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SIRIUS – Zeitschrift für Strategische Analysen

[SIRIUS: Journal of Strategic Analysis ]

Editor-in-Chief: Krause, Joachim

Ed. by Kamp, Karl-Heinz / Masala, Carlo / Wenger, Andreas

Online
ISSN
2510-2648
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Wer sind die Huthis im Jemen?

Sama’a Al-Hamdani
Published Online: 2019-09-07 | DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2019-3008

1 Einleitung

Der Krieg im Jemen wird oft missverstanden und die daraus resultierende anhaltende humanitäre Krise vielfach ignoriert. Viele Analysen reduzieren den Konflikt auf einen Stellvertreterkrieg zwischen der arabischen Koalition – unter Führung Saudi-Arabiens und der Vereinigten Arabischen Emirate – und Iran. Aber der Stellvertreterkrieg ist nur eine Facette eines mehrdimensionalen Konflikts, an dem viele verschiedene Gruppen beteiligt sind, von denen einige „unbehagliche“ Allianzen miteinander eingegangen sind. Die US-Politik ist vor allem dem Bündnis der USA mit Riad und ihrem gemeinsamen Ziel, den Einfluss Teherans einzudämmen, verpflichtet. Aufgrund dessen wurden die Komplexitäten des Konflikts oftmals nicht verstanden.

Eine der am meisten missverstandenen und zugleich wichtigsten Konfliktparteien sind die Huthis. Im vergangenen Jahrzehnt sind sie von einer isolierten religiösen Bewegung zu einer bedeutenden militanten Gruppierung geworden, die die jemenitische Hauptstadt Sanaa kontrolliert. Allerdings sind mit diesem Erfolg neue innere Spaltungen und äußere Bedrohungen entstanden, die beeinflussen werden, wie der verheerende Krieg enden und was danach kommen wird.

2 Der Aufstieg der Huthis

Die Huthis traten erstmals zu Beginn der 1990er Jahre als eine oppositionelle Bewegung in Erscheinung; allerdings ging von ihnen bis zu Beginn der 2000er Jahre keine ernstzunehmende militärische Bedrohung für den jemenitischen Staat aus. Die Gruppe, die ursprünglich als „Gläubige Jugend“ organisiert war, behauptete, die Schule des Zaidismus, eines Zweigs der Schiiten, erneuern zu wollen, und wollte ein Gegengewicht zu der wachsenden Zahl sunnitisch-wahhabitischer Schulen in Sa’da, der Nordprovinz des Jemen, und insbesondere in Dammaj bilden. Als die Organisation immer mehr Zulauf hatte, plante sie Aufstände gegen die Zentralregierung und wurde unter dem Namen „die Huthis“ bekannt, nach der Familie, die die Bewegung anführte. Die Huthis führten zwischen 2004 und 2010 sechs Kriege gegen die Zentralregierung, die sogenannten Sa’da-Kriege. In diesen Konflikten, die sie zum Aufbau einer militärischen Organisation veranlassten, sammelte die Rebellengruppe Kampferfahrung. Allerdings ereignete sich der eigentliche Aufstieg zur Macht während und nach dem Arabischen Frühling im Jahr 2011.

Als die Proteste im Jemen begannen, waren die Huthis auf dem Change Square (Platz des Wandels) vertreten. Nachdem Präsident Ali Abdullah Saleh nach monatelangem Druck zurückgetreten war und einen politischen Übergang eingeleitet hatte, nahmen die Huthis an der National Dialogue Conference (NDC) teil, wo einer der acht Ausschüsse, die gebildet wurden, sich ausschließlich mit ihren Anliegen befasste. Der politische Prozess war von Spannungen geprägt. Sana‘a hatte noch nie in seiner modernen Geschichte so viele Gruppen mit so unterschiedlichen Interessen beherbergt, und der von der NDC befürwortete Übergang war eine unpopuläre Abwendung von der traditionell dezentralen, konsoziationalistischen Regierungsform. Politisch ehrgeizige Gruppen in der Hauptstadt, darunter auch die Huthis, waren bestrebt, das staatliche Machtvakuum für sich auszunutzen.

