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SIRIUS – Zeitschrift für Strategische Analysen

[SIRIUS: Journal of Strategic Analysis ]

Editor-in-Chief: Krause, Joachim

Ed. by Kamp, Karl-Heinz / Masala, Carlo / Wenger, Andreas

Online
ISSN
2510-2648
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Russland erweitert im großem Umfang seine Kernwaffenlager auf der Kola-Halbinsel

Thomas Nilsen
Published Online: 2018-12-14 | DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2018-4009

Satellitenbilder lassen massive maritime nukleare Aufrüstungsanstrengungen Russlands auf der Kola-Halbinsel erkennen. Ungefähr 50 große, verstärkte Bunkeranlagen werden derzeit neu in Guba Okalnaya, wenige Kilometer nördlich der Stadt Severomorsk, auf der Kola-Halbinsel im Norden Russlands gebaut. Diese umfangreiche Ausweitung der Lagerkapazitäten für nukleare Raketen wie für hochpräzise konventionelle Abstandswaffen wird Russlands militärische Fähigkeiten erheblich vergrößern. Gleichzeitig ist zu erwarten, dass Russland versuchen wird, die naheliegende Barents See sowie die Norwegische See zunehmend unzugänglich für andere Militärmächte zu machen. Beim Vergleich von kürzlich veröffentlichten Google Earth Satellitenaufnahmen mit Bildern, die vor einem, vor zwei und vor vier Jahren angefertigt wurden, lassen sich die Baufortschritte in Guba Okolnaya und in der etwa 15 Kilometer weiter westlich gelegenen Basis für strategische U-Boote Gadžijevo deutlich ausmachen. Während vor vier Jahren nur der Beginn von Straßenarbeiten zu beobachten war, wurden vor drei Jahren die Fundamente der Bunker gegossen. Mittlerweile sind Betonwände aufgestellt und die meisten Bunker haben bereits eine Abdeckung erhalten.

Die Sicherung dieser Objekte gegen unbefugten Zutritt sind außergewöhnlich hoch, zwei und manchmal drei Reihen von Stacheldraht lassen sich beobachten. Die Fotos zeigen auch außerordentlich umfangreiche Kontrollposten an den Straßen zu einigen der Bunker, was den Schluss zulässt, dass dort Kernwaffen gelagert werden sollen oder schon vorhanden sind. Jeder der neuen Bunker hat eine Fläche von ungefähr 1.000 qm, sie stehen im Abstand von etwa 100 Metern entfernt voneinander. Vor einem Jahr hatte die norwegische NGO Barents Observer bereits Bilder von Gadžijevo veröffentlicht, die Bauarbeiten erkennen ließen. Heute sind zehn der verstärkten Bunker so gut wie fertig gestellt.

Gadžijevo ist der Heimathafen für die mit Ballistischen Raketen ausgerüsteten U-Boote der Borei- und der Delta-Klasse (SLBM). Nahe den neuen Bunkern befinden sich Eingänge zu unterirdischen Tunnels, wo vermutlich Kernwaffen derzeit lagern oder wo diese in Spannungszeiten aus der zentralen Lagerstätte für Kernwaffen ausgelagert werden. Die zentrale Lagerstätte befindet sich etwa 20 km nördlich der Luftwaffenbasis Olenogorsk.

Guba Okolnaya im Jahr 2018 (links) und 2015 (rechts), Screenshot Google Earth
Abb. 1:

Guba Okolnaya im Jahr 2018 (links) und 2015 (rechts), Screenshot Google Earth

Überblick über Guba Okolnaya Sommer 2018, Screenshot Google Earth
Abb. 2:

Überblick über Guba Okolnaya Sommer 2018, Screenshot Google Earth

Eine weitere Anlage in Guba Okolnaya, Sommer 2018, Screenshot Google Earth
Abb. 3:

Eine weitere Anlage in Guba Okolnaya, Sommer 2018, Screenshot Google Earth

Blick über den Stützpunkt Gadžijevo, Sommer 2018, Screenshot Google Earth
Abb. 4:

Blick über den Stützpunkt Gadžijevo, Sommer 2018, Screenshot Google Earth

Es gibt fünf Orte auf der Kola Halbinsel, wo vermutet wird, dass dort Kernwaffen lagern. Dies sind Gadžijevo, Guba Okolnaya, Šukozero, Bolšoja Ramozero und Nerpič. Die letztgenannte ist nur 65 km von der norwegischen Grenze entfernt.

In Guba Okolnaya, nördlich von Severomorsk, sind heute etwa 40 Bunker im nördlichen Teil des Terrains sichtbar. Vergleicht man Bilder, die im Juli 2018 gemacht worden sind mit denen, die vor wenigen Jahren angefertigt wurden, so kann man den Fortschritt der Arbeiten feststellen. Auf 10 weiteren Grundstücken sind Flächen in den Felsen gesprengt worden, die erkennen lassen, dass hier zusätzliche Bunker gebaut werden sollen. Mit später 50 Bunkern in Guba Okolnaya und 10 in Gadžijevo wird die russische Nordflotte etwa 60.000 qm zusätzliche Fläche für die Lagerung von Kernwaffen zur Verfügung haben.

