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Zeitschrift für Soziologie

Ed. by Diehl, Claudia / Kalthoff, Herbert / Otte, Gunnar / Schnabel, Annette / Schützeichel, Rainer

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ISSN
2366-0325
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Volume 46, Issue 5

Issues

Symbolische Grenzen und die Grenzarbeit von Migrantinnen und Migranten

Ein Typologisierungsvorschlag am Beispiel des Umgangs mit Vornamen

Symbolic Boundaries and Migrants’ Boundary Work

Proposing a Typology Using the Example of First Names

Jürgen Gerhards
  • Corresponding author
  • Freie Universität Berlin, Institut für Soziologie, Garystraße 55, 14195 Berlin, Deutschland
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/ Sylvia Kämpfer
Published Online: 2017-10-06 | DOI: https://doi.org/10.1515/zfsoz-2017-1017

Zusammenfassung

Mit Rekurs auf die Literatur zu symbolischen Grenzziehungs- und Stigmatisierungsprozessen und basierend auf einer Auswertung von elf Gruppendiskussionen mit 55 Migrant/innen unterschiedlicher Herkunft rekonstruieren wir, wie diese aufgrund ihres Vornamens von der Mehrheitsgesellschaft kategorisiert werden, und stellen die von ihnen entwickelten Grenzmanagementstrategien dar. Die Analysen zeigen, dass alle Diskussionsteilnehmer/innen ein ausgeprägtes Bewusstsein davon besitzen, dass Vornamen als Marker von symbolischen und sozialen Grenzen zwischen der Mehrheitsgesellschaft und migrantischen Minderheiten fungieren. Zugleich unterscheiden sich die Interviewten in ihren Reaktionsweisen auf die Erfahrungen mit dem hegemonialen Grenzregime. Es finden sich vier, jeweils mit spezifischen Grundorientierungen einhergehende Typen der Grenzpolitik, die wir beschreiben und an die Literatur rückbinden: Grenzüberschreitung (I), Grenzaufweichung (II), Grenzumwertung (III) und die präreflexiv, den eigenen herkunftsspezifischen Traditionen folgende Grenzirrelevanz (IV).

Abstract

In referring to the literature on symbolic boundary marking and stigmatization and based on an analysis of eleven group discussions including 55 migrants stemming from many different countries we reconstruct immigrants’ experiences with their first names in Germany and their strategies of boundary marking and stigma management. The results show that all the participants are very much aware of the fact that first names function as an important marker of symbolic and social boundaries between the majority society and immigrant minorities. At the same time, the interviewees differ regarding the way they react to the boundaries experienced. Four types of boundary work can be distinguished – each with its own specific basic orientations. Border crossing (I), border blurring (II), border transvaluation (III), and boundary irrelevance and in-group orientation (IV). We describe each type extensively with reference to the theoretical literature.

Schlüsselwörter: Symbolische Grenzziehung; Stigmatisierung; Migranten; Vornamen; Gruppeninterviews

Keywords: Symbolic Boundaries; Stigmatization; Migrants; First Names; Focus Group Discussion

Vornamen dienen als Marker sozialer Identität, weil man an ihnen in aller Regel das Geschlecht der Namensträgerin, die Generation und manchmal die soziale Herkunft erkennen kann. Häufig signalisieren Vornamen der Mitwelt zudem die ethnische Zugehörigkeit einer Person (Sue & Telles 2007; Gerhards 2005; Gerhards & Hans 2009; Lieberson et al. 2000; Lieberson & Mikelson 1995). Hören wir im deutschsprachigen Kontext die Namen Alejandra, John oder Ülker, dann schließen wir aufgrund des Vornamens, dass es sich bei der Namensträgerin wahrscheinlich um eine Person mit Migrationshintergrund handelt.1 Dabei bleibt es häufig nicht bei einer bloßen Klassifikation. Sehr oft werden die mit den Kategorien bezeichneten Gruppen bewertet und als „superior“ oder „inferior“ interpretiert und durch die darauf basierenden Diskriminierungs- und Stigmatisierungshandlungen in objektivierte Formen sozialer Ungleichheit überführt. Aus symbolischen Grenzen werden dann soziale Grenzen, wenn die symbolische Grenzziehung den Zugang zu Ressourcen und die Verteilung von Anerkennung und Macht beeinflusst (Lamont & Molnár 2002; Lamont et al. 2015).

So können verschiedene, meist aus den Wirtschaftswissenschaften stammende, quantitativ-experimentelle Studien zeigen, dass Migrantinnen mit fremden, im Untersuchungsland selten verwendeten Vornamen bei sonst vollkommen gleichen Profilen deutlich seltener zu Vorstellungsgesprächen oder Wohnungsbesichtigungen eingeladen werden und im Durchschnitt wesentlich mehr Bewerbungen versenden müssen, um ähnlich erfolgreich zu sein wie Bewerberinnen mit im Untersuchungsland gebräuchlichen Namen (Bertrand & Mullainathan 2004; Fryer & Levitt 2004; Widner & Chicoine 2011; Kaas & Manger 2012; Jacquemet & Yannelis 2012; Blommaert et al. 2014; siehe auch Schneider et al. 2014). Eine Diskriminierung aufgrund eines migrantischen Namens zeigt sich in allen Ländern gleichermaßen, wenn auch je nach Land auf unterschiedlichem Niveau.

Dabei werden Migrantinnen in der Integrationsforschung im Allgemeinen als auch im speziellen Feld der Vornamensforschung häufig als passive Agentinnen begriffen, die in ihren Handlungen durch die sie umgebenden Kontextfaktoren weitgehend determiniert sind. Vornamen dienen z. B. als ein Indikator zur Messung des Integrationsgrades von Migrantinnen in die Aufnahmegesellschaft (Sue & Telles 2007; Becker 2009; Gerhards & Hans 2009). Die Perspektive der Namensträgerinnen, deren Situationsdefinitionen, die wahrgenommenen Handlungsspielräume, Motive und Emotionen bleiben dabei häufig unbeachtet (Ausnahmen bilden Khosravi 2012; Bursell 2012) bzw. lassen sich mit den für Deutungsprozesse von Akteurinnen etwas unscharfen Instrumenten der quantitativen Forschung nicht hinreichend gut rekonstruieren.

In unserem Beitrag betrachten wir den Umgang mit dem eigenen Namen und die Namenswahl als eine aktive, kreative und auch strategische Handlung, die innerhalb einer interpretierten symbolischen Ordnung vollzogen wird. Grenzen existieren nur, wenn Akteurinnen sie als solche interpretieren, wenn also bestimmte Vornamen als typisch deutsch, türkisch, bosnisch, französisch oder italienisch gedeutet werden. Zudem haben Akteurinnen die Möglichkeit, sich innerhalb der existierenden symbolischen Ordnung selbst zu positionieren. Die eigene Position ergibt sich dabei aus einem dynamischen Wechselspiel zwischen Fremdzuschreibung und Selbst-Identifikation (Jenkins 1996). Migrantinnen können versuchen, die symbolische Grenze zu modifizieren, indem sie die Kategorien der Gruppenzuordnung bzw. deren Bedeutungsinhalte verändern. Damit werden sie zu Akteurinnen, welche die (Re-)Konfiguration von sozialen Kategorien beeinflussen und verändern.2

Genau an dieser Stelle setzen wir mit unserer Untersuchung an. Auf der Grundlage von elf Gruppendiskussionen mit 55 in Deutschland lebenden Migrantinnen verschiedener Herkunft rekonstruieren wir, wie diese die symbolische Ordnung der Vornamen interpretieren, ob und welche namensbasierte Diskriminierungserfahrungen sie gemacht und vor allem, welche verschiedenen Strategien des Umgangs mit der symbolischen Grenzziehung zwischen deutschen und herkunftsspezifischen Vornamen sie entwickelt haben. Ziel der Untersuchung ist es, eine Typologie der Namenspolitik und des Namensmanagements von Migrantinnen zu entwickeln. Vornamen dienen uns dabei als ein Beispiel zur Analyse der allgemeineren Frage nach der Markierung von migrantischer Identität und des Umgangs mit erlebten symbolischen Grenzen der Zugehörigkeit. Dementsprechend versteht sich unsere Untersuchung zum einen als ein Beitrag zur Analyse symbolischer Grenzen und zur Grenzarbeit von Akteurinnen. Wir knüpfen damit an jüngere Studien an, die sich mit Formen symbolischer Grenzarbeit beschäftigen – oder wie Fredrik Barth (1969) und später Andreas Wimmer (2008a, 2008b, 2013) es nennen, mit verschiedenen Strategien des „ethnic boundary making“ (siehe auch Carter 2006; Young 2006; Lacy 2007; Pattillo 2007; Warikoo 2011; Hirschauer 2014; Kroneberg 2014). Unsere Untersuchung versteht sich zum Zweiten als ein Beitrag zur Literatur des Stigmas und des Stigma-Managements, da wir uns mit migrantischer Grenzarbeit aus der Perspektive der von der Mehrheitsgesellschaft tendenziell als inferior interpretierten Minderheiten beschäftigen (Lamont & Mizrachi 2012).

Zugleich geht unsere Studie in verschiedenen Punkten über den aktuellen Forschungsstand hinaus: (1) Im Unterschied zu den meisten anderen Untersuchungen analysiert unser Artikel Prozesse der Grenzarbeit nicht auf allgemeine Weise, sondern am Beispiel von Vornamen und damit anhand eines konkreten Identitätsmarkers, der in vielen Interaktionssituationen einen salienten Marker der Gruppenzugehörigkeit darstellt. Dabei sind mit der Analyse von Vornamen verschiedene Vorteile verbunden: (a) Im Unterschied zu anderen Identitätsmarkern, welche nur von bestimmten migrantischen Gruppen verwendet werden (wie z. B. bestimmte Kleidungsstile), betrifft die Markierungsfunktion von Vornamen alle Migrantinnen gleichermaßen. Alle müssen sich zu dem im Ankunftsland existierenden Grenzregime der Vornamen verhalten und werden auf der Grundlage ihrer gewählten Vornamen von den Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft kategorisiert. Damit bleibt unsere Analyse im Unterschied zu anderen Studien nicht auf eine einzelne migrantische Gruppe beschränkt. (b) Anders als physiognomische bzw. ethnosomatische Merkmale (Patterson 2004), wie z. B. die Haut- und Haarfarbe, sind Vornamen wählbare bzw. modulierbare Marker von sozialer Identität.3 Dies eröffnet erst eine Palette von symbolischer Grenzarbeit, welche sowohl handlungsbasierte als auch kognitive Strategien einbezieht. (c) Zugleich sind Vornamen persistente Marker von Identität, mit denen man in aller Regel für das gesamte Leben verbunden ist, weil nur wenige Menschen ihren Vornamen offiziell ändern lassen. (2) Bernice A. Pescosolido und Jack K. Martin (2015) haben jüngst in einem Überblicksartikel darauf hingewiesen, dass Emotionen wie Scham, Angst, Wut und Zorn eine bedeutsame Rolle im Kontext von Stigmatisierungsprozessen zukommt, es aber bis dato an einer systematischen Analyse der Verbindung von konkreten Emotionen einerseits und dem Umgang mit migrantischer Grenzziehung andererseits mangelt. Stärker als andere Studien gehen wir in unserem Artikel auf die bisher vernachlässigte Rolle von Emotionen als handlungsleitendes Motiv im Umgang mit symbolischen Grenzen und des Stigma-Managements ein. Und schließlich (3) beziehen sich fast alle bisherigen Studien auf außereuropäische Untersuchungskontexte (USA, Kanada, Israel etc.). Da aber insbesondere die komparativen Stigmatisierungsstudien von Michèle Lamont et al. (2012) gezeigt haben, dass sich das Repertoire der Managementstrategien zwischen den Ländern unterscheidet, fragen wir hier nach dem Grenzarbeitsrepertoire im deutschen Kontext.

In einem ersten Schritt (Kapitel 1) skizzieren wir den begrifflich-konzeptionellen Rahmen unserer Untersuchung und diskutieren in diesem Kontext die für unsere Fragestellung relevante Literatur. Im zweiten Kapitel erläutern wir unser methodisches Vorgehen, während Kapitel 3 der Darstellung der Ergebnisse gewidmet ist, in deren Mittelpunkt eine Typologie von vier verschiedenen Strategien der Grenzarbeit bzw. der Namenspolitik steht. Wir unterscheiden zwischen „äußerer Grenzüberschreitung“ (formal boundary crossing), „Grenzaufweichung“ (boundary blurring), „Grenzumwertung“ (boundary transvaluation) und „Grenzirrelevanz und Eigengruppenorientierung“ (boundary irrelvance and in-group orientation). Das letzte Kapitel (Kapitel 4) ist einer Zusammenfassung der Befunde und Einbettung in den Stand der Integrationsforschung gewidmet.

1 Der konzeptionelle Rahmen

Angesichts der Tatsache, dass viele der Begriffe und Konzepte in der für uns relevanten Literatur sehr unterschiedlich benutzt werden – Pescosolido & Martin sprechen z. B. bezüglich des Stigmabegriffs von einem „definitional morass“ (2015: 91) – scheint es uns sinnvoll zu sein, den konzeptionell-begrifflichen Rahmen unserer Analyse vorweg zu explizieren.

(1) Wir verwenden in unserer Analyse den Begriff der ethnischen Minderheit und knüpfen dabei an Max Webers (1985 [1921/22]) Definition von ethnischer Gemeinschaft an, die zuletzt Andreas Wimmer (2008b: 978 f.) aufgegriffen und spezifiziert hat. Weber definiert bekanntlich eine ethnische Gemeinschaft als eine Gruppe, die aufgrund von ähnlichen Merkmalen den subjektiven Glauben hegt, dass sie eine Gemeinschaft bildet. Weber und später Wimmer lassen dabei weitgehend offen, worin diese Ähnlichkeit ausmachenden Merkmale genau bestehen. Die Merkmale der subjektiv geglaubten Identität können eine gemeinsame Sprache, die Religion, ein bestimmter Habitus, „race“ oder Nationalität sein. Entscheidend ist, dass es einen Identitätsmarker gibt, der von den Mitgliedern einer Gruppe als solcher interpretiert wird.4 Wir werden im Folgenden Vornamen als ein Merkmal neben anderen begreifen, das von Akteurinnen genutzt werden kann, um ihre ethnische Identität zu markieren. Entscheidend ist dabei allein, dass Akteurinnen – sei es in Form der Selbst- oder Fremdzuschreibung – Vornamen als Marker einer ethnischen Gruppe interpretieren.

(2) Gruppen im Allgemeinen und ethnische Gruppen im Besonderen sind mit der Definition einer symbolischen Grenze verbunden. Diejenigen, die nicht über ein für die Gruppe konstitutives Merkmal verfügen, gehören nicht zur Gruppe und konstituieren damit die Außenwelt. Insofern bedeutet die Definition eines „Wir“ zugleich die Definition einer Grenze und damit die Definition von „die Anderen“ (vgl. für viele andere Lamont & Molnár 2002). In Bezug auf Vornamen bedeutet dies beispielsweise, dass Personen mit den Vornamen Sophie und Maximilian von der deutschen Mehrheitsgesellschaft in der Regel als ihr zugehörig interpretiert werden, während Personen mit den Vornamen Asbjörn, Igor und Linh eher als „die Anderen“ kategorisiert werden.