Im September 2014 schließlich besetzten die Huthis Sana‘a, aber diese Wende der Ereignisse kam alles andere als plötzlich. In den Monaten vor dem Einmarsch der Huthi-Truppen in die Hauptstadt stieß die Miliz langsam durch die Gebirgsregionen Arhab und Amran vor, wobei sie mehrere Schlachten gegen rivalisierende militärische Einheiten unter Führung von General Ali Muhsin al-Ahmar, die islamistische Stammeskonföderation Islah und unabhängige salafistische Kämpfer ausfocht. Als die Huthis in Sana‘a einzogen, wurde angeblich kein einziger Schuss abgefeuert. Die Machtübernahme ging langsam vonstatten und wurde flankiert von politischen Vereinbarungen, nicht nur mit der Regierung, sondern auch mit den 2005 gegründeten Joint Meeting Parties (JMP), einem oppositionellen Parteienbündnis.

Mit dem Eingreifen der arabischen Koalition wuchs sich der Bürgerkrieg 2015 zu einem regionalen Krieg aus. Ungeachtet dieses erhöhten Drucks zeigte sich, dass die politischen Ambitionen der Huthis viel größer waren als von den meisten Beteiligten erwartet. Zudem konnten sie gegenüber anderen konkurrierenden Faktionen schnell mehrere Vorteile erringen.

Sie hatten bereits die Hauptstadt Sana‘a erobert, wo sie sämtliche staatliche Institutionen unter ihre Kontrolle brachten. Sie profitierten auch von dem Erfahrungsschatz Salehs, des nach 33-jähriger Herrschaft zum Rücktritt gezwungenen Präsidenten und ehemaligen Feind der Huthis. Saleh verbündete sich völlig unerwartet mit den Huthis, um seinen Einfluss zu wahren. Als die arabische Koalition ihre Intervention verstärkte, nutzten die Huthis auch diese Tatsache aus und machten die Abwehr der Intervention zu einer Daseinsberechtigung.

Heute, mehr als fünf Jahre nach der Eroberung Sana‘as, haben die Huthis die Hauptstadt und die Gouvernements Amran, Dhamar, Raima, Ibb und al-Mahwit vollständig unter ihrer Kontrolle gebracht. Sie kontrollieren auch einen Großteil der nordwestlichen Provinz Haddscha, bis auf einen Streifen an der Grenze zu Saudi-Arabien, und sie sind in der zentralen Provinz al-Baida’ präsent. Der Krieg hat Sa’da verwüstet, die nördliche Hochburg der Huthis, aber die Provinz bleibt fast vollständig unter ihrer Kontrolle.

3 Wer ist in diesem Konflikt ein Huthi?

Die Huthis, die selbst die Bezeichnung Ansar Allah (Anhänger Gottes) vorziehen, werden im Allgemeinen definiert als Anhänger der religiösen und politischen Agenda Abdel Maliks und Hussein al-Houthis und der von Badr al-Din al-Houthi inspirierten Weltanschauung. Diese Ideologie ist vom Zaiditentum, einem Zweig des Schiismus mit ähnlichen religiösen Bräuchen wie die sunnitischen Schafiiten im Jemen, beeinflusst. Allerdings hat der gegenwärtige Konflikt einen neuen Typ von Huthi hervorgebracht. Heute setzen sich die Huthis aus einem breiten Spektrum von Gruppen zusammen – einer schwer kontrollierbaren Quasi-Koalition, die sich über religiöse, geografische und politische Räume und Hierarchien erstreckt, die in ihrem Widerstand gegen die Intervention unter Führung Saudi-Arabiens vereint sind.

