Jump to ContentJump to Main Navigation
Show Summary Details
More options …

 

Zeitschrift für Religionswissenschaft

Editor-in-Chief: Freiberger, Oliver / Kleine, Christoph

Ed. by Beinhauer-Köhler, Bärbel / Gärtner, Christel / Tanaseanu-Döbler, Ilinca

2 Issues per year


Cite Score 2016: 0.11

SCImago Journal Rank (SJR) 2016: 0.180
Source Normalized Impact per Paper (SNIP) 2016: 0.133

Online
ISSN
2194-508X
See all formats and pricing
More options …
Volume 25, Issue 2 (Jul 2017)

Issues

25 Jahre Zeitschrift für Religionswissenschaft: Rückblicke und Ausblicke

Oliver Freiberger
  • Corresponding author
  • The University of Texas at Austin – Asian Studies, 120 INNER CAMPUS DR STOP G9300, Austin, Texas 78712, United StatesThe University of Texas at AustinAsian Studies120 INNER CAMPUS DR STOP G9300, Texas 78712AustinUnited States of America
  • Email
  • Other articles by this author:
  • De Gruyter OnlineGoogle Scholar
/ Christoph Kleine
  • Universität Leipzig – Religionswissenschaftliches Institut, Schillerstraße 6, Leipzig, Sachsen 04109, GermanyUniversität LeipzigReligionswissenschaftliches InstitutSchillerstraße 6, Sachsen 04109LeipzigGermany
  • Email
  • Other articles by this author:
  • De Gruyter OnlineGoogle Scholar
Published Online: 2017-08-17 | DOI: https://doi.org/10.1515/zfr-2017-0015

Mit diesem Heft liegt der 25. Jahrgang der Zeitschrift für Religionswissenschaft (ZfR) vor. Wir möchten diesen Anlass nutzen, um auf das erste Vierteljahrhundert der Zeitschrift zurückzublicken, ihre gegenwärtige Situation zu bedenken und ihre zukünftige Entwicklung in den Blick zu nehmen. Wir konnten außerdem zwei Kollegen dafür gewinnen, uns ihre eigenen Einschätzungen zur Bedeutung und Rolle der ZfR zu geben: Hubert Seiwert, einen der Gründer der Zeitschrift und ihren langjährigen Schriftleiter, und Michael Stausberg, der ihre Entwicklung aufmerksam begleitet hat und selbst seit langem Herausgeber einer religionswissenschaftlichen Zeitschrift (Religion) ist. Die Gespräche mit ihnen sind unten dokumentiert.

Als 1993 das erste Heft der Zeitschrift für Religionswissenschaft erschien, war das Fach im deutschsprachigen Raum erheblich kleiner und weniger profiliert als heute. An der zunehmenden Etablierung und Präsenz der Religionswissenschaft im deutschsprachigen Wissenschaftsbetrieb hatte die ZfR dann einen bedeutenden Anteil, doch wie Hubert Seiwert unten anmerkt, war dieser Erfolg keineswegs vorgezeichnet. Es gab unter Fachkollegen und -kolleginnen Vorbehalte gegenüber der Idee, eine rein religionswissenschaftliche Zeitschrift zu gründen und – durchaus berechtigte – Bedenken, ob genügend Manuskripte eingehen würden, die ein regelmäßiges Erscheinen gewährleisten. Es hat Jahre gedauert, bis deutlich wurde, dass die ZfR tatsächlich dauerhaft einen Platz in der akademischen Landschaft würde besetzen können. Sie ist dabei durch einige Höhen und Tiefen gegangen, aber es ist den Herausgeber*innen mit teilweise sehr großem (sogar finanziellem) Einsatz gelungen, sie so zu etablieren, dass sie aus dem heutigen religionswissenschaftlichen Diskurs kaum noch wegzudenken ist. Als wir 2013 die Schriftleitung übernahmen, war die ZfR längst eine stabile Institution, deren Überleben nicht mehr gefährdet war.

Es ist daher an dieser Stelle zunächst geboten, im Namen unserer Leserinnen und Leser all den Kolleginnen und Kollegen zu danken, die (ohne Vergütung!) viel kostbare Zeit und Mühe für das Gedeihen der ZfR aufgewendet haben: Den ehemaligen Schriftleitern Hubert Seiwert (1993–2004), Kurt Rudolph (1993–2000) und Christoph Auffarth (2005–2013), den in verschiedenen Phasen aktiven Mitherausgebern Burkhard Gladigow, Monika Horstmann, Günther Kehrer, Hubert Knoblauch, Manfred Hutter, Max Deeg und Jörg Rüpke sowie Heinz Mürmel, der die Zeitschrift viele Jahre als Redaktionsassistent betreute. Manfred Hutter war außerdem der erste Rezensionsherausgeber (2004–2009), gefolgt von Jörg Rüpke (2010–2011). Wir möchten ebenso dem gegenwärtigen Herausgeberkreis für das Engagement und die hervorragende Zusammenarbeit danken: Bärbel Beinhauer-Köhler, Christel Gärtner und Ilinca Tanaseanu-Döbler, welche seit 2012 auch die Rezensionen betreut.

Entscheidend für die Erstellung und Verbreitung einer Zeitschrift und für ihre Stabilität als Periodikum ist der Verlag. Steffen Rink und Thomas Schweer vom diagonal-Verlag, selbst studierte Religionswissenschaftler, waren von Beginn an ideale Partner. Sie betreuten die ZfR 18 Jahre lang mit großem Engagement, und ohne ihren Einsatz und Idealismus hätte sie sich nicht zu dem maßgebenden Fachorgan entwickeln können, das sie heute ist. Ihnen gebührt daher ganz besonderer Dank. Nach dem Wechsel zum Verlag Walter de Gruyter 2011 bekam die Zeitschrift neue engagierte Betreuer, die den Übergang mit Professionalität und Flexibilität begleiteten und bis heute in enger Zusammenarbeit kontinuierlich für die hohe Produktionsqualität sorgen. Wir danken Albrecht Döhnert, Sophie Wagenhofer, Ulrike Kitzing, Bettina Chang, Sabine von Wittke-Holweg und Sarah Mousavi. Schließlich sind wir auch der Deutschen Vereinigung für Religionswissenschaft zu Dank verpflichtet, in deren Auftrag wir die Zeitschrift herausgeben und deren jeweilige Vorstände uns in wichtigen Entscheidungen beraten und unterstützen.

