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Sozialer Sinn

Zeitschrift für hermeneutische Sozialforschung

Ed. by Kutzner, Stefan / Magnin, Chantal / Scheid, Claudia / Silkenbeumer, Mirja / Wernet, Andreas

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ISSN
2366-0228
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Volume 17, Issue 1

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Robert Schäfer: Tourismus und Authentizität. Zur gesellschaftlichen Organisation von Außeralltäglichkeit. Bielefeld: transcript 2015. 290 Seiten

Kai Dröge
Published Online: 2016-11-18 | DOI: https://doi.org/10.1515/sosi-2016-0007

1 Einleitung

Robert Schäfer geht in seiner Studie von einer These aus, die interessanterweise zugleich eher banal und recht gewagt ist: Tourismus wird im Kern als „Suche nach dem Authentischen“ (8) bestimmt. Dies soll sowohl theoretisch als auch empirisch ausbuchstabiert und diskutiert werden. Banal erscheint diese These unserem Alltagsbewusstsein. Dass es beim touristischen Reisen auch darum geht, das Fremde hautnah zu erleben, es mit eigenen Augen zu sehen, das Original hinter den Bildern zu entdecken – dies würde wohl kaum jemand bestreiten. Gewagt ist diese These aus wissenschaftlicher Sicht, denn hier gibt es seit vielen Jahren einen fast ebenso breiten Konsens darüber, dass genau diese Vorstellung von Authentizität eine Fiktion ist und das vermeintlich ‚echte‘ und ‚originale‘ touristische Setting typischerweise als solches inszeniert und hergestellt ist, dass es sich also um eine „staged authenticity“ (MacCannell 1973) handelt. Dies reiht sich ein in eine generelle wissenschaftliche Skepsis gegenüber dem Authentizitätsbegriff, die nicht zuletzt durch den Sozialkonstruktivismus und durch postmoderne Theorieentwicklungen vorangetrieben wurde. Hier nimmt die Arbeit eine (vorsichtige) Gegenposition ein. Es soll gezeigt werden, dass authentische Erfahrung nicht nur eine Fiktion, sondern tatsächlich ein Strukturmerkmal touristischen Reisens ist – ohne dabei jedoch in ein essentialistisches Authentizitätsverständnis zurückzufallen, wie es unser Alltagsbewusstsein tendenziell kennzeichnet. Ein schmaler Grat also zwischen zwei potentiell tiefen Abgründen, auf dem sich die Arbeit jedoch über weite Strecken mit einigem Geschick bewegt.

Dabei hängt natürlich viel an der Frage, wie – wenn weder essentialistisch noch sozialkonstruktivistisch – Authentizität denn dann begrifflich gefasst werden soll. Hier hält sich Schäfer mit einer klaren Festlegung eher zurück, referiert verschiedene Positionen aus der Literatur und verweist vor allem auf seine Empirie. Nicht durch „formale Definitionsarbeit“, sondern durch die „empirische Analyse exemplarischer Dokumente“ soll der „Begriff der Authentizität geschärft“ und gleichzeitig die „soziologische Erklärung des Tourismus weiter entwickelt“ werden (9). Leitende These ist dabei, dass die Suche nach Authentizität den Kern jenes Deutungsmusters darstellt, aus dem der Tourismus seine Sinnhaftigkeit bezieht (10).

2 Der Tourismus und das Problem der Authentizität

Die Arbeit geht auf Schäfers Dissertation in Soziologie an der Universität Bern zurück und ist klassisch zweigeteilt in einen ersten Block zu Theorie und Forschungsstand (Kap. 1 - 3) sowie einen größeren zweiten Teil, der sich mit der empirischen Analyse touristischer Dokumente befasst (Kap. 4 - 5). Ein eigenes Methodenkapitel fehlt, aber zu Beginn der empirischen Analysen finden sich einige methodische Reflexionen zur Materialauswahl und empirischen Herangehensweise (Kap. 4.1 und 5.1). Insgesamt folgt die Untersuchung weitgehend dem klassischen Vorgehen der Objektiven Hermeneutik.

