Jump to ContentJump to Main Navigation
Show Summary Details
More options …

Zeitschrift für Tourismuswissenschaft

Ed. by Aschauer, Wolfgang / Egger, Roman / Gronau, Werner / Kagermeier, Andreas / Laesser, Christian / Schmude, Jürgen / Steiner, Christian / Stettler, Jürg

Online
ISSN
2366-0406
See all formats and pricing
More options …

Overtourismus:

Ein Beitrag für eine sozialwissenschaftlich basierte Fundierung und Differenzierung der Diskussion

Prof. Dr. Andreas Kagermeier
  • Corresponding author
  • Freizeit- und Tourismusgeographie, Universität Trier, Universitätsring 15, 54296 Trier, Germany
  • Email
  • Other articles by this author:
  • De Gruyter OnlineGoogle Scholar
/ M.A. Eva Erdmenger
Published Online: 2019-04-30 | DOI: https://doi.org/10.1515/tw-2019-0005

Zusammenfassung

Ausgehend von einigen sehr stark frequentierten städtetouristischen Destinationen und befördert durch eine intensive Medienberichterstattung über Besucherdruck und dadurch ausgelöste negative Effekte erfährt der Begriff „Overtourism“ und die Diskussion darüber seit 2017 eine hohe öffentliche Aufmerksamkeit. Die Diskussion ist dabei vor allem von einigen wenigen städtetouristischen Destinationen geprägt. Damit sich die Frage, inwieweit die sich an wenigen Extrembeispielen entzündende Diskussion als Hinweis auf eine zunehmende Ablehnung von touristischen Besuchern gesehen werden kann.

Über städtetouristische Destinationen, die (noch) nicht im Fokus der medialen Berichterstattung stehen, ist bislang relativ wenig bekannt. Schaukeln sich hier ablehnende Haltungen auf oder gibt es Hinweise, dass neben der reinen Zahl von Besuchern auch andere sozio-kulturelle oder nachfragespezifische Aspekte relevant sind für die Akzeptanz von externen Besuchern,

Mit dem Beitrag soll an einem Beispiel mit hoher Besucherintensität aber gleichzeitig noch geringen direkt sichtbar gewordenen negativen Haltungen der Bevölkerung, der Frage nachgegangen werden, welche Aspekte für die Einschätzung der touristischen Besucher relevant sind. Der Beitrag versteht sich dabei als Beitrag zu einer Versachlichung und sozialwissenschaftlichen Fundierung der medialen Diskussion.

Abstract

Since 2017, the term “overtourism” and the discussion surrounding it has received a great deal of public attention. Focused on some extremely crowded urban tourist destinations and stimulated by intensive media coverage on visitor pressures and the negative effects triggered by tourists, the discussion regarding the phenomenon of overtourism is nevertheless characterised by a few prominent urban tourist destinations. This raises the question as to what extent this discussion, which is triggered by a few extreme examples, can be seen as an indication of an increasing general rejection of tourist visitors.

Relatively little is known about urban tourist destinations that are not (yet) the focus of extensive media coverage. Is it possible to identify negative attitudes already (even if they are not yet publicly visible)? Are there indications that, apart from the sheer number of visitors, other sociocultural or demand-related aspects are also relevant for the acceptance of external visitors?

By choosing Munich as an example of a city with a high level of visitor intensity that at the same time still has a population with relatively few directly visible negative attitudes regarding tourists, the question of which aspects are relevant for perspectives about tourist visitors is one worth asking. This article is an attempt to contribute to scientifically defining and establishing the media discussion.

Schlagworte: Overtourism; Städtetourismus; München

Keywords: overtourism; urban tourism; Munich

1 Einleitung: Intensiver medialer Diskurs befördert Diskussion über Overtourismus

Spätestens seit der intensiven Medienberichterstattung über den Besucherdruck und dadurch ausgelöste negative Effekte im Sommer 2017 (vgl. z. B. Arte 2017, Müller 2017) erlebt der Begriff „Overtourism“ und die Diskussion darüber einen gewissen Hype. Dementsprechend hat sich dies auch in einem entsprechenden Schwerpunkt auf der ITB 2018 niedergeschlagen (Bohne, 2018; Hildebrandt, 2018). Aufgeweckt durch die Bürgerproteste in Venedig, Dubrovnik, Barcelona oder auch Amsterdam und Berlin reagiert die Tourismusszene aktuell relativ hektisch (destinet, 2017; McKinsey & Company, 2017) und bemüht sich etwas kurzatmig um Schadensbegrenzung. Dabei ist die Diskussion in der Tourismusforschung alles andere als neu (vgl. z. B. Doxey, 1975; Krippendorf, 1984), auch wenn sie zum Teil in Tradition der etwas elitär anmutenden, von Enzensberger (1958) angestoßenen, bildungsbürgerlich geprägten Tourismuskritik-Diskussion steht.

Mit dem Beitrag soll bewusst abseits der immer wieder in den Medien und fachwissenschaftlichen Publikationen zitierten Fallbeispielen, die sicherlich die „Spitze des Eisbergs“ darstellen, der Frage nachgegangen werden, wie sich die Situation in stark von touristischen Besuchern geprägten Städten darstellt, in der die öffentliche oder fachwissenschaftliche Diskussion aktuell eben noch nicht über die Wahrnehmungsschwelle hinausgekommen sind. Im übertragenen Sinne soll damit die Frage nach der Situation am Eisberg unterhalb der Wasserlinie gestellt werden.

Am Beispiel von Erhebungen in München im Sommer 2018 wird beleuchtet:

  1. Wie stellt sich die Einschätzung bei Besuchern, Bewohnern und Experten hinsichtlich des Touristenvolumens und möglicher negativer Effekte dar?

  2. Zeichnen sich – wenn auch aktuell noch nicht virulent – Grenzen der (insbesondere sozialen) Tragfähigkeit ab?

  3. Welche nachfrageseitigen Parameter tragen zu einer Akzeptanz des Tourismus bei der Wohnbevölkerung bei?

  4. Welche Management-Ansätze zur Optimierung der Resilienz und damit einer Stabilisierung der Akzeptanz erscheinen vielversprechend?

Ziel des Beitrags ist damit zum einen, den Blickwinkel auch auf die breite Realität des Städtetourismus abseits der medial aktuell besonders in den Mittelpunkt gestellten (wenigen) Hot Spots zu richten, um eine etwas realistischere und nicht nur von wenigen Beispielen geprägte Einschätzung des Phänomens Overtourism zu gewinnen. Zum anderen soll auch der Frage nachgegangen werden, welche Aspekte die Akzeptanz befördern, um mittelfristig auch Ansätze für einen sozial nachhaltigen Städtetourismus entwickeln zu können, bei dem die Interessen der Besucher und der Bewohner nicht aus dem Gleichgewicht geraten.

2 Das Phänomen Overtourism und dessen Präsenz in den Medien

Bei der Analyse von Overtourism wird sehr häufig über die Kapazitäten sowie Tragfähigkeiten von Destinationen diskutiert. Wie viele Touristen kann ein Raum (er-) tragen? Wo ist die Tragfähigkeitsgrenze und wann wird sie überschritten? Nach Definition der UNWTO ist die Tragfähigkeitsgrenze im Tourismus zu verstehen als “the maximum number of people that may visit a tourist destination at the same time, without causing destruction of the physical, economic and sociocultural environment and an unacceptable decease in the quality of visitors satisfaction“ (UNWTO, 2018, S. 5). Tourismuswissenschaftler beschreiben diese „Kippschwelle“ auch als emotionale Wende der lokalen Bevölkerung von Enthusiasmus und Unterstützung des Tourismus hin zur Irritation und damit resultierend dem Erreichen der Grenze einer (sozial) nachhaltigen Tourismusentwicklung (Postma & Schmuecker, 2017, S. 146).

Während Diskussionen über die Tragfähigkeitsgrenzen früher vor allem in fragilen Naturökosystemen (vgl. z. B. Revermann & Petermann, 2003; Mund, 2003; Saarinen, 2016) oder in der interkulturellen Überprägung bei Reisen in den Globalen Süden diskutiert worden sind (vgl. z. B. Lüem, 1985; Hammelehe, 1985; Mowforth & Munt, 2003), hat der in den letzten Jahrzehnten stattgefundene Boom des Städtetourismus nun in einigen Städten die Grenzen der physischen Belastbarkeit definitiv überschritten. Insbesondere die in den Medien immer wieder zitierten Fallbeispiele Dubrovnik, Venedig (vgl. Abb. 1) sind als Hot Spots des Kreuzfahrttourismus, bei denen in Dubrovnik und Venedig in 2017 zusätzlich zu den knapp 2 Mio. (Republic of Croatia, 2018, S. 31) bzw. 5 Mio. (Citta‘ di Venezia, 2018, S. 27) Übernachtungsgästen auch noch eine große Zahl von Kreuzfahrtgäste als Tagesbesucher die Stadt frequentierten. Diese beiden städtetouristischen Destinationen sind mit ihren enormen Zahlen von insbesondere auch Tagesbesuchern sicherlich an klaren Grenzen angekommen, in denen lediglich noch eine Limitierung in Frage kommt, um nachträglich Schadensbegrenzung zu betreiben. Im Zuge der Limitierung des Kreuzfahrtsegmentes haben beide Städte seit 2013 die Zahl der Kreuzfahrtgäste von 1,1 Mio. in Dubrovnik und 1,8 Mio. in Venedig auf 2017 750.000 bzw. 1,4 Mio. reduziert (MedCruise, 2018, S. 64f.).

Tourismusintensität in Städten mit intensiver Überlastungsdiskussion und den drei größten deutschen städtetouristischen Destinationen (Quelle: eigene Darstellung nach Zednik, (2018, S. 34), Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein (2018, S. 4), Statistisches Bundesamt (2018, Tab. 4.1)
Abb. 1

Tourismusintensität in Städten mit intensiver Überlastungsdiskussion und den drei größten deutschen städtetouristischen Destinationen (Quelle: eigene Darstellung nach Zednik, (2018, S. 34), Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein (2018, S. 4), Statistisches Bundesamt (2018, Tab. 4.1)

Barcelona wird in den Medien häufig in einem Atemzug mit Dubrovnik und Venedig genannt (Arte, 2017). Die Stadt ist mit 2,7 Mio. Kreuzfahrtpassagieren in 2017 der am stärksten frequentierte mediterrane Kreuzfahrthafen. Bezogen auf die Tourismusintensität (vgl. Abb. 1) ergibt sich – aufgrund der größeren Mantelbevölkerung – rechnerisch zwar ein deutlich niedriger Wert als für Dubrovnik und Venedig, auch wenn sich der überwiegende Teil der Besucher dann eben doch im Stadtzentrum konzentriert.

