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Zeitschrift für Soziologie

Ed. by Diehl, Claudia / Kalthoff, Herbert / Otte, Gunnar / Schnabel, Annette / Schützeichel, Rainer

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2366-0325
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Volume 47, Issue 2

Issues

Gütekriterien qualitativer Sozialforschung. Ein Diskussionsanstoß

Criteria for Qualitative Research. A Stimulus for Discussion

Jörg Strübing
  • Corresponding author
  • Eberhard Karls Universität Tübingen, Institut für Soziologie, Wilhelmstr. 36, 72074 Tübingen, Germany
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/ Stefan Hirschauer
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  • Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Institut für Soziologie, Jakob-Welder-Weg 12, 55128 Mainz, Germany
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/ Ruth Ayaß
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  • Universität Bielefeld, Fakultät für Soziologie, Universitätsstraße 25, 33615 Bielefeld, Germany
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/ Uwe Krähnke
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/ Thomas Scheffer
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  • Goethe-Universität Frankfurt am Main, Fachbereich Gesellschaftswissenschaften, Institut für Soziologie, Theodor-W.-Adorno-Platz 6, 60629 Frankfurt am Main, Germany
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Published Online: 2018-06-02 | DOI: https://doi.org/10.1515/zfsoz-2018-1006

Zusammenfassung

Der Beitrag expliziert Gütekriterien der qualitativen Sozialforschung. Er geht von der Prämisse aus, dass Qualitätsmerkmale in diesem Segment empirischer Sozialforschung nur unter konsequentem Rekurs auf die spezifischen Funktionsbedingungen interpretativer und rekonstruktiver Verfahren zu bestimmen sind. Fünf Kriterien werden vorgeschlagen: Gegenstandsangemessen ist eine Weise der Herstellung des Forschungsgegenstandes, die das empirische Feld ernst nimmt und Methoden, Fragestellungen und Datentypen einer fortlaufenden Justierungsanforderung unterwirft. Empirische Sättigung reflektiert die Güte der Verankerung von Interpretationen im Datenmaterial. Theoretische Durchdringung markiert die Qualität der Theoriebezüge, in die das Forschen eingespannt ist, und arbeitet an deren Irritationspotential. Textuelle Performanz bezeichnet die Leistung, die Texte als Güte konstituierende Kommunikation gegenüber Rezipientinnen der Forschung zu erbringen haben. Originalität schließlich ist das Kriterium, an dem die Einlösung des Neuigkeitsanspruchs wissenschaftlichen Wissens zu prüfen ist.

Abstract

This paper is an examination of criteria for qualitative social research. It starts from the premise that productive criteria can only be determined by relying strictly on the specific functional properties of interpretive and reconstructive approaches. Five criteria are proposed: Adequacy is a mode of defining the research topic by taking the empirical field seriously while maintaining distance from it by generating tension through theoretical reasoning. Empirical saturation designates the criterion that is to be observed by basing work on empirical field data, while theoretical pervasiveness addresses the quality of the theoretical relations in which the research is articulated and, consequently, stimulated. Textual performance refers to composing texts which achieve high quality communication with their recipients. Finally, originality is the criterion according to which the claim to research innovation may be examined.

Schlüsselwörter: Qualitative Sozialforschung; Gütekriterien; Qualitätssicherung; Gegenstandsangemessenheit; empirische Sättigung; theoretische Durchdringung; textuelle Performanz; Originalität der Forschung

Keywords: Qualitative Research; Interpretive Research; Quality Criteria; Appropriateness; Empirical Saturation; Theoretical Pervasiveness; Textual Performance; Originality

Einleitung: Wozu Gütekriterien?

