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SIRIUS – Zeitschrift für Strategische Analysen

[SIRIUS: Journal of Strategic Analysis ]

Editor-in-Chief: Krause, Joachim

Ed. by Kamp, Karl-Heinz / Masala, Carlo / Wenger, Andreas

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Anthony H. Cordesman: The Human Cost of War in the Middle East. 2016.

Sven Fikenscher
Published Online: 2017-09-11 | DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2017-0074

Wie der Titel bereits andeutet, verzichtet Anthony H. Cordesman auf eine eigenständige Analyse und präsentiert stattdessen Daten und Einschätzungen von internationalen Organisationen und amerikanischen Behörden über die humanitären Folgen der Bürgerkriege im Nahen Osten. Insofern unterscheidet sich die Zusammenstellung von Cordesman gravierend von anderen Think Tank-Studien, die im Regelfall die strategischen Hintergründe aktueller Ereignisse erfassen und auf dieser Basis Handlungsempfehlungen ausarbeiten. Wenngleich die Publikation keinen Anspruch auf analytische Tiefe erheben kann, so ist die Dichte der gesammelten Informationen, die unter anderem von dem Office for the Coordination of Humanitarian Affairs der Vereinten Nationen, der Weltbank sowie der Central Intelligence Agency stammen, dennoch beeindruckend.

Die Lesbarkeit der Zusammenstellung leidet jedoch unter der Vielzahl zum Teil widersprüchlicher Statistiken. Einige Daten weichen beispielsweise voneinander ab, weil sie zu unterschiedlichen Zeitpunkten erhoben worden sind, ohne dass dies näher diskutiert wird. Derartige Unstimmigkeiten sind das Ergebnis einer sehr groben Strukturierung. Cordesman untergliedert seine Zusammenstellung zwar in verschiedene Themenblöcke wie Flucht und Vertreibung oder Länderanalysen, bereitet die vorhandenen Zahlen und Berichte innerhalb dieser Bereiche aber nicht näher auf, sondern reiht sie lediglich aneinander. Die daraus resultierende Verwirrung ist nicht zuletzt deshalb ein immenser Verlust, weil bei näherer Betrachtung deutlich wird, wie gravierend die humanitären Folgen von Kriegen sind.

So ist die Anzahl der Menschen, die ihren Wohnsitz aufgegeben haben, weil sie vor Kampfhandlungen und Verfolgung nicht mehr sicher waren, weltweit gesehen beispielsweise auf rund 60 Millionen angestiegen. Allein 2014 sind 14 Millionen vertrieben worden. Die mit Abstand größten Fluchtbewegungen waren im Nahen und Mittleren Osten zu beobachten, weshalb sich Cordesman in den Länderanalysen konsequenterweise mit den Bürgerkriegen in Libyen, Syrien, im Irak und im Jemen beschäftigt. Besonders katastrophal seien die Lebensbedingungen in Syrien, wo das Regime von Baschar al-Assad mit russischer und iranischer Unterstützung zutiefst aggressiv gegen die Opposition vorgeht. Den aktuellen Zahlen zufolge hat der syrische Bürgerkrieg bereits Hunderttausende an Toten sowie über vier Millionen internationaler Flüchtlinge und mehr als siebeneinhalb Millionen weiterer Vertriebener gefordert, die sich innerhalb der Landesgrenzen aufhalten. Über 12 Millionen Syrier sind auf humanitäre Hilfe angewiesen.

Was die Frage nach den Todesopfern und den ins Ausland geflohenen Einwohnern betrifft, so finden sich mit Blick auf die drei übrigen Länder keine vergleichbaren Informationen, was die unbefriedigende Systematik der Zusammenstellung untermauert. Die anderen Eckpunkte belegen die enorme humanitäre Notlage aber ebenfalls mehr als deutlich. So liegt die Zahl der Hilfsbedürftigen und Vertriebenen in Libyen jeweils bei rund zweieinhalb Millionen, im Irak benötigen über acht Millionen Menschen humanitäre Hilfe und mehr als drei Millionen sind vertrieben worden, während im Jemen gar über 21 Millionen auf humanitäre Hilfe angewiesen sind und über zwei Millionen außerhalb ihrer Heimatgemeinde Schutz suchen.

Da Cordesman keine eigenen analytischen Überlegungen präsentiert, identifiziert er auch keine grenzübergreifenden Ursachen für das enorme Leid der Bevölkerung in Bürgerkriegsgebieten, obwohl die enorme Menge an empirischem Material dafür eine hervorragende Basis gewesen wäre. Beim Lesen der Berichte über die wirtschaftlichen Folgen der Bürgerkriege fällt jedoch die immense Abhängigkeit aller Länder vom Rohöl-Export auf. Im Zuge der Kampfhandlungen musste die Förderung von Rohöl in allen Staaten mit Ausnahme des Iraks, wo sie nach dem Sturz Saddam Husseins nie dauerhaft an Fahrt aufnehmen konnte, drastisch reduziert werden, was desaströse ökonomische und humanitäre Konsequenzen hatte. Der deutliche Fall des Ölpreises in den letzten Jahren tat sein Übriges. Somit liegt zumindest ein Ansatzpunkt für die Strukturierung ausländischer Hilfsmaßnahmen vor, falls die politischen Rahmenbedingungen einen Wiederaufbau ermöglichen sollten.

https://www.csis.org/analysis/human-cost-war-middle-east-graphic-overview

About the article

Published Online: 2017-09-11


Citation Information: SIRIUS - Zeitschrift für Strategische Analysen, Volume 1, Issue 3, Pages 306–307, ISSN (Online) 2510-2648, ISSN (Print) 2510-263X, DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2017-0074.

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