Amsterdam ist eine weitere Stadt, die in den Medien oftmals mit dem Blickwinkel auf Crowding-Phänomene bzw. Störungen durch Touristen erwähnt wird. Hier sind es insbesondere auch die Partygäste, die sich in der Stadt, die lange Jahre mit seinem Rotlicht-Milieu und auch den Coffee-Shops eine spezifische Klientel angezogen hat, welche inzwischen zu deutlichen aversiven Reaktionen bei der Bevölkerung führen (Slegers, 2017; Kirchner, 2018; McGuire, 2018; Spiegel Online, 2018). Der Spiegel widmete im August 2018 sogar die Cover-Geschichte dem Motiv „Das verlorene Paradies“ (Der Spiegel, 2018) und reihte sich damit in die Serie von Berichterstattungen über negative Auswirkungen des Overtourismus ein. Dabei wird in den Medien meist auf wenige Extrembeispiele fokussiert. Neben diesen Extrembeispielen existiert ein breites Spektrum von Metropolen und größeren Städten, in denen bei relativ ähnlicher Tourismusintensität das Medienecho bezüglich der Reaktionen der Bevölkerung ganz unterschiedlich ist. Die drei wichtigsten städtetouristischen Destinationen Deutschland, Berlin, München und Hamburg weisen bezüglich der Tourismusintensität auf (vgl. Abb. 1). Während in Berlin Bündnis 90/Die Grünen Kreuzberg bereits 2011 zu einer Veranstaltung mit dem Titel „Hilfe, die Touristen kommen“ aufgerufen haben (Spiegel Online, 2011) und seither eine intensive Diskussion und auch Medienberichterstattung in der Stadt (vgl. z. B. Wuchold, 2014; Nibbrig, Pletl & Dietrich, 2015; Labenski, 2016; Sommer & Helbrecht, 2017) in der Stadt abläuft, die sich insbesondere auch an den Effekten von Airbnb-Vermietungen in der Stadt entzündet (vgl. z. B. Kagermeier, Köller & Stors, 2015 & 2016; Stors & Kagermeier 2017 oder Focus Online, 2014; Abel, 2015; Brauns, 2016). In Hamburg wird vom Zukunftsrat unter dem bekannten Slogan „Tourist go Home?“, versehen noch mit einem Fragezeichen von einem schmalen Grat zwischen touristischer Inwertsetzung über Überlastungsphänomenen diskutiert (Lanz, 2018) und damit deutlich, dass erste Anzeichen für klare negativen Begleiterscheinungen erkennbar sind. In München wird das Thema bei einer – bezogen auf die Mantelbevölkerung – ähnlichen Relation von Übernachtungen bislang in den Medien nicht intensiver thematisiert, sondern z. B. positive touristische Wachstumsergebnisse in den lokalen Medien lediglich neutral vorgestellt (vgl. z. B. Hoben, 2018) und von der Stadtverwaltung als weitgehend positives Phänomen kommuniziert (Landeshauptstadt München, 2018c). Alle drei deutschen Städte weisen dabei bezogen auf die Mantelbevölkerung eine vergleichbare Tourismusintensität auf, die auch in einer ähnlichen Größenordnung wie das in den (inter-) nationalen Medien oftmals präsente Barcelona (vgl. z. B. arte, 2017) liegt. Damit ist zu vermuten, dass es nicht nur die absolute Zahl von Touristen ist, die bei den Bewohnern zu aversiven Reaktionen führt, sondern hier noch weitere Parameter relevant sind. Diesen soll in dem Artikel nachgegangen werden.

Wenig Beachtung wird dabei den Fällen gewidmet, in denen das „Kind noch nicht in den Brunnen gefallen“ ist, sprich aktuell noch keine flächendeckenden Proteste zu verzeichnen sind. Hier ist wenig darüber bekannt, ob es subkutan unter der Oberfläche langsam „zu brodeln beginnt“ und sich aversive Haltungen aufbauen bzw. aufschaukeln, die eben gerade noch nicht virulent sind, aber drohen, in Kürze bemerkbar zu werden. Dies ist damit eine weitere Zielsetzung des Beitrags an einem Beispiel, das eben noch nicht wie die „Spitze des Eisbergs“ im Licht der intensiven Medienberichterstattung und der lokaler Diskussion steht. In Analogie zur Metapher des Eisbergs, bei dem eben der größte Teil nicht sichtbar unterhalb der Wasseroberfläche schwimmt, wurde bewusst ein Fallbeispiel für die empirische Analyse gewählt, in dem – wie der Teil des Eisbergs unter der Wasseroberfläche –, bislang noch keine intensivere öffentliche Diskussion artikuliert und dementsprechend auch noch keine breitere Medienpräsenz vorhanden ist.

Auch der Frage, ob vor dem Aufbauen einer aversiven öffentlichen Diskussion Möglichkeiten zur Förderung der Akzeptanz – sei es durch Verminderung/Vermeidung von besonders störenden Aspekten des Tourismus oder andere Ansätze zur Steigerung der Resilienz – bestehen, wird in der aktuellen, relativ kurzatmigen und stark von einer „bandwaggon atmosphere“ geprägten öffentlichen und fachwissenschaftlichen Diskussion kaum Augenmerk geschenkt. Zwar wird inzwischen diskutiert, welche Ansätze verfolgt werden können, um das Phänomen Overtourism nicht nur konzeptionell zu fassen, sondern auch Mitigationsansätze zu entwickeln (Postma, Buda & Gugerell, 2017). So wurde von der UNWTO (UNWTO et al., 2018) im Sommer 2018 die Studie „‘Overtourism’? Understanding and Managing Urban Tourism Growth beyond Perceptions“ herausgegeben, in der aufbauend auf den Studien von Koens & Postma (2017) bzw. Postma & Schmücker (2017; ähnlich Nijs, 2017) Ansätze für einen Managementumgang mit dem Phänomen Overtourismus entwickelt werden. Inwieweit diese auch für das untersuchte Fallbeispiel als Teil einer proaktiven Mitigationsstrategie anwendbar sind, ist ein weiteres Ziel des Beitrags, auch wenn dieses nur gestreift werden kann.

Beim Phänomen Overtourism werden dabei in Anlehnung an Koens & Postma (2017, S. 9, genauer bei Postma & Schmücker, 2017, S. 152) drei unterschiedliche Faktoren unterschieden:

  1. Physische Tragfähigkeitsgrenze (absolute Überfüllung)

  2. Direkte negative Effekte der Touristen (überlastete Infrastruktur, Lärm, Störung, Irritation)

  3. Indirekte Effekte (wie Strukturwandel im Dienstleistungsangebot durch Tourismus oder Nutzungskonkurrenz z. B. auf dem Wohnungsmarkt).

Mit einem akteursorientierten Blickwinkel sind bei einer Analyse der aktuellen Situation im Städtetourismus sowohl das Interesse und die Einschätzungen der Bewohner und Beschäftigten zu berücksichtigen, als auch die Sichtweise der Tourismuswirtschaft und der Besucher einzubeziehen. Darüber hinaus gilt es bei der Analyse, die für die mögliche Implementation von Managementansätzen relevante (kommual ) politische Seite sowie die Destinationsmanagementorganisation (DMO) zu berücksichtigen (vgl. Abb. 2).

Relevante Stakeholder beim Phänomen Overtourismus (Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an Koens & Postma, 2017, S. 30)
Abb. 2

Relevante Stakeholder beim Phänomen Overtourismus (Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an Koens & Postma, 2017, S. 30)

Vor dem Hintergrund, dass sog. objektive Kriterien wie die Tourismusintensität scheinbar nur begrenzt ausreichend sind, um das Phänomen Overtourismus zu deuten, erscheint es sinnvoll, auf andere Ansätze zurückzugreifen, die sich mit Belastungen auseinandersetzen. Wenn auch in einem anderen Kontext entwickelt versucht der Vulnerabilitäts- (bzw. Resilienz-) Ansatz zu erklären, warum ein gleiches Ereignis in unterschiedlichen Kontexten abweichende Intensität der Konsequenzen induziert. Dementsprechend wird beim Vulnerabilitätskonzept nicht nur die konkrete Exposition gegenüber einem externen Einfluss berücksichtigt, sondern auch die Empfindlichkeit einbezogen (vgl. Abb. 3).

Dimensionen des Konzepts der Vulnerabilität und Kategorien der Resilienz (Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an Bohle & Glade (2007, S. 111) sowie Turner et al.(2003, S. 8077)
Abb. 3

Dimensionen des Konzepts der Vulnerabilität und Kategorien der Resilienz (Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an Bohle & Glade (2007, S. 111) sowie Turner et al.(2003, S. 8077)

Als weitere relevante Dimension wird im Vulnerabilitätskonzept auch die Resilienz eines Systems als relevant angesehen. Die Resilienz wird dabei aus der Fähigkeit eines Systems, auf ein externes Ereignis selbstorganisiert zu reagieren, dieses zu bewältigen sowie sich entsprechend anzupassen (vgl. Abb. 3). Dementsprechend soll bei der empirischen Analyse des Fallbeispiels, das eine vergleichbare globale quantitative „Exposition“ wie Berlin und Barcelona aufweist, darauf eingegangen werden, ob sich Hinweise für unterschiedliche Empfindlichkeiten sowie Hinweise auf spezifische Resilienz-Ausprägungen identifizieren lassen.