Der erste Teil beginnt mit einem Überblick über den Stand der sozialwissenschaftlichen Tourismusforschung, wobei ein besonderer Fokus auf das Problem der Authentizität gerichtet wird (Kap. 1). Zentrale Referenz ist die schon erwähnte klassische Studie von Dean MacCannell (1973) zur „staged authenticity“ in touristischen Settings. MacCannell geht mit Goffman davon aus, dass moderne Gesellschaften durch ein immer stärkeres Auseinandertreten von Vorder- und Hinterbühnen gekennzeichnet sind. Dies wecke, so MacCannell, ein Bedürfnis nach dem Blick hinter die Kulissen dessen, was auf den Vorderbühnen dieser Welt aufgeführt wird – einen Wunsch nach Authentizität, der wiederum im Tourismus seinen Niederschlag finde. Touristische Settings seien so aufgebaut, dass sie Einblicke in die Hinterbühnen versprechen, in das Ursprüngliche, Ungestellte, Wahre und Echte. Allerdings verwickeln sie sich dabei in eine Paradoxie. Denn wenn die Hinterbühne dem touristischen Blick geöffnet wird, wird sie selbst zur Vorderbühne, zu einem Ort der Aufführung unter Beobachtung eines Publikums (Schäfer 2015: 25). Diese paradoxe Struktur bezeichnet MacCannell als „staged authenticity“ und untersucht, mit welchen Mitteln touristische Settings dennoch versuchen, die Glaubwürdigkeit dieser Inszenierung aufrecht zu erhalten. Hier zeigt sich die auch von anderen Autorinnen und Autoren immer wieder konstatierte „dialektische Tragik des Tourismus“ und seiner Suche nach Authentizität, die „das Gesuchte […] im Moment zerstört, da es gefunden wird“ (21).

Ausgehend von MacCannells These verfolgt Schäfer dieses Problem und den Umgang damit in verschiedenen weiteren Studien. Auch wenn manche Ansätze dabei etwas einseitig im Hinblick auf die Authentizitätsfrage gelesen werden, so zeigt sich doch, dass es sich hier um ein Kernproblem handelt, das die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Tourismus in den letzten Jahrzehnten immer wieder beschäftigt hat. Allerdings wird auch bereits ein zentrales Problem sichtbar, das Schäfers Arbeit leider ebenso betrifft: Der Authentizitätsbegriff ist extrem vielgestaltig und mit ihm auch die Auffassungen darüber, was eigentlich gemeint sein soll, wenn man Tourismus als „Suche nach dem Authentischen“ beschreibt.

Einzelne Ansätze, die Schäfer vorstellt, verstehen Authentizität klassisch als Eigenschaft von Objekten der touristischen Betrachtung. Meist ist damit so etwas wie Ursprünglichkeit bzw. die gelungene Konservierung eines historisch weiter zurückliegenden Status gemeint (ein ‚originales‘ mittelalterliches Dorf, ein ‚echter‘ antiker Kultgegenstand). Andere sehen Authentizität eher als Merkmal sozialer Beziehungen – etwa wenn Begegnungen mit ‚Einheimischen‘ als besonders offen und „aufrichtig“ (29) erlebt werden und Touristen den Eindruck haben, zumindest temporär in wechselseitige Vergemeinschaftungsprozesse eingeschlossen zu sein (34). Authentizität kann aber auch in einem „existenziellen“ Sinne (35) als individuelles Selbstverhältnis aufgefasst werden. Dann geht es beim Reisen eher um die authentische Erfahrung der eigenen Subjektivität und die besuchten Orte und Menschen werden sekundär bzw. nur noch insofern relevant, als sie diesem übergeordneten Ziel dienen. Schließlich gibt es auch die Diagnose, wir seien inzwischen zu „Post-Touristen“ (30) geworden, die das Spiel mit der vermeintlichen Authentizität längst durchschaut hätten, sich aber trotzdem daran ergötzten. Schäfer selbst fügt diesen vielfältigen Begriffsbestimmungen noch eine weitere hinzu, ohne damit jedoch die zuvor genannten ersetzen zu wollen: Im Anschluss an die ästhetische Theorie Adornos formuliert er ein Konzept authentischer touristischer Erfahrung, bei dem es weniger um Fragen der „Echtheit“ als vielmehr um die innere „Stimmigkeit“ der Erfahrung und um deren ästhetische Qualität geht (42ff.).

