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SIRIUS – Zeitschrift für Strategische Analysen

[SIRIUS: Journal of Strategic Analysis ]

Editor-in-Chief: Krause, Joachim

Ed. by Kamp, Karl-Heinz / Masala, Carlo / Wenger, Andreas

Online
ISSN
2510-2648
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Seth A. Johnson: How NATO Adapts. Strategy and Organization in the Atlantic Alliance since 1950. 2016.

Sven Morgen
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  • Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Internationale Beziehungen – Institut für Politikwissenschaft – Friedrich-Schiller-Universität Jena Germany
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Published Online: 2017-09-11 | DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2017-0080

Seth A. Johnston legt mit „How NATO Adapts. Strategy and Organization in the Atlantic Alliance since 1950“ eine Studie vor, die im Jahr 2017 nicht aktueller sein könnte. Nach der Lektüre sollte der interessierte Beobachter eine gewisse Gelassenheit bezüglich der Frage nach der zukünftigen Bedeutung des nordatlantischen Verteidigungsbündnisses entwickeln, da es Johnston überzeugend gelingt die Anpassungs- und Entwicklungsfähigkeit und die daraus resultierende Beharrlichkeit (persistence) der Institution NATO darzulegen und zu erklären. Gleichzeitig legt er eine profunde historische Abhandlung über die organisatorischen und strategischen Anpassungen der NATO bis 1999 vor.

Johnston wählt einen für die NATO-Literatur eher ungewöhnlichen Zugang und fragt aus der Perspektive des historischen Institutionalismus anhand von critical junctures, wie genau die Anpassungsprozesse in der NATO abliefen und welche Rolle hier institutionelle Akteure gespielt haben. Dabei richtet er den Fokus auf innere Anpassungen im Bereich der Organisation (Aufbau und Strukturen) und nach außen gerichtete Anpassungen im Bereich der Strategie (der Autor fokussiert hier aufgrund seiner Tätigkeit in der US Army vornehmlich auf die militärischen Komponenten). Johnston greift für die Analyse auf das Konzept der critical junctures zurück, da er so structure and agency erfassen kann. Critical Junctures werden als Situationen definiert, in denen strukturelle Restriktionen für eine kurze Zeit gelockert sind. Hier können politische Akteure großen und entscheidenden/bleibenden Einfluss auf die Ausgestaltung der Politik (und eben der Institution NATO) nehmen. Johnston liefert durch seinen institutionalistischen Zugang zur Anpassungsgeschichte der NATO einen neuen frischen Blick und leistet so einen wesentlichen Beitrag in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der NATO. Mit dem Fokus auf die Institution NATO und ihre Einflussmöglichkeiten rückt das Verhalten der Mitgliedsstaaten analytisch in den Hintergrund und generiert so neue Erkenntnisse und Einblicke.

Johnston untersucht im Hauptteil des Buchs drei Fälle, die auf den ersten Blick die Aktualität der Studie fraglich erscheinen lassen: „The West German Question in the Early Cold War 1950–1955“ (Kapitel 4), „Flexible Response and the Future Tasks of the Alliance, 1962–1967“ (Kapitel 5) und „NATO and the New World Order, 1992–1997“ (Kapitel 6). Das Ergebnis der Untersuchung ist, dass institutionelle Akteure (insbesondere der Generalsekretär und der SACEUR, aber auch „low-level actors“) die NATO zu einer Reaktion auf die jeweiligen critical junctures bewegen und somit eine Anpassung der NATO an die jeweiligen Herausforderungen erreichen konnten. Die institutionellen NATO-Akteure haben in den untersuchten Fällen entweder in aktiver und dominanter Weise selbst die Anpassung vorangetrieben oder durch hintergründiges und begleitendes Handeln in katalytischer Weise die Anpassungsbestrebungen der Mitglieder entscheidend beeinflusst.

Die Übertragbarkeit der historischen Studie auf die Gegenwart wird im abschließenden Teil des Buches angedeutet, in dem zum einen die Anpassung der NATO von 1999 bis 2012 kursorisch nachzeichnet wird – als critical juncture stehen hier die Einsätze im Kosovo und Afghanistan und die damit verbundenen organisatorischen und strategischen Anpassungen (unter anderem das Strategiepapier von 2010) im Fokus. Zum anderen arbeitet Johnston über alle Fallstudien hinweg überzeugend heraus, mit welchen Mitteln institutionelle NATO-Akteure durch eigenes Handeln die NATO an die jeweiligen Herausforderungen anpassen und so ihren Fortbestand und ihre Relevanz sichern konnten. Dabei orientiert sich die Art und Weise der Einflussnahme institutioneller Akteure grundsätzlich am Verhalten der Mitgliedsstaaten. Vertreten diese gegensätzlichen Positionen, können institutionelle Akteure moderierend oder verzögernd handeln und damit den offenen Konflikt und Bruch verhindern sowie die Möglichkeit späterer Anpassungen wahren. Sind die Mitgliedsstaaten unsicher beziehungsweise offen gegenüber neuen Entwicklungen oder können sich auf eine gemeinsame Politik einigen, dann können institutionelle Akteure die Anpassungsprozesse durch agenda-setting und information-sharing (teils entscheidend) beeinflussen und prägen. Johnston stellt auch fest, dass die Mitgliedstaaten den institutionellen Akteuren – hier insbesondere dem Generalsekretär – immer mehr Freiräume im Bereich des agenda-setting eingeräumt haben. Diese generalisierbaren Untersuchungsergebnisse geben dem Leser eine Idee, wie die Institution NATO – als eigenständiger Akteur mit und gegenüber den Mitgliedstaaten – auch auf gegenwärtige und zukünftige Herausforderungen (beispielsweise Russland, Trump und das 2 %-Ziel) reagieren und durch Anpassungen ihren Fortbestand und ihre Relevanz sichern kann.

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Published Online: 2017-09-11


Citation Information: SIRIUS - Zeitschrift für Strategische Analysen, Volume 1, Issue 3, Pages 314–315, ISSN (Online) 2510-2648, ISSN (Print) 2510-263X, DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2017-0080.

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