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Sozialer Sinn

Zeitschrift für hermeneutische Sozialforschung

Ed. by Kutzner, Stefan / Magnin, Chantal / Scheid, Claudia / Silkenbeumer, Mirja / Wernet, Andreas

2 Issues per year

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ISSN
2366-0228
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Volume 17, Issue 1

Issues

(Re)präsentation deutschsprachiger Soziologie

Überlegungen via die Betrachtung des Themenpapiers „Routinen der Krise – Krise der Routinen“ des 37. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie.

Claudia Scheid
Published Online: 2016-11-18 | DOI: https://doi.org/10.1515/sosi-2016-0006

Zusammenfassung

Das Themenpapier des letzten Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie wies zwei einigermaßen etablierte Fachbegriffe in seinem Titel auf, nämlich „Krise“ und „Routine“. Irritierenderweise wird im Text auf diese selbst gar nicht sowie auf die diesen Begriffen zugrunde liegenden Theorietraditionen nur ausschnitthaft hingewiesen und auch sonst Theorientraditionen nur sehr begrenzt Raum gegeben. Die genauere Betrachtung des Themenpapiers lässt als hierfür ursächlich eine eigentümliche Verzagtheit in der Selbstpräsentation als Bestandteil einer offensiv gedachten Werbestrategie vermuten.

Schlüsselwörter: Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS); Wissenschaftliche Fachgesellschaft; Krise und Routine

1 Einleitung

Der alle zwei Jahre stattfindende Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) wurde im Jahr 2014 mit dem Motto „Routinen der Krise – Krise der Routinen“ versehen. Dieser Kongress wird vom Vorstand der Gesellschaft sowie Veranstalterinnen und Veranstaltern an der jeweiligen Universität vor Ort ausgerichtet. Gemeinsam wird seit mindestens 2012 das Themenpapier verfasst bzw. verantwortet.1

Der Vorstand ist durch die Wahl seitens der Mitglieder mit Vertrauen ausgestattet und soll diese repräsentieren. Die von den Vorstandsmitgliedern je zu diesen Kongressen mitverfassten Themenpapiere, so kann man als Mitglied erwarten, repräsentieren etwas von der Disziplin, zeigen etwas von ihren gegenwärtigen Fragen und Standpunkten.

Die Gesellschaft und der Kongress sind Teil der Selbstorganisation, wie sie eine zentrale Bedingung in der Entwicklung hin zu einer ausdifferenzierten Wissenschaft ist (Stichweh 1990; Münte 2004). Fachgesellschaften bestehen zentral im Engagement ihrer Mitglieder und so werden viele der mit Forschung und Lehre befassten Soziologinnen und Soziologen sich die Ausschreibung dieser Kongresse mit der Überlegung anschauen, ob sie zu einem solchen Kongress, der ein zentraler Ort der Selbstverständigung der Disziplin ist, etwas beitragen können. Diese Voreinstellungen bestimmen wohl die Erwartungen an das Themenpapier und bilden den Fokus des Lesens.2 Im Text wird also voraussichtlich von vielen der Mitglieder nach Fragen gesucht, zu denen man sich zu äußern verpflichtet fühlt oder auch eine besondere Voraussetzung hat, und man schaut, ob eigene, aktuell bearbeitete Forschungsfragen anschlussfähig sind an diejenigen, die sich im Text finden lassen, damit man seinen Beitrag zum Fortschritt der Erkenntnis leisten kann. Das Themenpapier funktioniert als eine Art „call for papers“. Verschiedene Bezugspunkte für zu führende Debatten können präsentiert und angeboten werden, so z. B. ungelöste grundlagentheo-retische Fragen oder aktuelle Phänomene und Krisen, die die Erklärungskraft soziologischer Modelle herausfordern. Dabei steht wohl jeder und jedem, der oder die mal eine Tagungsausschreibung (einen „call for papers“) alleine oder zusammen mit Kolleginnen und Kollegen verfasst hat, vor Augen, wie schwierig diese Textsorte ist. Man ringt um Begriffe, einschließlich ihrer Assoziationsaura, um mit dem gemeinsamen Anliegen verstanden zu werden. Dies gilt umso stärker, wenn Personen aus mehreren unterschiedlichen Theorielagern beteiligt sind.

Das Motto des 37. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie versprach erst einmal, den letzten Punkt in der Liste der möglichen Bezugspunkte für die Debatten anzuvisieren (aktuelle Phänomene, die die Erklärungskraft soziologischer Modelle herausfordern). „Routinen der Krise – Krise der Routinen“ schien gut die zum damaligen Zeitpunkt bereits jahrelang dauernde Währungs- und unterschwellige Wirtschaftskrise wie auch deren politische bzw. bürokratische Bearbeitung in den europapolitischen Gremien zu beschreiben. Krise und Routine sind aber auch tradierte Gegenstände der Soziologie und auch als konkrete Terme tauchen sie in der Soziologie auf. So hätte man auch vermuten können, dass es zudem das Ziel sei, eine grundlagentheoretische Debatte anzustoßen. Krise ist dabei sicher ein Term, der ganz allgemein attraktiv ist, denn er beschreibt, immer noch entsprechend seiner altgriechischen Herkunft, einen Zustand des Umbruchs, wo aus einer Erfahrung, die man als unangenehm empfinden könnte, nämlich eben keinen „Durchblick“, keinen Überblick zu haben, etwas Neues entsteht (zur Etymologie s. u.). So verweist er also immer auf etwas Produktives, aber noch in der produktiven Dimension Unbekanntes – was zumal bei Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern positiv besetzt sein und ihre Neugier anregen dürfte. Nun könnte man der Ansicht sein, dass die bestehenden Versuche einer Analyse und Definition dieses besonderen Zustands der „Krise“ auf eine neue Explikationsstufe zu heben nötig seien und die Notwendigkeit der Revision möglicherweise auch für die ganz konkreten Begriffe der „Krise“ und „Routine“ gelte. Letzterer Gedanke hätte jedoch sofort zugleich Erstaunen hervorgerufen, denn als ganz konkrete tauchen diese Terme zwar gelegentlich auf – einen wirklich systematischen Stellenwert haben sie aber nur in wenigen Theorielagern, welche in der deutschsprachigen Soziologie etabliert sind, so in der Ethnomethodologie und in demjenigen, für welches das Werk Ulrich Oevermanns eine zentrale Bedeutung hat. Als ganz konkrete Terme sind sie also nur in einem eher kleineren Segment gebräuchlich. Ein Anspruch der wissenschaftlichen Gesellschaft, in der wohl die meisten wissenschaftlich tätigen Soziologinnen und Soziologen organisiert sind, diese Terme müssten in ihrer Bedeutung überarbeitet werden, was ihnen eine allgemeine Relevanz zukommen lassen würde, würde auf eine Veränderung in der Dynamik der Theorielager hindeuten.

All dies hätten erste Überlegungen zum Titel sein können. Und ich nehme an, dass mir Ähnliches durch den Kopf ging, als ich das Papier die ersten Male sah. Erinnerbar ist mir das nicht mehr. Aber erinnerbar ist mir noch eine Irritation, als ich den zugehörigen Text las. Die Lektüre des Papieres und eine selektiv vorgehende Auseinandersetzung mit Passagen erbrachten bei mir nämlich keine Klärung, was das Angebot der Themen des Kongresses sein könnte. Die Finanzkrise war thematisch, aber mir wurde nicht klar, in welcher Weise. Die aufgeführten Traditionen soziologischer Forschungen zum Thema Krise und Routine schienen mir selektiv. Insbesondere subjekttheoretische Ansätze blieben unerwähnt (z. B. Mead, Freud, Adorno, Plessner). Manifeste Widersprüche waren enthalten: Einerseits sollte die Soziologie angeblich eine Krisenwissenschaft sein. Andererseits wurde behauptet, dass sich die Soziologie noch nicht genügend um den Krisenbegriff,3 der etwas anderes ist als eine Definition des Wortes „Krise“, gekümmert habe (der Unterschied zwischen Begriff und Term ist Teil des klassischen erkenntnistheoretischen Theoriebestands; vgl. Loer 2013:9). All dies konnte ich nicht einordnen in Bezug auf die Frage, welche Auseinandersetzungen geführt werden könnten, und das motivierte mich zu einer genaueren Betrachtung des Textes, und zwar in der Hoffnung, etwas über den Grund der eigenen Irritation zu erfahren. Mit anderen Worten: Die anhaltende Unklarheit, ob es eine Auffälligkeit im Papier gäbe oder ob blinde Flecken den Blick verstellten, begründeten meinen Wunsch, klarer zu sehen, wie das Papier zu verstehen sei, und eine Ahnung davon zu bekommen, warum es so geschrieben wurde.

