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Spiritual Care

Zeitschrift für Spiritualität in den Gesundheitsberufen

Editor-in-Chief: Frick, Eckhard / Peng-Keller, Simon

Editorial Board Member: Aberer, Elisabeth / Bischoff, Alexander / Büssing, Arndt / Eschmann, Holger / Hefti, René / Klein, Constantin / Maidl, Lydia / Mayr, Beate / Roser, Traugott / Utsch, Michael / Zwingmann, Christian

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ISSN
2365-8185
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Christliche Seelsorge

Holger Eschmann
Published Online: 2016-05-19 | DOI: https://doi.org/10.1515/spircare-2016-0037

1 Zum Begriff Seelsorge

Der Begriff Seelsorge begegnet zunächst nicht im biblisch-christlichen Umfeld, sondern in der Apologie des Sokrates bei Platon. In einem fiktiven Dialog wirft Sokrates seinen Anklägern vor, dass sie sich mehr um Geld, Ruhm und Ehre bemühen, als um Einsicht und Wahrheit und um die eigene Seele. Von diesen altgriechischen Wurzeln her meint der Begriff Seelsorge also weniger das Sich-Sorgen um andere Menschen und deren Nöte als vielmehr die Sorge um die eigene Seele. Im christlichen Kontext taucht der Begriff Seelsorge dann zum ersten Mal bei dem Kirchenvater Basilius von Caesarea im vierten Jahrhundert auf und ist dort eine Bezeichnung für das kirchliche Amt überhaupt. Zum terminus technicus für das, was wir heute darunter verstehen, setzt sich der Begriff Seelsorge erst in der lateinischen Übersetzung cura animarum (Mehrzahl) im Mittelalter durch.

Wenn sich auch der Begriff Seelsorge in der Bibel selbst nicht findet, ist die Sache, die damit heute in der christlichen Tradition bezeichnet wird, an vielen Stellen greifbar. Da ist zum Beispiel das archetypische Bild vom guten Hirten im Alten und Neuen Testament zu nennen, der dem Verlorenen, Verirrten und Schwachen nachgeht. Seelsorge in der Bibel vollzieht sich in den Klagen und im Trost der Psalmen und der Propheten. Eine eher philosophisch orientierte Lebenshilfe findet sich in der Weisheitstradition Israels, zum Beispiel im Buch der Sprüche, in manchen Gleichnissen Jesu oder auch in den apokryphen Schriften der Bibel. Im Neuen Testament wird Seelsorge in den Heilungsgeschichten Jesu und seinen Dämonenaustreibungen anschaulich. Seelsorge geschieht aber auch in dem Ruf Jesu und seiner Nachfolger und Nachfolgerinnen zur Umkehr angesichts des nahen Gottesreiches. Auch die Rede Jesu im Johannesevangelium vom Parakleten, dem Heiligen Geist, der als Tröster, Ermahner und Beistand wirkt, ist Seelsorge an den Jüngerinnen und Jüngern, die durch Jesu Himmelfahrt auf Erden zurückgelassen werden. Und Beispiele von Seelsorge finden sich in der Briefliteratur des Neuen Testaments in der Beschreibung des urchristlichen Miteinanders in der christlichen Gemeinde. Dies alles ist Vorbild und Material für die christliche Seelsorge, muss aber in die jeweils aktuellen Kontexte und Problemlagen übersetzt werden. Darüber hinaus sind für einen biblisch orientierten Seelsorgebegriff zwei grundlegende Dinge festzustellen:

  • 1.

    Der biblische Seelenbegriff ist ein anderer als der platonische. Nach Genesis 2,7 schuf Gott den Menschen aus einem Erdenkloß und blies ihm den lebendig machenden Atem in seine Nase. Und so wurde der Mensch eine lebendige Seele, wie Martin Luther den hebräischen Begriff שפנ (näfäsch) übersetzte. Ursprünglich bedeutet שפנ Kehle, Hals, Schlund, Rachen. Als Organ der Atmung und der Nahrungsaufnahme steht שפנ für die elementarsten Lebensbedürfnisse des Menschen und meint die ganze Person in ihrer psychophysischen Ganzheitlichkeit vor Gott.

  • 2.