Rund einhundert Jahre qualitative Sozialforschung haben eine kaum mehr überschaubare Vielfalt fundierter und elaborierter Forschungsansätze hervorgebracht – eine Vielfalt nicht nur der Formen der Materialgewinnung und -auswertung, sondern auch der epistemologischen Grundannahmen, sozialtheoretischen Verortungen und methodologischen Konzeptionen. Diese große Bandbreite an Zugängen zu den empirischen Gegenständen der Soziologie ist einerseits mit Blick auf die Diversität der Gegenstände und der Fragestellungen unverzichtbar. Andererseits wirft sie aber gelegentlich auch die Frage nach der inneren Kohärenz der unter dem Rubrum des ‚Qualitativen‘ versammelten Ansätze auf. Gibt es eine „Einheit trotz Vielfalt?“ (Hollstein & Ullrich 2003)? Oder allenfalls „Ähnlichkeiten und Widersprüche“ im Sinne von Familienähnlichkeiten (Reichertz 2007: 197)? Oder ist das Label ‚qualitative Forschung‘ nur das pluralistische ‚Andere‘ der standardisierten Sozialforschung (Kalthoff 2008: 7)?

Über diese Frage einer allgemeinen Wissenschaftssystematik hinaus gewinnt die Bestimmung eines gemeinsamen Kerns qualitativer Verfahren praktische Bedeutung, wenn es um die vergleichende Bewertung von Anträgen, Projekten und Publikationen geht. In der Soziologie gab es bereits früh vereinzelte Diskussionen über die methodische Qualität empirischer Studien, etwa die Kritik von Blumer (1939) an Thomas’ und Znanieckis ‚The Polish Peasant‘ in Europe and America. Eine systematische Befassung mit dem Ziel der Etablierung von Gütekriterien begann aber erst, nachdem die qualitative Forschung in den 1970er und 1980er Jahren an Umfang und Intensität deutlich zugenommen hatte. Gerade in den Anfängen dominierten dabei Ableitungsversuche aus Kriterien der standardisierten Forschung, wenn auch mit Vorbehalten (Leithäuser & Volmerg 1981; Lamnek 1988).

Vertreterinnen eines Ansatzes sind sich untereinander meist schnell über die Qualität einer Studie einig und können sich dabei auf die konkreten Funktionsbedingungen bestimmter Theorie-Methoden-Sets berufen, etwa für die Ethnographie (Hammersley 2001), die Grounded Theory (Charmaz & Bryant 2010; Strübing 2002) oder die Konversationsanalyse (Peräkylä 2010). Creswell (2007) definiert gar je eigene Sets von Kriterien für gleich fünf unterschiedliche Forschungstraditionen. Mitunter werden Fragen von Standards und Gütekriterien aber auch genutzt, um für bestimmte Ansätze eine privilegierte Position im Feld qualitativer Verfahren zu reklamieren, so z. B. Bohnsack (2005) für rekonstruktive Verfahren.1

Die Lage wird indes schnell unübersichtlich, wenn ansatzübergreifende Qualitätsurteile getroffen werden sollen, etwa im Peer Review von Zeitschriften oder bei der vergleichenden Begutachtung von Forschungsanträgen. Der Ruf nach und die Debatten über allgemein geteilte Gütekriterien qualitativer Forschung sind nicht neu (für einen Überblick: Flick 2014), haben bislang jedoch nicht zu einem konsensfähigen Set von Indikatoren für gute qualitative Forschung geführt. So diskutiert Hammersley (2007) die Frage umfassender Gütekriterien, hält sie für „desirable“, entwickelt jedoch selbst keine konkreten Vorschläge (ähnlich Seale 2007). Tracy (2010) präsentiert acht „key markers“ für die Qualität qualitativer Forschung, ohne indes systematisch auf deren Funktionsbedingungen zu referieren. Dem schon etwas älteren Vorschlag fünf konstruktivistischer Gütekriterien von Steinke (1999) gelingt es nicht, die Fixierung auf standardisierte Forschung als Referenzrahmen zu überwinden. Weil auch Flick (2014) über eine Überprüfung der Kriterien standardisierter Forschung nicht hinausgeht und unter Verweis auf Heterogenität und spezifische Funktionsprinzipien qualitativer Ansätze mangelnde Anschlussfähigkeit attestiert, kommt er in der Frage ansatzübergreifender Standards qualitativer Forschung nicht über die Forderung nach einer stärkeren Explikation methodischer und theoretischer Entscheidungen im Forschungsverlauf hinaus (2014: 422). Zu dieser letztlich unbefriedigenden Schlussfolgerung kommt es, weil die Entwicklung originärer Gütekriterien für die qualitative Forschung unterbleibt.

