort der USA traf bin Laden unerwartet.21 Völlig überhastet floh er mit seinen Anhängern in die pakistanischen Stammesgebiete. Zurück blieben seine Trainingscamps, die das Rückgrat seiner Organisation gebildet hatten. Hier hatte er zuvor unbehelligt Nachwuchs ausgebildet, Terroroperationen geplant und seine al-Qaida gelenkt. Ohne einen sicheren Rückzugsraum stand nun die Fortsetzung des Kampfes und damit die Zukunft von al-Qaida auf dem Spiel. Als Konsequenz dezentralisierte bin Laden seine Organisation und übertrug die Idee des globalen Kampfes auf andere Gruppen, die nunmehr im Namen von al-Qaida Terror verbreiteten.22

3 Regionalisierung nach 9/11

Nach der Flucht aus Afghanistan schmiedete al-Qaida Allianzen mit lokalen Terrorgruppen in der arabischen Welt. Zuerst entstand ein al-Qaida-Ableger in Saudi-Arabien (2002), der später mit jemenitischen Dschihadisten zu al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (al-Qaida on the Arabian Peninsula, AQAP) fusionierte. Daraufhin folgten die Gründungen von al-Qaida im Irak (2004) und im Maghreb (2007). Diese Regionalisierung war weniger ein Ausdruck von Stärke, sondern eine Reaktion auf den hohen militärischen Verfolgungsdruck und die daraus resultierende Isolierung und zunehmende Handlungsunfähigkeit der Kernorganisation.23 Durch die Partnerschaften versprach sich al-Qaida neue Rekruten und Finanzquellen. Vor allem ging es aber um neue Aufmerksamkeit, um von der desolaten Situation abzulenken, in der sich die Organisation nach 2001 befand.

Die neuen Allianzpartner übernahmen die Rhetorik des globalen Dschihads und den Markennamen von al-Qaida, aber sie hielten nach wie vor am Kampf gegen die Regierungen in ihren Heimatländern – also dem nahen Feind – fest. Dadurch vermischte sich zunehmend al-Qaidas globale Ideologie mit dem revolutionären Dschihad ihrer lokalen Partner.24 Die unterschiedliche Zielsetzung des Kampfes sollte zu einem stetigen Spannungsverhältnis zwischen der Kern-al-Qaida und ihren Regionalablegern führen. Dabei zeigte sich, dass bin Laden in den Folgejahren immer stärker die Kontrolle über sein Netzwerk entgleiten sollte, weil ihm die Mittel und Möglichkeiten fehlten, um die Linientreue seiner Regionalkommandeure zu belohnen und ihr Fehlverhalten zu sanktionieren.25 Der Terrorführer wurde vom Gestalter immer mehr zum Getriebenen seiner Regionalableger, die immer mehr Deutungshoheit beanspruchten. In der Folge verlor bin Ladens globaler Dschihad zunehmend an Bedeutung, während der Kampf in den Heimatländern der Terroristen wieder in den Vordergrund rückte.26

Im Westen verschwand der dschihadistische Terror allerdings nicht von der Bildfläche, sondern er veränderte sich. Anschläge wurden nicht mehr von zentral gelenkten Kommandos verübt, die vorab in Terrorlagern ausgebildet worden waren, sondern von zumeist sehr jungen Einzeltätern und kleinen Gruppen aus den muslimischen Diasporagemeinden europäischer und US-amerikanischer Vorstädte. Radikalisiert und angetrieben von al-Qaidas Propaganda, schritten sie eigenmächtig zur Tat, ohne in die Strukturen der Organisation eingebunden gewesen zu sein. Dieser „führungslose Dschihad“ war vor allem von mangelnder Erfahrung, einem geringen Organisationsgrad und einem hohen Dilettantismus gekennzeichnet, sodass die meisten Anschlagsversuche entweder fehlschlugen oder vorab aufgedeckt wurden. Traurige Ausnahmen waren die verheerenden Anschläge von Madrid (11. März 2004) und London (7. Juli 2005).27

4 Aufstieg und Fall von al-Qaida im Irak

Freiräume zur Expansion fand al-Qaida immer dort, wo Chaos und politische Instabilität eine effektive Terrorismusbekämpfung verhinderten. Das neue Epizentrum des internationalen Dschihads wurde der Irak, der infolge der US-amerikanischen Invasion 2003 im Chaos versank. Durch die Beteiligung am Aufstand der sunnitischen Iraker gegen die Besatzungstruppen bot sich für die Dschihadisten die Möglichkeit, ihren Heiligen Krieg zu legitimieren und zu einer breiten Massenbewegung aufzusteigen. Stärkste Kraft unter den Dschihadisten im Irak wurde eine Gruppe um den Jordanier Abu Musab az-Zarqawi, die sich mit spektakulären Terroranschlägen sowie der Entführung und Enthauptung westlicher Geiseln einen Namen machte. Nachdem az-Zarqawi 2004 bin Laden die Treue geschworen hatte, wurde seine Gruppe der offizielle irakische Ableger von al-Qaida.

Der Irakkrieg hatte in der muslimischen Welt Empörung ausgelöst und viele sahen in den Dschihadisten ein Bollwerk gegen den US-amerikanischen Imperialismus in der Region.28 Rekruten und Finanzmittel für den Dschihad kamen nun nicht mehr im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet an, sondern im Irak. Az-Zarqawis direkter Zugriff auf Finanzquellen machte ihn praktisch unabhängig von bin Laden. Der al-Qaida-Führer wiederum verlor zunehmend die Kontrolle über die Finanzströme des Dschihads. Während bin Laden sein Vermögen lange genutzt hatte, um die Dschihad-Bewegung nach seinen Vorstellungen zu lenken, gingen ihm nun die Finanzmittel aus. Bereits ein Jahr nach dem Zusammenschluss mit az-Zarqawi musste al-Qaida-Vize az-Zawahiri den irakischen Regionalableger notgedrungen um die Überweisung von Geld bitten, um die Finanzierung der Kernorganisation zu gewährleisten.29

Im Irak führte az-Zarqawi eine brutale Terrorkampagne, die sich nicht nur gegen die ausländischen Besatzungstruppen richtete, sondern auch gegen diejenigen Iraker, die er als Kollaborateure und Feinde des Islams betrachtete. Er war getrieben von der radikalen Doktrin des Takfir, wonach Muslime, die nicht der fundamentalistischen Islaminterpretation der Salafisten folgen, als Abtrünnige vom wahren Glauben betrachtet werden. Nach dieser Doktrin sind sie keine wahren Gläubigen und verdienen es daher nicht, von Gewalt verschont zu werden. Für az-Zarqawi traf dies auf die moderaten Sunniten zu, aber vor allem auf die Schiiten, die im Irak die Bevölkerungsmehrheit bilden und nach 2003 zur stärksten politischen Kraft wurden. In einen Brief an bin Laden beschrieb az-Zarqawi, dass er die Schiiten als weitaus größeren Gegner als die US-Amerikaner betrachte. Folglich plante er, einen Konfessionskrieg zwischen Sunniten und Schiiten zu entfachen. Seinem Kalkül zufolge würde dies zu einem Überlebenskampf für die sunnitische Minderheit werden und sie zur Geschlossenheit hinter die Dschihadisten zwingen.30 Um seine Strategie umzusetzen, eskalierte er seine Terrorkampagne gegen Schiiten und verübte Anschläge gegen Zivilisten, Heiligtümer und andere symbolträchtige Orte. Dies führte zu Vergeltungsaktionen von schiitischen Milizen gegen Sunniten und löste eine Spirale der Gewalt aus, die das Land in einen Bürgerkrieg stürzte. Gemäß az-Zarqawis Kalkül spielte diese Entwicklung seiner Gruppe in die Hände, die zunehmenden Rückhalt gewann und sich in den sunnitischen Provinzen festsetzen konnte.31

Trotz seines Erfolgs wurde az-Zarqawis Treiben im Irak von der al-Qaida-Führung mit zunehmenden Misstrauen beäugt. Zum einen entsprach az-Zarqawis Irakstrategie nicht bin Ladens Vorstellungen von einem Kampf gegen den fernen Feind. Zum anderen fürchtete die Führung um die Reputation ihrer Gruppe. Schließlich fielen dem Kampf ihres irakischen Ablegers deutlich mehr Muslime zum Opfer als US-amerikanische Soldaten. In mehreren Schreiben versuchte die al-Qaida-Führung, az-Zarqawi zu mäßigen und zu einem Strategiewandel zu bewegen. Ohne die Unterstützung der Bevölkerung, so das Argument, sei der Kampf nicht zu gewinnen.32 Doch az-Zarqawi hielt an seinem Kurs fest und bin Laden blieb letztendlich unfähig, die abtrünnige irakische Ablegerorganisation zur Räson zu bringen.