In den letzten Jahren haben wir die ZfR im Format erweitert und einige Veränderungen an ihrer Gestalt vorgenommen. In Gesprächen des Herausgeberkreises nahmen wir ein Desiderat im religionswissenschaftlichen Austausch wahr: Es fehlte ein Format für die Entfaltung eines Arguments, das zwischen einem großen Forschungsaufsatz und einem Yggdrasill- oder Blog-Beitrag liegt. Um diese Lücke zu füllen, führten wir 2014 die Rubrik Impulse ein, die in unregelmäßiger Folge Diskussionsbeiträge enthalten sollte, die aktuelle Fragen des Faches betreffen und zur Debatte anregen, ohne die üblichen Standards von Forschungsbeiträgen erfüllen zu müssen (zur Genese und näheren Erläuterung siehe das Editorial in Heft 22/2, 2014). Sowohl die große Resonanz – dies ist erst das zweite Heft ohne Impulse seit der Einführung der Rubrik! – als auch die Qualität der eingereichten Beiträge übertrafen unsere Erwartungen. Die bisher in den Impulsen (durchaus kontrovers) geführten Debatten über religionswissenschaftliche Fachdidaktik, die Situation des wissenschaftlichen „Nachwuchses“, Berufsperspektiven von Religionswissenschaftler*innen und über Aufgaben der Religionswissenschaft in Gesellschaft und Öffentlichkeit sind substanziell und instruktiv, und wir hoffen, dass die Rubrik auch zukünftig häufig genutzt wird, um diese und andere Themen zu diskutieren.

Da nach unserem Eindruck die in der ZfR publizierte Forschung international noch immer zu wenig wahrgenommen wird, ist es uns ein Anliegen, die Zeitschrift behutsam zu internationalisieren. De Gruyter als international operierender Verlag stellt dafür eine zuverlässige Infrastruktur zur Verfügung. Die ZfR wurde in internationale Indizierungsdatenbanken aufgenommen und hat nun eine stabile Webpräsenz in deutscher und englischer Fassung, die einen digitalen Zugang zur Zeitschrift ermöglicht (www.degruyter.com/view/j/zfr). Dort können alle Hefte seit 1993 heruntergeladen werden, was allerdings kostenpflichtig ist (auf Beschluss der DVRW-Vollversammlung 2011 auch für DVRW-Mitglieder, deren Mitgliedsbeitrag sonst erhöht werden müsste). Aber es sind alle Inhaltsverzeichnisse einsehbar, was zumindest eine erste Orientierung ermöglicht. Außerdem bitten wir seit kurzem die Autoren, neben den deutschen und englischen Abstracts längere englische Zusammenfassungen ihrer Aufsätze einzureichen. Diese Zusammenfassungen sind am Ende eines Heftes zusammengestellt und können auf der Webseite kostenfrei heruntergeladen werden. Dies bietet Leser*innen, deren Deutschkenntnisse begrenzt sind, einen detaillierteren Einblick als die kurzen Abstracts und kann ihnen die Entscheidung erleichtern, welche Aufsätze sie u. U. vollständig übersetzen sollten. Für potenzielle Autor*innen sind die Manuskriptrichtlinien, in denen das Profil und die formalen Vorgaben der Zeitschrift erläutert werden, ebenfalls in deutscher und englischer Fassung auf der Webseite abrufbar. Diese Schritte sollen die Hürden für Nicht-Muttersprachler*innen senken, damit sie einen Zugang zur ZfR finden. Die Stärkung der internationalen Sichtbarkeit der Zeitschrift – und damit der Rezeption hochwertiger im deutschsprachigen Raum durchgeführter religionswissenschaftlicher Forschung – wird aber noch weiterer Maßnahmen bedürfen, die wir auch weiterhin aktiv entwickeln wollen. Für Anregungen sind wir jederzeit offen und dankbar.

All diese Bemühungen stehen und fallen mit der Qualität der Beiträge, die für uns immer die höchste Priorität besitzt. Unser Begutachtungsverfahren (Peer-Review) ermöglicht es Autor*innen, vor einer Veröffentlichung kompetente Rückmeldung zu erhalten und durch Erweiterungen oder Kürzungen, durch ein Schärfen der Argumente und durch die Korrektur von sprachlichen Schwächen und stilistischen Unschärfen ihren Beitrag noch besser zu machen. Wir möchten alle Leserinnen und Leser ermutigen, die Vorteile einer (besonders gegenüber Sammelbänden) weithin rezipierten Zeitschrift, die ein bedeutendes fachliches Forum für die Religionswissenschaft darstellt, bei ihren Publikationsplänen zu bedenken. Die ZfR ist nur so gut wie ihre Beiträge, und im Interesse aller, denen die Religionswissenschaft am Herzen liegt, sollte sie eine der ersten Adressen sein, die uns für die Veröffentlichung unserer Forschung in den Sinn kommen.