Die Frage der Gütekriterien muss grundsätzlich in jeder Wissenschaft kontrovers sein, weil es um die Zugehörigkeit von Studien zu dieser Wissenschaft und um den Wert wissenschaftlicher Arbeit geht. Sie ist in der qualitativen Sozialforschung besonders kontrovers, weil dieses Etikett äußerst heterogene Forschungsstrategien notdürftig zusammenfasst. Sie ist in der standardisierten Forschung dagegen vergleichsweise unstrittig, da sich Gütekriterien hier vor allem auf die Qualität eines Messvorgangs richten, also auf einen sehr kleinen Ausschnitt des Forschungsprozesses. Nach unserem Eindruck hat das geringe Maß an Konsens in dieser Frage seinen Grund jedoch nicht allein in der Diversität qualitativer Sozialforschung, sondern auch in unterschiedlichen Graden der Abgrenzung von bzw. Annäherung an Kriterien standardisierter Sozialforschung. So wird nicht selten argumentiert, qualitative Forschungsarbeiten konkurrierten in Begutachtungssituationen mit standardisierter Forschung um knappe Ressourcen und deshalb bedürfe es eines für die gesamte empirische Sozialforschung übergreifenden kommensurablen Vergleichsmaßstabs.2 Andere Stimmen wiederum bezweifeln die Möglichkeit und Angemessenheit von Gütekriterien für qualitativ-interpretative Verfahren insgesamt (Richardson 1994: 552). Ohne die Bedeutung solcher professionspolitischen Debatten schmälern zu wollen: All diesen Betrachtungen vorausgehen muss eine fundierte Diskussion über Gütekriterien, die sich aus den Grundhaltungen und Maximen qualitativer Forschung herleiten lassen und dabei mehr sind als Gelingensbedingungen einzelner Ansätze. Gütekriterien gehören zu den unverzichtbaren Medien der Kommunikation über Forschung. Ihre Explikation sichert ein Grundverständnis über Zielorientierung, Leitlinien, Leistungsanforderungen und Bewertungsmaßstäbe von Wissenschaft. Einen Konsens über angemessene Gütekriterien zu suchen, dient damit der Stärkung und Professionalisierung qualitativer Sozialforschung.

Wir unterscheiden Gütekriterien in diesem Sinn von den übergreifenden gemeinsamen Leistungsmerkmalen qualitativer Forschung einerseits und den praktischen Maßnahmen zur Herstellung und Sicherung dieser Güte andererseits. Allgemeine Leistungsmerkmale (wie Offenheit oder Reflexivität) markieren das Anspruchsprofil und die Zielperspektiven qualitativer Forschung. Qualitätssichernde Maßnahmen stellen auf der Ebene verfahrensspezifischer Praktiken sicher, dass sich diese Zielperspektiven erreichen lassen. Sie bieten die Gewähr dafür, dass das Datenkorpus in angemessenem Bezug zur Fragestellung steht, dass Materialanalysen dicht genug für die angestrebten theoretischen Aussagen sind, dass Vereinfachungen und Abkürzungen vermieden werden. Gütekriterien dagegen spezifizieren die in den Leistungsmerkmalen enthaltenen Versprechen und Ziele und benennen diejenigen Eigenschaften von Verfahren und Ergebnissen, an denen sich erkennen lässt, inwieweit dies einer Studie gelungen ist.3