Während die Dschihadisten den innerirakischen Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten immer weiter befeuerten, regte sich innerhalb der Sunniten zunehmender Widerstand gegen die Gewalteskapaden. Offenbar war az-Zarqawi daraufhin bemüht, sein Ansehen gegenüber seiner Unterstützerbasis zu verbessern, den Nimbus des globalen Dschihads abzulegen und gegen ein lokales Image einzutauschen.33 Nach einem Zusammenschluss mit sechs lokalen Gruppen formte er 2006 den Schura-Rat der Glaubenskämpfer (Madschlis Schura al-Mujaheddin), der kurz darauf in Islamischer Staat im Irak (ad-Daula al-Islamiya fi al-Iraq, ISI) umbenannt wurde. Hieraus sollte später der heutige IS erwachsen, der zum gefährlichsten Widersacher al-Qaidas innerhalb der dschihadistischen Front wurde. Die Namensänderung konnte jedoch nichts an der Tatsache ändern, dass die anfänglichen Sympathien für die Dschihadisten innerhalb der sunnitischen Bevölkerung sich zunehmend umkehrten. Insbesondere die sunnitischen Stämme im Westen des Landes, von denen viele an der Seite des ISI gekämpft hatten, verweigerten den Dschihadisten immer häufiger die Gefolgschaft. Die Ursache hierfür war, dass die Dschihadisten die lokalen Traditionen und gesellschaftlichen Normen der irakischen Bevölkerung missachteten. Wo die Extremisten zur herrschenden Kraft wurden, versuchten sie das öffentliche Leben nach ihren fundamentalistischen Glaubensvorstellungen umzukrempeln. Zudem setzten sie gezielt Familien unter Druck, ihre Töchter für eine Zwangsheirat mit ISI-Kämpfern herzugeben. Ferner versuchten sie, den grenzübergreifenden Schmuggel nach Jordanien an sich zu reißen, der gewohnheitsmäßig von sunnitischen Stämmen kontrolliert wurde und der für diese eine wichtige Einnahmequelle darstellte.34 Wer sich ihnen widersetzte, musste mit drakonischen Strafen rechnen – etwa der Amputation von Gliedmaßen oder der Todesstrafe.35 Mordkommandos des ISI machten gezielt Jagd auf Stammesführer und Mitglieder der Bildungsschicht, um die Gefolgschaft der Sunniten zu erzwingen.36 Dies führte zu einem Auflehnen der Stämme, die sich unter dem Begriff der Erweckungsbewegung (as-Sahwat) gegen die Gewaltherrschaft des ISI vereinten.

Zeitgleich erfolgte aufseiten der US-Streitkräfte im Irak ein Wandel hin zu einer neuen Strategie der Aufstandsbekämpfung (Counterinsurgency). Hierfür wurden mehr Truppen in den Irak entsandt (Surge), um eine stärkere Präsenz in der Fläche zu zeigen und die Bewegungsfreiheit der Dschihadisten einzuschränken. Weil die US-Truppen und die sunnitischen Stämme gegen einen gemeinsamen Feind kämpften, kam es zu einem ungewöhnlichen Zweckbündnis. Die ortskundigen Stammesführer lieferten nun bereitwillig Informationen über die Dschihadisten an die US-Amerikaner. Diese konnten dadurch ihre überlegene Feuerkraft gezielter einsetzen. Während die sunnitischen Provinzen des Irak noch kurz zuvor ein sicherer Rückzugsraum für den ISI gewesen waren, hatte sich die Situation nun drastisch gewandelt. Schlagartig wurde den Dschihadisten der Boden unter den Füßen weggerissen und sie verloren den Großteil ihrer Anführer und Kämpfer.37 Wenige Monate später war vom einst mächtigen ISI nur noch ein klägliches Überbleibsel übrig. Im Untergrund verborgen sollte die verbliebene Anhängerschar die nächsten Jahre zunächst verharren und abwarten. Bereits nach dem US-amerikanischen Militärabzug aus dem Irak 2011 bekamen wie wieder Aufwind. Die Politik der irakischen Regierung von Nuri al-Maliki wurde immer repressiver und führte zu einer Marginalisierung der Sunniten, die daraufhin den Dschihadisten erneut in die Arme liefen. Der ISI, seit 2010 unter der Führung von Abu Bakr al-Bagdadi, konnte dadurch seinen Einfluss erneut ausbauen und wieder an Stärke gewinnen.

5 Die weitere Dezentralisierung

Nach dem Debakel im Irak verlor al-Qaidas Selbstverständnis von einem heroischen Widerstandskampf gegen die Ungläubigen immer mehr an Glaubwürdigkeit. Stattdessen wurde die Marke al-Qaida zunehmend mit blinder und sinnloser Gewalt gegen muslimische Zivilisten in Verbindung gebracht. In der Folge nahm der ohnehin geringe Zuspruch für al-Qaida in der muslimischen Welt rapide ab.38 Für die Regionalableger wurde das al-Qaida-Branding immer mehr zu einer Belastung – eine Tatsache, vor der auch die al-Qaida-Führung nicht die Augen verschließen konnte. Als asch-Schabaab in Somalia sich 2008 al-Qaida anschloss, instruierte bin Laden den Emir der Gruppe, Ahmed Abdi Godane, den Zusammenschluss unter Verschluss zu halten. Ein offenes Bekenntnis zu al-Qaida würde, so bin Laden, einerseits Finanziers aus der Golfregion abschrecken und andererseits den Fahndungsdruck auf die Gruppe erhöhen.39 Nach dem Amtsantritt von Barak Obama 2009 nahm der Druck auf das Terrornetzwerk weiter zu. Anstatt den mit militärischen Interventionen geführten „Krieg gegen den Terror“ seines Amtsvorgängers fortzuführen, setzte der neue US-Präsident auf einen gezielten und mit chirurgischen Schlägen geführten Kampf gegen die Köpfe von al-Qaida.40 Das bevorzugte Mittel im US-amerikanischen Antiterrorkampf wurden Drohnenangriffe, die unter Obama um das Zehnfache anstiegen.41 Selbst in sicher geglaubten Rückzugsgebieten drohte nun der ständige Beschuss aus der Luft. In den pakistanischen Stammesgebieten verlor die Kernorganistation mehrere hochrangige Kommandeure sowie zahlreiche Kämpfer durch Drohnenschläge.42

Einen neuen Rückzugsort fand al-Qaida im Jemen, der zum neuen Hauptschauplatz des globalen Dschihads wurde. Weite Teile des verarmten und vom Staatszerfall bedrohten Landes an der Südspitze der Arabischen Halbinsel stehen außerhalb der Kontrolle der Zentralregierung und werden von rivalisierenden Stämmen beherrscht. Für al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) sind das ideale Bedingungen gewesen, um sich festzusetzen und Strukturen aufzubauen. Angeführt wurde der jemenitische Regionalableger zunächst von Nasir al-Wuhayshi, einem langjährigen Wegbegleiter und engen Vertrauten bin Ladens aus der Zeit des afghanischen Dschihads. Aus der Freundschaft der beiden Terrorführer ergab sich ein besonderes Loyalitätsverhältnis, das die jemenitischen Dschihadisten eng an die Kernorganisation band.43 Daher bemühte sich AQAP weitaus stärker als andere Regionalableger, bin Ladens Kampf gegen den fernen Feind weiterzuführen. Aus Sicht der CIA sollte der jemenitische Ableger sogar zu einer größeren Gefahr für die internationale Sicherheit werden als die Kernorganisation.44

Zum ersten Mal wurde die Gruppe international aktiv, als der nigerianische Student Umar Farouk Abdulmutallab im Dezember 2009 versuchte, mit einer in seiner Unterhose versteckten Bombe eine Passagiermaschine auf dem Flug nach Detroit in die Luft zu sprengen. Ein Jahr später griff AQAP erneut den internationalen Luftverkehr an, diesmal mit zwei aufwendig getarnten Paketbomben. Die beiden Sprengsätze konnten jedoch rechtzeitig abgefangen werden, was dem Hinweis eines Überläufers zu verdanken war.45 In beiden Fällen waren die Bomben so konzipiert, dass sie von den gängigen Sicherheitskontrollen unentdeckt geblieben wären. Verantwortlich für die Konstruktion der Sprengsätze war Ibrahim al-Asiri. Der saudische AQAP-Kämpfer und frühere Chemiestudent wurde zum gefährlichsten Bombenbastler des al-Qaida-Netzwerks. Seine erste Bombe konstruierte er, um im August 2009 den saudischen Innenminister Prinz Mohammed ibn Naif zu töten. Den Sprengsatz überbrachte sein jüngerer Bruder Abdullah, der vorgab, sich den saudischen Behörden stellen zu wollen. Während einer Audienz bei ibn Naif zündete Abdullah al-Asiri den Sprengsatz, den er in seiner Unterhose versteckt hatte, tötete damit aber lediglich sich selbst. Ibn Naif überlebte leicht verletzt.46 Laut westlichen Nachrichtendiensten experimentierte Ibrahim al-Asiri mit immer heimtückerischen Bausätzen, um Sicherheitskontrollen zu umgehen.47