2 Wie wurde vorgegangen?

Eine methodische Analyse ist normalerweise angestoßen durch eine Forschungsfrage. Im Rahmen deren Bearbeitung sucht man nach bestehenden Theorien, geeigneten Daten und Auswertungsmethoden. Die Auswahl der Daten und Methoden wird dann ausführlich begründet.

Hier aber gab es keine vorweg bestehende Forschungsfrage; es gab lediglich ein Phänomen, das man sich nicht erklären konnte. Die nun auf der Grundlage von Methodik vorgenommene Betrachtung wurde allein zu Zwecken der Diagnose und des Räsonnements durchgeführt.4

Der betrachtete Text ist aufgefallen in seiner Funktion als eine Art „call for papers“. Er richtete sich an forschende Soziologinnen und Soziologen. Die Fokussierung auf ein Thema dient dem Erkenntnisgewinn in Bezug auf eine Frage und die Gegenüberstellung, was die Chance beinhaltet, auf dem Kongress in actu einen Erkenntnisfortschritt zu generieren, und zwar dadurch, dass Beiträge aus verschiedenen Theorielagern und methodischen Ausrichtungen miteinander in Beziehung gebracht und vergleichbar werden.

3 Der Titel

Der Titel des Themenpapieres entspricht dem Motto des geplanten und mit dem Papier beworbenen Kongresses. Man kann also erwarten, dass der Titel im Text als ein stimmiger Hinweis auf interessante Fragen und Debatten zu erkennen ist.5

„Routinen der Krise – Krise der Routinen“

Das Motto bzw. der Titel stellen üblicherweise eine Verdichtung eines Textes dar, in der das Thema angekündigt wird oder, im Fall beispielsweise eines politischen Räsonnements, zentrale Aussagen eines Textes vorweg benannt werden sollen. So kann der Titel folgendermaßen umschrieben werden: „In folgendem Text geht es um Routinen der Krise und um die Krise der Routinen.“ Diese implizite Rahmung kann sich auch auf Schlussfolgerungen beziehen: „Im folgenden Text wird gezeigt, dass xy vorliegt“ oder „wird gefordert werden, dass xy installiert werden muss“ etc.

Eingebettet in diese Rahmung bleibt die Zusammenstellung von „Krise“ und „Routine“ erläuterungsbedürftig. Es wird zuerst eine rein grammatikalische Betrachtung der Phrase vorgenommen, bevor die Semantik fokussiert wird. Die Routinen sind mit „der“ den Krisen zugeordnet, sie gehören ihr an. Man könnte also den Titel folgendermaßen ergänzen: „Im folgenden Text geht es um die Routinen, die der Krise angehören. Auch wird es darum gehen, dass Routinen als solche in der Krise sind – auch dieses Phänomen wollen wir beschreiben und analysieren.“ Diese beiden Teile des Mottos können so paraphrasiert werden; man wird im Folgenden aber sehen, dass der erste semantisch widersprüchlich und der zweite in seiner Aussage sogar unlogisch ist.6

Dass es sich bei Krise und Routine um ein Gegensatzpaar, um eine Antonymie handelt, ist in diesem Titel nicht berücksichtigt. Die Etymologie der beiden Worte zeigt diese spezielle Verbindung auf:7 „Routine“ leitet sich ab von „route“. Die Straße ermöglicht Reproduzierbarkeit, man kann vor und zurück und der Weg ist gesichert, vorgespurt, eine Karte kann Auskunft über den Verlauf der Straße geben. Wegweiser geben möglicherweise an, wo die Straße hinführt. Eine Krise beschreibt demgegenüber einen Moment, in dem nichts „vorgespurt“ ist, es ist nicht zu sehen, „wohin die Reise geht“. Krise und Routine sind also gegensätzlich: Wo Routine ist, kann nicht Krise sein, und wo Krise ist, nicht Routine. Und eine Krise zeichnet sich gerade dadurch aus, dass bislang bewährte Routinen nicht mehr greifen.

Wenn man nun die Art der Verknüpfung im ersten Teil des Titels anschaut, „Routinen der Krise“, dann wird also behauptet, dass es „Wege“ der Krise gibt. Nun ist „Krise“ aber keine Instanz, die Wege finden oder befestigen kann. Routinen können nur von Akteuren und Akteurinnen, Entscheidungsträgern und Entscheidungsträgerinnen entwickelt werden, also von Personen, Familien, Nationen und Ähnlichem. Die Konstruktion kann aber als ein Oxymoron gelesen werden, jedoch nur dann, wenn man die Zusammenstellung in den Rahmen der „dichterischen Freiheit“ setzt. Vergleichbar wären z. B. „Trauer des Glücks“ oder „Handicap der Begabung“.

Kann es pragmatisch, jenseits von sprachlogischen Überlegungen, nicht doch Routinen der Krise geben? Hat man sich vorgenommen, in gesundheitlichen Krisen immer zeitig zur Ärztin bzw. zum Arzt zu gehen, muss man doch je entscheiden, ob es sich um eine solche gesundheitliche Krise nun handelt. Der Gang zur Ärztin oder zum Arzt ist also per definitionem der Beginn der Überwindung einer Krise, gehört ihr also nicht mehr an. Wie ist es mit „Krisenszenarien“, ist dies ein Indiz einer Routine in der Krise? Krisenszenarien sind ein übliches Vorgehen im Katastrophenschutz. In ihnen werden mögliche Ausformungen einer gefahrbringenden Entwicklung und angepasste Interventionen skizziert. Die Pläne und Maßnahmen können nicht ein Unglück verhindern, sie sind – durch die gedankenexperimentelle Vorwegnahme – Routinen der Krisenprävention. Es geht darum, handlungsfähig zu bleiben, und zwar durch vorweg skizzierte Routinen. Zu unterscheiden sind also in diesem Zusammenhang Risiko, Unglück, Krise. Die Krise gilt es zu vermeiden im „Krisenszenario“, auch wenn das Unglück hereinbricht.

Wenn es also Routinen der Krise weder grammatisch noch semantisch, gelesen als „Routinen in der Krise“, geben kann, muss notwendig eine andere als eine einfache, propositionale Bedeutung dieses Titels bestehen. Durch die un-grammatische und nicht mit der Semantik kompatible Zusammenstellung wird „Krise“ als Term entwertet. Es stellt sich aber die Frage, warum das Wort „Krise“ nicht in Anführungszeichen gesetzt wurde, denn es ist ja nicht seinem eigentlichen propositionalen Gehalt nach verwendet, sondern nur als Index auf irgendeine bekannte, aber vom propositionalen Gehalt abweichende Verwendungsweise. Vergleichend ließe sich eine Formulierung wie „Die Abzocke der Leistungsträgerinnen und Leistungsträger“ heranziehen. Der Begriff der Leistungsträgerinnen und -träger stellt in den Mittelpunkt ja genau etwas, das nicht ungerechtfertigte finanzielle Vorteile impliziert. Setzt man den Begriff aber in Anführungsstriche, kann der Leser oder die Leserin das Wort als etwas identifizieren, das (noch) genau zu betrachten sei in seinen Verwendungsweisen und jedenfalls nicht einfach wörtlich verstanden werden sollte: „Die Abzocke der ‘Leistungsträgerinnen und Leistungsträger’“ entspricht dann: „Die Abzocke der sogenannten Leistungsträgerinnen und Leistungsträger“.