In diesem Aufsatz wollen wir den Versuch zu einer Explikation allgemeiner Gütekriterien für die qualitative Sozialforschung unternehmen. Das Unterfangen selbst ist schwierig, die Bedingungen sind jedoch günstig. Denn wir vertreten mit unseren Forschungsarbeiten und Lehrtätigkeiten sehr unterschiedliche Forschungsansätze und ein breites Spektrum innerhalb des Feldes. Wir erwarten keineswegs, dass unser Vorschlag im gesamten Feld auf einhellige Zustimmung stoßen wird. Unser Beitrag wird und soll Kritik herausfordern und einen produktiven Diskurs stiften. Dieser Diskurs ist notwendig, gerade weil qualitative Forschung sich in den letzten Jahren zugleich ausdifferenziert und konsolidiert hat. Qualitative Studien sind selbstverständlicher Gegenstand von Begutachtungen der Forschungsförderung, von Peer Reviews sozialwissenschaftlicher Zeitschriften und von Rezeptionsentscheidungen einer fachlichen Leserschaft. In all diesen Begutachtungs- und Rezeptionsprozessen werden Qualitätsurteile getroffen – innerhalb der Communities einzelner Ansätze wie gesagt mit größerer Sicherheit, diese überschreitend jedoch mit wachsender Ungewissheit darüber, worauf sich die Entscheidungen argumentativ gründen sollen. Die in diesem Aufsatz formulierten Gütekriterien beanspruchen Geltung für die qualitative Sozialforschung insgesamt. Einige von ihnen mögen aber auch für eine Neubewertung der standardisierten Sozialforschung von Interesse sein. Es sind Gütekriterien empirischer Sozialforschung, qualitativ betrachtet.

Die disputable These dieses Aufsatzes lautet also, dass es bei sorgfältiger methodologischer und sozialtheoretischer Abwägung möglich ist, übergreifend anwendbare Kriterien gelungener qualitativer Forschung zu formulieren, gleichviel, ob diese Forschung sozialwissenschaftlich-hermeneutisch oder dokumentarisch-methodisch vorgeht, ob sie sich in der Grounded Theory oder in der Konversationsanalyse verortet, ob sie narrations- oder diskursanalytisch argumentiert. Allen diesen und weiteren methodologischen Perspektiven liegt eine iterativ-zyklische Prozesslogik zugrunde (Breidenstein et al. 2013: 45f; Strübing 2014: 49). Jeder Versuch, die Linearität standardisierter Prozessmodelle in einer qualitativ-interpretativen Forschungspraxis zu realisieren, muss aus zwei Gründen scheitern: weil Datengewinnung, -analyse und Theoriebildung fortwährend aufeinander verweisende und verwiesene Prozesse sind; und weil die Empirizität, die Methodizität und die Theorizität qualitativer Forschung sich nur in Prozessen wechselseitiger Durchdringung dieser Prozesse entfalten können. Die Qualität einer qualitativen Studie muss sich unseres Erachtens daran messen lassen, wie es den Forschenden gelingt, diese drei Dimensionen der Forschung reflexiv zueinander „passfähig“ zu machen, und durch diese Relationierung Erkenntnisse über das Untersuchungsfeld systematisch voranzutreiben.

Wir schlagen folgende fünf Gütekriterien vor: Mit Gegenstandsangemessenheit (1.) bezeichnen wir im Sinne eines Basiskriteriums eine Weise der Herstellung des Forschungsgegenstandes, die das empirische Feld ernst nimmt, sich aber zugleich von ihm distanziert und es durch theoretisches Denken unter Spannung setzt. Unter empirischer Sättigung (2.) verstehen wir jenes Gütekriterium, das sich aus dem Empiriebezug der Forschung gewinnen lässt. Theoretische Durchdringung (3.) hingegen markiert die Qualität der engen Theoriebezüge, in die das Forschen eingespannt ist, und arbeitet deren Irritationspotential für die empirische Beobachtung heraus. Die Leistung, die Texte als Güte konstituierende Kommunikation gegenüber Rezipientinnen unserer Forschung erbringen, bezeichnen wir als textuelle Performanz (4.). Und da Wissenschaft darauf zielt, neues Wissen zu generieren, ist schließlich Originalität (5.) das Kriterium, an dem die Einlösung dieses Anspruchs zu prüfen ist.

