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SIRIUS – Zeitschrift für Strategische Analysen

[SIRIUS: Journal of Strategic Analysis ]

Editor-in-Chief: Krause, Joachim

Ed. by Kamp, Karl-Heinz / Masala, Carlo / Wenger, Andreas

Online
ISSN
2510-2648
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Sarah Fainberg: Russian Spetsnaz, Contractors and Volunteers in the Syrian Conflict, Institut français des relations internationales (IFRI), Russie, Nei. 2017.
Tom Parfitt: President Putin's Private Army Pays a High Price for Syria Success. 2017.

Hannes Adomeit
Published Online: 2018-03-14 | DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2018-0013

Innerhalb weniger Wochen nach der Verkündigung des Einsatzes russischer Streitkräfte in Syrien am 30. September 2015 schaffte es Russland, das Kräfteverhältnis im Bürgerkriegsland zugunsten des Assad-Regimes zu verschieben. Nach rund zweieinhalb Jahren Krieg kontrollieren die syrischen Streitkräfte wieder den größten Teil des Landes. Dieser Erfolg aus der Sicht des Kremls konnte trotz des Einsatzes relativ begrenzter militärischer Ressourcen verbucht werden. Das russische Kontingent bestand aus nicht mehr 4.000 Soldaten und mehreren Dutzend Kampfflugzeugen, die von dem neu eingerichteten Luftwaffenstützpunkt in Hmeimim in der Provinz Latakia und der Marinebasis in Tartus aus operierten. Zudem wurden von strategische Bombenflugzeugen, Überwasserschiffen und U-Booten sowie vom ins östliche Mittelmeer zeitweise entsandten Flugzeugträger Admiral Kuznecov Angriffe gegen Ziele in Syrien durchgeführt.

Die Stationierung regulärer russischer Streitkräfte und ihrer Einsätze in Syrien sind vom Kreml nicht nur eingeräumt, sondern auch über seine Medieneinrichtungen wie Sputnik und RT propagandistisch hervorgehoben worden. Dies betrifft allerdings lediglich Luftschläge. Offiziell beteiligt sich Russland nicht an Bodeneinsätzen. In Wirklichkeit gibt es diese jedoch in Form der Anwendung vielfältiger neuer Militärkräfte, die an den syrischen Frontlinien neben den regulären Truppen eingesetzt worden sind.

Sarah Fainberg, Research Fellow am Institute for National Security Studies (INSS) in Tel Aviv, hat sich mit diesem wenig erforschten Aspekt der russischen Intervention in Syrien beschäftigt. Zu den im Konflikt offiziell verschwiegenen bewaffneten Kräften rechnet sie Sondereinheiten aus der seit 2013 einsatzbereiten integrierten Kommandostruktur Sondereinsatzkräfte der Streitkräfte der Russischen Föderation (SSO VS RF). Unterstellt wurden ihr die Sondereinsatzkräfte (sily special'nych operacii) und Truppen für Sonderaufgaben (vojska special'nogo naznačenija). Zu den in Syrien eingesetzten militärischen Kräften zählten weiterhin Einheiten der neu geschaffenen Militärpolizei und „Freiwillige“ (dobrovol'cy) beziehungsweise Söldner, die im Auftrag angeblich regierungsunabhängiger Militärunternehmen an den Kampfhandlungen teilnähmen. Unter ihnen befänden sich Veteranen aus den beiden tschetschenischen Kriegen und den georgischen und ukrainischen Konflikten sowie eine beträchtliche Anzahl sunnitischer Muslime aus dem Nordkaukasus. Einige Kräfte waren Fainberg zufolge schon zwei Monate vor dem offiziellen Eintritt Russlands in den syrischen Konflikt aktiv.

Die zusätzlich zu den regulären Truppen im Syrien-Krieg verwandten militärischen Kräfte beschreibt Fainberg im Einzelnen wie folgt:

  • Sondereinheiten (Specnaz) des militärischen Geheimdienstes GRU, des Inlandsgeheimdienstes FSB, des Auslandsgeheimdienstes SVR und der 431. Marineaufklärungsbrigade. Erst im Februar 2017 sei der Einsatz der Specnaz offiziell eingeräumt worden, als Verteidigungsminister Sergej Šojgu ihre „große Effizienz in Syrien“ pries. Möglicherweise nahm er dabei vor allem auf zwei Einsätze Bezug, die der Autorin zufolge dazu beitrugen, das militärische Blatt zugunsten Assads zu wenden – die Schlacht um Aleppo im Dezember 2016 und die zweite Palmyra-Offensive von Januar bis März 2017. Trotz der großen Aufmerksamkeit, welche Fainberg und andere Analysten den Specnaz widmet, ist die von ihnen geschätzte, in Syrien eingesetzte Anzahl von rund 250 Mann verhältnismäßig gering.