    Der christliche Glaube und das christliche Handeln sind – wie schon die Begriffe zeigen – zutiefst vom Leben, Reden, Sterben und Auferstehen Jesu Christi geprägt – und so auch die Seelsorge. Weil Jesus Christus der Mensch für andere war, und die Kirche in seiner Nachfolge nur Kirche ist, wenn sie Kirche für andere ist (Bethge 1996), darum ist Seelsorge in christlichem Verständnis nicht primär ein Sorgen um sich selbst, sondern ein Sich-Sorgen um andere, die Hilfe benötigen. Natürlich muss man das eine nicht gegen das andere ausspielen. Dass Seelsorge auch Selbstsorge einschließen kann und soll, ist in weiten Teilen der Geschichte der Seelsorge vergessen worden und wurde im 20. Jahrhundert – vor allem angeregt durch die Psychologie – wiederentdeckt, aber für die christliche Seelsorge ist grundlegend, dass mit Jesu Worten und Taten eine radikale Wendung hin zum Nächsten, vor allem zum mühseligen und beladenen Menschen, vollzogen wurde.

Auf diesem Hintergrund kann man Seelsorge definieren als „die zielgerichtete Zuwendung zum einzelnen Menschen im Kontext der Kommunikation des Evangeliums“ (M. Meyer-Blanck). Diese zusammenfassende Definition soll im Folgenden noch etwas erläutert werden.

2 Kennzeichen der Seelsorge

In der christlichen Seelsorge ist ein weiter und ein enger Begriff von Seelsorge zu unterscheiden. Seelsorge in einem weiten Sinne (lat. cura animarum generalis) geschieht in nahezu allem kirchlichen oder christlichen Reden und Handeln. Eine gute Predigt in einem Gottesdienst hat selbstverständlich seelsorgliche Auswirkungen, ebenso das gemeinsame Feiern des Abendmahls oder die Gespräche an der Kirchentüre, die Diskussionen in kirchlichen Gesprächskreisen und die gegenseitigen Besuche von Gemeindegliedern. Unter Seelsorge im engen oder eigentlichen Sinne (lat. cura animarum specialis) wird dagegen die Begegnung eines Seelsorge suchenden Menschen mit einem Seelsorger oder einer Seelsorgerin in Form eines Gesprächs unter vier Augen verstanden. Die Themen und Anlässe dieses Gesprächs können vielfältig sein. Es kann um praktische Lebenshilfe gehen, aber auch um Fragen des Glaubens. Menschen werden in Krankheit begleitet und getröstet. Sie benötigen Beistand, wenn sie über den Verlust eines nahestehenden Menschen trauern. Sie suchen Heilung und Wegweisung angesichts zerbrochener Beziehungen. Belastende Schuld kann beim Namen genannt und Vergebung zugesprochen werden. Genauso kann aber auch gefordert sein, dass bei psychischen Erkrankungen therapeutische und medizinische Hilfen vermittelt werden. Und nicht zu vergessen ist auch die seelsorgliche Begleitung in guten Tagen und zu fröhlichen Anlässen wie bei Geburtstagsbesuchen oder Trau- und Taufgesprächen. Solche Seelsorge ist durch mindestens drei Kennzeichen bestimmt:

  • 1.

    Seelsorge hat eine theologische Dimension. Ohne sie wäre es nicht Seelsorge, sondern psychologische Beratung oder irgendeine andere Form menschlichen Gesprächs. Diese theologische Dimension kann sehr unterschiedlich aussehen. Sie kann darin bestehen, dass man in der Seelsorge über theologische Fragen spricht. Aber sie kann auch schon darin bestehen, dass einer der Gesprächspartner Pfarrerin oder Diakon ist und das Gespräch in einem kirchlichen Umfeld stattfindet.

  • 2.

    Seelsorge ist konsequent von der Situation der seelsorgesuchenden Menschen bestimmt – mit ihren je konkreten Bedürfnissen, Lebenssituationen und einmaligen Lebensgeschichten. Bei unterschiedlichen Problemfeldern und Fragestellungen müssen dementsprechend auch ganz verschiedene seelsorgliche Interventionen zum Tragen kommen.

  • 3.

    Seelsorge hat schließlich eine personal-kommunikative Dimension. Damit ist das persönliche Miteinander in der seelsorglichen Begegnung gemeint. Seelsorge geschieht in einem geschützten Raum, unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Dadurch ist die spezielle Seelsorge von anderen Arbeitsfeldern in der Kirche wie Gottesdienst und Predigt abgegrenzt.