3 Tourismus in München

Das Fallbeispiel München wurde gewählt, da es einerseits eine – bezogen auf die Gesamtstadt – vergleichbare Tourismusintensität wie Barcelona, Berlin und Hamburg aufweist, mit dem jährlich etwa 6 Mio. Besucher anziehenden Großevent „Oktoberfest“ (Landeshauptstadt München, 2018b) auch eine zeitliche und räumliche starke Konzentration von Besuchern aufweist. Mit knapp 8 Mio. Ankünften und etwas 15 Mio. Übernachtungen – von denen etwa die Hälfte auf den Incoming Tourismus entfällt (Landeshauptstadt München, 2018c) – ist München nach Berlin die Stadt mit der zweithöchsten Zahl an Übernachtungsgästen. Andererseits hat das Medienecho zum Overtourismus München bislang „links liegen“ gelassen. Scheinbar scheint diese Stadt mit Overtourismus kein (größeres) Problem zu haben.

Auch wenn Belastungsgrenzen ursprünglich in ökologisch sensiblen Schutzgebieten thematisiert worden sind, hat sich die Diskussion in den letzten Jahren vor allem auf Städte konzentriert. Ein Hintergrund hierfür ist sicherlich die spezifische Dynamik des Städtetourismus. So hat in den letzten 25 Jahren die Zahl der Übernachtungen in Deutschland insgesamt um ein gutes Drittel zugenommen (Statistisches Bundesamt, 2018a, Tabelle 1.5). Im gleichen Zeitraum sind die Übernachtungszahlen in Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern auf gut das 2,5-fache angestiegen (vgl. Abb. 4).

Indexentwicklung der Übernachtungszahlen in Deutschland, deutschen Großstädten und den drei wichtigsten deutschen städtetouristischen Destinationen (Berlin, München, Hamburg) (Quellen: Statistisches Bundesamt 2018a & 2018b, Amt für Statistik Berlin-Brandenburg 2018, Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein 2004 & 2018b, Tourismusamt München 2018)
Abb. 4

Indexentwicklung der Übernachtungszahlen in Deutschland, deutschen Großstädten und den drei wichtigsten deutschen städtetouristischen Destinationen (Berlin, München, Hamburg) (Quellen: Statistisches Bundesamt 2018a & 2018b, Amt für Statistik Berlin-Brandenburg 2018, Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein 2004 & 2018b, Tourismusamt München 2018)

Sicherlich auch aufgrund der veränderten Position seit der Wiedervereinigung verlief der städtetouristische Boom insbesondere in Berlin den letzten 10 Jahren sehr stürmisch. Dort sind inzwischen mehr als das Vierfache an Übernachtungen zu verzeichnen als Anfang der 90er Jahre. Auch Hamburg weist im Vergleich zum Beginn der 90er Jahre mehr als das Dreifache an Übernachtungen auf.

Demgegenüber verlief das Wachstum in München – wenn auch von einem hohen absoluten Ausgangsniveau ausgehend – in den letzten 25 Jahren deutlich moderater und lag in etwa im Mittel aller deutschen Großstädte. Damit ist bereits an dieser Stelle als erste Vermutung festzuhalten, dass ggf. die Geschwindigkeit der touristischen Zunahme ein Faktor ist, der die Empfindlichkeit der Bevölkerung und auch deren Reaktion auf sich rasch verändernde Touristenzahlen beeinflusst. Dies legt zumindest auch das Beispiel Berlin nahe, in dem lange Zeit „im Schatten der Mauer“ liegende Kieze in Kreuzberg und Neukölln sich innerhalb kurzer Zeit zu Szenevierteln für den Tourismus entwickelt haben. Gerade dort hat der Widerstand gegen die touristische Nutzung der Quartiere seinen Ursprung genommen.

Gleichzeitig wird das touristische Image von München einerseits natürlich durch Assoziationen mit dem Oktoberfest und der Bier-(garten-)kultur geformt, gleichzeitig aber auch stark von Kunst, Kultur und Shopping geprägt (Landeshauptstadt München, 2013, S. 11). Dementsprechend ist München auch bezogen auf die Übernachtungspreise im Vergleich zu anderen deutschen Großstädten (wie z. B. Berlin) relativ hochpreisig (HRS, 2018). Tendenziell werden damit bereits traditionell gehobene Zielgruppen angesprochen und München hat sich nie als niedrigpreisige Party-Destination positioniert. Dementsprechend werden in der Tourismusstrategie von 2013 auch in Bezug zu den Sinus-Milieus (Hradil, 2006, Barth et al., 2018) die ausgabefreudigeren und auf kulturorientierten Genuss ausgerichteten Milieus der „Bürgerlichen Mitte“, des „Konservativetablierten Milieus“ und des „Liberal-intellektuellen Milieus“ als prioritäre Zielgruppen angesprochen (Landeshauptstadt München, 2013, S. 42). Da umgekehrt München als Arbeitsmarkt stark von gutverdienenden akademischen Berufen geprägt wird, fragen tendenziell die einheimische Bevölkerung und die Besucher keine diametral entgegengesetzten Freizeitangebote nach. Dementsprechend besteht auch kein ausgeprägtes „kulturelles Gap“ zwischen den Besuchern und den Bewohnern. Auch setzt der Flughafen München nur sehr begrenzt auf Low Cost Carrier (Ibel, 2014, S. 76, DLR, 2018, S. 15), so dass auch hierdurch kaum preissensible Party-Touristen in die Stadt gelockt werden.

Gleichzeitig ist der historische Kern München jenseits der mittelalterlichen Altstadt im 19. Jahrhundert als weitläufige Residenzstadt angelegt worden, zu der auch der sogenannte Englische Garten als große innerstädtische Parkanlage zählt. Damit ist das historische Zentrum flächenmäßig deutlich größer als in räumlich stärker beengten Städten wie z. B. Amsterdam oder Kopenhagen. Dementsprechend verteilen sich die Touristen auch auf eine größere „Tourist Bubble“, die sowohl das Museumsquartier in der Maxvorstadt, als auch die (aufgrund der entsprechend kaufkraftstarken Lebensstilgruppen bereits früh) gentrifizierten Viertel Haidhausen oder Gärtnerplatzviertel mit ihrer gehobenen Gastronomie umfasst, die sowohl von den Bewohnern als auch den Besuchern frequentiert werden.

Die Stadt München ist gleichzeitig auch – insbesondere im Vergleich zum auch aus historischen Gründen – stärker polyzentral strukturierten Berlin, klar monozentrisch aufgebaut. Dementsprechend konzentrieren sich die Besucher auch viel stärker im historischen Stadtzentrum und den angrenzenden Stadtquartieren aus dem 19. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts (Haidhausen, Ludwigsvorstadt, Maxvorstadt, Schwabing; Kagermeier & Gronau, 2017, S., 207f.). Dies spiegelt sich auch in der Konzentration des Hotelangebotes in den um den mittelalterlichen Stadtkern liegenden Vierteln (vgl. Abb. 5). Umgekehrt bedeutet dies aber auch, dass in vielen Stadtvierteln am Rande die Einwohner kaum mit Übernachtungsbesuchern konfrontiert werden, bzw. positiv formuliert die Bewohner in den Nebenzentren und Wohnquartieren auch entsprechende Rückzugsräume finden, in denen sie kaum mit auswärtigen Besuchern konfrontiert werden.

Übernachtungen und Tourismusintensität in München nach Bezirken 2017 (Quelle: Eigene Darstellung nach Daten Zednik 2018 und Landeshauptstadt München 2018a)
Abb. 5

Übernachtungen und Tourismusintensität in München nach Bezirken 2017 (Quelle: Eigene Darstellung nach Daten Zednik 2018 und Landeshauptstadt München 2018a)

Neben dem kompakten Hauptaufenthaltsgebiet der auswärtigen Besucher, wie er sich analog zu den in Abbildung 5 dargestellten Übernachtungszahlen auch bei der Erwähnung von touristisch relevanten Zielen z. B. in tripadvisor. com oder der Visualisierung von georeferenzierten Fotos auf Plattformen wie sightmap.com spiegelt, lassen sich in München mit dem Schloss Nymphenburg im Westen, dem Olympiapark und der BMW-Erlebniswelt sowohl der Arena des FC Bayern München im Norden relativ klar abgegrenzte touristische Hotspots außerhalb des Zentrums identifizieren. Deren touristische Anziehungskraft strahlt kaum in die umliegenden Quartiere aus. Vielmehr werden diese meist im Rahmen von monofinalen Besuchen frequentiert, ohne dass die Besucherströme in umgebenden Quartieren virulent würden.

Insgesamt gesehen ist damit für München als Ausgangsbedingungen für die Spurensuche nach möglichen Anzeichen des Overtourism-Phänomens festzuhalten, dass sich die Besucherzahlen zwar auf absolut hohem Niveau bewegen, die Wachstumsgeschwindigkeit aber moderat verläuft. Gleichzeitig ist der kulturelle Match zwischen Besuchern und Bewohnern als relativ groß anzusprechen und der Großteil der touristischen Aktivitäten konzentriert sich auf das (weiträumige) Stadtzentrum.

4 Die Sicht der Besucher und Bewohner

Im Rahmen eines studentischen Lehrforschungsprojekts wurden von Trierer Master-Studierenden vom 17. bis zum 21. Juli 2018 Face-to-Face Befragungen von Besuchern und Bewohnern im Innenstadtbereich (Fußgängerzone, Englischer Garten, Museumsviertel) von München durchgeführt, d. h. dem Kernbereich, in dem sich ein Großteil der auswärtigen Beuscher konzentrieren. Dabei konnten eine Stichprobe von 180 Probanden gezogen werden (84 Bewohner, 96 Besucher). Die Operationalisierung lehnte sich aus Gründen der Vergleichbarkeit an eine von Namberger 2014 durchgeführte ähnliche Erhebung an (Namberger, 2015).

