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SIRIUS – Zeitschrift für Strategische Analysen

[SIRIUS: Journal of Strategic Analysis ]

Editor-in-Chief: Krause, Joachim

Ed. by Kamp, Karl-Heinz / Masala, Carlo / Wenger, Andreas

Online
ISSN
2510-2648
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Paul Cornish, Kingsley Donaldson: 2020. World of War. 2017.

Till Florian Tömmel
Published Online: 2018-03-14 | DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2018-0020

Das Genre der strategischen „Zukunftshistorie“ hat in Großbritannien eine bis ins 19. Jahrhundert zurückgehende Tradition. Paul Cornish (Oxford University) und Kingsley Donaldson (Causeway Institute) widmen ihr Buch General John Hackett (1910–1997) und nehmen sich sein 1978 erschienenes Buch The Third World War zum Vorbild. Wie dieses entwickelt 2020: World of War pessimistische, aber realistische Szenarien, die im Jahr 2020 angesiedelt sind. Cornish und Donaldson bieten keine so detaillierten und teils schauerlichen Ausführungen wie der kriegsgediente Hackett, dem ein Großangriff des Warschauer Pakts auf die NATO als einziges Szenario vor Augen stand. In 2020 geht es nicht mehr um einen Weltkrieg zwischen zwei Machtblöcken, sondern um eine gleichermaßen interdependente wie fragmentierte Welt.

In ihrer Einleitung unterstreichen die Autoren, dass Szenarien keine Vorhersagen sind und nichts genau so geschehen werde wie in den fiktiven Fallstudien. Doch Krisen-, ja Katastrophenszenarien dienten dem kognitiven Training und sollten einem bösen Erwachen aus selbstzufriedenem Optimismus vorbeugen. Wie Hackett vor vierzig Jahren schreiben Cornish und Donaldson in einer Gegenwart, in der das Vereinigte Königreich von inneren Problemen absorbiert ist, und wie damals geht es bei ihrer Krisen-Futurologie um eine Kritik der Gegenwart. Sie stören sich an der von ihnen wahrgenommenen strategischen Indifferenz von Politik und Civil Service: Die schnelle Verfügbarkeit einer Unmenge an Daten und vordergründigen Informationen hätten die Illusion genährt, man wisse heute so viel wie nie zuvor. Problematisch seien das parallel zur explodierenden Datenmenge abnehmende Urteilsvermögen und das Verschwinden strategischer Klugheit. Auch wenn die Autoren ausdrücklich auf die britischen Verhältnisse zielen, ist ihr Ansatz ohne weiteres auf andere europäische Staaten übertragbar.

Das erste Kapitel hält sich mit Szenarien noch zurück und beschreibt stattdessen konzise die gegenwärtigen Strategien und Methoden von Putins Russland. Die Ziele des Putin-Zirkels, denen seine Strategie dient, seien der Erhalt des von ihm geschaffenen autoritär-personalisierten Systems und die Restauration einer imaginierten ehemaligen Größe Russlands. Während Gorbatschow die Sowjetunion durch innere Reform retten wollte und damit ihren Zerfall beschleunigte, habe Putin den umgekehrten Ansatz gewählt: Statt durch Reformen, die eine schwer kontrollierbare Dynamik entfachen könnten, suche er seine Position durch eine manipulative Veränderung des externen „Ökosystems“ zu verbessern, in das Russland eingebettet ist. Wichtige Mittel auf dem Weg dorthin seien das Aufbrechen von EU- und NATO-Gemeinsamkeiten, die Einschüchterung von Russlands Nachbarn sowie die Kultivierung einer ideologischen Gegnerschaft zum liberalen Universalismus, sowohl im Innern als auch auf internationaler Bühne. Die Ukraine sei der wesentliche Testfall für Putins Strategie; eine stabile, pro-westliche und prosperierende Ukraine wäre für ihn ein worst case gewesen. Der Moskauer Führung ist es aber offenbar gelungen, die eigene Schwäche auf vielen Gebieten durch eine innovative Art der Kriegführung auszugleichen, die uneindeutig, hybrid und nicht-linear (im Russischen wird zumeist letztgenannter Ausdruck gebraucht) ist: Dabei sei ein neuartiges Amalgam aus Krieg und Frieden entstanden, in dem grundsätzlich alles zur Waffe werden könne.

