Jump to ContentJump to Main Navigation
Show Summary Details
More options …

Zeitschrift für germanistische Linguistik

Deutsche Sprache in Gegenwart und Geschichte

Ed. by Ágel, Vilmos / Feilke, Helmuth / Linke, Angelika / Lüdeling, Anke / Tophinke, Doris

3 Issues per year


CiteScore 2017: 0.16

SCImago Journal Rank (SJR) 2017: 0.164
Source Normalized Impact per Paper (SNIP) 2017: 0.806

Online
ISSN
1613-0626
See all formats and pricing
More options …
Volume 46, Issue 1

Issues

Phrasale Konstruktionen als Basis narrativer Routinen

Phrasal Constructions as a Basis of Narrative Routines

Prof. Dr. Alexander Lasch
Published Online: 2018-04-10 | DOI: https://doi.org/10.1515/zgl-2018-0004

Abstract

The article focuses on the non-agent construction of the ASKRIPTION of aussehen (er sieht mitgenommen aus, see basically Lasch 2016a) in the center of the considerations. On the basis of a corpuslinguistic evaluation of the KERN corpus at the DWDS it is shown that and why this construction belongs to the repertoire of linguistic patterns, which are especially established for descriptions in narrative texts.

1 Hinführung

Nach kurzen Vorbemerkungen zur theoretischen und methodischen Basis dieses Beitrags (Kap. 2) werde ich mich der Einbettung des Verbs aussehen in nonagentiven Konstruktionen zuwenden (Kap. 3). Ich werde zeigen, dass hier ein durch narrative Texte präferiertes sprachliches Muster vorliegt, welches sich als Basis sprachlicher Routinen neben anderen Alternativen besonders in Sequenzen des Beschreibens behauptet. Diese sind häufig in Erzählungen eingeschoben, um Zustände zu erfassen, Artefakte zu charakterisieren, die Szene für den Rezipienten der Erzählung aufzubauen und dem Erzähler die Möglichkeit zu geben, sich in der Erzählung und erzählten Welt zu positionieren. Es handelt sich dabei also streng genommen nicht um ein narratives Muster – also eines der narrativen Themenentfaltung oder gar ein narratives Vertextungsmuster – sondern um eines, welches zum Repertoire sprachlicher Mittel des Erzählens gehört. Man übersieht es leicht, wenn man in grammatischen Analysen nicht die kontextuelle Einbettung und damit den diskursiven Anschluss und Verwendungskontext einer Konstruktionsrealisierung beachtet bzw. ohne korpuslinguistische Methoden arbeitet. Prämisse dieses Artikels ist, dass der Konstruktionsbegriff nicht über die Ebene der Periphrase auszudehnen ist (vgl. Kap. 2.1). Ziel des Beitrags ist, die Konstruktion der ASKRITPION mit aussehen als ein sprachliches Muster zu beschreiben, welches als Ressource und Basis für narrative Routinen dient.

2 Vorklärungen

2.1 Perspektivierungsleistungen phrasaler Konstruktionen

Ich konzentriere mich im Folgenden auf phrasale Konstruktionen.1 Das sind solche, die nicht über die Periphrase hinausreichen – Überlegungen zur Einbettung von pragmatischen oder diskursfunktionalen Aspekten in die Bedeutungsangabe von Konstruktionen werden damit zurückgestellt (vgl. Hoffmann & Trousdale 2013: 1, Goldberg 2013: 17–19, Kay 2013 u.a. und auch Lasch 2014, 2015 und 2016a).

Abb. 1: Kognitive und kommunikative Perspektivierung (nach Köller 2004: 9f. sowie 21f.) am Bsp. der Ditransitivkonstruktion mit geben (vgl. Lasch 2016a: 46–50)

In Abb. 1 ist die interne Struktur der Ditransitivkonstruktion dargestellt, in die das Verb geben eingebettet ist. Zentrales Anliegen dieses Darstellungsmodus der internen Struktur von Konstruktionen ist, dass syntaktische Muster semantisch motiviert sind. Im Beispiel werden alle Rollen, die durch die Konstruktion vorgegeben sind – Agens (AG), Benefaktiv (BEN) und affiziertes Objekt (AOB) – durch das Verb geben ebenfalls bereitgestellt. Die Rollen können fusionieren (das bedeuten die durchgezogenen Linien zwischen Konstruktionsstruktur und Argumentstruktur des Verbs). Die Bedeutung von geben steht in direkter Relation zur Konstruktionsbedeutung, die über Prädikatsklasse und Aussagerahmen HANDLUNG ‚GEBEN‘ bestimmt wird. Die Schematisierung der internen Struktur der Konstruktion und das dafür genutzte Set semantischer Rollen wird hier nicht erläutert werden.2 Ich stütze mich auf ein offenes Set semantischer Rollen, wie sie von Polenz im Anschluss an Fillmores ‚deep cases‘ (1968) entwickelte. Das erlaubt es, feine Nuancierungen in der Beschreibung von Rollenbesetzungen vorzunehmen. In der Beschreibung der Ausdrucksebene setze ich auf eine rein formale Beschreibung unter Verzicht auf funktionale Kategorien (vgl. dazu grundsätzlich Croft 2001), wobei auch der Phrasenbegriff nicht unstrittig ist.

Ich gehe davon aus, dass phrasale Konstruktionen als kognitive Entitäten zu fassen sind, die die Eigenschaft haben, einen Wahrnehmungsgegenstandsausschnitt („Aspekt“ bei Köller 2004: 9) in spezifischer Weise zu perspektivieren. Köller spricht davon, dass damit die „konventionalisierte immanente Perspektivität der sprachlichen Muster“ (Köller 2004: 22) bezeichnet sei. Diese Perspektivierungsleistung lässt sich auf Konstruktionsebene als kognitive Perspektivierungsleistung begreifen, die sich anhand von Realisierungen der Konstruktion (und damit ihrer kommunikativen Perspektivierung) aus dem Sprachgebrauch erschließen lässt. Das hat ebenso theoretische wie praktische Vorteile. Beschreibt man kommunikative Perspektivierungen, kann man bspw. Konstruktionen auf Wortebene berücksichtigen, die für die kognitive Perspektivierung der Konstruktion abstrakteren Niveaus keine Relevanz haben. Am besten lässt sich das etwa an Adverbien illustrieren, die nicht in der Argumentstruktur der Konstruktion festgelegt sind. Die Differenzierung zwischen kognitiver und kommunikativer Perspektivierung bzw. Perspektivität nach Köller 2004 (als rekonstruierte Eigenschaft von Konstruktionen) dient nicht nur der Erschließung von Konstruktionen aus dem Sprachgebrauch, sondern auch dazu, ein zentrales semantisches Kriterium zu entwickeln, um ein semantisch motiviertes Konstruktikon aufzuspannen. Zu bedenken ist je, dass man das Verhältnis zu eher formalen grammatischen Ansätzen und zur Valenzgrammatik explizieren und transparent gestalten muss, um Anschlussfähigkeit zu gewährleisten.