Die Einstiegsfrage zielte auf die absolute Zahl der auswärtigen Besucher und die Frage nach der quantitativen Tragfähigkeitsgrenze hin, ab der dann die schiere Zahl als negativ empfunden wird. Wie bereits 2014 lag das Schwergewicht der Antworten (etwa die Hälfte der Besucher und etwa ein Drittel der Bewohner, vgl. Abb. 6) auf der Aussage, dass die Zahl der Touristen „gerade recht“ sei (wiewohl gleichzeitig die Zahl der Übernachtungen in den 4 Jahren um mehr als 2 Millionen zugenommen hatte). Gleichzeitig gaben aber etwa ein Drittel der Bewohner und auch der Besucher an, dass die Zahl der Touristen (etwas) zu hoch sei. Umgekehrt meinten aber auch ein Drittel der Bewohner, dass München aus ihrer Sicht durchaus noch mehr Touristen „verkraften“ könne. Damit zeigt sich, dass rein quantitativ die Tragfähigkeitsgrenze aus Sicht der Mehrheit noch nicht überschritten ist. Gleichwohl sieht aber ein signifikanter Anteil der Befragten – und dies sowohl aus der Perspektive der Besucher als auch der Bewohner – klare Grenzen.

Einschätzung der quantitativen touristischen Tragfähigkeitsgrenze durch Bewohner und Besucher (Quelle: Eigene Erhebungen)
Abb. 6

Einschätzung der quantitativen touristischen Tragfähigkeitsgrenze durch Bewohner und Besucher (Quelle: Eigene Erhebungen)

In eine ähnliche Richtung zielte die Frage, ob durch Touristen Probleme in München verursacht werden (vgl. Abb. 7). Dabei zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. Zwar verneinte die deutliche Mehrheit die Frage. Gleichwohl gaben insbesondere die Bewohner zu einem nicht vernachlässigbaren Anteil an, dass mit den Touristen in der Stadt Probleme verbunden seien. Hinzuweisen ist auch darauf, dass sich im Vergleich zur Erhebung 2014 (Namberger, 2015) eine leichte Zunahme abzeichnet.

Arten der durch Touristen verursachten Probleme (Quelle: Eigene Erhebungen)
Abb. 7

Arten der durch Touristen verursachten Probleme (Quelle: Eigene Erhebungen)

Ein Blick auf die Art der dann auf eine offene Frage genannten Probleme macht klar, dass es insbesondere das Crowding-Phänomen ist, ein reines Zuviel an Menschen auf begrenztem Raum (vgl. Abb. 8), bzw. das Erreichen der physischen Tragfähigkeitsgrenze, das als Problem angesehen wird. Dabei wurde oftmals auch mit angeführt, dass es insbesondere der zentrale Bereich der Fußgängerzone zwischen Stachus und Marienplatz sei, der als überfüllt empfunden wird. Als direkter negativer Effekte der Touristen wird insbesondere die Überlastung des ÖPNV angesprochen, da sowohl die Stationen Marienplatz als auch Stachus eben nicht nur der zentrale touristische Hotspot, sondern eben auch zwei Hauptknotenpunkte des U- und S-Bahn-Netzes darstellen, an dem viele Münchner ein-, aus- oder umsteigen (ähnlich bereits Koens & Postma, 2017, S. 20). Andere direkte negative Effekte wie Lärm oder von Touristen zurück gelassener Abfall spielen demgegenüber keine größere Rolle. Indirekte negative Effekte, wie eine Verdrängung von auf die Einwohner ausgerichtetem Einzelhandelsangebot durch „Touristen-Läden“, wie er in anderen Städten (z. B. Amsterdam; vgl. Kirchner, 2018) als Problem thematisiert wird, spielen in München keine Rolle. Auch die Nutzungskonkurrenz auf dem Wohnungsmarkt, die z. B. in Berlin heftig thematisiert wird (Spiegel Online, 2011; Kagermeier et al., 2015) wurde – nur vereinzelt genannt.

Touristen als Verursacher von Problemen (Quelle: Eigene Erhebungen)
Abb. 8

Touristen als Verursacher von Problemen (Quelle: Eigene Erhebungen)

Mit einer Kaskade von Fragen, die auf die Reaktionen (und damit teilweise auch auf individuelle Coping- bzw. Anpassungs-Strategien abzielt) wurde gestützt zu ausgewählten Phänomenen des Städtetourismus gefragt, ob diese wahrgenommen werden, sich die Befragten davon gestört fühlen und ggf. dann auch Vermeidungsansätze verfolgen (vgl. Abb. 9). Dabei wird deutlich, dass die bereits angesprochene hohe Zahl von Menschen in der Fußgängerzone auch hier als besonders störend empfunden wird. Die Kaufinger/Neuhauser Straße als Hauptachse der Münchner Fußgängerzone ist mit mehr als 5.000 Passanten pro Stunde in der Haupteinkaufszeit die am stärksten frequentierte Einkaufsstraße Deutschlands (Süddeutsche Zeitung, 2018). Auch wenn teilweise ausgesagt wurde, dass es ja nicht nur Touristen, sondern auch Münchner und Einkäufer aus der Metropolregion seien, die mit zur hohen Passantendichte führen würde, gaben fast 60 % der Bewohner und mehr als ein Viertel der Besucher an, diese Bereiche wenn möglich zu meiden. Ähnlich fallen die Aussagen zum Oktoberfest aus. Auch hier sagt knapp die Hälfte der Bewohner und knapp ein Viertel der Besucher aus, dass sie diese imageprägende Veranstaltung, wenn möglich, meiden.

Wahrnehmung, Störungsempfindung und Vermeidung von spezifischen touristischen Phänomenen (Quelle: Eigene Erhebungen)
Abb. 9

Wahrnehmung, Störungsempfindung und Vermeidung von spezifischen touristischen Phänomenen (Quelle: Eigene Erhebungen)

Während (oftmals als Gruppen auftretende) asiatische Touristen und (aufgrund der Kleidung ebenfalls teilweise leicht zu identifizierende) arabische Touristen, die in München eine wichtige Zielgruppe darstellen, kaum als störend wahrgenommen werden und dementsprechend auch nicht zur Vermeidung entsprechender Stadtbereiche mit einer hohen Konzentration der beiden Zielgruppen führen, werden Junggesellenabschiede (als ein dem Partytourismus zuzuordnendes Phänomen, das auch in München greifbar ist) insbesondere von fast der Hälfte der befragten Bewohner als störend empfunden. Damit ist es weniger die kulturelle Distanz zu den (oftmals kaufkraftstarken) arabischen Touristen (zum großen Teil von der arabischen Halbinsel) oder den als Barrieren wahrnehmbaren Gruppen insbesondere asiatischer Touristen, die stört, sondern das spezifische Sozialverhalten von feiernden jüngeren Gästen, das auch in München negativ auffällt und dazu führt, dass an den Wochenendabenden entsprechende Bereiche der Innenstadt mit einer hohen Auftrittswahrscheinlichkeit von oftmals angetrunkenen Gruppen von Besuchern vermieden werden. Anders als in manchen LCC-Destinationen sind es in München dabei nur zum geringeren Teil ausländische Besucher, die zur Feier des sog. Junggesellenabschiedes nach München kommen, sondern – neben Münchnern selbst – insbesondere auch Gruppen aus dem weiteren südbayerischen Umland.

Da bereits diese rudimentären Ansätze von Partytourismus aufgrund des spezifischen, teilweise devianten Sozialverhaltens entsprechend negativ markiert werden, bedeutet umgekehrt, dass es für die Akzeptanz bei der Bevölkerung von Vorteil ist, dass München nicht wie Berlin zu einem (auch durch LCC-Verbindungen geförderten) Zentrum der Club- und Partyszene geworden ist (Nibbrig, Pletl & Dietrich, 2015), bzw. sich nicht wie z. B. Amsterdam auch bewusst als eine vom Nachtleben geprägte städtetouristische Destination positioniert hat (McGuire, 2018).

Speziell auf die Befindlichkeiten der Münchner Bevölkerung zielten noch einige geschlossene, vertiefende Fragen ab, die nur an die Bewohner gestellt worden sind. Auch hier paust sich durch, dass über die konkreten direkten Störungen hinaus kaum weitergehende Effekte manifest werden. Weder fühlen sich größere Anteile der Bewohner in ihren Wohnvierteln (oder der Stadt) von Touristen gestört (auch dann nicht, wenn sie in den gentrifizierten gründerzeitlichen Quartieren wohnen), bzw. artikulieren ein Gefühl der Entfremdung und Deprivation (vgl. Abb. 10). Dementsprechend werden auch kaum Wünsche artikuliert, dass Stadtverwaltung und Kommunalpolitik Regulierungen angehen sollten.

Aussagen der Bewohner zu Beeinträchtigung durch Tourismus (Quelle: Eigene Erhebungen)
Abb. 10

Aussagen der Bewohner zu Beeinträchtigung durch Tourismus (Quelle: Eigene Erhebungen)

Lediglich der (auch ohne die in München zu beobachtende Zweckentfremdung von Wohnraum für Sharing Übernachtungsangebote) angespannte Wohnungsmarkt paust sich als Problemfeld durch, das teilweise auch dem Tourismus angelastet wird. Dabei handelt es sich aber vor allem um ein lokal begrenztes Problem im Umfeld einiger Kliniken in Bogenhausen, die vor allem von Medizintouristen aus dem arabischen Raum frequentiert werden und in den lokalen Medien entsprechend kommuniziert werden (Hoben, 2017), wobei sich die Stadtverwaltung bereits intensiver mit dem Phänomen auseinander setzt und bereits seit einiger Zeit entsprechend Maßnahmen umzusetzen versucht (Landeshauptstadt München, 2016). Damit ist die Intensität der Diskussion nicht zu vergleichen mit der in Berlin oder anderen europäischen Städten (Focus Online, 2014).

Gleichzeitig ist in den vier Jahren seit der vorhergehenden Erhebung von Namberger (2015) zwar keine gravierende Verschärfung des Problemdrucks zu konstatieren – und dies obwohl aufgrund der intensiven medialen Diskussion über Overtourism inzwischen mehr als ein Drittel der Bewohner und fast die Hälfte der Besucher diesen Begriff zu Beginn der Befragung einordnen konnten. Gleichwohl zeichnet sich aufgrund der Befragungsergebnisse ab, dass die weitere Entwicklung von den zuständigen Akteuren genau zu beobachten ist, um ein entsprechendes Frühwarnsystem zu etablieren.

