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SIRIUS – Zeitschrift für Strategische Analysen

[SIRIUS: Journal of Strategic Analysis ]

Editor-in-Chief: Krause, Joachim

Ed. by Kamp, Karl-Heinz / Masala, Carlo / Wenger, Andreas

Online
ISSN
2510-2648
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Brad Roberts: The Case for U.S. Nuclear Weapons in the 21st Century. 2016.

Andreas Lutsch
Published Online: 2018-03-14 | DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2018-0018

Wird das 21. Jahrhundert barbarischer werden als das 20. Jahrhundert, das blutrünstigste Jahrhundert der Weltgeschichte? Diese Frage hatte die 2012 verstorbene französischen Strategie-Expertin Thérèse Delpech wiederholt aufgeworfen. Ihr hat Brad Roberts sein Buch gewidmet, indem er sich mit der Frage befasst, ob Nuklearwaffen im 21. Jahrhundert zu Ordnung und Sicherheit beitragen oder ob sie zu einer Quelle von Unordnung und Gefahr werden, weil sie von Feinden westlich-liberaler Demokratien zur politischen Erpressung missbraucht werden. Sollen US-Kernwaffen im 21. Jahrhundert, fragt Roberts weiter, nach dem operativen Auslaufen gegenwärtiger Systeme als Fähigkeit erhalten, reduziert oder weitgehend abgebaut werden?

Roberts Buch besticht durch eine autoritative, fein abgewogene und umsichtige Analyse in klarer, präziser und schnörkelloser Sprache. Die luzide Gedankenführung lässt auch Sensibilität für Grenzen des Wissens und Ambivalenzen erkennen. Kraftvoll und leichthändig ordnet Roberts die komplexe Materie. Das sehr gut strukturierte Buch gibt zunächst einen Überblick über die Entwicklung der US-Nuklearpolitik seit dem Ende des Ost-West-Konflikts. Roberts geht dann systematisch auf den Problemherd Nordkorea, die Herausforderung der NATO durch Putins Russland und Implikationen des historisch präzedenzlosen Aufstiegs Chinas ein, bevor er aufzeigt, wie durch US-amerikanische extended nuclear deterrence garantierte regionale Sicherheitsarchitekturen angepasst wurden und welchen Herausforderungen sich diese stellen mussten. Es folgen eine Zusammenfassung und ein Epilog mit Empfehlungen für die zukünftige Nuklearpolitik der USA. Der Stil des Buchs ist unpolemisch und unsentimental analytisch. Der Umgang mit idealistischeren Sichtweisen ist auf eine Weise respektvoll, die Atomwaffengegner aller Art gegenüber Mitgliedern der strategic community eher vermissen lassen. Roberts bietet einen überlegenen, skeptisch-realistischen Blick auf das Thema, vielleicht den Blick eines wertegebundenen Pragmatikers, der die Rationalität des common sense als besten Ansatz würdigt, um die liberale internationale Ordnung unter US-Führung sturmfest zu erhalten. Das Buch spiegelt ein tiefgründiges und erfahrungsgesättigtes Verständnis davon wider, wie diese Ordnung gewachsen ist und was sie sicherheitspolitisch zusammenhält.

Roberts ist befähigt, ein Buch über dieses Spezialthema vorzulegen. Als stellvertretender US Assistant Secretary of Defense for Nuclear and Missile Defense Policy zwischen 2009 und 2013 spielte er eine Schlüsselrolle bei der Weiterentwicklung der US-Nuklearpolitik der Obama-Administration. Zentrale Ergebnisse dieser Weiterentwicklung waren die Erarbeitung und Implementierung des Nuclear Posture Review und des Ballistic Missile Defense Review von 2010, die im selben Jahr erfolgte Einrichtung bilateraler Mechanismen mit Japan und Südkorea zu Konsultationen über Themen der erweiterten Abschreckung sowie auf NATO-Ebene die Einigung auf das Strategische Konzept von 2010 und den Deterrence and Defense Posture Review von 2012. Roberts ist nicht nur ein Kenner der Diskussion in den USA und der Präferenzen der Obama-Administration, sondern er bringt eine feinfühlige globale Perspektive ein, die Ansichten und Interessen von US-Verbündeten, US-Partnern und US-Konkurrenten große Bedeutung beimisst. Gerade diese Kenntnis macht sein Buch für deutschsprachige Leser besonders wertvoll und interessant. Die Hauptthesen in Roberts' Analyse lassen sich in vier wesentliche Aussagen zusammenfassen.

