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SIRIUS – Zeitschrift für Strategische Analysen

[SIRIUS: Journal of Strategic Analysis ]

Editor-in-Chief: Krause, Joachim

Ed. by Kamp, Karl-Heinz / Masala, Carlo / Wenger, Andreas

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ISSN
2510-263X
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International Institute for Strategic Studies: The Military Balance 2017. 2017.

Leo Bamberger
Published Online: 2017-09-11 | DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2017-0076

Die Military Balance ist seit Jahrzehnten eines der beiden jährlich erscheinenden Standardwerke des IISS. Es versucht eine Einschätzung der globalen militärischen Fähigkeiten und der Verteidigungswirtschaft vorzunehmen. Das umfangreiche Kompendium gibt im Wesentlichen einen vergleichenden Überblick zu Verteidigungsausgaben und stellt im Rahmen von regionalen Kapiteln die Streitkräfte aller Staaten der Welt vor. In einem abschließenden Kapitel werden wichtige Daten vergleichend aufbereitet, etwa über Manöveraktivitäten, Verteidigungsausgaben, Mannstärke der Streitkräfte, globale Verteilung von Kampfpanzern, großen Marinekampfschiffe und Patrouillenboote, unbemannte maritime Systeme, militärische Satelliten, Präzisionsmunition und ausgesuchte nicht-staatliche Milizen und deren Ausrüstung.

Das IISS kann jedes Jahr diese umfangreichen Daten präsentieren, weil es über eine Datenbank verfügt, in die jahrzehntelange Erfahrungen Eingang gefunden haben und weil das Institut Teil eines globalen Netzwerkes ist, welches es ermöglicht, die Daten ständig a jour zu halten und neue Entwicklungen zu reflektieren. Beides macht den extrem hohen Wert dieses Buches aus, dessen Erscheinen jedes Jahr von vielen Experten, Journalisten und Regierungsvertretern mit Spannung erwartet wird. Aber die Military Balance ist viel mehr als ein Nachschlagewerk. Jedes Jahrbuch enthält meist kurze Einzelbeiträge zu ausgesuchten Themen und jedes Regionalkapitel beginnt mit einer Bewertung der regionalen Situation sowie der militärpolitischen Debatte in zentralen Staaten, wie den USA, China, Russland, Indien oder in Frankreich und Großbritannien.

Einige der dabei angeschnittenen Themen sollten auch in der deutschen Diskussion Beachtung finden:

  • 1.

    Die Angaben zu Verteidigungsausgaben lassen erkennen, dass die USA im Jahre 2016 mit 604 Mrd. US Dollar den größten Anteil hatten, gefolgt von China mit 145 Mrd. US Dollar. In dritter Position befindet sich schon Russland mit geschätzten 59 Mrd. US Dollar, dahinter Saudi-Arabien mit 57, Großbritannien mit 52, Indien mit 51, Japan mit 47, Frankreich mit 47 und Deutschland mit 38 Mrd. US Dollar. Bezogen auf den Anteil der Verteidigungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt stehen allerdings Oman, Afghanistan, Iran, Saudi-Arabien, Republik Kongo, Algerien, Israel, Bahrain und Russland vorne an.

  • 2.

    Die Military Balance 2017 enthält ein kurzes, aber prägnantes Unterkapitel zum Thema „Twenty-first-century challenges to twentieth-century deterrence“ (S. 11–15). In ihm wird in klarer – und für deutsche Ohren geradezu schmerzhafter Weise – auf die Notwendigkeit eingegangen wieder in Kategorien von Abschreckung zu denken. Nur, so die Verfasser, dürfe nicht der Fehler gemacht werden, von einer Wiederholung der Situation auf dem europäischen Kontinent während der Zeit des Kalten Krieges auszugehen. Abschreckung als ein Instrument der Vorsorge gegen und Abwehr von Bedrohungen müsse sich auf die heute geltenden Herausforderungen einstellen. Diese können die Form traditioneller staatlicher Aggressionen annehmen, sie können aber auch indirekter oder hybrider Natur sein oder den Cyber-Raum betreffen. Gegenstand von Abschreckungsstrategien können auch nicht-staatliche Akteure werden. Jede Abschreckungsstrategie müsse auf die jeweilige Bedrohung maßgeschneiderte Antworten finden (tailored deterrence). Dabei sei ein hohes Maß an Kreativität und Bereitschaft zu unorthodoxem Denken erforderlich. Vor allem müsse Abschreckung in unterschiedlichen Domänen angedacht werden, die jeweils unterschiedliche Bereiche von Bedrohungen repräsentierten. Es müsse auch über die Interaktion von Bedrohung und Abschreckung im Zusammenspiel unterschiedlicher Domänen nachgedacht werden. Die Military Balance erwähnt dabei auch die Notwendigkeit die nukleare Dimension der Abschreckung (wie der Bedrohung) nicht aus den Augen zu verlieren (für deutsche Politik derzeit ein Anathema). Zum einen würde es heute nukleare Gefahren geben, die anders sind als noch zu Zeiten des Ost-West-Konflikts, zum anderen erfordert eine maßgeschneiderte Abschreckungsstrategie, dass man wieder in Kategorien von Eskalationsdominanz denken muss. Diese, so die Military Balance, dürfe nicht mehr nur in nuklearen Kategorien gedacht werden, sondern müsse gerade das volle Potenzial nicht-nuklearer Mittel ausschöpfen um glaubhaft und effektiv zu werden.

  • 3.