5 Die Sicht der professionellen Akteure

Zur Darstellung des akteursorientierten Blickwinkels wurden im Juli 2018 auch diverse Stakeholder der lokalen Tourismuswirtschaft Münchens zu der Thematik Overtourism befragt. Neben zwei Vertretern, die stellvertretend die Sicht der Tourismuswirtschaft spiegeln sollen (IHK München und Oberbayern und die lokale Stadtmarketingorganisation City Partner München e. V. – CPM) wurde ein Vertreter der lokalen Destinationsmanagementorganisation München Tourismus (DMO), die als Teil der Stadtverwaltung im Referat für Arbeit und Wirtschaft der Landeshauptstadt München angesiedelt ist, sowie ein Vertreter von Bündnis 90/Die Grünen (POL) für die politische beziehungsweise städtische Perspektive Münchens einbezogen. Darüber hinaus wurden zwei Münchner Tourismuswissenschaftler (WISS1 & 2) kontaktiert, die sich mit dem Crowding Phänomen in Städten sowie der Overtourism Wahrnehmung in München auseinandersetzen.

Eindeutige Kapazitätsgrenze noch nicht erreicht

Zum Einstieg wurden die professionellen Akteure, ähnlich wie die Passanten, um Ihre Einschätzung gebeten, ab welcher (quantitativen) Kapazitätsgrenze „gerade genug zu viele“ Touristen werden. Die Vertreter von Wirtschaft und Politik haben sich klar dafür ausgesprochen, dass die Kapazitätsgrenze in München aktuell nicht erreicht sei und spiegeln damit das Ergebnis der Passantenbefragung (IHK, CPM, DMO, POL, 2018). So bewertet einer der Befragten beispielsweise, dass „diese Schmerz- oder Kippgrenze hier noch nicht erreicht [ist]. […] Ich glaube, da ist schon ein bisschen Luft drin“ (CPM, 2018). Trotz des kontinuierlichen Hotelinvestitionsbooms (IHK, 2018; Zednik, 2018, S. 21) und der gleichzeitig steigenden Wohnraumverknappung, verzeichnen Politik- und Wirtschaftsvertreter kein Überschreiten einer Tragfähigkeitsgrenze und daraus resultierend einen Overtourism-Effekt in der bayrischen Landeshauptstadt (IHK, CPM, DMO, POL, 2018). Vielmehr wird betont, dass es sich bei den Menschenmassen auf der Kaufinger/Neuhauser Straße, die, wie bereits in Abschnitt 4 erwähnt, die meist frequentierte Einkaufsstraße Deutschlands ist (Süddeutsche Zeitung, 2018), nicht nur um Touristen handele und eine Differenzierung zwischen Einheimischen und Besuchern oft gar nicht möglich sei: „Also ich sehe keine Grenze und ein Aspekt ist auch, dass manche sagen in die Fußgängerzone können wir nicht mehr gehen, die wird als Einfallzone bezeichnet, weil sie schon so voll ist, aber das sind, glaube ich, nicht nur Touristen.“ (POL, 2018).

Gleichwohl betont die DMO Münchens, dass gewisse Risikobereiche stärker beobachtet werden müssen, da hier die Kapazitätsgrenzen durchaus zeitnah überschritten werden können (DMO, 2018): „Insofern muss man ganz genau beobachten, hohe Anzahl an Bevölkerung, hohe Anzahl an Übernachtungen, da könnte es brodeln.“ Dieser Trend der zunehmenden Wahrnehmung negativer Effekte durch den Tourismus konnte, wie in Abschnitt 4 erwähnt, auch in der Gegenüberstellung mit den Ergebnissen von 2014 (Namberger, 2015) bereits aufgezeigt werden.

Dabei wurde auch darauf hingewiesen, dass die Suche nach einer „Magic Number“, d. h. einer klar bezifferten Kapazitäts- oder Tragfähigkeitsgrenze, ein nicht tragfähiger Ansatz sei und „[…] dementsprechend ist es auch schon mittlerweile Stand der Dinge, dass wir eben aufhören diese einzelne Zahl zu suchen, […]“ (WISS1, 2018). Vor dem Hintergrund, dass Tragfähigkeit im Tourismus eben auch ein soziales Konstrukt sei und unterschiedlich subjektiv wahrgenommen wird, müssen stattdessen komplexe (soziale) Tragfähigkeitsanalysen durchgeführt werden, um beurteilen zu können, wann eine touristische Übernutzung in der Stadt München eintritt/eintreten könnte (ebd.).

Differenzierte Wahrnehmung der Effekte des Tourismus

Das homogene Meinungsbild der Experten über die Tragfähigkeitsgrenze deutet bereits darauf hin, dass die nächste Frage, ob Overtourism in München aktuell (negativ) wahrgenommen wird, größtenteils negiert wurde. Der Wirtschaftsvertreter bestätigte, dass sich der Einzelhandel durchaus bewusst sei vom Tourismus zu profitieren: „Dass aber vielen in München auch bewusst ist, dass wahnsinnig viel Geld in der Stadt bleibt durch die Touristen die wir haben. […] der Einzelhandel unglaublich davon profitiert und somit durch die Einnahmen, die erzielt werden, auch die ganze Bevölkerung profitiert davon.“ (IHK, 2018). Das Bewusstsein der lokalen Bevölkerung, das Tourismus neben Nachteilen auch ökonomische Vorteile für die Region bringt, ist ein Aspekt, der sich auch in anderen Destinationen beobachten lässt (Koens & Postma, 2017, S. 4). Auch der politisch engagierte Experte betont, dass die Stimmung in München nicht gegen Tourismus sei und die zentralen Probleme des städtischen Wachstums und der damit einhergehenden Wohnraumverknappung eher selten mit der Tourismusentwicklung in Verbindung gebracht werden (POL, 2018): „Wenn ich hier in München so ein Grummeln höre, dann ist es eher gegen dieses Wachstum. Da gibt es schon viele, die sagen, wieso sollen wir weiterwachsen? Hier muss doch keiner mehr herziehen. Also da geht es eher weniger um die Touristen, sondern eher um den Zuzug allgemein.“ Ein ähnliches Meinungsbild hat die Befragung der Besucher und Bewohner wiedergespiegelt, die abgesehen von der Überfüllung mancher Hot Spots keine Probleme durch den Tourismus verursacht wahrnehmen.

Crowding nur als zeitlich befristetes und räumlich begrenztes Phänomen

Der ausgeprägte Bezug zwischen Crowding in urbanen Räumen und dem Overtourism Phänomen im Städtetourismus bestätigt, dass Overtourism eben nicht nur ein temporäres oder saisonales, sondern insbesondere auch ein lokales bzw. räumlich abzugrenzendes Phänomen ist (Popp, 2017). Daher wurde bei den Experten genauer nachgefragt, in welchem Bereich der Stadt Münchens ein erhöhtes Risiko für einen Overtourism-Effekt vermutet wird. Die Experten sind sich einig, dass touristische Hotspots, beispielsweise die Top Ten Sehenswürdigkeiten bekannter Bewertungsplattformen im Internet (wie z. B. Tripadvisor), zwar die von Touristen am stärksten frequentierten Räume darstellen, gleichzeitig ab nicht diejenigen Orte mit dem höchsten Overtourism-Risiko sind. Diesen touristischen Hot Spots können die Personen, Bewohner sowie Besucher, nach Belieben relativ einfach meiden, wie es die Befragungsergebnisse in Abschnitt 4 belegt haben. Vielmehr sind es die Stadtviertel, die von der DMO auch als „Risikoräume“ bezeichnet werden, in denen hohe Touristenzahlen auf eine hohe Anzahl städtischer Bewohner treffen und damit in deren privaten Räume eindringen (DMO, WISS, POL, 2018). Denn dadurch verwischen die Grenzen zwischen touristischem und privatem Raum und treten in eine Form von Konkurrenz zueinander. „Es könnte schon sein, dass wenn dann zu viel in die Stadtbezirke geht, dass die Leute dann sagen, hier will ich eigentlich meine Ruhe haben“, so die Einschätzung des Vertreters von Bündnis 90/Die Grünen (POL, 2018). Diese Vermischung des touristischen und privaten Raumes ist spätestens seit dem zunehmenden Einfluss der Share Economy und der geteilten Übernachtungskonzepten wie Airbnb ein Trend, der die Wahrnehmung des Tourismus beeinflusst (vgl. z. B. Kagermeier, Köller & Stors, 2015 & 2016; Stors & Kagermeier, 2017 oder Focus Online, 2014; Abel, 2015; Brauns, 2016).

Die befragten Wissenschaftler bekräftigen diese Aussage, betonen jedoch, dass neben der räumlichen Komponente, die sich nicht nur auf Wohnquartiere beschränkt, eben auch ein zeitlicher Faktor die Wahrnehmung von Overtourism beeinflusst: „Zu bestimmten Zeiten, zu bestimmten Räumen oder an bestimmte Plätze gehen und dann glaube ich bedarf es einfach die Größe einer Stadt, dass man da genauer hinguckt (WISS1, 2018). Overtourism sowie die daraus resultierenden Diskrepanzen zwischen Bewohner und Besucher werden demnach vor allem in den Quartieren wahrgenommen, die von den Bewohnern als „ihre Wohnviertel“ angesehen werden, in denen sie unbeeinflusst von anderen Besuchern ihren Interessen und Bedürfnissen nachgehen möchten und damit dementsprechend eine höhere Sensibilität aufweisen.

„Biergarten-Toleranz“

Während der Expertenbefragungen wurde wiederholt auf die Münchner Biergärten hingewiesen, welche für die Münchner einen wichtigen Freizeitraum darstellen und gleichzeitig stark mit der lokalen bayerischen Kultur behaftet sind. Einerseits sind die Münchner die hohe Nachfrage von Touristen an diesem kulturellen und kulinarischen Erlebnis u. a. durch das Megaevent Oktoberfest gewohnt, gleichwohl gibt es auch hier Standorte, die bisher fast ausschließlich von Einheimischen aufgesucht wurden und für auswärtigen Stadtbesuchern eher unbekannt sind. Wenn nun, so befürchten die Befragten, mehr und mehr Touristen die bisher nicht-touristifizierten Biergärten frequentieren würden und sich die Bewohner dadurch in irgendeiner Form beeinträchtigt fühlen, könnte die Stimmung zwischen Bewohnern und Besuchern kippen und die Toleranzgrenze erreicht werden (CPM, POL, WISS, 2018). Dies konnte der befragte Tourismuswissenschaftler in seiner Forschungsarbeit ebenfalls feststellen und berichtet (WISS1, 2018): „Wenn diese letzten kleinen Biergärten, wo tatsächlich der Münchner sitzt und nach der Arbeit gemütlich sein Maß Bier oder seine Halbe Bier trinken kann, wenn dann da auch immer mehr Touristen kommen. Da sind wir bei einer Diskussion, die mit Airbnb schon losging.“ Die Münchner Biergärten und die „Biergarten-Toleranz“ der Einwohner verdeutlichen, dass die Wahrnehmung von Overtourism von lokalen, temporalen, aber auch kulturellen Faktoren und insbesondere deren Überschneidungen geprägt wird. Der Maßstab, in dem eine touristische Tragfähigkeitsgrenze überschritten werden kann, ist demnach multidimensional und sehr komplex in der Bewertung.

