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SIRIUS – Zeitschrift für Strategische Analysen

[SIRIUS: Journal of Strategic Analysis ]

Editor-in-Chief: Krause, Joachim

Ed. by Kamp, Karl-Heinz / Masala, Carlo / Wenger, Andreas

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ISSN
2510-2648
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Michael Paul, „Kriegsgefahr im Pazifik? Die maritime Bedeutung der sino-amerikanischen Rivalität“. 2017.

Sebastian Bruns
Published Online: 2018-03-14 | DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2018-0022

In einer Zeit, in der selbst in honorigen Nachrichtensendungen wie der Tagesschau mit staatstragender Miene zu prä-pubertären Twitter-Absonderungen eines US-Präsidenten1 Stellung genommen wird, wird deutlich, wie sehr Asien mittlerweile in den Mittelpunkt der US-Außen- und Sicherheitspolitik steht. Hinter dem zunehmend gehetzten Umgang mit Neuigkeiten aus der Trump-Administration ist es schwierig geworden, sich ein umfassendes Bild zu machen, wie tief der nationalistische Präsident im Weißen Haus den nationalen Sicherheitsvertrag mit der amerikanischen Gesellschaft tatsächlich umkrempelt – „America first“, aber um welchen Preis? Auch die Konsequenzen für Amerikas Allianzbeziehungen nach Asien sind nach der „strategischen Geduld“ der Obama-Jahre in allen Bereichen unabsehbar: Nordkoreas Atomwaffen- und Raketenprogramme, Chinas ebenso kluge wie kühle Ausnutzung des sich bietenden amerikanischen Vakuums, die Annährung der Philippinen an Peking, das Ende des Transpazifischen Freihandelsabkommens (TPP) oder die ambitionierten nationalen Aufrüstungsprogramme von US-Alliierten wie Japan, Australien und Südkorea u. a. gehören in diese Aufzählung.

Es ist nicht ohne Ironie, dass unter Präsident Barack Obama, dem aufgrund seiner biografischen Beziehungen zu Hawaii eine pazifische Sozialisierung nicht abzustreiten ist, und seiner einstmaligen Außenministerin Hillary Clinton zwar die Neuorientierung Amerikas gen Asien proklamiert wurde. Es bedurfte aber offenbar den Ostküstenmilliardär und – nach allen Indizien – an welt- und geopolitischen Zusammenhängen gänzlich uninteressierten Donald J. Trump und seine unkonventionelle, launische Politik, um diesen Umstand polternd auch dem letzten Smartphone-Nutzer zu verdeutlichen. Auch wenn die US-amerikanisch-chinesische Rivalität um Einfluss von zentraler Bedeutung ist, bedarf es einer breiteren, US-amerikanisch-asiatischen Perspektive, da die USA mit vielen Staaten in der Region bilaterale Sicherheitsbeziehungen unterhalten. China wiederrum ist der „Elefant im Raum“ zwischen Canberra, Manila, Seoul und Südkorea. In diese Lücke stößt Michael Pauls kundige Analyse, die 2017 als Monographie vorgelegt wurde.

Dass die amerikanisch-chinesischen Beziehungen dabei ebenso komplex wie maritim geprägt sind, ist längst eine Binsenweisheit. Nicht zuletzt durch mehrere tragische Unglücksfälle auf See ist diese Komponente 2017 deutlich in den Vordergrund getreten.

  • Am 22. November stürzte ein leichtes Transportflugzeug der US-Marine vom Typ C2-A „Greyhound“ südlich der japanischen Insel Okinawa ins Meer. Die Maschine war auf dem Weg zum in Japan stationierten Flugzeugträger USS Ronald Reagan (CVN-76). Von den elf Insassen konnten nur acht gerettet werden.

  • Am 21. August kollidierte der Lenkwaffenzerstörer USS John S. McCain (DDG-56), ein Schiff der Arleigh-Burke-Klasse, südöstlich von Singapur mit einem Öltanker. 10 Marineangehörige fanden den Tod.

  • Schon rund zwei Monate zuvor, am 17. Juni, hatte es einen ähnlichen Unfall gegeben, bei dem das Schwesterschiff USS Fitzgerald (DDG-62) südwestlich von Tokio mit einem Containerfrachter zusammenprallte. Sieben Besatzungsangehörige des Zerstörers starben.