Diese Überlegungen bilden die Brücke zum zweiten Teil der Auseinandersetzung mit dem Stand der Forschung (Kap. 2), der die touristische Suche nach dem Authentischen in breitere gesellschaftliche Entwicklungen einbettet, in denen Authentizität und die Ideale einer künstlerisch-ästhetischen Lebensform auch außerhalb des Tourismus an Bedeutung gewinnen. Hier schließt er vor allem an Zeitdiagnosen von Ulrich Oevermann und Luc Boltanski sowie Ève Chiapello an, die in ihren Kapitalismusstudien und Gegenwartsanalysen jeweils zu ähnlich gerichteten Schlussfolgerungen kommen: „An die Stelle der weitestgehend säkularisierten Arbeitsethik tritt ein ästhetisches Ethos, dessen zentrale Werte nicht mehr Zuverlässigkeit, Fleiß und Disziplin sind, sondern Kreativität, Selbstverwirklichung und Authentizität“ (47). Schäfer verfolgt die ideenge-schichtlichen Ursprünge dieses Authentizitätskonzepts und des Ideals der künstlerischen Lebensführung über die künstlerische Avantgarde der 1960er Jahre (Kap. 2.2) und die ästhetische Kulturkritik um 1900 (Kap. 2.3) bis in die Romantik (Kap. 2.4) hinein. Insgesamt wird die touristische Suche nach Authentizität damit gesellschaftstheoretisch eingebettet. Es soll gezeigt werden, dass sich hierin Entwicklungen niederschlagen, deren Ursprünge weit über den Tourismus selbst hinausreichen. Diese Argumentation ist größtenteils plausibel, verwickelt sich allerdings mit Blick auf die Gegenwart in eine gewisse Aporie: An verschiedenen Stellen des Buches wird immer wieder überzeugend argumentiert, dass „Außeralltäglichkeit“ ein wesentliches Strukturmerkmal des Tourismus sei (vgl. bereits den Untertitel des Buches), dass unser Reisen also wesentlich durch die Sehnsucht angetrieben sei, den Routinen und Handlungsanforderungen des täglichen Lebens zu entkommen. Die Suche nach Authentizität verweist in dieser Logik auf Erfahrungen von Entfremdung, Sinnverlust und Inauthentizität, die das moderne Alltagsleben kennzeichnen.

Diese Argumentation funktioniert historisch noch bis in die 1960er und -70er Jahre hinein. Aber wenn die genannten aktuellen Zeitdiagnosen Recht haben, dann hat sich das Authentizitätsideal heute gesellschaftlich so stark verbreitet und ist so weitgehend zu einer normalen Anforderung im Beruf wie im Privatleben geworden, dass sich daraus kaum noch ein Kriterium für die „Außeralltäglicheit“ der touristischen Erfahrung gewinnen lässt. Man könnte eher umgekehrt vermuten, dass das Heraustreten aus dem Alltag gerade in der Entlastung von der stetigen Anforderung, ein authentisches Selbst zu sein, liegen könnte – beispielsweise, indem man im Urlaub Seiten an sich ausprobiert, die nicht notwendig „stimmig“ zum Rest der eigenen Biographie sein müssen, die nicht immer schon unter dem Diktum stehen, sich harmonisch in das Gesamtkunstwerk des eigenen Lebens einfügen zu müssen. Leider verfolgt Schäfer diese eigentliche naheliegende Denkrichtung nicht.