Der hier gewählte Zugriff über die Perspektivierungsleistung grammatischer Konstruktionen ermöglicht es, beispielsweise Phänomene wie analytische Tempuskonstruktionen (vgl. Abb. 1) wie in Auf dem Nachhauseweg habe ich ihr manchmal Schokolade gegeben oder Negationen wie in Es ist nicht gesagt, dass ich ihr niemals Schokolade gebe als Konstruktionsverschränkungen abstrakteren Niveaus zu bestimmen. Wesentliches Charakteristikum abstrakter Tempus- und Modalkonstruktionen wie Negationen von Periphrasen ist, dass sie an der Perspektivierungsleistung der in sie eingebetteten Konstruktionen wie bspw. agentiven (Ich gebe ihr Schokolade) oder nonagentiven (Ihr wird Schokolade gegeben) Konstruktionen nichts ändern.

2.2 Nonagentive Konstruktionen

Kennzeichen der kognitiven Perspektivität nonagentiver Konstruktionen ist, dass sie nicht Handlungsträger (Agens [AG]) in den Fokus des sprachlich dargestellten Ausschnitts der Wahrnehmung rücken, sondern den-, die- oder dasjenige, das durch eine Handlung oder einen Vorgang beeinflusst wird oder dem lediglich eine Eigenschaft zugewiesen werden soll (Patiens [PAT], affiziertes [AOB], effiziertes [EOB], oder spezifiziertes Objekt [SOB]). Nonagentivität bedeutet also nicht, dass kein Handlungsträger oder Agens (AG) in einer sprachlichen Äußerung berücksichtigt wird, sondern dass eine Konstruktion hinsichtlich ihrer kognitiven Perspektivität nonagentiv sei.3

In einer größeren Studie zu diesen nonagentiven Konstruktionen (Lasch 2016a) habe ich mich auf passivische Strukturen im Deutschen konzentriert,4 daneben wären aber z.B. auch Ergativkonstruktionen als nonagentive Konstruktionen zu untersuchen. Grundsätzlich sind drei prototypische Konstruktionen, nämlich die der ASKRIPTION (Eigenschaftszuweisung), der KOMMUTATION (Zustandswechsel) und der AKZEPTATON (Hinnahme), zu unterscheiden. In diesem Artikel werden nur die Konstruktionen der ASKRIPTION berücksichtigt, also solche, in denen einem Objekt eine Eigenschaft zugewiesen werden soll und so eine Zustandszuweisung zum Ausdruck gebracht wird.

Abb. 2: Sein in der Konstruktion der ASKRIPTION (Subtyp der Prädikatsklasse ZUSTAND) mit direkter Relation zwischen Verb- und Konstruktionsbedeutung

Sein tritt als Verb des Aussagerahmens ‚Eigenschaftszuweisung‘ in den Prädikationsrahmen ASKRIPTION (als Subtyp der Prädikatsklasse der ZUSTANDsverben) ein und steht hinsichtlich seiner Bedeutung in direktem Verhältnis zur Konstruktionsbedeutung (vgl. Abb. 2). An Argumenten lizensiert die Konstruktion ein spezifiziertes Objekt (SOB) und einen Qualitativ (QUAL). Beide Argumente werden auch durch das Verb aufgerufen und die Rollen fusionieren damit. Sie hat die Bedeutung: ‚Einem SOB wird eine mittels eines QUAL ausgedrückte Eigenschaft zugewiesen.‘ Die Realisierung mit sein ist prototypisch und Instanz der lexikalisch nicht spezifizierten Konstruktion der ASKRIPTION: ASKRIPTIONV(≈direkt)(SOBNPNOM,QUALADJ).

[1] Das Fenster ist geöffnet.

Es ist an dieser Stelle wichtig zu betonen, dass bei einer solchen Analyse die Grenze zwischen Kopulakonstruktion und so genanntem Zustandspassiv grundsätzlich in Frage gestellt wird, was durchaus als Forschungskonsens bezeichnet werden kann.5 In Bezug auf andere Verben jedoch, die ebenfalls in die Konstruktion eingebettet werden können, dann aber eine modale Relation zwischen Verb- und Konstruktionsbedeutung etablieren, ist die Forschungslage bisher recht überschaubar. Konstruktionen mit modaler Relation zwischen Konstruktions- und Verbbedeutung erben ihre Eigenschaften in Teil-Ganzes-Relationen von der lexikalisch nicht spezifizierten Konstruktion der ASKRIPTION (deren prototypische Instanz die Realisierung die Konstruktion mit sein ist). Ihre Bedeutung weicht faktisch in einem zentralen Punkt ab: Während in der Konstruktion der ASKRIPTION mit sein das Gesagte durch den Sprecher nicht hinsichtlich seiner Nichtfaktizität markiert ist, was aber nicht heißt, dass gar keine Faktizitätshinweise in der kommunikativen Perspektivierung denkbar sind, markieren die Konstruktionen der ASKRIPTION mit modaler Relation zwischen Konstruktions- und Verbbedeutung Nichtfaktizität. Dieser Zusammenhang wurde vor allem zu scheinen von Diewald (2001 und 2005) am Beispiel eingebetteter modaler Infinitive diskutiert – allerdings nicht in dem hier fokussierten Rahmen, sondern im Zusammenhang von Modalität, Faktizität und Evidentialität.

[2] Die Sendung scheint verschwunden.

[3] Die Rückkehr erscheint ausgeschlossen.

[4] Er wirkt angegriffen.

[5] Die Einrichtung sah zusammengeborgt aus.

Instanzen dieser Konstruktion werden u.a. und bspw. realisiert mit scheinen [2], erscheinen [3], wirken [4] und aussehen [5], die zueinander ebenfalls Teil-Ganzes-Relationen unterhalten. Die Reihe ist keineswegs abgeschlossen und es stehen noch weitere Untersuchungen an, um andere Instanziierungen aufzudecken. Die Bedeutung der Konstruktion bei modaler Relation zwischen Verb- und Konstruktionsbedeutung, ASKRIPTIONV(≈modal)(SOBNPNOM, QUALADJ), ist: ‚Einem SOB wird eine mittels eines QUAL ausgedrückte Eigenschaft zugewiesen, deren Nichtfaktizität durch den Sprecher markiert wird.‘

2.3 Untersuchungsbasis und Untersuchungsdesign

Eines der großen maschinenlesbaren Korpora ist das annotierte KERN-Korpus beim Digitalen Wörterbuch der Deutschen Sprache (DWDS). Es umfasst insgesamt über 100 Millionen Wortformen, deckt die Sprachentwicklung des 20. Jahrhunderts (weitestgehend lückenlos) ab und ist geschichtet nach verschiedenen Kommunikationsbereichen: Neben belletristischen Texten wurden Zeitungstexte, wissenschaftliche Veröffentlichungen und „Gebrauchsliteratur“ berücksichtigt. Die Schichtung ist über die Dekaden des 20. Jahrhunderts allerdings nicht gleichmäßig (vgl. Abb. 3).