Gleichermaßen berüchtigt war die Gruppe für ihre Propagandamaschinerie, die zum Dschihad gegen den Westen aufrief. Die treibende Kraft dahinter war Anwar al-Awlaki, ein charismatischer Prediger mit US-amerikanischer Staatsbürgerschaft. Als Herausgeber der Propagandazeitschrift Inspire, die auf Englisch erschien und sich gezielt an Muslime im Westen wandte, wurde er zu einem wichtigen Sprachrohr von al-Qaida. Mehrere Einzeltäter, die sich im Westen radikalisierten, hatten sich durch seine Predigten inspirieren lassen. Unter ihnen waren der US-amerikanische Offizier Malik Nidal Hassan, der im November 2009 auf der Militärbasis Ford Hood 13 Kameraden erschoss, und Faisal Shahzad, der im Mai 2010 vergeblich versuchte, am New Yorker Times Square eine Autobombe detonieren zu lassen.48 Auch nach al-Awlakis Tod durch einen Drohnenangriff im September 2011 blieben seine Schriften bedeutsam und trugen offenbar zur Radikalisierung der Zarnajew-Brüder bei, die im April 2013 einen Anschlag auf den Boston-Marathon verübten.49 Selbst nach dem Aufstieg des IS, dessen Propaganda alles bislang Dagewesene in den Schatten stellte, blieben die Texte des verstorbenen Predigers eine wichtige Quelle der Inspiration für Dschihadisten im englischsprachigen Raum, auch unter Sympathisanten des IS.50

Erst lange nach seinem Tod sollte herauskommen, dass al-Awlaki weitaus aktiver in Terroranschläge verstrickt gewesen war als gemeinhin angenommen. Im Sommer 2011 reisten die beiden französischen Brüder Saïd und Chérif Kouachi in den Jemen, wo sie vermutlich al-Awlaki trafen und in einem dreitägigen Schnellkurs den Umgang mit Waffen lernten. Ermittler gehen davon aus, dass sie dort von al-Awlaki mit einem finanziellen Startkapital und dem Auftrag ausgestattet wurden, in Frankreich auf eigene Faust Terror zu verüben. Nach ihrer Rückkehr kehrten die Brüder zunächst in ihr normales Leben zurück. Erst dreieinhalb Jahre später, im Januar 2015, erschossen sie bei ihrem Angriff auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo in Paris zwölf Menschen. Die flüchtigen Attentäter wurden zwei Tage später von der französischen Polizei gestellt und in einem Schusswechsel getötet. Einige Tage darauf bekannte sich AQAP zu dem Anschlag. Bis heute ist jedoch ungeklärt, in welchem Umfang die jemenitische al-Qaida in die Planung des Anschlags involviert war. Ermittler vermuten, dass die Gruppe lediglich die Inspiration lieferte und die Kouachi-Brüder Ziel, Zeitpunkt und Durchführung des Anschlags selbst auswählten.51

Zeitgleich zu dem Angriff auf Charlie Hebdo beging Amedy Coulibaly, ein enger Bekannter der Brüder, zwei Morde und nahm anschließend in einen jüdischen Supermarkt in Paris mehrere Geiseln. Auch er wurde von der Polizei getötet, als diese das Geschäft stürmte. Anders als die Kouachis hatte sich Coulibaly zum IS bekannt und gleichzeitig angegeben, seine Aktionen mit den befreundeten Brüdern koordiniert zu haben.52 Offenbar ist der seit 2013 bitter ausgetragene Konkurrenzkampf zwischen al-Qaida und dem IS für Dschihadisten im Westen weitaus weniger von Belang als beispielsweise in Syrien. Eine Kooperation zwischen anderweitig verfeindeten Akteuren schein an den Rändern der dschihadistischen Bewegung, wo die Kämpfer oftmals in keine feste Organisationsstrukturen, sondern lediglich in lose Sympathisanten-Netzwerke eingebunden sind, durchaus möglich.

Auch wenn AQAP innerhalb des al-Qaida-Netzwerks zum stärksten internationalen Akteur aufstieg, verschrieb sich die Gruppe nicht ausschließlich dem globalen Dschihad, sondern verfolgte, wie alle Regionalableger, auch Ziele in der Heimat. Die Gruppe nahm im Jemen gezielt diplomatischen Einrichtungen, ausländische Unternehmen und Reisegruppen ins Visier. Gleichzeitig versuchte AQAP die Regierung von Präsident Ali Abdullah Saleh durch eine Terrorkampagne gegen seine Sicherheitsorgane zu schwächen, um sich mehr Bewegungsfreiheit zu verschaffen. Durch geschicktes Taktieren konnte sich AQAP für ihren Kampf die Unterstützung einiger jemenitischer Stämme sichern, die sich politisch marginalisiert fühlten und ihrerseits die Zentralregierung herausforderten. Befördert wurde der Zulauf zu den Dschihadisten durch die versehentliche Tötung von Zivilisten durch US-amerikanische Drohnenangriffe oder bei Antiterroroperationen der Regierung.53 Unterstützt von den Stammeskriegern konnten die Dschihadisten mehrere Gebiete freikämpfen, in denen sie lokale Verwaltungseinheiten aufbauten. Angesichts dieser Erfolge befürchtete bin Laden allerdings, das eigentliche Ziel könnte aus den Augen geraten. In einem Brief an al-Wuhayshi mahnte er an, dass der Kampf gegen die USA nicht in Vergessenheit geraten sollte.54 Kurz darauf kollabierte der fragile jemenitische Staat in Folge des Arabischen Frühlings endgültig, was den Dschihadisten eine einmalige Chance bot, ihren Einfluss zu festigen und auszuweiten. Im Jemen rückte damit der globale Kampf endgültig in den Hintergrund.

6 Arabischer Frühling

Als im Frühjahr 2011 eine Welle von Massenprotesten durch die arabische Welt rollte, wirkte al-Qaida dramatisch geschwächt. Die Dschihadisten hatten in diesen Revolutionen kaum eine Rolle gespielt. Vielmehr wurden die Massen von einer aufgeklärten Jugend mobilisiert, die für die Demokratie auf die Straße zog und nicht für einen Gottesstaat. Außerdem widerfuhr al-Qaida ein herber Rückschlag, als bin Laden im Mai des gleichen Jahres durch US-amerikanische Spezialkräfte getötet wurde. Für einige Experten waren diese Entwicklungen bereits Anlass genug, um das baldige Ende der Terrororganisation zu prophezeien.55

Doch die anfängliche Euphorie über den Arabischen Frühling verflog schnell. Auf die zunächst hoffungsvollen Proteste folgten blutige Konflikte und der Zerfall staatlicher Ordnung in Teilen der Levante, der Arabischen Halbinsel, Nordafrikas und der Sahelzone. Der Westen reagierte weitgehend ratlos auf die Entwicklungen. Nach den zwei desaströsen Kriegen in Afghanistan und dem Irak fehlte der politische Wille, einen umfangreichen Beitrag zur Stabilisierung des Nahen Ostens zu leisten. Dies ermöglichte eine Rückkehr der al-Qaida-Kämpfer, die das Chaos auszunutzen wussten, um ihre Präsenz an bestehenden Fronten auszubauen und neue Räume zu erschließen.

Nach bin Ladens Tod wurde sein langjähriger Stellvertreter az-Zawahiri neue Nummer eins von al-Qaida. Im Gegensatz zu bin Laden, der besessen war vom Kampf gegen den Westen, hatte sein Nachfolger weniger klar definierte Prioritäten. In seinen Statements wetterte der Ägypter gegen die „Kreuzzügler“ und „Zionisten“, verteufelte aber ebenso die abtrünnigen Regime in der muslimischen Welt.56 Besonders deutlich wurde az-Zawahiris ambivalente Haltung in seinen neuen „Richtlinien für den Dschihad“, die er zwei Jahre nach bin Ladens Tod veröffentlichte. Ganz in alter al-Qaida-Manier rief er darin seine Gefährten auf, sich auf den globalen Kampf gegen die USA und Israel zu konzentrieren und nicht in lokale Scharmützel zu verzetteln. Gleichzeitig listete er eine Reihe von Ausnahmen auf, wo der Kampf gegen den nahen Feind legitim sei. Hierzu zählte er Afghanistan, die Arabische Halbinsel, Nordafrika, Irak, Somalia und Syrien, also praktisch alle Kriegsschauplätze, auf denen das al-Qaida-Netzwerk aktiv ist.57

In seiner Zeit als Stellvertreter hatte az-Zawahiri die Beziehungen zu al-Qaidas Regionalablegern gemanagt, nicht ohne Sympathien für ihren lokalen Kampf.58 Die veränderte Situation nach dem Arabischen Frühling war für ihn eine Chance, um al-Qaida unter seiner Führung stärker auf den Kampf an der Heimatfront auszurichten.59 Al-Qaidas schleichender Prozess der strategischen Umorientierung auf den nahen Feind, der bereits nach 2001 eingesetzt hatte, schritt unter seiner Führung weiter voran und trat offener zum Vorschein. In den Fokus rückte vor allem die arabische Welt. Deutlich wurde dies beispielsweise durch die Neubesetzung von az-Zawahiris Stellvertreterpostens außerhalb des Führungszirkels in den pakistanischen Stammesgebieten. Neue Nummer zwei in der Hierarchie des Netzwerks wurde zunächst AQAP-Emir al-Wuhayshi. Nachdem der Jemenite im Juni 2015 durch einen US-amerikanischen Drohnenschlag getötet wurde, ging der Posten an Abu Khayr al-Masri, der sich bis zu seinem Tod im Februar 2017 in Syrien aufhielt.60 Al-Masri war einer von zahlreichen hochrangigen al-Qaida-Veteranen, die ab 2013 ihren Unterschlupf in den pakistanischen Stammesgebieten aufgaben und nach Syrien zogen. Aufgrund der starken Abwanderung von Kämpfern nach Syrien wurden sogar Vermutungen angestellt, al-Qaida baue in Syrien ein neues Hauptquartier auf.61