Das vorliegende Heft zeigt beispielhaft, welche Reichweite die ZfR sowohl bezüglich des behandelten Materials als auch relevanter theoretischer Debatten hat – und seine Autorenschaft hat auch eine internationale Dimension. Jens Schlieter (Bern) legt am Beispiel buddhistischer Kunst in Europa dar, wie religiöse Symbole im öffentlichen Raum theoretisiert werden können, ohne einen Transzendenzbezug des Symbols zu postulieren. Jaan Lahe (Tallin) unterzieht die in der Forschung kontroversen Argumente zur Erklärung der Parallelen zwischen dem römischem Mithras- und dem iranischem Mithra-Kult in der Antike einer kritischen Würdigung und schlägt eine neue Deutung vor. Eva Spies (Bayreuth) untersucht die bislang in der Forschung vernachlässigte Verwendung von Lehrbüchern in der Mission pentekostaler Kirchen im gegenwärtigen Afrika am Beispiel des ghanaischen Kirchengründers Dag Heward-Mills und seines Erfolgs in Madagaskar und entdeckt in diesen Aktivitäten eine Charismatisierung religiöser Institutionen. Nikolas Broy (Leipzig) zeigt am Beispiel des spätkaiserzeitlichen China, wie Bourdieus Feldmodell mit Bezugnahme auf Rational-Choice-Theorien weiter ausdifferenziert werden sollte. Wir wünschen viel Vergnügen und viele neue Einsichten bei der Lektüre!

Doch bevor Sie, liebe Leserin, lieber Leser, sich in die Aufsätze vertiefen, laden wir Sie ein, die angekündigten Gespräche mit Hubert Seiwert und Michael Stausberg zu lesen. Beide Kollegen entfalten wichtige Gedanken zur Weiterentwicklung und Profilierung der ZfR und ihrer Rolle für die Religionswissenschaft, die einen aufschlussreichen Rückblick auf die letzten 25 Jahre erlauben und interessante Impulse für die Zukunft bieten.

Gespräch mit Hubert Seiwert

Hubert Seiwert ist Professor Emeritus für Religionswissenschaft an der Universität Leipzig und Permanent Senior Research Fellow an der Kolleg-Forschergruppe „Multiple Secularities – Beyond the West, Beyond Modernities“. Er ist ein renommierter Experte für chinesische Religionsgeschichte, neue religiöse Bewegungen und Fragen zu Theorie und Methode der Religionswissenschaft. Neben seiner umfangreichen Forschungstätigkeit hat er sich in wichtigen wissenschaftsorganisatorischen Funktionen für das Fach engagiert, u. a. als Vorsitzender der Deutschen Vereinigung für Religionswissenschaft (DVRW), als Mitglied des betreffenden Fachkollegiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), als Vizepräsident der European Association of the Study of Religions (EASR) und als Sprecher des Leipziger Graduiertenkollegs „Religiöser Nonkonformismus und kulturelle Dynamik“.

Hubert Seiwert war außerdem die treibende Kraft bei der Gründung der Zeitschrift für Religionswissenschaft und zwölf Jahre lang ihr Schriftleiter. Seiner Initiative und seinem Engagement ist es zu verdanken, dass sich die Zeitschrift nach einer schwierigen Anfangsphase fest etabliert und zum wichtigsten Publikationsforum der deutschsprachigen Religionswissenschaft entwickelt hat. Wir baten ihn, auf die Entwicklung zurückzublicken, über die Rolle der ZfR für die Religionswissenschaft zu reflektieren und einen Ausblick zu wagen.

ZfR: Lieber Hubert, lass uns am Anfang beginnen: Welche fachlichen Umstände ließen es notwendig erscheinen, Anfang der 1990er Jahre eine neue religionswissenschaftliche Zeitschrift zu gründen? Bestand über diese Initiative Einigkeit im Fach oder gab es auch andere Auffassungen oder gar Widerstände?

Hubert Seiwert: Die Situation der Religionswissenschaft war noch Anfang der 1990er Jahre eine völlig andere als heute. Mehr als die Hälfte der heute in Deutschland vorhandenen Professuren existierte noch nicht. Die Zahl der Teilnehmer an Jahrestagungen der DVRG lag im mittleren zweistelligen Bereich. Das Fach war selbst in der akademischen Öffentlichkeit weitgehend unbekannt und wurde üblicherweise mit Theologie verwechselt. Nicht einmal die DFG führte in ihrem Fächerkanon Religionswissenschaft als eigenständige Disziplin. Vor allem aus der Sicht einiger damals jüngerer Kollegen war die geringe Professionalisierung der Religionswissenschaft als anerkannte akademische Disziplin in hohem Maße unbefriedigend.

Es gab seit dem 2. Weltkrieg keine deutschsprachige religionswissenschaftliche Zeitschrift mehr. Wohl gab es einige Zeitschriften mit religionswissenschaftlichen Anteilen wie die Zeitschrift für Missionswissenschaft und Religionswissenschaft und die Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte. Die meisten älteren Kollegen waren deshalb der Ansicht, dass kein Bedarf an einer weiteren Zeitschrift bestehe, zumal Religionswissenschaftler auch in theologischen und orientalistischen Zeitschriften publizierten.

Wegen solcher Bedenken gab es auch keinen Beschluss der DVRG-Mitgliederversammlung, eine Zeitschrift zu gründen. Der gewählte Vorstand unterstützte dann aber die Initiative der Gründungsherausgeber, auf eigene Verantwortung die Zeitschrift für Religionswissenschaft zu gründen.

ZfR: Was waren die größten Herausforderungen, denen sich die Zeitschrift zu Beginn und während der Zeit Deiner Schriftleitung zu stellen hatte? Haben sich diese Herausforderungen gewandelt?

