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SIRIUS – Zeitschrift für Strategische Analysen

[SIRIUS: Journal of Strategic Analysis ]

Editor-in-Chief: Krause, Joachim

Ed. by Kamp, Karl-Heinz / Masala, Carlo / Wenger, Andreas

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ISSN
2510-2648
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Russlands Nuklearstrategie gegenüber Europa – wie organisiert man Abschreckung gegen Deeskalation mit nuklearen Schlägen?

Matthew Kroenig
  • Corresponding author
  • Associate Professor an der Edmund A. Walsh School of Foreign Service an der Georgetown Universität und Deputy Director for Strategy in the Scowcroft Center for Strategy and Security at the Atlantic Council, Washington, D.C., USA,
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Published Online: 2018-12-14 | DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2018-4002

Zusammenfassung

Wie können die Vereinigten Staaten und ihre NATO-Verbündeten russische nukleare Deeskalationsangriffe abschrecken? Die russische Nuklearstrategie fordert im Fall eines Konflikts mit der NATO den frühzeitigen Einsatz von Kernwaffen, mit dem Ziel, westliche Regierungen dazu zu zwingen, um Frieden zu ersuchen, oder aber eine weitere, potenziell katastrophale nukleare Eskalation zu riskieren. Viele westliche Wissenschaftler und Analytiker haben diese Drohung erkannt, aber bislang ist keine klare Abschreckungsstrategie dagegen formuliert worden. Dieser Aufsatz analysiert potenzielle Strategien zur Abschreckung russischer nuklearer „Deeskalationsschläge“ und zur Vereitelung russischer nuklearer Zwangsmittelandrohung. Er vertritt die These, die NATO müsse Russland davon überzeugen, dass jeder nukleare Schlag nicht zu einer Deeskalation, sondern zu einer weiteren nuklearen Eskalation führen werde. Anders gesagt, die USA müssen damit drohen, auf russische nukleare Deeskalationsschläge hart und glaubwürdig zu reagieren, und Russland klarmachen, dass dies auch einen begrenzten nuklearen Vergeltungsschlag einschließen könnte.

Executive Summary

How can the United States and its NATO allies deter Russian nuclear de-escalation strikes? Russian nuclear strategy calls for the early use of nuclear weapons in the event of a conflict with NATO with the goal of forcing Western leaders to sue for peace or risk further, potentially catastrophic, nuclear escalation. Many Western scholars and analysts have recognized this threat but, to date, have not yet articulated a clear deterrence strategy for addressing it. This report presents an analysis of possible approaches for deterring Russian nuclear “de-escalation” strikes and for negating Russian nuclear coercion. It argues that NATO must convince Russia that any nuclear strike will not lead to de-escalation, but only to further nuclear escalation. In other words, the United States must threaten that Russian nuclear de-escalation strikes will be met with a tough and credible response, and that the response could include a limited nuclear reprisal.

Schlüsselbegriffe: Russland; Kernwaffen; Nuklearstrategie; Europäische Sicherheit

Keywords: Russia; Nuclear weapons; nuclear strategy; European security

1 Einleitung

Die russische Nukleardoktrin für regionale Kriege verlangt im Falle eines Konflikts mit einem Gegner wie der NATO den frühzeitigen Einsatz von Kernwaffen. Im Rahmen eines regionalen Kriegsszenarios für Europa könnte dies zu einer Strategie führen, mit der Russland – nach einem begrenzten und erfolgreichen konventionellen Angriffskrieg gegen Nachbarstaaten – westliche Regierungen mit der Drohung nuklearer Angriffe dazu zwingen will, um Frieden nachzusuchen oder eine weitere, potentiell katastrophale nukleare Eskalation zu riskieren.1 Diese Strategie zielt offenkundig darauf ab, die NATO vor das Dilemma zu stellen, zwischen „Selbstmord und Kapitulation“ zu wählen.2 Die Strategie stellt die NATO vor Probleme, und zwar nicht nur im Fall eines größeren Krieges in Europa, sondern auch schon jetzt. Russland hat mit nuklearen Zwangsmitteln gedroht, und wird dies auch weiterhin tun, um Bemühungen der NATO, russischen Aggressionen in seiner unmittelbaren Nachbarschaft entgegenzutreten, zu durchkreuzen, die Allianz zu spalten und seine expansiven Ziele zu erreichen, ohne einen umfassenden Konflikt herbeizuführen.3 Die Frage ist: Wie gehen die Vereinigten Staaten und ihre NATO-Verbündeten damit um und wie können sie Russland von nuklearen „Deeskalationsschlägen“ abhalten?

Viele westliche Wissenschaftler und Analytiker haben diese Gefahr erkannt.4 Einige haben begonnen, Lösungen für diese Herausforderung vorzuschlagen, dazu gehören auch Optionen zur Stärkung der nuklearen Fähigkeiten der USA und der NATO.5 Bis heute hat diese Debatte jedoch viele wichtige strategische und politische Erwägungen ausgeblendet, die erörtert werden sollten, bevor Empfehlungen zu den eigenen Fähigkeiten abgegeben werden. Schließlich muss man zuerst seine Strategie festlegen, bevor man wissen kann, welche Fähigkeiten notwendig sind, um die Anforderungen der Strategie zu erfüllen. Darum geht es in diesem Beitrag.

Dieser Aufsatz analysiert mögliche Strategien, um Russland davon abzuhalten, selektive Nuklearschläge als ein Instrument zu nutzen, um einen Krieg zu russischen Bedingungen zu beenden (nukleare Deeskalationsschläge) und um die russische Drohung mit nuklearen Zwangsmitteln ins Leere laufen zu lassen. Die hier vertetene These lautet, dass die russische Strategie auf der Annahme basiert, dass Russland in drei relevanten Bereichen einen Vorteil besitzt: Russlands Interessen an den entsprechenden Regionen und Ländern sind stärker ausgeprägt als diejenigen der Kernländer des Westens, Russland geht entschlossener vor als die westlichen Staaten, und Russland verfügt über die besseren militärischen Fähigkeiten. Daher muss die NATO bei ihrer Reaktion versuchen, diesen drei Asymmetrien Rechnung zu tragen. Die NATO muss Russland davon überzeugen, dass jeglicher Einsatz von Kernwaffen Moskau nicht in die Lage versetzen wird, seine Ziele zu erreichen, sondern dass Russland lediglich untragbar hohe Kosten erwarten muss. Insbesondere müssen die USA und die NATO klarstellen, dass nukleare Deeskalationsschläge nicht zu einer Deeskalation führen und die NATO nicht davon abhalten werden, ihre Strategie weiterzuverfolgen. Sie müssen damit drohen, selektive russische Atomschläge robust und glaubwürdig und möglicherweise auch mit einem begrenzten nuklearen Vergeltungsangriff zu beantworten. Sie müssen Russland auch davon überzeugen, dass sie den Willen und die Fähigkeiten besitzen, mit dieser Drohung ernst zu machen. Dazu ist es erforderlich, dass die USA und die NATO ihre deklaratorische Politik, die strategische Kommunikation, das Bündnismanagement, die Kriegsplanung und ihre nuklearen Fähigkeiten anpassen und verbessern.

Zu diesem Zweck analysiert der Artikel das gesamte Spektrum möglicher Reaktionen auf selektive russische nukleare Deeskalationsschläge, nämlich Kapitulation, eine rein konventionelle Antwort, eine begrenzte nukleare Reaktion und massive nukleare Vergeltung. Dieser Artikel empfiehlt, in der US- und NATO-Strategie besonderen Nachdruck auf die Androhung eines begrenzten nuklearen Vergeltungsschlags zu legen, da ein solcher womöglich der einzige Weg ist, um eine hinlänglich kostspielige und glaubwürdige Abschreckung gegen die russische nukleare Bedrohung bereitzustellen. Die empfohlene Strategie zielt nicht darauf ab, die Strategie und die Fähigkeiten Russlands zu kopieren, sondern vielmehr, in den Worten Sunzus (Sun Tzus), darin, „die Strategie des Feindes zu durchkreuzen“.6

Gegenwärtig scheinen russische Regierungsvertreter zu glauben, ein begrenzter russischer Einsatz von Kernwaffen werde die westliche Allianz zum Einlenken bewegen; der in diesem Beitrag empfohlene Ansatz zielt darauf ab, Moskau eines Besseren zu belehren. Was für die US-Nuklearstrategie insgesamt gilt, trifft auch hier zu: Ein potenzieller nuklearer Vergeltungsschlag wird nicht deshalb angedroht, weil man unbedingt einen Atomkrieg führen will. Im Gegenteil, ein Atomkrieg sollte unbedingt vermieden werden.

Der Aufsatz ist in fünf Teile untergliedert. Zunächst analysiert er die Herausforderung, die die Nuklearstrategie und die nuklearen Fähigkeiten Russlands darstellen. Zweitens diskutiert er die Schwächen in der Abschreckungsdoktrin der USA und der NATO, welche die russische Strategie auszunutzen versucht. Drittens wägt der Aufsatz die möglichen Alternativen für die USA und die NATO ab und gelangt zu dem Schluss, dass die optimale Strategie die Option einer Drohung mit einem begrenzten nuklearen Vergeltungsschlag umfassen muss. Viertens empfiehlt der Aufsatz eine zielgerichtete Vorgehensweise zur Behebung der Defizite in der Abschreckungsdoktrin der USA und der NATO einschließlich der damit verbundenen Konsequenzen für die NATO-Strategie, die deklaratorische Politik, das Bündnismanagement, Kriegsplanung und Fähigkeiten. Fünftens diskutiert er mögliche Argumente gegen diese Empfehlungen.