Aus diesen drei Merkmalen ergibt sich von selbst die Vielgestaltigkeit der Seelsorge. Denn wenn sie einer theologischen Grundlegung bedarf, dann hat sie auch Anteil an den unterschiedlichen theologischen Ausrichtungen und spirituellen Prägungen. Und wenn die Seelsorge durch die Situation der Seelsorge suchenden Menschen bestimmt ist, dann spiegelt sie die bunte Vielfalt des Lebens wider. Schließlich ist die Pluriformität der christlichen Seelsorge in Gott selbst begründet. In der Teilhabe an der Zuwendung Gottes zur Welt gründet menschliche Seelsorge in der vielfältigen Sorge des dreieinigen Gottes für den Menschen. Gott steht als Vater in der christlichen Tradition für die Schöpfung und Erhaltung allen Lebens. Gott, der Sohn, offenbart den Vater als Liebenden und versöhnt in Kreuz und Auferstehung die Welt mit Gott. Und Gott führt als der Heilige Geist Menschen in die christliche Gemeinschaft und leitet sie an, ihr Leben in Liebe und Verantwortung zu gestalten. Wenn sich christliche Seelsorge auf die Bibel und die christliche Tradition beruft, kann sie nicht eindimensional sein. Vielmehr hat sie sich – was ihre Inhalte und ihre Methodik angeht – an der Vielfalt der Sorge des dreieinigen Gottes um seine Geschöpfe zu orientieren.

3 Gegenwärtige Trends in der Seelsorge

Nachdem die Seelsorge des 20. Jahrhunderts stark durch Kontroversen zwischen biblisch-theologisch orientierten Konzepten und (psycho-) therapeutisch ausgerichteten Ansätzen bestimmt war, prägen zu Beginn des 21. Jahrhunderts eher integrative Modelle die Seelsorgelandschaft. Sie versuchen, auf unterschiedliche Weise gegenwärtige Herausforderungen in den multikulturellen Gesellschaften der Spätmoderne aufzugreifen. In dem Konzept der Alltagsseelsorge (E. Hauschildt, T. Lohse) wird zu Recht darauf hingewiesen, dass Seelsorge auch in alltäglichen Gesprächssituationen, ohne allzu großen theologischen oder therapeutischen Tiefgang, stattfinden kann. Die systemische Seelsorge (C. Morgenthaler) schöpft aus den Einsichten der systemischen Familientherapie und stellt die neuzeitliche Verengung des Seelsorgegesprächs auf eine Art Arzt-Patienten-Verhältnis infrage. In der energetischen Seelsorge (M. Josuttis) wird darauf hingewiesen, dass religiöses oder geistliches Handeln eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt, die nicht nur rational oder psychologisch, sondern auch phänomenologisch betrachtet werden können. Geistliche Begleitung (K. Schaupp) will mit Hilfe von Exerzitien im Hören auf den Gesprächspartner und auf Gott die Gottesbeziehung beim Gegenüber vertiefen. In einer pluralistischen, multireligiösen Gesellschaft bedenkt interkulturelle Seelsorge, wie Menschen aus anderen Kulturen begleitet werden können. Schließlich ist noch auf die Wiederentdeckung der Religionspsychologie in der Seelsorge hinzuweisen, die sich u. a. damit beschäftigt, wie Religion und Spiritualität auf die psychische und körperliche Gesundheit einwirken.

Bei aller Ausdifferenzierung sind die verschiedenen Zugänge zur christlichen Seelsorge darin geeint, dass sie – in ihrer Unterschiedlichkeit – von dem Bemühen geprägt sind, die „zielgerichtete Zuwendung zum einzelnen Menschen im Kontext der Kommunikation des Evangeliums“ zu realisieren.

Literatur

  • Bethge E et al. (1996) Dietrich Bonhoeffer – Konspiration und Haft 1940–1945. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus. Google Scholar

  • Engemann W (Hg.) (2009) Handbuch der Seelsorge. Grundlagen und Profile. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt.Google Scholar

  • Ziemer J (2015) Seelsorgelehre. Eine Einführung für Studium und Praxis. Göttingen: Vanderhoeck & Ruprecht.Google Scholar

About the article

Published Online: 2016-05-19

Published in Print: 2016-04-01


Citation Information: Spiritual Care, ISSN (Online) 2365-8185, ISSN (Print) 2193-3804, DOI: https://doi.org/10.1515/spircare-2016-0037.

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