Kann die Zusammenstellung dichterisch funktionieren, wie z. B. die „schwarze Milch“ aus der „Todesfuge“ von Paul Celan? Solche „semantischen Indizes“ müssen sich bewähren – und dies braucht Zeit. So kann man wohl noch keine unmittelbare Entscheidung darüber treffen, ob „Routinen der Krise“ zum „geflügelten Wort“ werden wird. Doch in einem Text einer wissenschaftlichen Fachgesellschaft wäre ein solches Element insofern ungewöhnlich, als dass in wissenschaftlichen Texten künstlerische Verdichtungen eher gemieden werden bzw. umgekehrt: Es wird eher stark expliziert.8

Nehmen wir den zweiten Teil des Titels hinzu: „Krise der Routinen“. Diese Aussage zu verstehen als Krise bestimmter Routinen, ist zwar eine in sich nahelie-gende Lesart, die jedoch pleonastisch wäre. Krise bedeutet immer auch, dass Routinen Makulatur sind. Doch formuliert ist genau genommen ohnehin, dass die Routinehaftigkeit als solche in die Krise geraten ist. In dieser Zusammenstellung der beiden Begriffe Krise und Routine ist eine logische Unmöglichkeit enthalten, die aber, anders als bei der Zuordnung des Prädikats Routine dem Begriff der Krise, nicht eine grammatische und eine begriffsmäßige ist. Die Unmöglichkeit ist sinnlogischer Art: Routinen sind für Subjekte, Gemeinschaften und Gesellschaften derart elementar, dass sie nicht als solche – in ihrer Existenz – in die Krise geraten können. Man stelle sich nur vor, man würde beim Aufstehen nicht wissen, was zu tun sei. Letztlich ist also auch diese Zusammenstellung nicht stimmig aufzulösen bzw. als Deutung drängt sich auf: Es wird von den Autoren und Autorinnen wahrscheinlich an den Zusammenbruch ganz bestimmter Routinen gedacht, aber dies wird um des Wortspiels mit dem Titeldreher willen in eine Form gebracht, die Unstimmiges in Kauf nimmt.9

Zusammenfassende Thesenbildung: Auffällig ist vor allem die semantisch nicht kompatible Zusammenstellung in „Routinen der Krise“. Der Krisenbegriff wird dadurch infrage gestellt. In der Zusammenstellung des ersten Teils des Mottos müsste „Krise“ in Anführungsstriche gesetzt werden. Krise existiert also entweder so gar nicht oder der Term muss zumindest neu bestimmt werden, weil das Wort z. B. eine ideologische Funktion hat (in etwa vergleichbar „Orient“ [Said 1981] oder „Geschlechtscharakter“ [Hausen 1979] etc.). Zugleich wird damit, dass „Routine“ am Beginn und Ende des Mottos steht, ausgedrückt, dass Routine das bedeutendere Thema ist. Im Zusammenhang damit, dass Krise in den Formulierungen nur dann grammatisch und sinnhaft platziert werden kann, wenn man es in Anführungsstriche setzt, also schon darauf hinweist, dass man dieses Wort nicht bruchlos verstehen dürfe, wird tendenziell Folgendes nahegelegt: dass Krise so nicht besteht, dass man sich genauer anschauen muss, was da ist. Demgegenüber sind die Routinen wichtig und interessant. Sie muss man zentral im Auge haben. Unterstellt man ein wissenschaftliches Publikum – und nur an dieses ist ein „call for papers“ eigentlich gerichtet –, dann überrascht diese Implikation. Denn diese Logik beinhaltet etwas Begrenzendes. Beiträge, die Krise als Begriff ernst nehmen und bereits identifizierte Krisen in den Blick nehmen wollten, wären als hinter die erreichte Einsicht der Fragwürdigkeit von „Krise“ zurückfallend positioniert.

Warum wurde dieses Motto gewählt, warum gerade zu diesem Zeitpunkt? Gibt der weitere Text Aufschluss darüber?

4 Der Text

„Wir leben in Krisenzeiten.“

Das „Wir“ wird nicht weiter bestimmt. In dieser Unbestimmtheit wäre es als ein allgemeines „Wir“ zu lesen: Wir alle. Nach der Desavouierung des Begriffs der Krise wird dieser weiter verwendet, allerdings in einer Zusammenstellung, nämlich in: „Krisenzeiten“. Diese Zusammenstellung bannt die Krise, hegt sie ein, denn unterstellt wird: „Krisen kommen und gehen und auch diese wird wieder verschwinden.“ Im Moment der Krise selbst kann aber eigentlich noch nicht geklärt sein, ob es eine Krise ist, die sich über die Zeit hinweg betrachtet relativiert, oder eine, die fundamental eine andere Existenzweise, ein anderes Zeitempfinden hervorrufen wird (vergleiche etwa „vor Christus“ und „nach Christus“).

Was ist die Struktur einer solchen Aussage, die eine Feststellung über das Leben von uns allen macht? Da wir dieses Leben teilen, ist es erklärungsbedürf-tig, wenn sich jemand zum Sprachrohr von „uns“ macht. Wissen wir denn nicht, wie wir leben? Es ist wohl die Unterstellung der Sozialwissenschaften, dass wir genau dies nicht tun, denn sonst wäre ihre Existenz überflüssig. Doch üblicherweise spricht der Sozialwissenschaftler, die Sozialwissenschaftlerin dann über das Forschungsobjekt des „Sozialen“, auch wenn sie oder er sehr häufig denselben Strukturen unterliegt, die beforscht werden. Die Objektivierung im Rahmen von Theorien und Methoden soll ermöglichen, im Moment der Analyse die Distanz aufrechterhalten zu können.10 Das Moment der „künstlichen Naivität“, des „Befremdens“ sind in den Methodendiskussionen geläufig. Sozialwissenschaftler, Sozialwissenschaftlerinnen würden einen Artikel über gegenwärtige Paarstrukturen eher selten in einer Form schreiben, die ihn oder sie einschließt, sofern er oder sie sich an ein Fachpublikum wendet („Wir Paare teilen uns heutzutage zunehmend die Hausarbeit durch Aushandlungsprozesse“). Gut vorstellbar ist diese Redeweise jedoch in politischen Zusammenhängen oder zumindest in der Rede an ein Laienpublikum. Nimmt man den Inhalt der Rede auf, dann fällt es dennoch schwer, sich das Geäußerte als Vortrag eines Sozialwissenschaftlers, einer Sozialwissenschaftlerin an ein Laienpublikum vorzustellen. Welches Thema sollte diese Feststellung vorbereiten? Noch allgemeiner als mit „leben“ kann eine Positionierung nicht angesprochen sein (entsprechend allenfalls: „sein“ oder „existieren“).

Auch wenn noch offen ist, wie nach der zustimmungsheischenden Feststellung „wir leben in Krisenzeiten“ fortgefahren wird, ist doch deutlich, dass der Text nicht einer wissenschaftlichen Logik entsprechend ansetzt. Versucht man eine pragmatisch passende Fortsetzung zu entwickeln, wird ersichtlich, dass durch die nicht gegebene Präzisierung, welche Art Krise vorliegt, die Aussage aber auch nicht zu einer politischen Handlung passt, denn „Krisenzeiten“ ist zu allgemein, um eine spezifische Handlung zu legitimieren. Allenfalls passt sie zu einer Art Predigt, in der eine Rückbesinnung auf „innere“ Ressourcen, m. a. W. eine Hinwendung zu Gott oder irgendwelchen Werten vorgeschlagen wird. „Krisenzeiten“ nehmen dieser Hinwendung aber das Dringliche, denn wie gesagt, dementiert die Einhegung der Krise diese zugleich. Das Floskelhafte – „irgendwie ist natürlich immer Krise und ganz so ernst muss man ja die bestehende offenbar nicht nehmen“ – evoziert Zwiespältigkeit: Muss man sich fürchten? Oder doch nicht? Es bleibt, berücksichtigt man den äußeren Kontext, dass Soziologinnen und Soziologen den Text gestaltet haben, noch eine Lesart übrig, nämlich dass in einem sozialwissenschaftlichen Vortrag an Laien das Thema der diskursiven Verwendung des „Krisenbegriffes“ vorbereitet wird. Dies würde dem inneren Kontext der Dementierung des Krisenbegriffs in „Routinen der Krise“ entsprechen. Dann wäre „Wir leben in Krisenzeiten“ dominant ironisch verwendet. Da jedoch auch schon im Titel des Themenpapiers keine explizite Distanzierung von „Krise“ als Wort mit einer spezifischen Semantik erfolgte, kann man annehmen, dass diese Ironie auch im Folgenden nicht weiter deutlich gemacht wird, sondern nur als Subtext weiter mitschwingt. Die Formulierungen sind in sich schillernd, ambig: Distanziert man sich oder nicht? Dies bleibt unklar.

Wie geht es nun im tatsächlichen Text weiter?