    Das Kapitel zu den sicherheits- und militärpolitischen Überlegungen der USA (S. 27–40) greift nicht nur die politische Debatte auf, sondern versucht insbesondere den mainstream der Überlegungen innerhalb des amerikanischen Militärs und der mit ihnen verbundenen Thinktanks zu erschließen. Hier wird deutlich, dass die strategic community in den USA davon ausgeht, dass sich die USA wie die westliche Welt insgesamt mit einer zunehmend problematischeren Sicherheitssituation auseinandersetzen muss. Die Beziehungen zu Russland hätten die Dimension eines strategischen Großkonflikts angenommen, China sei auf dem besten Wege die USA vor allem in Ostasien als Vormacht ablösen zu wollen und gehe dabei zunehmend risikobereiter vor. Aber auch regionale Bedrohungen durch den Iran und Nordkorea sowie durch den islamistischen Terrorismus würden die USA vor neue Herausforderungen stellen. Die Military Balance stellt die Kernelemente eines neuen strategischen Denkens in den USA vor und verweist insbesondere auf die Rolle der einzelnen Teilstreitkräfte. Die Ausführungen sind getragen von großer Unsicherheit über den Kurs, den die Trump-Administration einschlagen wird und über die Finanzierbarkeit der notwendig werdenden Anpassungen.

  • 4.

    Das Kapitel zur europäischen Sicherheit (Seite 63–89) geht von der Sicherheitsbedrohung aus, die Russland derzeit für die östlichen NATO Staaten (insbesondere das Baltikum) darstellt und stellt fest, dass die politische Bereitschaft wächst diese Bedrohung auch als solche zu begreifen und zum Anlass zu nehmen, Verteidigungspolitik und Außenpolitik anders aufzustellen. Die anstehenden Erhöhungen der Verteidigungsbudgets europäischer Staaten kategorisiert das IISS als „bescheiden“. Die Military Balance stellt die derzeit laufenden Bemühungen der NATO um eine Vorwärtspräsenz in Mittelosteuropa dar und weist auf bestehende Defizite bei der Bewaffnung und Ausrüstung europäischer Staaten hin.

  • 5.

    Das Kapitel zu Russland (Seite 182–198) konstatiert, dass Russland ein Land sei, dessen Führung bereit und fähig ist zur Verfolgung seiner nationalen politischen Interessen militärische Gewalt einzusetzen. Das führe nicht nur in der Ukraine, sondern auch bei den Staaten Ostmitteleuropas zu einer Neueinschätzung der Bedrohungslage und mache eine Neuausrichtung westlicher Politik notwendig. Die Military Balance betont die hohe militärische Risikobereitschaft Moskaus sowohl in Osteuropa wie im Mittleren Osten. In dem Kapitel wird auf die neue Militärdoktrin vom Dezember 2015 verwiesen, die die Bereitschaft zu einer strategischen Gegnerschaft zum Westen signalisiert habe und die Rückschlüsse auf die militärischen Prioritäten erlaube. Außerdem verweist die Military Balance auf den neuen Verteidigungsplan für die Russische Föderation vom November 2015 hin, in dem vor allem der Ausbau der strategischen Nukleararsenale und die Stärkung der konventionellen Streitkräfte im Westen des Landes im Vordergrund stehen.

  • 6.

    Im Kapitel über Asien (S. 237 ff.) wird vor allem auf die Lage im Südchinesischen Meer eingegangen und auf die Folgen für die zunehmend aggressivere Politik Chinas im Streit um die Hoheitsrechte über die Spratley-Inseln. Bezüglich Chinas wird ausführlich auf die Organisationsreform der chinesischen Streitkräfte eingegangen (Seite 251–262). Diese Reformen werden von dem IISS als sehr weitreichend eingestuft. In erster Linie bedeuten sie einen Ausbau der Kompetenzen der zentralen Militärkommission. Daneben werden die bislang sieben Militärbezirke durch fünf operative Kommandos (theater commandos) abgelöst. Das Revolutionäre an dieser Umstellung sei, so das IISS, dass die einzelnen Kommandeure nicht nur für die Verteidigung Chinas verantwortlich wären, sondern auch für den Erfolg neuer historischer Missionen außerhalb Chinas, insbesondere im maritimen Bereich. Hier deute sich eine gewandelte Militärkonzeption Chinas an, die bei Nachbarstaaten in der Region zu großer Verunsicherung beitrage und auch die USA beträfe. Zudem sei eine Reorganisation der Volksbefreiungsarmee vorgesehen, die neben einer Straffung von Hierarchien vor allem darin bestünde, dass Marine und Luftwaffe einen höheren Stellenwert in der ansonsten stark Heereslastigen Volksbefreiungsarmee erhalten. Auch werden die strategischen Angriffsstreitkräfte (die zweite Artillerie) zu einer vollen Teilstreitkraft aufgewertet und es sollen die Cyber-Abteilungen zu einer eigenen Teilstreitkraft aufgerüstet werden.

Diese und andere Informationen lassen die Military Balance 2017 unverzichtbar für jeden werden, der an strategischen Fragen interessiert ist und der sich über aktuelle Trends und Entwicklungen informieren will, die in der deutschen politischen Diskussion ebenso wenig aufgeworfen werden wie in den mainstream Medien.

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Published Online: 2017-09-11


Citation Information: SIRIUS - Zeitschrift für Strategische Analysen, Volume 1, Issue 3, Pages 309–310, ISSN (Online) 2510-2648, ISSN (Print) 2510-263X, DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2017-0076.

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