(3) Der Begriff der Gruppengrenze impliziert nach unserem Verständnis aber nicht, dass man die ethnische Identität anzeigenden Marker immer eindeutig einer Gruppe zuordnen kann. Im Anschluss an Andreas Wimmer (Wimmer 2008b: 976) gehen wir davon aus, dass für manche Merkmale – und in unserem Fall für manche Vornamen – nicht genau auszumachen ist, welche konkrete soziale Gruppe ein Vorname markiert. Richard Alba unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen „bright and blurred boundaries“ (Alba 2005). Ein solches Verständnis von Grenze erlaubt es, unterschiedliche Grade der Eindeutigkeit von Grenzen zu unterscheiden und auch historische Prozesse der Grenzverschiebung in den Blick zu nehmen.5 So können vormals fremde Namen im Zeitverlauf zu einem im Land typischen Namen werden, wie dies z. B. mit einigen französischen Namen (René, Maurice, Natalie) in Deutschland geschehen ist (Gerhards 2003).

(4) Wir unterscheiden in der Definition von ethnischen Gruppen weiterhin zwischen einer symbolischen und einer sozialen Grenze (Lamont & Molnár 2002). Eine symbolische Grenze schafft zunächst erst einmal einen Unterschied zwischen zwei Gruppen, ohne die beiden Gruppen zu bewerten. So tragen manche Menschen ein Kopftuch oder eine Kippa und andere eine Baseballkappe, ohne dass damit zwangsläufig eine Ab- oder Aufwertung dieser Menschen einhergehen muss. In vielen Fällen verschmilzt eine kategoriale Unterscheidung aber mit einer Bewertung. Die symbolische Grenze gerät zu einer evaluativen Grenze. „Ungleichartig“ kann dann zu „ungleichrangig“ werden, wenn eine Gruppe als superior und die andere als inferior interpretiert wird. Wenn also die von uns befragten Personen empfinden, dass sie mit ihren typisch migrantischen Namen positive oder negative Bewertung erfahren, dann interpretieren sie die symbolische Grenze nicht nur als kategoriale, sondern zugleich als eine soziale Grenze, die dann zur Bevorzugung oder Benachteiligung innerhalb der Gesellschaft führen kann (Lamont & Molnár 2002; Hirschauer 2014).6

Symbolische und soziale Grenzen geben zwar den Rahmen vor, Akteurinnen können ein existierendes Grenzregime aber unterschiedlich interpretieren, eine Grenze als „bright“ oder „blurred“ interpretieren, sich unterschiedlich zu diesen Grenzen verhalten und Grenzarbeit betreiben. Genau dieser Aspekt steht im Mittelpunkt unserer Analyse und entsprechend gehen wir hier auf die einschlägige Literatur etwas genauer ein. Dabei sind zwei Forschungsstränge, die zum Teil mit anderen Begriffen ähnliche Phänomene beschreiben, für unsere Studie relevant: die Literatur zu den Themen „boundary making“ (5) und Stigma-Management (6).

(5) Verschiedene Autorinnen haben unterschiedliche Strategien des Umgangs mit symbolischen Grenzen beschrieben und auf dieser Grundlage verschiedene Typologisierungsvorschläge entwickelt (Horowitz 1975; Zolberg & Woon 1999; Alba & Nee 2003; Lamont & Bail 2005).Andreas Wimmer hat zuletzt die einschlägige Literatur systematisiert und auf dieser Grundlage eine allumfassende und systematische Typologie verschiedener Strategien des „ethnic boundary making“ entwickelt (Wimmer 2008a, 2008b, 2013).7 Drei der von Wimmer beschriebenen Strategien sind für unsere Fragestellung von Relevanz.8

(a) Mit Transvaluation bzw. Inversionbezeichnet Wimmer den Versuch von Akteurinnen, wahrgenommene symbolische und soziale Grenzen neu zu bewerten und zwar so, dass die eigene Gruppe aufgewertet, die anderen Gruppen und vor allem die Mehrheitsgesellschaft hingegen abgewertet werden. Ein Beispiel für die Transvaluationsstrategie ist der Slogan „Black is beautiful“ (Hall 1999: 86), der vom „Black Consciousness Movement“ ab Mitte der 1960er Jahre ausgehend von den USA mit dem Ziel propagiert wurde, das Anderssein zum Besonderssein umzuwerten und die Marginalität als Ressource für eine Selbstwerterhöhung heranzuziehen (Supik 2005). Stanley Lieberson und Kelly S. Mikelson (1995) haben gezeigt, wie die Entstehung und Diffusion des „Black Consciousness Movement“ zu einer Rückbesinnung bzw. einem Wiedererstarken von „African American Names“ und einer Re-Ethnisierung geführt hat.

(b)Boundary Crossing oder Positional Moves ist eine weitere Strategie der Grenzarbeit. Sie unterscheidet sich von einer Transvaluationsstrategie durch die Anerkennung des hegemonialen Grenzregimes. Zugleich erfolgt mit der Übernahme von für die Mehrheit typischen Merkmalen und Markern eine Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft. Einschlägige Beispiele sind die Konvertierung von Jüdinnen zum Christentum im 19. und 20. Jahrhundert in Deutschland, die Ablegung der Staatsbürgerschaft des Herkunftslandes bei Übernahme derjenigen des Ankunftslandes, die Übernahme der hegemonialen Kleider- und Lebensstilordnung oder die Benutzung typischer Vornamen der Mehrheitsgesellschaft.

(c)Boundary Blurringschließlich bezeichnet diejenigen Handlungsweisen, die existierende Grenzziehungen aufweichen, so dass die Unterschiede zwischen verschiedenen Gruppen an Bedeutung verlieren oder weniger erkennbar sind. Dies kann zum einen dadurch geschehen, dass hybride Marker der Identitätsanzeige benutzt werden – Merkmale also, die von der Mehrheit und der Minderheit gleichermaßen akzeptiert werden. Auch hierzu finden sich Beispiele in der Vergabepraxis von Vornamen (Gerhards 2005).

(6) Wir knüpfen mit unserer Studie nicht nur an die Forschungen zu symbolischen Grenzen, sondern auch an die Arbeiten zum Stigma-Management an. Unter Stigmatisierung versteht Erving Goffman die Diskreditierung der sozialen Identität einer Person, welche durch eine körperliche, charakterliche oder phylogenetische Abweichung dieser Person vom „Normalen“ zustande kommt (Goffman 1963). Die von Goffman beschriebenen Managementstrategien reichen von einem eher defensiven Verstecken und Verbergen des Stigmas über einen offensiven, re-interpretativen Umgang mit dem Stigma bis hin zu verschiedenen Kompensationsstrategien.

In jüngster Zeit haben Autorinnen der symbolischen Grenzziehungsforschung Goffmans Ansatz aufgegriffen und zur Grundlage einer Vielzahl empirischer Analysen gemacht. So untersucht ein Forschungsnetzwerk um Michèle Lamont und Nissim Mizrachi (2012), wie verschiedene ethnische Minderheiten in Brasilien, Kanada, Israel, Frankreich, Südamerika, Schweden und den USA in ihrem Alltag auf Stigmatisierung und Diskriminierung reagieren (Lamont & Mizrachi 2012; Fleming et al. 2012; Mizrachi & Herzog 2012; Welburn & Pittman 2012; siehe auch Lamont & Bail 2008). Auch wenn die Autorinnen selbst die empirisch beobachtbaren Strategien kaum systematisieren, lassen sich dennoch gemeinsame Muster erkennen und zu zwei Großgruppen zusammenfassen:9 Strategien der Konfrontation stehen denen des Ausweichens gegenüber. Im Rahmen konfrontativer Strategien treten Minderheiten in einen Kampf um Anerkennung ihrer Andersartigkeit ein und versuchen, die herrschende symbolische Ordnung zu überwinden, indem sie z. B. ihre ethnische Identität öffentlich und offensiv betonen, die erfahrene Stigmatisierung und Diskreditierung ansprechen und politisieren oder sich mit juristischen Klagen zur Wehr setzen. Ausweichende Strategien zielen dagegen nicht auf eine Überwindung der herrschenden symbolischen Ordnung, sondern auf eine Anpassung an diese. Dies kann sich beispielsweise in ein Verstecken und Vermeiden der eigenen ethnischen Identität oder in ein Betonen einer mit Stigmatisierenden geteilten übergeordneten z. B. nationalen oder kosmopolitischen Identität übersetzen. Auch das Ignorieren, Tolerieren, Akzeptieren, Herunterspielen und Verzeihen der Stigmatisierung, die Fokussierung auf andere Ziele und die Umwertung der Stigmatisierung sind Teil des Repertoires. Es ist leicht erkennbar, dass sich die meisten der herausgearbeiteten Strategien gut in die von Wimmer vorgeschlagene Typologie des ethnischen Grenzhandelns einpassen lassen.

(7) Wir nehmen an, dass Affekten und Emotionen eine besondere Rolle bei der Wahrnehmung symbolischer und sozialer Grenzziehung und dementsprechend als Motiv der spezifisch gewählten Grenzstrategie zukommt. Bei der Wahl einer konkreten Strategie scheint es sich nicht um ein rein rationales Kalkül zu handeln, sondern um einestark emotional aufgeladene Entscheidung. So hebt Goffman (1963) beispielsweise die Bedeutung der Schamvermeidung als zentrales Motiv des Stigma-Managements hervor. Und in anderen Studien werden Frustration, Ärger und Wut (vgl. beispielsweise Fleming et al. 2012) sowie Stolz (Wimmer 2008b) als zentrale Motive der gewählten Strategie thematisiert.10

2 Methodisches Vorgehen

Um zu analysieren, welche Strategien Migrantinnen als Reaktion auf wahrgenommene ethnische Grenzen im Umgang mit ihrem eigenen Namen sowie dem Namen ihrer Kinder entwickelt haben, haben wir elf Gruppendiskussionen mit insgesamt 55 Teilnehmerinnen (jeweils vier bis sechs Personen pro Gruppe) aus unterschiedlichen Herkunftsländern durchgeführt. Die Teilnehmerinnen kommen aus der Türkei, Serbien, Bosnien, Polen, Russland, Italien, Vietnam, dem arabischen Raum (Libanon, Syrien) und China. Diese haben wir im ersten Schritt durch Kontaktaufnahme mit verschiedenen migrantischen Vereinen in Berlin rekrutiert. Die so gewonnenen Personen sind dann gefragt worden, ob sie Kontakte zu anderen Personen vermitteln können (Schneeballmethode). Bis auf die erste Gruppe stammen die Teilnehmerinnen der Gruppendiskussionen jeweils aus dem gleichen Herkunftsland.11 26 Personen gehören zur ersten, 23 zur zweiten Einwanderergeneration und sechs Personen sind als Kinder bzw. Jugendliche nach Deutschland gekommen. Wir haben versucht, temporäre, zirkulierende und transnationale Migrantinnen auszuschließen. Insgesamt sind unter den durchschnittlich 40 Jahre alten Teilnehmerinnen (zwischen 17 und 70 Jahren) etwas mehr Frauen als Männer. Fast alle verfügen über ein überdurchschnittliches Bildungsniveau (oft Abitur, einige mit Hochschulabschluss), sprechen in der Regel gut Deutsch und sind nach unserem Eindruck und auf der Grundlage der erhobenen soziodemographischen Merkmale tendenziell gut in die deutsche Gesellschaft integriert.12

Die Gruppendiskussionen13 wurden durch einen von uns entwickelten Leitfaden strukturiert, wobei der Leitfaden nach der ersten Gruppendiskussion überarbeitet und aufgrund neuer Erkenntnisse leicht verändert und weiterentwickelt wurde. Er bestand im Wesentlichen aus drei Teilen. Im ersten Teil wurden die Teilnehmerinnen aufgefordert, ihre Einstellungen und Meinungen über verschiedene Vornamen, welche wir auf Kärtchen notiert und auf den Tisch gelegt hatten, zum Ausdruck zu bringen.14 Die Diskussion, über die von uns offerierten Vornamen wurde dabei durch folgende Fragen angeleitet: Welche Namen gefallen Euch? Welche Namen gefallen Euch nicht und warum? Und könntet ihr Euch vorstellen, einen dieser Namen Euren Kindern zu geben? Im zweiten Teil haben wir fiktive Beispiele verschiedener Umgangsweisen von Personen mit ihrem Vornamen präsentiert. Dazu gehörte z. B. die Geschichte eines Namenswechslers, der einen in Deutschland gebräuchlichen Namen übernahm oder das Korrigieren eines Interaktionspartners, wenn dieser den Vornamen falsch ausgesprochen hat. Wir haben dann die Teilnehmerinnen nach möglichen Gefühlen der fiktiven Person und ihrer selbst beim Hören der Beispiele gefragt und wollten wissen, ob sie selbst ähnliche Situationen erlebt haben, wie sie damit umgegangen sind und ob die in den Geschichten dargestellten Handlungsstrategien auch für sie selbst in Frage kämen. Und schließlich haben wir im dritten Teil die Teilnehmerinnen danach gefragt, welche Erfahrungen sie in verschiedenen Kontexten mit ihrem Namen gemacht haben, wie sie sich dabei fühlten und wie sie mit den Reaktionen der Mehrheitsgesellschaft auf ihre Vornamen umgegangen sind.

Im Mittelpunkt der Datenauswertung und Interpretation der elf transkribierten Gruppendiskussionen steht das Namensmanagement in Bezug auf die symbolische Grenzziehung zwischen deutschen und herkunftsspezifischen Vornamen. Mit diesem recht konkreten Erkenntnisinteresse geht auch ein spezifisches Verfahren der Datenauswertung einher. Die Auswertung der Gruppendiskussionen folgt der Logik qualitativer Inhaltsanalyse mit dem Ziel einer Typenbildung (Mayring 2010; Kuckartz 2012). Ganz im Sinne der Grundphilosophie der „Grounded Theory“ (Strauss 1987) haben wir in einem Wechselprozess von Interviewinterpretation, Bildung von theoretisch gehaltvollen Kategorien mit Rückgriff auf die einschlägige Literatur, einer weiteren Interpretation der Interviews und einer Revision des theoretisch kategorialen Rahmens schrittweise Dimensionen herausgearbeitet, die die Sichtweisen und Deutungen der Befragten strukturieren. Die aus dem Material generierten sechs Dimensionen sind in Tabelle 1 in der ersten Spalte abgebildet und werden im nächsten Kapitel inhaltlich genauer erläutert. Entlang dieser Dimensionen konnten wir durch Zuordnung unserer Fälle insgesamt vier verschiedene Typen unterscheiden, die jeweils eine spezifische Form des Namensmanagements in Bezug auf die symbolische Grenzziehung zwischen deutschen und herkunftsspezifischen Vornamen repräsentieren.15

3 Ergebnisse

Bevor wir im Folgenden die von uns identifizierten vier Typen der Grenzarbeit und des Namensmanagements vorstellen, rekonstruieren wir in einem ersten Schritt, ob und in welchem Maße die Vornamen der von uns befragten Personen tatsächlich als Marker sozialer Identität interpretiert werden. Die Wahrnehmung einer salienten Grenze ist die notwendige Voraussetzung für eine Politik der Grenzarbeit.