  • Glimpflicher gingen zwei weitere Zwischenfälle im riesigen pazifischen Seegebiet ab: Im Mai stieß der Lenkwaffenkreuzer USS Champlain (CG-57) mit einem südkoreanischen Fischerboot zusammen, im Januar kam es auf einer Einsatzfahrt des Schwesterschiffes USS Antietam (CG-54) zu einer Grundberührung mit Umweltschäden; Menschen kamen in beiden Fällen nicht zu Schaden.

In der Folge ordnete die US-Marineführung eine intensive Überprüfung der laufenden Einsätze an. Schnell stellte sich heraus, dass vor allem menschliches Versagen und das seit Jahren hohe operative Tempo bei gleichzeitig sinkender Anzahl von verfügbaren Einheiten und Ausbildungstagen wesentlich zu den Unglücken beigetragen hatte. Die vom Marineminister Richard Spencer zu Jahresbeginn 2017 angeordnete „Strategic Security Review“ (SSR) wurde kurz vor Weihnachten veröffentlicht und unterstrich mit unvorhergesehener Aktualität und in deutlichen Worten systemische, sich potenzierende Problematiken, denen sich die US-Marine im asiatischen Raum gegenüber sieht.2 Damit wurden endlich einmal grundsätzliche Fragen angesprochen, die im täglichen Twitter-Wahnsinn und der Jagd nach publikumswirksamen O-Tönen (übrigens schon seit einigen Jahren) bisweilen untergehen zu drohen.

Einigen grundsätzlichen Fragen der US-Sicherheitspolitik gegenüber China und Asien geht Michael Paul (Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin) in seinem jüngst vorgelegten Buch nach. Die deutschsprachige Monographie, die in der Reihe Internationale Politik und Sicherheit beim Baden-Badener Nomos-Verlag erschienen ist, untersucht die maritime Bedeutung der sino-amerikanischen Rivalität. Zum einen weckt der Autor damit gleich das Interesse der kleinen, sich wiewohl zusehends konsolidierenden und expandierenden maritimen sicherheitspolitischen Community im deutschsprachigen Raum. Schriften zu maritimen sicherheitspolitischen Aspekten sind immer noch eine Seltenheit, da die meisten entsprechenden Universitäten und Denkfabriken in Deutschland (in Österreich und der Schweiz ohnehin) es vorziehen, sich auf andere Themen konzentrieren – trotz wiederholt nachgewiesener maritimer Abhängigkeit und Anfälligkeit ihrer Volkswirtschaften.3 Zum anderen lenkt der Autor den Scheinwerfer auf chinesisch-amerikanische Konflikt- und Kooperationsdynamiken, die im kontinental orientierten Zentraleuropa angesichts sprichwörtlich näherliegender Krisenherde an Europas Nord- und Südflanken ausgeblendet werden. Viel zu häufig wird China in Deutschland engstirnig durch die Prismen „Menschenrechte“ und „Handel“ gesehen. Mithin schwingt gar eine aus unterschwelligem Antiamerikanismus wohlgenährte Schadenfreude mit, wenn auch für deutsche Augen und Ohren deutlich wird, wie sehr die USA auf dem asiatischen Schauplatz um Einfluss ringen müssen.

Paul, der mit diesem Buch zum Kreis maritimer Experten in der Bundesrepublik aufschließt, skizziert zunächst Aspekte des geopolitischen Wandels im 21. Jahrhundert. Bereits hier unterstreicht er die Politikrelevanz vom Verhältnis von Landmacht und Seemacht auch für Deutschland. Eine breit angelegte Studie, wie ein bewaffneter Regionalkonflikt in Asien Deutschlands Seeverkehr betreffen würde, wäre nach Ansicht des Rezensenten längst überfällig. Im zweiten Abschnitt seines Buches widmet sich der Berliner Politikwissenschaftler dann Chinas Grand Strategy, beschreibt das „Narrativ einer nationale Renaissance“ (S. 49) und die Instrumente und Akteure der Pekinger Verteidigungspolitik (S. 73). Dies wird ergänzt durch einen Blick auf Abschreckungsstrategien und die Rolle der chinesischen Raketenstreitkräfte (S. 113) und eine Betrachtung Chinas im Fokus der US-Außen- und Sicherheitspolitik (S. 137). Bereits hier ist der Lesefluss hin und wieder etwas holprig, da Paul – wie einleitend in einer Fußnote freimütig zugegeben – das Buch auf Grundlage vorheriger Studien und Papiere zusammengeschrieben hat. Der dritte Teil des Buches gehört dann allerdings zu den stärkeren: Hier widmet sich der Verfasser der Schwerpunktverlagerung der USA nach Asien und beschreibt umfassend die maritime Komponente amerikanischer Außenpolitik (S. 151), zumindest im deutschsprachigen Bereich ein großes Desiderat. Auch die Analyse maritimer Einzelkonflikte im asiatisch-pazifischen Raum (S. 195) ist wertvoll, da sie differenziert die verschiedenen Problematiken beleuchtet und gleichzeitig mögliche Konfliktlösungsansätze in die Diskussion einbringt.