H.S.: Der gegen eine neue Zeitschrift vorgebrachte Einwand, die Zahl der deutschsprachigen Religionswissenschaftler und Religionswissenschaftlerinnen und ihrer Publikationen sei zu gering, um eine eigene Zeitschrift zu füllen, war ja nicht ganz unbegründet. Es war am Anfang oft notwendig, Autoren anzusprechen, um Beiträge einzuwerben. Die ZfR war noch nicht bekannt und die personelle Expansion des Fachs stand noch bevor. Daneben war die Finanzierung der Zeitschrift lange ein Problem. Der Idealismus der Inhaber des Diagonal-Verlages hielt die Kosten zwar überschaubar, aber die Zeitschrift konnte sich nicht aus dem Verkaufserlös tragen. Es gab geringe Zuschüsse der DVRG, und ein Herausgeber trug mehrfach mit einer privaten Spende zur Sicherung der Finanzierung bei. Erst durch den Beschluss der DVRG-Mitgliederversammlung im Jahr 2003, die ZfR als ihre eigene Zeitschrift für alle Mitglieder zu beziehen, wurde eine finanzielle Konsolidierung erreicht.

ZfR: Welche Rolle spielte die ZfR Deiner Einschätzung nach in der Entwicklung der Religionswissenschaft der vergangenen 25 Jahre?

H.S.: Das Ziel bei Gründung der ZfR war es, die Institutionalisierung der Religionswissenschaft als eigenständiger akademischer Disziplin voranzutreiben. Dazu genügt es nicht, dass Religionswissenschaftlerinnen und Religionswissenschaftler ihre Artikel in Zeitschriften anderer Disziplinen publizieren können, weil die Eigenständigkeit des Fachs dabei nicht erkennbar wird und auch kein fachinterner Diskurs ermöglicht wird. Ich denke, dass die ZfR einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der fachlichen Identität und Sichtbarkeit der Religionswissenschaft in der deutschen Wissenschaftslandschaft geleistet hat. Natürlich kommen andere Faktoren hinzu, insbesondere die Aktivitäten der DVRW-Vorstände während der letzten 25 Jahre. Die Professionalisierung und Sichtbarkeit des Fachs hängen ja nicht nur von einer eigenen Zeitschrift ab, sondern auch von gut besuchten Kongressen und der Aufnahme der Religionswissenschaft in den Fächerkanon der DFG.

ZfR: Wo siehst Du die ZfR in zehn Jahren? Welche Aspekte wären Dir für die künftige Gestaltung der Zeitschrift besonders wichtig?

H.S.: Dass die ZfR inzwischen durch einen großen internationalen Verlag publiziert wird, ist zunächst ein Indiz dafür, dass sie eine etablierte Zeitschrift geworden ist. Es ist aber auch ein Symptom für die Veränderung der Wissenschaftslandschaft seit ihrer Gründung vor 25 Jahren. Die ZfR wurde bewusst als deutschsprachige Zeitschrift gegründet. Es war auch zunächst Politik der Herausgeber, dass jedenfalls deutschsprachige Autoren auf Deutsch publizieren sollten, um dem Fach in diesem Sprachraum ein erkennbares Profil zu geben. Heute ist die Problemstellung eine andere. Die Religionswissenschaft in den deutschsprachigen Ländern muss nicht mehr um ihre Anerkennung als eigenständige Disziplin kämpfen. Eine Schwäche besteht jedoch in ihrer internationalen Sichtbarkeit. Das Fach war schon immer international. Aber anders als bei der Gründung der Zeitschrift Numen in den 1950er Jahren, bei der als Publikationssprachen Englisch, Französisch, Deutsch und Italienisch zugelassen wurden, wird der internationale religionswissenschaftliche Diskurs heute fast ausschließlich auf Englisch geführt. Eine rein deutschsprachige Zeitschrift wird außerhalb dieses Sprachraums kaum wahrgenommen.

Ich denke deshalb, dass die Zeit reif ist, die ZfR attraktiver für ein internationales Publikum zu machen, sowohl was die Leser betrifft als auch die Autoren. Dies bedeutet, dass sie zweisprachig werden müsste. Es genügt nicht, dass wir die Möglichkeit haben, auf Englisch in rein englischsprachigen Zeitschriften zu publizieren. Aus meiner Sicht besteht hier eine gewisse Analogie zu der früheren Möglichkeit, religionswissenschaftliche Beiträge in theologischen Zeitschriften zu veröffentlichen. Ich glaube, dass Religionswissenschaft in den deutschsprachigen Ländern ein Fachverständnis entwickelt hat, das nicht einfach in religious studies aufgelöst werden sollte. Die weniger etablierte Bezeichnung study of religion ist ja ein Versuch, den Begriff Religionswissenschaft zu übersetzen und von religious studies abzusetzen. Es gibt auf diesem Feld national unterschiedliche akademische Traditionen und Diskurse. Das ist auch gut so, weil dadurch eine Vielfalt besteht, die hegemoniale Diskurshoheit verhindert und kreativen Austausch ermöglicht.

Zur Wahrung dieser internationalen Vielfalt beizutragen, ist eine der Aufgaben der Zeitschrift für Religionswissenschaft. Aber es ist auch eine Aufgabe, die an deutschsprachigen Universitäten betriebene Religionswissenschaft international wahrnehmbarer zu machen. Dies kann nach meiner Einschätzung nur erreicht werden, wenn die Autoren und Autorinnen ermuntert werden, neben Deutsch auch die akademische lingua franca zu benutzen, die heute Englisch ist. Ich weiß natürlich, dass damit eine Reihe praktischer Probleme verbunden ist, nicht zuletzt für die Herausgeber.

ZfR: Besteht nicht die Gefahr, dass die ZfR damit ihren Charakter als Forum der deutschsprachigen Religionswissenschaft verlieren würde?

H.S.: Ich plädiere keineswegs dafür, die ZfR zu einer englischsprachigen Zeitschrift zu machen. Davon gibt es schon einige. Jeder sollte die Möglichkeit haben, in seiner Muttersprache zu publizieren, gerade deshalb brauchen wir die ZfR. Aber die aktuelle Wissenschaftspolitik und Evaluationspraxis zwingen ganze Disziplinen, insbesondere auch Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler in einen harten internationalen Wettbewerb. Um darin bestehen zu können, muss die Möglichkeit geboten werden, die eigene Forschung international sichtbar zu machen. Solange die ZfR ausschließlich ein deutschsprachiges Publikum anspricht, sind Autoren und Autorinnen gezwungen, ihre englischsprachigen Beiträge in anderen Zeitschriften zu veröffentlichen. Damit entgehen der ZfR auch hervorragende Arbeiten.