2 Die erneuerte russische Nukleardrohung

In diesem Abschnitt untersuchen wir die erneuerte russische Nukleardrohung. Da diese Herausforderung bereits an anderer Stelle eingehend analysiert worden ist, werden wir uns hier mit einer kurzen Zusammenfassung der Nuklearstrategie und der nuklearen Fähigkeiten Russlands begnügen.7 Während des Kalten Krieges befürchtete der Westen einen Angriff Russlands einschließlich eines massiven nuklearen Erstschlags, der darauf abzielen würde, die nuklearen Fähigkeiten der USA und der NATO auszuschalten oder zu schwächen. Nach dem Ende des Kalten Krieges nahm der Westen 25 Jahre lang keine akute nukleare Bedrohung durch Russland wahr, und in amtlichen Dokumenten wurde diese Gefahr als „sehr gering“ (remote) beschrieben.8 Leider geht von den russischen Kernwaffen heute erneut eine Bedrohung aus, aber diese unterscheidet sich von derjenigen, der sich die NATO während des Kalten Krieges ausgesetzt sah. Das größte Risiko für den Einsatz von Kernwaffen ist heute eine begrenzte nukleare Eskalation im Fall eines konventionellen Konfliktes (selektiver Atomschlag).

2.1 Kernwaffen im Rahmen der Russischen Militärstrategie

Im Fall eines größeren bewaffneten Konflikts mit der NATO sieht die russische Strategie nach Darstellung der US-Regierung die Möglichkeit nuklearer Deeskalationsschläge vor.9 Russland könnte zum Beispiel eine Kernwaffe oder eine kleine Zahl von Kernwaffen gegen militärische Ziele der NATO einsetzen, etwa gegen Stützpunkte, Bodentruppen, Schiffe oder Flugzeuge. Es könnte auch Bevölkerungszentren angreifen. Ein solcher Angriff könnte in der Spätphase eines Krieges angeordnet werden, um eine unmittelbar bevorstehende Niederlage abzuwenden. Alternativ könnte er auch in der Frühphase eines Konfliktes durchgeführt werden, um den Westen davon abzuhalten, Truppen an Konfliktschauplätze in Osteuropa zu verlegen.

Diese Strategie folgt der klassischen Logik eines begrenzten Nuklearkriegs.10 Durch den Einsatz von Kernwaffen würde Moskau seine Entschlossenheit demonstrieren und seine Bereitschaft zu einer zukünftigen katastrophalen Ausweitung der nuklearen Eskalation signalisieren. Bei einem lediglich begrenzten Einsatz von Kernwaffen hätte der Westen jedoch auch weiterhin viel zu verlieren. Westeuropa und die USA blieben vermutlich unversehrt. Wenn westliche Regierungen den Krieg weiterführen würden, bestünde allerdings die Gefahr eines ausgedehnten nuklearen Schlagabtauschs, der westliche Bevölkerungszentren bedrohen könnte. Daher zielt die russische Strategie darauf ab, westlichen Regierungen einen Anreiz zu bieten, zu kapitulieren anstatt sich auf eine potenziell unkontrollierbare nukleare Eskalation einzulassen. Diese Strategie ist riskant und gefährlich und könnte in einen Atomkrieg zwischen Russland und dem Westen münden. Das Risiko eines nuklearen Schlagabtauschs zwischen Russland und den Vereinigten Staaten ist heute zwar noch immer sehr niedrig, aber dennoch höher als zu jedem anderen Zeitpunkt seit den gefährlichsten Phasen des Kalten Kriegs.

Stellen wir uns folgendes Szenario vor: Russland führt eine Operation im Stil eines „Hybridkriegs“ in einem der baltischen Staaten durch.11 Anders als der Vorstoß russischer Truppen auf ukranisches Territorium im Jahr 2014 wäre dies ein Angriff auf ein NATO-Mitglied, und die Vereinigten Staaten müssten reagieren. Daher beruft sich die NATO auf Artikel 5 und beginnt mit einer großangelegten konventionellen militärischen Kampagne, um die russischen Streitkräfte aus dem Baltikum zu vertreiben. Angesicht der drohenden Niederlage in einem Krieg gegen konventionell überlegene NATO-Streitkräfte an seinen Grenzen beschließt der russische Staatspräsident Vladimir Putin, eine Kernwaffe gegen einen NATO-Luftstützpunkt in Polen einzusetzen. Versetzen Sie sich in die Lage des US-Präsidenten. Wie würden Sie reagieren? Würden Sie klein beigeben, um weitere nukleare Angriffe abzuwenden, in dem Wissen, dass dies bedeuten würde, den Krieg zu verlieren und alliiertes Territorium an Russland abzutreten, was möglicherweise das Ende der NATO und der Glaubwürdigkeit der globalen Beistandsverpflichtungen der USA zur Folge hätte? Oder würden Sie den Krieg fortsetzen oder einen eigenen nuklearen Vergeltungsschlag führen, in dem Wissen, dass dieser einen umfassenden nuklearen Schlagabtausch nach sich ziehen könnte? Es ist tatsächlich ein schwieriges Dilemma, und die russische Strategie basiert auf der Vorstellung, dass westliche Regierungen die Unterwerfung der Verwüstung vorziehen würden.

Eine Minderheit westlicher Analytiker bezweifelt, dass diese Strategie des „Eskalierens, um zu deeskalieren“ wirklich Bestandteil der russischen Nukleardoktrin ist, aber westliche Entscheidungsträger gehen davon aus.12 Gegnerische Absichten sind in der internationalen Politik immer ein wenig ungewiss, und das gilt auch für mögliche russische Deeskalationsschläge.13 Für realistische Bedrohungseinschätzungen muss man daher Fähigkeiten und Absichten analysieren. Wie im nächsten Abschnitt gezeigt, besitzt Russland zweifellos die Fähigkeiten, um diese Strategie umzusetzen. Es gibt auch umfangreiche Anhaltspunkte für die Absichten Russlands, unter anderem plausible Interpretationen der offiziellen russischen Militärdoktrin; Schriften und Aussagen russischer Strategen und Generäle; explizite nukleare Drohungen hochrangiger russischer Amtsträger; Manöver, die mit simulierten Atomschlägen enden (an einigen davon war Präsident Putin selbst direkt beteiligt); Investitionen in neue Kernwaffen (wie etwa kernwaffenfähige Marschflugkörper), die wie maßgeschneidert für diese Strategie zu sein scheinen, und die demonstrative Stationierung dieser Fähigkeiten in Kaliningrad, von wo aus ausgewählte europäische Ziele erreicht werden können.14 Kurzum, es sprich so viel dafür, dass die Gefahr real ist, dass es unklug wäre, wenn die Verantwortlichen in den USA und bei der NATO sie nicht ernst nehmen würden.

Andere behaupten, die Gefahr russischer nuklearer Deeskalationsschläge sei zwar real gewesen, aber nunmehr vorbei. Diesem Argument zufolge stützte sich Russland wegen seiner Schwäche im konventionellen Bereich auf seine Kernwaffen, aber jetzt, wo seine konventionelle Modernisierung rasche Fortschritte mache, verlasse es sich weniger auf Kernwaffen. Insbesondere die Entwicklung neuer konventioneller Angriffsfähigkeiten, wie des Kalibr-Marschflugkörpers, bedeute, dass Russland viele der gleichen Ziele ohne die Kosten einer nuklearen Eskalation erreichen könne, indem es „prä-nukleare“ Angriffe durchführe.15 Aber Russland ist noch nicht soweit. Vielleicht hat es vor, langfristig konventionelle Waffen für diesen Zweck einzusetzen, aber gegenwärtig ist Russland noch in hohem Maße auf Kernwaffen angewiesen. Außerdem spricht die Tatsache, dass die Russen selbst diese Art von konventionellem Angriff als „prä-nuklear“ bezeichnen, dass dieser lediglich ein Auftakt zu anschließenden Atomschlägen ist oder zumindest sein könnte. Wenn das Ziel einer Strategie des „Eskalierens, um zu deeskalieren“ darin besteht, einen Gegner durch „Schock“ zum Aufgeben zu bewegen, genügen konventionelle Angriffe möglicherweise nicht, sodass Kernwaffen nötig sein könnten, um das strategische Ziel zu erreichen.

Wieder andere Kritiker behaupten, der Westen missverstehe die russische Nuklearstrategie, aber in der entgegengesetzten Richtung; er überschätze die Hürden für einen russischen Kernwaffeneinsatz. Vielen seien der Meinung, deeskalierende Atomschläge seien ein letztes Mittel, das Moskau nur bei einer drohenden verheerenden konventionellen Niederlage einsetzen würde, aber diese Kritiker fragen: Warum sollte Russland so lange warten? Vielmehr werde Russland wahrscheinlich bereits gleich zu Beginn eines Konflikts Kernwaffen einsetzen, um die NATO davon abzuhalten, Truppen an den Kriegsschauplatz zu verlegen, und so eine größere konventionelle Auseinandersetzung zu verhindern. Wenn dies der Fall ist und Russland in einer breitgefächerten Palette von Szenarien begrenzte Atomschläge ins Auge fassen könnte, haben die Vereinigten Staaten und die NATO noch mehr Gründe dafür, eine wirkungsvolle Abschreckung gegen diese Drohung zu entwickeln.

2.2 Russische Fähigkeiten

Zusammen mit den Vereinigten Staaten ist Russland eine führende Atommacht, und es besitzt die militärischen Fähigkeiten, um seine Nuklearstrategie umzusetzen. Auf strategischer Ebene hält Russland eine Triade aus atomar bewaffneten U-Booten, Bombern und ballistischen Interkontinentalraketen aufrecht.16 Russland schließt ein Modernisierungsprogramm ab und hat neue Systeme in allen drei Säulen seiner Triade eingeführt oder ist dabei, dies zu tun. Entsprechend den Bestimmungen des New START-Abkommens wird Russland bis Februar 2021 nicht mehr als 1.550 strategische Nuklearsprengköpfe stationieren.