1 Gegenstandsangemessenheit

Wir beginnen unsere Liste mit jenem Gütekriterium, das den Forschungsprozess von Beginn an – bei der Formulierung von Fragestellungen, der Auswahl von Methoden und Fällen – betrifft und das auch historisch am frühesten in der Tradition der qualitativen Sozialforschung begründet wurde. Die Gegenstandsangemessenheit hat in der Soziologie in Gestalt des Adäquanzbegriffs eine lange Tradition, die über Harold Garfinkel (Garfinkel & Wieder 1992) und Alfred Schütz (Schütz 1974: 318 ff.) bis auf Max Weber (1972: 5) zurückgeht. Diese Adäquanz ist die operative Konsequenz jener Offenheit, die alle qualitative Sozialforschung charakterisiert. Spezifizieren wir also, was gemeint ist.

Gegenstandsangemessenheit in einem noch relativ anspruchslosen Sinne ist heute eine vielen Methodenhandbüchern selbstverständliche Passungsanforderung der Methodenwahl für ein spezifisches empirisches Phänomen: Die Verteilung von Meinungen in der Bevölkerung verlangt nach einer Repräsentativerhebung, ein subjektives Erleben nach einem narrativen Interview, eine verbale Interaktion nach Audioaufzeichnung, eine Erzählung nach Sequenzanalyse usw. Insofern scheint Durkheims Rede von „den Regeln der soziologischen Methode“ (Durkheim 1984) in ihrem universalistischen Singular heute durch ein fast notorisches Bekenntnis zur Gegenstandsangemessenheit pluraler Methoden abgelöst. Um die hohe Verbindlichkeit dieses Postulates in der qualitativen Forschung zu verstehen, ist daher dessen tatsächliche Rigorosität zu explizieren. Sie liegt in vier Aspekten begründet:

(1) Multiple Passungsverhältnisse: Gegenstandsangemessenheit meint nicht nur eine Passung der Methode auf den zu untersuchenden Gegenstand, sondern eine Abgestimmtheit von Theorie, Fragestellung, empirischem Fall, Methode und Datentypen, durch die der Untersuchungsgegenstand überhaupt erst konstituiert wird. Studien haben ihren Gegenstand nur vermittelt durch eine theoretische Optik, in der er eingangs entworfen wird, durch eine Reihe von Fragestellungen, mit denen er perspektiviert wird, durch eine oder mehrere Methoden, mit denen er erschlossen wird, durch Datentypen, in denen er aufscheinen soll und durch die Wahrnehmungen und Verhaltensweisen, über die Forschende mit ihm in Kontakt kommen. Und in all diesen Hinsichten gibt es mögliche ‚Mismatches‘: Ist die eingelebte persönliche Theoriepräferenz einem Gegenstand wirklich angemessen? Trifft eine interessante Fragestellung auch den untersuchten Fall, und umgekehrt: Lässt sich der spannende Fall wirklich gut mit dieser Frage erschließen? Und wenn Frage und Phänomen gut aufeinander abgestimmt scheinen: Soll das habituelle Gebaren, auf das eine Frage zielt, wirklich durch Interviews und Audioaufzeichnungen erhoben werden? Passt ein konversationsanalytisch betrachtetes Transkript zu einem überwiegend visuellen Kommunikationsgeschehen? Und ist eine teilnehmende Beobachtung der Privatheit des privaten Lebens oder der Verteiltheit diskursiver Prozesse angemessen?