„Krisendiagnosen sind allgegenwärtig.“

Anschließend wird auf eine Diskurslage verwiesen. Penetrante Präsenz wird bezüglich der „Krisendiagnosen“ behauptet: „‘Krise’, so schallt es einem all überall entgegen!“

Bis hierher ist nicht zu sehen, welches Rahmenthema dem Kongress mitgegeben werden soll. Der Stil im Fließtext entspricht tendenziell einem feuilletonistisch-politischen (intellektuellen) Vortrag vor einem interessierten Laienpublikum – an einem Parteitag etwa –, wobei der oder die Vortragende sich das Thema Gegenwartsdiagnose vorgenommen haben könnte. Ungewöhnlich wäre aber auch in diesem Fall das Ambige im Rückgriff auf die Krisensemantik. Pragmatisch wird man durch das bisher Geäußerte in zwei entgegengesetzte Haltungen geführt: Im ersten Satz wird man auf Gefolgschaft eingeschworen in Bezug auf die Krisendiagnose: „Wir leben in Krisenzeiten – richten wir uns darauf ein und lasst uns Ressourcen aktivieren, die uns helfen, da durch zu kommen.“ Im zweiten Satz wird demgegenüber eine Distanzierung eingerichtet, man wird zum bzw. zur Betrachtenden eines Geschehens: Es wird etwas beschrieben, was diskursiv und in seiner Sachhaltigkeit ungeklärt stattfindet.

Es hat sich eine schillernde, sich nicht festlegende, sich einer Positionierung entziehende Struktur ergeben, die zudem etwas Widersprüchliches enthält. Denn der Krisenbegriff wird pragmatisch in Anspruch genommen und gleichzeitig desavouiert und dies sowohl als solcher als auch im Textfluss, da in dem Moment, wo „wir“ auf „Krise“ eingeschworen werden, nur der Diskurs über Krise in den Mittelpunkt gerückt wird und mit der Behauptung der Allgegenwärtigkeit dann aber eine Naivität derer nahegelegt wird, die daran glauben, dass vielleicht doch Krisen identifizierbar seien.

Die Widersprüchlichkeit des Textes, so könnte man nun argumentieren, hat mit der Unmöglichkeit zu tun, ein alle ansprechendes Thema zu formulieren. Unberücksichtigt bei diesem Einwand bliebe aber die Struktur des Textes in Form einer politischen Rede. Widersprüche lassen sich inhaltlich darstellen und in expliziter Weise thematisieren: „Die einen sagen so, die anderen so – wir wollen darum das Verhältnis von Krise und Krisenidentifizierung in der Moderne beleuchten“. Auch die Phänomene als solches ließen sich als Thema anbieten: „Von Krise ist viel die Rede. Was ergibt die soziologische Diskussion der Zusammenhänge – ist Krise eine weitgehend tragfähige Bezeichnung oder brauchen wir neue Begriffe und auch neue Terme?“

Wird im Folgetext eine Position bezogen?

„Die Liste konstatierter Krisenszenarien reicht von der Finanz- und Schuldenkrise über die Staats- und Legitimationskrise bis hin zur Krise des Politischen, der Öffentlichkeit und des Bildungssystems.“

Im Folgenden wird tatsächlich eine Argumentation im Sinne des zweiten Satzes („Krisendiagnosen sind allgegenwärtig“) getätigt. Aus einer distanziert betrachtenden Position wird auf einer Metaebene kommentiert und die „Krisen“ werden relativiert. Mit dem Wort „Liste“ wird eine Distanz in Bezug auf die „konstatierten Krisenszenarien“ unterstellt, denn eine Liste ordnet, bringt Sachverhalte in eine Vergleichsposition; sie ist auch nicht selbstverständlich eine geschlossene, sodass weitere „Krisen“ hinzugefügt werden könnten. Wie im vorangegangenen Text wären eigentlich Anführungsstriche zu setzen, denn pragmatisch findet eine Distanzierung von den „Krisendiagnosen“ statt. Die Liste ließe sich als eine sozusagen aus Zeitungsschnipseln bestehende denken.

Auffällig ist zudem die Verwendung des Begriffs des „Szenariums“ (s. a. o.). Ein „Krisenszenarium“ ist eine virtuelle Angelegenheit, mit der auf potenzielle Gefahren, wie z. B. Hochwasser oder Reaktorvorfälle, reagiert wird (z. B. vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe; BBK). Das Szenario, „was kann passieren und in welcher Form?“, spielt eine Rolle in der Vorbereitung und vorwegnehmenden Routinisierung einer Gefahrenbewältigung. Der Begriff der Krise wird in diesem Vorgang so verwendet, dass das Unabsehbare genau in ein Absehbares überführt werden soll: Statt „Krise“ soll eine konkrete Vorstellung davon entwickelt werden, was alles eintreten kann, um zu überlegen, wie man je mit den zur Verfügung stehenden Mitteln bestenfalls reagiert. Das Technische dieses Vorgangs widerspricht dem diskursiven Einsatz. Krisenszenarien sind eingebettet in ein Management. Würde man hier die These der Ideologie und Manipulation vertreten, dann wäre ein sehr komplexer Nachweis erforderlich, der institutionelle „Apparate“ als Bestandteil politischer Kräfte herausarbeitet. Dass dies gelingen kann, muss man nicht in Zweifel ziehen, doch ist damit ein sehr spezifisches Thema gegeben (wie es z. B. in der Wissenschafts- und Technikfolgenforschung bearbeitet wird).

Krisenszenarien können nicht „konstatiert“ werden. Konstatieren, also feststellen bzw. bemerken, kann man allenfalls das Szenario als solches, also dass es existiert. Gegenstand der soziologischen Analyse wären dann also die Behörden und ihre Pläne zur Bewältigung einer möglichen Krise und deren Folgen für die Bevölkerung.

Das Motto und das zugehörige Rahmenpapier bieten das Thema einer Diskursanalyse im Zusammenhang mit der öffentlichen Verwendung des Krisenbegriffs an. Dieses Angebot wird eingebettet in die Figur eines politischen Mahners: „Wir leben in Krisenzeiten. Aber die bestehen nur darin, dass beständig Krisen ausgerufen werden.“ Dem oder der Lesenden bzw. Zuhörenden wird einerseits das Angebot der Aufdeckung gemacht – das aber wohl nur für notorisch Besserwissende attraktiv sein dürfte –, dieses jedoch ist in sich widersprüchlich. Durch fehlende Anführungsstriche bleibt ein Stück weit offen, ob man nicht doch das Thema jenseits seiner diskursiven Verwendung ernst nehmen kann: „Soll man nicht doch einmal über die Möglichkeit der Krise (‘der Finanz- und Schuldenkrise über die Staats- und Legitimationskrise bis hin zur Krise des Politischen, der Öffentlichkeit und des Bildungssystems’) diskutieren?“

Die Thesen zu Implikationen im Text bis hierher werden aus dem bisherigen Text abgeleitet: Erstens wird „Krise“ als ein funktionalisierter Term und Routinen als der bedeutsamere Gegenstand nahegelegt, zweitens besteht eine Einschwörung bei zugleich ironischem Subtext, drittens wird die Diskursanalyse in Bezug auf öffentliche Verwendung des Krisenbegriff angeboten. Die Prognose für den Folgetext ist, dass die „schillernde“ Positionierung beibehalten wird. Es werden weitere Diskursphänomene dargelegt. Und weiterhin wird unklar bleiben, ob man den Diskurs oder die Phänomene als Thema anbietet. Eine Haltung von „seid nicht naiv gegenüber dem Diskurs und schaut mit uns tiefer“, was einer Belehrung all der Angesprochenen gleichkommt, geht parallel zu dem Angebot, dass man den Phänomenen eine Realität beimisst. Und doch ist diese Haltung tendenziell desavouiert durch „Routinen der Krise“: Ungebrochen kann man sich den Krisen nicht zuwenden; dies ist als naiv vorweg präformiert angesichts der Positionierung von „Krise“ als einem im Grunde nur in diskursiver Hinsicht bedeutsamen Begriff.

Im Folgenden muss sich zeigen, ob die entwickelten Perspektiven Bestand haben können. Zudem gab es ja zu Beginn einen Anspruch, eine „Hypothese“ zu entwickeln, warum der Text so formuliert wurde, welcher bis hierher noch nicht eingelöst ist.