Das hauptsächliche Machtzentrum liegt bei dem Sa’da Kern, also jener Gruppe, die die Sa’da-Kriege überlebte und die ideologisch der Zwölfer-Schia nahe steht, die im Iran praktiziert wird, dem Jemen dagegen historisch fremd ist. Zwölfer-schiitische Praktiken, die im Jemen neu sind, werden in zunehmendem Maße in die Glaubenspraxis einbezogen; so wurde beispielsweise das Aschura-Gedenkfest im Jahr 2017 erstmals von einer großen Zahl von Huthi-Anhängern öffentlich gefeiert, und jemenitische Schiiten begehen heute öffentlich Eid al-Ghadir, einen schiitischen Festtag, der, wie gemunkelt wird, zuvor überwiegend im Geheimen gefeiert wurde.

Von allen Huthi-Faktionen unterhält der Sa’da Kern die engsten Beziehungen zur Iranischen Revolutionsgarde und zur libanesischen Hisbollah, die beide die Huthi-Führung beraten. Dieser eingeschworene innere Zirkel wird oft als „paranoid“ und äußerst „verschwiegen“ beschrieben.

Eine weitere Faktion sind die Huthi-Dschihadisten, die die meisten Huthi-Kämpfer im Krieg stellen und die von einer radikalen religiösen Interpretation motiviert sind, vergleichbar salafistischen Dschihadisten. Sie werden von dem Sa’da Kern und historischen Verweisen auf das Martyrium Husseins, des frühen schiitischen Imam, dessen Tod die Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten begründete, inspiriert. Religiöse Extremisten auf beiden Seiten des Konflikts betrachten den Krieg als eine Frage von Leben und Tod für ihre Glaubensgemeinschaften. Diese Deutung des Konflikts, an der sowohl Huthi-Dschihadisten als auch salafistische Dschihadisten festhalten, hat im gesamten Land einem verbreiteten Konfessionalismus Vorschub geleistet.

Außerdem gibt es noch die Gruppe der zaiditischen Dogmatisten. Wie die Salafisten glauben sie, dass sie eine besonders reine Form des Islam praktizieren, die von ihren Vorfahren perfektioniert wurde. Innerhalb dieses religiösen Spektrums gibt es außerdem einige zaiditische Haschemiten, die gerne das alte mutawakkilitische Königreich in Jemen wiederauferstehen lassen würden, das Imamen, die ihre Abstammung auf den Propheten Mohammed zurückführten, politische Macht verlieh. Aber keiner derjenigen, die die Wiederherstellung des Imamats fordern, hat enge dynastische Beziehungen zur Herrscherfamilie, die 1962 entmachtet wurde, oder deren Vorgängern.

Zu den ideologischen Spaltungen kommen geografische Gräben, die von bestehenden Stammesverbünden diktiert werden. Die Huthis genießen die breite Unterstützung der Hashid-, Bakil- und Khawlan-Stämme, aber innerhalb dieser Gruppen gibt es gewisse Spannungen. Die Stammesdynamik, die schon vor 2011 existierte, spielte den Huthis in die Hände, da viele nordjemenitische Stämme die Herrschaft der Hashid-Hierarchie ablehnten. Infolge des Erstarkens der Huthis sind die Sa’da-Stämme zum ersten Mal seit Jahrzehnten im Norden zur dominanten Kraft geworden. Der Sa’da Kern hat die geografischen sozialen Schichten umgestaltet, indem er die Regionen Sanaa und Thamar unter seine Kontrolle brachte.

Parole der Huthis an einem Haus in Yafaa-Dhamar-Jemen, die Parolen lauten. Gott ist groß! Tod den USA! Tod Israel! Verdammt seien die Juden! Sieg dem Islam!

Parole der Huthis an einem Haus in Yafaa-Dhamar-Jemen, die Parolen lauten. Gott ist groß! Tod den USA! Tod Israel! Verdammt seien die Juden! Sieg dem Islam!