Abb. 3: Teilkorpusgrößen des KERN-Korpus beim DWDS nach Dekade und Kommunikationsdomäne (http://retro.dwds.de/textbasis/kerncorpus, Stand: 23.02.2018)

Innerhalb des Korpus gibt es einige Auffälligkeiten, die herauszuheben sind: Der Schwerpunkt der Belege liegt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, drei Dekaden fallen gegenüber dem Schnitt teils deutlich ab, die sich in den einzelnen Domänen noch deutlicher abzeichnen können. Da ich mich im Wesentlichen auf die Domänen Belletristik und Gebrauchsliteratur beschränken werde, seien diese noch einmal gesondert herausgehoben (vgl. Abb. 4).

Abb. 4: Teilkorpusgrößen des KERN-Korpus beim DWDS für Belletristik und Gebrauchsliteratur (http://retro.dwds.de/textbasis/kerncorpus, Stand: 23.02.2018)

Bei der Bewertung der Belegzahlen, die ich im Folgenden im Detail vorstelle, sind diese Verteilungsdifferenzen ebenso zu berücksichtigen, wie die streitbare Klassifikation von „Belletristik“ und „Gebrauchsliteratur“. Klemperers LTI bspw. wird als Gebrauchsliteratur eingestuft zusammen mit verschiedenen Gesetzestexten und erläuternden Texten aus der Domäne des Rechts, Peterchens Mondfahrt hingegen der Belletristik zugeordnet. Als wissenschaftliche Texte stehen u.a. nebeneinander die Memoiren einer Sozialistin (1909) von Lily Braun, Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter (Ernst Robert Curtius) und Unser Schneiderbuch (1965) von Antonie Janusch – auch hier ist also Spielraum für Interpretationen.

Diese Basis wurde mit einem speziell auf die Annotationen des Korpus und die Bedarfe eines konstruktionsgrammatischen Zugangs zugeschnittenen Design hinsichtlich spezifischer Sprachgebrauchsmuster befragt (vgl. dafür im Detail Lasch 2016a).6 Die veröffentlichten Ergebnisse wurden bisher im Hinblick auf die konstruktionsgrammatischen Themen der Perspektivierungsleistung nonagentiver Konstruktionen und der semantischen Motivierung eines Konstruktionsnetzwerks (Konstruktikon) beschrieben, eine weiterführende Interpretation der Daten, wie sie hier versucht wird, steht bisher noch aus.

3 Nonagentive Konstruktionen der ASKRIPTION mit aussehen als Basis narrativer Routinen

Spreche ich im Folgenden von der „Basis narrativer Routinen“, dann beziehe ich mich wie eingangs angedeutet auf die Idee, dass ich ein durch narrative Texte präferiertes sprachliches Muster analysiere, welches sich als Basis sprachlicher Routinen gegen andere Alternativen besonders in Sequenzen des Beschreibens innerhalb narrativer Texte behauptet. Es handelt sich dabei also um ein sprachliches Muster, welches in narrativen Texten zu erwarten ist, nicht um ein narratives Muster.

Abb. 5: Aussehen in der Konstruktion der ASKRIPTION (Subtyp der Prädikatsklasse ZUSTAND) mit modaler Relation zwischen Verb- und Konstruktionsbedeutung

Aussehen steht in diesem Beitrag als Stellvertreter für Wahrnehmungsverben, die wie aussehen nicht in reflexive Konstruktionen eingebettet sind und selbst in ihrem Rollenplan keinen Reflexivmarker festgeschrieben haben, der durch die Konstruktion der ASKRIPTION nicht lizensiert wäre (andere Beispiele wären: anmuten oder riechen). Gemeint sind damit Konstruktionsrealisierungen wie das schon zitierte Beispiel [5] die Einrichtung sah zusammengeborgt aus oder

[6] Er war glatzköpfig und sah sehr bedrückt aus. Altenberg, Peter, Märchen des Lebens, Berlin: S. Fischer 1908, S. 1235.

Das ist eines der bemerkenswerten Beispiele aus dem späten 19. (bzw. frühen 20.) Jahrhundert, da es nicht nur die unmittelbare perspektivische Nähe zur Konstruktion der ASKRIPTION mit sein (vgl. oben Abb. 2) offenlegt, sondern auch zugleich zwei konstitutive Merkmale der Konstruktion der ASKRIPTION mit aussehen vor Augen hält, von denen ich im Argumentationsgang zwar zunächst nur das erste in den Fokus rücken werde, benannt seien sie aber bereits hier: Im Kontrast zur Konstruktionsrealisierung mit sein wird bei aussehen nicht nur (1) die Markierung der Nichtfaktizität des Gesagten durch den Sprecher (oder hier: Erzähler) in der modalen Relation zwischen Verb- und Konstruktionsbedeutung besonders deutlich, sondern es wird dieser Markierung in der Realisation und kommunikativen Perspektivierung offenbar durch den Sprecher so viel Bedeutung beigemessen, dass er nicht nur eine wesentlich komplexere Fügung realisiert, sondern (2) offenbar in der Beschreibung als konstitutivem Element narrativer Texte auch auf das Sehen abheben will. Auf dieses zweite Merkmal komme ich im späteren Verlauf des Beitrags wieder zu sprechen. Leider kann ich hier z.B. auf Konstruktionsrealisierungen mit Vergleichsnominativen nicht eingehen, obwohl diese als Filler für die ASKRIPTION zweifellos eine zentrale Rolle spielen. Diese sind, eben da sie alle Konstruktionen der ASKRIPTION betreffen, systematisch in Sprachgebrauchsdaten zu erheben und zu beschreiben. Das ist noch nicht geschehen. Da es höchst wahrscheinlich ist, dass es hier starke Verwerfungen zwischen den einzelnen Instanziierungen mit sein, wirken, scheinen, erscheinen, aussehen usw. gibt, wären Aussagen dazu ohne quantitative und qualitative Analyse nicht gesichert.