„Im europäischen Raum erfahren Krisendeutungen nochmals eine Zuspitzung: Unter dem Label der Euro(pa)krise werden der Verlust des europäischen Zusammenhalts, sich im Gefolge einer weltweiten Finanzkrise entwickelnde Renationalisierungen, soziale Verwerfungen sowie irreversible Asymmetrien befürchtet.“

Die „Deutungen“ erfahren eine „Zuspitzung“ – es bleibt bei einer Betrachtung des „deutenden“ Diskurses. Auch der Begriff des „Labels“ passt zu dieser Fokussierung: Ein Konglomerat wird unter einem äußerlich bleibenden Schild verhandelt – so der Text. So kommt es auf mehreren Ebenen zur Entwertung von etwas, was mit „Krise“ genuin zu tun haben könnte – obwohl im ersten Satz auf Krise in „Krisenzeiten“ referiert wurde und eine klare Distanzierung von den Krisendiagnosen bisher nicht stattgefunden hat. Dabei ist inhaltlich eine Paradoxie enthalten, denn mit „soziale Verwerfungen“, „Verlust des europäischen Zusammenhalts“ und dann explizit mit „Finanzkrise“ wird gleichwohl „Krise“ ausgerufen. Doch „Euro(pa)krise“ wird als ein Label identifiziert, also als etwas, was keinen Klärungswert hat. Wer es in die Welt gesetzt hat und zu welchem Zweck, bleibt offen.

Der neue Absatz wird mit folgender Aussage eröffnet:

„Gerade die Soziologie weiß jedoch aufgrund ihres Selbstverständnisses als Krisenwissenschaft um die Dauerpräsenz des Krisentopos.“

Nun wird die Disziplin genannt, für die das Themenpapier ein „call for papers“ darstellen soll. Der Term der Krise wird auch als soziologischer Begriff behauptet – denn sonst taugt er nicht, um das Selbstverständnis zu beschreiben. Zum anderen wird unterstellt, dass das Krisenthema dauerpräsent sei (der „Krisentopos“). Unabhängig von einer bestimmten historischen Konstellation wird dem Term „Dauerpräsenz“ zugeschrieben. Dadurch wird auch ein gewisser Widerspruch zu vorher Geäußertem in Kauf genommen, denn dort wurde als Zeichen der „Krisenzeiten“ die Allgegenwart von Krisendiagnosen behauptet. Hier wird demgegenüber ausgeführt, dass der „Krisentopos“ sowieso, von vornherein, „Dauerpräsenz“ besitze.

Die Aussage, dass die Soziologie ein Selbstverständnis von sich als Krisenwissenschaft habe, ist angesichts des bisher vorliegenden Textes überraschend. Bisher wurde „Krise“ vor allem in desavouierter Form verwendet, als ein Wort, dem tendenziell nicht zu trauen sei. Im ersten Abschnitt wurde jedoch auch darauf hingewiesen, dass es schon dort ein latentes Angebot gab, „Krise“ in zweierlei Weise zu lesen, nämlich als ernst zu nehmende Repräsentation und als ein funktionalisiertes Wort. Hat die ernst zu nehmende Lesart noch einen Bezug zur Etymologie des Begriffs, dann würde ausgesagt, dass es das Selbstverständnis der Soziologie sei, sich mit Konstellationen zu beschäftigen, in denen es zum nicht durchsichtigen Verhältnis von Dynamiken kommt, die etwas Neues anzeigen. Wandel ist sicher ein prominentes Thema der Soziologie. Die Selbstbeschreibung als Krisenwissenschaft würde darum wohl kaum ein Soziologe, eine Soziologin einfach zurückweisen. Gleichzeitig wird jedoch mit der „Toposhaftigkeit“ von „Krise“ eher wieder das Thema in den Mittelpunkt gerückt, denn „Topos“ ist ambig, steht zwischen Thema und Begriffsbildung. Ein „Topos“ erscheint eine zu einem spezifischen, typisierten Diskurs gewordene „Sache“ zu beschreiben, z. B. „der Topos des ADHS-Kindes“. Nicht die Krisen selbst, auch wenn die Soziologie als „Krisenwissenschaft“ bezeichnet wird, werden dabei als Thema angeboten, sondern die spezifische Präsenz des Terms.

Zusammenfassend: Weiterhin fällt ein schillernder Gebrauch des Wortes auf. Hätte die Soziologie wirklich ein Selbstverständnis als Krisenwissenschaft, wie behauptet, ist es nicht möglich, dass sie keinen eigenen Begriff von Krise hat, der vom „Topos“ der alltäglichen oder medienimmanenten Verwendung abgegrenzt werden könnte. Dabei wären der Begriff der Sache, die Bedeutung des Wortes und das Wort selbst zu unterscheiden. Allenfalls in einem starken Konstruktivismus entfiele diese Unterscheidung: Dann würde die Wissenschaft der Krise zusammenfallen mit der Beschäftigung mit der „sozialen Konstruktion der Krise“ und der Dauerpräsenz dieses „Topos“. Gibt der nächste Satz Aufschluss, ob tatsächlich die erwähnte erkenntnistheoretische Position vertreten wird?

„Für die soziologische Analyse ist deshalb – ohne die genannten Krisenkonstellationen zu leugnen – auf die longue durée soziohistorischer Prozesse zu verweisen.“

Anschließend wird ein unverzichtbarer Bestandteil der „soziologische[n] Analyse“ vorgestellt. Doch für wen eigentlich? Wer wird hier belehrt? Als eine Beschreibung soziologischer Arbeitsweisen für Laien und Laiinnen dürfte der Hinweis kaum genügen. Die „longue durée“ („lange Dauer“) ist ein geschichts-wissenschaftlicher Begriff, mit dem auf die lange Entstehungsgeschichte historischer Phänomene hingewiesen wird. Oder sollen Soziologinnen und Soziologen selbst auf eine eher historische Perspektive eingeschworen werden?

Ein Zusammenhang mit dem Wissen um die „Dauerpräsenz des Krisentopos“ ist nicht zu sehen. Die Berücksichtigung der „longue durée“ erfolgt im Rahmen der Krisenbetrachtung selbst und nicht eines Diskurses zu Krisen. Es sei denn, man würde das Verhältnis von Moderne und Krisendiskurs beleuchten wollen – was, wie oben angedeutet, ein Thema sein könnte, das man aber dann auch genau so hätte formulieren können.

Interessiert der Diskurs dazu oder die Krisen selbst? Dass der ganze Text bis hierher auch so verstanden werden könnte, als wäre es auch ein Anliegen, „Krisenkonstellationen zu leugnen“, wird zugleich offengelegt. Das Schillernde und Positionsdestruierende wurde also wahrgenommen und dann doch der Text nicht entsprechend umformuliert. So erscheint es sinnvoll, eine grundsätzliche Frage aufzuwerfen: Gibt es möglicherweise neben vielen anderen Motiven für die konkrete Gestalt auch eines, das man als „erkenntnistheoretische Krise der deutschsprachigen Soziologie“ bezeichnen könnte? Die Frage des erkenntnistheoretischen Stellenwerts von Theorien und Begriffen ist Teil der methodologischen Debatten in jeder Disziplin. Doch bildet sich im Text ja keine Diskussion über solche Debatten ab, sondern ein beständiges Changieren. Eben dies könnte als ein Indiz für eine Krise gedeutet werden.

„Eine entsprechende Langzeitperspektive ermöglicht es, aktuell als einzigartig Begriffenes vergleichend einzuordnen.“

Das Thema der „Dauerpräsenz des Krisentopos“ wird anschließend fallen gelassen und der Referenzpunkt des Diskurses in den Mittelpunkt gerückt: Das „als einzigartig Begriffene […]“ muss sich auf Krisen selbst beziehen. Doch das Angebot, welches anschließend gemacht wird, ist keineswegs dasjenige, dass die Soziologie einen neuen Blick auf Krisen ermöglicht, indem sie aufzeigt, dass den Zuspitzungen, die dann als Krise empfunden werden, viele Entwicklungen vorausgehen. Sondern eine „entsprechende Langzeitperspektive“, also eine, die der soziologischen Analyse entspricht, kann „aktuell als einzigartig Begriffenes“ „vergleichend ein[…]ordnen“. Die Soziologie beschäftigt sich nun laut den Autorinnen und Autoren des Rahmenpapiers keineswegs mit der Analyse von Konstellationen unabhängig und jenseits dieser „Dauerpräsenz“, sondern sie vergleicht die Krisentopoi und erarbeitet Ordnungssysteme für sie. Sowohl was Struktur als auch Inhalt angeht, kann man dies wohl kaum als wissenschaftliches Arbeiten ansehen. Was hier als Angebot („ermöglicht“) benannt wird, geht kaum über ein Seminararbeitsthema von Studienanfängerinnen und -anfängern hinaus. Ein Motiv könnte sein, dass man eine den Laien verständliche Leistung thematisieren möchte. Mit dieser Aussage wäre ein weiterer Hinweis gegeben, dass sich das Papier – und womöglich der von den Verfasserinnen und Verfassern virtuell dazu gedachte Kongress – gar nicht an die Fachöffentlichkeit richtet, sondern an Medien und „Diskursträger“. Ihnen würde man eine Dienstleistung zu skizzieren versuchen, nämlich die der Relativierung der Krisenrhetorik. Dies – so könnte als Imagination hinter diesem Angebot stehen – könnte für diejenigen von Vorteil sein, die glauben, in der „Dauerpräsenz“ den Überblick zu verlieren.