Vielleicht besorgniserregender ist jedoch Russlands großes Arsenal an nichtstrategischen Kernwaffen. Dieses Arsenal umfasst Tausende von Sprengköpfen unterschiedlicher Sprengkraft (Detonationswerte) auf einer breiten Palette von Trägerplattformen. Russland besitzt viele Sprengköpfe mit Detonationswerten von unter einer Kilotonne. Zu den Trägersystemen gehören seegestützte, bodengestützte und luftgestützte Marschflugkörper, Torpedos, Wasserbomben, Luft-Boden-Raketen, Freifallbomben und andere.17 Aufgrund dieser Fülle unterschiedlicher Detonationswerte und Trägersysteme eignen sich die taktischen Atomstreitkräfte Russlands hervorragend für deeskalierende Atomschläge. Außerdem entwickelt Russland völlig neue Nuklearsysteme wie etwa eine nukleare Unterwasserdrohne, und es modernisiert angeblich auch seine taktischen Nuklearstreitkräfte.18 Bei einem Land, das eine Wirtschaftskrise durchmacht, sprechen diese Ausgaben dafür, dass Kernwaffen eine Priorität sind und einen wichtigen Platz in der russischen Strategie einnehmen.

3 Die Defizite in der Nuklearstrategie der USA und der NATO

Die russische Strategie basiert auf der Annahme, dass Moskau eher bereit ist, die Risiken eines begrenzten Atomkriegs in Osteuropa einzugehen als Washington und andere westliche Hauptstädte. Klassische Theorien der nuklearen Eskalation, Brinkmanship (Drohung, bis zum Äußersten zu gehen) und Abschreckung behaupten, dass die Bereitschaft eines Staates, sich auf einen „Wettstreit in Risikofreudigkeit“ einzulassen, von den Interessen (die auf dem Spiel stehen), der Entschlossenheit und den Fähigkeiten abhängen.19 Präsident Putin scheint zu glauben, dass er auf all diesen Feldern im Vorteil ist.

3.1 Unterschiede beim Gewicht der Interessen

Präsident Putin ist allem Anschein nach der Ansicht, dass die strittigen Fragen in Osteuropa für ihn eine größere Bedeutung haben als für die USA, die NATO und andere westliche Mächte. Es steht außer Frage, dass für Russland erhebliche Interessen auf dem Spiel stehen. Russland betrachtet einen Großteil Osteuropas als seine legitime Einflusssphäre. Die baltischen Staaten und die Ukraine waren Teil der Sowjetunion und des russischen Zarenreichs gewesen, und während des Kalten Krieges und davor waren weite Gebiete Osteuropas von Moskau beherrscht worden. Präsident Putin hat erklärt, der Zusammenbruch der Sowjetunion sei die „größte geopolitische Katastrophe des 21. Jahrhunderts gewesen“ und er hat sich vorgenommen, Russland wieder zu früherer Größe zurückzuführen.20 Außerdem ist Russland der Ansicht, dass von Staaten an seinen Grenzen, die Sicherheitsbündnissen mit potenziell feindlichen Mächten beitreten und politische und ökonomische Modelle übernehmen, die das russische System untergraben könnten, eine womöglich existenzielle Sicherheitsbedrohung ausgeht.21 Überdies leben in vielen an Russland angrenzenden Staaten russischsprachige Minderheiten, und Putin hat erklärt, dass er diese Bevölkerungsgruppen vor angeblicher Diskriminierung beschützen will.22

Aus russischer Sicht wird der Stellenwert Osteuropas für die USA als viel geringer eingeschätzt. Die USA sind geografisch weit von Osteuropa entfernt, und sie haben keine starken ethnolinguistischen oder durch Einwanderergruppen am Leben gehaltene Bindungen zu den Völkern Osteuropas. Vor der NATO-Erweiterung unterhielten die Staaten Osteuropas und die USA zu keinem Zeitpunkt enge politische und ökonomische Beziehungen. Es ist leicht nachzuvollziehen, wie Putin zu dem Schluss gelangen konnte, dass ihn das, was in Osteuropa geschieht, stärker betrifft als die USA, und dass er daher bereit wäre, mehr zu riskieren, um seine Interessen zu wahren. Tatsächlich stimmen viele westliche Analytiker dieser Einschätzung zu. Seit den neunziger Jahren diskutieren Analytiker intensiv über die Frage, ob die NATO-Osterweiterung im Interesse der USA gewesen sei.23 Und in konkreten außenpolitischen Krisen haben westliche Analytiker selbst darauf hingewiesen, dass für Russland in dieser Region angeblich mehr auf dem Spiel steht. Als beispielsweise in Washington im Anschluss an die russische Invasion von 2014 darüber diskutiert wurde, der Ukraine Waffen zu liefern, behaupteten viele Experten in Washington, ein solches Vorgehen sei unklug, da in dem Konflikt für Moskau viel mehr auf dem Spiel stehe.24

3.2 Unterschiede im Bereich der Entschlossenheit

Die russische Strategie scheint auch auf der Annahme zu basieren, Moskau sei im Fall eines Krieges nötigenfalls eher bereit, Kernwaffen einzusetzen. Aus russischer Sicht ist diese Annahme verständlich. Seit dem Ende des Kalten Krieges waren die USA bestrebt, den Stellenwert von Kernwaffen in ihrer nationalen Sicherheitsstrategie zu verringern.25 Auch die Zahl ihrer Kernwaffen haben sie erheblich reduziert. Wissenschaftler haben beschrieben, dass westliche Regierungen durch ein „nukleares Tabu“ in ihrer Handlungsfreiheit eingeschränkt werden und dass der Einsatz von Kernwaffen für US-amerikanische Entscheidungsträger „undenkbar“ geworden ist.26 Diese Trends mögen unter Präsident Barack Obama ihren Höhepunkt erreicht haben. Er erklärte, er strebe eine Welt ohne Kernwaffen an, und unternahm mehrere konkrete Schritte in diese Richtung.27 Zusätzlich zu einer strategischen Präferenz, möglichst auf den Einsatz von Kernwaffen zu verzichten, ist der Westen mit dem Problem eines schwierigen NATO-Bündnismanagements und innenpolitischer Konflikte in Westeuropa konfrontiert. Von jeher werden wichtige Entscheidungen innerhalb der NATO einstimmig getroffen, aber unter 29 Ländern Einvernehmen zu erzielen, ist grundsätzlich schwierig. Und bei strittigen Fragen, die Kernwaffen betreffen, gilt dies umso mehr. Diese Schwierigkeiten sind teilweise auf innenpolitische Faktoren in den Mitgliedstaaten zurückzuführen. In einigen westlichen Demokratien stoßen Atomwaffen auf breite Ablehnung. Der NATO-Beschluss in den achtziger Jahren, in Europa Pershing-Raketen zu stationieren, löste in Deutschland Massenproteste aus, und einige befürchteten damals, die Kontroverse könne zum Zerbrechen der Allianz führen.28 Gegenwärtig halten es die traditionelle Führungsmacht der Allianz, die Vereinigten Staaten, und verwundbare osteuropäische Frontstaaten für nötig, die Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeiten der NATO zu stärken, während sich einige westeuropäische Staaten dagegen sträuben, und zwar vor allem aus innenpolitischen Gründen. Folglich verläuft die hauptsächliche Konfliktlinie bei diesen Fragen innerhalb der NATO zwischen den Vereinigten Staaten und osteuropäischen Mitgliedstaaten einerseits und einigen großen westeuropäischen Staaten andererseits. Tatsächlich ist es in den letzten Jahren schwierig gewesen, bei so einfachen Dingen wie Erklärungen, die die russische Aggression verurteilten, Einvernehmen unter den NATO-Mitgliedern zu erzielen. Daher ist es wahrscheinlich, dass ein Beschluss über die Stärkung der nuklearen Fähigkeiten oder über den Einsatz von Kernwaffen höchst umstritten sein würde, und Maßnahmen in die eine oder andere Richtung könnten zu einem Zerwürfnis oder sogar einer Spaltung der Allianz führen. Russland hat diese Dynamik erkannt, und seine Strategie zielt darauf ab, diese Risse auszunutzen.

Russland hat in Bezug auf den Einsatz von Kernwaffen keine vergleichbaren Hemmungen. Denn Russland ist ein hoch zentralisierter, autoritärer Staat, und Präsident Putin könnte Atomschläge anordnen, ohne auf politischen Widerstand zu stoßen. Außerdem liegt der Einsatz von Kernwaffen für Russland, anders als für den Westen, durchaus im Bereich des Denkbaren. Wir wissen heute, dass russische Kriegspläne während des Kalten Kriegs den sofortigen und massiven Einsatz von Kernwaffen forderten, im Gegensatz zu den Theorien der stufenweisen Eskalation, die im Westen vorherrschten.29 Und diese eher lockere Einstellung zum Atomwaffeneinsatz dauert bis heute an. Wie bereits erwähnt: Präsident Putin und andere russische Amtsträger haben offen mit dem Einsatz von Kernwaffen gedroht, große russische Manöver endeten routinemäßig mit simulierten russischen Atomschlägen, und Präsident Putin selbst hat an einigen dieser Manöver teilgenommen.30 Obendrein werden die nuklearen Fähigkeiten Russlands in den russischen Medien in einer Weise gepriesen, wie dies im Westen gar nicht möglich wäre.31 Aufgrund dieser Faktoren gelangten russische Strategen zu dem Schluss, dass der Westen bei einem begrenzten Einsatz russischer Kernwaffen schlichtweg gelähmt wäre und nicht reagieren könnte.