In zahlreichen Regionen schlug das Terrornetzwerk neue Wurzeln und trieb seine Expansion durch die Gründung neuer Regionalableger voran. In der unmittelbaren Phase nach dem Arabischen Frühling entstanden in Nordafrika gleich mehrere neue Gruppierungen, mit denen al-Qaida auf die eine oder andere Weise verbandelt war. Die neu gegründete Ansar asch-Scharia in Tunesien sowie ihre gleichnamigen Schwesterorganisationen in Libyen und Ägypten pflegen Kontakte in das Netzwerk von al-Qaida und identifizieren sich mit ihrer Ideologie, betonen aber gleichzeitig ihre Unabhängigkeit. Al-Qaidas nordafrikanischer Regionalableger (AQIM) gründete eigene Länderableger in Tunesien (Katibat Uqba bin Nafi) und Mali (Jama'at Nasr al-Islam wal-Muslimin). In Syrien gelang es al-Qaida mit Dschabhat an-Nusra erstmalig, eine bedeutende Präsenz aufzubauen. Zuvor hatte al-Qaida lange und vergeblich versucht, in der Levante Fuß zu fassen. Ferner gründete al-Qaida einen neuen Regionalableger, al-Qaida auf dem indischen Subkontinent (AQIS), der al-Qaida nahe Gruppen in Afghanistan, Pakistan, Indien und Bangladesch in einer Organisation vereint. In dieser Region möchte al-Qaida vermutlich angesichts der Abwanderung des eigenen Führungskaders aus Pakistan nach Syrien mit dem neuen Ableger eine langfristige Präsenz sicher stellen.62 Zudem bekannte sich asch-Schabaab erstmals öffentlich zu al-Qaida, obwohl die somalische Gruppe bereits länger Teil des Netzwerks war. Dass asch-Schabaabs Emir Godane erst nach dem Tod von bin Laden seine Treue öffentlich beteuerte, soll unter anderem am neuen Terrorchef az-Zawahiri gelegen haben, der weitaus aufgeschlossener für die lokalen Strategien seiner regionalen Partner ist.63

Al-Qaida kehrte der globalen Front aber nicht vollends den Rücken. In der Propaganda der Kernorganisation sowie des jemenitischen Ablegers war der Kampf gegen den Westen nach wie vor tonangebend. Eine prominente Rolle in der Öffentlichkeitsarbeit übernahm erstmals Hamza bin Laden, ein Sohn des getöteten al-Qaida-Führers. In mehreren Audio- und Videonachrichten meldete er sich zu Wort und drohte unter anderem den USA mit Vergeltung für den Tod seines Vaters.64 Al-Qaidas Kampf gegen den fernen Feind bestand jedoch aus nicht viel mehr als Worten. Einzige Ausnahme war eine Operation des neuen Regionalableger AQIS, der nach eigenen Angaben versuchte, im September 2014 zwei pakistanische Fregatten im Hafen von Karatschi zu kapern und mit den schiffseigenen Waffensystemen die in der Arabischen See stationierte US-Flotte sowie Schiffe der indischen Marine anzugreifen. Als die Angreifer das erste Schiff enterten, wurden sie jedoch entdeckt und in einem Schusswechsel von pakistanischen Marinesoldaten und heraneilenden Spezialkräften gestellt. Äußerst brisant an der Aktion war, dass sie von mehreren Offizieren der pakistanischen Marine ausgeheckt wurde, die sich mit dem neuen Ableger von al-Qaida verschworen hatten.65 Obendrein befürchteten westliche Nachrichtendienste, dass al-Qaida-Ableger weitere gegen den Westen gerichtete Terrorpläne schmiedeten. Dennoch war die strategische Neuausrichtung auf den nahen Feind unverkennbar. Die überwiegende Mehrheit von al-Qaidas Aktivitäten waren lokal verortet und richteten sich mehrheitlich gegen Gegner in der islamischen Welt.66 Die beiden Zentren der Aktivitäten wurden der Jemen und Syrien. Dort zeigte sich deutlich, dass die Abkehr vom globalen Kampf zugunsten eines revolutionären Dschihads gegen lokale Gegner keine Konsensentscheidung war, sondern zu Konflikten und Zerwürfnissen innerhalb des Netzwerks führte.

7 Expansion im Jemen

Die politischen Umwälzungen des Arabischen Frühlings haben das fragile Staatengerüst im Jemen weiter destabilisiert. Es entbrannte ein blutiger Machtkampf um die Regierungsgewalt in Sanaa. Im Schatten der politischen Wirren startete AQAP eine neue Offensive, wodurch es der Gruppe gelang, weitreichende Gebiete in den Provinzen Abyan, Schabwa und Marib einzunehmen sowie bis an den Stadtrand Adens vorzurücken. Auffällig dabei war, dass die Dschihadisten nicht unter ihrer offiziellen Bezeichnung operierten. Vielmehr ließ der Scharia-Beauftragte der Gruppe verlauten, dass man gegenüber der jemenitischen Bevölkerung fortan als Unterstützer der Scharia (Ansar asch-Scharia) auftreten werde.67 Dieser Tarnname sollte die Verbindungen der Gruppe zu al-Qaida verschleiern, um sich als attraktiver Partner für die lokalen Stämme in Stellung zu bringen, die sich gegen die Regierung auflehnten, aber keine Sympathien für die globale Agenda von al-Qaida hegten.68 Von den Stämmen, die sich zunächst der Offensive angeschlossen hatten, sollten viele kurz darauf wieder von den Dschihadisten abkehren, weil diese anfingen, der Bevölkerung ihre strikte Interpretation der Scharia aufzuzwingen.69 Als Reaktion auf das radikale Vorgehen der Dschihadisten schlossen sich einige Stämme dem Antiterrorkampf der Regierung an und bildeten Milizen, die zusammen mit der Armee die Kämpfer von AQAP im Frühjahr 2012 erfolgreich zurückdrängen konnten.70

Die Dschihadisten zogen sich daraufhin in das zerklüftete Hochland zurück und warteten auf die nächste Gelegenheit zum Gegenangriff. Diese bot sich, nachdem im September 2014 eine Allianz aus Stammeskriegern der Huthi, die sich aus den Schiiten im Norden des Landes rekrutieren, und Anhängern des mittlerweile geschassten Präsidenten Saleh in die Hauptstadt Sanaa einmarschierten und damit einen blutigen Konflikt mit Unterstützern des amtierenden Präsidenten Abd Rabbo Mansur Hadi auslösten. Das politische Chaos erlaubte AQAP, erneut in die Offensive zu gehen, um weite Teile der Provinz Hadramaut einzunehmen, einschließlich der Hafenstadt Mukalla, Jemens fünftgrößter Stadt.

Der Vormarsch der Huthis ermöglichte den Dschihadisten, die Angst vor den Schiiten aus dem Norden zu instrumentalisierten, um sich erneut mit den sunnitischen Stämmen zu verbrüdern. Zudem kam ihnen zugute, dass Hadis Regierung und ihr Unterstützer Saudi-Arabien die Präsenz der Dschihadisten angesichts der Bedrohung durch die Huthis weitgehend tolerierten, wenn nicht sogar guthießen. Schließlich zogen die Dschihadisten gegen einen gemeinsamen Feind in die Schlacht.71 Auch wenn sich Hadi weiterhin gegen AQAP positionierte, seine Loyalisten schlossen sich an einigen Frontabschnitten mit den Dschihadisten zusammen, um gemeinsam gegen die Huthi zu kämpfen.72 Begleitet wurde der Vormarsch der Dschihadisten von einer neuen Bündnispolitik mit den Stämmen, die diesmal deutlich kooperativer und von einem starken Pragmatismus geprägt war. Durch geschickt ausgehandelte Allianzen inkorporierten sie die Stammeskrieger in eine gemeinsame Kampfgemeinschaft, die sich Söhne des Hadramauts (Abna Hadramaut) nannte.73 Diese Frontorganisation erlaubte es ihnen, ihre lokale Verankerung stärker in den Vordergrund zu stellen.74 Zusammen mit den Stämmen gründete AQAP in den befreiten Gebieten gemeinsame Räte, die neue Polizei- und Verwaltungsstrukturen aufbauten. Dabei machten die Dschihadisten weitreichende Zugeständnisse gegenüber dem von den Stämmen praktizierten Gewohnheitsrecht.75 Gegenüber der Bevölkerung versuchen sie, sich als bessere Alternative zu dem dysfunktionalen jemenitischen Staat zu präsentieren. Sie investierten in den Wiederaufbau der maroden Infrastruktur, schlichteten Streitigkeiten zwischen zerstrittenen Clans, zahlten die Gehälter von Beamten und stellten andere öffentliche Güter bereit.76 Möglich machte dies ihre gut gefüllte Kriegskasse. Bei ihrem Einmarsch in Mukalla hatten sie die örtliche Filiale der jemenitischen Zentralbank geplündert und schätzungsweise 100 Millionen US-Dollar erbeutet.77