3.1 Die Bedeutsamkeit von Vornamen als Marker migrantischer Identität

(1) Fast alle Diskussionsteilnehmerinnen haben ein ausgeprägtes Bewusstsein dafür, dass Vornamen die soziale Zugehörigkeit der Namensträgerinnen markieren und symbolische Grenzen definieren. Dies zeigt sich bereits zu Beginn der Gruppendiskussionen, als die Teilnehmerinnen die ihnen auf Karten vorgelegten Vornamen diskutieren. Theoretisch kann man Vornamen nach sehr unterschiedlichen Kriterien klassifizieren, z. B. indem man ästhetisch-klangliche Kriterien der Klassifikation anwendet. In allen Gruppendiskussionen stand von Beginn an die Zuordnung der Namen zu sozialen Gruppen im Vordergrund. So werden Vornamen ganz selbstverständlich bestimmten Geschlechts- und Altersgruppen sowie gesellschaftlichen Klassen und Schichten zugeordnet. Fast alle Gruppen diskutieren beispielsweise den von uns auf einer Karte notierten Namen Kevin und ordnen ihn explizit der (meist ostdeutschen) Unterschicht zu. So ergänzen sich zwei türkische Teilnehmerinnen in ihren Kommentaren: „Also mit Kevin verbinde ich eher so Personen, die aus dem Osten kommen. Ost-Berlin, ja? (T1)/ Stimmt, Jacqueline ist ja auch (T2)/ Jacqueline, Kevin, Rachel auch zum Beispiel (T1)/ Peggy! Diese ganzen Ossi-Namen! (lachen) (T2)“ (GD3: 250–253). Im Gegenzug interpretieren sie „Anne [als] die Außenseiterin. Die Studentin, so die Mitte 20erin… Die Alternative“ (GD3: 249). Zudem werden Vornamen mit religiösen Kategorien wie „Rachel, ist ne Jüdin, ne?“ (GD9: 31) und mit bestimmten Regionen „wie Brigitte…diese europäischen Namen“ (GD10: 189–190) in Verbindung gebracht.

Die Unterscheidung zwischen Migrantinnen einerseits und Deutschen andererseits bildet für die Gruppenteilnehmerinnen aber die bedeutsamste Grenze, die sie mit Vornamen assoziieren.16 Eine italienischstämmige Teilnehmerin bemerkt beispielsweise: „…also jede Name hat eine, also es ist eine Person, die aus einem Land kommt. Thang – China, Rachel – Deutschland, Rachel – (englisch ausgesprochen) England, Mohammed aus der Türkei“ (GD7: 16–18). Insbesondere scheinen alle Teilnehmerinnen eine klare Vorstellung davon zu haben, welche Namen als typisch deutsch gelten. So ergänzen sich zwei arabischstämmige Teilnehmerinnen bei ihrer Namenszuordnung wechselseitig: „Ja also das ist, das ist Marie, Rachel (T1) // Matthias deutsch (T2) // Deutsch ja, also das kann man von diesen Namen schon richtig schon Nationalität wissen… (T1)“ (GD6: 40–42).17

Die vorgenommene Klassifikation der Vornamen erfolgt dabei nicht immer einer binären Kodierung. Die meisten Teilnehmerinnen haben ein ausgeprägtes Gespür dafür, wie weit ein Name gleichsam von der Demarkationslinie der deutschen Grenze entfernt ist und welche Namen vielleicht im Grenzgebiet zwischen zwei Gruppen liegen. Kurze, einfache, lateinische oder hebräische Namen ohne Sonderzeichen wie beispielsweise Ela sowie Modenamen werden zwar als nicht deutsch, aber als nah an der deutschen Grenze liegend interpretiert, während lange, komplizierte, traditionelle Namen mit Sonderzeichen wie beispielsweise Maƚgorzata meist weit entfernt von der deutschen Grenze eingeordnet werden. So erklärt eine türkische Teilnehmerin, dass sie bei der Namensvergabe an ihr Kind „… schon drauf achten [würde], dass es eben so ne Namen sind, die zum Beispiel nicht zu komplizierte Buchstaben drin haben“ (GD1: 545–546).

Die Teilnehmerinnen unserer Gruppendiskussionen klassifizieren aber nicht nur die von uns vorgelegten Vornamen entlang der Unterscheidung „Inländer/Ausländer“, die meisten von ihnen können von verschiedenen Begebenheiten berichten, in denen ihr eigener Name von der Außenwelt als Marker ihrer Zugehörigkeit interpretiert wurde. Symptomatisch dafür steht folgende Erzählung eines bosnischen Teilnehmers: „Die Erfahrung ist ja, man wird runter reduziert auf seinen Namen und das ist ja wie mans haben will ist ja, dass man sofort gefragt wird: wo kommst du her? Also irgendwie als Fremdkörper wahrgenommen wird“ (GD5: 302–304). Und an späterer Stelle berichtet er, wie er in seinem neuen Job von seinen Kollegen gefragt wurde: „Wo kommen Sie her? Ich so: Aus Berlin. Wo genau? (lacht) So Charlottenburg. Sie wissen doch was ich meine! (lacht) Man wird sofort irgendwie, ja wo kommst du her? Du bist nicht hier zugehörig, also du musst von irgendwo hergekommen sein“ (GD5: 652–654). Fast identisch ist die Geschichte einer arabischen Teilnehmerin: „Ich hatte letzte Woche so einen, der hatte gesagt: Wo kommst du her? (…) Ich so: Ja, aus Köln (lacht). Dann sagt er zu mir so: ne, ne, ich mein schon deine Eltern. Ich so: Ja meine Eltern kommen auch aus Köln (lacht). Und er so: Ne, ich mein jetzt woher kommst du wirklich? Ich so: Ja, wirklich! (lacht) Das hat ihn voll auf die Palme gebracht“ (GD11: 409–412).

(2) Alle Teilnehmenden haben nicht nur ein Bewusstsein von der kategorialen Grenze, sie interpretieren die symbolische Grenze meist auch als eine soziale, weil sie entweder selbst mit ihrem Namen Diskriminierungserfahrungen gemacht haben oder von Erfahrungen anderer berichten können. Am deutlichsten wird dies bei Mohammed, dem Namen des islamischen Propheten und Religionsstifters, der für viele Muslime eine ganz besondere Bedeutung hat und der mit über 150 Millionen Namensträgern der weltweit häufigste Einzelname ist. Der Name Mohammed wurde in mehreren unserer Gruppen diskutiert und überall bestand Einigkeit darüber, dass der Name in Deutschland stark negativ konnotiert und entsprechend mit Nachteilen für den Namensträger verbunden ist. Ein türkischer Teilnehmer erklärt, wie beispielsweise Deutsche mit Mohammed „diese World Trade Center-Geschichte [assoziieren]. Der Haupt- äh angeblich Hauptpilot war ja auch Mohammed Atta. Wenn du auch den Namen sagst, fällt ja auch bei den Leuten immer diese Annahme: Ist das nicht dieser Typ, der da bei dem World Trade Center in dem Flugzeug saß“ (GD2: 588–590). Ein anderer türkischer Teilnehmer erzählt: „[M]ein anderer Cousin heißt Mohammed. Mein Cousin ist Immobilienmakler, die haben 10.000m² also… die haben was erreicht. Aber wenn er sich jetzt irgendwo bewirbt, bin ich mir sicher, ist es auch schwer für ihn“ (GD2: 614–617). Und eine türkische Teilnehmerin weiß von in Deutschland lebenden Kindern, die Mohammed heißen, Folgendes zu berichten: „Ich beobachte ja auch die Entwicklung in den Jahren in der Schule und im Kindergarten und die haben nur negativ, also die Kinder leiden richtig darunter“ (GD1: 183–184). Neben Mohammed werden zudem „Ali“ und „Osama“ als stigmatisierte Namen wahrgenommen.

Nahezu alle Diskussionsteilnehmerinnen können aber auch von moderateren Problemen berichten, die sie aufgrund ihrer nicht deutschen Namen erlebt haben. Besonders häufig wird von Hänseleien und Mobbing in der Schule berichtet. Andere erzählen von namensbasierten Problemen bei der Arbeits-, Wohnungs- und Partnersuche sowie in der Kommunikation mit Behörden. Abgesehen von den Kindheits- und Schulerlebnissen beziehen sich diese Erfahrungen vor allem auf Erstkontakte; Momente also, in denen man sich vorstellt und das Gegenüber noch nicht viel vom anderen weiß. Halten die Kontakte und Interaktionen über einen längeren Zeitraum an und eröffnen damit die Möglichkeit, sich persönlich näher kennenzulernen, scheinen Vornamen ihre Bedeutung als Marker symbolischer und sozialer Grenzen zu verlieren.

Auch wenn die Erfahrungen der Klassifizierung und De-Evaluierung aufgrund des Vornamens starke emotionale Reaktionen erahnen lassen, sprechen die Diskussionsteilnehmerinnen recht selten direkt über ihre Empfindungen. Bei Nachfragen weichen sie tendenziell aus und gehen wieder auf die Situationsbeschreibung zurück. Zudem wechseln manche Teilnehmerinnen von einer „Ich“- auf eine „Wir“- oder „Man“-Erzählung oder wählen das stellvertretende Berichten von Emotionen nicht anwesender Personen, die Stigmatisierungserfahrungen gemacht haben, um sich von den eigenen Emotionen zu distanzieren.

In manchen Diskussionspassagen sprechen die Teilnehmerinnen allerdings auch direkt über verschiedene Empfindungen und Affizierungen, die sie im Kontakt mit Deutschen aufgrund ihres Namens erleben. Diese Empfindungen werden dabei meist mit folgenden Worten beschrieben: „damit habe ich mich nicht wohl bzw. schlecht gefühlt“, „das war unangenehm“, „unbequem“, „das ist traurig“, „ich habe mich abgelehnt, verlassen, frustriert gefühlt“ oder aber „das war eine schöne Erfahrung“, „da habe ich mich gut gefühlt“. Dabei entstehen die Empfindungen immer dann, wenn der eigene Name richtig bzw. falsch kategorisiert wird bzw. die Namensträgerin als fremd, anders oder nicht dazugehörig abgewertet wird. Die richtige Zuordnung und Aufwertung führt tendenziell zu positiven Empfindungen, während Falschkategorisierung und Abwertung negative Gefühle auslösen. Teilweise werden diese Empfindungen auch kulturell gerahmt und mit konkreten Interpretationen verknüpft und somit in spezifische Emotionen wie Scham, Schuld, Angst, Wut, Ärger, Stolz und in ein Gefühl der Dazugehörigkeit überführt.

3.2 Vier Typen der Grenzarbeit

Wir haben aus dem Interviewmaterial vier verschiedene Typen der Reaktion auf symbolische und soziale Grenzziehungen rekonstruieren können (vgl. Tab. 1). Die vier Typen repräsentieren unterschiedliche Umgangsweisen mit der wahrgenommenen Grenze zwischen In- und Ausländern. Die Typen unterscheiden sich bezüglich (1) der Haltung, die Personen zur vorherrschenden symbolischen Ordnung einnehmen, (2) ihrer Beziehung zur Herkunftsidentität, (3) ihrer Situationsdefinition, (4) der leitenden Emotion und (5) der zentralen Motivation, die die Handlungen von Personen anleiten. Diese grundsätzlichen Orientierungen führen dann zu einem spezifischen Umgang mit dem eigenen Namen und dem Namen der eigenen Kinder (6).

Tab. 1:

Vier Typen der Grenzarbeit und des Namensmanagements

Dem ersten Typus, den wir als „äußerliche Grenzüberschreitung“ bezeichnen, ordnen wir diejenigen Handlungsmuster zu, welche die symbolische und soziale Grenze akzeptieren und sich in ihrer Vornamenswahl zumindest äußerlich an die Mehrheitsgesellschaft anpassen. Mit „Grenzaufweichung“ bezeichnen wir diejenigen Managementstrategien, die sich partiell an die existierende Grenzordnung anpassen, indem z. B. Namen gewählt werden, die in der Nähe der Demarkationslinie der symbolischen Grenze oder im Niemandsland zwischen den Grenzen liegen und damit zugleich die Hoffnung einer Grenzaufweichung verbinden. Im Gegensatz zu den ersten beiden Typen akzeptieren Handlungsmuster, die wir der „Grenzumwertung“ zuordnen, nicht die symbolische und vor allem nicht die soziale Grenze, die mit Vornamen einhergeht. Strategien, die zu diesem dritten Typus gehören, zielen auf eine Umwertung der Grenze durch eine Aufwertung von migrantischen Namen ab. Der vierte und letzte Typus ist schließlich dadurch gekennzeichnet, dass es hier zwar ein Bewusstsein existierender symbolischer Grenzen gibt, diese aber ignoriert werden, weil sich die Akteure fast präreflexiv an der Eigengruppe orientieren und alle Formen der Anpassung an das existierende Namenregime wie selbstverständlich nicht in Frage kommen. Wir bezeichnen diese Umgangsweise mit dem zugegebenermaßen etwas unhandlichen Begriff der „Grenzirrelevanz und Eigengruppenorientierung“.

Wir werden im Folgenden jeden der vier Typen nacheinander beschreiben. Im Mittelpunkt steht dabei eine dichte Beschreibung des für den Typus konstitutiven Umgangs mit dem Vornamen. Die Strategien des Namensmanagements werden dabei in hohem Maße durch die vier grundsätzlichen Orientierungen strukturiert. Dementsprechend stellen wir jeweils zuerst diese Orientierung vor, um dann ausführlicher die damit in Zusammenhang stehenden Umgangsweisen mit dem Vornamen zu analysieren.

Typ I: Äußerliche Grenzüberschreitung

Migrantinnen, welche eine Strategie der äußerlichen Grenzüberschreitung verfolgen, haben ein klares Bewusstsein dafür, dass Vornamen die migrantische Zugehörigkeit markieren und sich daraus (im deutschen Kontext) negative Folgen in Form von Diskriminierung und Stigmatisierung für die Namensträgerinnen ergeben können. Dies stellt die vorherrschende symbolische Ordnung aber nicht in Frage. Die Probleme, die sich mit dem eine migrantische Identität markierenden Namen ergeben können, werden nicht ursächlich der Mehrheitsgesellschaft zugerechnet, sondern sich selbst attribuiert.18 Der eigene Name gleicht einem Makel und einer Behinderung, die es erschweren, als gleichwertiges Gesellschaftsmitglied in Deutschland anerkannt und behandelt zu werden. Folglich gilt es, diesen Makel abzulegen, sich also öffentlich von der durch den Namen markierten nicht deutschen Identität und Zugehörigkeit zu distanzieren und durch Übernahme typisch deutscher Namen auf die andere Seite der Grenze zu wechseln.

Die Vermeidung von Diskriminierungs- und Stigmatisierungserfahrungen, meist gepaart mit ausgeprägten Aufstiegsaspirationen und dem Bedürfnis, als vollwertiges Gesellschaftsmitglied anerkannt zu werden, sind die zentralen Motive, welche die äußere Grenzüberschreitung anleiten. Welche die leitende Emotion dieser Strategien ist, wird von den Namenswechslerinnen meist nicht explizit angesprochen. Jedoch wird häufig in Bezug auf andere Personen, die einen deutschen Namen angenommen haben, Schamvermeidung als leitendes Motiv genannt. Dies zeigt sich beispielsweise bei dem von uns angebotenen fiktiven Fall eines afrikanisch-stämmigen 11-jährigen, der vor seinen Mitschülerinnen neue Namen für seine Eltern erfindet. Ein Teilnehmer antwortet z. B.: „Er schämt sich nur für seine Herkunft.“ Und nach Einspruch einer anderen Diskussionsteilnehmerin fügt er hinzu: „Ne, wenn er sich nicht schämen würde, dann hätte er auch den Namen seiner Eltern angegeben“ (GD10: 804–807). Mit der Anpassung an die wahrgenommene Grenze wird die vorherrschende symbolische Ordnung anerkannt und mit der Übernahme eines deutschen Namens auch ein stückweit reproduziert.