3.3 Fähigkeiten

Nicht nur in Bezug auf Interessen und Entschlossenheit, sondern auch im Hinblick auf die Fähigkeiten für einen begrenzten Kernwaffeneinsatz ist Russland unbestreitbar im Vorteil. Wie oben erwähnt, besitzt Moskau eine breite Palette nuklearer Fähigkeiten unterschiedlicher Sprengkraft und Trägermechanismen. Im Fall eines Krieges mit der NATO könnte Russland taktische Kernwaffen mit erheblichen Gefechtsfeldwirkungen einsetzen. So könnte es zum Beispiel mit see-, luft- oder bodengestützten atomar bestückten Marschflugkörpern einen NATO-Luftwaffenstützpunkt oder eine europäische Stadt angreifen. Putin könnte den Einsatz eines nuklearen Torpedos gegen NATO-Schiffe in der Ostsee anordnen. Russland könnte auch nuklear bestückte Boden-Luft-Raketen gegen NATO-Flugzeuge einsetzen. Das sind nur einige von vielen weiteren Optionen.

Dagegen hat die NATO nur wenige glaubwürdige Optionen, um auf derartige Angriffe zu reagieren oder einen taktischen Atomkrieg zu führen.32 Die einzigen taktischen Kernwaffen der NATO sind rund 200 Freifallbomben, die auf Stützpunkten in mehreren europäischen Ländern lagern. Dies ist eine wichtige Fähigkeit für viele Einsatzzwecke, aber in den wahrscheinlichsten Konfliktzonen in Osteuropa können Flugzeuge, die diese ungelenkten Bomben tragen, wahrscheinlich nicht in Lufträume eindringen, die von hochmodernen russischen Flugabwehrsystemen gesichert werden. Alternativ verfügen die Vereinigten Staaten und die anderen NATO-Atommächte, Großbritannien und Frankreich, über strategische Kernwaffen, aber das Verbringen eines Sprengkopfs mit hohem Detonationswert auf einem strategischen Trägersystem von außerhalb des Kriegsschauplatzes geht mit dem Risiko der Eskalation zu einem größeren nuklearen Schlagabtausch einher, der westliche Bevölkerungszentren einem hohen Vergeltungsrisiko aussetzen würde. Die Vereinigten Staaten könnten nuklear bestückte Marschflugkörper (die angeblich eine Option mit niedrigem Detonationswert enthalten) mit B52-Bombern in Zielnähe bringen. Diese Option eignet sich für eine breite Palette von Eventualfällen, aber sie hat in einigen Szenarien auch mögliche Nachteile in Bezug auf unverzügliche Einsatzfähigkeit, Überlebensfähigkeit und Eskalationskontrolle.33 Kurzum, anders als Russland verfügt die NATO nicht über ein flexibles Arsenal von Waffen mit niedrigem Detonationswert, die im oder in der Nähe des Konfliktgebiets stationiert werden können und die zuverlässig die russische Luftverteidigung durchdringen können.

4 Abwägen möglicher strategischer Reaktionen

Abschreckung wirkt, wenn man einen Gegner davon überzeugt, dass die Kosten, die er im Fall eines Angriffs erleiden würde, bei weitem den möglichen Nutzen übersteigen, den sich der Angreifer davon erhofft. Im Atomzeitalter hat sich die Abschreckung in der Praxis auf Vergeltungsandrohungen konzentriert. Während des Kalten Krieges zum Beispiel entwickelten die Vereinigten Staaten und die NATO eine Reihe von Strategien, die unter Androhung einer kostspieligen nuklearen Vergeltung Russland von einer Invasion Westeuropas abhalten sollten. Gegenwärtig verfügt die NATO jedoch über keine klare Strategie zur Abschreckung russischer nuklearer Deeskalationsschläge. Wenn Russland einen solchen Angriff durchführen würde, wie würde die NATO dann reagieren? Theoretisch können die USA und die NATO aus einer breiten Palette von Reaktionsoptionen auswählen. Dieser Aufsatz plädiert nicht für eine vorherige Festlegung auf eine bestimmte angedrohte Reaktion auf einen russischen Angriff, unabhängig von den konkreten Umständen des Einzelfalls. Vielmehr ist der Autor der Auffassung, dass es innerhalb der Allianz einen allgemeinen Konsens über ein begrenztes Spektrum von Vergeltungsoptionen geben sollte, die wahrscheinlich aus Moskaus Sicht hinlänglich kostspielig und glaubwürdig sind, um eine russische Aggression verlässlich abzuschrecken.

Die konkrete Reaktion wäre selbstverständlich vom jeweiligen Szenario abhängig und würde von einer Reihe von Faktoren beeinflusst. Ein Angriff mit einer Kernwaffe von geringem Detonationswert auf ein militärisches Ziel würde eine andere Reaktion erfordern als ein atomarer Angriff auf eine europäische Stadt. Die USA und die NATO würden wahrscheinlich auch unterschiedlich reagieren, je nachdem, ob sie den Sieg vor Augen hätten oder ob sie sich in einer festgefahrenen Pattsituation befänden, und so weiter. Dennoch ist es möglich und nützlich, die allgemeinen Typen von Reaktionsoptionen und ihre Vor- und Nachteile für die Abschreckung eines begrenzten russischen Atomangriffs zu betrachten. Gegenwärtig stehen vier Strategien zur Diskussion: Kapitulation, rein konventionell, begrenzte nukleare Reaktion und massive nukleare Vergeltung.

4.1 Kapitulation

Einige behaupten, die USA und die NATO sollten bei einem russischen Atomschlag grundsätzlich kapitulieren. Ihres Erachtens lohne es sich schlichtweg nicht, wegen der baltischen Staaten einen Atomkrieg zu führen. Sie behaupten, Putin würde nur dann Kernwaffen einsetzen, wenn er wirklich mit dem Rücken zur Wand stehe, und in dieser Situation wäre es gefährlich, einen Krieg gegen ihn fortzusetzen. Sie räumen ein, dass es mit Kosten verbunden wäre, einen Krieg zu verlieren und ein NATO-Mitglied nicht zu verteidigen, aber sie beteuern, diese Kosten seien geringer als diejenigen eines massiven nuklearen Schlagabtauschs. Außerdem weisen sie darauf hin, dass Artikel 5 des NATO-Vertrags die USA lediglich dazu verpflichte, Bündnispartnern im Fall eines Angriffs beizustehen, aber keine näheren Angaben darüber mache, in welcher konkreten Form dieser Beistand erfolgen müsse. Der Nordatlantikvertrag enthält keine Klausel, die garantiert, dass die NATO jeden Krieg, den sie führt, gewinnen wird.

Diese Argumentation entbehrt nicht einer gewissen Logik, aber das Versprechen zu kapitulieren ist, gelinde gesagt, eine ineffektive Abschreckungsstrategie. Tatsächlich ist es die Vermutung, dass die USA und die NATO in einem solchen Szenario einfach klein beigeben würden, die Russland in seiner jüngsten Aggression und seinen nuklearen Drohungen bestärkte. Diejenigen, die diese Reaktion befürworten, würden im Grunde Russland erlauben, zu tun, was es will, solange es bereit ist, eine Kernwaffe oder zwei einzusetzen. Wenn dies die Strategie der NATO ist, weshalb sollte Moskau dann bei den baltischen Staaten Halt machen?

Überdies könnte diese Reaktion durchaus zum Ende des NATO-Bündnisses führen und die Glaubwürdigkeit der globalen US-Beistandsverpflichtungen untergraben. Wenn die NATO einen offiziellen Verbündeten nicht gegen einen Invasoren verteidigt, dann würden andere Staaten in Europa und weltweit daraus den Schluss ziehen, dass sie sich für ihre Verteidigung nicht länger auf die NATO und/oder die USA verlassen können und beginnen, die Dinge selbst in einer Weise in die Hand zu nehmen, die den US-Sicherheitsinteressen abträglich wäre. Wenn sich die NATO als ineffektiv erwiese, würden womöglich andere größere Staaten in Europa wie Polen oder Deutschland eigene nukleare Arsenale aufbauen. Man kann eine interessante theoretische Debatte über die Frage führen, ob die Ost-Erweiterung der NATO nach dem Ende des Kalten Kriegs im nationalen Interesse der USA gewesen ist, aber diese hat nun einmal stattgefunden, und es wäre unverantwortlich die NATO Erweiterung vorzunehmen, wenn es keinen überzeugenden Plan zur Verteidigung von Mitgliedsstaaten gäbe. Während es zweifellos schwierig ist, zwischen „Selbstmord oder Kapitulation“ zu wählen, würde eine effektive Abschreckungsstrategie darauf abzielen, den Gegner dazu zu bringen, gar nicht erst anzugreifen und so diese schwierige Entscheidung abzuwenden.34

4.2 Ausschließlich konventionelle Reaktion

Andere sind der Auffassung, die USA und die NATO sollten einen begrenzten russischen Atomangriff allein mit konventionellen Mitteln erwidern. Sie behaupten, Washington und seine Verbündeten seien zusammengenommen Russland im konventionellen Bereich überlegen und würden den Krieg über kurz oder lang gewinnen, ohne Kernwaffen einsetzen zu müssen. Außerdem weisen sie zurecht darauf hin, dass der Allianz ein breites Spektrum nicht-nuklearer, strategischer Waffen zu Gebote stehe, die in einem größeren Konflikt mit Russland nützlich sein könnten, wie etwa Cyber-, Weltraum- und Raketenabwehrsysteme und andere in der Entwicklung befindliche Technologien. Außerdem beteuern sie, dass der Westen ein Interesse daran habe, seine langjährigen Bemühungen, den Stellenwert von Kernwaffen in seiner Sicherheitspolitik zu verringern, weiterzuverfolgen. Daher würde der Einsatz oder die Androhung des Einsatzes von Kernwaffen dieses Tabu untergraben. Schließlich behaupten sie, der Westen sei Russland moralisch überlegen, und es wäre ein Fehler, sich auf das Niveau Russlands herabzulassen und dessen nukleare Drohungen und Fähigkeiten oder auch einen begrenzten russischen Kernwaffeneinsatz nachzuahmen.35

Dies ist eine in sich schlüssige Position, und eine reine konventionelle Antwort könnte zweifellos auf dem Tisch bleiben. Aber eine Vorfestlegung auf eine rein konventionelle Antwort und das Ausschließen einer nuklearen Reaktion haben auch erhebliche Nachteile.