Das Buch schließt mit Perspektiven sino-amerikanischer Rivalität (S. 261) und einer übersichtlichen Bilanz (S. 275), die basierend auf den zuvor beschriebenen nüchternen Differenzierungen eigentümlich deutlich ausfällt. Die umfassende Bibliographie beschließt das Buch. Paul verzichtet aus durchaus nachvollziehbaren Beweggründen auf chinesische Originalquellen und Analysen und stützt sich vielmehr auf zahlreiche Analysen und Papiere aus US-amerikanischer Feder (denen bisweilen zu Recht eine fehlende Distanz vorgeworfen werden muss). Wenn sich der Autor entschieden hätte, den maritimen sicherheitspolitischen Aspekten noch mehr Raum zu schenken und dabei z. B. die gelegentlichen zu detaillierten militärtechnischen Abschweifungen nicht-maritimer Natur wegzulassen, wäre er wohl kaum um die von ihm leider außer Acht gelassenen einschlägigen Werke zu den Themen US-Marine und Strategie herumgekommen,4 die allerdings auch so hätten Eingang finden müssen. Dennoch liegt hier ein Buch vor, dem große Verbreitung in Marine-, Regierungs- und Parlamentskreisen zu wünschen ist.

Footnotes

  • 1

    „North Korean Leader Kim Jong Un just stated that the ‘Nuclear Button is on his desk at all times.' Will someone from his depleted and food starved regime please inform him that I too have a Nuclear Button, but it is a much bigger & more powerful one than his, and my Button works!“, Twitter 02.01.2018, https://twitter.com/realDonaldTrump/status/948355557022420992 (05.01.2018) 

  • 2

    „Secretary of the Navy Strategic Readiness Review“, US Naval Institute News, https://news.usni.org/2017/12/14/secnav_readiness_review (05.01.2018).  

  • 3

    Marinekommando (Hrsg.), Jahresbericht des Flottenkommandos 2017, www.marine.de; siehe auch o.V., „Maritime Zahlen & Fakten – der Jahresbericht 2017“, https://meerverstehen.net/2017/11/24/%maritime-zahlen-fakten-der-jahresbericht-2017.  

  • 4

    Zum Themenkomplex US-asiatische maritime Beziehungen z. B. Michael McDevitt, „The United States and the Asia-Pacific Region: Security Strategy for the Obama Administration“ (u. a.), Center for Naval Analyses (Alexandria, VA) 2009; Ders., „Sino-Japanese Rivalry: Implications for U.S. Policy“ (u. a.), Center for Naval Analyses (Alexandria, VA) 2009; Ders., „Report on the Second KIMS-CNA Conference: The PLA Navy's Build-up and ROK-USN Cooperation“, Center for Naval Analyses (Alexandria, VA) 2008. Zum Themenbereich US-Marinestrategie z. B. Peter Swartz, „American Naval Policy, Strategy, Plans and Operations in the Second Decade of the Twenty-first Century“, Center for Naval Analyses (Arlington, VA) 2017; Sebastian Bruns, „The ‘Cooperative Strategy' (CS-21/CS-21R): A View from Germany“, Center for International Maritime Security, 27. Mai 2015 (http://cimsec.org/cooperative-strategy-cs-21cs-21r-view-germany/16240); Ders., „U.S. Navy Strategy & American Sea Power from ‘The Maritime Strategy' (1982–1986) to ‘A Cooperative Strategy for 21st Century Seapower' (2007) : Politics, Capstone Documents, and Major Naval Operations 1981–2011“, Dissertation, Christian-Albrechts-Universität Kiel 2014, sowie ferner Sebastian Bruns/Joachim Krause (Hrsg.), Routledge Handbook of Naval Strategy and Security, London: Routledge 2015 (u. a. mit Beiträgen zur chinesischen maritimen Politik und Doktrin).  

About the article

Published Online: 2018-03-14


Citation Information: SIRIUS - Zeitschrift für Strategische Analysen, Volume 2, Issue 1, Pages 95–97, ISSN (Online) 2510-2648, ISSN (Print) 2510-263X, DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2018-0022.

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