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SIRIUS – Zeitschrift für Strategische Analysen

[SIRIUS: Journal of Strategic Analysis ]

Editor-in-Chief: Krause, Joachim

Ed. by Kamp, Karl-Heinz / Masala, Carlo / Wenger, Andreas

Online
ISSN
2510-2648
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Diego Ruiz Palmer: Theatre Operations, High Commands and Large-Scale Exercises in Soviet and Russian Military Practice: Insights and Implications. Rom: NATO Defence College, Fellowship Monograph 12, Mai 2018

Brigadegeneral a. D. Rainer Meyer zum Felde
Published Online: 2018-09-09 | DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2018-3016

Reviewed publication

Palmer Diego Ruiz Theatre Operations, High Commands and Large-Scale Exercises in Soviet and Russian Military Practice: Insights and Implications Rom NATO Defence College Fellowship Monograph 12, Mai 2018

Der Verfasser weist einleitend darauf hin, dass die Großübung ZAPAD 2017, die Russland gemeinsam mit Weißrussland im Herbst 2017 durchführte, 60.000 bis 70.000 Soldaten umfasste und nach dem Wiener Dokument den OSZE-Teilnehmerstaaten hätte angezeigt werden müssen. Russland habe stattdessen mit manipulierten Zahlenangaben gearbeitet und dadurch Unsicherheit über den Übungszweck und die Breite und Tiefe der Übung ausgelöst. Schon deshalb sei es angebracht, sich mit den strategischen Überlegungen zu befassen, die hinter dem Wiederaufleben derartiger großangelegter Übungen stünden.

Um den Sinn solcher Großübungen zu verstehen, müsse man sich an der Rolle orientieren, die diese bei der Vorbereitung von Kriegsschauplatz-weiten Operationen im militärischen Denken der Sowjetunion vor vier Jahrzehnten gespielt hätten. Nur so könne die gegenwärtige Transformation und das darin enthaltene Risiko unbeabsichtigter Eskalation besser beurteilt werden. Denn derartige Großübungen, die Russland seit 2009 regelmäßig abhält, enthielten das Risiko, dass Russland mit ihnen rasch vom Frieden zum Krieg übergehen könnte. Mit ihnen könnte Russland die strategische Initiative gewinnen und militärische Macht zur Druckausübung und Erpressung einsetzen. In der späten Sowjet-Ära hätten Großübungen, die einen ganzen regionalen Schauplatz umfassten, einen privilegierten Stellenwert gehabt. Der Verfasser geht der Frage nach, ob und wieweit dieses sowjetische militärstrategische Denken auch das heutige Denken des russischen Militärs anleitet.

Der Autor gelangt zu drei Kernaussagen:

  1. Russland habe ein – auf einem Netzwerk von regional verbundenen Oberkommandos basierendes – Streikräftedispositiv aufgestellt, welches auf hohe Einsatzbereitschaft, auf zügige Mobilisierung militärischer Mittel und nicht-militärischer Ressourcen und auf rasche Bewegung von Großverbänden über weite Entfernungen abzielt. Die bislang erreichte Kapazität sei gut geeignet für die Führung von weitreichenden Operationen nach kurzer Vorwarnung und in hohem Tempo durch Ausnutzung von Verwirrung, Überraschung und Schockwirkung. Kein anderes Land in Europa außer Russland halte ein Streitkräftedispositiv mit derartigen Charakteristika vor.

  2. Russland habe seit 2009 in jedem Frühherbst eine Kriegsschauplatz-weite Großübung mit veränderter, insgesamt aber zunehmender Tiefe durchgeführt. An ihnen seien zwischen 60.000 und 155.000 Soldaten beteiligt gewesen. Keine andere Nation in Europa führe derart umfangreiche und tiefgreifende Übungen durch. Der erste Übungszyklus (2009 bis 2012) derartiger Kriegsschauplatz-weiten Übungen (Zapad/Vostok/Tsentr/Kavkaz) habe der Entwicklung von regionalen Oberkommandos gegolten. Der zweite Zyklus (2013 bis 2016) habe zusätzlich zwei weitere Ziele verfolgt: die Streitkräfte-weite Einsatzbereitschaft durch häufige und unangekündigte Alarmübungen zu verbessern sowie die Mobilisierung und Koordinierung in einem Gesamtverteidigungsansatz auf Regierungsebene zu optimieren (Whole of Government). Dass die Übung Zapad 2017 letztlich doch weniger umfangreich war als die Übungen im Zyklus 2013–2016 und die Frequenz von unangekündigten Alarmübungen zurückgefahren worden sei, deute darauf hin, dass die Übungsziele im zweiten Zyklus wohl zufriedenstellend erreicht worden seien. Ressourcenknappheit könnte ein weiterer Grund sein. Beides sei allerdings kein Grund zur Beruhigung. Vielmehr sei davon auszugehen, dass Russland nun über eine sichere Kapazität zu weitreichenden militärischen Handlungen verfüge. Das bedeute, dass es zu Druckausübung in Form von Kriegsschauplatz-weiten Operationen in einer strategischen Richtung unter Einsatz von Truppen bis zu 150.0000 Soldaten imstande sei. All diese Entwicklungen zusammen hätten eine neue Ausgangslage in Europa geschaffen.