Begleitet wurde der Vormarsch von erneuten Drohungen der Dschihadisten gegen den Westen. Allerdings war es fraglich, ob AQAP mit unverändertem Ehrgeiz am Export ihres Terrors festhielt. Denn aus den Reihen der Dschihadisten wurde verlautet, dass sie den verbündeten Stämmen zugesichert hätten, auf internationale Terroroperationen zukünftig zu verzichten, um die gemeinsam errungenen Erfolge im Jemen nicht durch westliche Vergeltungsschläge zu gefährden.78 Auffällig war zumindest, dass die Gruppe in ihrer jüngsten Propaganda den Westen nicht mit eigenen Terroranschlägen drohte, sondern stattdessen Gesinnungsgenossen im Westen dazu aufrief, als Einzeltäter aktiv zu werden.79 Zur Nachahmung wurden die jüngsten Anschläge von Einzeltätern in Orlando, Nizza und London empfohlen, auch wenn diese im Namen des IS verübt worden waren.80 Gegen die These, dass sich AQAP vom internationalen Terror zurückgezogen hat, sprechen allerdings die Einschätzungen westlicher Sicherheitsdienste, wonach Europa und die USA unverändert in ihrem Visier stünden. Das im März 2017 von den USA und Großbritannien erlassene Verbot der Mitnahme von ausgewählten elektronischen Geräten im Passagierraum auf bestimmten Direktflügen aus dem Nahen Osten fußt offenbar auf neuen Geheimdiensthinweisen über die Fähigkeiten von AQAP. Demnach sei die Organisation in der Lage, auf neuartige Weise Sprengstoff unbemerkt in Laptops und Tablet-PCs zu verbauen.81 Allerdings sind bisher keine aktuellen und konkreten Anschlagspläne der Gruppe gegen den internationalen Luftverkehr bekannt geworden. Zudem gibt es Zweifel an der Einschätzung der US-amerikanischen Nachrichtendienste sowie der Wirksamkeit des Laptop-Verbots.82

Auch wenn lediglich darüber spekuliert werden kann, ob AQAP weiterhin an Auslandsoperationen festhält, so ist doch unverkennbar, dass die Heimatfront für sie merklich an Bedeutung gewonnen hat. Die Organisation hat in den vergangenen Jahren einen Lernprozess durchlaufen und ihr Vorgehen maßgeblich verändert. Sie geht jetzt deutlich pragmatischer und kompromissbereiter vor. Kämpfer der Gruppe sprechen insgeheim von einer „Strategie der unsichtbaren Hand“ (al-Yad al-Makhfi), mit der sie bewusst ihren Einfluss kaschieren, um das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen.83 In den eroberten Gebieten spielen sie sich nicht als Besatzungsmacht auf, sondern kooperieren mit Stammesräten und lokalen Würdenträgern, mit denen Bündnisse und Abhängigkeitsverhältnisse bestehen. Schrittweise unterwandern sie so die lokalen und tribalen Strukturen, um sich langfristig als eine politische Kraft im Jemen zu etablieren.

8 Die neue Front in Syrien

Syrien wurde al-Qaidas neue und zugleich größte Front. Inspiriert von den Revolutionen in Nordafrika begann dort im Frühjahr 2011 eine Protestbewegung, die sich im Verlauf des Jahres – bedingt durch die kompromisslose Reaktion des Regimes – zunehmend militarisierte. Während das Land in einen Bürgerkrieg abrutschte, der hunderttausenden Menschen das Leben kosten, die Region destabilisieren und die größte Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg auslösen sollte, witterte al-Qaida in dem Chaos eine neue Chance. Wie sich zeigen sollte, gestaltete sich der Aufbau einer dschihadistischen Front dort jedoch alles andere als einfach. Die Dschihadisten waren nie eine eingeschworene Gemeinschaft und Rivalitäten und Richtungskämpfe in den eigenen Reihen sind keine Seltenheit. In Syrien nahmen diese allerdings ungeahnte Ausmaße an und führten zu einer Rivalität zwischen al-Qaida und seinem früheren irakischen Ableger, die in einer blutigen Auseinandersetzung mündete und zu einem Bruch in der weltweiten dschihadistische Gemeinschaft führte.

Im August 2011 sickerte eine kleine Gruppe von Dschihadisten aus dem Irak nach Syrien ein. Ihr Anführer war Abu Mohammad al-Golani, ein syrischer Veteran aus dem irakischen Dschihad. Im Auftrag des ISI-Emirs al-Bagdadi sollte er eine neue Front eröffnen.84 Im Frühjahr 2012 verkündete al-Golani die Gründung der Gruppe Dschabhat an-Nusra. Zuvor hatten seine Vertrauten in verschiedenen Landesteilen Anlaufstellen eingerichtet, die Missionsarbeit betrieben und neue Mitglieder rekrutierten. Die Gruppe operierte zunächst wie eine klassische Terrororganisation und verübte eine Reihe von spektakulären Anschlägen in Damaskus und anderen Städten. Weil dabei auch unzählige Zivilisten getötet wurden, was zu einer wachsenden Kritik aus Oppositionskreisen führte, änderte die Gruppe ihr Vorgehen zugunsten einer Guerillastrategie, die stärker auf militärische Operationen setzte. Gleichzeitig versuchte Dschabhat an-Nusra, gezielt Allianzen mit anderen Gruppierungen des Aufstands zu formen.85 Bei gemeinsamen Operationen agierte die Gruppe oftmals als Speerspitze und schlug Breschen in die Linien des Gegners, die ein Vorrücken der Aufständischen ermöglichten. Ihr hoher Einsatz für die Revolution sollte den Dschihadisten Ansehen und Respekt verschaffen, selbst unter den moderaten Aufständischen.86

Im April 2013 erklärte al-Bagdadi, dass Dschabhat an-Nusra ab sofort zusammen mit dem ISI unter der Bezeichnung Islamischer Staat in Syrien und dem Irak (ISIS) firmiere. Vermutlich war es der Erfolg von Dschabhat an-Nusra, der al-Bagdadi dazu bewegte, seinen syrischen Ableger wieder in die eigenen Reihen einzugliedern. Al-Golani wollte jedoch die von ihm aufgebaute Organisation nicht einfach in die Hände von al-Bagdadi übergeben. Daher bat er al-Qaidas Oberhaupt az-Zawahiri um einen Schiedsspruch. Dieser urteilte zugunsten von Dschabhat an-Nusra und entschied, dass al-Bagdadi ausschließlich das Kommando im Irak inne habe, während al-Golanis Gruppe in Syrien unabhängig bleiben solle.87 Al-Bagdadi setzte sich jedoch über die Entscheidung hinweg und hielt an seiner Expansion nach Syrien fest. Al-Golani erklärte daraufhin seine Loyalität gegenüber az-Zawahiri mit dem Ziel, aus Dschabhat an-Nusra einen separaten Ableger von al-Qaida zu machen. Der Streit um die Führungsrolle führte zu einem offenen Bruch zwischen ISIS und al-Qaida.88 ISIS rückte daraufhin gegen die vormaligen Weggefährten von Dschabhat an-Nusra vor und verdrängte sie in blutigen Gefechten aus den syrischen Provinzen Raqqa und Deir az-Zour, die kurzerhand von ihren eigenen Kämpfern besetzt wurden. Im Juni 2014 eröffnete ISIS eine zweite Front im Irak. Durch eine Großoffensive gelang es den Dschihadisten, die Städte Mosul, Tikrit und Samarra sowie weite Gebiete im Norden und Osten des Landes zu erobern. Danach erklärte Al-Bagdadi die besetzten Gebiete im Irak und Syrien zum Kalifat und sich selbst zum Kalifen. Unter Dschihadisten auf der ganzen Welt sorgte die Kalifatsgründung für Furore, aber auch für Irritationen. Während ältere Veteranen al-Bagdadi als ignorant und selbstherrlich abstempelten, löste die Kalifatsgründung insbesondere in der jungen Generation von Dschihadisten Begeisterung aus.89 Zehntausend Freiwillige kamen aus dem Ausland nach Syrien, um sich der Organisation anzuschließen, die sich ab sofort nur noch Islamischer Staat (IS) nannte.90 Gestärkt durch neue Rekruten ging der IS weiter auf Expansionskurs und konnte sein Herrschaftsgebiet insbesondere in Syrien vergrößern.