Erstens ist es keinesweg sicher, dass die NATO allein mit konventionellen Streitkräften einen Krieg gegen ein Russland gewinnen kann, das bereit ist, nuklear zu eskalieren. Kernwaffen sind keine bloß symbolischen Waffen. Sie können verheerende Wirkungen auf dem Gefechtsfeld entfalten. Wenn Russland taktische Kernwaffen gegen NATO-Entladeflugplätze, NATO-Ausschiffungshäfen, Panzer, Schiffe und Flugzeuge einsetzt, wird die NATO vielleicht nicht in der Lage sein, ausreichende konventionelle Streitkräfte aufzubieten, um russische Kräfte zu bekämpfen und zu vertreiben. Außerdem sollte die NATO-Strategie nicht darauf abzielen, einen verheerenden Krieg mit Russland zu führen, sondern Russland davon abzuhalten, und Abschreckung bedeutet, sich in den potenziellen Aggressor hineinzuversetzen. Daher lautet die Schlüsselfrage: was ist notwendig, um Vladimir Putin davon abzuhalten, ein NATO-Mitglied anzugreifen. Die Androhung einer rein konventionellen Antwort dürfte für Putin nicht hinlänglich Furcht einflößend wirken, um als wirksame Abschreckung gegen einen Angriffskrieg zu dienen. Wenn man bedenkt, wie viel Aufhebens in der russischen Strategie um Kernwaffen gemacht wird, dann sollte man davon ausgehen, dass die politische und militärische Führung Russlands nukleare Drohungen als zweckdienlich erachtet. Eine NATO, die die Bedeutung von Kernwaffen stärker betonte, würde er wahrscheinlich nicht so leicht herausfordern.

Außerdem ist es im besten Sinne der US-Interessen, wenn allgemein erwartet wird, dass die USA auf einen russischen Atomangriff mit Kernwaffen antworten, statt deren Einsatz möglichst zu vermeiden. Wenn die NATO gegen einen russischen nuklearen Erstschlag keine nukleare Vergeltung übt, welche Lehre werden dann andere daraus ziehen? Eine Lehre könnte sein, dass der Westen moralisch rein ist und den Stellenwert von Kernwaffen in seiner Sicherheitspolitik verringern will, aber Außenstehende würden auch noch andere Lehren ziehen. Vladimir Putin würde daraus folgern, dass er keine nuklearen Vergeltungsmaßnahmen zu befürchten hat, wenn er Kernwaffen einsetzt, und er würde sich vielleicht ermutigt fühlen, in dem anstehenden Konflikt und in seiner Sicherheitspolitik allgemein weiterhin auf Kernwaffen zu setzen. Regierungen anderer Länder würden daraus den Schluss ziehen, dass sie im Fall eines Konfliktes mit den USA und ihren Verbündeten Kernwaffen einsetzen können, ohne einen nuklearen Vergeltungsschlag befürchten zu müssen. Dies würde sie dazu ermuntern, in ihrer Strategie verstärkt – nicht weniger – auf Kernwaffen zu setzen. Nichtatommächte hätten einen stärkeren Anreiz, sich selbst Kernwaffen zu beschaffen. Und die über dreißig US-Verbündeten weltweit, die für ihre Sicherheit auf den US-Nuklearschirm angewiesen sind, werden womöglich ihre Verteidigungspolitik überdenken. Wenn Washington selbst bei einem Atomangriff auf einen Verbündeten keine Kernwaffen einsetzen will, welche Sicherheit bietet der US-Nuklearschirm dann überhaupt? US-Verbündete hätten einen größeren Anreiz, eigene Kernwaffenarsenale aufzubauen.

Dies soll nicht heißen, dass eine nukleare Reaktion die sofortige und automatische Antwort auf einen feindlichen Atomangriff sein muss. Die geeignete Antwort wird von den Umständen und Details des Einzelfalls abhängen, die man nicht alle im Vorfeld genau kennen kann. Aber dies ist auch ein Grund, warum die USA und ihre Verbündeten sich in ihrer Strategie nicht auf eine ausschließlich konventionelle Reaktion auf einen russischen Atomschlag festlegen können. Es gibt gute Gründe dafür, warum die USA und ihre Verbündeten eine nukleare Reaktion für erforderlich halten: um eine russische Aggression abzuschrecken, um den Krieg zu gewinnen, wenn die Abschreckung scheitert, und um Abschreckung und Sicherheit im globalen Maßstab zu stärken. Kurzum, die NATO benötigt eine glaubwürdige nukleare Option, um dieser Herausforderung zu begegnen.

4.3 Massive nukleare Vergeltung

Andere behaupten, die NATO-Strategie zur Abschreckung eines russischen Atomangriffs sollte sich auf die Androhung einer massiven nuklearen Vergeltung stützen. Ihres Erachtens muss eine effektive Abschreckung die Dinge bedrohen, die den Gegnern am wertvollsten sind – und für Putin ist dies sein eigenes Leben, seine Machtposition und die Erhaltung der Funktionstüchtigkeit des russischen Staats. Die Androhung konventioneller Vergeltung oder auch einer kleinen Zahl von Gefechtsfeld-Atomschlägen wäre für Putin nicht hinreichend furchteinflößend. Aus diesem Grund solle die Abschreckungsstrategie der NATO auf massive nukleare Vergeltung setzen. Und für den Fall, dass sich Russland verrechnet und Kernwaffen einsetzt, müssten die NATO und die USA bereit sein, einen großangelegten strategischen Atomangriff gegen Russland durchzuführen, auch gegen den politischen Führungszirkel in Moskau.

Diejenigen, die so argumentieren, haben zweifellos recht mit der Annahme, dass ein massiver Atomangriff der USA und der NATO auf Moskau und das übrige Russland mit der Aussicht auf unannehmbar hohe Kosten verbunden wäre. Wenn Putin glauben würde, dass dies eine wahrscheinliche Folge eines Angriffs auf ein NATO-Mitglied oder des Einsatzes von Kernwaffen wäre, dann würde er höchstwahrscheinlich davon absehen. Aber wäre das wirklich wahrscheinlich? Würden NATO-Entscheidungsträger mit dieser Drohung wirklich Ernst machen? Und falls nicht, warum sollte Putin dann dadurch abgeschreckt werden?

Tatsächlich wäre eine massive nukleare Reaktion der NATO auf einen begrenzten russischen Atomschlag strategisch nicht sonderlich sinnvoll. Ein solcher Angriff würde das übrige Europa und die Vereinigten Staaten dem Risiko einer massiven nuklearen Vergeltung aussetzen. Die russische Strategie des „Eskalierens, um zu deeskalieren“ stützt sich auf die Drohung eines begrenzten Angriffs. Selbst nach einem russischen Kernwaffeneinsatz etwa gegen einen Luftwaffenstützpunkt in Osteuropa, würden Westeuropa und die USA dies unbeschadet überstehen. Wenn die NATO jedoch Russland massiv mit Kernwaffen angreifen würde, könnte Putin mit den unversehrten Überresten seiner Atomstreitkräfte einen Gegenschlag führen und Europa und die Vereinigten Staaten in Schutt und Asche legen; dies würde zig Millionen Todesopfer fordern und unbeschreibliche Zerstörungen anrichten. Ein solches Vorgehen wäre nicht im nationalen Interesse der USA. Sofern überhaupt möglich, würden es die USA vorziehen, Russland zu besiegen und ihre Verbündeten zu verteidigen, ohne zum Ziel eines massiven Atomangriffs zu werden.

Daher ist es unwahrscheinlich, dass westliche Regierungen aus strategischen Gründen einen massiven Atomangriff anordnen, aber sie wären auch aus triftigen rechtlichen und moralischen Gründen vorsichtig. Es steht nicht im Einklang mit dem Humanitären Kriegsvölkerrecht und den Grundsätzen der Unterscheidung (zwischen Kombattanten und Zivilisten) und der Verhältnismäßigkeit, als Reaktion auf einen einzigen russischen Angriff mit einer taktischen Kernwaffe auf ein militärisches Ziel die Tötung von Millionen von Russen anzuordnen. Tatsächlich ist es fast unmöglich, sich in diesem Szenario einen westlichen Staatschef vorzustellen, der eine umfassende nukleare Reaktion anordnet.