Bei der Befragung der Experten kamen insbesondere zwei weitere negative Effekte zur Sprache, welche ebenfalls eine Schnittmenge mit der Passanten Befragung darstellen: Wohnungsmarkt und Besucherverhalten.

Wie bereits in Abschnitt 4 erläutert und in Abbildung 10 grafisch dargestellt wird die in München angespannte Wohnungssituation seit der Zunahme an Sharing Übernachtungsangeboten vermehrt unter dem Stichwort „Wohnraumzweckentfremdung“ mit Tourismus in Verbindung gebracht (Hoben, 2017; Welte, 2016). Gleichwohl zeigen die Befragungen, dass dieser Zusammenhang bei den professionellen Akteuren präsenter ist als bei den Bewohnern und Besuchern der Stadt selbst. Der Vertreter der DMO berichtet: „Wir gehen in die Stadtviertel, wir fragen, […] und dieses Thema Overtourism ist eigentlich nicht wirklich ein Thema, außer wenn es um Wohnraum geht. Aber das hat eigentlich dann andere Gründe.“ (DMO, 2018). Darüber hinaus informiert die IHK, welche insbesondere die Blickwinkel des Gastgewerbes sowie des DEHOGA erfährt, dass stärkere Regulierungen für Airbnb Vermietungen gefordert werden, um die Unterkunftskriterien sowie Vermietungsbedingungen an das Gastgewerbe anzupassen und den Wettbewerb fairer zu gestalten (IHK, 2018). Gleichzeitig wird bestätigt, dass die Spannung zwischen Airbnb-Anbietern und den direkten Nachbarn zunimmt (Lohmann, 2016; Hoben, 2017; IHK, 2018), was auf mehrere Gründe zurück zu führen ist. Zum einen intensivieren Sharing Übernachtungsangeboten die bereits erwähnte Vermischung des touristischen und privaten Raumes und die resultierende Deprivation des touristisch nicht überprägten Rückzugraumes für Bewohner. Des Weiteren stehen Airbnb- Gäste und Privatmieter in direkter Konkurrenz um die knappen Wohnflächen auf dem Münchner Wohnungsmarkt, was wiederum zu erhöhten Mietpreisen, Wohnungsmangel, Zweckentfremdung etc. führt, wie der Vertreter der IHK bestätigt: „[…] wenn wir dann nachher in den normalen Wohngebieten der Bevölkerung auch sind, das ist ja auch immer eine Diskussion, die immer wieder auftaucht, die Airbnb Diskussion. Dann nachher, wenn es jetzt dann noch stärker in die Wohngebiete reingeht, ist uns auch allen nicht geholfen. Grade bei den Mieten, die in München schon zu zahlen sind, wenn dann wieder das Thema Wohnraumzweckentfremdung aufkommt, […] ist auch schwierig.“ (IHK, 2018). Ein weiterer Aspekt, der gleichzeitig zu dem nächsten essentiellen Kritikpunkt führt, ist das Besucherverhalten das wie folgt zusammen gefasst wird: „Also Verknappung verfügbaren Wohnraums, Mietpreisentwicklung sowie Problem der ständig wechselnden Nachbarn, aber auch das Verhalten der Mieter in privaten Unterkünften wird zum Teil als problematisch gesehen, Stichwort Lärm und Mülltrennung“ (WISS1, 2018).

Wie in Abbildung 8 bereits dargestellt wurde, sind Lärm und Müll Störfaktoren, welche die Stadtbewohner und -besucher eher selten wahrnehmen bzw. mit Touristen in Verbindung bringen. Bewohnern, die Nachbarn von über Airbnb vermieteten Wohnungen sind, fällt es jedoch konkret auf, dass sich Übernachtungsgäste weniger verantwortungsbewusst und rücksichtvoll in der Wohnung, Hausgemeinschaft sowie Nachbarschaft verhalten, als es permanente Mieter tun würden: „[…] das heißt die haben jeden Tag andere Nachbarn und es sind ganz viele Leute da, die Party machen, die dann vom Balkon oben runter aschen, die […] Bier zum Teil verschütten, die im Treppenhaus laut sind, die in der Früh mit einem Rollkoffer die Kopfsteinpflasterauffahrt entlang rollern und da wohnt eine Familie mit einer kleinen Tochter, die […] kann nicht mehr schlafen, weil die wieder rausgehen. Den Touristen ist das Wurst. Die trennen den Müll nicht so, wie man es tun sollte und haben überhaupt sehr viel Müll, vielleicht mehr als eine Familie […].“(WISS1, 2018): Auch hier wird bestätigt, was in Abschnitt 3 bereits angerissen wurde: es geht hierbei nicht um einen kulturellen Gap, der in München im Vergleich zu den populären Overtourism Destinationen eher gering ausfällt, sondern um ein spezifisches Sozialverhalten.

Es fällt auf, dass, ähnlich wie die befragten Bewohner und Besucher, auch aus dem Blickwinkel der professionellen Akteure die Tragfähigkeitsgrenze an Tourismus in München bis dato weder überschritten, noch ausgeschöpft wurde. Die Experten sind durch ihr Fachwissen und ihre Netzwerke durchaus wachsamer und sensibilisierter als die befragten Passanten. Gleichzeitig stimmen sie mit dem Meinungsbild der befragten Bewohner überein, dass eine Vermischung von als privat empfundenen Wohnquartieren und des touristisch genutzten als öffentlich eingestuften Raumes problematisch sein könnte. Der Präsenz von Touristen in den Wohnquartieren könnte als direkte persönliche Einschränkung der Bewohner in ihrem alltäglichen Leben empfunden werden und damit die Toleranzgrenze erniedrigen. Darüber hinaus scheinen auch die mit der touristischen Nutzung verknüpften indirekten negativen Aspekte, insbesondere die Auswirkungen auf den bereits stark angespannten Wohnungsmarkt einen weiteren Aspekt darzustellen, der die Akzeptanzschwelle künftig senken könnte.

Unter Bezug auf das Vulnerabilitäts-/Resilienzkonzept können die Befunde so gedeutet werden, dass die Münchner Bevölkerung zwar einen hohen Grad an Exposition aufweist, sich dieser aber eben räumlich konzentriert und nicht übermäßig in den Wohnquartieren präsent ist. Dementsprechend ist auch die Empfindlichkeit noch nicht besonders stark ausgeprägt, so lange es eben Coping-Möglichkeiten gibt, durch Vermeiden der entsprechend stark frequentierten Räume Rückzugsoptionen zu realisieren. Gleichzeitig spielt das relativ geringe kulturelle Gap zwischen den Lebensstilen der Münchner Bevölkerung und der Besucher sicherlich eine Rolle für die relativ geringe Sensitivität. Bewohner und Besucher fragen größtenteils ähnliche hochkulturelle Angebotselemente und Bier-(garten-)kultur nach.

6 Interpretation der Befunde

Die Erhebungen in München bestätigen die Vermutung, dass die Stadt als touristisches Reiseziel, trotz einer vergleichbaren Tourismusintensität mit den populären Overtourism Destinationen, (noch) keine größeren Probleme durch zu viele Touristen erfährt. Bei der Darstellung der empirischen Befunde wurden bereits einige mögliche Erklärungsansätze hierfür berührt, die in diesem Abschnitt zusammengefasst und anschließend mit aktuell veröffentlichten Vorschlägen für Managementansätze aus dem von der UNWTO veröffentlichten Bericht „‘Overtourism’? Understanding and Managing Urban Tourism Growth beyond Perceptions“ (vgl. UNWTO, 2018) abgeglichen werden.

Die bayerische Landeshauptstadt München hat in den vergangenen 25 Jahren im Vergleich zu den Städten Hamburg, Berlin und Barcelona (Gebhardt, 2017) ein moderateres bzw. „organisches“ Wachstum der Tourismusintensität erfahren, ist jedoch gleichzeitig durch das global nachgefragte Megaevent Oktoberfest intensive Touristenströme, wenn auch zeitlich sowie lokal begrenzt, gewöhnt. Die Tradition des Oktoberfestes kann durchaus einen Teil zur Erhöhung des Toleranzniveaus der Münchner beitragen. Denn die Oktoberfesttouristen sind nicht nur ein sehr internationales Publikum, sondern häufig auch ein, insbesondere durch den erhöhten Alkoholkonsum, verhaltensauffälliges Publikum, mit dem die Münchner gelernt haben sich entweder zu arrangieren oder diese zu meiden, wie der Vertreter der Stadtmarketingorganisation bestätigt: „Da ist vielleicht zumindest auch hier temporär mittelbar große Touristenströme gelernt durch das Oktoberfest, da hast einfach die ganze Stadt voll und das gehört zu München, da wird ja auch viel toleriert und auch mal irgendwie die Luft angehalten.“ (CPM, 2018). Bezogen auf das in Abschnitt 2 eingeführte Vulnerabilitäts- bzw. Resilienz-Konzepts (vgl. Abb. 3) scheint damit eine historisch gewachsene Exposition dazu geführt zu haben, dass die Sensitivität bzw. Empfindlichkeit hinsichtlich räumlich und zeitlich begrenzter großer Touristenzahlen abgenommen hat, bzw. sich ein gewisser Gewöhnungseffekt gebildet hat. Dazu trägt sicherlich auch bei, dass es sich beim Oktoberfest um ein Event handelt, das die Münchner bzw. bayerische „Bierkultur“ in den Mittelpunkt stellt und damit einen Aspekt, der von vielen Münchnern als Teil der eigenen lebensweltlichen kulturellen Praxis bzw. des Selbstverständnisses angesehen wird (vgl. Landeshauptstadt München, 2013, S. 11). Die Identifikation mit dem Themenfeld Bierkultur und ein gewisser Lokalstolz darauf „Hauptstadt des Bieres“ (Landeshauptstadt München, 2014) zu sein dürfte als förderlich für die Toleranz gegenüber den negativen Effekten wirken.