Der IS und Dschabhat an-Nusra verfolgen sehr ähnliche Zielvorstellungen: Beide Gruppen wollen die bestehende Ordnung in Syrien stürzen und ein Herrschaftssystem errichten, das auf einer ultra-konservativen Interpretation des Islam basiert. Allerdings setzen sie auf sehr unterschiedliche Strategien. Während der IS sein Herrschaftsmodell der Bevölkerung mit Gewalt aufoktroyiert, versucht Dschabhat an-Nusra, Sympathien zu gewinnen, um eine von der breiten Öffentlichkeit gestützte Front zu werden. Offenbar haben beide Organisationen sehr gegensätzliche Lehren aus den verhängnisvollen Ereignissen im Irak in den Jahren 2005 bis 2007 gezogen, als die sunnitischen Stämme den Dschihadisten den Rücken kehrten und sich dem Antiterrorkampf der US-Amerikaner anschlossen. Der IS verfolgt eine ähnlich radikale Strategie wie bereits seine Vorgängerorganisation unter az-Zarqawi. Allerdings hat die Gewaltbereitschaft der IS-Kämpfer neue Ausmaße angenommen. Um eine erneute Revolte innerhalb der Bevölkerung zu verhindern, wird aufkeimender Widerstand unmittelbar und mit äußerster Brutalität gebrochen. Rebellengruppen, die potenzielle Rivalen darstellen, werden entweder dem IS untergeordnet oder zerschlagen. Ziel des IS ist es, die Bevölkerung zu unterwerfen und ein System totaler Kontrolle zu etablieren.91 Im Gegensatz zu dem in der IS-Propaganda vermittelten Bild dient der Aufbau staatsähnlicher Strukturen weniger der Verwirklichung eines Gemeinwohls im Sinne einer fundamentalistischen Schariainterpretation, sondern vielmehr der Kontrolle der Bevölkerung sowie der eigenen Bereicherung. Sanktioniert von wahllos angewandten und missinterpretierten Schariaregeln, haben die selbsternannten Gotteskrieger ein System der Willkür errichtet, in dem sie nach eigenem Gutdünken plündern, vergewaltigen und morden können.92 Schiiten und ethnisch-religiöse Minderheiten werden brutal verfolgt, genauso wie all jene, die sich dem Herrschaftssystem des IS widersetzen, darunter auch viele Sunniten.93 Von Beginn an hat sich das IS-Kalifat daher viele Feinde in der Region gemacht. Obendrein ist die Präsenz eines dschihadistischen Staatsgebildes für die internationale Gemeinschaft nicht hinnehmbar. Trotz seiner anfänglichen Erfolge war das IS-Kalifat zu schwach, um sich langfristig in diesem feindseligen Umfeld zu behaupten. Für die Kontrolle und Verteidigung ihres Kalifatsgebietes haben die Kämpfer des IS den schützenden Untergrund verlassen und verwaltungsähnliche Strukturen aufgebaut. Dadurch sind sie zu einem leichten Ziel geworden, das sich mit konventionellen militärischen Mitteln bekämpfen ließ. Verdeutlicht wird dies an der massiven Zahl von Luftschlägen gegen die Infrastruktur des IS. Die Luftwaffen der internationalen Anti-IS-Koalition flogen in dem bisher knapp drei Jahre währenden Kampf gegen den IS über 22.000 Luftangriffe, in denen sie über 84.000 Bomben über dem IS-Kalifat abwarfen.94 Nach einer kurzen Phase seines Triumphes ist das Kalifat heute nur noch ein klägliches Überbleibsel, das kurz vor dem Zusammenbruch steht.

Im Gegensatz zum IS versucht Dschabhat an-Nusra ihr Ziel nicht mit Brachialgewalt zu erreichen, sondern setzt auf eine schrittweise Implementierung ihrer Ideologie. Durch die Beteiligung am Widerstand gegen das Assad-Regime und durch Allianzen mit lokalen Rebellengruppen versuchen die Dschihadisten, ein Teil der syrischen Opposition zu werden. Die Gruppe präsentiert sich als aufrichtige und opferbereite Kraft, um sich einerseits vom brutalen IS und andererseits von der steigenden Anzahl korrupter Oppositionsführer abzugrenzen. Um die Bevölkerung von ihren guten Absichten zu überzeugen, führen die Dschihadisten auch soziale Projekte durch. Sie verschenken Brot, bieten medizinische Versorgung an und entsorgen Müll von den Straßen.95 Weil sich Dschabhat an-Nusra als kompromissbereite Organisation ausgibt, ist die anfängliche Skepsis vieler Syrer einem zunehmenden Wohlwollen gewichen. Die Dschihadisten wurden bald als eine unverzichtbare Kraft für die Revolution wahrgenommen. Dies wurde deutlich erkennbar, als die USA die Gruppe im Dezember 2012 auf ihre Terrorliste setzten. Daraufhin brachen in einigen Oppositionsgebieten Syriens wütende Sympathiekundgebungen aus, in denen die Menge „wir sind alle Dschabhat an-Nusra“ skandierte.96

Nach dem Bruch mit al-Bagdadi demonstrierte al-Golani seine Zugehörigkeit zum al-Qaida-Netzwerk, indem er seiner Organisation den Beinamen al-Qaida in Syrien (Tanzim al-Qaida al-Dschihad fi Bilad asch-Scham) gab.97 Das öffentliche Bekenntnis zu al-Qaida änderte jedoch nichts an dem Vorgehen der syrischen Dschihadisten. Anders als bei Zusammenschlüssen zur Zeit bin Ladens erwartete die al-Qaida-Führung diesmal keine Beteiligung am globalen Kampf. Vielmehr befürwortete az-Zawahiri die lokale Strategie von Dschabhat an-Nusra. In einer Depesche an al-Golani formulierte er seine Ziele für den syrischen Dschihad: Priorität habe der Kampf gegen das Assad-Regime und der Ausbau einer stabilen Unterstützerbasis. Dahingegen erteilte az-Zawahiri Feindhandlungen gegen den Westen eine klare Absage.98 In einem Interview mit al-Jazeera im Mai 2015 bestätigte al-Golani öffentlich die Weisung der al-Qaida-Führung.99

Auch wenn die Prioritäten der Gruppe nach der Anlehnung an al-Qaida unverändert blieben, stieß die Partnerschaft auf keine geschlossene Zustimmung innerhalb al-Golanis Organisation. Um den Kommandeur Abu Mariya al-Qathani scharrte sich eine Gruppe von al-Qaida-Gegnern, die eine Manipulation des syrischen Dschihads für al-Qaidas globale Agenda befürchteten. Al-Qathani war einer der Gründungsväter der Gruppe und zunächst ihr oberster Schariabeauftragter sowie Feldkommandeur in Deir az-Zour nahe der irakischen Grenze. Nachdem die Provinz vom IS überrannt wurde, war er gezwungen, seinen Stab in die Provinz Deraa in Südsyrien zu verlegen. Gleichzeitig verlor er seinen einflussreichen Posten als Schariabeauftragter an Sami al-Oraidi, einem ideologischen Hardliner.100 Isoliert von der Führungsriege um al-Golani, die sich an der Nordfront aufhielt, fristete er ein Schattendasein. Indessen wurde der radikale Flügel um al-Oraidi durch mehrere hochrangige al-Qaida-Veteranen weiter gestärkt, die ab 2013 nach Syrien kamen, darunter enge Vertraute von az-Zawahiri.101 Im September 2014 berichteten US-Geheimdienste, dass kampferprobte al-Qaida-Kämpfer in Syrien einen neuen Stützpunkt errichteten, um Anschläge gegen den Westen zu verüben. Sie hätten sich hierzu als Khorasan-Gruppe vereint, die im engen Kontakt mit der al-Qaida-Führung in Pakistan stehe.102 Einen konkreten Hinweis zu möglichen Anschlagsplanungen hatten die Dienste nach eigenen Angaben allerdings nicht.103 Experten hegten daher erhebliche Zweifel an der Version der US-Geheimdienste und behaupteten sogar, dass die Existenz der Gruppe fabriziert sei.104 Aus Dschihadistenkreisen wurde die Existenz einer Gruppe mit dem Namen „Khorasan“ geleugnet.105 Allerdings soll es ein Beratergremium aus al-Qaida-Veteranen gegeben haben, das zwischen Dschabhat an-Nusra, dem IS und anderen Gruppen vermittelte.106 Vermutlich handelte es sich hierbei um die von den Geheimdienstlern bezeichnete Khorasan-Gruppe.

Nach der Ankunft der erfahrenen und hochrangigen al-Qaida-Kämpfer in Syrien nahm Dschabhat an-Nusra eine zunehmend radikale Geisteshaltung ein. Im Namen der Gruppe glorifizierten die al-Qaida-Veteranen den globalen Terror von bin Laden.107 In Gebieten, in denen die Dschihadisten eine robuste Präsenz aufgebaut hatten, drängten sie die Bevölkerung immer stärker dazu, ihre salafistische Lebensweise zu übernehmen. Regte sich Widerstand, wurde dieser mit Gewalt gebrochen, wenn auch mit deutlich weniger Brutalität als vom IS bekannt.108 Die neue Radikalität der Dschihadisten wurde von den Rebellengruppen mit zunehmender Sorge betrachtet, selbst von ihren engen Verbündeten.109 Für die Rebellen wurde die Situation immer mehr zu einem Dilemma: Einerseits lehnten sie die Ideologie von Dschabhat an-Nusra ab, andererseits benötigten sie dringend deren kampfstarke Einheiten an der Front. Dem Misstrauen zum Trotz sollte der gemeinsame Gegner die beiden ungleichen Parteien weiter aneinanderbinden, zumindest solange die Kämpfe unverändert anhielten.