1. Das Problem nuklearer Abschreckung im 21. Jahrhundert bestehe aus US-Sicht nicht mehr primär darin, wie ein umfassender Angriff eines anderen Landes gegen die USA verhindert werden kann. Viel wichtiger sei es zu verhindern, dass begrenzte Kriege gegen US-Verbündete und die USA geführt werden, die zur Spaltung von US-Allianzen und zur Zersetzung der von den USA geführten internationalen Ordnung führen könnten. Das Abschreckungsproblem werde mehr und mehr ein Problem der erweiterten nuklearen Abschreckung werden – und dies vor allem gegenüber Nordkorea, China und Russland sowie eventuell gegenüber weiteren Regionalmächten mit Nuklearwaffen wie etwa Iran. Roberts geht davon aus, dass die USA den Kurs fortsetzen, welchen sie auch nach dem Ende des Ost-West-Konflikts verfolgt hatten: engagiert zu bleiben, nicht in Isolationismus zu verfallen und ihre Allianzen im Sinne der Herausforderungen des 21. Jahrhunderts anzupassen (S. 82). Alternativen sieht Roberts als gefährlich an: dazu gehören die einseitige nukleare Teilabrüstung durch die USA, der US-Isolationismus oder eine drastische Änderung in der Politik der nuklearen Nichtverbreitung, einschließlich einer Präferenz des Aufstiegs von US-Verbündeten zu Atommächten (S. 255–265).

2. Das Bild eines umfassenden, katalytischen Kernwaffenkrieges wie zu Hochzeiten des Kalten Krieges sei nur noch von nachgeordneter Bedeutung. Man müsse sich vielmehr mit der Möglichkeit auseinandersetzen, dass es zu regional begrenzten Nuklearkriegen kommen kann. Es gelte sich auf diese Möglichkeit vorzubereiten und zu lernen, wie mit den entsprechenden Eskalations- und De-Eskalationsdynamiken umzugehen ist. Roberts stellt dazu fest: „Limited nuclear war without the prospect of major global nuclear war is plausible (…) and must be taken seriously as a problem“ (S. 103). Die entscheidende Frage unter diesen veränderten Umständen laute daher, ob und wie amerikanische nukleare Waffen nicht nur vor einem allgemeinen Atomkrieg abschrecken sollen, sondern auch ob sie vor begrenzten Kernwaffenkriegen zwischen größeren Mächten abschrecken können. Rigoroses Nachdenken über das Eskalationsproblem sei dringend geboten, Realitätsverweigerung mindestens unzureichend. Roberts‘ Buch liefert hierzu einen wichtigen Beitrag.