Der Teil des Marine Munitionslagers von Guba Okolnaya, an dem diese Arbeiten stattfinden, wird technisches Territorium Nr. 4 genannt. Dieses Gelände ist jedoch nicht das einzige, wo neue oder erweiterte Bunker gebaut werden. Hinter einem Hügel, etwa einen Kilometer von der Küste, werden weiter vier 80 Meter lange Bunker errichtet. Jeder dieser Bunker dürfte groß genug sein, um die 16 Bulava Raketen zu beherbergen, die die neuen strategischen U-Boote der Borei-Klasse später aufnehmen sollen. Drei der acht Borei U-Boote sind bereits im Dienst, fünf weitere sollen bis 2021 fertig gestellt und an die Marine übergeben werden.

Die Raketen des Typs Bulava und die strategischen U-Boote der Borei-Klasse sind das teuerste Waffenprojekt der russischen Streitkräfte. Sie werden nach Indienststellung das Rückgrat der nuklearen Triade Russlands darstellen und werden dazu beitragen, dass die Kontrolle über die Barentssee für Russland höchste Priorität besitzt.

Guba Okolnaya war schon früher der größte Lagerplatz für Kernwaffen im nördlichen Russland und umfasst ein Gebiet von etwa zehn Quadratkilometer, zu dem auch ein Hafengebiet mit Molen gehört, von denen aus russische U-Boote oder Überwasserschiffe mit Kernwaffen beladen werden.

Das Datum des 2018 veröffentlichten Google Earth Fotos lässt sich sehr gut bestimmen. Wenn man auf die zentrale Hafenpromenade von Severomorsk herunterzoomt, dann sieht man Hunderte von Menschen dort aufgereiht, die die Parade aus Anlass des Tags der russischen Marine beobachten – das war der 29. Juli 2018. Auf dem Foto kann auch das einzige noch verbliebene U-Boot der Typhoon Klasse identifiziert werden, die Dmitry Donskoy. Ebenso ist ein strategisches U-Boot der Delta-Klasse zu sehen. Beide Boote wurden in einer Sendung von Rossiya 24 News Video über den Tag der russischen Marine gezeigt. Das U-Boot der Delta-Klasse hatte sich 2017 in St. Petersburg aus Anlass des Tags der russischen Marine aufgehalten.

Für das NATO Mitglied Norwegen hat die nukleare Aufrüstung im Norden der Kola-Halbinsel in zweierlei Hinsicht negative Folgen. Zum einen ist zu befürchten, dass Russland in Zeiten von Spannungen einen umfassenden Verteidigungsring (anti-access/area denial) um die Kola-Halbinsel ziehen wird, der die norwegische Küste im Bereich der Barentssee und der Norwegischen See beeinträchtigen wird. Zum Zweiten kann Russland mit seinen neuen überschallschnellen Marschflugkörpern (Cruise Missiles) direkt von der Kola Halbinsel oder aus der Barentssee zielgenaue und überraschende Angriffe gegen Marineschiffe in der Norwegischen See oder gegen militärische Einrichtungen in den nördlichen Gebieten Norwegens, Schwedens und Finnlands durchführen. Derzeit führen sowohl Fregatten wie U-Boote der russischen Marine derartige Marschflugkörper mit sich, darunter die überschallschnelle Kalibr, die eine Reichweite von über 1.500 km hat und deren Fähigkeiten während des Syrien-Krieges unter Beweis gestellt wurden. Dieser Flugkörper ist nur einer von vielen neuen Waffensystemen, die in großen Mengen in den Einrichtungen bei Severomorsk gelagert werden.

Der Hafen von Severomorsk, Quelle: Independent Barents Observer
Abb. 5:

Der Hafen von Severomorsk, Quelle: Independent Barents Observer

Der Hafen von Severomorsk im Sommer 2018, Screenshot Google Earth
Abb. 6:

Der Hafen von Severomorsk im Sommer 2018, Screenshot Google Earth

Die norwegische Außenministerin Ine Eriksen Søreide hat auf einer Konferenz des außenpolitischen Forschungsinstituts NUPI im September 2018 erklärt, dass der Aufbau der russischen Militärmacht in Kombination mit der offenkundigen Bereitschaft diese Waffen auch einzusetzen oder mit ihrem Einsatz zu drohen, eine erhebliche Verunsicherung über die Absichten Russlands mit sich bringt. Sie sagte: „Die Kola Halbinsel bleibt die Hauptbasis für den Großteil der russischen nuklearstrategischen Streitkräfte. Auch wenn wir diese nicht als eine direkte Bedrohung der Sicherheit Norwegens ansehen, bleibt festzuhalten, dass diese Waffen eine strategische Herausforderung für die NATO darstellen. Die Revitalisierung der Region als zentraler Bastion der russischen Verteidigung, insbesondere der nuklearen Angriffskräfte, macht dieses Gebiet strategisch hochgradig bedeutend. Von daher muss sich die NATO auf diese neue Begebenheit einstellen, wofür sich Norwegen einsetzen wird … Wir können es nicht ignorieren, wenn etwas so Wichtiges direkt an unserer Grenze stattfindet.“ Dabei verwies sie auf einen Vorfall im Jahr 2017, als russische Kampfflugzeuge einen Angriff auf norwegisches Territorium simulierten.

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Published Online: 2018-12-14

Published in Print: 2018-12-19


Citation Information: SIRIUS – Zeitschrift für Strategische Analysen, Volume 2, Issue 4, Pages 401–405, ISSN (Online) 2510-2648, ISSN (Print) 2510-263X, DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2018-4009.

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