3.1 Quantitative Erfassung der Konstruktionsrealisierungen im KERN-Korpus des DWDS

Vor der Diskussion einiger Beispiele der Konstruktion und ihrer Bedeutung als Basis für narrative Routinen in der Rolle von beschreibenden Einschüben möchte ich das Hauptaugenmerk auf die Verteilung der Konstruktionsrealisierungen in den einzelnen Kommunikationsdomänen richten, um plausibilisieren zu können, dass narrative Texte eine Präferenz für dieses sprachliche Muster haben. Über die chronologische Verteilung (siehe dazu oben die starken Divergenzen bei der Schichtung des Korpus, Abb. 3 und 4) im 20. Jahrhundert werde ich nicht sprechen können, wohl aber über die Schwierigkeiten beim Zugriff auf das Gesamtkorpus.

Abb. 6: Verteilung der Konstruktionsrealisierungen der Konstruktion der ASKRIPTION mit aussehen im KERN-Korpus des DWDS

In Abb. 6 sind unterschiedliche Vorkommen der Konstruktionsrealisierungen der Konstruktion der ASKRIPTION mit aussehen im Überblick dargestellt. Für die Interpretation ist es notwendig, sich mit den Zugriffsmöglichkeiten auf das KERN-Korpus auseinanderzusetzen. Die absoluten Zahlen, diese werden durch den schwarzen Balken repräsentiert, stellen die Belegzahlen im Untersuchungskorpus dar, welches einen repräsentativen Schnitt des nutzbaren Korpusausschnitts des KERN-Korpus beim DWDS darstellt. Um auf diese Belegzahlen zu schließen, wurde das Verfahren der linearen Interpolation ausgehend von den beobachteten absoluten Belegzahlen verwendet – sie entsprechen dem dunkelgrauen, oder je zweiten Balken in der grafischen Darstellung. Ebenso wurde ausgehend von den absoluten Zahlen auch auf die Belege geschlossen, die wegen rechtlicher Beschränkungen zum unbenutzbaren Korpusausschnitt des DWDS zählen. Diese Daten werden durch den dritten, mittelgrauen Balken je Kommunikationsdomäne repräsentiert. In einer letzten Interpolation, rechter hellgrauer Balken, wurden diese Daten dann noch ein weiteres Mal verrechnet, nämlich in Bezug auf die Schichtungsheterogenität des Korpus (vgl. dazu oben Abb. 3 und 4). Insgesamt wurden im KERN-Korpus mit spezifischen Abfrageroutinen, die sensibel sind gegenüber Person, Numerus, Tempus, Modus (es wurde aus forschungspraktischen Gründen nur der Indikativ berücksichtigt), Satzgliedstellung und Kommunikationsdomäne, 2.025 Belege ermittelt, von denen 1.417 Belege im nutzbaren Korpusausschnitt des KERN-Korpus beim DWDS liegen und untersucht hätten werden können. Für die exemplarische Analyse wurde ein repräsentatives Sample gebildet von 950 Belegen, von denen insgesamt 771 Belege der gesuchten Konstruktion der ASKRIPTION entsprachen. Im Sampling wurden die Fundstellen (1.417) für die qualitative Analyse reduziert. Es beruht auf einer zufälligen Auswahl von Fundstellen, die folgenden Kriterien genügte: 1) Sensibilität gegenüber dem Publikationszeitpunkt nach Publikationsdekade, 2) gegenüber der Differenzierung nach Kommunikationsdomänen und schließlich 3) gegenüber den genau abgefragten Kategorien Person, Tempus und Numerus bei 4) Berücksichtigung der Stellungsvarianz in Haupt- und Nebensatz. Dieses Sample ist in den schwarzen Balken in Abb. 6 repräsentiert. Wie an diesen notwendigen Schritten ersichtlich wird, ist eine rein statistische Auswertung des KERN-Korpus äußerst fehlerbehaftet. Will man Verteilungsverhältnissen von Konstruktionsrealisierungen, wie sie sich in Summe im KERN-Korpus darstellen, auf die Spur kommen, geht man – so wie hier – besser von Verteilungstendenzen aus, die zur Grundlage von statistisch motivierten Anschlussuntersuchungen werden können.

Dieser Artikel wird sich allerdings erst einmal auf die Beobachtung stützen, dass die Konstruktionsrealisierungen der Konstruktion der ASKRIPTION mit aussehen deutlich häufiger in den Kommunikationsdomänen Belletristik und Gebrauchsliteratur verwendet werden, als in Zeitungs- oder wissenschaftlichen Texten (vgl. Abb. 6). Die niederfrequenten Konstruktionsrealisierungen sind in Texten, die die Domänen Belletristik und Gebrauchsliteratur dominieren, signifikant häufiger; in wissenschaftlichen Texten wird die Konstruktion mit aussehen beinahe vollkommen gemieden, in Zeitungstexten ist sie nur minimal häufiger anzutreffen. Die Konstruktion mit aussehen ist hinsichtlich der Kollexeme, die als Qualitative in Frage kommen, äußerst restriktiv: Nur Adjektive und deverbale Adjektive aus Perfektpartizipien können belegt werden. In den analytischen Vergangenheitstempora sind die Belegzahlen beinahe vernachlässigbar und nur Adjektive als Qualitative belegt. Letzteres ist eine Tendenz, die sich bei den meisten untersuchten Verben in Konstruktionen der ASKRIPTION beobachten lässt.

Dass die Konstruktion der ASKRIPTION mit aussehen vor allem in den Kommunikationsdomänen Belletristik und Gebrauchsliteratur aufscheint, hat seinen Grund allerdings nicht in der spezifischen Perspektivierungsleistung der Konstruktion der ASKRIPTION mit modaler Relation zwischen Verb- und Konstruktionsbedeutung, um dieses mögliche Missverständnis auszuschließen. Interessant wird es nämlich dann, wenn man sich alternative Konstruktionen der ASKRIPTION mit modaler Relation zwischen Konstruktions- und Verbbedeutung im Detail betrachtet. Denn diese unterschiedlichen Varianten der Konstruktion mit scheinen, erscheinen, wirken und aussehen sind je für sich für bestimmte Kommunikationsdomänen typisch (vgl. Abb. 7, 8 und 9):

Abb. 7: Verteilung der Konstruktionsrealisierungen der Konstruktion der ASKRIPTION mit scheinen im KERN-Korpus des DWDS
Abb. 8: Verteilung der Konstruktionsrealisierungen der Konstruktion der ASKRIPTION mit erscheinen im KERN-Korpus des DWDS
Abb. 9: Verteilung der Konstruktionsrealisierungen der Konstruktion der ASKRIPTION mit wirken im KERN-Korpus des DWDS

Scheinen (Abb. 7) ist in belletristischen Texten und wissenschaftlichen Texten dominant, erscheinen (Abb. 8) in Texten der Gebrauchsliteratur und wissenschaftlichen Texten, die Konstruktion der ASKRIPTION mit wirken (Abb. 9) wird deutlich in der Gebrauchsliteratur favorisiert. In Zeitungstexten lassen sich alle Realisierungen immer auf niedrigem bis mittlerem Niveau beobachten.