3. In der Doppelkrise um Berlin und Kuba 1961/62 sei das beiderseitige Interesse auf sowjetischer und westlicher Seite deutlich geworden, einen thermonuklearen Krieg zu vermeiden. Mittlerweile sei aber – auch auf Seiten Russlands – das Interesse an der Vermeidung des nuklearen Ersteinsatzes nicht mehr so eindeutig gegeben (S. 229). Es sei mittlerweile offen, ob das Tabu gegen den Ersteinsatz nuklearer Waffen im 21. Jahrhundert erhalten bleibe. Skepsis sei auch deshalb geboten, weil sich die meisten Befürchtungen bezüglich des begrenzten Nuklearkriegs mit Akteuren verbinden, die ihr strategisches Hauptanliegen darin sehen, wie eine „konventionell überlegene und nuklear bewaffnete Macht und ihre Verbündeten besiegt werden könnten,“ also die USA und ihre regionalen Verbündeten. Solchen Strategien lägen keine symmetrischen Theorien der nuklearen Kriegführung zugrunde, so wie sie während des Kalten Krieges verstanden worden sind. Vielmehr gehe es darum, wie in asymmetrischen regionalen Situationen durch nukleare Potenziale die westliche Seite zur Anerkennung politischer Ziele gezwungen werden kann – sei es durch nukleare Erpressung (blackmail) oder, falls erforderlich, auch im Rahmen sich selbst gefährdender Risikoerhöhung (brinkmanship). Solche Überlegungen würden entsprechend Clausewitz’ Theorie des Sieges annehmen, dass der Krieg auch im Nuklearzeitalter die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln darstellt und dass im Rahmen einer militärischen Auseinandersetzung ein „Kulminationspunkt“ generiert werden kann, bei dem der Gegner politische Forderungen anerkenne, ohne militärisch besiegt werden zu müssen. Einer Variante der chinesischen Denktradition zufolge, die Roberts aus Sūnzǐs Werk herleitet, bestehe Sieg auch manchmal nur darin, die Anerkennung eigener politischer Ziele ohne Kriegshandlungen zu erreichen. Plausibel seien nukleare Erpressung und brinkmanship im Falle Russlands, Chinas und selbst im Falle Nordkoreas. Diese Staaten könnten fälschlicherweise annehmen, dass ein regionaler Nuklearkrieg keine vitalen US-Interessen berühren werde. Oder sie könnten mit regionalen Kernwaffendrohungen spielen, um den US-Verbündeten ihre Verwundbarkeiten vor Augen zu führen und diese zu Fürsprechern einer Beschwichtigungspolitik zu machen (S. 139). In diesem Kontext sieht Roberts die Disparitäten bei den nicht-strategischen Kernwaffen im NATO-Russland-Verhältnis als großes Problem, dessen Behandlung eine dringliche Priorität sei (S. 140). Die Krise des INF-Vertrages sei hier nur die Spitze des Eisbergs. Er empfiehlt allerdings keine symmetrische Antwort der NATO, sondern plädiert für ein komplexes Verständnis von Sieg oder Niederlage in konfrontativen Situationen, bei denen keine Seite wirklich daran interessiert ist, dass es zu einem tatsächlichen nuklearen Austausch kommt, andererseits aber versucht wird, die politischen Möglichkeiten des Kernwaffenbesitzes so weit wie möglich auszureizen. Brad Roberts spricht in diesem Zusammenhang von einer nuklearen Theorie des Sieges, nicht aber von einer Theorie des nuklearen Sieges (S. 67).