Bevor sich die Studie nach diesem breit angelegten Durchgang durch die Literatur zum Tourismus und zur Authentizitätsproblematik nun der Analyse des empirischen Materials zuwendet, folgt noch ein weiterer „analytischer Zwischenschritt“ (61; Kap. 3): Es soll die „formale Praxisstruktur der touristischen Reise“ rekonstruiert werden, vor allem im Hinblick auf ihre zwei wichtigsten Merkmale: „das freiwillige Verlassen der Heimat und die müßige Konfrontation mit Fremdem“ (63). Dazu ist nichts weniger nötig als der Entwurf einer soziologischen Theorie der Zeit, die es erlaubt, einen gehaltvollen Begriff der Muße zu formulieren (Kap. 3.1), sowie eine raumtheoretisch fundierte Unterscheidung von „Heimat“ und „Fremde“ (Kap. 3.2) – alles zusammen auf knapp 18 Seiten.

Zu beiden Themen werden überaus interessante Überlegungen angestellt, aber es verdichtet sich ein Eindruck, der schon bei der Lektüre der früheren Kapitel bisweilen auftaucht: Die Arbeit übernimmt sich bei dem Versuch, die Analyse des touristischen Reisens ganz grundlegend anzugehen, sie in ihren wesentlichen Dimensionen sowohl gesellschaftstheoretisch als auch auf der fast schon anthropologischen Ebene der „Praxisstruktur“ bis in die letzten Winkel hinein auszuleuchten. Dieser breite Zugang zum Thema ist an vielen Stellen sehr inspirierend und eigentlich eine der großen Stärken der Arbeit. Aber er produziert eben auch zahlreiche liegengelassene Fäden und nur knapp angerissene Analysen, die eigentlich weiter vertieft und differenziert werden müssten.

Ein Beispiel dafür ist die Untersuchung der spezifischen „Temporalstruktur der Urlaubsreise“ (72): Hier wird das Reisen einerseits als „Muße“ bestimmt, d.h. als eine vom alltäglichen Handlungs- und Entscheidungsdruck entlastete Aktivität. Gleichzeitig wird aber zu Recht konstatiert, dass immanent ein großer Handlungsdruck entsteht, bedingt durch die kurze Dauer und das Bewusstsein der Endlichkeit dieser besonderen Zeit: „Auch wer sich nur erholen und entspannen will, muss das jetzt, also innerhalb der dafür vorgesehenen Zeitspanne, tun, sonst ist es dafür zu spät.“ (72). Dies sind überaus interessante Überlegungen, die eigentlich dazu drängen, weiter verfolgt zu werden. Mit dieser widersprüchlichen Temporalstruktur könnten man vielleicht genauer verstehen, warum es oft so schwierig und mühsam ist, im Urlaub ‚einfach mal die Seele baumeln zu lassen‘, warum eine ganze Industrie dazu nötig ist, uns mit sorgfältigen Vorkehrungen im erfolgreichen Nichtstun effizient zu unterstützen, warum – kurz gesagt – Erholung im Urlaub nicht selten so erstaunlich anstrengend und voraussetzungsreich ist. Schäfer verfolgt diese Spuren nicht weiter, sondern belässt es stattdessen bei einer vagen und wenig erhellenden Analogie zum „Spiel“, das eine ähnliche Temporalstruktur aufweise (72f.).

3 „Authentizität“ in Reiseprospekten und Blogs – die empirische Analyse

Die empirische Untersuchung ist in zwei große Blöcke gegliedert. In einem ersten Teil nimmt sich Schäfer Prospekte eines Schweizer Reiseveranstalters zur Analyse vor. Der zweite Block beruht auf Reiseberichten, die Privatpersonen im Internet in Form von Blogs o.ä. publizieren. Beide Materialien werden insbesondere daraufhin befragt, in welcher Weise sie ‚Authentizität‘ im Kontext des touristischen Reisens thematisieren. Den Analysen vorangestellt sind jeweils einige methodische Überlegungen zu den Spezifika des ausgewählten Materials.