Interessant ist aber, dass mit der Namensassimilation in den meisten Fällen keine innere Anpassung einhergeht. Die Distanzierung zur Herkunftsidentität bleibt weitgehend äußerlich und die gefühlte Identität wird von der inszenierten Identität meist losgelöst gesehen, weswegen wir von einer äußeren Grenzüberschreitung sprechen.

Mit den skizzierten Orientierungen des Typus der äußeren Grenzüberschreitung gehen nun Strategien des Namensmanagements einher, die sich sowohl auf den Umgang mit dem eigenen Namen als auch auf die Wahl eines Vornamens für die eigenen Kinder beziehen. Im Mittelpunkt steht dabei der Namenswechsel, also die Übernahme eines in Deutschland typischen Namens und damit die Distanzierung vom ursprünglichen, herkunftsspezifischen Namen. Ein solcher Namenswechsel erfolgt meist nur temporär, ist auf bestimmte Lebensphasen und häufig auch auf bestimmte Lebensbereiche begrenzt.

Unter den Diskussionsteilnehmerinnen gab es keine Person, die einen umfassenden formalen Namenswechsel vorgenommen hat. Sie haben jedoch in nahezu jeder Diskussion auf entsprechende Beispiele aus dem Verwandten- und Bekanntenkreis Bezug genommen. Zudem sind einige von den Diskussionsteilnehmerinnen berichtete Namenswechsel von außen an die jeweiligen Namensträgerinnen herangetragen worden. Zwei Teilnehmerinnen erhielten beispielsweise von ihren Lehrerinnen bzw. Horterzieherinnen aufgrund ihrer schwierig auszusprechenden Namen deutsche Vornamen, welche sie dann für sich in der gesamten Schulzeit annahmen. So berichtet die vietnamesisch-stämmige „Steffi“ in Reaktion auf die Erzählung einer anderen Diskussionsteilnehmerin, die in der Schulzeit größere Probleme mit ihrem Namen hatte:

Ich hatte nicht unbedingt das Problem, aber ich bin mit nem deutschen Namen aufgewachsen – also was heißt aufgewachsen, ich hab in der ersten Klasse hat meine Hortnerin gesagt aus Spaß eigentlich, ob sie mir einen anderen Namen geben kann, weil sie meinen Namen nicht aussprechen können. Und dann war das die Entscheidung zwischen Steffi und Tine und dann hab ich seit der ersten Klasse Steffi angenommen und ähm… bis zur 10. wurde ich noch Steffi genannt, dann bin ich gewechselt auf ne andere Schule und hab dann angefangen mich als [vietnamesisch] vorzustellen, aber für meine engsten Freunde, die halt noch von der Grundschule kenne, die nennen mich immer noch Steffi (GD4: 110–117).

Die zweite Diskussionsteilnehmerin spricht explizit von erlebter Diskriminierung, welcher sie mit ihrem deutschen Namen „aus dem Weg“ gehen wolle. Beide wenden sich jedoch nach dem Schulwechsel bzw. Schulabschluss gegen ihren angenommenen deutschen und wechseln zurück auf ihren herkunftsspezifischen Namen. Und beide betonen, dass eine offizielle Namensänderung für sie nie in Frage gekommen wäre und dass sie heute jeglichen Namenswechsel strikt ablehnten.

Weitere Diskussionsteilnehmerinnen haben andere Gelegenheiten, insbesondere eine Heirat mit einem deutschen Partner, genutzt, um deutsche (Nach-)Namen anzunehmen. Dabei ist ihnen bewusst, welche Wirkung von ihren nun „superdeutschen“ Namen ausgeht und dass sie diesen strategisch einsetzen können, um vor allem ihre beruflichen Ziele zu erreichen. Ein besonders interessantes Beispiel liefert dabei eine polnisch-stämmige Teilnehmerin, die nach ihrer Hochzeit zwar offiziell einen deutsch-polnischen Doppelnamen angenommen hatte, in manchen Lebensbereichen aber nur den deutschen, in anderen dagegen den polnischen Nachnamen verwendet:

Und deswegen ich habe sozusagen (drei) Identitäten, also ich habe so offizielle Begegnungen in meinem Architektenbüro heiße ich Katja Sommer. In meinem Pass heiße ich Katja Sommer Kaczmarek und ich hab meinen künstlerischen Part wo ich Katja Kaczmarek heiße und ich merke, dass die Leute da ganz anders auf mich reagieren (GD9: 367–371).

Im späteren Diskussionsverlauf beschreibt sie die Reaktionen auf ihre verschiedenen Namen noch etwas nuancierter:

Ich wurde einfach, als Katja Sommer wurde ich als eine vollwertige und als eine Person, wo man gesagt hat: ach, das ist ein schöner Name. Oder das ist eine ja, sie gehören zu uns. Das ist irgendwie so was Positives, wir verstehen das, wir können das gut aussprechen und das hat sofort was mit Respekt zu tun und mit Anerkennung und sie gehören zu uns. Sie gehören zu uns. Und wenn ich gesagt habe Katja Kaczmarek aber dann in der gleichen Sprache, ne so, war man irritiert: Ja wieso denn Kaczmarek, also woher kommen Sie, also was ist das für ein Name oder können Sie den buchstabieren und dann hat man den falsch geschrieben, mich falsch angesprochen und dann war wurde ich auch – wie soll ich sagen – erst mal mit ein bisschen Zurückhaltung behandelt würde ich sagen. Man hat / Ich hab viel länger gebraucht um Vertrauen mit den Menschen aufzubauen mit meinen anderen Namen und ich wurde nicht zu Vorstellungsgesprächen eingeladen würd ich mal so sagen (lacht) Sommer. Ja Frau Sommer [unverständlich. In freundlichem Ton]. Also vor allem also schriftliche Dokumente mit dem Namen war ne ganz starke Veränderung in meinen Kontakten nach außen so würd ich sagen, aber auch in meiner direkten Kommunikation mit Menschen hat das eine totale Veränderung gegeben in meinem Leben, also mein Leben hat sich richtig umgestellt hier in Deutschland seitdem ich meinen Namen verändert hab(GD9: 384–400).

Alle hier erwähnten Namenswechslerinnen erleben ihren angenommenen deutschen Namen, insbesondere im Kontakt mit Deutschen, als positiv; dies gilt vor allem dann, wenn andere Identitätsmarker wie Aussehen und Sprachkenntnisse mit dem neuen Namen kongruent sind, die Ursprungsidentität also komplett verschwindet. Sie nehmen wahr, dass ein deutscher Name für sie Vorteile mit sich bringt und ihnen statt Ausgrenzung und Abwertung Respekt und Achtung auf gleicher Augenhöhe erwiesen wird.

Bei der Namenswahl für die eigenen Kindermanifestiert sich die Strategie der äußerlichen Grenzüberschreitung vor allem in der bewussten Vergabe eines deutschen Vornamens. Ein häufiges Argument ist, dass man sich im Herkunftsland zwar für einen anderen Namen entschieden hätte, jetzt, wo man aber in Deutschland lebe und die Kinder auch in Deutschland aufwachsen würden, sollte man Namen wählen, mit denen es die Kinder leichter haben würden, mit denen sie nicht von anderen Kindern gehänselt und gemobbt und von Lehrerinnen und Erzieherinnen diskriminiert und stigmatisiert würden. Oft wird davon gesprochen, dass Kinder „brutal“ im Umgang mit Andersartigkeit seien und dass man seine Kinder „schützen“ wolle. Die Hänseleien und Diskriminierungen seien dabei umso schwerer zu ertragen, je weniger die Kinder (dies gilt also besonders für die zweite und dritte Generation) einen Bezug zu dem einstigen Herkunftsland hätten und daher den Namen nicht mehr als ihre Wurzeln, sondern nur noch als „Behinderung“ wahrnehmen würden. Interessant ist auch, dass einige Diskussionsteilnehmerinnen, die für sich selbst keinen Namenswechsel vollziehen würden, bei der Namenswahl für die eigenen Kinder allerdings einen deutschen Namen in Betracht zögen. So erzählt eine polnische Teilnehmerin: „Wenn ich mir schon das Leben […] schwer mache […] dann hab ich doch diese Zugeständnis für die Kinder gemacht.“ Ein türkischer Teilnehmer begründet seine Entscheidung für einen deutschen Namen damit, dass die gesellschaftlichen und weltpolitischen Verhältnisse sehr mächtig sind und man mit der Wahl eines türkischen oder gar muslimischen Namens für sein in Deutschland aufwachsendes Kind nicht noch „Öl ins Feuer gießen müsse“, man die symbolischen Grenzen zwischen Migrantinnen und Einheimischen nicht noch verstärken und aufladen solle.

Wenn man diese ganzen Fakten mal hinterher sieht, von die ganzen Medien-Kampagnen und Hetz-Kampagnen gegen Muslime sind und wenn man immer sieht, dass es dieselben Medien sind, die sozusagen auch uns hetzen, muss man sozusagen das Beste aus der Situation machen und sich so möglich wie möglich den Kindern die Zukunft erleichtern – also bin ich der Meinung – indem man sozusagen noch irgendwie noch mit Benzin ins Feuern gießt, sondern halt wirklich so ne Grundlage schafft den Kindern eine vernünftigere Zukunft sozusagen auf die Beine zu stellen (GD2: 703–709).

Der hier beschriebene Typus ähnelt nicht nur begrifflich, sondern auch in den Motiven und in der Handlungspraxis der von Andreas Wimmer beschriebenen Strategie des „boundary crossing“ und weist zugleich Parallelen mit der von Erving Goffman (1967) beschriebenen Strategie des Sich-Verbergens und Versteckens und mit der von Michèle Lamont et al. beschriebenen Ausweichstrategie auf. Grundlegend ist hierbei die Erfahrung der Abwertung der eigenen Identität aufgrund des Vornamens; diese Abwertung wird nicht der Mehrheitsgesellschaft, sondern sich selbst bzw. dem eigenen Namen zugeschrieben und ist deswegen mit einem Gefühl der Scham verbunden. Die Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft erfolgt aber in aller Regel eher äußerlich.

Typ II: Grenzaufweichung

Grenzaufweichung ist der zweite Typus, den wir aus den Diskussionen rekonstruieren können. Migrantinnen, die dieser Namensstrategie folgen, haben ebenfalls ein Bewusstsein dafür, dass Vornamen die migrantische Zugehörigkeit markieren. Sie sind jedoch ambivalenter in der Einschätzung der Folgen der signalisierten Zugehörigkeit, weil sie in stärkerem Maße zwischen einer symbolischen und einer sozialen Grenze differenzieren. Vor allem Namen, die sich sehr stark von deutschen Vornamen unterscheiden, schwer auszusprechen und zu erinnern sind und aufgrund ihrer Fremdheit immer wieder Erklärungen der Namensträgerinnen erfordern, stellen aus ihrer Sicht für deutsche Interaktionspartnerinnen ein Problem dar. Die Teilnehmerinnen interpretieren die Reaktionen insbesondere auf grenznahe Namen jedoch weniger als Abwertung der Identität der Namensträgerin. Mit dieser Situationsdefinition, dass der Name selbst und nicht die durch den Namen angezeigte migrantische Identität das Problem ist, bringen sie Verständnis gegenüber den Deutschen auf, welche einfach „nicht in der Lage sind und sein können“, die fremd klingenden Namen auszusprechen. Um diesem Verständnis Ausdruck zu verleihen, rekurrieren sie auf Beispiele, in welchen sie selbst nicht wussten, wie ein Name auszusprechen ist oder ihn aufgrund von ungewohnten Lauten gar nicht aussprechen konnten. Sie erwähnen die enorme Vielfalt der Namen, die es unmöglich macht, auf alle Namen adäquat zu reagieren.

Zur Vermeidung von Missverständnissen, möglichen Ausgrenzungen und negativen Emotionen wie die des sich „fremd“ und „nicht dazugehörig“ Fühlens, wählen diejenigen, die diesem Typus zuzuordnen sind, Namen für sich oder ihre Kinder aus, die im Grenzbereich der verschiedenen Namenswelten zu verorten sind. Damit behalten sie einerseits ein stückweit ihre herkunftsspezifische Identität, erkennen aber auch das Erfordernis an, sich an die Mehrheitsgesellschaft anzupassen, um die Interaktion und Integration zu erleichtern.

Wie werden die skizzierten Orientierungen nun in die Praxis des Namensmanagements umgesetzt? Migrantinnen, die unter den Typus der Grenzaufweichung fallen, behalten meist ihren herkunftsspezifischen Namen, vereinfachen diesen (in den meisten Fällen informell und häufig auch nur im deutschen Kontext), indem sie den Namen abkürzen, Koseformen benutzen, ihren Namen oder dessen Aussprache eindeutschen oder an die deutschen Namensformate anpassen. Diese Vereinfachungen sind meist selbst gewählt und eher selten von Anderen an die Namensträgerinnen herangetragen. Immer bilden die Bürgerinnen der Aufnahmegesellschaft die signifikanten Anderen, an denen man seine Entscheidung orientiert. So berichtet ein serbischer Teilnehmer:

Ich denke mal für die Deutschen hier ist es ja auch nicht so einfach meinen Namen auszusprechen. Ich heiße Borivoje und das ist für die meisten Deutschen schwierig. Kürzung oder Kurzname davon ist Boris oder Boro (.) Boro gefällt mir nicht. Boris ja okay. Deshalb nennen mich alle meine Bekannte, Verwandte Boris so. Deshalb denke ich mal, werden wir so mit der Zeit auch also instrumentalisiert und wir werden angepasst wir passen uns hier halt den Gegebenheiten hier an auch mit den Namen (GD2: 264–269).

Andere Teilnehmerinnen haben ihre Namen freiwillig oder auf „Druck“ von Beamten im Zuge ihrer Einbürgerung eindeutschen lassen. Diese Situation ergibt sich insbesondere bei den (Spät-)Aussiedlerinnen sowie anderen Osteuropäerinnen. Namen werden mehr oder weniger präzise übersetzt. Aus „Jewgeni“ wird „Eugen“, aus „Iwan“ wird „Hans“ oder „Johann“ und aus „Fjodor“ wird „Friedrich“. In anderen Fällen kommt es „nur“ zur Kürzung einzelner Buchstaben oder zur Hinzufügung anderer, um die Namen stärker an die deutsche Schreiblogik anzupassen. Eine Aussiedlerin fasst beispielsweise die von den Beamten bei der Einbürgerung verordnete und von ihrem Mann und Sohn in der öffentlichen Sphäre angenommene Namensveränderung wie folgt zusammen:

Mein Mann ist Vitalij, „ij“ am Ende, das ist Rechtschreibung geht ohne „j“ – Vitali. […] Und die Beamten sagen: […] okay (lacht). Wir lassen ihn Vitali. Und jetzt Vitali schreibt ohne „j“ aber Vitalij auf Russisch. […] Und mein ältester Sohn, geboren in der Ukraine und kommt auf Ukrainisch Andrij, auch „ij“ und muss auch weg „j“ Andri, ohne j und ich muss Änderung und jetzt Andreas – aber geboren Andrij. Wir zu Hause immer Andruscha sagen. Aber für andere in der Schule und jetzt Andreas (GD8: 399–415).

Andere Teilnehmerinnen passen dagegen die Aussprache ihrer Namen an die deutsche Aussprache an und stellen sich selbst – obwohl sie natürlich in der Lage sind, ihren Namen richtig auszusprechen – mit einer deutsch ausgesprochenen Namensvariante vor. Und schließlich ergeben sich interessante, meist von außen angetragene, aber dann von den jeweiligen Namensträgerinnen angenommene, Veränderungen bei Namen, welche dem deutschen Namensformat von Vorname (vorne) und Nachname (hinten) nicht entsprechen. Dies betrifft insbesondere vietnamesische und russische Namen.