Dieser These entspricht der darauf folgende Absatz im Themenpapier:

Da Krisen potentiell die Annahme erschüttern, dass bestehende Strukturen alternativlos sind, erschließen fortgesetzte Krisendeutungen einerseits Kritikoptionen. Andererseits können sie jedoch zu einer Apathie gegenüber allzu routinisiert als krisenhaft gedeuteten Gegenwartsverhältnissen führen. Der öffentliche Krisendiskurs und immer wieder aufflammende Protestszenarien stehen dann in einem eigentümlichen Kontrast zur verbreiteten Haltung eines schlichten ›Weiter so‹. Die Ungewissheiten einer offenen Zukunft gehen mit der Gewissheit der Krise einher. Die Inflationierung der Krise verweist dann auf die Auflösung ihres Gegenteils: der routinierten gesellschaftlichen Normalität. Der subjektive Eindruck außeralltäglicher Krisen bricht sich an der objektiven Alltäglichkeit ihrer öffentlichen Dauerpräsenz.“ Dieser Absatz geht näher auf sozialpsychologische Folgen der Dauerpräsenz ein. Denjenigen, die dieser Dauerpräsenz ausgesetzt sind, könnte – so wird nahegelegt – die Soziologie helfen. Ob diese dem „allgegenwärtigen Krisendiskurs“ Unterliegenden keine eigenen Analyseschemata erarbeitet haben, bleibt offen. Diese Einschätzung könnte man aber als eine „soziologische These“ stehen lassen. Wäre dies das Thema des Kongresses, könnte der Titel z. B. lauten: „Die sozialpsychologischen Folgen der Krisendiskurse der letzten Jahre“.

Der nun folgende Satz widerspricht auch dieser Identifikation des Kongressthemas:

„Durch die Krise der Routinen werden die Routinen der Krise zum Gegenstand der Soziologie.“

Da in der sozialen Welt die Krise immer die Krise von Routinen impliziert – dies zu betonen, ist wie oben dargelegt ein Pleonasmus – und da sicher nicht alle Routinen in der Krise sind (es wird ja in den Sätzen vorher das funktionierende Alltagsleben betont), kann der Satz reduziert werden auf ‘Durch Krise werden die Routinen der Krisenthematisierung zum Gegenstand der Soziologie.’ Wieder wird das scheinbar für attraktiv erachtete Angebot der Diskursanalyse zum einzig sinnvollen Bezugspunkt.

Der Text geht weiter mit Folgendem:

„Angesichts der Geschichte der Soziologie muss es überraschen, dass der inflationären Verwendung des Krisenbegriffs keine entsprechende soziologische Reflexion gegenüber steht.“

Wie oben dargelegt, impliziert das Selbstverständnis als Krisenwissenschaft einen Begriff von Krise. Davon unabhängig kann es sein, dass die vermeintliche Dauerpräsenz des Krisenterms möglicherweise noch nicht soziologisch reflektiert wurde. Warum dies so wichtig sein sollte, wenn man sich als Krisenwissenschaft versteht, ist aber auch nicht ganz selbstevident und zugleich ist die Behauptung nicht plausibel. Die Eigenheiten des politischen und medialen Diskurses sind ein bedeutendes Thema der Soziologie, und dies vermehrt seit der konstruktivistischen Wende. Diese Daten können aber nicht die einzigen sein, die innerhalb der Soziologie für die Beantwortung der sie interessierenden Fragen benutzt werden, wenn zutreffen soll, was behauptet wurde, dass die Soziologie Krisenwissenschaft sei.

Die Aussage beinhaltet genau genommen aber die Ambiguität, dass mit „Krisenbegriff“ unklar wird, auf wen sich „inflationäre[…] Verwendung“ bezieht. Einen Begriff von der Sache sollte zumindest der wissenschaftliche Diskurs haben. Die resultierende Aussage wäre widersprüchlich, da ein „Begriff“ die Reflexion beinhaltet, aber es bleibt in dieser Widersprüchlichkeit das Angebot, die Aussage hinzubiegen zu: „Der ‘inflationären Verwendung’ des Krisentopos steht keine entsprechende Reflexion gegenüber.“

„Als Chiffren für den Krisenbegriff fungieren die Begriffe der gesellschaftlichen Paradoxien, der sozialen Widersprüche, der Ambivalenzen, der gesellschaftlichen Dialektik, des Risikos oder auch der Nebenfolgenproblematik. Die ebenfalls verwendete Katastrophenmetapher insinuiert zudem Auflösung oder Untergang, während Krisen – als Transformationsprozesse – stets auch in ihrer Produktivität zu begreifen sind.“

Die als Chiffren11 bezeichneten Terme verweisen auf einen klassischen soziologischen Theoriebestand („Risiko“ vom kürzlich verstorbenen Ulrich Beck; „Widerspruch“ und „Dialektik“ von Karl Marx; „gesellschaftliche Paradoxien“ Sighard Neckel/Axel Honneth; „Nebenfolgenproblematik“ als Teil des Technikfolgeabschätzungsdiskurses vgl. Karlsruher Institut für Technologie und Institut für Wissenschaft- und Technikfolgeabschätzung an der Uni Bielefeld; der Begriff der „Ambivalenz“ stammt wohl aus dem Postmoderne-Diskurs, dürfte aber verbunden sein mit dem Individualisierungsdiskurs im Anschluss an Ulrich Beck). Wer verwendet „Chiffren“? Der Diskurszusammenhang, in dem eine „inflationäre[…] Verwendung des Krisenbegriffs“ diagnostiziert wurde oder jener der „soziologische[n] Reflexion“? Die Anwendung von Chiffren setzt eigentlich die Kenntnis des Bezugspunktes voraus. Dann hieße dies, dass der soziologische Fachdiskurs hier thematisch wäre. Im inneren Verlauf des Textes steht dieser Satz aber nach jenem, der behauptet, dass der inflationären Verwendung des Krisenbegriffs keine soziologische Reflexion gegenüberstünde. Beide Sätze müssten nun inhaltlich nichts miteinander zu tun haben. In der Zusammenstellung wird jedoch Ungenügen suggeriert: „Dies leistet die Soziologie nicht und dann verwendet sie auch nur Chiffren.“ Gerade auch der darauffol-gende Satz lässt die Verwendung von Chiffren unlogischerweise auf die Theorien, die mit diesen Chiffren gekennzeichnet werden, zurückfallen. Mit „ebenfalls“ und „zudem“ wird nämlich ein innerer Zusammenhang unterstellt, sodass die Aussage „während Krisen – als Transformationsprozesse – stets auch in ihrer Produktivität zu begreifen sind“ nur so gelesen werden kann: „Demgegenüber, abseits dieser Chiffren und Auflösungsmetaphern, sind Krisen als Transformationsprozesse in ihrer Produktivität zu begreifen.“

Im unklaren Rahmen, welche Öffentlichkeit angesprochen wird, und im Zusammenhang damit, dass Begriffe von Krise, wie sie in der Krisenwissenschaft Soziologie bestehen, nicht präsentiert werden, ist die Lesart also nicht auszuschließen, dass die soziologischen Theorien ungenügend seien. Der letzte Satz reproduziert das Schillernde: Soll er ein Angebot sein, wie die soziologische Diskussion zu führen ist? Oder stellt er den soziologischen Krisenbegriff media-len Diskursen entgegen?