Bei den Reiseprospekten, von denen Schäfer nur die Cover untersucht, handelt sich um Werbematerialien des Schweizerischen Anbieters „Kuoni“, der eher im hochpreisigen Segment operiert. In den Prospekten werden keine konkreten Reisen beworben, sondern vielmehr verschiedene „Bedürfnisfelder“ (85) oder Reisemotive umrissen, die der Anbieter zu bedienen verspricht. Der erste untersuchte Prospekt befasst sich mit der Kategorie „sehenswert“ und zeigt ein Bild des Taj Mahal auf dem Cover (87ff.), der zweite thematisiert das Bedürfnis des „Erkunden[s]“ und bildet dazu eine Gruppe Massai ab (101ff.), der dritte visualisiert das Motiv „einfach weg“ mit dem Luftbild eines einsamen Strandes. Die Analyse der Prospekte umfasst jeweils sowohl ihren bildlichen als auch ihren (im vorliegenden Fall sehr reduzierten) textuellen Gehalt.

In keinem der Prospekte ist explizit von Authentizität die Rede, aber es finden sich viele Symboliken und Ausdrucksformen, die durchaus plausibel auf dieses Thema hin interpretiert werden können. So verknüpft Schäfer die Abbildung der Massai u.a. mit der Tradition des romantischen Exotismus und dessen Stilisierung des ‚edlen Wilden‘ als einem authentischen Gegenbild zum entfremdeten Dasein in der westlichen Welt (105). Der Text, der die Abbildung des Taj Mahal begleitet, betont dagegen die Erfahrung der Überwältigung angesichts der Erhabenheit und Monumentalität des Bauwerks: „wunder in stein, holz, metall. mit kleinen schritten, überwältigt, kommen wir näher.“ (87). Hier wird Authentizität in einer anderen Weise thematisch, nämlich als „spezifischer Modus von Erfahrungen“ (98), bei denen wir die reflexive Selbstkontrolle verlieren und ganz in die unmittelbare (und in diesem Sinne authentische) sinnliche Erfahrung eintauchen.

Am interessantesten sind jedoch die Widersprüche und Ambivalenzen, die Schäfer in den Darstellungen herausarbeiten kann. So wird die textuelle Anrufung der überwältigenden Erfahrung im Fall des Taj Mahal bspw. mit einem sehr konventionellen und bekannten Postkartenmotiv des Bauwerks kombiniert. Dies bringt Schäfer zu der Schlussfolgerung, dass die überwältigende Erfahrung von Authentizität hier seltsamerweise darin zu bestehen scheint, dass „die Wirklichkeit genau dem vorgefertigten Bild entspricht“, welches der touristische Blick bereits mitbringt (99). Eine ähnliche Struktur kann er am Beispiel des Massai-Motivs herausarbeiten (117).

Der zweite Teil der empirischen Analyse befasst sich mit Reiseberichten aus dem Internet, die Schäfer von verschiedenen privaten Homepages gesammelt hat. Darin eingebettet sind zwei Exkurse: Anhand der UNESCO-Dokumente zum Auswahlprozess für die Liste des Weltkulturerbes wird untersucht, wie „Sehenswürdigkeiten“ sozial hervorgebracht werden (159ff.) und wie damit ein Zwang des „must see“ erzeugt wird, dem sich Reisende nur schwer entziehen können. Ein zweiter Exkurs untersucht die Merkmale der touristischen Praxis des Fotografierens (224ff.). Schäfer stützt sich dabei stark auf die klassischen Analysen zur Soziologie der Fotografie von Pierre Bourdieu, ergänzt um einige Besonderheiten des touristischen Fotos. So analysiert er u.a. das typische Motiv ‚Person, zur Kamera gewandt, vor Sehenswürdigkeit‘, das Authentizität im Sinne des ‚Ich war da‘ bezeugt – allerdings um den Preis eines hochgradig inszenierten, artifiziellen Bildes, bei dem sich das eigentlich interessante Objekt im Rücken und damit außerhalb des Sichtfeldes der abgebildeten Person befindet.