Den gesamten gegenwärtigen Konflikt hindurch haben die Huthis traditionelle Verfahren zur Schlichtung von Stammesstreitigkeiten angewandt, um sicherzustellen, dass sich nordjemenitische Stämme, die andernfalls möglicherweise gegen sie gekämpft hätten, nicht einmischten, und dies gelang ihnen dadurch, dass sie mächtigen Stämmen in ihren jeweiligen Regionen weitreichende Autonomie gewährten. Die Huthis profitierten auch von Fehlern der arabischen Koalition und der jemenitischen Regierung. Die nachlässige Zielauswahl für die Luftangriffe der arabischen Koalition auf bis dahin neutrale Stämme hat den Huthis neue Verbündete eingebracht, und die Diskriminierung von Jemeniten, die in von Huthis kontrollierten Gebieten leben, durch die Regierung hat Teile der jemenitischen Bevölkerung noch weiter verprellt.

3.1 Gescheiterte politische Mobilisierung

Bei der politischen Mobilisierung waren die Huthis lange nicht so erfolgreich wie bei der militärischen. Nach ihrer handstreichartigen Einnahme Sana‘as haben sich zahlreiche politische Parteien auf die Seite der Huthis geschlagen, unter anderem die Union der Volkskräfte und die al-Haq-Partei, aber ihre Motive waren vielschichtig – während sie von der Legitimität der zaiditischen Identität der Huthis beeinflusst waren, mussten sie auch an ihr eigenes Überleben und ihre Sicherheit unter der Herrschaft der Huthis denken.

Obwohl sie politische Allianzen schmiedeten, bereitete es den Huthis Schwierigkeiten, ihre Unterstützer bei der Stange zu halten, während sie zugleich den Verlust hochrangiger Anführer verkraften mussten. Schon 2013 hatten Gegner der Huthis begonnen, prominente politische Führungspersönlichkeiten der Huthis zu ermorden, unter anderen Ahmed Sharaf al-Din und Abdel Karim Jadban. Diese organisatorischen Misserfolge und Rückschläge haben die politischen Bestrebungen der Huthis beeinträchtigt, und der politische Flügel, der die Huthis bei internationalen Verhandlungen vertritt, ist ihr schwächstes Glied.

Viele Huthi-Unterstützer sind politische, religiöse oder agnostische Pragmatiker, die die Gruppe aufgrund unmittelbarer eigener Interessen unterstützen. Zu dieser Kategorie gehören ehemalige Mitglieder des Allgemeinen Volkskongresses (AVK), die sich 2012 auf die Seite Salehs schlugen, einige Angehöriger nordjemenitischer Stämme, Personen, deren Lebensgrundlage durch die Fehler der arabischen Koalition beeinträchtigt wurde, und diejenigen, die früher von der jemenitischen Regierung ausgegrenzt worden waren. Diese Pragmatiker machen den größten Teil der Huthi-Organisation aus und werden wahrscheinlich die Seiten wechseln, wenn sich das Machtgleichgewicht verschiebt. Viele Pragmatiker, die einst die Herrschaft der Huthis tolerierten, taten genau dies, als Saleh Ende 2017 mit seinen Huthi-Partnern brach, worauf es zu Kämpfen zwischen Huthis und Saleh-Getreuen kam, die zu Salehs Tod führten.

Die internen Machtkämpfe zwischen den Huthis und dem Pro-Saleh-Lager bestärkten Einschätzungen, dass es sich hauptsächlich um einen saudisch-iranischen Stellvertreterkrieg handele, und nachdem Saleh außerhalb von Sana‘a getötet worden war, äußerten einige Pragmatiker ihre Missbilligung der Tat und flohen aus dem von den Huthis kontrollierten Territorium. Die Hinrichtung Salehs war für die Huthis ein zweischneidiges Schwert. Sie hat einerseits der Moral der Gruppe einen kräftigen Schub gegeben, aber sie verprellte andererseits auch viele Unterstützer, die Saleh verehrten. Einige dieser Unterstützer haben sich jetzt mit der Regierung von Abdrabbuh Mansour Hadi verbündet, darunter auch eine stark bewaffnete Splittergruppe, die Wächter der Republik, unter Führung von Salehs Neffe, Tarik.

