Die Frage, wie der Konflikt ohne ein Eingreifen der NATO verlaufen wäre, ist spekulativer Natur. Hier stehen sich zwei unvereinbare Argumentationslinien gegenüber: In der Sicht der Interventionsgegner hätte das Regime den Aufstand selbst zu Ende gebracht – im besten Fall mittels einer politischen Lösung, im zynischeren schlechten Fall mit einer militärischen, die aber auch in dieser Logik weniger Opfer bedeutet hätte als der Krieg von 2011. Die Befürworter der Intervention argumentieren, ohne die NATO hätte der Konflikt wesentlich blutigere Dimensionen angenommen.
Die erste Annahme basiert allerdings auf zwei Denkfehlern: in beiden Fällen wird davon ausgegangen, dass politische oder militärische Lösungen für das Regime überhaupt realistische Optionen zu dem Zeitpunkt waren als die Operation Unified Protector begann. Die Analyse zeigt aber, dass dies nicht der Fall war.
Zu einer politischen Lösung zeigte sich das Regime während des gesamten Krieges schlicht nicht kompromissfähig genug. Nicht einmal, sondern gleich mehrfach riefen Italien, Griechenland, Russland, die Europäische Union, die Vereinten Nationen und die Afrikanische Union beide Konfliktparteien zu Verhandlungen auf. Doch das Regime ignorierte die Unruhen zunächst: in Gaddafis letztem Fernsehauftritt vor dem Aufstand sprach er davon, dass die Bibel gefälscht sei und rief zu Angriffen auf amerikanische Militärbasen in der Region auf.11 Erst nach einigen Tagen reagierte das Regime, indem es die Demonstranten diskreditierte und bedrohte. Gaddafi kündigte an bis „zum letzten Blutstropfen zu kämpfen“ und nannte die Demonstranten fettige, ölige Ratten, Mäuse, high von Drogen. Er lehnte einen Rücktritt kategorisch ab mit der Begründung, er habe keine offizielle Position. Während sein Sohn Seif al-Islam zugab, dass es Reformbedarf gäbe, bezeichnete er die Opposition als „Betrunkene“ und „Verräter“ und warnte vor den blutigen Konsequenzen sollten die Demonstrationen nicht aufhören.12 Dieses Narrativ blieb bis zum Ende des Konfliktes bestehen: das Regime versprach gewalttätige Reaktionen, fand verschiedene Wege, die Opposition als Zionisten, Drogenabhängige und Terroristen zu diskreditieren, und schloss durchgehend grundlegende politische Veränderungen kategorisch aus.
Dennoch fanden, weit vom Licht der Öffentlichkeit, über den ganzen Frühling und Sommer hinweg Verhandlungen zwischen dem zwischenzeitlich gegründeten Nationalen Übergangsrat (NUR) und der Regierung statt. Nicht nur die Vereinten Nationen, auch die Afrikanische Union sowie später Frankreich und Großbritannien schickten Unterhändler, um bei der Suche nach einer politischen Lösung hilfreich zu sein.13 Russland, welches die Vermittlungsversuche der Afrikanischen Union unterstützte, erkannte dabei die Kompromissbereitschaft der Opposition ausdrücklich an: der russische Gesandte Mikhaïl Marguelov unterstrich, dass „niemand Gaddafis Kopf“ wolle und dass der Nationale Übergangsrat mit quasi jedem Szenario zufrieden sei außer einem, in dem Gaddafi und seine Familienmitglieder weiterhin politische Ämter inne hätten.14 Dennoch kam der Gesandte frustriert aus Tripoli zurück: einem europäischen Kollegen teilte er mit, Gaddafi würde keinerlei Konzessionen machen.15 Das Regime bestritt entweder, dass Gaddafi überhaupt ein Amt innehabe (es hieß er nehme ausschließlich eine symbolische Funktion ein) oder es stritt die Existenz einer substantiellen Opposition gegen Gaddafi ab.16 Seif al-Islam behauptete, „die überwältigende Mehrheit des libyschen Volkes ist auf der Seite meines Vaters.“17 Noch nicht einmal ein Waffenstillstand war verhandelbar: beide Seiten forderten die andere auf, zuerst die Waffen niederzulegen.18 Die Option, Gaddafi straffrei ins Exil gehen zu lassen (eine Idee, die vor allem Italien befürwortete, aber auch Frankreich und Großbritannien guthießen) scheiterte nicht nur am Unwillen des libyschen Obersts, das Land zu verlassen, sondern auch an mangelnden Optionen: weder Venezuela noch Kuba oder afrikanische Länder boten sich als Gaddafis neues Heim an. Ugandas Präsident Museveni bezeichnete Gerüchte dieser Art als „totalen Blödsinn“.19
In diesem Kontext war eine politische Lösung für den Konflikt ganz offensichtlich nicht realisierbar – doch auch eine militärische Option war für das Regime nicht mehr umsetzbar. Die Sicherheitskräfte des Gaddafi-Regimes bluteten wesentlich schneller aus als vermutet wurde. Fünf Tage nach Beginn des Aufstandes hatten ganze Militäreinheiten in Benghazi mit der Zivilbevölkerung fraternisiert, und sowohl Justizminister Mustafa Abdeljalil als auch Innenminister Abdelfattah Junis hatten sich der Opposition angeschlossen. Beide riefen das Militär dazu auf ebenfalls zum „Volk überzulaufen“20.