Vietnamesische Namen bestehen gewöhnlich aus drei Namen, einem Vor-, einem Mittel- und einem Familiennamen, wobei der Familienname immer an erster und der Vorname an letzter Stelle steht. Der gesamte Name folgt als Einheit eher einem spezifischen Sprachfluss oder -klang. Bei russischen Namen ist es hingegen üblich, die verweiblichte Form des Vaternamens oder die vermännlichte Form des Mutternamens dem eigenen Namen hinzuzufügen. Mit beiden Namensformaten haben manche Befragte in Deutschland vielfältige Probleme, die von „den Namen immer wieder erklären“ und „richtig stellen müssen“ bis hin zu technischen Problemen reichen, welche die Namensträgerinnen motivieren, ihre Namen an das in Deutschland übliche Format anzugleichen. Ein kurios anmutendes Beispiel liefert ein vietnamesischer Teilnehmer, der bei der Einbürgerung die Reihenfolge seiner Namen offiziell hat ändern lassen:

Also das Problem ist im Kindergarten. Die Lehrerin sagt: Wie heißt du? Sag ich Bui Ngoc Hao, weil ich es genau in dieser Form von meinen Eltern gelernt hab. Und wie spricht man dich an? Hao! Aber du musst doch den Namen, den Hao, der muss ja davor auch vor sein, das ist ja dein Vorname! Das hab ich die ganze Zeit nicht gecheckt gehabt und das hab ich dann einfach nur so: okay, Hao ist mein Vorname, weil damit werde ich angesprochen. Aber eigentlich heiße ich Ngoc Hao und keiner sagt zu mir Ngoc Hao. Und dieses Ngoc war immer so im Hintergrund und immer so mit: hä? Das ist dein Familienname. So. […] Ja also bei der Einbürgerung war dann die Frage: okay, was ist dein Vorname, was ist dein Familienname. Also eigentlich ist mein Familienname Bui und mein Vorname Hao. Ngoc Hao ist der Zuname, wird aber nie benutzt. Hab ich das Ngoc einfach nach hinten geschmissen und heiße jetzt Bui Ngoc mit Familienname und dieser Name existiert eigentlich gar nicht (lachen) aber der steht halt auch auf meinem Ausweis (lachen) (GD4: 349–366).

Dabei beschreiben alle Migrantinnen, die auf Strategien der Grenzaufweichung zurückgreifen, dass sie zwar zunächst ihre veränderten Namen komisch fanden, zugleich die Namensveränderung pragmatisch betrachtet und spielerisch gehandhabt haben und daher der Änderung emotionslos gegenüberstanden. „Das ist für alle jetzt deutlich leichter“, „das macht keine Schwierigkeiten mehr“, „das ist in Ordnung“ sind in diesem Zusammenhang typische Aussagen. Zudem haben sie sich mit der Zeit an die neuen Namen gewöhnt und fühlen sich jetzt mit ihnen wohl, was nicht zuletzt daran liegt, dass sie sowohl ein stückweit ihre alte, herkunftsspezifische Identität beibehalten und gleichzeitig den Problemen, die aufgrund ihrer komplizierten Namen entstanden sind, aus dem Weg gehen können.

Der Umgang mit dem Namen des Kindes äußert sich bei Migrantinnen, die zum Typus der Grenzaufweichung gehören, in der Wahl von Namen nahe der Demarkationslinie zu deutschen Namen. Dies können zum einen internationale, „neutrale“ Namen sein, als auch kurze, einfache und eher moderne Namen aus dem Herkunftsland, die keine Sonderzeichen und keine für Deutsche schwer auszusprechende Buchstabenkombinationen enthalten. Namen, die weit von der Demarkationslinie entfernt liegen wie traditionelle Namen der Herkunftsgesellschaft oder komplizierte und in Deutschland stigmatisierte Namen finden hingegen keine Anwendung. Und wenn dennoch einer dieser Namen verwendet wird, dann meist in Kombination mit einem deutschen Namen in Form von Doppelnamen. Ein serbischer Teilnehmer wendet sich beispielsweise wie viele andere Diskussionsteilnehmerinnen auch vehement gegen den in Deutschland als stigmatisiert wahrgenommenen Namen „Mohammed“ sowie gegen andere traditionelle Namen, die seiner Meinung nach für Kinder, die in Deutschland aufwachsen, nicht passen:

Ich muss sagen von den allen Namen ist der Einzige, der mir überhaupt nicht gefällt. Also das bei mir wenn jemand Mohammed heißt, ich streite auch mit Leuten die hier in Deutschland als Migranten leben in zweiter, dritter Generation, dann geben die ihren Kindern solche Namen Radivoi oder sowas (lachend) das passt gar nicht. Also irgendwann sollte man auch internationale Namen für Kinder nehmen. Ich habe also gegen diese Namen irgendwie bei Aise komischerweise nicht. Da stelle ich mir immer so ne Frau in irgendwelchen Pumphosen vor, die türkischen Mokka macht oder so ein Tablet ein [undeutlich] stickt. Allen hört sich so sehr schön international an […] Bei Ante ist das so ein bäuerlicher Name für mich also so ein archaischer alter Name und gefällt mir auch nicht besonders (GD3: 180–189).

Interessant ist auch ein Beispiel einer russischen Teilnehmerin, die über die Namenswahl für ihren ebenfalls bei der Diskussion anwesenden Sohn spricht. Da sie einen deutschen Mann geheiratet hat, begannen die Eltern bei der Suche nach einem Namen für das Kind zwar mit deutschen, überlegten aber zugleich, wie man den deutschen Namen an das Russische anpassen kann. Offensichtlich sind die Eltern darum bemüht, mit dem Namen einerseits eine Verbindung zu den eigenen Wurzeln herzustellen und zugleich den Namen für Deutsche anschlussfähig zu machen.

Ähnlich wie der Typus der äußeren Grenzüberschreitung ist auch die Strategie der Grenzaufweichung begrifflich wie inhaltlich an die von Andreas Wimmer und anderen Autoren entwickelte Typologie anschlussfähig und entspricht der Strategie des „boundary blurring“. Zudem ähnelt der beschriebene Typus Erving Goffmans moderater Strategie des sich Verbergens, von Goffman auch als Diskretion bezeichnet. Legt man den Typologisierungsvorschlag von Lamont et al. zugrunde, dann handelt es sich beim Typus der Grenzaufweichung um eine Namenspolitik zwischen ausweichender und konfrontativer Strategie.

Typ III: Grenzumwertung19

Migrantinnen, die Strategien der Grenzumwertung verfolgen, haben ein besonders ausgeprägtes Bewusstsein davon, dass Vornamen die migrantische Zugehörigkeit markieren. Im Unterschied zu den anderen Typen ist hier besonders zu betonen, dass die Grenze nicht nur eine symbolische, sondern vor allem eine soziale darstellt, weil sich aus dem Vornamen negative Folgen in Form von Stigmatisierung und Diskriminierung für die Namensträgerinnen ergeben.

Ausgangspunkt für die Namensstrategie der Grenzumwertung ist eine spezifische Situationsdefinition, welche sich deutlich von den beiden zuvor beschriebenen Typen unterscheidet. Migrantinnen, die die Strategie der äußeren Grenzüberschreitung verfolgen, schreiben die Probleme, die sich mit ihrem Namen in Deutschland ergeben ihrer durch den Namen markierten und auf Grundlage der symbolischen Ordnung bewerteten migrantischen Identität zu. Migrantinnen hingegen, die grenzaufweichende Strategien praktizieren, deuten die Grenzerfahrungen häufig als sprachliche Probleme. Bei Migrantinnen, die grenzumwertende Strategien verfolgen, liegt hingegen eine andere Form der Attribution vor: Die „Schuld“ ihrer namensbasierten Probleme ordnen sie der stigmatisierenden deutschen Mehrheitsgesellschaft zu. Sie verschieben und externalisieren die Verantwortung damit weg von dem eigenen Namen und der damit verbundenen migrantischen Identität hin zu der Person, die den Namen interpretiert. Ein junger russischer Diskussionsteilnehmer erläutert seine Situationsdefinition folgendermaßen:

Also ich denk letztendlich kommt es nicht auf den Namen an, sondern es kommt immer auf die Person an, die den Namen deutet oder interpretiert, denn wenn eine Person sag ich mal eine voreingestimmte Meinung hat, also sag ich mal Vorurteile dem gegenüber hat, dann wird auch irgendwas an seinem Namen finden oder wenn‘s nicht sein Name ist, ist sein Aussehen, wenn‘s nicht sein Aussehen ist, ist‘s seine Aussprache. Er wird immer irgendwas finden, was er an ihm auszusetzen hat und wird’s auch äußern. Deswegen ich finde, ein Name ist wie gesagt, ein Name ist ein Name, man sollte ihn auch nicht verändern und ich finde man sollte es auch niemanden irgendwie jemanden Recht machen, man sollte immer auf sich gucken und wie gesagt einfach aufgeschlossen gegenüber Namen sein, ich mein es ist ein Name, das ist jetzt keine Persönlichkeit (lacht). (GD10: 1024–1033).20

Meist fühlen sich dieser Strategie verbundene Migrantinnen in ihrer Identität nicht respektiert und entsprechend ausgegrenzt. Die Mehrheitsgesellschaft besitzt ihnen gegenüber Vorurteile und negative Stereotype und behandelt sie „achtungs- und respektlos“, weil sie sich einfach keine Mühe geben will, ihre Andersartigkeit anzuerkennen.21

Manche Teilnehmerinnen gehen über eine individuelle Schuldzuweisung hinaus und sprechen von Rassismus und gesellschaftlichen Machtverhältnissen, die zu einer Abwertung aufgrund ihrer Vornamen führen. Die beschriebene Situationsdefinition führt zu Frustration, Ärger und Wut und zwar auf die Diskriminierenden und Stigmatisierenden sowie die gesellschaftlichen Machtverhältnisse insgesamt. Diese Emotionen sind gepaart mit Stolz auf die eigene Herkunft. Im Gegensatz zu den anderen Typen in den Gruppendiskussionen sprechen die Teilnehmerinnen die Gefühlslagen klarer an und formulieren sie präziser. So beschreibt ein anderer russischer Teilnehmer seine Emotionen im Umgang mit Ämtern, die sich keine Mühe geben, seinen Namen richtig zu schreiben, wie folgt:

Also ich weiß, ich verabscheue es, wenn sie – vor allem Ämter – meinen Nachnamen falsch schreiben oder andere Leute, weil die können ja nachfragen wie es richtig geschrieben wird und wenn man das selbst noch mal geschrieben hat oder das im System irgendwo gespeichert ist, wie es richtig geschrieben wird, kann ich es nicht verstehen, warum ein Amt dann meinen Namen falsch schreibt. Also ich hasse das wie die Pest(GD10: 562–566).

Die Kehrseite der Äußerung von Ärger und Wut bildet die Abwehr von Scham. Da diejenigen, die den Namen interpretieren, das Problem sind und die Namensträgerin unfair behandeln, sei Scham nicht die adäquate Emotion in dieser Situation. Ein vietnamesischer Teilnehmer beurteilt das bereits erwähnte Beispiel des afrikanisch-stämmigen Jungen Kwesi folgendermaßen:

Also ich würde das jetzt so verstehen, dass er sich für etwas schämt und das finde ich krass, warum sollte er sich für den Namen seiner Eltern schämen? In der Klasse quasi zu sagen wie seine Eltern heißen, weil dann wahrscheinlich irgendeine Art von Reaktion befürchtet mit der er irgendwie nicht klarkommt und das – also dieser Sache würde ich schon auf den Grund gehen wollen, also. Also bzw. ein Klima zu schaffen, wo er nicht lügen muss, weil er lügt ja einfach und das glaub ich eine legitime Frage, wie er überhaupt auf den Gedanken kommt kreativ zu werden und zu lügen, also… das ist traurig, ja, find ich schon. Wie siehst du das?(GD4: 920–926).

Grenzüberschreitungen, die konstitutiv für den ersten Typus sind, werden hingegen als „Verrat“, „Verleumdung“, „sich verkaufen“ und „Lüge“ dargestellt, die denjenigen, die Vorurteile haben „Recht geben“ und zudem nur von „schwachen“ Menschen praktiziert würden. Stattdessen versuchen sie die Grenze und die damit verbundene symbolische Ordnung umzuwerten. Anstatt die Ordnung durch kleine Einzelhandlungen, wie es die Grenzüberschreitenden praktizieren, zu reproduzieren, streben sie eine Veränderung der symbolischen Ordnung insgesamt und daher eine kollektive Lösung an.

Wie werden die skizzierten Orientierungen in die Praxis des Namensmanagements umgesetzt? Migrantinnen, die diesen Strategien folgen, wählen meist einen offensiven Umgang mit ihren herkunftsspezifischen, traditionellen Namen; sie stehen zu ihrem Namen und bringen zum Ausdruck, dass sie ein Recht auf Anerkennung haben. Ihre Namenspolitik ist eine Politik des Protests und von „Voice“. So erklärt beispielsweise ein serbischer Teilnehmer, wie er seinen Namen in Vorstellungssituationen laut und deutlich ausspricht, dabei die sogenannte „James-Bond-Methode“ benutzt und ggf. seine Interaktionspartner korrigiert, falls diese den Namen falsch betonen:

Es gibt aber Situationen, also gerade weil ich viel in der Öffentlichkeit unterwegs bin, also auch politisch, dann besteh ich also, wenn ich dann irgendwo vorgestellt werde, ich berichtige dann. Ich habe auch gelernt, weil ich sehr viel als Dozent arbeite, dass man auch gerade Migranten sollen darauf bestehen ihr Namen richtig auszusprechen. Hier gibt es also viele Migranten, die nuscheln so ihren Namen hin, gerade so aus der eigenen Unsicherheit, die sollen das richtig pointiert rüberbringen und da hab ich auch von einem alten Dozenten erfahren, Dozenten gelernt wie man das macht. Also man soll sich auch als Migrant und auch als… er sagt hier die Migranten, sollen das nach der James-Bond-Methode machen. […] Und ich mache das tatsächlich so. Mein Name ist Petrović, Dragan Petrović. Und dann hört man zu. Wenn ich… „wie ist ihr Name?“ Meine Name ist Dragan Petrović (nuschelnd). […] Sag ich aber Petrović (klar artikulierend) also mit einem anderen Akzent, dann merkt man sich das schon(GD3: 918–932).

Andere Teilnehmerinnen buchstabieren ihren Namen nach dem deutschen Buchstabieralphabet, damit das Gegenüber sich den Namen besser merken oder korrekt schreiben kann oder erklären die Bedeutung und Herkunft des eigenen Namens. Eine türkische Teilnehmerin berichtet beispielsweise von der Reaktion ihrer Kolleginnen, nachdem sie ihnen die Bedeutung ihres herkunftsspezifischen Namens erklärt hat: „und als ich das dann erklärt habe, fanden die das dann einfach schön und dann meinten die: ja, mein Name hat nicht so eine schöne Bedeutung zum Beispiel“ (GD2: 1325–1326).

Die Namenswahl für die eigenen Kinder orientiert sich vor allem an traditionellen herkunftsspezifischen Namen. Damit ist die Intention verbunden, die Kinder zu starken Persönlichkeiten mit großem Selbstbewusstsein zu erziehen, welche ihren Namen und ihre Identität nach außen hin gut vertreten können. So erklärt eine türkische Teilnehmerin, die für ihr Kind einen traditionellen Namen wählen würde: „Ich finds, also ich glaube wenn das Kind weiß wo wir, woher der Name kommt und was es bedeutet und man sozusagen dem Kind so viel Selbstvertrauen mit auf den Weg gibt, dass es damit umgehen kann, dann ist es glaube auch nicht so schwierig“ (GD1: 543–545).