4.4 Begrenzte nukleare Vergeltung

Die letzte Reaktionsmöglichkeit ist ein begrenzter Atomkrieg. Die USA und die NATO könnten auf einen begrenzten russischen Kernwaffeneinsatz mit einem eigenen begrenzten Kernwaffeneinsatz reagieren. Wissenschaftler haben Abhandlungen über die Logik eines begrenzten Atomkriegs und über die Frage geschrieben, warum es für Staaten in einer Situation wechselseitig zugesicherter Zerstörung eine rationale Reaktion ist.36 Sie zeigt dem Gegner, dass man bereit ist, Kernwaffen einzusetzen, und dass die Fortsetzung der Aggression mit dem Risiko einer immer kostspieligeren und potenziell katastrophalen Eskalation verbunden ist. Gleichzeitig sorgt ein solches Vorgehen dafür, dass der Gegner nach wie vor viel zu verlieren hat. Da das Territorium und die Streitkräfte des Gegners zum allergrößten Teil noch nicht zerstört worden sind, hat der Gegner einen Anreiz, nach Auswegen zu suchen, um weitere Zerstörungen abzuwenden. Im Falle Russlands würde diese Strategie darauf abzielen, Russland deutlich zu machen, dass nukleare Deeskalationsschläge nicht zu einer Deeskalation zu russischen Bedingenen führen und die USA und die NATO nicht davon abhalten werden, im Fall eines von Russland begonnenen Kriegs ihre Strategie weiterzuverfolgen. Dadurch, dass Moskau zu der Einsicht gebracht wird, dass der Einsatz von ein oder zwei Kernwaffen kein Weg zu einem leichten Sieg ist, soll die russische Strategie durchkreuzt werden. Wenn Russland eine oder zwei Kernwaffen einsetzt, erreicht es damit lediglich, dass es seinerseits mit einer, zwei oder mehreren Kernwaffen angegriffen wird. Es würde der NATO erlauben, Feuer mit Feuer zu bekämpfen, um die russische Aggression abzuwehren. Diese Drohung ist auch glaubwürdig. Sie hat eine klare strategische, juristische und moralische Rechtfertigung, und es ist denkbar, dass westliche Regierungen einen begrenzten Atomschlag insbesondere auf militärische Ziele oder gegen die politische Führung anordnen. Und anders als eine massive nukleare Antwort setzt er Nordamerika und das restliche Europa nicht der unmittelbaren Gefahr einer massiven nuklearen Vergeltung aus. Eine begrenzte nukleare Vergeltung muss nicht symmetrisch sein. Washington könnte die Zahl und die Typen der eingesetzten Sprengköpfe oder die ausgewählten Ziele variieren, um so eine beabsichtigte Eskalation oder Deeskalation des Konflikts zu signalisieren. Aber diese Kategorie von Reaktion unterscheidet sich insofern von den anderen, als sie in dem Raum zwischen Kapitulation, nichtnuklearen Antwort und einem massiven Atomangriff nach Optionen sucht.

Diese Strategie wäre auch nicht ohne Risiko. Das größte und offensichtlichste Risiko einer Strategie, die auf die Androhung einer begrenzten nuklearen Vergeltung setzt, besteht darin, dass es keine Garantie dafür gibt, dass der Krieg begrenzt bleibt. Aber man muss es wenigstens versuchen, denn alle anderen Optionen sind riskanter. Selbstverständlich ist es möglich, dass eine begrenzte nukleare Reaktion der NATO zu einer weiteren Runde russischer Atomangriffe führt, die dann eine Gegenreaktion der NATO auslösen würde, und so weiter bis zum Armageddon. Dies ist ein ernstzunehmendes Risiko. Zudem würden Entscheidungen der Führungsverantwortlichen im „Nebel des Krieges“ getroffen, sodass das Risiko von Fehleinschätzungen durchaus real ist. Aber die Strategie eines begrenzten Atomkriegs ist die einzige, die mit einer echten Chance verbunden ist, weitere russische Atomangriffe abzuschrecken und gleichzeitig einen massiven nuklearen Schlagabtausch zu verhindern. Diese Strategie ist zweifellos der Wahl zwischen sofortigem Selbstmord oder Kapitulation vorzuziehen. Und begrenzte Atomschläge sind aus Putins Sicht höchstwahrscheinlich ein wirksameres Abschreckungsmittel als die Androhung einer rein konventionellen Reaktion.

Weitere mögliche Kosten einer begrenzten nuklearen Antwort bestehen darin, dass diese Strategie die langjährigen Bemühungen der NATO, den Stellenwert von Kernwaffen in ihrer Verteidigungsstrategie zu verringern, untergraben würde. Dabei liefert die Frage, ob Kernwaffen weltweit an Bedeutung gewinnen, die entscheidenden Aufschlüsse. Seit dem Ende des Kalten Kriegs ging man in Washington davon aus, dass andere Länder dem Beispiel der USA folgen würden, wenn diese Kernwaffen einen geringeren Stellenwert einräumen würden. Wir haben jedoch gesehen, dass diese Strategie nicht aufging.37 In dem Maße, wie sich die USA und die NATO weniger auf Kernwaffen verließen, bewegten sich andere Länder einschließlich Russland in die entgegengesetzte Richtung. Sie sahen eine Gelegenheit, die Allergie der Vereinigten Staaten gegenüber atomaren Streitkräften auszunutzen. Tatsächlich hat diese Strategie zu der gegenwärtigen Zwangslage beigetragen. Die USA wollen sowohl ihre Verbündeten als auch ihre Gegner davon überzeugen, dass es ihnen keinerlei Vorteile bringt, wenn sie Kernwaffen bauen oder in ihren Strategien Kernwaffen einen höheren Stellenwert einräumen. Die beste Methode, um dies zu erreichen, besteht, paradoxerweise vielleicht, darin, dass die USA ihre nukleare Abschreckungsstrategie und -doktrin stärken. Die Androhung einer begrenzten nuklearen Reaktion kann als eine wirksame Abschreckung gegen die Drohung russischer nuklearer Deeskalationsschläge dienen und ist mit akzeptablen Kosten verbunden. Dies bedeutet selbstverständlich nicht, dass jeder russische Atomangriff unmittelbar oder automatisch eine begrenzte nukleare Vergeltung nach sich zöge. Wie immer würde die konkrekte Reaktion von den jeweiligen Umständen abhängen. Aber es gibt keinen Grund, Putin zu versichern, er könne ungeschoren mit einem Deeskalationsschlag davonkommen. Um glaubwürdig zu sein, muss die nukleare Abschreckung der NATO zumindest die ernsthafte Option einer begrenzten nuklearen Vergeltung umfassen.

5 Eine bessere NATO-Abschreckungsstrategie

Die Strategie der USA und der NATO muss klarstellen, dass russische nukleare Deeskalationsschläge nicht zu einer Deeskalation, sondern zu einer entschiedenen Reaktion führen würden und dass diese auch die Option begrenzter nuklearer Vergeltungsschläge umfasst. Anders gesagt, die USA und die NATO sollten eine Art nukleare Abschreckung „während eines Krieges“ anstreben, bei der sie weiterhin ihre Kriegsziele verfolgen können, jegliche russische Aggression zurückzuschlagen, während sie vor einer russischen nuklearen Eskalation abschrecken. Außerdem können die USA und die NATO durch Abschreckung begrenzter russischer Atomschläge Russland auch von einem konventionellen Angriff und von nuklearer Androhung ganz allgemein abhalten, indem sie die Theorie Moskaus über militärische Siege entkräften, die sich zum Teil auf die Androhung begrenzter nuklearer Eskalation stützt.38 Um diesen Ansatz zu operationalisieren und ihm Glaubwürdigkeit zu verleihen, muss die NATO beginnen, die drei Defizite in ihrer Abschreckungsstrategie, die Russland gegenwärtig ausnutzt, zu beheben: Gewicht der Interessen, Entschlossenheit und Fähigkeiten.

5.1 Gewicht der Interessen

Die USA müssen Moskau davon überzeugen, dass ihre nationalen Interessen, im Fall eines Konflikts mit Russland in Osteuropa, insbesondere wenn Russland dabei Kernwaffen einsetzt, dabei mindestens genauso stark, wenn nicht sogar stärker tangiert werden als die Interessen Russlands. Russlands Strategie des „Eskalierens, um zu deeskalieren“ basiert auf die Annahme, dass für Moskau in seiner unmittelbaren Nachbarschaft mehr auf dem Spiel steht als für die USA. Diese Schlussfolgerung ist verständlich, aber auch anfechtbar. Auch für die USA steht in einem Konflikt mit Russland in Osteuropa viel auf dem Spiel. Für Washington geht es bei der Verteidigung der baltischen Staaten auch um die Fundamente der von den USA geprägten internationalen Ordnung. Wenn es den USA nicht gelänge, ein NATO-Mitglied gegen eine russische Aggression zu verteidigen, dann könnte dies zum Ende der NATO und des weltweiten militärischen Beistandssystems der USA führen. Sollte Washington einen russischen Angriff auf Estland, Lettland oder Litauen nicht abwehren können, dann ist es unwahrscheinlich, dass Polen weiterhin uneingeschränkt der US-Sicherheitsgarantie vertrauen würde. Würde Japan weiterhin darauf setzen, dass die USA es gegen China beschützen würden? Südkorea vor Nordkorea? Israel vor Iran? Wenn Washington Tallinn verliert, dann läuft es Gefahr, auch Seoul, Tel Aviv und Warschau zu verlieren. Für Washington steht daher in Estland nichts Geringeres auf dem Spiel als Frieden und Sicherheit weltweit und seine Führungsrolle in einer globalen, regelbasierten internationalen Ordnung. Es könnte also gar nicht mehr auf dem Spiel stehen. Die USA müssen daher diese Botschaft immer wieder über öffentliche und private Kanäle revisionistischen Regionalmächten klarmachen, die die Entschlossenheit der USA, regionale Verbündete zu verteidigen, infrage stellen.

Außerdem würde der russische Einsatz von Kernwaffen in einem solchen Konflikt die US-Interessen nur noch stärker berühren. Die USA sind der Garant des globalen Regimes der nuklearen Nichtverbreitung. Sie bemühen sich, potenziell feindselige nichtnukleare Staaten davon abzuhalten, Kernwaffen zu bauen, freundlich gesinnten Staaten zu versichern, dass sie auch ohne eigene nukleare Fähigkeiten sicher sind, und andere Atommächte von nuklearen Drohungen und Rüstungswettläufen abzuhalten.

Wenn die USA jedoch nach einem nuklearen Deeskalationsschlag klein beigeben würden, wären all diese Ziele gefährdet. Gegner der USA würden erkennen, dass es genügt, eine Atomwaffe zu zünden, um die überwältigende konventionelle militärische Macht der USA zu neutralisieren. Die nuklear bewaffneten Gegner der USA würden in ihrer Militärstrategie verstärkt auf Kernwaffen setzen und wären versucht, mit frühzeitigem Kernwaffeneinsatz zu drohen. Nichtnukleare Staaten hätten noch größere Anreize, Kernwaffen zu bauen, da diese die amerikanische Militärmacht in einzigartiger Weise ausgleichen könnten. Und US-Verbündete würden erkennen, dass ein einziger Atomschlag durch einen Gegner genügt, ein Loch in den US-Nuklearschirm zu bohren, sodass sie alle „nass werden“. Sie müssten sich fragen, ob es wirklich klug wäre, sich auf die nukleare Sicherheitsgarantie der USA zu verlassen und sie müssten alternative Sicherheitsvorkehrungen erwägen, etwa eigene Nuklearprogramme.