  3. Des Weiteren sei klar erkennbar, dass die russischen Praktiken, trotz ihrer Verwurzelung in den strategischen Präferenzen des sowjetischen Denkens vor vier Jahrzehnten, nicht nur in vielerlei Hinsicht wiederbelebt, sondern auch an die gegenwärtigen geopolitischen Gegebenheiten und technologischen Umstände angepasst worden seien.

Im Kapitel über „Kampf und hybride Kriegführung in der gegenwärtigen russischen Praxis“ weist der Autor auf die besondere Bedeutung bestimmter Fähigkeiten hin: Streitkräfte-weite hohe Einsatzbereitschaft, Fähigkeit zu Mobilität und transkontinentaler Verlegung von Kräften über die Weiten des russischen Territoriums; wirksamer Schutz gegen die Kräfte des Gegners, insbesondere weitreichende, präzise Luftschläge und entscheidende, tiefe Operationen gegen gegnerische Verbände; Führungsfähigkeit in unklaren Lagen und widerstandsfähige Logistik. Der Grundsatz „Feuer ist wichtiger als Kräfte“ bedeute weiterhin hohe Wertschätzung von massierter Artillerie und Raketenwerfern als Kampfunterstützungs-Enablern. Dieses Prinzip gehe einher mit der Vorliebe für rasche Vorstöße kleiner, aber modernisierter gepanzerter Manöverkräfte in Tiefen von bis zu 300 km. Die 1. Garde-Panzerarmee sei ein solcher operativer Großverband. Auch wird vom Verfasser auf die Bedeutung der mehrfach redundanten Anti-Access/Area Denial (A2/AD)-Gebilde in Murmansk, Kaliningrad und Sevastopol hingewiesen, die gleichermaßen mit defensiven wie offensiven Kräften und Fähigkeiten ausgestattet und darauf ausgerichtet seien, operative Verstärkungskräfte des Gegners noch während der Verlegung in unverbundene Einzelelemente zu fragmentieren und so eine zusammenhängende Verteidigung zu unterbinden. Auch auf die rasante Entwicklung disruptiver Technologien, wie Laser und Hochgeschwindigkeits-Waffensysteme, ebenso wie die Integration von Aufklärung, Computern, Navigation, Zielplanung und elektronischer Kampfführung zu fortgeschrittenen und zunehmend verbundenen „Aufklärungs-Wirkungs-Komplexen“ bzw. „Elektronik-Feuer-Komplexen“ wird hingewiesen. Besonders die Nutzung des Cyber-Raums habe Eingang in die russische „militärische Revolution“ gefunden.

Aus den russischen Übungsmustern kristallisiert der Autor 10 Merkmale als kennzeichnende Zielesetzung heraus:

  • (1)

    Vorbereitung für weitreichende Kriegführung gegen einen fähigen Gegner;

  • (2)

    Verfeinerung der Führungsarrangements;

  • (3)

    Verbesserung der Einsatzbereitschaft und Reaktionsfähigkeit der Streitkräfte;

  • (4)

    Strategische Verlegung und Bewegung der Kräfteformationen;

  • (5)

    Teilstreitkraftübergreifende Integration des Gefechts der verbundenen Waffen;

  • (6)

    Evaluierung alternativer Streitkräftestrukturen;

  • (7)

    Mit Luftlande- und amphibischen Kräften erzwungene Anfangs- und Eintrittsoperationen;

  • (8)

    Elektronische Kriegführung und Informationsoperationen;

  • (9)

    Koordinierung von Gesamt-Regierungshandeln und gesellschaftliche Mobilmachung;

  • (10)

    Implementierung der in Syrien und der Ukraine gelernten Lektionen.