Neben dem offensiven Umgang mit dem eigenen Namen bzw. der Vergabe herkunftsspezifischer Namen versuchen diesem Typus folgende Migrantinnen durch Aufklärung und die Aufwertung der eigenen Gruppe die Grenze und die damit verbundene symbolische Ordnung neu zu schaffen. Dazu gehört die Interpretation der eigenen Gruppe als besondere – „als Migrant hat man einen Tick was Besonderes, man ist ein Unikat“ oder durch besondere Leistungen hervorzustechen, was meist mit den Worten beschrieben wird „man muss ihnen nur zeigen, was man kann, welche Fähigkeiten man hat“, „man muss zehn Mal besser sein als die Deutschen“, „wenn sie mich erst einmal richtig kennengelernt haben…“ und „ich gebe mir auch Mühe“. Ein bosnischer Teilnehmer beschreibt dies folgendermaßen:

Naja das wäre dann in meinem Verständnis oder Verständnis vieler ist es so, dass man in der Arbeit vielleicht besser sein muss, im Studium vielleicht etwas markanter auffallen muss, solche Sachen halt, also das war für mich immer so ein Ansporn zu sagen: da müsstest du vielleicht ein bisschen besser sein. Das ist mir in die Wiege gelegt worden, weil wie gesagt bei uns Bosniern ist es so: du musst lernen, lernen, lernen(GD 5: 696–700).

In den skizzierten Fällen geht es letztlich darum, den Deutschen zu zeigen, dass man durch Mühe, Fleiß und das Vorweisen von besonderen Fähigkeiten auf gleicher Augenhöhe miteinander umgehen kann, dass man vertrauenswürdig, kompetent und es wert ist, Akzeptanz und Respekt zu empfangen. Ein türkischer Teilnehmer erzählt beispielsweise, wie er als einziger „Schwarzkopf“ bei der Bundeswehr binnen kurzer Zeit zum „Lieblings-Achmed“ geworden ist, der sogar offiziell zur Vertrauensperson gewählt wurde. Und andere wünschen sich, dass es mehr erfolgreiche Mohammeds in der deutschen Gesellschaft gäbe – Ärzte, Juristen, etc. – „dass man es dann sieht: Das geht!“. Man brauche nur ein wenig Zeit und Geduld, bis sich eine vertrauensvolle und freundschaftliche Beziehung aufbaue, dass man sagen kann: „gehe zum Mond, bring etwas, sie machen das für mich.

Auch eine Abwertung der Stigmatisierenden gehört zum Repertoire des hier beschriebenen Typus. Diese kommt dann zustande, wenn die Reaktionen auf den eigenen Namen und die Identität als Diskriminierung oder Stigmatisierung empfunden werden. Eine arabische Teilnehmerin skizziert ihre Reaktion dabei folgendermaßen:

„Ja, also für mich, ich nehme keine Vorsicht vor Deutschen. Weil das ist, wenn sie uns nicht respektieren oder wegen Name oder uns bezeichnet wegen Name, sie sind für mich wirklich sehr schwach, schwachsinnig für mich“ (GD6: 208–210).Und auf das Falschaussprechen seines an sich einfachen Namens antwortet ein vietnamesischer Teilnehmer: „Bist du da auf den Kopf gefallen, weil du das nicht kannst oder […] du hast jetzt die Möglichkeit etwas Neues dazuzulernen und ich vermittle es dir aufrichtig“ (GD4: 729–731).

Der Typus der „Grenzumwerter“ ähnelt weitgehend Wimmers Beschreibung der Strategie der „Transvalation“. Parallelen ergeben sich auch zu dem, was Goffman als re-interpretierendes und kompensierendes Stigma-Management und Lamont et al. als konfrontative Strategie beschrieben haben.

Typ IV: Grenzirrelevanz und Eigengruppenorientierung

Während der Umgang mit dem eigenen Namen bzw. dem Namen der Kinder bei den ersten drei Typen als eine Strategie im Sinne einer Reaktion auf die symbolische und soziale Grenzziehung innerhalb des deutschen Kontextes interpretiert werden kann, ist der vierte Typus dadurch gekennzeichnet, dass eine bewusste Grenzpolitik gar nicht erst in Betracht gezogen wird. Obwohl die vorherrschende Klassifikationsordnung der Vornamen zur Kenntnis genommen wird, hat diese kaum einen Einfluss auf den Umgang mit dem eigenen Namen bzw. auf die Namensvergabe. Die Grenze ist für das eigene Handeln weitgehend irrelevant, weil man sich fast ausschließlich und selbstverständlich an der Eigengruppe orientiert. Namen ergeben sich gleichsam automatisch durch die familiäre Herkunft und aus der Tradition des Herkunftskontextes, zu denen sich die Migrantinnen ganz selbstverständlich und unhinterfragt zugehörig fühlen. Die konkrete Namenspolitik ähnelt damit dem Typus 3 (Grenzumwertung), die Motive hingegen sind sehr unterschiedlich. Dem Typus „Grenzirrelevanz“ geht es nicht um Protest gegen die hegemoniale Namensordnung des Aufnahmelandes, sondern um die Konservierung des Gewohnten – oder in der Begrifflichkeit Albert O. Hirschmans formuliert: nicht „voice“ ist das treibende Motiv, sondern „loyality“ gegenüber der Herkunftsgruppe (Hirschman 1970).

Vertreterinnen dieser Gruppe betonen immer wieder, dass für sie Vornamen stark emotional aufgeladen sind und mit Bedeutungen assoziiert werden, welche dem Kind mit der Vergabe des Namens z. B. als Tugenden mitgegeben werden. Der Name verschmilzt daher so stark mit der Identität der jeweiligen Person, dass es unmöglich und fast schon undenkbar erscheint, diesen Namen aufzugeben, ohne damit einen großen Teil der eigenen Identität zu verlieren. Name und Identität sind fest verschmolzen und durch die Geburt festgelegt, so dass die Option, den eigenen Namen zu ändern, einfach nicht in Frage kommt. Die betroffenen Migrantinnen erdulden entweder die Erfahrungen von Diskriminierung und Stigmatisierung oder „lösen“ sie dadurch, dass sie mit dem Gedanken spielen, den stigmatisierenden Kontext zu verlassen, in dem sie z. B. in ihr Herkunftsland re-migrieren oder in ein anderes Land gehen.

Dieser Strategie folgende Migrantinnen betonen, dass sich aufgrund der Verquickung von Vornamen und migrantischer Identität und der Tatsache, dass die Eltern durch die Wahl eines bestimmten Vornamens ein solches Junktim hergestellt haben, ein Namenswechsel gegen die eigenen Eltern sowie das Identitätsangebot richten würde. Sich gegen die Eltern und die eigene Identität zu richten, ist aber so stark emotional aufgeladen, dass es geradezu absurd erscheint, z. B. aufgrund materieller Vorteile einen Namenswechsel anzustreben. Dies wird im folgenden Gespräch zwischen zwei bosnischen Teilnehmerinnen deutlich, die über die Option einer Namensänderung sprechen:

Das ist aber auch so, ich muss immer daran denken, dass tut jede Mutter, jeder Vater überlegt sich: wie nennt er sein Kind. Das ist keine Entscheidung, die man einfach so trifft, glaub ich, selbst wenn man sein Kind [?] oder [?] oder sonst wie auch nennst, du denkst dir ja irgendwas dabei. Und dann gerade auch bei uns bei unserer Sozialisation ist das ja auch so, dass der Name, dass das Kind einen besonders schönen Namen haben soll mit einem beispielsweise einen besonders, wie sagt man ‚virtue‘. Einen Namen, die zum Beispiel eine Tugend verkörpert, dann möge dieses Kind diese Tugend später annehmen und wenn ich mir jetzt denke, dass meine Mutter mir meinen Namen aus irgendeinen bestimmten Grund gegeben hat, weil sie was Gutes für mich wollte in dem Sinne und ich lege diesen Namen ab damit ich nen Job bekomme auch wenn das was Existentielles ist, ist es trotzdem etwas viel zu Emotionales, als dass ich etwas materiell dem hingeben könnte, glaub ich.

Also meiner Meinung nach, man kann sich seinen Namen nicht aussuchen, man bekommt ihn von den Eltern und man muss ihn wenn man alt wird, also das ganze Leben lang tragen und für mich würde es sein, wenn ich meinen Namen verändere oder aufgeben würde, dass ich einen Teil von meiner Identität verloren. So würde ein Teil von meiner Identität verloren gehen(GD5: 422–435).

Auch bei der Wahl eines Vornamens für die eigenen Kinder spielt die Bindung an die Herkunftsidentität eine entscheidende Rolle. Argumente wie eine gute Aussprech- und Schreibbarkeit des auszuwählenden Namens, ein möglichst geringer Verweis auf die migrantische Herkunft oder die komplette Vermeidung bestimmter stigmatisierender Namen, um eventuellen Problemen auf dem Arbeitsmarkt aus dem Weg zu gehen, erwähnen diese Migrantinnen nicht oder lehnen sie als „absurd“ anmutend ab, wie die folgende Aussage einer türkischen Teilnehmerin zeigt:

Ich würde es eher vorziehen wirklich dem Kind einen wirklich bedeutenden Namen zu geben, wonach es auch am besten, also irgendwie irgendwas woran es sich auch halten kann und auch religiös erziehen und nicht sagen wie die meisten modernen Türken heute sind äh…einfach ich pass mich der deutschen Gesellschaft an, vergiss deine Identität und leb den Islam nicht, Hauptsache du kommst weiter in diesem Leben und im Berufsleben. Das ist für mich ein bisschen absurd (GD2: 576–583).22

Weiterhin finden wir bei den Personen, die wir dem Typus „Grenzirrelevanz“ zuordnen, eine klare Unterscheidung zwischen Modenamen bzw. Namen ohne tiefgehende Bedeutung einerseits und Namen, die im Herkunftskontext eine lange Tradition haben, auf bedeutende Persönlichkeiten oder Heilige hinweisen oder bestimmte Tugenden verkörpern, andererseits. Der bei vielen Diskussionsteilnehmerinnen als stigmatisiert wahrgenommene Name Mohammed erhält in dieser Gruppe beispielsweise eine positive Bedeutung wie eine türkische Teilnehmerin erläutert:

Ich finde zum Beispiel die Bedeutung eines Namens immer auch wichtig. Also ich fänd jetzt Deniz zum Beispiel ja, ist ein schöner Name, aber die Bedeutung ist halt einfach Meer (lacht), aber viel mehr hat das jetzt auch nicht an Bedeutung. Dahingegen ist zum Beispiel Mohammed ist der Name von unserem Propheten. Und da ist zum Beispiel auch die Dimension schon etwas anders, für mich jetzt zum Beispiel (GD2: 54–64).

Neben der Bedeutung des Namens sind es aber vor allem Namensvergabetraditionen, die es unabhängig vom Kontext des Einwanderungslandes weiterzuführen gilt und die die Namensvergabe determinieren. Dazu zählen insbesondere die Weitergabe der Namen der Eltern oder Großeltern, teilweise auch der Paten oder die Entnahme aus dem orthodoxen Kalender, der für jeden Tag im Jahr bestimmte Heiligennamen festlegt, die sich dann nach dem Tag der Geburt des Kindes richten. Anmerkungen zu den Aussagen über die Namenswahl mit Worten wie „natürlich“ oder „automatisch“ deuten darauf hin, dass die Vergabe eine Art von vorreflexiver Handlung ist und keine anderen Optionen oder Alternativen mitdenkt, wie zum Beispiel die Ausführungen einer libanesischen Teilnehmerin verdeutlichen:

Wenn der Papa von meinem Mann Mohammed heißt, das wäre schon, dass mein Sohn natürlich Mohammed heißt (GD6: 133–135).

Das ist kein Muss! Aber das kommt automatisch, also kann man, also weil mein Mann ist der älteste Sohn bei seinen Eltern und das ist ja, das ist weiter, das erweitert sich. Also mein Sohn heißt Mustafa, das ist ein Synonym für Mohammed, aber ich habe wirklich meinen Sohn bevor er auf der Welt kommt, bevor ich schwanger wurde, das schon, dass wenn ein Junge, das es heißt Mustafa. Deswegen jetzt bin ich auf die Idee gekommen, wenn überhaupt jetzt, weil wir sollen uns vorstellen, dass ich schwanger wäre, ja, also nach Papanamen, Opanamen (GD6: 139–145).

Interessanterweise werden Diskriminierungs- und Stigmatisierungserfahrungen in Bezug auf die Namensvergabe, aber auch im Umgang mit dem eigenen Namen, kaum diskutiert. Bei einer Antizipation namensbasierter Diskriminierung und Stigmatisierung würden die Befragten eher den Kontext wechseln, als sich in der Namenswahl an die deutsche Namenshegemonie anzupassen. „Dann geh ich einmal vielleicht um den ganzen Globus, aber geh trotzdem meinem Traum hinterher und irgendwann schaff ich es auch,“ sagt ein türkischer Teilnehmer, als sich die Diskussion um dieses Thema dreht. Zugleich scheint die Option, gegen die vorherrschende symbolische Ordnung in Deutschland anzukämpfen (wie das bei den Grenzumwertern der Fall ist), gar keine Rolle zu spielen; entweder man wird so akzeptiert wie man ist oder man verlässt den Kontext, wie ein Gespräch zwischen einer arabisch-stämmigen Mutter und ihrer Tochter verdeutlicht:

Ne, also ich geh wieder zu meine Heimatland.“ (M)// „Genau, ich würde auch zurück [unverständlich].“ (T)// „Also ich werde schon zurück zu meine Heimatland gehen, ich werde das nicht akzeptieren, wenn ich kein Lösung finde, weil ich kann nicht leben, dass sie mich akzeptieren, wenn ich meine Name ändere.“(M)//„[unverständlich] also man muss auch nicht direkt in die Heimat gehen, wenn man das nicht will, aber nach geschlossenen Tür gibt’s ja eine offene und dann bin ich immer noch der Meinung, dass man lieber auswandert oder irgendwo anders umzieht, weil wenn man hier nicht sein Leben gestalten kann, kann mans auch woanders wieder starten, daher… Leben neu aufbauen geht immer (T) (GD: 323–327 & 340 -344).

Lässt sich die Idee der Loyalität gegenüber der Herkunftsgruppe in Deutschland nicht realisieren, dann führt dies nicht zu „Voice“ wie beim Typus 3 (Grenzumwertung), sondern im Sinne Hirschmans (1970) zu einer Exit-Strategie.

Da es sich bei dem skizzierten Typ IV im Kern nicht um eine Strategie im Sinne einer Wahlentscheidung und einer gewählten Reaktion auf symbolische Grenzziehung und Stigmatisierung handelt, lässt sich dieser Typus auch nicht an die von Wimmer, Goffman und Lamont et al. entwickelte Typologie anschließen.