4. Mit dem Ende der Präsidentschaft Barack Obamas habe sich herausgestellt, dass nukleare Abrüstung – und erst recht eine Welt ohne Nuklearwaffen – ein „long-term project“ darstelle (S. 239 f.). Obamas Verpflichtung der US-Regierung auf das Ziel einer kernwaffenfreien Welt sei sehr umstritten gewesen. Vielen „Realisten“ galt sie als verblasene und die Legitimität der Verteidigungspolitik westlicher Demokratien aushöhlende Illusion. Der sich transnational formierenden „Global Zero“-Kampagne oder der Bewegung, Nuklearwaffen aus humanitären Gründen zu verbieten, ging Obamas Verpflichtung der US-Regierung hingegen nicht weit genug, weil Bedingungen, an die sie geknüpft wurde, als zu restriktiv kritisiert wurden. Diese Verpflichtung habe auf der Annahme basiert, so Roberts, dass mehrere notwendige Bedingungen eintreten müssten, ehe die schrittweise Abrüstung hätte einsetzen können, an deren Ende eine nuklearwaffenfreie Welt stehen würde. Die Wahrscheinlichkeit sei sehr gering gewesen, dass diese Bedingungen realisierbar gewesen wären. Roberts’ Analyse macht klar, dass es keine Aussichten gibt, dass sich an dieser Bewertung in absehbarer Zeit etwas ändern wird. Schon eine allgemeine Bedingung für Abrüstung, die Existenz eines „international consensus against nuclear weapons“ (S. 236), erscheint als nicht erfüllbar – und dies angesichts der Haltung nicht nur Nordkoreas, Irans, Russlands oder Chinas, sondern auch regionaler Nuklearmächte wie Israel, Pakistan oder Indien, nuklearer US-Verbündeter sowie nicht-nuklearer US-Verbündeter, deren nationale Sicherheit auf nuklearer Abschreckung beruht, während sie bislang die nationale Kernwaffenkontrolle als nicht erforderlich betrachtet haben. Insbesondere in Russland, Nordkorea und China sei die Bereitschaft gestiegen, die US-geführte Ordnung herauszufordern, wobei Russland 2014 am weitesten gegangen sei. US-Verbündete fühlten sich nun viel stärker bedroht als noch zu Beginn der 1990er Jahre. Sie forderten eine robuste US extended nuclear deterrence ein. Nukleare Proliferation in US-Allianzen sei kein Tabuthema mehr.

In dieser Lage hält Roberts einerseits am Fernziel einer Welt ohne Nuklearwaffen fest (S. 255) und sieht andererseits starke Argumente für die Modernisierung der US-Nuklearstreitmacht entsprechend der Grundstruktur des Nuclear Posture Review von 2010 (strategische „Triade“ plus begrenzte ABM-Fähigkeiten in den USA, Europa und Ostasien plus regionalspezifisch vorne stationierte oder vorne stationierbare Dual Capable Aircraft mit nuklearer Fähigkeit plus nukleare Teilhabe in der NATO). Man mag diese Zweigleisigkeit als widersprüchlich, spannungsgeladen, möglich, politisch erstrebenswert oder moralisch geboten halten. Unabhängig davon, wie man sich hier entscheidet, bleibt die Frage, ob Nuklearwaffen die internationale Politik revolutioniert haben: Haben sie die Rahmenbedingungen der internationalen Politik irreversibel verändert? Wenn das der Fall ist, ist jeder Hoffnungsschimmer auf nukleare Abrüstung hoffnungslos, nicht aber die Hoffnung auf mehr Frieden und Sicherheit im 21. Jahrhundert – verglichen mit dem, was das 20. Jahrhundert erbracht hat.

Brad Roberts zeigt, dass die Behauptung von der Irrelevanz nuklearer Waffen an den Realitäten vorbeigeht, dass Hoffnungen auf zeitnahe nukleare Abrüstung jeder Grundlage entbehren und dass die humanitären Kosten einer Welt ohne Nuklearwaffen gewaltig sein könnten, wenn sich dann das Überleben und die Unabhängigkeit von Staaten schwerer sichern ließe: „the United States and its allies will remain uncomfortably reliant on U.S. nuclear threats to deal with deterrence challenges for which they may not be fully reliable or effective“ (S. 272). Dies setzt voraus, dass es zu keiner drastischen Änderung der grand strategy der USA und ihrer Verbündeten kommen wird. Dass auf dieser Ebene des Politischen keine Kapriolen gemacht werden sollten, unterstreicht Brad Roberts auf ebenso überzeugende wie glänzende Weise. Wer wissen will, wie es um die nukleare Weltordnung im frühen 21. Jahrhundert tatsächlich bestellt ist, muss dieses Buch lesen.

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Published Online: 2018-03-14


Citation Information: SIRIUS - Zeitschrift für Strategische Analysen, Volume 2, Issue 1, Pages 88–90, ISSN (Online) 2510-2648, ISSN (Print) 2510-263X, DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2018-0018.

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