Das Gros der Analyse in diesem Teil befasst sich jedoch mit den Reiseberichten aus dem Internet und zeichnet ein facettenreiches Bild dieser Textgattung, aber auch der Probleme, mit denen Individualtouristinnen und -touristen heute zu kämpfen haben. Besonders heraus stechen dabei die Widersprüche und Schwierigkeiten, die aus dem Versuch entstehen, als Tourist möglichst wenig ‚touristisch‘ zu agieren. So lässt sich eine Romreisende bewusst ziellos durch die Stadt treiben – um dann ungewollt doch an genau denselben Orten zu landen, wie alle anderen Touristen auch (169ff.). Ein anderes Paar versucht dagegen, sich durch eine detaillierte eigene Planung ihrer Hongkong- und Thailandreise ein Moment von Autonomie und Selbststeuerung zu erhalten – allerdings um den Preis eines strikten Zeit- und Budgetmanagements, das sie in ihrem Blog ausführlich dokumentieren (186ff.). Ein weiteres Paar schließlich sucht auf einer Fahrradreise durch Chile und Argentinien bewusst nach Abenteuer und Abstand von den ausgetretenen Pfaden des Massentourismus (198ff.). Dabei kommt u.a. dem „Schmutz“ eine interessante Bedeutung zu. Er wird zu einem „Authentizitätsindikator“ (216): Das Schmutzige ist hier das eigentlich Reine, das, was unbefleckt und unberührt ist von der Tourismusindustrie und ihrem Bemühen, Sehenswürdigkeiten sauber und aufgeräumt zu präsentieren. Allerdings kann nicht jeder Schmutz diese Funktion erfüllen. Wenn es in den Straßen „auch mal in der einen oder anderen Ecke nach Urin stinkt“ (220), so passt das in das Bild der Reisenden über eine typisch südamerikanische Stadt. Staub und Abgase der LKWs sind dagegen nur noch ein Ärgernis und keine freudig begrüßten Authentizitätsindikatoren mehr.

4 Authentizität als ‚moving target‘

Insgesamt zeigen diese Analysen durchaus, auf welch unterschiedliche Weisen die Frage nach der Authentizität in heutigen touristischen Settings virulent wird. Allerdings ergeben sich hier auch einige gravierende Probleme. Schäfers Anspruch ist es ja, theoretisch wie empirisch nachzuweisen, dass „sich der Tourismus als solcher im Kern um die Suche nach dem Authentischen dreht“ (268). Diesem hoch gesteckten Ziel wird auch die Empirie weitgehend untergeordnet, was leider zu einem sehr selektiven Blick führt. Das beginnt schon bei der Auswahl des Materials: Man kann sich durchaus fragen, ob das Ergebnis nicht ganz anders ausfallen würde, wenn statt Imagebroschüren aus dem Hochpreissegment Kataloge mit Pauschalreisen untersucht worden wären und statt Reiseblogs von Individualtouristen Interviews am Strand von Ibiza oder auf einem Kreuzfahrtschiff auf der Donau. Hinzu kommt, dass einige Bezüge zur Authentizitätsthematik etwas gezwungen erscheinen: So wird beispielsweise die Abbildung einer Weltkarte auf einer Reisehomepage ebenfalls in dieses Deutungsmuster eingeordnet, weil die Karte „Ausdruck der Vorstellung“ sei, „die Welt stehe einem zur Verfügung“ (185). Hier ließen sich durchaus nahelie-gendere Deutungsmöglichkeiten finden, die für die Studie nur den Nachteil hätten, nichts mit dem Thema Authentizität zu tun zu haben.

Schäfer räumt die Selektivität seines Blick durchaus ein: „Aufgenommen wurde das Brauchbare, das jedenfalls, was brauchbar erschien um die Authentizitätsthese zu beleuchten, der Rest wurde liegengelassen“ (266). Eine solche kritische Selbstreflektion ist zu begrüßen, räumt die angesprochenen Probleme aber leider nicht aus dem Weg. Wenn der Bezug zum Thema Authentizität immer schon Kriterium für die Auswahl des untersuchten Materials und die Richtung seiner Interpretation ist, dann fehlt eine Vergleichsmöglichkeit um die Relevanz dieses Aspekts in einem übergeordneten Zusammenhang angemessen einschätzen zu können. Die These von der Zentralität dieses Deutungsmusters wird so zur self fulfilling prophecy.