Ein zweiter Aspekt, der München von einigen der Overtourism-Destinationen „an der Spitze des Eisbergs“ unterscheidet, ist der monozentrische und gleichzeitig flächenmäßig großzügige Grundriss des Münchner Zentrums. Viele befragte Bewohner (aber auch Besucher) haben bestätigt Touristen bzw. touristischen Hot Spots einfach auszuweichen und diese, zumindest zu gewissen Zeiten, zu meiden. Durch das wortwörtliche „dem Touristen aus dem Weg gehen“ fühlt sich die lokale Bevölkerung in ihrem privaten und persönlichen Rückzugsraum nicht eingeschränkt, wie es in anderen Städten, so z. B. Amsterdam, auf Grund des Stadtgrundrisses, kaum möglich ist. „Die meisten Münchner sagen es ist eigentlich nicht wirklich schlimm. Ich finde den Marienplatz tatsächlich persönlich schlimm, das ist was, wo man versucht drum herum zu fahren. Ich gehe nicht ins Hofbräuhaus und Umgebung, weil ich dort auch nichts, ich möchte keine Souvenirs von München kaufen, […]. Stachus ist voll, aber […] vielleicht ist meine Toleranzschwelle da auch einfach relativ hoch, wie bei den meisten Münchnern anscheinend.“ (WISS2, 2018). Neben dem Gewöhnungseffekt und des relativ „organischen“ Wachstums sind damit mit Bezug auf das Resilienz-Konzept Möglichkeiten vorhanden, auf das Ereignis von großen Touristenzahlen an manchen Hotspots durch Vermeidung der Frequentierung dieser Hotspots zu reagieren und als Coping-Strategie dann eben weniger von Touristen frequentierte Rückzugsräume aufzusuchen.

Allerdings sind diese Vermeidungs- und Coping-Ansätze nicht immer möglich. Von den Experten wurde signalisiert, dass durch die – in anderen Städten noch sehr viel heftiger diskutierte und oft auch als disruptiv empfundenen – Veränderungen durch Sharing Übernachtungsangebote auch in München Risiko- bzw. Problemräume entstehen. Durch Sharing Übernachtungsangebote gelangen Touristen auch stärker in bislang als Rückzugsräume angesehene Wohnquartiere (Freytag & Glatter, 2017). Damit können direkte negative Auswirkungen im näheren Wohnumfeld spürbar werden, ohne dass Ausweichmöglichkeiten bestünden.

Da die außerhalb der Oktoberfestzeit München besuchenden durchschnittlichen Städtetouristen eben mehrheitlich keine auf Alkoholexzesse und übermäßigen Bierkonsum ausgerichteten Partytouristen sind, kann als weiterer Aspekt zur Deutung des festgestellten relativ hohen Toleranzniveaus der Münchner gegenüber den Touristen ist ein geringer Lebensstil-Gap zwischen Bewohner und Besucher vermutet werden. Je größer die kulturelle Distanz zwischen lokaler Bevölkerung Touristen ist, umso höher müsste die Anpassungsfähigkeit der Touristen an die lokalen Lebensstile sein, um Konflikte zu vermeiden, so Postma & Schmuecker (2017, S. 149). Auf Grundlage der Befragung ist hier zu ergänzen, dass es sich nicht nur um die kulturelle Distanz zwischen zwei Gruppen handelt, sondern auch um das Sozialverhalten generell. Daher konzentrieren sich die Tourismusstrategie und die aktuell fokussierten Handlungsfeldern der DMO Münchens auch genau auf diese Zielgruppen, basierend auf den zur lokalen Bevölkerung passenden Sinus-Milieus (Hradil, 2006; Barth et al., 2018): „Bedeutet wir sprechen gezielt Gäste an, die eigentlich genau das gleiche Verhalten zeigen, wie die Münchner selbst, die ähnliche Interessen haben, die ähnliche Neigungen haben. Das heißt wenn diese Gäste dann nach München kommen, fallen sie nicht auf, weil sie sich genauso verhalten, wie die Münchner selbst. Insofern sind die auch kein so großer Störfaktor, wie vielleicht ein Milieu das sehr auffällig ist, wie Partygäste zum Beispiel“ (DMO, 2018). Diese Strategie entspricht dem Anpassungsansatz im Resilienz-Konzept (vgl. Abb. 3), auch wenn er in München sozusagen prophylaktisch bereits vor dem Auftauchen der Overtourismus-Diskussion als originäre Tourismusstrategie verfolgt wurde. Das Setzen auf eher hochkulturelle und genussorientierte Zielgruppen im gehobenen Preissegment kann damit als eine Art Immunisierungsstrategie angesprochen werden.

Aus den Befunden lässt sich ableiten, dass der Overtourism-Effekt eben nicht nur durch das Überschreiten von konkreten physischen Tragfähigkeitsgrenzen und direkten negativen Effekten ausgelöst wird. Die Wahrnehmung der Belastung durch Touristen scheint auch stark von der räumlichen und zeitlichen Verteilung, sowie Gewöhnungseffekten und damit einer sozialen perzeptuellen Tragfähigkeit beeinflusst zu werden. Die Belastbarkeit einer gastgebenden Bevölkerung ist damit in starkem Maße auch ein soziales Phänomen, das durch ähnliche Lebensstile von Bewohnern und Besuchern positiv beeinflusst werden kann.

7 Ansätze zur Reduzierung von Overtourismus Effekten

Die intensive mediale und inzwischen auch in den Tourismuswissenschaften thematisierte Diskussion über das Phänomen Overtourism und die Frage nach möglichen Coping- bzw. Mitigations-Strategien, um dessen negativen Effekten entgegenzuwirken, hat sich im Sommer 2018 auch in einer UNWTO-Publikation niedergeschlagen, mit der Tourismus-Akteuren Managementansätze an die Hand gegeben werden sollen (UNWTO, 2018). Aufbauend auf einer ausführlichen Studie in mehreren europäischen Städten von Koens & Postma (2017, S. 33ff.) wurden von diesen im Auftrag der UNWTO 11 Managementstrategien und -ansätze formuliert:

  • 1)

    Spreading visitors around the city and beyond

  • 2)

    Time-based rerouting

  • 3)

    Creating itineraries

  • 4)

    Regulation

  • 5)

    Visitor segmentation

  • 6)

    Make residents benefit from the visitor economy

  • 7)

    Create city experiences that benefit both visitors and local residents

  • 8)

    Improve city infrastructure and facilities

  • 9)

    Communicating with and involving visitors

  • 10)

    Communicating with and involving local stakeholders

  • 11)

    Set monitoring and response measures (Koens & Postma, 2017, S. 33 ff.; UNWTO, 2018, S. 48 f.).

Vor dem Hintergrund der in München generierten Befunde ist zu konstatieren, dass diese als universal formulierten Ansätze ganz unterschiedlich zu bewerten sind. Vier der Ansätze können für München als nicht, bzw. nur begrenzt tragfähig eingestuft werden. So empfiehlt die UNWTO in Strategie 1 und 2, durch Dekonzentrationsansätze und die Entwicklung von neuen Routen die Touristendichte in den Hotspots zu verringern, wie dies z. B. in Berlin mit der App „Going Local“ praktiziert wird (Labenski, 2016; Visit Berlin, 2017). Die Befunde in München können jedoch so interpretiert werden, dass gerade dadurch eben Rückzugsmöglichkeiten für die lokale Bevölkerung reduziert und damit die Exposition, Sensitivität und Vermeidungsmöglichkeiten reduziert werden, die in München als wichtig für die (noch) vorhandene relativ hohe Akzeptanz identifiziert werden konnten. Auch Strategie 6, die positiven ökonomischen Effekte intensiver zu kommunizieren, wie dies inzwischen z. B. in Berlin verfolgt wird (Senat von Berlin, 2014, Berlin Tourismus & Kongress GmbH, 2015), dürfte in München nur begrenzt tragfähig sein. Einerseits wurde sowohl von den Befragten als auch den Experten das Vorhandensein eines entsprechenden Bewusstseins signalisiert. Gleichzeitig ist München angesichts vieler anderer boomender Wirtschaftsbereiche in sehr viel geringerem Maß auf die ökonomischen Effekte des Tourismus angewiesen als viele andere Destinationen. Auch die zeitliche Entzerrung (Strategie 2) ist gerade beim Event Oktoberfest nicht zielführend. Gerade durch die zeitliche Konzentration und Begrenztheit wird das Oktoberfest für die Bewohner erträglich und kann weitgehend akzeptiert werden. Vor dem Hintergrund einer relativ ausgeglichenen Auslastung im Jahresverlauf ohne extreme Schwachlastzeiten, die auch aus der Funktion von München als Messestadt, der Bedeutung des weniger von Saisonspitzen geprägten Geschäftsreisetourismus und des Gesundheitstourismus mit geprägt wird, sind zeitliche Verlagerungsansätze ebenfalls nur begrenzt relevant.