Eine erhöhte internationale Sichtbarkeit der ZfR liegt im Interesse aller Autorinnen und Autoren, unabhängig davon, in welcher Sprache sie publizieren. Aber sie kann nur erreicht werden, wenn der Anteil englischer Beiträge deutlich erhöht würde. Damit gewönne die Zeitschrift nicht nur für Leser außerhalb unseres Sprachraums, sondern auch für Autoren an Attraktivität.

ZfR: Hast Du eine generelle Botschaft an unsere Leserinnen und Leser?

H.S.: Leserinnen und Leser einer wissenschaftlichen Zeitschrift sind in der Regel auch potentielle Autoren und Autorinnen. Ich persönlich bedauere es, dass nicht mehr davon die ZfR als Forum benutzen, um die breitere Fachöffentlichkeit über ihre Arbeiten zu informieren. Im deutschsprachigen Raum wird an vielen Orten hervorragende religionswissenschaftliche Forschung betrieben, aber nur wenig davon wird in der ZfR publiziert. Es liegt in unser aller Interesse, die Zeitschrift als Forum fachinterner Kommunikation und Debatten zu nutzen und damit zugleich der Religionswissenschaft als Disziplin mehr Farbe im Spektrum der Wissenschaften zu geben. Es gibt auch einen Wettbewerb zwischen Wissenschaften, der an manchen Universitäten zuweilen ein Kampf ums Überleben ist. Die Religionswissenschaft als „kleines Fach“ sollte sich nicht kleiner machen als sie ist. Dazu gehört auch, zum Gewicht der eigenen Zeitschrift beizutragen, im wörtlichen und übertragenen Sinn.

ZfR: Diesem Aufruf können wir uns nur anschließen. Vielen Dank für Deine Gedanken und Einschätzungen.

Gespräch mit Michael Stausberg

Michael Stausberg ist seit 2004 Professor für Religionswissenschaft an der Universität Bergen, Norwegen. Er ist ein führender Zoroastrismusforscher und hat wichtige Werke zur europäischen Religionsgeschichte, zu Ritualtheorie und den Themen Magie sowie Tourismus und Religion veröffentlicht. In den letzten Jahren gab er grundlegende Sammelbände zur Theorie und Fachidentität der Religionswissenschaft sowie (zusammen mit Steven Engler) Handbücher zu religionswissenschaftlichen Methoden und zum aktuellen Fachdiskurs heraus. Er ist außerdem Mitherausgeber der internationalen Fachzeitschrift Religion sowie zweier religionswissenschaftlicher Buchreihen bei De Gruyter und Vandenhoeck & Ruprecht.

Michael Stausberg ist in mehrerer Hinsicht der ideale externe Beobachter. Er lehrt im nicht-deutschsprachigen Ausland, war nie Teil des ZfR-Herausgeberkreises und ist selbst Herausgeber einer religionswissenschaftlichen Zeitschrift. Wir fragten ihn als jemanden, der einen ausgezeichneten Überblick über die Entwicklung und den gegenwärtigen Stand des Faches besitzt (und als treuen ZfR-Leser) nach seinen Einschätzungen zur Rolle und Bedeutung der ZfR.

ZfR: Lieber Michael, wir freuen uns, dass Du Dich zu diesem Gespräch bereit erklärt hast. Die ZfR begeht in diesem Jahr ihr 25-jähriges Jubiläum. Wie hast Du damals die Gründung der Zeitschrift wahrgenommen?

Michael Stausberg: Das erste Heft der ZfR erschien, als ich an einem Bonner Graduiertenkolleg an meiner Dissertation arbeitete. Wir Religionswissenschaftler am Graduiertenkolleg empfanden das damals als ein großes Ereignis, und wir konnten das Erscheinen des jeweils nächsten Heftes kaum erwarten. Im Rückblick fällt es schwer, sich vorzustellen, dass es einmal eine Zeit gab, in der die deutschsprachige Religionswissenschaft ohne eigene Fachzeitschrift dastand.

ZfR: Wo publizierten Religionswissenschaftler*innen denn damals ihre Aufsätze?

M.S.: Allgemein spielten damals Zeitschriftenartikel vielleicht noch nicht die herausgehobene Rolle, die ihnen heute vor allem in der anglophonen Welt beigemessen wird. Immerhin gab es beispielsweise die Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte, an der auch mein Doktorvater (Hans-Joachim Klimkeit) aktiv mitarbeitete, und die Zeitschrift für Missionswissenschaft und Religionswissenschaft. Aber die verstanden sich nicht primär als religionswissenschaftliche Zeitschriften, und in beiden waren religionswissenschaftliche Beiträge in der Minderheit. Deutschland war da eine Art Sonderfall, denn in vielen anderen Ländern gab es ja schon etablierte Fachzeitschriften. Das hatte ich in meiner Studienzeit in Skandinavien und Italien erlebt, und dort waren die Zeitschriften als Bezugspunkte der Diskussion sehr präsent.

ZfR: Würdest Du sagen, dass die Gründung der ZfR Symptom einer allgemeinen Veränderung im Fach war?