  • Eine größere Anzahl inoffizieller Einsatzkräfte in Syrien bestünde aus der Militärpolizei. Hierbei, so die Autorin, handle es sich unter anderem um ein aus dem Tschetschenien Ramzan Kadyrovs abgestelltes Bataillon in Stärke von 300 bis 500 Mann, das im Kampf um Aleppo eingesetzt wurde. Im Februar 2017 soll das Bataillon von weiteren Nordkaukasiern verstärkt worden sein, von 300 bis 400 Kämpfern aus Inguschetien. Eine der vielfältigen Aufgaben der Einheiten der Militärpolizei über den speziellen Einsatz in Kämpfen hinaus sei die Gewährleistung von Sicherheit in den von Russland, Iran und der Türkei designierten „Sicherheits-“ oder „Deeskalations-Zonen“.

  • Das umfangreichste Kontingent der inoffiziellen bewaffneten Kräfte Russlands im Syrien-Konflikt seien „Freiwillige“ die zum größten Teil im Auftrag angeblich privater Militärunternehmen Dienst tun, im Prinzip also nach westlicher Definition eigentlich Söldner seien. Russischer Gesetzgebung zufolge seien derartige Unternehmen verboten. Ein erster großer Verband, der in Syrien eingesetzt wurde, sei das Slawische Korps (Slavjanskij korpus) gewesen, das aber aufgelöst wurde, weil sich Teile der Einheiten islamistischen Rebellengruppen anschlossen. Ein zweites, vom Standpunkt des Kremls militärisch und politisch brauchbareres Söldnerunternehmen sei die Gruppierung Specnaz der UdSSR, die seit April 2017 eingesetzt worden sei und zwischen 800 und 1.200 Mann umfasse. Man nehme an, so Fainberg, dass sich zu diesem „privaten“ Militärunternehmen hauptsächlich Muslime und Mitglieder russischer Turkvölker aus dem Kaukasus und Zentralasien gemeldet hätten. Die dritte, wichtigste und personell größte inoffizielle Militärorganisation sei die Wagner Gruppe.

Dieses Söldnerunternehmen ist eingehend von Tom Parfitt von der Londoner Times untersucht worden. Wagner sei der nom de guerre seines Kommandanten, Dmitrij Utkin, ein früherer russischer Soldat der Specnaz der jetzt Ende 40 Jahre alt sei. Der Name der Söldnertruppe gehe auf Utkins Interesse an Nazi-Deutschland zurück und − offensichtlich wie die musikalischen Vorlieben Hitlers − auf Richard Wagner. Viele Mitglieder der Wagner-Truppe seien Veteranen der russischen Streitkräfte oder hätten als „Freiwillige“ mit den pro-russischen Separatisten in der Ostukraine gekämpft. Das Trainingslager der Söldnertruppe befinde sich in Molkino im Gebiet Krasnodar nicht weit entfernt von einem russischen Specnaz-Ausbildungszentrum. Zwischen 1.500 und 2.000 Söldnern, also eine Anzahl, die etwa halb so groß wie das offizielle Militärkontingent Russlands in Syrien ist, hätten sich in kritischen Phasen des Syrien-Konflikts an den Kämpfen beteiligt. Sie verfügten nicht nur über leichte Infanteriewaffen, sondern auch über T-72 Kampfpanzer und Artillerie.

Der Autor stellt zu Recht fest, dass Putin geleugnet hat, dass reguläre Soldaten im Donbass eingegriffen hätten, er aber 2014 zugegeben habe, dass „Freiwillige“ aus Russland, einem „Ruf des Herzens“ folgend, in die Ostukraine gereist seien, diese aber keine Söldner seien, weil sie nicht bezahlt würden. Parfitt zufolge erhielten die Wagner-Kämpfer in Syrien jedoch je nach Rang und Schwere der Auseinandersetzungen, an denen sie beteiligt seien, bis zu 240.000 Rubel (4.250 USD) im Monat. Allerdings überstiegen die Verluste der Truppe mit mehr als 150 Toten die der regulären, in Syrien eingesetzten russischen Streitkräfte.

Die Geheimhaltung der Einsätze habe beiden Autoren zufolge ihren guten Grund. Aus innenpolitischen Erwägungen will der Kreml das Erfolgsnarrativ seiner Syrien-Intervention nicht durch Berichte über hohe Kosten und Verluste trüben lassen. Offiziell hat Moskau verlauten lassen, bis Ende 2017 hätten die russischen Streitkräfte bei all ihren Einsätzen nur 45 Tote zu beklagen gehabt.

https://www.ifri.org/en/publications/notes-de-lifri/russieneivisions/russian-spetsnaz-contractors-and-volunteers-syrian

https://www.thetimes.co.uk/edition/world/president-putins-private-army-pays-a-high-price-for-syria-success-gdlpg6xfq

About the article

Published Online: 2018-03-14


Citation Information: SIRIUS - Zeitschrift für Strategische Analysen, Volume 2, Issue 1, Pages 80–82, ISSN (Online) 2510-2648, ISSN (Print) 2510-263X, DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2018-0013.

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