Daher haben die USA, vielleicht paradoxerweise, einen starken Anreiz, einen russischen nuklearen Deeskalationsschlag mit Kernwaffen zu vergelten, wenn sie weiterhin eine normative Führungsmacht auf dem Gebiet der nuklearen Nichtweiterverbreitung, der Rüstungskontrolle und Abrüstung sein wollen. Dies ist eine weitere Botschaft, die die USA ihren Gegnern immer wieder vermitteln müssen: Falls sie glauben sollten, die USA würden nach einem Atomschlag klein beigeben, irren sie sich. Vielmehr verlangen Washingtons Interessen, dass es mit gleicher Münze heimzahlt.

Kurz gesagt, die Vereinigten Staaten müssen Russland auf der deklaratorischen Ebene deutlich machen, dass für sie bei einem Konflikt in Osteuropa, insbesondere einem, in dem Kernwaffen zum Einsatz kommen, mindestens so viel auf dem Spiel steht wie für Russland, wenn nicht sogar mehr. Für Russland geht es um lokale Einflusssphären. Für die USA geht es um den Fortbestand ihrer globalen Beistandsverpflichtungen, die Funktionstüchtigkeit des weltweiten Nichtverbreitungsregimes und die US-Führungsrolle in einer regelbasierten internationalen Ordnung.

5.2 Entschlossenheit

Die USA und die NATO müssen auch kommunizieren, dass sie hinlänglich entschlossen sind, sich durch einen begrenzten russischen Kernwaffeneinsatz nicht von ihren Sicherheitsgarantien abbringen zu lassen. Sie müssen in öffentlichen und nichtöffentlichen Botschaften klarstellen, dass ein russischer nuklearer Deeskalationsschlag nicht zu einer Deeskalation führen wird und dass eine kraftvolle US-Reaktion durchaus begrenzte Atomschläge einschließen kann.39 Damit sich Moskau nicht durch die Annahme ermutigt fühlt, Russland selbst könne nicht zum Ziel begrenzter Atomschläge werden, müssen Washington und seine europäischen Verbündeten deutlich machen, dass russisches Territorium einschließlich Kaliningrad nicht von Vergeltungsaktionen der NATO ausgenommen ist. Um diesen Erklärungen Glaubwürdigkeit zu verleihen, können die USA und ihre Alliierten eine Reihe von Maßnahmen ergreifen. Die NATO sollte konventionelle und nukleare Operationen umfassender in ihre Kriegspläne und Manöver aufnehmen. So könnten zum Beispiel bei zukünftigen NATO-Manövern in Osteuropa als Reaktion auf russische Deeskalationsangriffe auch begrenzte Atomschläge geübt werden. Außerdem können die USA neue Fähigkeiten entwickeln, die genau auf dieses Szenario zugeschnitten sind. Fähigkeiten werden weiter unten umfassender diskutiert, sie werden jedoch hier erwähnt, weil die Entwicklung neuer Fähigkeiten auch die Entschlossenheit und Wahrnehmungen der Entschlossenheit durch den Gegner stärkt. Theoretiker auf dem Gebiet der internationalen Beziehungen behaupten, ein Staat könne durch „kostspielige Signale“, die dennoch die „Kosten senken“ und „Hände binden“, Glaubwürdigkeit demonstrieren, und die Entwicklung neuer Waffensysteme ist ein kostspieliges Signal, dass die USA das Problem ernst nehmen.40

Schließlich muss Washington eine diplomatische Initiative starten, um den Zusammenhalt im Innern und in der Allianz zu bewahren. Wie an anderer Stelle ausgeführt, kann die NATO viel tun, um die „Software“ der nuklearen Abschreckung in Europa zu stärken.41 Und westliche Kritiker der US- und NATO-Abschreckungsstrategie sollten einsehen, dass sie womöglich unabsichtlich Putin in die Hände spielen. Russland versucht gezielt, Spaltungen zwischen NATO-Ländern und in ihren Gesellschaften auszunutzen, in der Hoffnung, bestimmte Gruppen der Gesellschaft würden die NATO davon abhalten, notwendige Vorbereitungsmaßnahmen zu treffen und im Fall eines Angriffs zu reagieren. Washington und gleichgesinnte Verbündete und Partner müssen ihren Bürgern erklären, welche Bedrohung von einer russischen nuklearen Aggression ausgeht, und dass es sinnvoll und notwendig ist, der Bedrohung mit den oben genannten Maßnahmen entgegenzutreten und den Westen zu verteidigen. Und sie müssen ihre bestehenden nuklearen Fähigkeiten in einer Weise ergänzen, die die Risiken innergesellschaftlicher Spaltungen minimiert.

5.3 Fähigkeiten

Die USA und die NATO müssen ihre Fähigkeiten erweitern, um diese Drohungen glaubwürdig zu machen.42 Zuallererst muss die Allianz ihre konventionelle militärische Präsenz in Osteuropa über die bloßen „Stolperdrahtkräfte“, die gegenwärtig dort stationiert sind, hinaus verstärken. Wenn die NATO niedrigstufige militärische Provokationen von Mitgliedstaaten durch Russland erfolgreich abschrecken kann, dann kann sie auch größere Konflikte verhindern, die möglicherweise mit dem Risiko einer nuklearen Eskalation verbunden sind.

Zweitens sollte die NATO eine begrenzte regionale Raketenabwehr in Europa stationieren. Eine Abdeckung des gesamten Gebiets ist nicht möglich, aber eine Punktverteidigung könnte kritische Infrastruktureinrichtungen und zentrale militärische Knotenpunkte schützen.43 Außerdem würde ein regionales Raketenabwehrsystem dadurch zur Abschreckung beitragen, dass es in Moskau Zweifel daran wecken würde, ob begrenzte pränukleare oder nukleare Schläge erfolgreich durchgeführt werden könnten. Es würde auch die Schwelle für die Größe und das Ausmaß eines erfolgversprechenden russischen Angriffs anheben und so den wahrgenommenen Nutzen eines begrenzten Schlags verringern.

Und was am wichtigsten ist: Die USA und die NATO sollten Maßnahmen ergreifen, um die Flexibilität ihrer Atomstreitkräfte für die Abschreckung begrenzter Atomschläge in Europa zu erhöhen. Insbesondere muss die Allianz sicherstellen, dass sie über Fähigkeiten mit niedrigem Detonationswert verfügt, die die immer leistungsfähiger werdende russische Luftverteidigung überwinden können. Diese Fähigkeiten müssen in Europa bereitgestellt werden. Zusammen tragen diese Maßnahmen zur Abschreckung bei, indem sie eine effektive militärische Fähigkeit bereitstellen, während sie die Risiken minimieren, dass ein Kernwaffeneinsatz durch die NATO zu einem umfassenden nuklearen Schlagabtausch eskaliert.

Leider sieht die Nukleardoktrin der USA und der NATO bislang keine entsprechenden Fähigkeiten vor. Eine nukleare Vergeltung der USA mit strategischen Bombern, Raketen oder U-Booten ist mit der Gefahr einer Eskalation zu einem umfassenden nuklearen Schlagabtausch verbunden. Und in Europa stationierte taktische Kernwaffen müssten von Kampfflugzeugen, die die russische Luftverteidigung nicht verlässlich durchdringen können, an ihren Zielort gebracht werden. Die US Nuclear Posture Review (NPR) – Revision der US-Nukleardoktrin – von 2018 forderte die Entwicklung zweier ergänzender Fähigkeiten zur Behebung dieser Defizite: einer Option mit geringem Detonationswert für U-Boot-gestützte ballistische Raketen (SLBMs) und die Wiedereinführung nuklear bestückbarer seegestützter Marschflugkörper.44 Außerdem hat das Pentagon die Entwicklung eines bodengestützten Marschflugkörpers mittlerer Reichweite angekündigt.45 Diese Programme sollten energisch vorangetrieben werden.

Die USA und die NATO müssen diese Maßnahmen ergreifen und gleichzeitig die Risiken minimieren, innerhalb westlicher Gesellschaften tiefe politische Gräben auszuheben. Politische Entscheidungsträger in Europa haben wiederholt betont, dass sich eine Kontroverse in Europa am besten dadurch vermeiden lasse, dass man auf die Stationierung ergänzender nuklearer Fähigkeiten auf europäischem Boden verzichte und Rüstungskontroll-, Abrüstungs- und Nichtverbreitungsvereinbarungen abschließe, die den Rahmen für zusätzliche Fähigkeiten definierten. Die NPR von 2018 geht exakt auf diesen Wunsch ein indem sie zusätzliche nukleare Fähigkeiten empfiehlt, die auf US-Schiffen stationiert werden solle und nicht auf europäischem Territorium. Die NPR unterstützt auch nachdrücklich die traditionellen Rüstungskontroll- und Nichtverbreitungsziele der USA und erläutert die Gründe für zusätzliche Fähigkeiten: der Verstoß Russlands gegen den Vertrag über nukleare Mittelstreckensysteme. Im Rahmen der NPR wird auch ausgeführt, dass diese Maßnahmen überdacht werden können, sollte sich Russland wieder vertragstreu verhalte.