(2) Fortgesetzte Justierung: Gegenstandsangemessenheit meint mehr als eine nur einmalige ex-ante-Entscheidung über solche Passungsverhältnisse, sie besteht in einer kontinuierlichen Herausforderung des Anpassens und Einstellens. Bleiben sie aus, erscheint der Gegenstand unbestimmt, unklar, mangelhaft zugeschnitten. Die erste Aufgabe der Forschung besteht daher in der ständigen Reformulierung und Fokussierung der Fragestellungen: ihrer empirischen Anpassung an den Fall, ihrer theoretischen Modifikation aufgrund erster Analysen oder auch im Wechsel der Frage oder des Untersuchungsfeldes, um nicht eine Fragestellung am falschen Fall zu untersuchen. Schon Robert Merton (1959: 31) befand, es sei schwieriger, die richtigen Fragen zu finden, als sie zu beantworten. Was ist das theoretische Problem, für dessen Lösung dieser Fall forschungsstrategisch günstig ist? Und wie bekommt man Fragen so treffend gestellt, dass sie den Fall auch ‚zu fassen kriegen’ und nicht an ihm vorbeigreifen? Welche Fragen führen also tiefer in einen Gegenstand hinein? ‚Offenheit‘ bedeutet, dass man ein empirisches Phänomen nicht einfach mit soziologischen Fragestellungen konfrontiert, sondern dass man von seiner Exploration das Auftauchen jener Fragen erwartet, mit denen es sich von innen erschließen lässt. Anselm Strauss (1991: 50) sprach von „generativen Fragen“, die der Forschung „sinnvolle Richtungen“ geben, sie zur Gewinnung angemessener Datentypen und zu fruchtbaren Vergleichen führen.

Die Justierungsanforderung gilt aber auch den Methoden. Eine ‚bewährte Methode‘ hat manche Vorzüge, lädt aber bekanntlich auch wie ein Allzweckhammer dazu ein, alle begegnenden Objekte wie einen Nagel zu behandeln (etwa in Interviews alle sozialen Phänomene auf ‚Auskünfte‘ zu reduzieren). In der qualitativen Forschung haben Methoden einen anderen Stellenwert: Anstelle der korrekten ‚Anwendung‘ einer methodologisch legitimierten Methode steht die Anforderung flexibler Adaptation von Tools an soziologisch verstandene Gegenstände. Diese Flexibilität verlangt die Zulassung heterogener, auch nicht-eingeplanter Datentypen, Geschicklichkeit in der Datenkombinatorik, sowie Findigkeit und theoretische Beweglichkeit in der Datenanalyse – ein Vorgehen, das insgesamt kreativer und experimenteller sein muss, als es Untersuchungspläne zulassen.

Diese Biegsamkeit gegenüber dem untersuchten Phänomen stellt sich, verglichen mit der konsequenten Umsetzung von standardisierten Untersuchungsdesigns, als geradezu ‚opportunistisch‘ dar. Im Selbstverständnis der qualitativen Forschung folgt die Adjustierung aus der Reflexivität der Forschung: Die phänomenologische Nachgiebigkeit und die Bereitschaft zur beständigen rekursiven Selbstkorrektur ist erforderlich, weil theoretische Optik und methodisches Instrumentarium den Gegenstand beständig mitkonstituieren und ihm ihre Eigenschaften und Grenzen aufzwingen.

(3) Reduzierter Methodenbegriff: Auf der Linie dieser rezeptiven Grundeinstellung wird die Gegenstandsangemessenheit bisweilen zu einer vollständigen Gegenstandsrelativität der Methoden zugespitzt. Vor allem die Ethnomethodologie widersetzte sich einer Priorisierung und Kanonisierung allgemeiner methodischer Regeln. Für sie sind (ähnlich wie auch für viele ethnografische Ansätze) die einzusetzenden Verfahren ein untrennbarer Bestandteil des Phänomens, auf dessen Erkundung sie gerichtet sind. Methoden unterliegen einem unique adequacy requirement (Garfinkel & Wieder 1992). Dem Gegenstand angemessen zu sein heißt hier: ihm bereits zuzugehören. Dies ist kein anything goes, kein Verzicht auf Methodizität, da diese immer schon als Eigenschaft des Phänomenbereichs gesehen wird. Der Methodenzwang muss daher in dieser Sichtweise weniger von der Disziplin als vom Gegenstand ausgehen. Er ist es, der methodische ‚Strenge’ verlangt – so wie die Beobachtung wildlebender Tiere eben Sitzfleisch, Tarnung, Ausdauer, Disziplin, Anteilnahme und wetterfeste Kleidung.