3.2 Die Bedeutung der militärischen Organisation der Huthis

Die einflussreichste Komponente der Huthi-Gruppe ist ihr militanter Block, der vom Obersten Revolutionskomitee vertreten wird, das ähnlich aufgebaut ist wie die Iranischen Revolutionsgarden. Der militärische Block der Huthis ist hervorragend bewaffnet und verfügt unter anderem über Waffen, die sie von Regierungstruppen im Norden erbeuteten.

Der militärische Flügel der Huthi ist der einzige Bereich innerhalb der Organisation, in dem Frauen in nennenswerter Zahl vertreten sind. Frauen leisten Dienst in einer Spezialmiliz und werden al-Zaynabiyat genannt, nach Zaynab, der Tochter des vierten Kalifen, Ali, der von den Schiiten verehrt wird. Die Zaynabiyat unterstützen die politischen, militärischen und gesellschaftlichen Ziele der Huthis, indem sie unter Anleitung des Revolutionskomitees körperlich anstrengende und kulturell sensible Aufgaben verrichten, wie die Teilnahme an Kampfhandlungen, die Unterstützung von Durchsuchungen und die Bewachung weiblicher Gefangener.

Die Huthis führen Schlachten an vielen Fronten, auch im Innern. Der militärische Arm scheint gegen den politischen Arm zu kämpfen und strebt mehr und mehr die vollständige Kontrolle über die Huthi-Bewegung an. Im April 2018 wurde der Präsident des Huthi-Staats und Vorsitzende von dessen politischem Rat, Saleh al-Sammad, durch einen Luftangriff der Koalition getötet, der detaillierte nachrichtendienstliche Informationen erforderte, die eigentlich nur durch vorherige Infiltration der Huthi-Führungsspitze erlangt werden konnten. Es ist möglich, dass Mitglieder des militärischen Flügels diese Informationen bereitstellten, um Sammad zu beseitigen. Ein weiterer Beleg für den Zusammenbruch der internen Huthi-Dynamik liefern aktuelle glaubwürdige Berichte über wachsende Spannungen zwischen Mahdi al-Mashat, Sammats Nachfolger, und Mohammed al-Houthi, dem Vorsitzenden des Revolutionsausschusses, und Vorwürfe, wonach Huthis einen Mordanschlag auf Mashat unternommen haben sollen.

Der militärische Zweig der Huthi-Bewegung könnte leicht seine mächtige Rolle im Krieg dazu nutzen, seine Rivalen im politischen Arm auszuschalten. Allerdings würde dies die Aussichten auf Wiederversöhnung mit anderen jemenitischen Gruppen beeinträchtigen und einen Friedensschluss erschweren. Wenn der Krieg morgen enden würde, blieben die Spannungen innerhalb des Huthi-Blocks jedoch ungelöst und würden wahrscheinlich die Bewegung von innen heraus schwächen. Solange die Spaltungen fortbestehen, stellen sie Gelegenheiten für externe Gruppen dar – einschließlich gegenwärtiger Feinde. Im militärischen Flügel der Huthis gibt es Personen, die an saudischer Unterstützung interessiert sind, und es wäre vielleicht ein raffinierter Schachzug der Saudis, diesen Wünschen nachzukommen und so einige Huthis auf ihre Seite zu ziehen, während sie die Bewegung insgesamt schwächen würden.

Huthis protestieren gegen Luftangriffe und tragen ein Bild ihres Führers Mohammed al-Houthi

Huthis protestieren gegen Luftangriffe und tragen ein Bild ihres Führers Mohammed al-Houthi