5 Abschließende Überlegung

Was kennzeichnet bis hierher den Text? Die Krisensemantik des Alltags wird als eine tendenziell unzutreffende präsentiert. Ein eigener soziologischer Begriff von Krise wird ihr aber nicht gegenübergestellt. Zwar muss dieser existieren, denn die Soziologie sei ja, wie es im Papier heißt, eine Krisenwissenschaft. Aber Begriffe, die in diesem Zusammenhang dargelegt werden könnten, werden nur als „Chiffren“ aufgeführt. Ein im Text enthaltenes Angebot als Analytiker der „Krisendiskurse“ von Laien ist rekonstruierbar. Im Sinne eines „call for papers“ ließe sich das Angebot aufgreifen, die „inflationäre[…] Verwendung des Krisenbegriffs“ zu thematisieren oder auch den Krisenbegriff neu anzugehen. Wendungen wie „Wir leben in Krisenzeiten“ und die Darstellung in der Disziplin etablierter Theorien nur als Chiffren lassen die Referenzen des Textes und seine Funktion aber unklar werden. Sicher wäre eine grundlagentheoretische Diskussion zum Krisenbegriff für manchen Kollegen, manche Kollegin interessant gewesen. Doch dieser Begriff wird von Beginn an ambig positioniert, der Term tendenziell desavouiert, sodass unklar wird, ob man ihn in den Augen der Kongressveranstalterinnen und -veranstalter überhaupt noch sinnvoll benutzen kann. Zudem wird man sich kaum ermutigt fühlen zu einem Diskussionsbeitrag, wenn bereits bestehende Traditionen der Bemühungen auf „Chiffren“ reduziert werden. Die durch die Verfassenden gegebenen Bestimmungen – Krisen als Transformationsprozesse, die in ihrer Produktivität zu begreifen seien – wirken dann auch gar nicht wie Anregungen, sondern eher wie Definitionen.

Einer interessierten Laienöffentlichkeit scheint man anbieten zu wollen, dass man aus den medialen Diskursen die „Luft lassen“ könne und Funktionen dieser „heißen Luft“ aufzudecken in der Lage sei. Dieses einigermaßen konsistente Angebot lebt auch von der Desavouierung des Terms „Krise“. Darlegungen zum Erkenntnisstand der eigenen Disziplin werden explizit nur indiziert (in Form von „Chiffren“). Eine Hypothese wäre, dass diese Desavouierung in Kauf genommen wurde, um ein Angebot an Laien machen zu können. Anschließend an diese Hypothese könnte man diskutieren, was eine stimmige Selbstpräsentation einer wissenschaftlichen Fachgesellschaft sein kann und ob man hier nicht ungewollt um des Angebots willen einen „Pferdefuß“ in Kauf genommen hat. Die Tradition der eigenen Disziplin zu erinnern, sie zu präsentieren, sie auch gegenüber einem Außen zu verdeutlichen, dürfte wohl von den meisten Mitgliedern als eine wichtige Aufgabe der Deutschen Gesellschaft für Soziologie erscheinen. Ebenso lässt sich aber die These entwickeln, dass das Changieren zwischen einer zur Methode schlechthin erklärten Diskursanalyse und einem dementsprechenden Blick auf das eigene Fach, nämlich dekonstruierend, und dem untergründigen Wunsch, tradierte Gegenstände nicht aufzugeben (s. z. B. „ohne die genannten Krisenkonstellationen zu leugnen“), das zentrale Motiv des Themenpapiers ist. Das sich Anbieten als Analytiker von Laiendiskursen hätte dies derweil nur ummantelt bzw. „verschönert“. In diesem Fall wäre das Themenpapier Ausdruck einer nicht geführten erkenntnistheoretischen Auseinandersetzung und das Angebot an Laien könnte als ein Versuch betrachtet werden, dieser Situation etwas Positives abzugewinnen.

Literatur

  • Hausen, K. (1976): Die Polarisierung der „Geschlechtscharaktere“ – Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben, in: Conze, W. (ed.): Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit Europas, Stuttgart, 363-393. Google Scholar

  • Kutzner, S. (1997): Die Autonomisierung des Politischen im Verlauf der Französischen Revolution. Fallanalysen zur Konstituierung des Volkssouveräns, Bielefeld. Google Scholar

  • Loer, T. (2013): Zur eigenlogischen Struktur einer Stadt: Konstitutionstheoretische, methodologische und methodische Reflexionen zu ihrer Untersuchung, BoD – Books on Demand. Google Scholar

  • Münte, P. (2004): Die Autonomisierung der Erfahrungswissenschaften im Kontext frühneuzeitlicher Herrschaft. Fallrekonstruktive Analysen zur Gründung der Royal Society. Weiterführende Analysen und Kritik der historischen Forschung, Frankfurt am Main. Google Scholar

  • Oevermann, U. (2014): Ein Pressefoto als Ausdrucksgestalt der archaischen Rachelogik eines Hegemons. Bildanalyse mit den Verfahren der objektiven Hermeneutik, in: Kauppert, M.; Leser, I. (eds.): Hillarys Hand. Zur politischen Ikonographie der Gegenwart, Bielefeld, 31-58. Google Scholar

  • Said, E. (1981): Orientalismus, Frankfurt am Main. Google Scholar

  • Stichweh, R. (1990): Selbstorganisation in der Entstehung des modernen Wissenschaftssystems, in: Krohn, W.; Küppers, G. (eds.): Selbstorganisation. Aspekte einer wissenschaftlichen Organisation, Wiesbaden, 265-277. Google Scholar

Footnotes

  • 1

    Dies ist die Auskunft von Frau Dr. Sonja Schnitzler, Leiterin der Geschäftsstelle der DGS. Ein schriftlich fixiertes Verfahren gibt es diesbezüglich nicht. 

  • 2

    Der gesamte Text ist aufzufinden unter: „http://kongress2014.soziologie.de/de/themenpapier.html“; eine sogenannte „Langfassung“ unter: http://kongress2014.soziologie.de/fileadmin/user_upload/DGS_Redaktion_BE_FM/Kongresse/Kongress_2014/Themenpapiere/DGS_2014_Themenpapier__2013-09-24__final-1.pdf [abgerufen am 3.5.2016]. 

  • 3

    „Systematische Arbeit am Krisenbegriff steht in der Soziologie gleichwohl noch weitgehend aus“ (S. 4; http://kongress2014.soziologie.de/fileadmin/user_upload/DGS_Redaktion_BE_FM/Kongresse/Kongress_2014/Themenpapiere/DGS_2014_Themenpapier__2013-09-24__final-1.pdf; [abgerufen am 12.1.2016]). 