M.S.: Ja, in Deutschland durchaus. Die deutsche Religionswissenschaft schien damals einen neuen Aufschwung zu erleben. Die Studentenzahlen nahmen spürbar zu, das Fach bewegte sich in den Mainstream des Fächerkanons. 1988 kamen zwei neue Einführungsbücher auf den Markt, eines von Fritz Stolz und ein Sammelband von Hartmut Zinser. 1988 war auch der erste Band des Handbuchs religionswissenschaftlicher Grundbegriffe (HrwG) erschienen. Burkhard Gladigow und Günter Kehrer, bei denen ich ein Semester in Tübingen studiert hatte, waren ja auch am Zustandekommen der ZfR maßgeblich beteiligt und machten Tübingen damals zu einem wichtigen Standort. Gladigow war auch einer der Herausgeber der Reihe Die Religionen der Menschheit, die so etwas wie das deutsche Flaggschiff in der internationalen Religionswissenschaft war. 1993 hielt Gladigow seinen Vortrag „Europäische Religionsgeschichte“, dessen Schwächen im Rückblick evident sind, der für viele von uns aber damals befreiende Wirkung hatte.

ZfR: Gab es noch andere Initiativen?

M.S.: Ich habe ja bisher nur von den alten Herren erzählt, wobei wir selbst nun in diesem Karrierealter sind. Bemerkenswert für das neue religionswissenschaftliche Selbstbewusstsein waren damals aber auch Initiativen, die von Studierenden und Promovierenden ausgingen. Der Religionswissenschaftliche Medien- und Informationsdienst (REMID) ist beispielsweise schon 1989 entstanden, und ich wurde schon früh Mitglied und bin Anfang der 1990er Jahre bei einer Mitgliederversammlung in Marburg gewesen. Das waren wieder recht andere Leute als die Tübinger und die Bonner. Aus diesem Kreis ist dann ja auch der von Steffen Rink und Thomas Schweer gegründete diagonal-Verlag hervorgegangen, dessen Beitrag für die Entstehung und die ersten 18 Jahre der ZfR nicht vergessen werden darf. Der diagonal-Verlag bot der Religionswissenschaft damals eine ganz neue und eigene Plattform. Das war eine wichtige Initiative, und es ist ein bisschen schade, dass diagonal – in meiner Wahrnehmung zumindest – eher in der Nische geblieben ist, statt etwa wie der ja nicht viel ältere Bielefelder transcript-Verlag den Schritt in die akademische Breite anzutreten. Was ich damit sagen will, ist, dass es schwer ist, den Beitrag der ZfR isoliert zu sehen.

ZfR: Wie würdest Du denn die fachgeschichtliche Bedeutung der ZfR in dem von Dir dargestellten Kontext einer sich verändernden Disziplin bewerten?

M.S.: Fachgeschichtlich war das HrwG in meiner Sicht wichtiger als die ZfR – und das Werk, dessen Erscheinen sich dann ja sehr lange hinzog, ist lange eine Art Alleinstellungsmerkmal der deutschsprachigen Religionswissenschaft geblieben. Während das HrwG für ein von Tübingen aus definiertes Programm von Religionswissenschaft stand, war die ZfR das Zeichen, dass sich die deutsche oder deutschsprachige Religionswissenschaft als ein Fach verstand, das nicht mehr nur an ein paar Standorten von einer Handvoll von Einzelpersonen betrieben wurde, sondern dass man eine gewisse Breite anstrebte und auch jüngere Kollegen mit in den Diskurs einbeziehen wollte. Mit der Veröffentlichung eines Artikels in der ZfR konnte man sich als sogenannter Nachwuchswissenschaftler – ein furchtbarer, herablassender Ausdruck! – Gehör und Sichtbarkeit verschaffen und den Anspruch auf Teilnahme an der wissenschaftlichen Szene anmelden. Das war ja noch in der Zeit vor der Verbreitung des Internets, als es nicht so leicht war, Informationen darüber zu erhalten, was an anderen Orten so vorging. Und die Jahrestagungen der DVRG – wie die DVRW damals hieß – waren noch sehr stark professorendominiert. Die ZfR hatte von daher auch für die Schaffung eines wissenschaftlichen Nachwuchses in der Religionswissenschaft eine wichtige Funktion. Diese wurde – auf einer gewissermaßen tieferen Karriereebene – dann von der Zeitschrift für junge Religionswissenschaft noch ergänzt oder erweitert. Die Initiatoren und Herausgeber der Zeitschrift für junge Religionswissenschaft haben auch im internationalen Vergleich Erstaunliches auf die Beine gestellt.

ZfR: Du bist seit fast zehn Jahren europäischer Herausgeber der internationalen religionswissenschaftlichen Zeitschrift Religion. Gibt es im gegenwärtigen Fachdiskurs besondere Herausforderungen, vor denen Religion und eventuell auch die ZfR steht?

M.S.: Die Hauptherausforderung ist meines Erachtens die Qualität der Beiträge. Die Zahl sehr guter oder exzellenter Artikel ist durchaus steigerungsfähig. Im Zeitalter des Zeitschriftenrankings könnte einen eine Annahmequote von um die 15 Prozent mit Stolz erfüllen, aber uns macht das eher unzufrieden. Wir würden gerne mehr Aufsätze akzeptieren, wenn es sie in der gebotenen Qualität denn gäbe. Das wirft natürlich insgesamt Schatten auf die Religionswissenschaft: Können wir mithalten? Wie viele religionswissenschaftliche Artikel brächten es in die besten fachübergreifenden geistes- oder kulturwissenschaftlichen Zeitschriften?

ZfR: Welche Rolle spielt im Zusammenhang mit der Qualitätssicherung oder -steigerung das Begutachtungsverfahren?