Zwei weitere Strategieansätze können als für München nicht bzw. nur sehr begrenzt relevant eingestuft werden. Die Notwendigkeit für die Anwendung von Regulierungen entsprechend der Strategie 4 ist vor dem Hintergrund des relativ weiträumigen Haupttourismusgebiets als nur begrenzt relevant einzustufen. Absolute physische Tragfähigkeitsgrenzen werden kaum überschritten. Wenn doch, wie beim Kernbereich der Fußgängerzone dann auch deswegen, weil diese neben den Touristen in starkem Maß auch von Bewohnern Münchens und der Metropolregionen frequentiert wird. Dementsprechend sind – anders als z. B. in Destinationen mit einer sehr viel kleineren Mantelbevölkerung – keine monofunktionalen reinen „Touristenzonen“ (Katarzyna, Six & Vanneste, 2017) entstanden, die einer Regulierung – wie z. B. der Schließung von Souvenierläden in Amsterdam (Kirchner, 2018) – bedürften. Auch der Ansatz, bei den Besuchern ein Bewusstsein für die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung zu generieren (Strategie 9) zielt auf das Sozialverhalten der Besucher ab. Da München eben nur begrenzt Partytouristen anzieht und sich auch nicht so positioniert hält sich die Wahrnehmung von Fehlverhalten in Grenzen. Gleichzeitig kann auch in Frage gestellt werden, inwieweit dieser aufklärerische Ansatz der Sensibilisierung, der z. B. in Berlin zur Abmilderung der Effekte des Partytourismus verfolgt wird (VisitBerlin, 2015), aber auch bereits seit vielen Jahrzehnten für den Tourismus in den Ländern des Globalen Südens propagiert wird (vgl. z. B: Studienkreis für Tourismus und Entwicklung, 2019), vor dem Hintergrund der hedonistischen Interessen der Touristen wirklich tragfähig ist. Lediglich im Kontext der Sharing Economy und dem Übernachten von Besuchern in Privatwohnungen konnte für München eine gewisse Notwendigkeit für entsprechende Sensibilisierungsmaßnahmen festgestellt werden.

München als städtetouristische Destination ist insofern auch begünstigt, als die beiden Strategien 5 (Zielgruppensegmentierung) und 7 (Freizeitangebote für Bewohner) bereits unabhängig von der Overtourism-Diskussion bereits als erfüllt gelten können. Die Fülle und Vielfalt an (kulturellen) Freizeitangeboten in München resultiert aus der geschichtlichen Entwicklung, der wirtschaftlichen Prosperität und dem Vorhandensein einer entsprechenden lokalen Nachfrage. Anders als in Destinationen, in denen erst die zusätzliche touristische Nachfrage dazu führt, dass die Tragfähigkeitsgrenze für Angebote überschritten wird, die dann auch von der lokalen Bevölkerung mit genutzt werden kann, so dass diese indirekt von der touristischen profiziert, ist das entsprechende Angebot in München mehr eine Voraussetzung für die Entwicklung des Städtetourismus, denn eine Folge davon. Bis zu einem gewissen Grad gilt dies auch für die Ansprache der Zielgruppen. Auch hier hat sich historisch vor dem Hintergrund der Rahmenbedingungen und des Angebotes die Attraktivität für mit den Bedürfnissen der lokalen Bevölkerung relativ kompatibles touristisches Segment etabliert. Diese Tendenz wird gleichzeitig bereits seit vielen Jahren von der lokalen DMO und der Stadtpolitik entsprechend gezielter angesprochen und weiter entwickelt. Dass sich München – ganz unabhängig von der Overtourism-Diskussion – nie als Billig- und Partytourismus positioniert hat, ist damit retrospektiv als glückliches Moment einzustufen.

Lediglich drei Strategien sind vor dem Hintergrund der empirischen Befunde als relevant und dementsprechend (weiter) zu verfolgen einzustufen. Auch wenn die (insbesondere Verkehrs ) Infrastruktur der Stadt (Strategie 8)– vor allem angesichts der hohen Zahl der lokalen und regionalen Bevölkerung, aber auch der kommunalen finanziellen Gegebenheiten – als leistungsfähig einzustufen ist und damit auch das zusätzliche Aufkommen von Besuchern in vielen Bereichen bewältigen kann, sind gewisse Überlastungen insbesondere der öffentlichen Verkehrsinfrastruktur zu konstatieren. Allerdings betrifft die Überlastung vor allem auch den Alltagsverkehr der lokalen und regionalen Bevölkerung und stellt nur partiell ein spezifisches Phänomen der touristischen Nachfrage dar. Dementsprechend werden entsprechende Ansätze zur Kapazitätserweiterung bereits seit Jahren verfolgt, auch wenn die zusätzlichen Kapazitäten teilweise vom zukünftigen Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum in der Metropolregion München zumindest teilweise kompensiert werden dürften und damit eine signifikante Entlastung kaum zu erwarten ist. Auch die Kommunikationspolitik (Strategie 10) und die Implementation von Monitoring Ansätzen (Strategie 11) werden in München bereits verfolgt. Mit der 2012 gegründeten Tourismus Initiative München wurde nicht nur ein Ansatz zur finanziellen Beteiligung der Tourismuswirtschaft an der Marktkommunikation geschaffen, sondern insbesondere auch Plattform zur Einbeziehung einer breiten Basis von Akteuren (Pillmayer, 2016). Sicherlich auch vor dem Hintergrund der aufkommenden Overtourismus- Diskussion wurden gleichzeitig die Ansätze zu einem Monitoring in jüngerer Zeit deutlich intensiviert (Zednik, 2018). Gleichzeitig gilt es sicherlich, aufbauend auf den vorhandenen Ansätzen, diese auch künftig systematisch weiter zu verfolgen und zu entwickeln, um ein „Umkippen“ der öffentlichen Stimmung wie in den Destinationen „an der Spitze des Eisbergs“ zu vermeiden.

8 Fazit

Die aktuell sehr intensiv in den Medien und zunehmend auch in der Fachliteratur geführte Overtourism-Diskussion ist sehr stark von wenigen extremen Beispielen geprägt. Eine Zielsetzung des Beitrags war, der Frage nachzugehen, wie sich die Wahrnehmung möglicher negativer Effekte in aktuell nicht so sehr in den Medien präsenten, aber gleichwohl intensiv von Touristen nachgefragten städtetouristischen Destinationen darstellt. Am Fallbeispiel München konnte auf der Basis von standardisierten Befragungen von Bewohnern und Besuchern aufgezeigt werden, dass das Bewusstsein für mögliche negative Effekte zwar durchaus vorhanden ist. Gleichwohl ist die konkrete Einschätzung von negativen Effekten deutlich geringer als die mediale Diskussion vermuten lassen würde und hat sich auch in den letzten Jahren – zumindest in München – nicht deutlich verschärft. Die Grenzen der sozialen Tragfähigkeit scheinen dabei nicht nur ein reines Mengenproblem darzustellen. Die Akzeptanz von Besuchern wird einerseits stark von der Wachstumsgeschwindigkeit beeinflusst. Moderate Wachstumsraten können – auch bei bereits hoher Tourismusintensität – zu einer Art Gewöhnungseffekt führen, so dass die Toleranzschwelle nicht überschritten wird. Dies gilt andererseits insbesondere dann, wenn der Bevölkerung entsprechende Vermeidungs- und Ausweichoptionen sowie Rückzugsmöglichkeiten in wenig von Touristen beeinflussten Quartieren zur Verfügung stehen. Damit ist die Akzeptanz auch nicht direkt mit der Expositionsintensität gekoppelt, sondern wird – im Sinne des Resilienz-Konzeptes – davon beeinflusst, inwieweit Coping-Optionen verfügbar sind.

Gleichzeitig konnte am Beispiel Münchens auch aufgezeigt werden, dass vorgeschlagene Managementansätze keine universelle Gültigkeit besitzen. Die Tragfähigkeit von Ansätzen zur Erhaltung bzw. ggf. Steigerung der Akzeptanz sind vielmehr spezifisch aus den jeweiligen lokalen Kontexte abzuleiten. Da es schwierig, wenn nicht sogar unmöglich erscheint, eine einmal „umgekippte“ öffentliche Diskussion wieder auf eine sachliche Basis zu stellen, kommt dem proaktiven Agieren der Tourismusakteure eine zentrale Rolle zu, um bereits vor dem Erreichen von sozialen Tragfähigkeitsgrenzen deren Überschreiten zu vermeiden. Die Beeinflussung der Akzeptanz bei der lokalen Bevölkerung stellt sich dabei gleichzeitig als komplexes soziales Konstrukt dar, das wohl nicht mit simplen Imagekampagnen oder einfachen Limitierungsansätzen erreicht werden kann. Vielmehr ist hierfür ein systematisches, auf fundierten sozialwissenschaftlichen Analysen basierendes und abgestimmtes Vorgehen aller relevanten Akteure in vielen Handlungsbereichen erforderlich. Dass solche Ansätze durchaus erfolgversprechend angegangen werden können, konnte mit dem Fallbeispiel ebenfalls aufgezeigt werden.

9 Literaturverzeichnis

About the article

Prof. Dr. Andreas Kagermeier

Prof. Dr. Andreas Kagermeier Freizeit- und Tourismusgeographie, Universität Trier, Universitätsring 15, 54296 Trier, Germany

Andreas Kagermeier ist Inhaber des Lehrstuhls Freizeit- und Tourismusgeographie an der Universität Trier. Im Fokus seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit stehen Aspekte des Destinationsmanagements und der Destination Governance sowie neue Entwicklungstendenzen der touristischen Produktentwicklung. Seine internationalen Schwerpunkte beinhalten Südosteuropa, sowie Nord- und Ostafrika. Produktlinienbezogen liegt der Schwerpunkt vor allem auf Städte-, Fahrrad- und Wandertourismus, sowie naturorientierten Angeboten und auch Weintourismus.

M.A. Eva Erdmenger

Eva Erdmenger hat ihr Bachelor Studium der Angewandten Humangeographie mit Schwerounkt Freizeit und Tourismus in Trier studiert. Ihr Masterstudium „Tourism Destination Development“ in Dalarna (Schweden) hat sie mit einer Masterarbeit zu „One for all and all for one” Engaging Tourism Stakeholders for Collaborative Governance. A Case Study of the Mountain Destination Whistler“ abgeschlossen. Aktuell ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Freizeit- und Tourismusgeographie der Universität Trier und arbeitet an einem Promotionsvorhaben zur touristischen Governance.


Published Online: 2019-04-30

Published in Print: 2019-04-25


Citation Information: Zeitschrift für Tourismuswissenschaft, Volume 11, Issue 1, Pages 65–98, ISSN (Online) 2366-0406, ISSN (Print) 1867-9501, DOI: https://doi.org/10.1515/tw-2019-0005.

Export Citation

© 2019 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston.Get Permission

Comments (0)

Please log in or register to comment.
Log in