Eine grundlegende Veränderung der strategischen Lage in Syrien erfolgte mit dem russischen Eingreifen in den Konflikt. Im April 2015 begann Russland mit der Stationierung eigener Truppen in Syrien. Ende September flog die russische Luftwaffe erstmals Luftangriffe gegen die Rebellen, die in den darauffolgenden Monaten weiter zunahmen.110 Auslöser der russischen Intervention war eine Offensive von Aufständischen in der nordwestlichen Provinz Idlib. Angeführt wurde der Vormarsch von Dschabhat an-Nusra und der islamistischen Gruppe Freie Männer Syriens (Ahrar asch-Scham), die in Nordsyrien die stärkste Rebellengruppe darstellt und großzügige Unterstützung von der Türkei und Katar erhält. Beide Gruppen hatten bereits zuvor eng miteinander kooperiert. Nun bildeten sie zusammen mit einigen kleineren islamistischen Gruppierungen eine gemeinsame Allianz unter der Bezeichnung Armee der Eroberung (Dschaisch al-Fateh). Der Kampfverbund konnte erhebliche Geländegewinne verzeichnen und zwang die syrische Armee zum Rückzug. Kurzzeitig zeichnete sich für die Rebellen sogar ein weiterer Vormarsch ins Landesinnere ab.

Unterstützt von der russischen Luftwaffe konnte die syrische Armee allerdings zum Gegenangriff übergehen und nicht nur den kürzlich verlorenen Boden wiedergutmachen, sondern auch darüber hinaus Gebiete von den Rebellen zurückgewinnen. Vor dem Hintergrund der Regime-Offensive begannen Anfang 2016 neue Friedensgespräche zwischen dem Assad-Regime und der Opposition, die angesichts des militärischen Drucks zu Verhandlungen bereit war. Die Gespräche mündeten in einem Waffenstillstandsabkommen, das Ende Februar 2016 in Kraft trat. Ausgenommen von dem Abkommen waren alle UN-gelisteten Terrororganisationen, darunter auch Dschabhat an-Nusra. Dadurch waren die Dschihadisten auf einen Schlag innerhalb der Opposition isoliert. Ihre Bemühungen, sich durch einen hohen Einsatz an der Front einen Platz innerhalb des Aufstands zu sichern, drohten zu verpuffen. Für diejenigen Teile der Opposition, die an dem Abkommen festhalten wollten, waren die Dschihadisten nun potenzielle Störer, die den Waffenstillstand gefährdeten. Während der Kampf gegen das Assad-Regime die moderaten Rebellen und die Dschihadisten zusammengeschweißt hatte, traten während der Waffenruhe ihre ideologischen Unterschiede offen zu Tage. In den darauffolgenden Wochen kam es in Idlib, der Hochburg von Dschabhat an-Nusra, zu gewalttätigen Zusammenstößen mit moderaten Rebellen sowie zu Protestkundgebungen gegen die Dschihadisten.111 Dschabhat an-Nusra drohte mit ihrer Strategie, sich in den Aufstand zu integrieren, zu scheitern. Die Gruppe suchte daraufhin den Dialog mit den Anführern des Widerstands und versuchte sie davon zu überzeugen, dass eine Fortführung des bewaffneten Kampfes erfolgsversprechender sei als politische Verhandlungen. Daraufhin zogen im April einige Gruppen wieder ins Gefecht, auch weil das Regime immer wieder den Waffenstillstand verletzte. Die Dschihadisten setzten sich indessen an die Spitze mehrerer Rebellenoffensiven, zunächst in Idlib und später im Süden von Aleppo.112 Zwar gelang es ihnen, ihr angeschlagenes Verhältnis zu den Aufständischen zu verbessern, das Misstrauen blieb aber nach wie vor groß.

Im gleichen Zeitraum verlor die Gruppe mehrere hochrangige Mitglieder durch US-amerikanische Drohnenangriffe, die es insbesondere auf die Führungskader mit Verbindungen zu al-Qaida abgesehen hatten.113 Die Hardliner waren dadurch in zweierlei Hinsicht geschwächt. Zum einen wurden ihre Reihen durch Drohnenschläge ausgedünnt. Zum anderen hatten sie mit ihrem radikalen Kurs die Aufständischen entfremdet. Die al-Qaida-Kritiker um al-Qathani sahen dadurch ihre Chance gekommen, die Gruppe neu auszurichten. Gerüchten zufolge sollen sie im Juli 2016 ein Ultimatum gestellt haben: Entweder kappt Dschabhat an-Nusra ihre Verbindung zu al-Qaida oder sie würden die Gruppe verlassen.114 Offenbar sah sich al-Golani gezwungen, die Aufwiegler in den eigenen Reihen zu beschwichtigen, um einen Auseinanderbrechen der Gruppe zu verhindern. Am 28. Juli verkündete al-Golani die Abspaltung von al-Qaida und gab gleichzeitig die Umbenennung seiner Organisation in Eroberungsfront Syriens (Dschabhat Fateh asch-Scham, JFS) bekannt.115 Vorausgegangen war eine Audiobotschaft von al-Qaidas Vize Abu Khayr al-Masri, in der er Dschabhat an-Nusra aufrief, „zum Schutz des Dschihads der Bevölkerung in Syrien alle notwendigen Schritte zu unternehmen“.116 Dies wurde gemeinhin als eine Vollmacht für die Trennung interpretiert. Unter den moderaten Rebellen in Syrien und vielen Beobachtern herrschten allerdings erhebliche Zweifel über die Ernsthaftigkeit des Schritts.117 Tatsächlich bedeutete das Kappen der formalen organisatorischen Verbindungen längst keinen Beziehungsabbruch. Was das al-Qaida-Netzwerk zusammenhält, sind starke soziale Bindungen zwischen ihren Kämpfern, die mit persönlichen Treueschwüren untermauert werden, und weniger formale Kooperationen.118 Ungeachtet der organisatorischen Trennung hatte al-Golani seinen Treueschwur auf az-Zawahiri nicht widerrufen. Es ist also davon auszugehen, dass beide Organisationen weiterhin durch informelle und persönliche Kontakte in Verbindung stehen.

Der vorgetäuschte Bruch mit al-Qaida diente zwei Zielen: Erstens sollten US-Amerikanern und Russen der Vorwand genommen werden, die syrischen Dschihadisten wegen ihrer Verbindungen zu al-Qaida anzugreifen. Zweitens wollte al-Golanis Gruppe das verlorene Vertrauen zu den syrischen Aufständischen wiederherstellen. Entsprechend intensivierten die Dschihadisten ihre Bemühungen, sich wieder stärker in die syrische Aufstandsbewegung zu integrieren.119 Im Monat zuvor hatte die syrische Armee ihre Offensive auf die von den Rebellen gehaltenen Stadtteile von Aleppo wieder aufgenommen. Der brüchige Waffenstillstand war dadurch endgültig gescheitert. Das Wiederaufflammen der Kämpfe erlaubte es JFS, die zerrütteten Beziehungen zu den Rebellen zu verbessern, nicht aber grundlegend zu sanieren.

Im Sommer 2016 kam es in der Syrien-Frage zu einer Annäherung zwischen Moskau und Ankara. Daraufhin kehrte die Türkei zunehmend von ihrem ursprünglichen Ziel, das Assad-Regime zu stürzen, ab – zugunsten einer stärkeren Eindämmungspolitik gegenüber den syrischen Kurden sowie den Dschihadisten von IS und al-Qaida, woraufhin sich die Empfänger türkischer Unterstützungsleistungen unter den syrischen Rebellen, darunter zählt vor allem Ahrar asch-Scham, noch stärker von JFS distanzierten. Gleichzeitig weiteten die USA ihre Luftschläge gegen Schlüsselpersonal und Trainingseinrichtungen von JFS ab September 2016 massiv aus.120 Als im Januar 2017 eine neue Verhandlungsrunde zwischen der Opposition und dem Assad-Regime in Astana erfolgte, saßen die Dschihadisten endgültig in der Klemme. Ihnen drohte nicht weniger als die vollständige Isolation innerhalb des syrischen Aufstands. Offenbar entschieden sie daraufhin, die Initiative wieder an sich zu reißen. In einem Überraschungsangriff überrollten sie die Basen mehrerer moderater Gruppen und brachten weitere Gebiete in der Provinz Idlib unter ihre Kontrolle.121 Wenige Tage später verkündeten sie einen Zusammenschluss mit vier anderen dschihadistischen Gruppierungen sowie einer radikalen Splittergruppe aus den Reihen von Ahrar asch-Scham unter dem Dach der Organisation für die Befreiung Syriens (Ha'yat Tahrir asch-Scham, HTS).122 Damit konsolidierte die syrische al-Qaida die in kleine Gruppen fragmentierte dschihadistische Front in Nordsyrien, ausschließlich des IS. Offenbar kam es danach zum Zwist mit der al-Qaida-Führung. Angeblich hatte az-Zawahiri HTS den Status eines offiziellen Ablegers verweigert, weil die neue Organisation nicht der Ideologie al-Qaidas entsprach.123 Aus der Sicht von US-Terrorexperten war dies offenbar nur ein weiterer Versuch, um über das enge Verhältnis zwischen HTS und al-Qaida hinwegzutäuschen.124

