Jump to ContentJump to Main Navigation
Show Summary Details
More options …

SIRIUS – Zeitschrift für Strategische Analysen

[SIRIUS: Journal of Strategic Analysis ]

Editor-in-Chief: Krause, Joachim

Ed. by Kamp, Karl-Heinz / Masala, Carlo / Wenger, Andreas

Print + Online
See all formats and pricing
More options …

Heiko Wimmen: Syria's Path from Civic Uprising to Civil War. 2016.

Sven Fikenscher
Published Online: 2017-09-11 | DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2017-0070

Die Studie von Heiko Wimmen zeichnet den Verlauf der Spannungen zwischen den verschiedenen religiösen und ethnischen Gruppierungen innerhalb Syriens nach und beleuchtet die damit verbundenen Folgen für die Eskalation des Bürgerkrieges. Die Analyse endet mit der Erkenntnis, dass autokratische Herrschaftsformen in Ländern, die religiöse und ethnische Konfliktlinien aufweisen, keinesfalls zu langfristiger Stabilität führen, sondern die Voraussetzungen für Chaos schaffen. Der verallgemeinernde Charakter dieser Aussage überrascht, da sich Wimmen in seiner Studie ausschließlich mit der Lage in Syrien beschäftigt und vergleichbare Fälle bestenfalls beiläufig erwähnt, sie aber nicht näher analysiert. Es macht zwar Sinn davon auszugehen, dass Diktatoren eher Unfrieden stiften als demokratisch legitimierte Volksvertreter, es ist indes nicht von vorneherein ausgeschlossen, dass auch autokratische Herrscher integrativ agieren können.

Was die Entwicklungen in Syrien betrifft, so begründet Wimmen seine Warnung vor einem kontraproduktiven Umgang mit verschiedenen religiösen und ethnischen Gruppierungen durch das Regime Baschar al-Assads sehr ausführlich. Demnach hat Assad die innersyrischen Spannungen zwischen Alawiten, zu denen er auch selbst gehört, Sunniten, Kurden und anderen Gruppierungen keinesfalls gezielt geschürt. Im Rahmen der traditionellen Strategie, mit der das Regime versucht hat, seine politische Macht zu festigen, seien sogar führende sunnitische Vertreter in die Regierung eingebunden worden. So wären zwei zentrale Posten, nämlich das Amt des Ministerpräsidenten und der Posten des Außenministers, jahrelang mit Sunniten besetzt worden. Auch mit führenden sunnitischen Predigern habe sich die Regierung bewusst arrangiert. Um die Lage nach Ausbruch der Unruhen zu beruhigen, hätte das Regime sogar die Lizenz für ein Casino einkassiert und ein Dekret zurück genommen, welches Lehrerinnen das Tragen der Burka untersagte. Dennoch brodelten religiöse und ethnische Konflikte bereits seit Jahren vor sich hin. So ließ das Assad-Regime bei der Besetzung der meisten Posten im öffentlichen Dienst – insbesondere im Sicherheitssektor – die bei der Regierungsbildung demonstrierte Sensibilität vermissen und begünstigte gezielt alawitische Bewerber, was deren sozioökonomischen Status gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen deutlich anhob. Im Militärbereich und bei den Nachrichtendiensten sind zudem über einen langen Zeitraum hinweg Mitglieder einzelner alawitischer Clans befördert worden, die Verbindungen zu dem Führungszirkel des Landes hatten. Diese Form von Nepotismus wurde von den anderen Bevölkerungsgruppen entsprechend skeptisch beäugt. Die starke alawitische Präsenz im Geheimdienstsektor setzte zudem alle Angehörigen der alawitischen Minderheit dem pauschalen Verdacht aus, für die Regierung zu spionieren.

Diese unterschwelligen Spannungen bestimmten im Zuge der Eskalation des Bürgerkrieges schließlich zunehmend die innersyrischen Konfliktlinien. Zwar verstand sich die Oppositionsbewegung Wimmen zufolge zunächst nicht als Speerspitze der Sunniten, Kurden oder einer anderen Gruppierung, allerdings stürmte das Regime schon bald eine sunnitische Moschee, in der Oppositionskräfte Schutz gesucht hatten. Vor dem Hintergrund der Wahrnehmung des Sicherheitsapparats als alawitischem Bollwerk begann die sunnitische Bevölkerung daraufhin, sich innerhalb ihrer Gemeinden verstärkt gegen das Regime zu positionieren. Als es anschließend zu gezielten Angriffen auf alawitische Sicherheitskräfte und wechselseitigen Ausschreitungen zwischen den Religionsgruppen kam, war der gewaltsame Konflikt zwischen Regime und Aufständischen endgültig religiös aufgeladen. Dieser Trend dürfte sich im Lichte neuerer Entwicklungen, wie etwa dem Aufstieg des Islamischen Staates und der Intervention des Irans mithilfe schiitischer Milizen, noch verstärkt haben, was jedoch leider nicht von Wimmen thematisiert wird. Seine Studie ist dennoch ein enormer Gewinn für die Literatur, da die Genese des Konflikts zwischen Alawiten und den Angehörigen anderer Bevölkerungsgruppen in den sonstigen Analysen kaum zur Sprache kommt. Zudem arbeitet Wimmen in seinen Schlussfolgerungen eine oftmals übersehene, im Lichte seiner vorherigen Ausführungen aber naheliegende Erfolgsbedingung für den Wiederaufbau Syriens heraus, nämlich die Auflösung des alawitisch-dominierten Sicherheitsapparats in seiner jetzigen Form.

www.carnegieendowment.org/files/CEIP_CP290_Wimmen_Final.pdf

About the article

Published Online: 2017-09-11


Citation Information: SIRIUS - Zeitschrift für Strategische Analysen, Volume 1, Issue 3, Pages 303–303, ISSN (Online) 2510-2648, ISSN (Print) 2510-263X, DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2017-0070.

Export Citation

© 2017 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston.Get Permission

Comments (0)

Please log in or register to comment.
Log in