4 Die Rolle Irans in dem Konflikt

Der Jemenkrieg ist ein Geschenk für den Iran. Irans geräuschlose Manipulation des Krieges hat Befürchtungen seiner Gegner verstärkt, die davon überzeugt sind, dass das Land die Sicherheit auf der Arabischen Halbinsel bedroht. Weil beim Umgang mit dem Konflikt schwere Fehler gemacht wurden, ist aus einer aufgebauschten Bedrohung eine Realität geworden. Iran erreichte diesen Reputationsgewinn zu niedrigen Kosten. Im Gegensatz zur arabischen Koalition, die jeden Monat 5–6 Milliarden Dollar für den Jemenkrieg ausgibt, gibt der Iran Schätzungen zufolge deutlich weniger für den Konflikt aus – vielleicht jedes Jahr nur einige Millionen Dollar im Jemen. Diese Unterstützung hat die Huthis gestärkt und den Konflikt in die Länge gezogen. In den letzten fünf Jahren haben der Iran und sein libanesischer Stellvertreter, die Hisbollah, ihre militärische und technische Unterstützung für die Huthis ausgeweitet und ihnen geholfen, die Angriffe der arabischen Koalition zu überleben.

Als der Arabische Frühling den Jemen erreichte, waren die Huthis nicht die einzige Gruppe, zu denen der Iran Kontakte knüpfen wollte. Iran war interessiert an Beziehungen zu jeder Gruppe, die seine Patronage akzeptieren wollte. Und Iran war auch nicht allein. Golfstaaten, die Türkei und andere ausländische Regierungen begannen sich erneut für jemenitische politische Blöcke und auch zivilgesellschaftliche Gruppen zu interessieren. Wie andere Regionalmächte bot auch der Iran Workshops und Schulungen für unabhängige Aktivistinnen und nichtstaatliche Basisorganisationen an. Einmal unterstützte Iran auch einen Zweig der Südjemenitischen Separatistenbewegung, die jetzt mit Saudi-Arabien und den VAE verbündet ist. Seit dem Ausbruch des Konflikts hat Iran seinen Einfluss auf andere jemenitische Gruppen verloren, aber er bleibt der wichtigste ausländische Unterstützer der Huthis. Während die Vorstellung, der Iran sei der Drahtzieher hinter der Huthi-Bewegung weit verbreitet ist, deutet die Entwicklung der Huthi-Organisation darauf hin, dass sie an den Iran herangetreten ist, nicht umgekehrt. Jemenitische Wissenschaftler, die sich mit der Huthi-Bewegung beschäftigen, haben behauptet, die Huthis seien beeindruckt von der Organisation und Disziplin der iranischen Revolutionsgarden und der libanesischen Hisbollah und hätten sich ratsuchend an sie gewandt. Diese Experten haben überdies behauptet, die Zusammenarbeite beruhe auf gemeinsamen politischen Zielen, nicht auf geteilten religiösen Überzeugungen.

Der ideologische Einfluss des Iran auf die Huthis hat möglicherweise begonnen, als Hussein Badr al-din al-Houthi Anfang der 1990er Jahre die iranische Stadt Qom besuchte, aber die direkte taktische Anleitung wurde erst im sechsten Sa’da-Krieg offensichtlich, als Saudi-Arabien sein Engagement in den Kriegen der Regierung Saleh gegen die Huthis verstärkte. Im Oktober 2009 und im Januar 2013 wurden zwei große Waffenlieferungen des Iran von der jemenitischen Regierung beziehungsweise der USS Farragut abgefangen. Diese abgefangenen Lieferungen verdeutlichten, wie wichtig der Zugang zu den Häfen Midi und Salif in der Provinz Hudaida für die Kriegsanstrengungen der Huthis ist. Iran hat die Huthis angeblich auch aus der Luft mit Nachschub versorgt; iranische Flugzeuge sollen drei Wochen lang täglich auf dem Flughafen von Sana‘a gelandet sein, ehe der Zugang durch den saudischen Luftwaffeneinsatz blockiert wurde. Ein im Januar 2019 veröffentlichter Bericht des UN-Sicherheitsrats enthüllte, dass der Iran die Huthis jeden Monat mit Erdöl im Wert von schätzungsweise 30 Millionen Dollar versorgt.