Längerfristig hat eine Vorgehensweise, die europäische Regierungen vor schwierigen politischen Entscheidungen über die nukleare Mission der NATO „bewahrt,“ Nachteile in Bezug auf die Bündnissolidarität und die Lastenteilung innerhalb der NATO. Jahrzehntelang waren die Mitgliedstaaten der NATO fest davon überzeugt, dass es für die NATO als Militärbündnis wichtig sei, ein Mitspracherecht über nukleare Fähigkeiten der NATO in Friedenszeiten und in Kriegszeiten zu verfügen und aktiv an nicht-strategischen nuklearen Einsätzen beteiligt zu sein. Diese Aufgabe haben die B61-Freifallbomben in Europa erfüllt, die von sowohl konventionell als auch nuklear bestückbaren Flugzeugen an ihren Zielort verbracht werden können. Aber angesichts der oben diskutierten Verbesserungen in der russischen Luftverteidigung hat diese Waffe für die am ehesten zu erwartenden militärischen Einsätze an Nützlichkeit eingebüßt. Wenn Verbesserungen der NATO-Abschreckungsmittel gegen diese neuen Herausforderungen in Zukunft nur von den USA vorgenommen werden, um politisch heikle Stationierungen auf europäischem Boden zu vermeiden, dann werden die traditionellen Lastenteilungsziele der Allianz untergraben. Daher sollten die politisch Verantwortlichen in der NATO ernsthaft eine für das 21. Jahrhundert ausgelegte NATO-Nuklearwaffe in Erwägung ziehen. Am besten wäre es, die B61-Freifallbomben durch taktische, luftgestützte Marschflugkörper zu ergänzen, wie etwa eine nuklear bestückte Variante einer Joint Air-to-Surface Standoff Missile. Diese würde der bereits vorhandenen taktischen, luftgestützten NATO-Nuklearwaffe ähneln, hätte allerdings den Vorteil, die russische Luftverteidigung durchdringen zu können.

5.4 Mögliche Einwände

Kritiker werden vorhersagbare Einwände gegen die oben genannten Empfehlungen erheben, aber keiner davon ist überzeugend. Einige werden behaupten, die oben erläuterte Strategie werde die Schwelle für den Kernwaffeneinsatz senken, aber das Gegenteil ist der Fall.46 Russland hat durch seine Doktrin deeskalierender Atomschläge bereits die Schwelle für den Kernwaffeneinsatz gesenkt. Wenn daher keine Reaktion erfolgt, wird die nukleare Schwelle auf ihrem gegenwärtigen, erschreckend niedrigen Niveau bleiben. Die Einführung einer glaubwürdigen NATO-Strategie zur Abschreckung Russlands wird daher die russische Strategie durchkreuzen und die nukleare Schwelle wieder anheben.

Andere werden behaupten, dass die Enwicklung neuer nuklearer Fähigkeiten Russland lediglich dazu provozieren wird, nachzuziehen, was zu einem neuen nuklearen Wettrüsten führe. Aber diese Behauptung stimmt nicht mit den Fakten überein.47 Russland besitzt bereits ein großes Arsenal an taktischen Kernwaffen einschließlich seegestützten Fähigkeiten, vergleichbar denjenigen, die die USA erwägen, und vielen weiteren obendrein. Außerdem strebt die NATO nicht danach, mit dem taktischen Kernwaffenarsenal Russlands qualitativ und quantitativ gleichzuziehen. Vielmehr soll die oben skizzierte Vorgehensweise die russische Strategie durchkreuzen. Daher wird Russland selbst dann, wenn die USA und die NATO den obigen Empfehlungen Folge leisten, einen taktischen nuklearen Vorteil behalten. Aber dieser Vorteil wird für Moskau weniger nützlich sein, als es heute den Anschein hat.

Einige werden monieren, Änderungen der NATO-Nukleardoktrin seien zu kostspielig. Aber es ist seit Langem anerkannt, dass Kernwaffen Sicherheit zu vergleichsweise geringen Kosten verschaffen.48 Durch das gesamte Atomzeitalter hindurch hat sich die nukleare Abschreckung als billiger erwiesen als die konventionelle Abschreckung.49 Die Kosten für die Modernisierung des gesamten Nukleararsenals der USA im Verlauf der nächsten dreißig Jahre wird nie sieben Prozent des US-Verteidigungshaushalts übersteigen.50 Die oben diskutierten zusätzlichen Fähigkeiten würden diese Berechnungen nicht erheblich verändern. Eine SLBM mit Sprengköpfen mit niedrigem Detonationswert zu bestücken, würde bedeuten, geringfügige Veränderungen an einem bestehenen System vorzunehmen, und die damit verbundenen Kosten wären trivial. Die Entwicklung neuer see- oder luftgestützter Marschflugkörper wäre teurer, aber die Kosten könnten niedrig gehalten werden, wenn man auf dem bereits geplanten luftgestützten Long-Range-Standoff-Marschflugkörper aufbauen und eine taktische luft-, see- oder bodengestützte Variante dieser Rakete entwickeln würde.

Andere Kritiker werden behaupten, dass die USA keine „neuen“ Kernwaffen bauen sollten, aber die vorgesehenen Fähigkeiten sind im Grunde nicht neu und selbst wenn sie es wären, wäre dies kein Problem. Nochmals: Eine SLBM niedriger Sprengkraft erfordert lediglich geringfügige Modifikationen an einem bestehenden System. Noch bis 2010 verfügten die USA über einen U-Boot-gestützten Marschflugkörper, der jedoch dann auf Anordnung von Präsident Obama außer Dienst gestellt wurde. Und die USA und die NATO besaßen während des Kalten Kriegs luftgestützte Marschflugkörper und bodengestützte Mittelstreckenraketen. Russland entwickelt völlig neue Kernwaffen wie eine nuklear bestückte U-Boot-Drohne, aber die USA müssen nicht eine vergleichbare Technologie entwickeln.

Außerdem sollten die USA und die Nato nicht die Möglichkeit ausschließen, falls erforderlich in Zukunft neue Kernwaffen zu entwickeln. Seit dem Ende des Kalten Kriegs konnte sich der Westen den Luxus erlauben, auf bestehende Fähigkeiten zu verzichten, und er war nicht mit dem Erfordernis konfrontiert, neue Kernwaffen zu entwickeln. Aber die internationale Sicherheitslage hat sich gewandelt und die US-Verteidigungspolitik und die militärischen Fähigkeiten müssen in der Lage sein, mit der Zeit zu gehen.

Ein abschließender Einwand lautet, dass die empfohlenen Schritte, insbesondere die Konstruktion neuer Kernwaffen, politisch umstritten seien, das NATO-Bündnis möglicherweise spalten und den innenpolitischen Konsens in den USA zerstören würden.51 Tatsächlich ist die Einheit der NATO von zentraler Bedeutung im Wettstreit mit Russland, und es wäre zweifellos töricht, das Bündnis in einer Weise stärken zu wollen, die es letztlich schwächt. Zudem ist die US-Nuklearpolitik auf parteiübergreifende Unterstützung angewiesen. US-Pläne für eine Modernisierung des Kernwaffenarsenals erfordern, dass der Kongress auf Jahrzehnte hinaus die nötigen Haushaltsmittel bereitstellt, und sie müssen daher sowohl von den Republikanern als auch von den Demokraten getragen werden.

Werden die oben genannten Maßnahmen tatsächlich solche gravierenden politischen Folgen haben? Die oben empfohlenen zusätzlichen Fähigkeiten wurden sorgfältig ausgewählt, auch unter dem Gesichtspunkt, europäische Verbündete nicht vor den Kopf zu stoßen. Verteidigungsexperten aus beiden politischen Lagern einschließlich mehrerer hochrangiger Mitglieder der Regierung Obama haben die Entwicklung zusätzlicher Fähigkeiten unterstützt.52 Befürworter der obigen Strategie versuchen eine verantwortungsvolle Lösung für ein schwerwiegendes Problem zu finden.

Wenn an diesem Punkt eine politische Kontroverse zu einem Bruch im NATO-Bündnis führt oder den innenpolitischen Konsens in den USA über nukleare Fragen zerstört, dann ist dies die Schuld der Kritiker. Es ist nicht verantwortungsbewusst, mit dem Gespenst eines zerbrochenen Konsenses zu drohen und dann selbst mit ganzer Kraft auf dieses Ergebnis hinzuarbeiten, wenn die weltpolitischen Ereignisse anders verlaufen, als man sich das wünscht. Wenn Kritiker befürchten, dass Schritte zur Stärkung der NATO-Abschreckung politische Zwietracht verursachen, dann können sie dazu beitragen, dieses Problem zu lösen, indem sie obige Vorschläge unterstützen.

Selbstverständlich ist es enttäuschend, dass Moskau die NATO dazu zwingt, sich in diese Richtung zu bewegen. Nach dem Ende des Kalten Krieges hat der Westen 25 Jahre lang guten Willen gezeigt und sich bemüht, seine Abhängigkeit von Kernwaffen zu verringern und Kernwaffenarsenale weltweit zu reduzieren. Es wäre wünschenswert, wenn die internationale Lage weitere Fortschritte bei der Abrüstung erlauben würde. Aber leider ist das gegenwärtig nicht der Fall. Ungeachtet des Entgegenkommens des Westens hat Moskau beschlossen, Kernwaffen wieder ganz oben auf die Agenda der internationalen Sicherheitspolitik zu setzen. Wieder droht Russland dem Westen mit seinen Kernwaffen und scheint bereit zu sein, sie in denkbaren Krisensituationen einzusetzen. Wenn die NATO weiterhin die weltweiten nuklearen Risiken vermindern will, muss sie, paradoxerweise, in ihrer Sicherheitspolitik Kernwaffen wieder einen höheren Stellenwert einräumen, um die nuklear-zentrierte Strategie Russlands zu durchkreuzen.

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Dieser Artikel erschien in einer früheren Fassung als Studie des Atlantic Councils

Footnotes

About the article

Published Online: 2018-12-14

Published in Print: 2018-12-19


Citation Information: SIRIUS – Zeitschrift für Strategische Analysen, Volume 2, Issue 4, Pages 323–338, ISSN (Online) 2510-2648, ISSN (Print) 2510-263X, DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2018-4002.

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