5 Ausblick

Auf der Basis von elf Gruppendiskussionen mit über 50 Migrantinnen unterschiedlicher Herkunft sind wir der Frage nachgegangen, wie diese Personen die symbolische Ordnung der Vornamen interpretieren, ob und welche Diskriminierungserfahrungen sie gemacht und vor allem, welche verschiedenen Strategien des Umgangs mit der symbolischen und sozialen Grenze zwischen deutschen und herkunftsspezifischen Vornamen sie entwickelt haben. Dabei konnten wir erstens zeigen, dass alle Diskussionsteilnehmerinnen ein ausgeprägtes Bewusstsein dafür haben, dass Vornamen als bedeutsame Marker symbolischer Grenzen fungieren, weil sie die von uns dargebotenen Vornamen nach ethnischer Herkunft kategorisieren und zugleich von vielen Erfahrungen der Klassifikation aufgrund des eigenen Vornamens berichten konnten. Zweitens zeigte sich, dass alle Teilnehmerinnen die symbolische Grenze in der Regel als eine soziale interpretieren, weil sie entweder selbst mit ihrem Namen Stigmatisierungs- oder Diskriminierungserfahrungen gemacht haben oder von ähnlichen Erfahrungen anderer berichten können. Und schließlich konnten wir drittens nachzeichnen, dass und wie sich die Teilnehmerinnen – auch wenn sie von ganz ähnlichen Erfahrungen der Wahrnehmung, Klassifikation und Evaluation ihrer Vornamen berichten – in ihren Reaktionsweisen auf die symbolische und soziale Grenzziehung unterscheiden und sehr verschiedene Umgangsweisen mit der wahrgenommenen Grenze zwischen Inländern und Ausländern entwickelt haben.

Vier, jeweils mit spezifischen Grundorientierungen einhergehende Typen des Namensmanagements lassen sich aus den Interviews rekonstruieren: die durch die Übernahme bzw. Wahl deutscher Vornamen gekennzeichnete äußere Grenzüberschreitung (Typ I), die durch eine Vereinfachung eigener Vornamen bzw. der Wahl von Vornamen nahe der deutschen Demarkationslinie geprägte Grenzaufweichung (Typ II), die durch die offensive Vergabe von migrantischen Vornamen sowie deren Aufwertung vollzogene Grenzumwertung (Typ III) und schließlich die präreflexive, den eigenen herkunftsspezifischen Traditionen folgende Grenzirrelevanz (Typ IV). Was kann man aus diesen Befunden für den breiteren Kontext der Integrationsforschung lernen? Vier Punkte scheinen uns erwähnenswert zu sein.

(1) Ein Teil der quantitativ ausgerichteten Forschung betrachtet die Integration von Migrantinnen nicht selten in dichotomen oder graduell abgestuften Kategorien der Assimilation. Dies gilt auch für die wenigen Studien, die Vornamen als Indikatoren für die identifikative Integration von Migrantinnen in die sogenannte Zielgesellschaft bzw. als Anzeichen für die Bindung an die Herkunftsgesellschaft analysiert haben (vgl. Sue & Telles 2007; Becker 2009; Gerhards & Hans 2009). Unsere Analyse zeigt hingegen, dass das Verhalten von Migrantinnen zur Aufnahmegesellschaft wesentlich pluralere Formen aufweist: Einige Akteurinnen trennen zwischen äußerer Anpassung und innerem Empfinden (Typ I), andere wählen hybride Formen der Grenzpolitik (Typ II) und wieder andere zeigen sich vollkommen unberührt von der symbolischen Grenzziehung im Aufnahmeland und folgen den Traditionen des Herkunftslands, ohne dass damit ein Empfinden der Segregation und Nichtintegration einhergeht (Typ IV).

(2) Unsere Ergebnisse zeigen weiterhin, dass die Wahrnehmung von Grenzen und das eigene Namensmanagement nur selten gleichsam selbstinduziert und herkunftsbezogen erfolgt (wie bei Typ IV), sondern häufig als eine Reaktion auf die existierende symbolische Ordnung im Aufnahmeland begriffen werden muss. Der Umgang mit dem eigenen Namen als auch die Namensvergabe sind häufig erst die Antwort auf Erfahrungen, die Migrantinnen in der Mehrheitsgesellschaft gemacht haben, wie sie also aufgrund ihrer Vornamen kategorisiert, stigmatisiert und diskriminiert wurden (Typ I-III). Dahinter lagert bei nicht Wenigen eine Frustration über die Verwehrung der Anerkennung seitens der Mehrheitsgesellschaft trotz einer in vielerlei Hinsicht sehr erfolgreichen Anpassung an diese. Die Befunde zeigen, dass eine erfolgreich strukturelle Integration, z. B. in das Bildungssystem oder in den Arbeitsmarkt, bei Weitem nicht alles ist. Die Frage der Anerkennung der Andersartigkeit eines auf den ersten Blick so peripheren Bereiches wie der Vornamen ist für viele Teilnehmerinnen eine ganz zentrale Frage. Erfolgt diese Anerkennung nicht, hat dies Konsequenzen für die Gesamtperspektive auf die Mehrheitsgesellschaft.

(3) Migrantinnen bilden keine homogene Gruppe und unterscheiden sich deutlich in ihrer Situationsdefinition der Grenze. Entsprechend haben sie unterschiedliche Motive, die ihre Grenzpolitik anleiten. Während Typ I die wahrgenommenen Probleme mit dem eigenen Namen auf dessen Markierungsfunktion zurückführt und versucht, Diskriminierungen durch die Mehrheitsgesellschaft durch individuelle Anpassung aus dem Weg zu gehen, um damit das Empfinden von Scham zu vermeiden, wendet sich Typ III in seinem Umgang mit dem Namen bewusst gegen die hegemoniale symbolische Ordnung in Deutschland. Die hier zu beobachtende „Re-Ethnisierung“ basiert weniger auf einer starken Identifikation mit dem Herkunftsland und der Eigengruppe, sondern auf Wut und Ärger auf die erlebte bzw. so interpretierte soziale Grenzziehung in Deutschland, wo man trotz gelungener Integration in zahlreiche gesellschaftliche Bereiche nicht als vollwertiges Gesellschaftsmitglied anerkannt wird.23 Und schließlich scheint Typ IV zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen zu unterscheiden: Es existieren Sphären, in denen eine Anpassung und Integration notwendig ist, wie beispielsweise auf dem Arbeitsmarkt, und es sind andere Bereiche vorhanden, die aus Sicht der Migrantinnen unberührt bleiben sollen, wie beispielsweise Namensvergabetraditionen.

(4) Schließlich verfolgen einige Migrantinnen je nach Situation verschiedene Strategien, wobei sie insbesondere zwischen den Varianten I und II einerseits und III und IV andererseits hin und her wechseln. Entscheidend sind dabei immer die jeweilige Situationsdefinition (der Beschaffenheit der Grenze, ihrer sozialen Geschlossenheit, ihrer politischen Salienz und historischen Stabilität) und die wahrgenommenen Handlungsoptionen. Wenn wir davon ausgehen, dass das Namensmanagement als eine Reaktion auf die situationsabhängige Definition der symbolischen Ordnung der Mehrheitsgesellschaft angesehen werden kann und das Namensmanagement unterschiedlich motiviert ist, dann sollte auch die Interpretation anderer migrationsbezogener Handlungen und migrantischer Markierungen insbesondere dann, wenn daraus Rückschlüsse auf die Identifikation mit der Zielgesellschaft verbunden werden, nur mit Vorsicht erfolgen.

Zum Schluss möchten wir kurz auf einige (a) methodische und (b) inhaltliche Beschränkungen unserer Analysen eingehen.

(a) Die methodischen Einschränkungen der Aussagereichweite ergeben sich vor allem aus der Stichprobe. Die Teilnehmerinnen unserer Gruppendiskussion wohnen alle in Berlin, ihre Rekrutierung erfolgte in erster Linie über migrantische Vereine, und sie verfügen über ein überdurchschnittliches Bildungsniveau sowie in vielen Fällen über sehr gute Deutschkenntnisse. Insofern stellt sich die Frage, ob wir zu anderen Ergebnissen kämen, wenn sich unsere Stichprobe auf Personen beziehen würde, die aus ruraleren Gebieten stammen, weniger gebildet und keine Vereinsmitglieder sind und/oder geringe Deutschkenntnisse haben. Wir können diese Frage nicht empirisch beantworten, aber einige Mutmaßungen anstellen. Dazu müssen zuerst die speziellen Charakteristika unserer Stichprobe erläutert werden. Berlin ist insofern ein besonderer Untersuchungskontext, da hier sehr viele verschiedene Migrantinnen leben und sich dadurch eine außergewöhnliche statistische Verteilung der Vornamen ergibt. Dies könnte zu einer Verwischung der Grenzen zwischen Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft führen. Dies scheint aber nur bedingt der Fall zu sein, zumindest nehmen alle unsere Teilnehmerinnen vornamensbasierte Grenzen wahr. Weiterhin könnte sich aus der Großstadtfokussierung ergeben, dass Migrantinnen stärker als in ländlichen Gebieten die Möglichkeit haben, in Herkunftsmilieus zu leben und deswegen namensbasierte soziale Grenzen für sie weniger relevant sind. Eine Rekrutierung der interviewten Personen über Migrantenvereine verstärkt dieses Problem. Aber auch diese Sondersituation scheint auf unsere Diskussionsteilnehmerinnen keinen Einfluss zu haben, da alle aus erster oder zweiter Hand von vornamensbasierten Diskriminierungserfahrungen berichten können. Dies mag allerdings auch an den durchschnittlich guten Deutschkenntnissen der Teilnehmerinnen liegen, die obendrein auch in den Arbeitsmarkt integriert sind und Kontakte mit Deutschen pflegen. Da die symbolischen und sozialen Grenzen nur in gemeinschaftlichen Interaktionen mit der Mehrheitsgesellschaft wirksam werden, kann Integration zu einer verstärkten Wahrnehmung und damit Bedeutung der Grenze zwischen Deutschen und Migrantinnen und daher tendenziell zu einer verstärkten Reaktion darauf führen. Möglicherweise könnte dies in einer weniger gut integrierten Gruppe anders sein, was es empirisch zu überprüfen gelte.

(b) Unsere Analyse beschränkt sich auf die Wahrnehmung von symbolischen Grenzen von Migrantinnen in der Bundesrepublik und lässt die Kontextbedingungen, unter denen diese agieren, weitgehend unberücksichtigt. Ob eine Grenze aber als durchlässig oder geschlossen wahrgenommen wird, hängt wesentlich von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ab (Alba 2005). So hat z. B. Rogers Brubaker (2013) gezeigt, dass im Zeitverlauf bestimmte Migrantengruppen zunehmend als Muslime bezeichnet werden und diese religiöse Konnotation damit andere klassifizierende Kategorien wie territoriale Zuordnungen (z. B. Nordafrikaner) ersetzen. Mit einer solchen Neuklassifikation durch die Aufnahmegesellschaft sind zugleich andere Bilder und Assoziationen verbunden, die dann wiederum den Bewegungsspielraum der unter einer Kategorie gefassten Personengruppe verengen oder aber erweitern können. Die diskursive Ordnung beeinflusst auf diesem Weg das Repertoire der Möglichkeiten von Grenzarbeit – ein Aspekt, der in unserer Analyse unberücksichtigt bleibt, dem wir aber in einem noch nicht veröffentlichten Manuskript genauer nachgehen.

Zwei weitere Beschränkungen unserer Analysen sollten nicht unerwähnt bleiben. Gerade weil der Artikel bereits recht umfangreich ist, haben wir uns lediglich auf eine Analyse migrantischer Grenzziehungen zwischen Inländern und Ausländern konzentriert. Auch wenn diese Grenze aus der Perspektive der Befragten die dominante ist, sind in den Diskussionen zwei weitere Grenzziehungen immer wieder angesprochen und für den Umgang mit dem eigenen Namen bzw. der Namensvergabe als wichtig erachtet worden. Hier handelt es sich zum einen um die Grenze zwischen der Mittel- und Unterschicht innerhalb des Ziellandes, zum anderen um Demarkationen innerhalb der Herkunftsgesellschaft. Insbesondere die herkunftsorientierten Grenzziehungen scheinen einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Namensvergabe und das Namensmanagement zu haben. So versuchen sich z. B. verschiedene muslimische Minderheiten wie Schiiten und Alawiten voneinander abzugrenzen. Symptomatisch hierfür ist die Auseinandersetzung mit dem Namen Ali, der vor allem eine alawitische Zugehörigkeit markiert. Eine ähnliche Konfliktlinie findet man bei den Spätaussiedlern und Schlesiern, die großen Wert auf eine Abgrenzung zu Personen aus Russland oder Polen legen. Und schließlich offenbart das Material virulente Grenzkonflikte zwischen verschiedenen Nationalitäten, die durch eine auseinandersetzungsreiche Historie aufeinander bezogen sind: So wenden sich beispielsweise viele russische Teilnehmerinnen vehement gegen polnische Vornamen. Bosnierinnen und Serbinnen haben ein klares Bewusstsein dafür, welche Namen die jeweils andere Gruppe markieren und betonen, dass sie nie einen dieser Namen an ihr Kind vergeben würden.

Ein weiterer, sehr interessanter Aspekt muss in unserer Analyse leider ebenfalls unberücksichtigt bleiben. Wir haben uns allein auf eine Beschreibung der vier Typen beschränkt und die Frage, welche Faktoren über die Zuordnung der Interviewten zu den Typen mitentscheiden, außen vorgelassen. Es bleibt einer weiteren Analyse des Materials vorbehalten, zu zeigen – und dies mit Bezug auf die einschlägigen quantitativen Befunde –, dass die verschiedenen Herkunftsgruppen zu unterschiedlichen Typen neigen, warum dies der Fall ist und welche Unterschiede sich zwischen der ersten und zweiten Einwanderergeneration feststellen lassen.24

Danksagung

Wir bedanken uns bei Damir Softic und Florian Buchmayr, die an den unserer Analyse zugrundeliegenden Gruppendiskussionen beteiligt waren. Damir Softic hat zudem den Zugang zum Feld vorbereitet und Florian Buchmayr die Interviews transkribiert. Hilfreiche Kommentare haben wir von Silke Hans und aus den beiden Gutachten der „Zeitschrift für Soziologie“ erhalten.

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  • Wimmer, A., 2013: Ethnic Boundary Making. Institutions, Power, Networks. New York: Oxford University Press. Google Scholar

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  • Zolberg, A. & L. L. Woon, 1999: Why Islam is Like Spanish: Cultural Incorporation in Europe and the United States. Politics and Society 27: 5–38. CrossrefGoogle Scholar

Footnotes

  • 1

    Die Zuordnung eines Vornamens ergibt sich dabei vornehmlich aus der empirischen Verteilung des Namens über die verschiedenen sozialen Kategorien. 

  • 2

    Mit unserer Fokussierung auf die Analyse der Grenzarbeit von Migrantinnen soll nicht geleugnet werden, dass die Machtverhältnisse und Diskurse der Mehrheitsgesellschaft die Handlungsspielräume von Migrantinnen in hohem Maße vorstrukturieren. In zwei unveröffentlichten Manuskripten, in denen wir die verschiedenen Migrantengruppen einerseits und die erste mit der zweiten Migrantengeneration andererseits vergleichen, können wir zeigen, wie sich die realen und diskursiven Rahmenbedingungen in Deutschland und deren Veränderung auf die Handlungsoptionen der Migrantinnen auswirken.  

  • 3

    Auch Nachnamen sind in der Regel nicht wählbar, sieht man von einer Namensänderung aufgrund einer Heirat oder einer Einbürgerung ab.  

  • 4

    Wir wollen hier die Argumente, die für einen solch breit angelegten Ethnizitätsbegriff ins Feld geführt wurden, nicht diskutieren und verweisen diesbezüglich auf die Ausführungen von Andreas Wimmer (2008b). Ganz ähnlich argumentieren aus einer wissenssoziologischen Perspektive Marion Müller und Dariuš Zifonun (2010).  