M.S.: Es ist richtig, wie Ihr andeutet, das Peer-Review nicht nur als Selektionsmechanismus und Qualitätssicherungsmechanismus zu sehen; in der Tat geht es hier zumindest für die Aufsätze, die vielversprechend erscheinen, um Qualitätssteigerung. Allerdings – und da sind wir bei einer zweiten großen Herausforderung – habe ich den Eindruck, dass es immer schwieriger wird, Gutachter zu finden. Das ist besonders tragisch bei sehr kleinen Forschungsfeldern; wenn es, was ja in der Religionswissenschaft immer wieder vorkommt, auf der ganzen Welt nur eine Handvoll Experten zu bestimmten Gruppen, Orten, Texten, Theorien usw. gibt und die dann durch die Bank absagen, ist das ein Problem. Die Gutachten sind auch von sehr unterschiedlicher Qualität und spiegeln zum Teil unterschiedliche nationale Wissenschaftskulturen wider. Deutsche Gutachten haben in meiner Erfahrung eine Tendenz zum kurzen Urteil und eher pauschalen Aussagen, während etwa amerikanische Gutachter sich oft recht intensiv mit den Aufsätzen auseinandersetzen. Eine gewisse Peer-Review-Müdigkeit kann auch damit zusammenhängen, dass dieses System eine Art Glaubwürdigkeitskrise durchmacht. In der Tat sind nicht alle Gutachten wirklich hilfreich, viele sind es aber doch, so dass viele, vielleicht sogar die meisten Artikel, durch die Begutachtung auch besser werden. Als Autor muss man sich darauf aber auch einlassen können und wollen; oft ist es allerdings vermutlich so, dass man schon am nächsten Text sitzt, wenn dann endlich die Stellungnahmen eintreffen, und dann ist man mental schon fertig mit dem Aufsatz und versucht dementsprechend, ihn mit möglichst geringem Aufwand gedruckt zu kriegen.

ZfR: So wie immer mehr Drittmittelanträge geschrieben werden, die von irgendjemandem begutachtet werden müssen, so scheint es auch immer mehr Zeitschriften mit einem aufwändigen Begutachtungsverfahren zu geben. Führt das nicht zwangsläufig zu Engpässen oder eben zu einer Überforderung der potenziellen Gutachter*innen?

M.S.: Dadurch dass es mehr und mehr Zeitschriften gibt, die sich das Peer-Review auf die Fahnen schreiben, dürfte es insgesamt tatsächlich mehr Gutachtenanfragen geben. Das kann ich allerdings nicht durch Zahlen belegen. Schließlich gibt es einen vermehrten Schreib- und Publikationsdruck, so dass man erst mal auf seinen eigenen Output achten muss, z. B. um an weitere Forschungsmittel zu kommen. Etwas enttäuschend finde es ich dann allerdings schon, wenn Autoren, deren Artikel von ausführlichen Gutachten profitiert haben, selbst Gutachtenanfragen ablehnen.

ZfR: Religionswissenschaftliche Zeitschriften wie Religion oder eben auch die ZfR stehen zwangsläufig auch in Konkurrenz etwa mit philologischen, regionalwissenschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Zeitschriften. Wie können wir uns da behaupten und ein eigenständiges Profil entwickeln bzw. bewahren?

M.S.: Das Profil ergibt sich da aus dem der Religionswissenschaft. Wenn das Fach nicht in Regionalwissenschaften aufgeht, dann wird es auch bei einer religionswissenschaftlichen Zeitschrift nicht anders sein. Aber auch innerhalb des Faches erleben wir ja die kontinuierliche Gründung von Nischen- oder Spezialzeitschriften zu einzelnen Religionskulturen oder Themen. Eine internationale Breitenzeitschrift wie Religion ist davon betroffen, da dadurch der Pool an möglichen Artikeln kleiner wird und bestimmte Themen und Diskussionen, die bis vor ein paar Jahren noch bei Religion verhandelt wurden, nun in andere Organe migrieren. Dabei sehe ich eine wichtige Funktion einer Breitenzeitschrift darin, einer Fragmentierung des Faches bzw. des Diskurses entgegenzuwirken. Aus diesem Grunde laden wir übrigens gelegentlich Herausgeber von Spezialzeitschriften ein, unsere Leser über religionswissenschaftlich relevante Entwicklungen in ihrer Zeitschrift zu informieren.

ZfR: Die ZfR als Fachorgan der Deutschen Vereinigung für Religionswissenschaft möchte Deutsch bewusst als Wissenschaftssprache stützen, sich aber gleichzeitig internationalisieren. Religion veröffentlicht weit überwiegend Artikel in englischer Sprache. Muss eine international sichtbare Zeitschrift auf Englisch setzen?

M.S.: Wenn es um Sichtbarkeit im Sinne von Zitationen geht, vermutlich ja. Die Frage ist aber, was man unter Internationalisierung versteht. Dass Amerikaner eine deutsche Zeitschrift lesen? Oder dass jetzt auch alle deutschsprachigen Aufsätze anfangen, bei jeder Gelegenheit gewisse rätselhafte Sätze von J. Z. Smith abzuzitieren? Vielleicht ginge es bei einer Zeitschrift wie der ZfR eher darum, international geführte Diskussionen kritisch zu beleuchten. Internationalisierung sollte ja gerade nicht auf Vereinheitlichung hinauslaufen. Bei Religion ist die Lage etwas anders. Uns werden Artikel aus sehr vielen Ländern angeboten. Leider stammen die am Ende aufgenommenen Aufsätze dann doch wieder aus einer eher vorhersehbaren Liste an Ländern. Solange ich mich erinnern kann, ist es ein Thema bei unseren jährlichen Redaktionssitzungen, was wir tun können, um Autoren aus unterrepräsentierten Ländern zu unterstützen. Da ist uns der Durchbruch leider noch nicht gelungen, obwohl wir z. B. nicht erwarten, dass alle Aufsätze in perfektem Englisch geschrieben sind, um überhaupt begutachtet zu werden. Erfreulich ist jedoch, dass uns in den vergangenen Jahren vermehrt Aufsätze von Kolleginnen und Kollegen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz angeboten wurden, von denen wir einige auch veröffentlichen konnten.