Abschließend muss noch ein weiteres Problem angesprochen werden, das bereits in der Diskussion des theoretischen Teils aufgeworfen wurde und sich in der empirischen Analyse weiter verschärft: Das Authentizitätskonzept wird immer breiter und unschärfer, weil immer mehr empirische Phänomene und Beobachtungen diesem Konzept untergeordnet werden müssen. So lernen wir, dass körperliche Verausgabung ebenso ein Moment der Suche nach Authentizität sein kann (im Sinne ‚authentischer‘ Grenzerfahrungen) wie Entspannung und Gemütlichkeit (als ‚authentische‘ Zwanglosigkeit), rigide Planung, Zeit-und Kostenkontrolle (als ‚authentische‘ Erfahrung eigener Handlungsmacht) ebenso wie das abenteuerliche Spiel mit dem Unvorhersehbaren und der Gefahr (als ‚authentische‘ Krise), usf. Alle diese Interpretationen sind für sich genommen nicht unplausibel. Nur tragen sie wenig zu dem in der Einleitung formulierten Ziel bei, den Begriff der Authentizität durch die empirische Analyse exemplarischer Dokumente ‚schärfen‘ zu wollen (S. 9) – im Gegenteil: Authentizität erweist sich als ‚moving target‘, das Konzept wird umso mannigfaltiger und diffuser, je genauer man hinschaut.

Doch trotz dieser kritischen Punkte sollte man das Buch nicht vorschnell zur Seite legen. Ich möchte eine Lesart vorschlagen, die die Studie vor ihren eigenen überzogenen Ansprüchen schützt und dadurch ihre zweifelsfrei vorhandenen Vorzüge stärker in den Vordergrund treten lässt. Die „Suche nach der Authentizität“ ist ja zuallererst einmal eine Reise, die Schäfer in seiner Untersuchung selbst unternimmt, und sie führt ihn an eine ganze Reihe absonderlicher Orte und gewährt überaus interessante Einblicke in aktuelle Praktiken und Selbstreflexionen sowohl der Tourismusindustrie als auch der Touristen selbst. Dass es ihm dabei nicht gelingt, mit dem Authentizitätskonzept ein einheitliches, grundlegendes Deutungsmuster des Tourismus herauszuarbeiten, lässt sich in eine lehrreiche Erkenntnis ummünzen. Aus meiner Sicht verweist dieses Problem auf grundlegende Selbstwidersprüche des untersuchten Phänomens selbst: Touristen, die gerade vermeiden wollen, touristisch zu agieren; eine zwanglose Muße, die unter dem Stress steht, aus der Frist von nur wenigen Tagen maximale Entspannung zu ziehen; oder Reiseveranstalter, die verleugnen müssen, dass sie etwas ‚veranstalten‘, um die Originalität der von ihnen angebotenen Erfahrungen nicht zu trüben. Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass es Schäfer immer wieder hervorragend gelingt, diese Widersprüche prägnant herauszuarbeiten. Hier liegt aus meiner Sicht der eigentliche Wert des Buches. Ich würde vorschlagen, die „Suche nach der Authentizität“ weniger als alles erklärendes Deutungsmuster denn als eine hilfreiche Heuristik zu begreifen, die genau diese Selbstwidersprüche des Tourismus sichtbar macht und damit einen überaus interessanten, theoretisch fundierten und empirisch facettenreichen Beitrag zu einem besseren Verständnis dieses Phänomens liefert – nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.

Literatur

  • MacCannell, Dean 1973: Staged Authenticity: Arrangements of Social Space in Tourist Settings, S. 589–603 in: American Journal of Sociology, Vol. 79, No. 3. Google Scholar

About the article

Published Online: 2016-11-18

Published in Print: 2016-11-01


Citation Information: Sozialer Sinn, Volume 17, Issue 1, Pages 187–196, ISSN (Online) 2366-0228, ISSN (Print) 1439-9326, DOI: https://doi.org/10.1515/sosi-2016-0007.

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