3.2 Qualitative Analyse der Belegdaten

Abgesehen davon, dass man ausgehend von dieser Beobachtung anhand unterschiedlicher Verteilungen von Konstruktionsrealisierungen Profile für Texte unterschiedlicher Kommunikationsdomänen postulieren könnte, so steht hier ja die Frage im Mittelpunkt, welche kommunikativen Bedürfnisse die Konstruktion der ASKRIPTION mit aussehen erfüllt, wenn sie für Texte der Domänen Belletristik und Gebrauchsliteratur neben scheinen als Gebrauchsalternative verwendet wird. Damit sind zentrale Annahmen des hier vertretenen konstruktionsgrammatischen Ansatzes mit benannt: Zum einen kann die phrasale Konstruktion der ASKRIPTION mit aussehen keine Auskunft über die Gebrauchszusammenhänge geben, in denen sie verwendet wird. Das heißt jedoch nicht zugleich, zum zweiten, dass man Sprachgebrauch und damit Auftretensverteilungen in einer Grammatik nicht zu berücksichtigten habe. Denn um belastbare Aussagen darüber zu machen, wie sich interne Struktur und kognitive Perspektivierung einer Konstruktion im Detail darstellen und welche Rolle bei der kommunikativen Realisierung die Bedeutung und Bildungsregularien des eingebetteten Verbs (als Konstruktion auf niederer Hierarchieebene) im Besonderen spielen, sind die Beobachtungen aus Sprachgebrauchszusammenhängen unerlässlich. Zum dritten wird angesichts der Verteilung der Konstruktionsrealisierungen augenfällig, dass der ‚Auxiliaritätsstatus‘ so genannter Hilfsverben in analytischen Konstruktionen weiterer Studien bedarf, was nicht nur nonagentive, sondern auch Tempuskonstruktionen und Modalkonstruktionen in gleichem Maße einbezieht. Denn es muss geklärt werden, ob für die Verteilungsverhältnisse die Eigensemantik von in die Konstruktionen eingebetteten Verben und/oder pragmatische Effekte, wie Textsorten- und Formulierungstraditionen, die ihrerseits Muster und Schemata tradieren, zur Begründung für die Verteilung herangezogen werden müssen.

Wie eingangs erwähnt, differenziere ich nicht mehr formal zwischen deverbalem Adjektiv auf der Basis eines Perfektpartizips und Adjektiven, sondern analysiere Realisationsformen von Konstruktionen auf der Basis der Semantik eines eingebetteten Elements als Qualitativ.

[7] Du siehst ja totenbleich aus!Duncker, Dora, Großstadt, Berlin: Eckstein [H. J. Krüger] 1900, S. 17857.

[8] Nur der Sumsemann saß hinten im Schlitten und sah etwas gelangweilt aus.Bassewitz, Gerdt von, Peterchens Mondfahrt, o. O.: 1900, S. 43.

[9] […] sagt der Vater, welcher ganz verjüngt aussieht in Folge seiner eleganten schwarzen Kleidung […].Altenberg, Peter, Was der Tag mir zuträgt, Berlin: S. Fischer 1901, S. 616.

[10] Er sah krank aus.Dohm, Hedwig, Christa Ruland, Leipzig: List 1902, S. 15498.

[11] Mama sah verweint aus.Reventlow, Franziska Gräfin zu, Ellen Olestjerne, München: J. Marchlewsky 1903, S. 61791.

In den Beispielen [7]–[11] (Hervorhebungen von mir, A. L.) werden mit totenbleich und krank zwei Adjektive eingebettet, verweint und verjüngt deuten auf den deverbalen Ursprung und gelangweilt ist formal eher noch als Perfektpartizip einzustufen.7 Allen Realisierungen – bisher war dazu ja noch kaum etwas gesagt worden – ist gemein, dass sie in narrativen Texten aufscheinen, hier, wie alle illustrativen Beispiele in diesem Artikel, vom Ende des langen 19. Jahrhunderts. Aussehen wird wie scheinen, erscheinen und wirken in die Konstruktion der ASKRIPTION mit modaler Relation zwischen Konstruktions- und Verbbedeutung eingebettet, indem es einen Bedeutungsaspekt – das zweite oben angesprochene konstitutive Merkmal – als Teil seiner Eigensemantik explizit macht: den Anschein. Es expliziert die Modalisierung der Konstruktionsbedeutung, dass einem SOB eine mittels eines QUAL ausgedrückte Eigenschaft zugewiesen wird, deren Nichtfaktizität durch den Sprecher markiert wird, indem er einen (visuellen) Wahrnehmungseindruck thematisiert, der dem Zustand des SOB entsprechen kann, aber nicht muss. Diese perspektivische Engführung unterscheidet eben diese Variante von anderen Konstruktionen der ASKRIPTION mit modaler Relation zwischen Konstruktions- und Verbbedeutung (die annotierte Kommunikationsdomäne, vgl. dazu oben Abb. 7–9, ist zusätzlich in Klammern angegeben):

[12] Zuvor will ich euch ein Gedicht vorlesen, ich habe mich hier in den Büchern umgesehen, das heißt, ich lese nur die dritte Strophe aus dem Gedicht >Der Nachtwandler<, weil sie mir wie für uns geschrieben scheint.Kreuder, Ernst, Die Gesellschaft vom Dachboden, Stuttgart: Rowohlt 1946, S. 185 (Belletristik).

[13] So erscheinen schon die Voraussetzungen über die Vitalsphäre bei Scheler nicht als berechtigt. Goldstein, Kurt, Der Aufbau des Organismus, Haag: Nijhoff 1934, S. 296 hierzu meine Darlegungen Hdb. d. norm. u. path. Physiol. X. 1927, S. 655 (Wissenschaft).

[14] Der Bewerber zeigt keine Ermüdungserscheinungen und wirkt auch nach längeren Verhandlungen nicht gereizt oder unkonzentriert.Kellner, Hedwig, Das geheime Wissen der Personalchefs, Frankfurt a.M.: Eichborn 1998, S. 221 (Gebrauchsliteratur).

Anders als bei scheinen [12] und erscheinen [13] oder wirken [14] expliziert mit aussehen der Erzähler (egal in welcher Position oder welcher Ebene der Erzählung) den (visuellen) Wahrnehmungsmodus und weist auf sich als Nichtfaktizität markierenden Erzähler oder Sprecher hin. Er verortet sich als Augenzeuge des Erzählten in der erzählten Welt. Erzählt man, kann man so mittels einer Beschreibung die Basis narrativer Routinen legen, um den eigenen Standpunkt als Erzähler in der oder das Verhältnis zur erzählten Welt zu markieren.

