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SIRIUS – Zeitschrift für Strategische Analysen

[SIRIUS: Journal of Strategic Analysis ]

Editor-in-Chief: Krause, Joachim

Ed. by Kamp, Karl-Heinz / Masala, Carlo / Wenger, Andreas

Online
ISSN
2510-2648
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Beatrice Heuser/Tormod Heier/Guillaume Lasconjarias (Hrsg.): Military Exercises: Political Messaging and Strategic Impact. Rom: NATO Defence College, Februar 2018.

Brigadegeneral a. D. Rainer Meyer zum Felde
Published Online: 2018-09-09 | DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2018-3015

Reviewed publication

Heuser Beatrice Heier Tormod Lasconjarias Guillaume Military Exercises: Political Messaging and Strategic Impact Rom NATO Defence College Februar 2018

Herausgegeben von Beatrice Heuser, Tormod Heier und Guillaume Lasconjarias, legt die Forschungsabteilung des NATO Defence College in Rom einen 365 Seiten umfassenden Sammelband eines 20köpfigen Autorenkollektivs zur strategischen Bedeutung militärischer Übungen vor. Jeder der Autoren befasst sich mit der Bedeutung von militärischen Übungen in der Vergangenheit und den hieraus zu ziehenden Lektionen. Die Autoren analysieren dabei nicht nur frühere große Feldübungen und Verfahrensübungen aus den Zeiten des Kalten Krieges, sondern ebenso neuere Übungen, die mit Blick auf Krisenprävention und Krisenbewältigung im Nahen und Mittleren Osten sowie in Asien und in China abgehalten worden sind. Ziel ist es, heutigen Entscheidern und Planern ein vertieftes Verständnis für die vielfältigen Funktionen von Übungen zu vermitteln, welches sich auch gegenwärtig und künftig nutzen lässt.

Diese erläutert General Denis Mercier, strategischer Oberbefehlshaber der NATO für Transformation, bereits in seinem Vorwort: Das Abschreckungs- und Verteidigungsdispositiv der Allianz sei das Produkt glaubwürdiger Fähigkeiten, Entschlossenheit und des Sendens von Signalen durch 29 verbündete Nationen. Bei dieser Gleichung komme Übungen eine kritische Bedeutung zu. Denn mit ihnen würde die eigene Truppe vorbereitet. Sie erlaubten das Ausprobieren neuer Konzepte, Doktrinen und Fähigkeiten und trügen zum Sammeln von Erfahrungen bei. Aus ihnen könne man lernen, aber mit ihnen könnten potentiellen Gegnern auch klare Botschaften vermittelt werden. Zwar bedürfe es primär eines Übungsprogramms zur Vorbereitung auf die Konflikte der Zukunft. Dennoch lasse sich viel aus der Vergangenheit lernen. In den letzten Jahren sei das Übungsprogramm der Allianz stark ausgeweitet worden und reiche nun von Stabilisierungsoperationen bis hin zur kollektiven Verteidigung. Zugleich gebe es eine zunehmende Beteiligung sowohl von Verbündeten als auch von Partnernationen, weswegen es darum gehen müsse, die nötige Interoperabilität herzustellen. Ebenso komme es darauf an, Innovationen, Experimentieren und Konzeptentwicklung mit Blick auf die Zukunft in kollektive Übungen zu integrieren, um für die Gegenwart bereit und für die Zukunft vorbereitet zu sein. Angesichts angespannter Ressourcen könne die NATO von der Übungskompetenz ihrer Nationen und Partner profitieren und dabei intelligenter und effizienter üben, wenn sie die Mittel der Simulation, Fernausbildung und dezentralisierte Übungen stärker nutze. Abschließend mahnt Mercier, Übungen nicht auf Streitkräfte zu begrenzen, sondern wegen der entscheidenden Bedeutung verlässlicher Entscheidungsprozesse das politische Führungspersonal der verbündeten Nationen in die Ausbildungs- und Übungsaktivitäten intensiv einzubeziehen.

Die Herausgeber erläutern einleitend, dass die Allianz mit ihrer Hinwendung zum Kernauftrag der Bündnisverteidigung, Abschreckung und des Schutzes der Souveränität der Mitgliedstaaten in Europa in den letzten Jahren zugleich auch wieder verstärkt zu Übungen übergegangen sei. Dabei sei ein zunehmend breiterer Ansatz eingeschlagen worden. Übungen seien nicht nur als Trainingsmethode für die eigenen Streitkräfte zu verstehen, sie sendeten auch Signale an andere Nationen. Während des Kalten Krieges sei man sich dessen bewusst gewesen, aber danach sei der Blick dafür verloren gegangen. Die vorliegende Aufsatzsammlung habe zum Ziel, diese verloren gegangene Erinnerung wieder ins Bewusstsein zu rufen – insbesondere wie Übungen als wichtiges Element an der komplexen Schnittstelle zwischen Sicherheit, politischen Entscheidungsprozessen und der Vorbereitung von Streitkräften auf Operationen angelegt wurden und wirkten.