  • 4

    Man kann veröffentlichte Dokumente analysieren, um Ideen zu rekonstruieren, die der Veröffentlichung zugrunde lagen (vgl. z. B. Kutzner 1997: 151; Oevermann 2014). Doch dies impliziert ein systematischeres Interesse, als es hier vorlag. Im Folgenden soll darum nicht der Anspruch einer wissenschaftlichen Analyse erhoben werden. Theoriebezüge werden nicht vorgenommen, möglich wären etwa solche zur Wissenschafts-, Modernisierungs-, Institutionentheorie und Professionssoziologie. Das Themenpapier wird auch nicht als exemplarische Ausdrucksgestalt für irgendetwas diskutiert und die Analyse dessen in einen soziologischen Diskurs eingeordnet. Es findet nur ein genaues Lesen statt, bis zu einem Punkt, an dem man den Eindruck hat, etwas von den Kräften gesehen zu haben, die den konkreten Text hervorgebracht haben. Was diesbezüglich dann formuliert wird, könnte für eine Debatte genutzt werden. Betrachtet wurde nur der Beginn des Papiers, und zwar in folgendem Ausschnitt: „Routinen der Krise – Krise der Routinen [Überschrift]/Wir leben in Krisenzeiten. Krisendiagnosen sind allgegenwärtig. Die Liste konstatierter Krisenszenarien reicht von der Finanz- und Schuldenkrise über die Staats- und Legitimationskrise bis hin zur Krise des Politischen, der Öffentlichkeit und des Bildungsystems. Im europäischen Raum erfahren Krisendeutungen nochmals eine Zuspitzung: Unter dem Label der Euro(pa)krise werden der Verlust des europäischen Zusammenhalts, sich im Gefolge einer weltweiten Finanzkrise entwickelnde Renationalisierungen, soziale Verwerfungen sowie irreversible Asymmetrien befürchtet./Gerade die Soziologie weiß jedoch aufgrund ihres Selbstverständnisses als Krisenwissenschaft um die Dauerpräsenz des Krisentopos. Für die soziologische Analyse ist deshalb – ohne die genannten Krisenkonstellationen zu leugnen – auf die longue durée sozio-historischer Prozesse zu verweisen: Eine entsprechende Langzeitperspektive ermöglicht es, aktuell als einzigartig Begriffenes vergleichend einzuordnen. Da Krisen potentiell die Annahme erschüttern, dass bestehende Strukturen alternativlos sind, erschließen fortgesetzte Krisendeutungen einerseits Kritikoptionen. Andererseits können sie jedoch zu einer Apathie gegenüber allzu routinisiert als krisenhaft gedeuteten Gegenwartsverhältnissen führen. Der öffentliche Krisendiskurs und immer wieder aufflammende Protestszenarien stehen dann in einem eigentümlichen Kontrast zur verbreiteten Haltung eines schlichten »Weiter so«. Die Ungewissheiten einer offenen Zukunft gehen mit der Gewissheit der Krise einher. Die Inflationierung der Krise verweist dann auf die Auflösung ihres Gegenteils: der routinierten gesellschaftlichen Normalität. Der subjektive Eindruck außeralltäglicher Krisen bricht sich an der objektiven Alltäglichkeit ihrer öffentlichen Dauerpräsenz. Durch die Krise der Routinen werden die Routinen der Krise zum Gegenstand der Soziologie./Angesichts der Geschichte der Soziologie muss es überraschen, dass der inflationären Verwendung des Krisenbegriffs keine entsprechende soziologische Reflexion gegenüber steht. Als Chiffren für den Krisenbegriff fungieren die Begriffe der gesellschaftlichen Paradoxien, der sozialen Widersprüche, der Ambivalenzen, der gesellschaftlichen Dialektik, des Risikos oder auch der Nebenfolgenproblematik. Die ebenfalls verwendete Katastrophenmetapher insinuiert zudem Auflösung oder Untergang, während Krisen – als Transformationsprozesse – stets auch in ihrer Produktivität zu begreifen sind.“ Für Durchsicht und argumentative Ergänzungen danke ich Manuel Franzmann, Thomas Loer und Andreas Wernet, für Präzisierungsvorschläge Chantal Magnin. 

  • 5

    Hier wird die Kurzfassung des Textes betrachtet. Um zum Text im „Themenpapier [Langfassung]“ zu gelangen, braucht es mehrere Zwischenschritte. Als der längere werden ihn all jene zurate ziehen, die nach Durchsicht des ersten eine Beteiligung erwägen und weitere Erläuterung und Anhaltspunkte finden wollen, was mögliche Verknüpfungen mit eigenen Forschungen angeht. Man kann erwarten, dass das erste Papier eine Kürzung des zweiten darstellt, die entlang der Richtlinien gute Lesbarkeit und Prägnanz vorgenommen wurde. Da der oben im Haupttext analysierte Text aber als „Themenpapier“ primär präsentiert wird und der weitere zur Verfügung gestellte Text als „Langfassung“ von den Autoren und Autorinnen sowie Redakteuren und Redakteurinnen nicht als different positioniert wurde, soll die Betrachtung weiter am primär präsentierten durchgeführt werden. 

  • 6

    Wie diese grammatische Konstruktion benannt werden kann, ob es sich um genetivus subjectivus im ersten Teil bzw. objectivus im zweiten handelt, soll an dieser Stelle nicht weiter erörtert werden. Es hat keine weiteren Klärungen erbracht, diese grammatische Konstruktion auszubuchstabieren. Vgl. dazu aber „https://de.wikibooks.org/wiki/Latein/_Grammatik/_Satzlehre/_Kasus/_Genitiv“ [abgerufen am 6.10.2015], vgl. a. das Genetivkomplement: „http://hypermedia.ids-mannheim.de/call/public/termwb.ansicht?v_app=g&v_id=139“ [abgerufen am 6.10.2015]. 

  • 7

    Etymologie Routine: „Diminutif de route, proprement «petite route qu’on prend, toujours la même, par habitude»". Internetquelle: http://fr.wiktionary.org/wiki/routine [abgerufen am: 13.8.2014]. Eine weitere interessante Quelle http://cnrtl.fr/definition/routine“ [abgerufen am 6.10.2015]. Etymologie Krise: „KRISE, f. die entscheidung in einem zustande, in dem altes und neues, krankheit und gesundheit u. ä. mit einander streiten, das franz.crise, diesz nach lat. crisis, das nichts als gr. κρίσις ist, eingeführt wahrsch. durch die ärzte: alle übergänge sind krisen, und ist eine krise nicht krankheit? Göthe 20, 142; der Franzos will (im drama) nur ‘eine krise’. dieses einsichtige wort Napoleons u. s. w. 46, 164; wofern ich nicht ohn allen zeitverlust zur wendung der fatalen krise mich selbst an ort und stelle wiese. Bürger 109a,“ Quelle: http://woerterbuchnetz.de/DWB/?sigle=DWB&mode=Vernetzung&lemid=GK14426(Grimm´sches Wörterbuch online, abgerufen am 13.8.2014). 

  • 8

    Der Sonderfall der „Dichten Beschreibung“ wird nicht weiter besprochen. 

  • 9

    Das Kongressthema reiht sich ein in folgende Themenfindungen der Kongresse der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (siehe http://www.soziologie.de/de/die-dgs/geschichte.html#c2857 [abgerufen am 6.1 2016], hier ausschnitthaft zitiert von 2012 bis 1988: 2012 „Vielfalt und Zusammenhalt“; 2010 „Transnationale Vergesellschaftungen“; 2008 „Unsichere Zeiten – Herausforderungen gesellschaftlicher Transformationen“; 2006 „Die Natur der Gesellschaft“; 2004 „Soziale Ungleichheit, kulturelle Unterschiede“; 2002 „Entstaatlichung und soziale Sicherheit“; 2000 „Gute Gesellschaft? Zur Konstruktion sozialer Ordnungen“; 1998 „Grenzenlose Gesellschaft“; 1996 „Differenz und Integration: Die Zukunft moderner Gesellschaften“; 1994 „Gesellschaften im Umbruch“; 1992 „Lebensverhältnisse und soziale Konflikte im neuen Europa“; 1990 „Die Modernisierung moderner Gesellschaften “; 1988 „Kultur und Gesellschaft“ etc.). Ohne diese Titel einer genauen Analyse zu unterziehen, so scheint es, dass sie meist eine gewisse Nähe zu je aktuell politisch verhandelten Themen haben. Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie hat diese Kongresse, oder die „Soziologentage“, wie sie bis 1992 genannt wurden, häufig unter einem Thema ausgeschrieben, das auch medial und politisch diskutiert wurde. Dies gilt möglicherweise ab den Siebzigerjahren verstärkt. Für Kolleginnen und Kollegen, die sich mit grundlagentheoretischen Fragen beschäftigen, war es wohl immer schon schwieriger, einen Beitrag zu verfassen. Dass aus den Grundlagentheorien heraus Themen aufgeworfen worden, also Kongresse der Systematik der Disziplin gewidmet wurden, gab es auch, war jedoch seltener der Fall. So fand der erste Kongress zum Thema „Wege und Ziele der Soziologie“ 1910 statt, der 12. in Heidelberg mit dem Titel „Zum Ideologieproblem/Die freien Berufe“; 1964 der 15., gleichfalls in Heidelberg, zum Thema der Relevanz von Max Weber in der aktuellen Soziologie oder der 33. in Kassel, der den Titel „Die Natur der Gesellschaft“ trug. 

  • 10

    Dieser Sachverhalt ist Gegenstand vieler methodologischer Erörterungen in der Geschichte der Sozialwissenschaften. 

  • 11

    Zur Bedeutung von „Chiffre“: Im Grimm’schen Wörterbuch wird sie nicht genannt. Im Duden werden vier Bedeutungen aufgezählt: „1. Ziffer, Zahl; 2. geheimes Schriftzeichen, Zeichen einer Geheimschrift; 3. Kennziffer, Kennzeichen; 4 (Stilkunde) Stilfigur besonders der modernen Lyrik“ (http://www.duden.de/rechtschreibung/Chiffre [abgerufen am 7.10.2015]). 

About the article

Published Online: 2016-11-18

Published in Print: 2016-11-01


Citation Information: Sozialer Sinn, Volume 17, Issue 1, Pages 165–186, ISSN (Online) 2366-0228, ISSN (Print) 1439-9326, DOI: https://doi.org/10.1515/sosi-2016-0006.

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