Im ersten Monat des Aufstandes waren bereits 8.000 Soldaten desertiert; nach vier Monaten war das libysche Militär von ursprünglich 51.000 auf 10.000–20.000 Mann geschrumpft, die meisten davon konzentrierten sich in der 32sten Brigade unter dem Kommando von Gaddafis Sohn Khamis.21 Diese Brigade war besser ausgerüstet als der Rest des libyschen Militärs, verfügte über bessere Trainingsstandards, größeren Zusammenhalt und höhere Gehälter. Der Kampf gegen die Milizen der Opposition wurde vor allem von dieser Einheit angeführt, und zwar mit allen Mitteln – inklusive Landminen und Streubomben.22
Wenngleich diese Einheiten massiven Schaden anrichteten, waren sie nicht in der Lage, die Situation in Libyen wieder unter Kontrolle zu bekommen. Rein rechnerisch benötigt eine Regierung nicht nur die zahlenmäßige Mehrheit, um einen Aufstand niederzuschlagen – sie muss auch genügend Truppen haben, um den Frieden im Land zu wahren. In solch einer Situation werden etwa 13 Sicherheitskräfte auf 1.000 Einwohner benötigt, das bedeutet bei Libyens 5,6 Millionen Einwohnern wären das insgesamt 85.800 Polizisten und Soldaten.23 Während das Regime über ausreichend Truppen vor dem Aufstand verfügte, war dies spätestens seit März 2011 nicht mehr der Fall. Sowohl Polizei als auch Militär verzeichneten derart hohe Desertionsraten, dass das Regime zwar noch fähig war, zu kämpfen – doch nicht, Frieden, selbst mit Gewalt, wiederherzustellen. Wie der Fall Syrien zeigt, kann ein solches Kräfteverhältnis dazu führen, dass der Konflikt sich nicht nur über einen langen Zeitraum hinzieht, sondern unverhältnismäßig viele Opfer fordert.
Das Szenario, in dem eine Nicht-Intervention ultimativ zu entweder einer politischen oder zumindest zu einer schnellen militärischen Lösung geführt hätte, ist demnach unwahrscheinlich.
Das Alternativszenario, wonach eine passivere Haltung der internationalen Gemeinschaft zu einer massiven Verletzung der Menschenrechte geführt hatte, ist aber ebenfalls umstritten. Für diese Lesart gibt es zwei Gründe: erstens seien die Opferzahlen in den ersten Wochen des Konfliktes übertrieben gewesen und damit die Begründung für die Schutzverantwortung nicht hinreichend gewesen, und zweitens habe die Operation von Anfang an nicht den Schutz der Zivilbevölkerung zum Ziel gehabt, sondern den Sturz des Regimes.
Tatsächlich waren und sind die Opferzahlen des libyschen Konfliktes bis heute umstritten. Als gesichert gilt, dass die ersten zwei Tage der Aufstände 84 Menschenleben forderten – gesichert, weil dies sowohl von Human Rights Watch als auch von Seif al-Islams Zeitung Quryna bestätigt wurde; fünf Tage später hatte sich diese Zahl laut Human Rights Watch bereits fast vervierfacht.24 Am 4. März, zwei Wochen nach Beginn des Aufstandes, erklärte das Regime es hätte 374 Opfer gegeben.25 Gleichzeitig begannen verschiedene Quellen, wesentlich höhere Opferzahlen zu veröffentlichen: Italiens Außenminister Frattini sprach von über 1.000, die Internationale Föderation für Menschenrechtes schätzte 3.000, und Abdel Hafez Ghoga, der Sprecher des Übergangsrates, erklärte die Opferzahl läge über 8.000 und korrigierte diese Zahl eine Woche später auf 12.000 nach oben.26 Im Juni 2011, nach vier Monaten Konflikt, schätzten die Vereinten Nationen die Opferzahl auf 15.000; im August 2011 sprach der Übergangsrat von 50.000 zivilen Opfern. Erst später, im Januar 2013, korrigierte die libysche Regierung diese Zahl nach unten – auf 4.700 tote Kämpfer, Zivilisten nicht eingeschlossen. Eine wissenschaftliche Studie kam auf insgesamt 21.490 Opfer.27 Abgesehen von den politischen Motivationen der libyschen Beteiligten, die Zahl der Opfer hoch- oder herunterzuspielen, gab es strukturelle Gründe für den Mangel an Transparenz vor allem während des Krieges. Weder das Internationale Rote Kreuz noch „Ärzte ohne Grenzen“, zwei Organisationen, die in Konfliktzonen häufig Opferzahlen registrieren, waren zum Zeitpunkt des Konfliktes in den Kampfzonen aktiv. Außenstehende mussten sich daher auf Berichte aus Libyen verlassen. Nach dem Ende des Konfliktes kam hinzu, dass implodierende Institutionen in Libyen ihr Übriges taten, Unklarheit in die Opferzahl zu bringen.
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