Beatrice Heuser und Diego Ruiz Palmer geben im einführenden Kapitel einen Überblick über die Beiträge der 20 Autoren. In zweijähriger Arbeit hätten 20 Experten auf dem Gebiet militärischer Übungen den jeweiligen Übungszweck, den Ertrag und die Relevanz wichtiger Übungen der zurückliegenden sieben Jahrzehnte untersucht, um heutigen Praktikern und politischen Entscheidungsträgern nicht nur ein historisch interessantes Buch zur Geschichte von Übungen, sondern vor allem wertvolle Erkenntnisse anzubieten. Gegenstand der zahlreichen Einzelbeiträge zu Übungen in Europa – Robert T. Davis II, Diego Ruiz Palmer, James Sheahan, Beatrice Heuser, Ilay A.D. Ferrier, Tormod Heier, Ryan W. French und Peter Dombrowski, Erwin A. Schmidl, Spyridon Plakoudas, Johan Norberg, Olivier Schmitt – sind dabei sowohl die großen Feldübungen seit 1961, die von der Sowjetunion und dem Warschauer Pakt mit bis zu 100.000 Teilnehmern abgehalten wurden, als auch ab 1963 die „Big Lift“ – und später „REFORGER“-Verstärkungsübungen der USA und der Allianz, ebenso wie die jährlichen Heeres-Großübungen der Bundeswehr auf Korps-Ebene seit Mitte der 60er Jahre. Ausführlich werden die ab 1969 von der Sowjetunion begonnenen Feld- und Stabsrahmenübungen der Serien Zapad und Soyus behandelt, mit denen die rasche, weiträumige Führung von Operationen zur Eroberung Westeuropas geübt wurde. Mit dem Ende des Kalten Krieges seien diese Arten von Großübungen auf beiden Seiten eingestellt worden. Erst mit der russischen Wiederaufnahme einer einzelnen Zapad-Übung in 1999 und dann erst ab 2008 und 2009 mit jährlichen Großübungen – rotierend über vier Militärbezirke – habe sich das Bild erneut geändert. Ab 2013 seien die unangekündigten Alarmübungen Russlands (snap-exercises) noch hinzugekommen. In Reaktion auf das aggressive Vorgehen Russlands gegen die Ukraine und die Annexion der Krim im Frühjahr 2014 habe die NATO hinsichtlich Übungsaktivitäten zügig reagiert: in 2015 erstmals wieder mit einer großen Feldübung Trident Juncture 15 zur Evaluierung der seit 2014 rasch verstärkten NATO Response Force, in 2016 mit der amerikanisch-polnischen nationalen Übung Anakonda zur Einübung der Aufnahme von Verstärkungskräften. Für Herbst 2018 stehe gemäß dem neuen, nun wieder intensiven dreijährigen Übungs-Rhythmus der Allianz die zweite Übung der NATO-Serie Trident Juncture in Norwegen bevor. Sie solle die wieder gestärkte Bündnisverteidigungs- und Abschreckungsfähigkeit demonstrieren.

Weitere Beiträge befassen sich auch jenseits des Europäischen Raums mit ganz anders konzipierten wichtigen Übungen, so z. B. im Nahen und Mittleren Osten (Amr Yossef), in Südasien (John H. Gill) und in China (Christopher D. Young). Der Band endet mit einigen Schlussfolgerungen für die NATO und pragmatischen Empfehlungen für die Anlage von Übungen (Tormod Heier, Guillaume Lasconjarias).

Insgesamt handelt es sich um eine sehr umfangreiche Sammlung von teils zeitgeschichtlich interessanten Abhandlungen zur Übungspraxis mit Schwerpunkt auf NATO und Warschauer Pakt. Die Beiträge enthalten viele wertvolle Anregungen auch für die Gegenwart, teilweise handelt es sich um strategische Analysen zur grundsätzlichen Bedeutung und Funktion von Übungen. Der Sammelband ist damit nicht nur für Experten und Praktiker auf dem Gebiet des Übungswesens eine wichtige Quelle. Übungen werden für die NATO wieder ein ganz wesentlicher Bestandteil eines glaubwürdigen Abschreckungs- und Verteidigungsdispositivs sein. Das Buch ist somit weit über die Fachgemeinde der Übungsexperten hinaus für einen weiten Kreis lesenswert.

http://www.ndc.nato.int/download/downloads.php?icode=546

About the article

Published Online: 2018-09-09

Published in Print: 2018-09-03


Citation Information: SIRIUS - Zeitschrift für strategische Analysen, Volume 2, Issue 3, Pages 294–295, ISSN (Online) 2510-2648, ISSN (Print) 2510-263X, DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2018-3015.

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