[15] Du fragst es heraus, ganz gleich, ob die Menschen weiß oder rot, gelb, grün oder blau aussehen!May, Karl, Winnetou IV, Freiburg i. Br.: Fehsenfeld 1910, S. 236.

[16] Ein paar Stunden täglich brachte ich in Dronningens Tvaergade zu, in den engen Zimmern, die beleidigt aussahen wie alle Mietswohnungen, in denen jemand gestorben ist.Rilke, Rainer Maria, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, Leipzig: Insel-Verl. 1910, S. 856.

[17] Er sah selbst gealtert und müde aus.Braun, Lily, Lebenssucher, München: Langen 1915, S. 8817.

[18] Er war glatzköpfig und sah sehr bedrückt aus.Altenberg, Peter, Märchen des Lebens, Berlin: S. Fischer 1908, S. 1235.

Eine semantische Klassifikation der Qualitative scheint darauf hinzudeuten, dass die Bezugsbereiche bei aussehen (im Gegensatz zu scheinen, erscheinen und wirken) zunächst in enger Verbindung zu jenen zu stehen scheinen, derer man, wie bei den Farbadjektiven in [15], ansichtig werden kann und/oder mittels derer Bewertungen ansichtiger Eigenschaften möglich sind. Darauf aber sind sie nicht beschränkt, denn die Konstruktion der ASKRIPTION ermöglicht prinzipiell die Zuweisung von Eigenschaften, wie man aus einem Vergleich zwischen [14] mit gereizt und unkonzentriert und [18] bedrückt ablesen kann. Zwar sind evaluierende Eigenschaften wie diese nicht nur über Adjektive zuweisbar, aber es ist primär ihre Gebrauchsdomäne und nicht etwa die der deverbalen Adjektive aus Perfektpartizipien, die Eigenschaften bei (implizierten) abgeschlossenen Vorgängen (Perfektivität) bedeuten.8 In Summe stellen die Elemente, die als Perfektpartizip im KERN-Korpus beim DWDS annotiert sind, die Ausnahme dar – einige sind ohne Not als Adjektive einzustufen. Werden deverbale Adjektive aus (Perfekt-)Partizipien eingebettet, müssen sie, unabhängig, wie man sie annotierte, ebenfalls zwingend die genannten Eigenschaften bei (implizierten) abgeschlossenen Vorgängen (Perfektivität) bedeuten und damit ‚zur Aufgabe der Konstruktion beitragen‘ bzw. die kognitive (und damit kommunikative) Perspektivierung der Konstruktion der ASKRIPTION mit aussehen stützen. Das trifft für beleidigt [16] und bedrückt [18] zweifellos zu; in [17] stehen Adjektiv müde und deverbales Adjektiv aus Perfektpartizip gealtert direkt nebeneinander.

Auch wenn man auf den ersten Blick auf ‚ansichtige Eigenschaften‘ schließen mag, die ein Kennzeichen der Konstruktion der ASKRIPTION mit aussehen seien, so fällt in Summe viel stärker die mit eingebrachte Eigensemantik von aussehen und der damit markierte Sehepunkt des Sprechers bei der Interpretation der Präferenz einer Kommunikationsdomäne ins Gewicht. Sie ermöglicht, dass ein Erzähler mit der Verwendung dieser Konstruktion sein eigenes Verhältnis zur erzählten Welt thematisiert, ohne metasprachlich auf sich als Erzähler hinzuweisen, indem er sich dank einer phrasalen Konstruktion, en passant, als Augenzeuge positioniert – trotz oder gerade wegen der Nichtfaktizitätsmarkierung des Gesagten. Dabei spielt es keine Rolle, welche Position (homodiegetisch, heterodiegetisch, autodiegetisch) er einnimmt oder auf welcher strukturellen Ebene er (als extradiegetischer, intradiegetischer oder metadiegetischer Erzähler) positioniert wird (vgl. zur Terminologie Genette 2010).

Ist es die Fokussierung auf diesen Sehepunkt, was die Konstruktion für narrative Texte attraktiv macht im Gegensatz zu ihrem Auftreten bspw. in wissenschaftlichen Texten? Eine Objektivierung des Beobachteten erschiene möglicherweise zu vage, wenn sie ‚nur‘ nach X ausseheerscheinen ist da, wie im vorangegangenen Satz oder im Beispiel [13], unauffälliger (vgl. zur Verteilung des Auftretens auch oben Abb. 8) und es positioniert den Sprecher nicht auf gleiche Weise konsequent zum Wahrgenommenen auf Textebene. Die Eigensemantik von aussehen könnte also den domänenspezifischen Gebrauch in wissenschaftlichen Texten deutlich erschweren, da damit auch ein Modus der Wahrnehmung aufgerufen wird, was den Sprecher/Erzähler als Wahrnehmenden konzeptionell stärker einschließt, und andere Alternativen zur Verfügung stehen, mit denen sich Nichtfaktizität ebenfalls markieren lässt. Das ist, um das abschließend noch einmal zu explizieren, als Interpretationsangebot in Bezug auf die untersuchten Korpora beim DWDS zu verstehen; keinesfalls lassen sich hieraus Schlüsse auf andere mediale Erscheinungsformen von Sprache oder ‚den‘ Sprachgebrauch im Ganzen ziehen.

4 Zusammenfassung und Ausblick

Ich versuchte in diesem knappen Beitrag zu zeigen, dass eine recht unscheinbare und außerdem niederfrequente Konstruktion, nämlich die der ASKRIPTION mit aussehen, Basis narrativer Routinen werden kann, indem sie für narrative Texte eine Möglichkeit bereitstellt, Zustandsbeschreibungen einzuschieben, die nicht nur Ereignisse oder Zustände thematisieren, sondern auch den Erzähler in Relation zur erzählten Welt, Erzählzeit und erzählten Zeit setzen. Durch die Eigensemantik des Verbs aussehen, so ein Interpretationsangebot zu den präsentierten Daten, ist dem Erzähler eine Konstruktion an die Hand gegeben, die eine Alternative darstellt zu anderen nonagentiven Konstruktionen der ASKRIPTION mit modaler Relation zwischen Verb- und Konstruktionsbedeutung wie scheinen, erscheinen oder wirken. So kann die phrasale Konstruktion der ASKRIPTION mit aussehen als typisches Muster gelten, welches in Beschreibungen zur Basis narrativer Routinen wird.