Alle folgenden Kapitel spielen in der Zukunft: Im zweiten geht es um nicht-traditionelle Sicherheitsgefahren wie den Klimawandel, explosive demographische Trends, Ressourcenknappheit, Pandemien und Multiresistenz. Das dritte Kapitel behandelt eine zukünftige Konfrontation zwischen den USA und China; im hier gewählten Szenario nimmt Australien dabei eine zentrale Rolle ein. Zutreffen dürfte die Aussage, dass man in Peking die Trump-Präsidentschaft nach derzeitigem Stand der Dinge als Chinas zweiten „Moment strategischer Gelegenheit“ nach dem 11. September 2001 wahrnehme: Wiederum sei die US-Regierung nicht zu einer Konzentration auf Ostasien in der Lage; wahrscheinlich finde dagegen eine Selbstbeschädigung Amerikas statt, deren Nutznießerin – ihrer eigenen Logik nach – die Volksrepublik sein werde. Das vierte Kapitel handelt davon, wie ein IS-Ableger in Pakistan in den Besitz eines Atomsprengkopfes kommt und ultimativ den indischen Rückzug aus Kaschmir fordert. Indien und Pakistan geraten an den Abgrund einer nuklearen Konfrontation. Das fünfte Kapitel entwirft das Szenario von reihenweise implodierenden Staaten im arabischen Raum und dem Entstehen einer geschlossenen dschihadistischen Front in Nordafrika, die zum Großangriff auf Europa ansetzt.

Das sechste Kapitel ließ den Rezensenten etwas ratlos zurück. Es geht hier um ein multiples Krisenszenario, an dessen Ende ein verheerender Terroranschlag steht. In welchem Zusammenhang die einzelnen Vorkommnisse zueinander stehen, wird allerdings nicht recht ersichtlich und einige Handlungsstränge laufen unerklärt ins Leere. Hochinteressant liest sich hingegen das siebte Kapitel, das die Verwundbarkeit digitalisierter Infrastruktur beleuchtet. Während man in Whitehall über die neuen Gefahren diskutiert, kommt es zu einem massiven Cyberangriff auf London, der den britischen Sicherheitsapparat buchstäblich ins Dunkle wirft. Das Kapitel zeichnet eine in sehr naher Zukunft spielende Dystopie, in der sich die vernetzten Geräte von Londons Smart Homes in ferngelenkte Angriffswaffen auf lebenswichtige Infrastruktur verwandeln. Angriffe dieser Art haben keine zurechenbaren Urheber und können glaubhaft abgestritten werden. Gut gelungen und beunruhigend plausibel ist auch das achte Kapitel, das vom strategischen Fall-out des britischen Austritts aus der EU handelt. Das neunte Kapitel entwirft schließlich ein v. a. in Europa angesiedeltes Szenario, in dem mehrere weltpolitische Großbrände zusammenlaufen.

In ihrem Schlusswort unterstreichen die Autoren, dass gut ausgedachte worst-case-Szenarien nicht der Panikmache dienen sollten, sondern als Mittel, um die Mängel in der eigenen Vorsorge aufzudecken und zu beheben. Jede Sicherheitsstrategie müsse Überlegungen über die Zukunft anstellen, im vollen Bewusstsein, dass weder exakte Prognosen noch perfekte Planung möglich sind. Scheinargumente seien die bequemen Einwände „es kommt ja doch alles anders“ oder „heute ändert sich alles so schnell, dass Strategie nicht mehr möglich ist“. Für eine Regierung, die ihre Verantwortung ernst nehme, seien Optimismus, professionelle Marketing- und Kommunikationsformen oder die Beschwörung eigener Werte kein Ersatz für Strategie.

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Published Online: 2018-03-14


Citation Information: SIRIUS - Zeitschrift für Strategische Analysen, Volume 2, Issue 1, Pages 92–94, ISSN (Online) 2510-2648, ISSN (Print) 2510-263X, DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2018-0020.

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