  • 5

    Neben der Literatur zu „boundaries“ befasst sich die sozialwissenschaftliche Literatur zur Grenze („borders“) mit Fragen der Grenzpolitik. Beide Forschungsstränge nehmen sich interessanterweise wechselseitig kaum wahr, obwohl sie ähnliche Fragestellungen behandeln. Die Literatur zum Thema Grenze war zu Beginn dichotom konzeptualisiert worden. Dies hat sich jedoch verändert. Vor allem die ethnologische Literatur zur Grenzpolitik, die zwischen territorialen, sozialen und kulturellen Grenzen unterscheidet, betont, dass vor allem die kulturellen Grenzen weiche und relationale Grenzen sind (vgl. für viele andere Donnan 2015). 

  • 6

    Bezüglich der Definition sozialer Grenzen lassen sich zwei verschiedene Prozesse unterscheiden: Stigmatisierung einerseits und Diskriminierung andererseits. Stigmatisierung bezeichnet die negative Bewertung einer Gruppe und findet auf der Einstellungsebene statt. So definieren Bernice A. Pescosolido und Jack K. Martin: „Stigma requires (a) distinguishing and labeling differences, (b) associating human differences with negative attributions or stereotypes.“ (Pescosolido & Martin 2015: 91) Diskriminierung bezieht sich hingegen auf die Handlungsebene. Man kann von Diskriminierung sprechen, wenn negativ bewertete und damit stigmatisierte Personen eine konkrete Benachteiligung erfahren, indem sie z. B. bei der Bewerbung um eine Wohnung keine Berücksichtigung finden. Wir untersuchen in unserer Studie nicht Stigmatisierungs- und Diskriminierungsprozesse, sondern die Wahrnehmung dieser Prozesse aus der Sicht von Migrantinnen. Insofern weicht unser Verständnis von symbolischer und sozialer Grenze von Andreas Wimmers Definition (2008b: 975) ab, der symbolische Grenzen auf die Kognitionsebene („ways of seeing the world“) und soziale Grenzen auf die Verhaltensebene von Akteurinnen („ways of acting in the world“) bezieht.  

  • 7

    Die Begriffsverwendung ist in den verschiedenen Texten von Wimmer nicht immer einheitlich. So bezeichnet er die gleiche Strategie einmal als „transvaluation“ (2008a) und ein anderes Mal als „inversion“ (2008b). 

  • 8

    Zwei der von Wimmer beschriebenen Strategien sind aus zwei Gründen für unsere Studie nicht relevant. (1) Die von Wimmer als Expansionsstrategie beschriebene Politik der Grenzarbeit steht nur kollektiven Akteurinnen zur Verfügung. Von Expansion spricht Wimmer dann, wenn kollektive Akteurinnen versuchen, durch Fusion die Anzahl der Grenzen und damit die der ethnischen Kategorien zu reduzieren oder in stärker inklusive Kategorien wechseln. Das bekannteste Beispiel findet sich im Kontext der Nationalstaatsbildung, wo politische Eliten unterschiedliche ethnische Gruppen und Sprachgemeinschaften in das Konzept der Staatsbürgerschaft überführt haben. (2) Kontraktion bezeichnet die umgekehrte Strategie der Erhöhung der Anzahl der Grenzen und damit der Anzahl ethnischer Kategorien. Auch wenn es in erster Linie kollektive Akteurinnen sind, die diese Strategie anwenden, findet man entsprechende Beispiele auch auf der Individualebene: Chinesische, von der US-amerikanischen Mehrheitsgesellschaft häufig als Asiaten klassifizierte Migrantinnen, betreiben eine Strategie der Kontraktion, indem sie darauf bestehen, dass sie Chinesinnen und nicht zum Beispiel Vietnamesinnen sind. Kontraktionsstrategien finden meist zwischen verschiedenen Minderheiten und nicht an der Grenze zur Mehrheitsgesellschaft statt. Auch in den von uns durchgeführten Gruppendiskussionen finden wir Beispiele für Kontraktionsstrategien, indem Befragte z. B. deutlich den Unterschied zwischen Alewitinnen und Türkinnen markieren. Da wir in diesem Artikel allein die Grenzpolitik hinsichtlich der deutschen Mehrheitskultur analysieren, bleiben Kontraktionsstrategien unberücksichtigt. 

  • 9

    Eddi Hartmann (2011) hat untersucht, wie Jugendliche der französischen Banlieus auf ihre stigmatisierte soziale Position reagieren und dabei drei verschiedene Typen identifiziert: Abgrenzung von der stigmatisierten Eigengruppe, Formen der Gegenstigmatisierung sowie Selbstausgrenzung. 

  • 10

    Auch die psychologische Literatur analysiert die Bedeutung von Emotionen im Kontext von Stigmatisierungs- und Diskriminierungsprozessen. So haben sich Jan E. Stets und Peter J. Burke (Stets & Burke 2005; Stets 2006) im Kontext von Identitätstheorien mit Emotionen auseinandergesetzt und zeigen, wie das Wechselspiel von Selbstidentifikation und Fremdzuschreibung eine Vielzahl von Emotionen hervorrufen kann. Laura S. Richman und Mark R. Leary (2009) unterscheiden drei emotionale Motive, welche in einer Ablehnungssituation simultan auftreten und je nach Gewichtung zu konträren Handlungen führen können: den Wunsch nach sozialer Verbundenheit, den Wunsch, sich selbst zu verteidigen und die ablehnende Person zu verletzen sowie den Wunsch, die Situation und die ablehnende Person zu meiden. Je nachdem, welches Motiv in einer Situation überwiegt, sind andere emotionale Reaktionen vorherrschend, welche von Emotionslosigkeit und emotionaler Distanziertheit über Angst, Scham, Trauer, Ärger und Wut reichen können. 

  • 11

    Dies stellte sich deswegen als sinnvoll heraus, weil Migrantinnen aus dem gleichen Herkunftsland einen ähnlichen Erfahrungsraum teilen, so dass die Diskussionen – anstatt sich wechselseitig über herkunftsspezifische Namenstraditionen aufzuklären – gleich mit einer umfassenden Diskussion über Grenzwahrnehmung und Grenzmanagement beginnen konnten.  

  • 12

    In welchem Maße die Stichrobe die Ergebnisse beeinflussen kann, diskutieren wir im Schlusskapitel. 

  • 13

    Es gibt zwei verschiedene Erkenntnisinteressen, Gruppendiskussionen als Verfahren der Datenerhebung einzusetzen. Zum einen ist man an der Gruppendynamik selbst und an der sich daraus ergebenden Gruppenmeinung als einem emergenten Phänomen, das über die Individualmeinungen hinausgeht, interessiert (zusammenfassend Przyborski & Wohlrab-Sahr 2010: 101 ff.). Gruppendiskussionen werden aber auch eingesetzt, um die Einstellungen und Verhaltensweisen der einzelnen Teilnehmerinnen zu rekonstruieren. Im Vergleich zu Einzelinterviews sind Gruppendiskussionen dabei mit zwei Vorteilen verbunden. Sie sind zum einen ein zeitsparendes Instrument der Datenerhebung, weil man gleichsam mehrere Personen „mit einem Schlag“ befragen kann. Zum Zweiten können durch die Diskussionen innerhalb der Gruppe und die Einnahme unterschiedlicher Positionen durch verschiedene Gruppenteilnehmerinnen latente Einstellungen „wachgerüttelt“ und die eigene Sichtweise durch die Existenz alternativer Sichtweisen geschärft werden. Das Erkenntnisinteresse unserer Untersuchung knüpft an diese zweite Funktion des Einsatzes von Gruppendiskussionen an.  

  • 14

    Die Auswahl der Vornamen wurde jeweils auf die spezifische Gruppe zugeschnitten, um möglichst viele für die jeweilige Gruppe relevante symbolische Grenzziehungen abzubilden. So waren immer frauen- als auch männertypische Namen dabei, die im jeweiligen Herkunftsland, in Deutschland als auch in anderen Ländern gebräuchlich sind. Zudem haben wir der Liste Namen hinzugefügt, die in religiösen Kontexten häufig verwendet werden (wie jüdische oder muslimische Namen). Und schließlich haben wir versucht, typische Namen aus der Unter- und Mittelschicht zu integrieren. So lautete beispielsweise die Namensliste für die bosnische Gruppe: Emira, Meliha, Imad, Mehmed, Dragan, Snežana, Ephraim, Rachel, Marie, Matthias, Kevin und Cindy.  

  • 15

    Alle Namen, die Rückschlüsse auf die Identität der Teilnehmerinnen zulassen, wurden verändert und damit anonymisiert.  

  • 16

    Eine Überlagerung verschiedener Kategorien der Grenzziehung, wie dies einige Autoren für migrantische Gesellschaften der Gegenwart vermuten (vgl. z. B. Hirschauer 2014), können wir nicht feststellen.  

  • 17

    Vornamen sind aber nicht die einzigen wahrgenommenen Marker ethnischer Identität. Daneben werden insbesondere das Aussehen (z. B. Haar- und Hautfarbe), die Kleidung (z. B. Kopftuch) und Sprachkenntnisse als bedeutende Marker der sozialen Zugehörigkeit wahrgenommen, die häufig in Kombination mit dem Vornamen ethnische Grenzen definieren.  

  • 18

    Dies bedeutet nicht, dass die betreffenden Personen nicht erkennen, dass die Bewertung ihrer Person einer herrschenden symbolischen Ordnung entspringt. Die symbolische Ordnung wird aber als eine in Deutschland legitime Ordnung wahrgenommen und als Grundlage der Bewertung der eigenen Person seitens der Mehrheitsgesellschaft anerkannt.  

  • 19

    Die Beschreibung dieses Typus unterscheidet sich insofern von den anderen, da hier stärker auf die allgemeinen Orientierungen und weniger ausführlich auf das konkrete Namensmanagement eingegangen wird. Dies ist zum einen in der inhaltlichen Ausrichtung dieses Typus begründet, der Namenspolitik eher auf der Kognitions- als auf der Verhaltensebene betreibt. Zum anderen entspringt dies dem Relevanzsystem der Diskussionsteilnehmerinnen, die die Darlegung der allgemeinen Orientierungen in den Mittelpunkt rücken und weniger auf die Praxis der Namensvergabe eingehen. 

  • 20

    Andere Teilnehmerinnen betonen, dass es gar nicht möglich sei, seine Identität durch eine Namensanpassung zu verändern. Aufgrund von mangelnden deutschen Sprachkenntnissen, einem ausländischen Akzent, dunkler Haut- oder Haarfarbe oder differenten Kleidungsstilen ließe sich erkennen, dass es sich um einen Menschen anderer Herkunft handele, sodass Stereotypen und Vorurteile ganz unabhängig vom Namen sowieso aktiviert würden.  

  • 21

    Damit unterscheidet sich diese Interpretation auch von der grenzaufweichenden Strategie, welche weniger das Wollen der Bürgerinnen der Mehrheitsgesellschaft, sondern das Können in den Vordergrund stellt. Aufgrund der Vielzahl von Namen ist es schlichtweg nicht möglich, alle Namen richtig auszusprechen. 

  • 22

    Obwohl dieses Zitat kämpferisch wirkt und damit inhaltlich Parallelen zur Grenzumwertung aufweist, unterscheidet es sich von dieser Variante der Grenzarbeit, da hier keine Reaktion auf die Grenzziehung, sondern eine grenzunabhängige Eigengruppenorientierung dargelegt wird.  

  • 23

    Es soll damit nicht ausgedrückt werden, dass Migrantinnen, welche unter Typ III fallen, unabhängig von der symbolischen Grenze nicht auch eine starke Eigengruppenorientierung haben können. Wichtig ist hier nur, dass diese Eigengruppenorientierung durch die Reaktion der Mehrheitsgesellschaft und damit durch Diskriminierungs- und Stigmatisierungserfahrungen tendenziell gestärkt wird.  

  • 24

    So zeigt sich beispielsweise, dass die zweite Generation deutlich sensibler auf Diskriminierungserfahrungen reagiert als die erste. Weiterhin können wir zeigen, dass diejenigen Herkunftsgruppen, die mit einer undurchlässigen Grenze durch die Mehrheitsgesellschaft konfrontiert sind (diese gilt vor allem für die Muslime), eher zu einer Strategie der Grenzumwertung neigen (vgl. dazu aus quantitativer Perspektive Diehl & Koenig 2013: 241).  

About the article

Jürgen Gerhards

Jürgen Gerhards, geb. 1955 in Andernach/Rhein. Studium der Sozialwissenschaften und Germanistik in Köln, Promotion 1986 in Köln, Habilitation 1992 an der FU Berlin. 1982–1988 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsinstitut für Soziologie der Universität Köln, 1988–1994 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am WZB, 1994–2004 Professor für Kultursoziologie und Allgemeine Soziologie an der Universität Leipzig, seit 2004 Professor für Soziologie an der Freien Universität Berlin.

Forschungsschwerpunkte: Vergleichende Kultursoziologie, Europasoziologie, Soziologie der Öffentlichkeit.

Letzte Buchveröffentlichungen: Social Class and Transnational Human Capital. How Upper and Middle Class Parents Prepare their Children for Globalization (mit S. Hans & S. Carlson), New York/London 2017; Kollektive Erinnerungen europäischer Bürger im Kontext von Transnationalisierungsprozessen. Deutschland, Großbritannien, Polen und Spanien im Vergleich (mit L. Breuer & A. Delius), Wiesbaden 2017; European Citizenship and Social Integration in the European Union (mit H. Lengfeld), New York/ London 2015. Zuletzt in dieser Zeitschrift: Die Berechnung des Siegers. Marktwert, Ungleichheit, Diversität und Routine als Einflussfaktoren auf die Leistung professioneller Fußballteams (mit M. Mutz & G. G. Wagner), Zeitschrift für Soziologie 43, 2014: 231–250.

Sylvia Kämpfer

Sylvia Kämpfer, geb. 1981 in Weimar. Studium der Soziologie, Psychologie und des Strafrechts an den Universitäten Leipzig und Lund. 2013 Promotion an der FU Berlin. 2007–2012 und 2015–2017 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der FU Berlin.

Forschungsschwerpunkte: Migrations- und Integrationsforschung, Zufriedenheitsforschung.

Wichtigste Publikationen: Migration und Lebenszufriedenheit, Opladen 2014; Der Einfluss positiver und negativer Stimmungen von Befragten auf ihr Antwortverhalten in politischen Meinungsumfragen (mit M. Mutz), in: Politische Vierteljahresschrift 55, 2014; Emotionen und Lebenszufriedenheit in der Erlebnisgesellschaft (mit M. Mutz), in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 65, 2013. Zuletzt in dieser Zeitschrift: … und nun zum Wetter: Beeinflusst die Wetterlage die Einschätzung von politischen und wirtschaftlichen Sachverhalten? (mit M. Mutz) Zeitschrift für Soziologie 40, 2011: 208–226.


Published Online: 2017-10-06

Published in Print: 2017-10-26


Anmerkung: Zur besseren Lesbarkeit verwenden wir im Folgenden allein die weibliche Form (generisches Femininum), gemeint sind aber immer jeweils beide Geschlechter.


Citation Information: Zeitschrift für Soziologie, Volume 46, Issue 5, Pages 303–325, ISSN (Online) 2366-0325, ISSN (Print) 0340-1804, DOI: https://doi.org/10.1515/zfsoz-2017-1017.

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