Allerdings ist das keine Leistung der phrasalen Konstruktion der ASKRIPTION mit aussehen, dass sie in narrativen Texten der Erzählerpositionierung dient. Dies könnten alle anderen Konstruktionen der ASKRIPTION mit modaler Relation zwischen Konstruktions- und Verbbedeutung ebenso leisten – sie ist nur eine Alternative neben anderen, vor allem der mit scheinen. Die Wahl der spezifischen Perspektivierung mit aussehen lässt sich (konstruktions-)grammatisch nicht auf Ebene der Periphrase erklären. Allerdings können umgekehrt aus dem Auftreten in bestimmten Gebrauchszusammenhängen, der Einbettung in Konstruktionen höherer Hierarchieebene (Tempus, Modalkonstruktionen und Negation) sowie der Beobachtung von Fillern, also eingebetteten Konstruktionen niederer Ebene, die auffällige Kollokationen (aussehen – schön, aussehenbleich usw.) ausbilden, Aussagen über die Bedeutung einer Konstruktion präzisiert werden. Aussehen trägt noch eine Eigensemantik, die bei der Aktualisierung der abstrakteren Bedeutung der hierarchisch höher liegenden Konstruktion der ASKRIPTION mit modaler Relation zwischen Konstruktions- und Verbbedeutung bezüglich kognitiver und kommunikativer Perspektivierung relevant wird. Nimmt man diese Prämisse an, gilt dies mutmaßlich – als Abschlussfrage bzw. Arbeitshypothese – für andere ‚Auxiliare‘ ebenfalls, etwa in analytischen Tempus- und Modalkonstruktionen.

Literatur

  • Abraham, Werner. 2000. Das Perfektpartizip: seine angebliche Passivbedeutung im Deutschen. In: Zeitschrift für germanistische Linguistik 28. 141–166. Google Scholar

  • Abraham, Werner. 2015. Konstruktionsgrammatik ist analytische Grammatik unter empirischen Frequenzvoraussetzungen. Die ‚Passivfamilie‘. In: Deutsche Sprache 43. 74–96. Google Scholar

  • Ágel, Vilmos. 1997. Reflexiv-Passiv, das (im Deutschen) keines ist. Überlegungen zu Reflexivität, Medialität, Passiv und Subjekt. In: Christa Dürscheid & Karl Heinz Ramers & Monika Schwarz (Hg.). Sprache im Fokus. Festschrift Heinz Vater. Tübingen. 147–187. Google Scholar

  • Croft, William. 2001. Radical Construction Grammar. Syntactic Theory in Typological Perspective. Oxford. Google Scholar

  • Diewald, Gabriele. 2001. Scheinen-Probleme: Analogie, Konstruktionsmischung und die Sogwirkung aktiver Grammatikalisierungskanäle. In: Marga Reis & Reimar Müller (Hg.). Modalität und Modalverben im Deutschen (Linguistische Berichte , Sonderheft 9). 87–110. Google Scholar

  • Diewald, Gabriele. 2005. Werden & Infinitiv – Versuch einer Zwischenbilanz nebst Ausblick. In: Deutsch als Fremdsprache 42. 23–32. Google Scholar

  • Dowty, David R. 1991. Thematic Proto-Roles and Argument Selection. In: Language 67. 547–619. Google Scholar

  • Eisenberg, Peter. 2006 II. Grundriss der deutschen Grammatik. Der Satz. Bd. 2. 3., durchges. Auflage. Stuttgart, Weimar. Google Scholar

  • Fillmore, Charles J. 1968. The Case for Case. In: Emmon Bach & Robert T. Harms (Hg.). Universals in Linguistic Theory. New York. 1–88. Google Scholar

  • Genette, Gérard. 2010. Die Erzählung (frz. 1972/1983). 3. Aufl. München. Google Scholar

  • Goldberg, Adele E. 2006. Constructions at Work. The Nature of Generalization in Language. Oxford. Google Scholar

  • Goldberg, Adele E. 2013. Constructionist Approaches to Language. In: Thomas Hoffmann & Graeme Trousdale (Hg.). Handbook of Construction Grammar. Oxford. 15–31. Google Scholar

  • Haspelmath, Martin. 1990. The grammaticization of passive morphology. In: Studies in Language 14/1. 25–71. Google Scholar

  • Hoffmann, Thomas & Graeme Trousdale. 2013. Construction Grammar. Introduction. In: Dies. (Hg.). The Oxford Handbook of Construction Grammar. Oxford. 1–12. Google Scholar

  • Kay, Paul. 2013. The Limits of (Construction) Grammar. In: Thomas Hoffmann & Graeme Trousdale (Hg.). The Oxford Handbook of Construction Grammar. Oxford. 32–48. Google Scholar

  • Köller, Wilhelm. 2004. Perspektivität und Sprache. Zur Struktur von Objektivierungsformen in Bildern, im Denken und in der Sprache. Berlin, New York. Google Scholar

  • Kotin, Michail L. 2000. Das Partizip II in hochdeutschen periphrasitischen Verbalfügungen im 9.–15. Jh. Zur Ausbildung des analytischen Sprachbaus. In: Zeitschrift für germanistische Linguistik 28. 319–345. Google Scholar

  • Lakoff, George. 1977. Linguistic gestalts. In: Chicago Linguistic Society (Hg.). Papers from the 13th Regional Meeting. Chicago. 236–287. Google Scholar

  • Lasch, Alexander. 2014. Das Fenster wirkt geschlossen. Überlegungen zu nonagentiven Konstruktionen des Deutschen aus konstruktionsgrammatischer Perspektive. In: Ders. & Alexander Ziem (Hgg.). Grammatik als Netzwerk von Konstruktionen: Sprachwissen im Fokus der Konstruktionsgrammatik (Sprache und Wissen 15). Berlin, Boston. 65–95. Google Scholar

  • Lasch, Alexander. 2015. Konstruktionen in der geschriebenen Sprache. In: Christa Dürscheid & Jan Georg Schneider (Hgg.). Handbuch Satz, Äußerung, Schema (HSW4). Berlin, New York. 503–526. Google Scholar

  • Lasch, Alexander. 2016a. Nonagentive Konstruktionen des Deutschen (Sprache und Wissen 25). Berlin, New York. Google Scholar

  • Lasch, Alexander. 2016b. Zum Verhältnis von Valenz- und Konstruktionsgrammatik am Beispiel des werden-Passivs als nonagentive Konstruktion im Deutschen. In: Albrecht Greule & Jarmo Korhonen (Hgg.). Historisch syntaktisches Verbwörterbuch. Valenz- und konstruktionsgrammatische Beiträge. Frankfurt a.M. 277–300. Google Scholar