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass seit 2009 offenkundig ist, dass sich die russischen Streitkräfte rasch von den fast zwei Jahrzehnten des Niedergangs seit Ende des Kalten Krieges erholten. Dies sei einhergegangen mit stetigem Interesse an den operativen Konzepten, Kommandostrukturen und Übungspraktiken der 1970er und 1980er Jahre, zusammen mit nachhaltigen Investitionen in entsprechende Fähigkeiten, wie massives Feuer, tiefe Schläge, Luft-Boden-Überwachung, elektronische und Cyber-Kriegführung. Die Rekonstituierung der Führungsfähigkeit und der Kampffähigkeit für weitgreifende Kriegsführung im gesamten Informations-, elektromagnetischen, konventionellen und nuklearen Spektrum bedeute einen präzedenzlosen Abschied von der Nach-Kalte-Kriegs-Ära eines Europa mit geringen Spannungen und einem kooperativen Umfeld. Heute sei Russland die einzige Nation in Europa, die unangekündigte Alarmübungen veranstalte und ihre Truppen regelmäßig für Operation mit einem Kräfteansatz von 60.000–150.000 trainiere und übe. Dies sei die neue Normalität und der neue strategische Ausgangspunkt. Hiergegen habe sich die Allianz in einem abgestuften und maßvollen Ansatz mit einem Abschreckungs- und Verteidigungsdispositiv wappnen müssen – bei gleichzeitiger Offenheit für Dialog und Engagement mit Russland. – Diego Ruiz Palmer gehört zu den ältesten, noch in der NATO aktiven Beamten des Internationalen Stabes im NATO Hauptquartier und ist ein ausgewiesener Zeitzeuge der Spätphase des Ost-West-Konflikts der 1970er und 1980er Jahre. Auf den ersten Blick ist man versucht, die Untersuchung als Produkt eines „kalten Kriegers“ abzutun, der die Ähnlichkeiten überbetont, die Putins Russland mit dem militärischen strategischen Denken der Sowjetunion zeigt. Auf den zweiten Blick – und besonders, wenn man die mehrfachen ausdrücklichen Bezüge auch auf in die gleiche Richtung gehende Ergebnisse von Studien der Forschungsagentur des schwedischen Verteidigungsministeriums (FOI) aus dem Jahr 2016 berücksichtigt – wird deutlich, dass man dem Autor damit Unrecht täte und sich selbst um einen sehr hilfreichen und notwendigen Erkenntnisgewinn brächte. Dieser lautet im Kern: Putins kleiner gewordenes Russland orientiert sich seit 2009 wieder konsequent an alten vermeintlichen Erfolgsrezepten und Prinzipien der vormaligen großen Sowjetunion, die eine militärische Supermacht vor allem in Europa war. Russlands Führer wenden drei dieser Erfolgsrezepte auf die – grundlegend veränderten – geographischen, kräftemäßigen und technologischen Gegebenheiten der Gegenwart in angepasster Form konsequent an: (1) durch die Schaffung von Oberkommandos für großräumige regionale Kriegsschauplätze; (2) durch großangelegte strategische Übungen in der Größenordnung von 100.000 bis 150.000 Soldaten; und (3) durch ein nationales Gesamtverteidigungs-Konzept.

Dies erfolge, so der Verfasser, allerdings mit deutlich kleinerem Kräfteansatz und verringerter strategischer Reichweite. Somit folgt das heutige russische strategische Denken den im sowjetischen strategischen Denken bevorzugten Prinzipien, aber mit vergleichsweise geringerem und weniger ruinösem Aufwand. Gleichwohl betreibt Russland damit ein in Europa noch immer präzedenzlos hohes militärisches Dispositiv, wie kein anderer euroatlantischer Staat, und hält sich damit ein einzigartiges Spektrum militärischer Option zur Machtanwendung offen.

Dieses sowjetisch geprägte Verständnis von Kriegsschauplatz-weiten Operationen stellt die Nordatlantische Allianz seit 2014 vor enorme Herausforderungen. Trotz zahlreicher politischer Vorgaben von Mitgliedstaaten, jeden Rückfall in den „Kalten Krieg“ zu vermeiden, muss sich die NATO mit russischen strategischen Präferenzen aus eben diesem Kalten Krieg auseinandersetzen und diese wirksam kontern. Im Rahmen des zu stärkenden Abschreckungs- und Verteidigungsdispositivs der Allianz, wie in Wales und Warschau beschlossen, erfordert dies auch von ihr einen deutlich höheren Ressourceneinsatz und die Wiederaufstellung von Großverbänden mit modernen und umfassenden Fähigkeiten. Ebenso nötig sind auch wieder Führungskommandos in der Integrierten NATO-Kommandostruktur sowie in der Streitkräftestruktur der Mitgliedstaaten, die zur Planung und Führung von großangelegten Operationen im Rahmen bündnisgemeinsamer Gesamtverteidigung in der Lage sind. Dazu gehört nicht zuletzt auch die Wiederaufnahme entsprechender Großübungen durch die NATO als multilaterales Bündnis im engen Zusammenwirken mit der EU, ebenso wie nationale zivil-militärische Verfahrensübungen ihrer Mitgliedstaaten.

Einer der Schlüsselsätze der Studie lautet: „Während die entstehenden strategischen Gegebenheiten und die Sogwirkung von Innovation die russischen Streitkräfte unausweichlich von früheren sowjetischen Praktiken wegbewegen, so würde es bei der Einschätzung von Russlands gegenwärtiger und zukünftiger Macht unklug sein, den dauerhaften intellektuellen und operationellen Einfluss zu vernachlässigen, den ein vertrautes sowjetischen Modell weiterhin auf eine neue Generation russischer militärischer Führer ausübt“.

http://www.ndc.nato.int/download/downloads.php?icode=547

About the article

Published Online: 2018-09-09

Published in Print: 2018-09-03


Citation Information: SIRIUS - Zeitschrift für strategische Analysen, Volume 2, Issue 3, Pages 296–298, ISSN (Online) 2510-2648, ISSN (Print) 2510-263X, DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2018-3016.

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