ZfR: Im Herausgeberteam der ZfR haben wir immer wieder Diskussionen über die relativ geringe Anzahl von Einreichungen von Seiten älterer, institutionell „etablierter“ Kolleg*innen. Kennst Du das Problem und hast Du eine Erklärung für dieses Phänomen?

M.S.: Ja, diese Diskussionen haben wir auch. Unser Eindruck ist ebenfalls, dass ältere, verdiente Kolleginnen und Kollegen in unserem Fach leider nur noch eher selten in Fachzeitschriften publizieren. Ab einem gewissen Bekanntheitsgrad scheint sich die Publikationstätigkeit in Richtung Sammel- oder Tagungsbände oder Festschriften zu verlagern, die oft aus Tagungen, Ringvorlesungen oder ähnlichen Veranstaltungen hervorgehen, für die man kraft Einladung eingekauft wird. Wenn man bekannte Kolleginnen und Kollegen um Beiträge für die Zeitschrift bittet, erwarten diese, dass man sie dann auch druckt. Man müsste also gewissermaßen die Katze im Sack kaufen. Das kann auch zu unerfreulichen Situationen führen.

ZfR: Sowohl Religion als auch die ZfR veröffentlichen Beiträge zum religionswissenschaftlichen Fachdiskurs. Siehst Du abgesehen von der sprachlichen Dimension noch andere Bereiche, in denen sich die beiden Zeitschriften ergänzen (können)?

M.S.: Ich glaube nicht, dass wir hier von Ergänzungen sprechen können. Ähnlich sind sich beide Zeitschriften in ihrem Anspruch, den Fachdiskurs in seiner „ganzen Breite“ zu repräsentieren, um deutschen Ausschreibungstextjargon zu verwenden. Religion gehört aber inzwischen einem Verlag – das war anfangs noch anders –, der z. B. auch die Herausgeber einsetzt. Die ZfR ist demgegenüber, ähnlich wie Numen, das wissenschaftliche Organ eines Fachverbands. So wird die ZfR ja an die Mitglieder der DVRW ausgeliefert, was der Zeitschrift einen gewissen Marktvorteil gibt, sie aber wohl auch den Kontakt mit dieser Basis nicht verlieren lassen darf; die ZfR sollte also nicht nur Beiträge publizieren, die von der Mehrheit der Mitglieder als uninteressant oder irrelevant empfunden werden.

ZfR: Hast Du den Eindruck, dass der Anspruch der ZfR, das Fachorgan für die DVRW zu sein, eine thematische Engführung bewirkt?

M.S.: Sollte es nicht eher umgekehrt sein? Sollte der Auftrag der ZfR als „Forum der deutschsprachigen Religionswissenschaft“, wie es die Homepage der DVRW definiert, nicht gerade zu einer Breitenausrichtung führen, sofern der Eindruck stimmt, dass es in der deutschsprachigen Religionswissenschaft doch auch recht verschiedene Stimmen und Tendenzen gibt? In meinem 2011 bei de Gruyter erschienen Band Religionswissenschaft habe ich das versucht. Ich weiß aber nicht, wie Ihr dazu steht. Wäre es vielleicht die Aufgabe der ZfR, unterschiedliche Positionen gar in einen Austausch zu bringen? Werden auch Kolleginnen und Kollegen gezielt zum Einreichen von Beiträgen ermuntert, deren Fachverständnis von Eurem abweicht? Wie dem auch sei: Drittmittelprojekte und besonders Großprojekte der Religionswissenschaft sollten meines Erachtens in der ZfR sichtbar werden, wie es jetzt mit den Leipziger „Multiple Secularities“ geschehen ist, aber, wenn ich richtig sehe, nicht mit den Bochumer Dynamiken oder den Erfurter Individualisierungsprozessen oder dem Schweizerischen Nationalen Forschungsprogramm zu Religionsgemeinschaften, Staat und Gesellschaft.

ZfR: Wir hoffen, dass die Hefte der letzten Jahre zeigen, dass das Fachverständnis der ZfR recht breit ist. Aber noch stärkere Einwerbungsbemühungen unsererseits könnten in der Tat nützlich sein. Noch eine letzte Frage: Wie würdest Du die Bedeutung des Rezensionsteils einer Zeitschrift wie der ZfR einschätzen?

M.S.: Buchbesprechungen scheinen mir ganz entscheidend für die angesprochene Funktion als Forum zu sein. Merkwürdigerweise gab es in den ersten acht Jahren des Bestehens der ZfR keine Rezensionen. In Religion und anderen Zeitschriften gibt es manchmal review symposia, in denen bestimmte Publikationen in längeren Beiträgen aus verschiedenen Perspektiven unter die Lupe genommen werden. Wäre das nicht auch für die ZfR wünschenswert, um die Debatte anzuregen? Ich denke übrigens, im Sinne der eben angesprochenen Internationalisierung, dass man sich dabei nicht nur auf deutschsprachige Publikationen beschränken sollte, sondern auch fremdsprachige – nicht nur englische – Literatur aus einer deutschen, schweizerischen oder österreichischen Perspektive diskutieren könnte. Ich würde mir auch wünschen, dass ein vielleicht noch stärkerer Versuch gemacht würde, auch Texte von Religionsforschern anderer Disziplinen in der ZfR zu bringen. Da sehe ich noch große Potenziale für eine Zeitschrift wie die ZfR.

ZfR: Das sind sehr bedenkenswerte Vorschläge. Wir danken Dir für das Gespräch.

About the article

Published Online: 2017-08-17

Published in Print: 2017-07-27


Citation Information: Zeitschrift für Religionswissenschaft, ISSN (Online) 2194-508X, ISSN (Print) 0943-8610, DOI: https://doi.org/10.1515/zfr-2017-0015.

Export Citation

© 2017 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston. Copyright Clearance Center

Comments (0)

Please log in or register to comment.
Log in