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Zeitschrift für germanistische Linguistik

Deutsche Sprache in Gegenwart und Geschichte

Ed. by Ágel, Vilmos / Feilke, Helmuth / Linke, Angelika / Lüdeling, Anke / Tophinke, Doris

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1613-0626
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Volume 44, Issue 1

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Unserdeutsch (Rabaul Creole German)

Dokumentation einer stark gefährdeten Kreolsprache in Papua-Neuguinea

Prof. Dr. Péter Maitz / Prof. Dr. Werner König / Prof. Dr. Craig A. Volker
Published Online: 2016-04-14 | DOI: https://doi.org/10.1515/zgl-2016-0004

Förderzeitraum: Oktober 2015 bis September 2018

Gefördert durch: Deutsche Forschungsgemeinschaft (MA 6769/1-1)

Projektleitung: Péter Maitz (Sprecher), Werner König (beide Universität Augsburg), Craig A. Volker (Divine Word University Madang, Papua-Neuguinea)

Kooperationspartner: Institut für Deutsche Sprache Mannheim, Peter Mühlhäusler (University of Adelaide, Australien)

Webseite: https://www.philhist.uni-augsburg.de/lehrstuehle/germanistik/sprachwissenschaft/Unserdeutsch

Unserdeutsch, in der englischsprachigen Fachliteratur auch unter dem Namen Rabaul Creole German bekannt, ist die einzige deutsch relexifizierte Kreolsprache der Welt. Es ist um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert unter mixed-race Kindern an der Missionsstation der Herz-Jesu-Missionare in Vunapope auf der Insel New Britain im damals vom Deutschen Reich als Kolonie verwalteten Bismarck-Archipel (Papua-Neuguinea) entstanden und wurde 1979 durch einen Zufall von Craig A. Volker für die linguistische Forschung entdeckt.

Unserdeutsch wird heute nur noch von höchstens etwa 100 älteren Menschen gesprochen. Selbst die jüngsten aktiven Sprecher sind über 65, so dass die Sprache als stark gefährdet gilt und nach der zehnstufigen Gefährdungsskala von Ethnologue (Lewis et al. 2015) als nearly extinct (Stufe 8b) und nach der sechsstufigen Skala der UNESCO (Moseley 2010) als critically endangered eingestuft werden muss. Die meisten der einst ausnahmslos in und um Vunapope lebenden Sprecherfamilien sind im Zuge der Unabhängigkeit Papua-Neuguineas (1975) nach Australien ausgewandert und leben heute verstreut entlang der Ostküste Australiens in und um Brisbane, Gold Coast, Cairns und Sydney. Nur ein schwindender Rest ist in Papua-Neuguinea verblieben und lebt heute ebenfalls verstreut auf unterschiedlichen Inseln des Landes. Somit hat sich das Hauptverbreitungsgebiet der Sprache nach 1975 von Papua-Neuguinea nach Ostaus­tralien verlagert.

Unserdeutsch nimmt nicht nur von seiner Lexifikatorsprache, sondern auch von seinen Entstehungsumständen und Funktionen her eine Sonderstellung unter der Kreolsprachen der Welt ein (vgl. Maitz i. E., Maitz/Volker i. E.). Daher ist die Sprache nicht nur für die germanistische Linguistik, sondern (u. a.) auch für die Kreolistik und die Sprachtypologie von besonderer Bedeutung. Dennoch ist Unserdeutsch bislang von all den genannten Disziplinen weitgehend vernachlässigt worden. Vor dem Start des Augsburger Projekts war es ausschließlich Craig A. Volker, der vor Ort Feldforschung betrieben hat und er ist zugleich bisher auch der einzige, der linguistische Arbeiten zur Sprachstruktur vorgelegt hat.

Dementsprechend gestaltet sich auch die gegenwärtige Forschungssituation. Volkers bis heute unpublizierte Masterarbeit (Volker 1982) und ein daraus hervorgegangener Aufsatz (Volker 1989) sind bis heute die einzigen Arbeiten, die dezidiert der Sprachstruktur gewidmet sind und aus denen wir zumindest die meisten zentralen Struktureigenschaften von Unserdeutsch kennen. Die Forschungslage ist auch in Bezug auf die Sprachdokumentation nicht besser. Der Großteil der von Volker Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre gemachten Sprachaufnahmen ist teils durch Fahrlässigkeit der aufbewahrenden Institution verschollen, teils durch einen Vulkanausbruch in Rabaul 1994 vernichtet worden.

Die dringendste Aufgabe besteht daher gegenwärtig in der systematischen und – soweit es heute überhaupt noch möglich ist – umfassenden Dokumentation von Unserdeutsch. Dabei geht es zum einen um die Konservierung von Daten einer sterbenden Sprache, zum anderen um die Erhebung und korpuslinguistische Aufbereitung der entsprechenden Menge an linguistischen Primärdaten, die im nächsten Schritt als die empirische Basis für eine systematische Sprachbeschreibung inklusive der Beschreibung der Variation entlang des Post-Kreol-Kontinuums dienen können.