Diese Unterstützung ist allerdings nicht das Gleiche wie Kontrolle. Tatsächlich scheinen die Huthis mitunter gegen den Rat ihrer iranischen Unterstützer gehandelt zu haben. Es wurde sogar berichtet, der Iran habe den Huthis davon abgeraten, die Stadt Sana‘a einzunehmen, und ihnen empfohlen, ihre Streitkräfte aus bestimmten Regionen des Jemen abzuziehen – mutmaßlich um die Verhandlungen über den Gemeinsamen Umfassenden Aktionsplan (JCPOA) und dessen Umsetzung nicht zu gefährden.

Die Ablehnung iranischer Ratschläge durch die Huthis zeigt, dass die Beziehung zwischen Iran und den Huthis, auch wenn sie auf den Krieg in der Provinz Sa’da im Jahr 2009 zurückgeht, im Jahr 2015 noch immer in ihren Anfängen war. Die erfolgreiche Einnahme Sana’as war für jeden, der an den Fähigkeiten der Huthis zweifelte, eine Überraschung, auch für den Iran selbst. Sie lässt auch darauf schließen, dass der Iran damals seinem Einfluss im Jemen keine Priorität gab. Es waren die Huthis, nicht ihre ausländischen Förderer, die ihren Machtwillen zur Geltung brachten und ihre Agenda vorantrieben. Allerdings haben sie aufgrund ihrer schlechten Planung und ihrer begrenzten politischen Erfahrung nicht die koordinierte Vergeltung der arabischen Koalition vorhergesehen, und seither verlassen sie sich stärker auf iranische Unterstützung.

Die Regierung Trump hat sich bemüht, den iranischen Einfluss im Jemen in der öffentlichen Wahrnehmung aufzubauschen, insbesondere seit ihrem Ausstieg aus dem JCPOA im Mai 2018. Im Dezember 2017 hielt die US-amerikanische UN-Botschafterin Nikki Haley eine Rede, in der sie Belege dafür präsentierte, dass die Huthis iranische Waffen gegen Saudi-Arabien eingesetzt hatten, und eine internationale Verurteilung forderte.

Da die Regierung Trump die diplomatische und wirtschaftliche Isolation des Iran vorantreibt, wird Iran seine Präsenz und sein Engagement im Jemen wahrscheinlich ausweiten, um seinen in den letzten Jahren gewachsenen Einfluss in der Region zu festigen. Ein verstärktes Engagement des Iran hätte noch verheerendere Folgen für die jemenitische Zivilbevölkerung und würde die humanitäre Krise verschlimmern.

5 Die Zukunft der Huthis und des Jemen

Seit Anfang der 2000er Jahre und insbesondere in den letzten vier Jahren des Konflikts wurden die Huthis von einer kleinen Rebellengruppe im äußersten Norden Jemens zu zentralen Akteuren des vielleicht bedeutendsten regionalen Konflikts in der Geschichte der modernen Arabischen Halbinsel und des blutigsten Krieges der Gegenwart. Seit 2011 ist es ihnen gelungen, ihre Kontrolle von Sa’da, einem unbedeutenden Gouvernement in Randlage, auf den größten Teil des Nordjemens auszuweiten, einschließlich der Hauptstadt des Landes und seiner (dysfunktionalen) Institutionen. Heute nehmen es die Huthis mit der arabischen Koalition auf, die über große Mengen an westlichen Waffen und Erdöleinnahmen verfügt.

Es wird schwierig werden, die Huthis davon zu überzeugen, dass ein Friedenszustand einem Kriegszustand vorzuziehen ist. Die Huthis wissen, wie viele andere Konfliktparteien im Jemen, dass der Frieden die Verringerung und die Umwandlung ihres Einflusses im Jemen bedeutet. Einige Friedensvorschläge würden die Huthis dazu verpflichten, ihre schweren Waffen abzugeben und sich im ganzen Land aus Machtzentren zurückzuziehen. Sollten die Huthis gezwungen werden, sich in eine politische Partei zu verwandeln, würden sie im gesamten Nordjemen ihre exklusive Machtstellung und ihre Privilegien verlieren, sobald sie ihre Waffen niederlegen und ihre politische Beteiligung auf friedliche demokratische Prozesse beschränken würden.