  • Lasch, Alexander. Im Druck. Dem Heynckes hätten schon lange die Haferlschuhe vor die Tür gestellt gehört. Die Konstruktion gehören mit deverbalem Adjektiv. Erscheint in: Elena Smirnova & Robert Mailhammer (Hgg.). Selektionsrestriktionen und Sprachwandel (Linguistische Arbeiten). Berlin, Boston. Google Scholar

  • Lübbe, Anja & Irene Rapp. 2011. Aspekt, Temporalität und Argumentstruktur bei attributiven Partizipien des Deutschen. In: Zeitschrift für Sprachwissenschaft 30. 259–299. Google Scholar

  • Maienborn, Claudia. 2007. Das Zustandspassiv. Grammatische Einordnung – Bildungsbeschränkung – Interpretationsspielraum. In: Zeitschrift für germanistische Linguistik 35. 83–114. Google Scholar

  • Polenz, Peter von. 2008. Deutsche Satzsemantik. Grundbegriffe des Zwischen-den-Zeilen-Lesens. 3., unveränderte Auflage der Ausgabe von 1985. Berlin, New York. Google Scholar

  • Welke, Klaus. 2007. Das Zustandspassiv. Pragmatische Beschränkungen und Regelkonflikte. In: Zeitschrift für germanistische Linguistik 35. 115–145. Google Scholar

  • Welke, Klaus. 2015. Passivanalyse in der Konstruktionsgrammatik. Eine Erwiderung auf Werner Abraham. In: Deutsche Sprache 43. 97–117. Google Scholar

  • Ziem, Alexander & Alexander Lasch. 2013. Konstruktionsgrammatik III. Konzepte und Grundlagen gebrauchsbasierter Ansätze (Germanistische Arbeitshefte 44). Berlin, Boston. Google Scholar

Footnotes

  • 1

    Ich stütze mich in einem gebrauchsbasierten konstruktionsgrammatischen Ansatz auf die Bestimmung der Konstruktion nach Goldberg (2006: 5): “Any linguistic pattern is recognized as a construction as long as some aspect of its form or function is not strictly predictable from its component parts or from other constructions recognized to exist. In addition, patterns are stored as constructions even if they are fully predictable as long as they occur with sufficient frequency.” 

  • 2

    Es wird von mir erarbeitet in Ziem & Lasch 2013 mit Rückgriff auf von Polenz 2008 (Erstauflage 1985) und erweitert und ausführlich diskutiert in Lasch 2016a: 36–44. 

  • 3

    Diese Einsicht ist common sense in der Forschungsliteratur. Vgl. nach Weisgerber exemplarisch Haspelmath 1990, Ágel 1997 oder Eisenberg II 2006 oder auch von Polenz (2008: 183–185) charakterisiert die „Agenslosigkeit als das stärkste, häufigste Motiv für den Gebrauch von Passivsätzen“ (185). 

  • 4

    Den aktuellen Forschungsstand zu passivischen Strukturen des Deutschen (insbesondere dem so genannten Zustands-, Vorgangs- und Dativ- oder Rezipientenpassiv) anderer funktionaler Ansätze reflektiere ich an dieser Stelle nicht. Dafür sei verwiesen auf die übergreifende Studie Lasch (2016a) sowie kleinere Einzelbeiträge, die sich mit der Einbettung einzelner Verben in nonagentive Konstruktionen auseinandersetzen: wirken (Lasch 2015), werden (Lasch 2016b) und gehören (Lasch, im Druck). Auf das Verhältnis zwischen Valenz- und Konstruktionsgrammatik gehe ich dezidiert in Lasch (2016b) ein – dieser Artikel kann als Replik auf die Auseinandersetzung zwischen Abraham (2015) und Welke (2015) zum Vorgangspassiv in der Deutschen Sprache gelesen werden. 

  • 5

    Man könnte ebenso das sein-Perfekt noch hinzuzählen, zumindest ist diachron und im Spracherwerb die Nähe zum so genannten Zustandspassiv und der Kopulakonstruktion mit sein, will man diese Kategorisierungen vornehmen, evident. Auf dieser Auffassung beruht auch die Kategorisierung als Resultativum. Besonders deutlich wird das etwa, wenn in agentive Konstruktionen Vorgangsverben eingebettet sind, deren gefordertes Argument einen sehr niedrigen Agentivitätsgrad, nämlich Bewegung (vgl. Lakoff 1977 und Dowty 1991) aufweist: Der Zug ist pünktlich angekommen. 

  • 6

    Alle verwendeten Abbildungen, Übersichten und Belege der Studie stehen unter „Creative Commons“-Lizenz (CC BY-SA 4.0) und können online eingesehen und für Anschlussarbeiten genutzt werden: https://goo.gl/TVQKhg, Stand: 03.09.2016. Einen Eindruck vom Detailgrad der auf das Korpus angepassten Abfrageroutinen gibt diese Legende zum Verständnis der Belegübersichten (vgl. auch Lasch 2016a): https://goo.gl/GRkY8p, Stand: 03.09.2016. Neben den Kategorien Numerus, Tempus und Stellung des Finitums in satzwertigen Ausdrücken werden Veröffentlichungsjahr, Kommunikationsdomäne sowie exakte Quelle aller Belege ausgewiesen. 

  • 7

    Zu Testverfahren vergleiche zusammenfassend Maienborn 2007, 87–96 und mit Erweiterung Lasch 2016a, 138. 

  • 8

    Einbettungsbedingung ist für die Filler, dass diese die spezifischen Perspektivierung der hierarchiehöheren Konstruktion stützen, oder, mit Welke in anderem Kontext, ‚zur Aufgabe der Konstruktion beitragen müssen‘ (vgl. Welke 2007: 134). Die Diskussion um die ‚Perfektivität‘ des Perfektpartizips wird hier demnach nicht geführt werden. Zum Diskussionsstand vgl. u.a. Maienborn 2007, Welke 2007 und 2015, Lübbe & Rapp 2011 und ergänzend Kotin 2000 sowie auch Abraham 2000. 

About the article

Published Online: 2018-04-10

Published in Print: 2018-04-25


Citation Information: Zeitschrift für germanistische Linguistik, Volume 46, Issue 1, Pages 44–64, ISSN (Online) 1613-0626, ISSN (Print) 0301-3294, DOI: https://doi.org/10.1515/zgl-2018-0004.

Export Citation

© 2018 Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, Berlin/Boston.Get Permission

Citing Articles

Here you can find all Crossref-listed publications in which this article is cited. If you would like to receive automatic email messages as soon as this article is cited in other publications, simply activate the “Citation Alert” on the top of this page.

[1]
Alexander Ziem and Alexander Lasch
Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, 2018, Volume 48, Number 2, Page 389

Comments (0)

Please log in or register to comment.
Log in