Durch den Zusammenschluss konnten die Dschihadisten ihre Position in Nordsyrien deutlich verbessern. Im Juli 2017 starteten sie eine neue Offensive, diesmal gegen ihre früheren Verbündeten von Ahrar asch-Scham, und übernahmen die Kontrolle über Dutzende Städte und Dörfer in Idlib. Nachdem zu Jahresbeginn ein Teil ihrer eigenen Kämpfer zu HTS übergelaufen war, konnte Ahrar asch-Scham den kampfkräftigen Dschihadisten nicht mehr viel entgegensetzen.125 Zahlenmäßig führt HTS den bewaffneten Flügel innerhalb der Opposition an, die weiterhin gegen das Assad-Regime kämpft. Aus Angst, eigene Waffenlieferungen könnten in die Hände der Dschihadisten geraten, haben die USA ihre Unterstützung für die moderaten Rebellen zunächst drastisch reduziert und schlussendlich ganz ausgesetzt.126 Militärisch verlieren die moderaten Assad-Gegner immer mehr an Einfluss, wodurch auch ihre politische Verhandlungsposition geschwächt wird. Sie laufen Gefahr, zwischen Regime und Dschihadisten aufgerieben zu werden. Unterdessen inszenieren sich Letztere in ihrer Propaganda als die wahre Opposition, die im Gegensatz zu den verhandlungsbereiten Rebellen am Sturz des Regimes festhält und immun ist gegenüber der Manipulation ausländischer Unterstützer.127 Sollten die Verhandlungen zwischen Regime und Rebellen scheitern und der Konflikt erneut aufflammen, droht den moderaten Kräften in Nordsyrien die Bedeutungslosigkeit. Dahingegen würde diese Entwicklung die Dschihadisten in ihrem Kurs bestärken und ihnen weiteren Zulauf sichern.

Syrien – lange von einem moderaten Islam geprägt – ist heute zu einer neuen Zufluchtsstätte von al-Qaida geworden. Angefangen mit einer kleinen Gruppe aus eingeschworenen Kämpfern, ist das Terrornetzwerk innerhalb weniger Jahre zu einem einflussreichen Akteur in dem Bürgerkriegsland geworden. Erfolgreich hat es den syrischen Aufstand unterwandert und mit einer Mischung aus Überzeugungskunst und Gewalt Verbündete gewonnen, Allianzen gebildet und Konkurrenten bezwungen. Geschickt haben die Radikalen so ihren Einfluss ausgebaut und den Aufstand in einigen Landesteilen allmählich gekapert. Die Implikationen dieser Expansion sind enorm, insbesondere für die Suche nach einer Lösung des Konflikts. Derzeit scheint mit den Dschihadisten kein Verhandlungsfrieden möglich zu sein, gleichzeitig sind sie zu stark, um sie zu ignorieren.

9 Fazit

Al-Qaida hat aus den Misserfolgen des globalen Dschihads und dem Scheitern des Kalifatsprojekts des IS gelernt. Ihr ideologischer Eifer ist einem starken Pragmatismus gewichen. Durch eine geschickte Bündnispolitik bilden sie Allianzen mit lokalen Akteuren wie Rebellengruppen oder Stämmen, um sich als Teil einer lokalen Konfliktgemeinschaft zu etablieren und Konfliktlinien entsprechend ihrer eigenen Ziele instrumentalisieren und manipulieren zu können. Während die lokalen Ableger vor wenigen Jahren ihre Zugehörigkeit zu al-Qaida öffentlichkeitwirksam demonstrierten, versuchen sie nun ihre wahre Identität zu verschleiern. Sie agieren unter wechselnden Bezeichnungen, die oftmals einen lokalen Bezug in den Vordergrund stellen – wie die Eroberungsfront in Syrien – oder bilden Organisationen, die sie aus dem Hintergrund steuern, wie die Söhne des Hadramauts. Dahinter steht ein nüchternes Kalkül. Indem die Dschihadisten sich mit lokalen Akteuren verbinden, verschwimmen ihre Grenzen. Gezielt verringern sie so ihre sichtbare Präsenz, um keine Gegenreaktion des Westens zu provozieren. Um jeden Preis wollen sie verhindern, dass ihnen ein ähnliches Schicksal widerfährt wie dem IS-Kalifat, das von einer Koalition aus regionalen und internationalen Staaten zerschlagen wurde. Ferner haben die Dschihadisten erkannt, dass in ihrem neuen lokalen Image weitaus mehr Mobilisierungspotenzial steckt als in einem globalen Dschihad, für den schon bin Laden nur wenige seiner Anhänger begeistern konnte.

Die andauernden Konflikte in Syrien, im Jemen und in anderen Teilen der muslimischen Welt erlauben es al-Qaida, ihren Einfluss auszubauen. Die religiösen Heilsversprechen der Extremisten treffen auf einen Resonanzboden, der durch Leid, Not und die schiere Verzweiflung vieler Menschen immer größer wird. Doch die Dschihadisten mussten erfahren, dass sich die Menschen nicht schnell bekehren lassen, vor allem, wenn diese hierfür von ihren eigenen Traditionen abkehren müssen. Al-Qaida geht daher zurückhaltender vor als der IS und investiert in Basisarbeit, um die Menschen allmählich zu überzeugen. Jüngst hat al-Qaida ihren Kämpfern Verhaltenskodexe für ein optimales Verhalten in ihren Operationsgebieten an die Hand gegeben, um die heimische Zivilbevölkerung nicht zu erzürnen.128 Darüber hinaus inszenieren sich die Dschihadisten als soziale Kraft, die die Nöte der Menschen adressiert. Diese Art der Revolution ist langwierig, führt aber zu nachhaltigeren Veränderungen. Sie schafft Überzeugungstäter, die für den Dschihad sozialisiert wurden. Mit ihrer neuen Strategie stellt al-Qaida eine sanftere Alternative zum IS dar, die nach dem Zerfall des IS-Kalifats sicherlich weiter an Attraktivität gewinnen wird. Enttäuschte IS-Kämpfer werden wahrscheinlich versuchen, bei al-Qaida eine neue Heimat zu finden.129 Während al-Qaida lange gesellschaftlich isoliert war, gewinnt sie so in den von Gewalt und Zerstörung erschütterten Regionen der muslimischen Welt immer mehr Einfluss. In einigen Gegenden besteht die reale Gefahr, dass al-Qaida zu einer breiten sozialen Bewegung wird.

Zurzeit der Terroranschläge vom 11. September 2001 besaß al-Qaida einige hundert überzeugte Anhänger, die in den Bergen Afghanistans eine letzte Zuflucht gefunden hatten. In den vergangenen sechzehn Jahren ist diese kleine Gruppe zu einem Netzwerk aus Regionalablegern in Asien, dem Nahen Osten und Afrika erwachsen, das zehntausende Kämpfer mobilisiert. Dadurch erhöht sich nicht zwangsläufig die Gefahr für den Westen, denn die heutigen Anhänger haben mehrheitlich lokale Ambitionen. Wie zu Beginn der 1990er-Jahre kämpfen die Extremisten einen revolutionären und keinen globalen Dschihad. Denn nach dem Zusammenbruch der Staatlichkeit in unterschiedlichen Teilen des Nahen Ostens erschien der Kampf gegen den fernen Feind als Teil einer globalen Strategie zur Schwächung der arabischen Regime nicht mehr notwendig. Stattdessen kann al-Qaida unmittelbar Tatsachen schaffen. Das Terrornetzwerk ist heute eher eine Gefahr für die politische Ordnung in Teilen der islamischen Welt denn für den Westen. Eine vollständige Entwarnung für den Westen kann dennoch nicht gegeben werden. Al-Qaidas internationale Terrorkampagnen wurden stets von kleinen Zellen geführt, die im Geheimen und weitgehend unabhängig von den Strukturen der Organisation agierten. Insbesondere unter den Veteranen des Netzwerkes gibt es noch immer solche, die den Westen weiterhin als Feindbild stilisieren. Daher besteht nach wie vor die Gefahr, dass sich Zellen aus Verfechtern von bin Ladens globaler Strategie bilden und Anschläge im Ausland planen.

Eine erfolgreiche Eindämmung und Bekämpfung von al-Qaida muss den veränderten Dynamiken Rechnung tragen. Die Dschihadisten sind Nutznießer des Chaos und erst die politische Instabilität in vielen Ländern der muslimischen Welt hat ihre Expansion möglich gemacht. Während zeitlich begrenzte militärische Operationen die Organisation vorübergehend schwächen können, wird nur eine langfristige Stabilisierung der Region einen nachhaltigen Effekt gegen den sich ausbreitenden Dschihadismus haben. Dabei gilt, je mehr Zeit al-Qaida überlassen wird, desto schwieriger wird es sein, die Extremisten wieder zurückzudrängen.

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Footnotes

About the article

Published Online: 2017-09-11


Citation Information: SIRIUS - Zeitschrift für Strategische Analysen, Volume 1, Issue 3, Pages 233–253, ISSN (Online) 2510-2648, ISSN (Print) 2510-263X, DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2017-0057.

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