Das im Dezember 2018 unterzeichnete Stockholmer Abkommen ist nach wie vor in Kraft, aber seine Umsetzung stockt, und es muss gestärkt werden. Obgleich das Abkommen als vage und substanzlos kritisiert wurde, wurde es dennoch als ein erster, wenn auch zaghafter Schritt Richtung Frieden begrüßt. Der in Stockholm initiierte Friedensprozess stieß in den Monaten, die seither vergangen sind, auf etliche Hindernisse; der Chef der UN-Friedensmonitoring-Truppen wurde bereits aufgrund andauernder Konflikte zwischen den Huthis und ihren Gegnern abgelöst. Die Überwachung der technischen Einzelheiten des Abkommen ist wichtig, aber noch wichtiger ist es, den politischen Willen für Frieden zu finden. Die Huthis davon zu überzeugen, einer Friedenslösung zuzustimmen, wird Druck in Verbindung mit politischen Anreizen erfordern, um ihre weitere Expansion im Jemen einzudämmen und die schlimmste menschengemachte humanitäre Krise der Gegenwart zu lindern.

Als Anreiz für den Frieden muss die Abrüstung sämtliche nichtstaatlichen Akteure, die im Jemen gegeneinander Krieg führen, einschließlich der Elitetruppen, die die Regierung unterstützen, einbeziehen. Die arabische Koalition muss mit Huthi-Vertretern in Dialog treten und eine vernünftige Arbeitsbeziehung zu ihnen aufbauen, um ihren guten Willen zu zeigen – wie es die arabische Koalition bereits mit anderen jemenitischen Parteien getan hat.

Auch die Vereinigten Staaten werden ihre Kommunikationskanäle zu den jemenitischen Kriegsparteien und ehemaligen Politikern wieder öffnen müssen, um ihre starke Abhängigkeit von ihren Partnern in der arabischen Koalition zu beenden und längerfristig eine bedeutende Rolle als Vermittler spielen. Das Verhältnis der USA zum Iran wird das Ausmaß und die Richtung des iranischen Engagements und Einflusses auf die Huthis im Jemen bestimmen.

Schließlich werden die Friedensbemühungen scheitern und die Huthis möglicherweise noch weiter gestärkt werden, wenn deren Bedürfnisse losgelöst von dem betrachtet werden, was für den Wiederaufbau des Jemens insgesamt erforderlich ist. Wenn der Jemen als ein einheitlicher Staat fortbestehen soll, müssen die Bedürfnisse und Anliegen aller Jemeniten angemessen berücksichtigt werden. Um dies sicherzustellen, sollten internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen und die Europäische Union und Länder mit regionaler Glaubwürdigkeit und Legitimität wie Oman sich stärker engagieren und mit der Unterstützung der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und anderer mächtiger Länder als wichtige Friedenspartner fungieren.

Wenn die Huthis ihren Teil des Friedensabkommens nicht einhalten, sollten die Vereinten Nationen und andere Friedensvermittler den Huthis mit dem Ausschluss aus den Post-Konflikt-Absprachen oder dem Friedensprozess drohen – insbesondere dann, wenn sich die anderen politischen und militärischen Gruppen im Jemen miteinander verständigen können. Aber dies sollte die Ultima Ratio sein. Die Huthis sind eine mächtige Gruppierung und selbst wenn sie Mühe haben, das Land zu regieren, haben sie ihre Fähigkeit unter Beweis gestellt, Konflikte zu schüren und politische Kooperation zu sabotieren. Dazu werden sie auch nach dem Ende des Krieges noch in der Lage sein.

Dieser Artikel erschien in englischer Sprache auf der Webseite Lawfare Blog; Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Lawfare Blogs (www.lawfareblog.com).

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Published Online: 2019-09-07

Published in Print: 2019-09-01


Citation Information: SIRIUS – Zeitschrift für Strategische Analysen, Volume 3, Issue 3, Pages 280–286, ISSN (Online) 2510-2648, ISSN (Print) 2510-263X, DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2019-3008.

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