Diese Dokumentation steht im Mittelpunkt des Augsburger Projekts. Die Datenerhebung, die von Péter Maitz und Craig A. Volker durchgeführt wird, soll im Wesentlichen bis Sommer 2016 abgeschlossen werden, so dass im Anschluss daran mit dem Korpusaufbau begonnen werden kann. Die Datenerhebung erfolgt durch eine Methodentriangulation, im Zentrum mit einem teilgesteuerten narrativen Interview. Um die relative Unnatürlichkeit der Erhebungssituation zu verringern und die Authentizität der Daten zu fördern, werden nach Möglichkeit zwei Peergroup-Mitglieder zur gleichen Zeit interviewt, auch damit sich im Laufe des Interviews idealerweise ein Gespräch zwischen ihnen entwickeln kann. Die Fragen der Interviewer beziehen sich vor allem auf die sprachlichen und sozialen Verhältnisse an der Mission in Vunapope, Vergangenheit und Gegenwart der Sprecher, ihrer Familie und der Sprachgemeinschaft insgesamt. Durch diese thematische Ausrichtung können zugleich auch wertvolle, für die linguistische Interpretation der Primärdaten relevante Metadaten gewonnen werden. Das Interview wird ergänzt durch die Abfrage eines Fragebuchs, das insgesamt etwa 320 Stimuli (Sätze und Syntagmen) in Englisch und Tok Pisin, den von allen Sprechern gesprochenen Hauptverkehrssprachen von Papua-Neuguinea, enthält. Die Sprache der Stimuli wird – je nach Präferenz und Kompetenz – von den Gewährspersonen individuell bestimmt bzw. gewählt. Diese Stimuli werden dann von den Gewährspersonen in unserdeutscher Übersetzung mündlich wiedergegeben und auf Tonträger festgehalten. Die Stimuli sind so konzipiert, dass mit ihrer Hilfe sowohl der Grundwortschatz als auch die wichtigsten morphologischen und syntaktischen Variablen abgefragt werden. Schließlich füllen die Gewährspersonen einen Fragebogen aus, mit dessen Hilfe metalinguistische Daten zur Sprachbiographie, zur Identität sowie zu den Spracheinstellungen erhoben werden. Diese Informationen sind wiederum unerlässlich sowohl zur Rekonstruktion der Sprachgeschichte, die im Rahmen eines Dissertationsprojekts systematisch erschlossen werden soll, als auch zur angemessenen linguistischen Interpretation der Primärdaten.

Das aus den so gewonnenen Daten aufzubauende Korpus wird mit Hilfe von EXMARaLDA, dem inzwischen bewährten System zum Aufbau und zur Analyse von sprechsprachlichen Korpora, erstellt. Die Transkription erfolgt nach den Konventionen von GAT2 (Minimaltranskript) in – an den notwendigen Stellen aufgeweichter – deutscher Standardorthografie. Letztere ist durch die lexikalische Nähe des Unserdeutschen zum Standarddeutschen relativ problemlos möglich. Neben einer manuellen Annotation von Transferphänomenen sollen die Daten durch eine automatisierte Lemmatisierung und ein automatisiertes Part-of-Speech-Tagging (Westpfahl/Schmidt 2013) angereichert werden.

Da das fertige Korpus schließlich in die Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD) am Institut für Deutsche Sprache integriert werden soll, wird der Korpusaufbau – im Rahmen einer offiziellen Kooperation – vom Institut für Deutsche Sprache begleitet und unterstützt. Ein Teil des Korpus wird darüber hinaus auch auf der Augsburger Projekthomepage veröffentlicht werden. Diese Kopie wird – neben der interessierten Öffentlichkeit – vor allem an die Unserdeutsch-community selbst gerichtet sein, ohne deren großzügige Mitwirkung und Hilfsbereitschaft das Projekt unmöglich gewesen wäre. Durch diese digitale Dokumentation soll, und daran ist unseren Gewährspersonen sehr gelegen, für die Kinder und Enkelkinder der heutigen, letzten Sprechergeneration wenigstens eine Erinnerung an die Sprache und Geschichte(n) ihrer Vorfahren erhalten bleiben.

Literatur

  • Lewis, M. Paul/Simons, F. Gary/Fennig, D. Charles (eds.). 2015. Ethnologue: Languages of the World. 18th ed. Dallas TX: SIL International. Online version: http://www.ethnologue.comGoogle Scholar

  • Maitz, Péter (im Druck): Unserdeutsch (Rabaul Creole German). Eine vergessene koloniale Varietät des Deutschen im melanesischen Pazifik. In: Lenz, Alexandra N. (Hrsg.): German abroadPerspektiven der Variationslinguistik, Sprachkontakt- und Mehrsprachigkeitsforschung. Göttingen: V & R unipress (Wiener Arbeiten zu Linguistik; 4)Google Scholar

  • Maitz, Péter/Volker, Craig A. (im Druck): Documenting Unserdeutsch: Reversing colonial amnesia. In: Journal of Pidgin and Creole Languages.Google Scholar

  • Moseley, Christopher (ed.) (2010): Atlas of the World’s Languages in Danger. 3rd ed. Paris: UNESCO Publishing. Online Version: http://www.unesco.org/culture/en/endangeredlanguages/atlasGoogle Scholar

  • Volker, Craig (1982): An Introduction to Rabaul Creole German (Unserdeutsch). Unpublished MLitSt thesis, University of Queensland.Google Scholar

  • Volker, Craig (1989): Rabaul Creole German syntax. In: Working Papers in Linguistics 21.1. (University of Hawaii: Department of Linguistics), 153–189.Google Scholar

  • Westpfahl, Swantje/Schmidt, Thomas (2013): POS für(s) FOLK – Part of Speech Tagging des Forschungs- und Lehrkorpus Gesprochenes Deutsch. In: Journal for Language Technology and Computational Linguistics 1, 139–156.Google Scholar

About the article

Published Online: 2016-04-14

Published in Print: 2016-04-01


Citation Information: Zeitschrift für germanistische Linguistik, Volume 44, Issue 1, Pages 93–96, ISSN (Online) 1613-0626, ISSN (Print) 0301-3294, DOI: https://doi.org/10.1515/zgl-2016-0004.

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[1]
Péter Maitz and Craig Alan Volker
Journal of Pidgin and Creole Languages, 2017, Volume 32, Number 2, Page 365

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