Wenn man die Gegenstandsangemessenheit so zum Basiskriterium zuspitzt, verschiebt sich das konventionelle Verhältnis der Begriffe Methode und Angemessenheit. Methoden bezeichnen eine Idealform ‚how to do research’, einen normativen Standard des Verfahrens in allen Fällen gleicher Art, und die Gegenstandsangemessenheit relativiert diesen hochtrabenden Universalismus an heterogenen Gegenständen. Ein bescheidener, ‚abgerüsteter‘ Methodenbegriff stellt dagegen genau diese Relativierung ins Zentrum. Eben weil sie nicht standardisierte Verfahren sind, können die Methoden qualitativer Sozialforschung nicht im gleichen Wortsinne ‚Methoden‘ sein wie diese standardisierten Verfahren. Anstelle eines strikt normativen Verständnisses von Methode, das es im Feld der qualitativen Sozialforschung gelegentlich auch gibt (Hirschauer 2008: 179), findet sich zumeist ein erfahrungswissenschaftlich geöffneter Methodenbegriff: Die Forschung hat ein umfangreiches Erfahrungswissen darüber gesammelt, wie am besten vorzugehen ist. Sie kennt regulative Maximen und Faustregeln, Klugheitslehren und strategische Empfehlungen, sinnvolle Schrittfolgen und Vorsichtsmaßnahmen gegen Kunstfehler, und sie verfügt über viele gute Kniffe: tricks of the trade (Becker 1998). Diese Offenheit und Flexibilität hat ihren methodologischen Grund im unstillbaren Erfindungsbedarf für das empirische Vorgehen. Es ist in einem Maße fall- und frageabhängig, das über die Auswahl gegebener Methoden hinausgeht. Diesen Erfindungsbedarf eines gegenstandsangemessenen Vorgehens leugnet der positivistische Methodenbegriff.

(4) Starker Empiriebegriff: Die methodische Nachgiebigkeit entstammt letztlich einer Vorfahrtsregel ‚Empirie vor Methode‘, die in starken Empiriebegriffen begründet liegt. Die irreführende Verwendung des Labels ‚empirisch‘ durch die standardisierte Sozialforschung verdeckt, dass genau im Feld der qualitativen Forschung die Bedeutung des ‚Empirischen‘ stark beansprucht und latent kontrovers verhandelt wird. In einem emphatischen – d. h. über flüchtige kommunikative Kontakte hinausgehenden – Sinne ‚empirisch‘ kann hier etwa heißen: maximal zum Erleben eines sinnstiftenden Subjektes hin geöffnet (das Ethos der Narrationsforschung), minutiös in Echtzeit aufgezeichnet (das Ethos der Interaktionsforschung) oder durch eigene, sich dem Feld aussetzende Teilnahme an Praxis selbst miterlebt (das Ethos der Ethnographie). In all diesen Fällen gibt es eine Präferenz für maximal widerständige Datentypen, die sich nicht leicht theoretischen Vorgaben subsumieren lassen.

Diese starken Empiriebegriffe sind durch zwei Erwartungen motiviert: dass die primären Sinnkonstruktionen im Gegenstandsbereich methodisch geschützt und theoretisch genutzt werden. Schutz- und entfaltungsbedürftig sind sie gegenüber zu starken theoretischen Vorannahmen und gegenüber den Reifikationen vorgängiger Begriffsbildung. Die Vorstellung einer Fragilität des Gegenstandes entspricht dabei im Grunde der in den modernen Naturwissenschaften erzielten Einsicht, dass die untersuchten Phänomene i. d. R. schwach, flüchtig und anfällig für Kontamination durch Forschungsoperationen sind, weshalb man ihre leisen Spuren mit zum Teil monströsen Apparaturen zu stärken versucht (Heintz 1993): Die Natur wird im Labor apparativ ‚zum Sprechen gebracht’. Auch qualitative Methoden versuchen in diesem Sinne eine schwache Widerständigkeit der Phänomene – in den Kulturwissenschaften: ihre fragile Eigensinnigkeit – zu bewahren und zu verstärken. Methoden sind insofern Datentrainer, die die Nehmerqualitäten primärer Sinnkonstruktionen gegenüber ihrer soziologischen Bearbeitung steigern und Daten als Dialogpartner aufbauen. Diese Eigensinnigkeit ist theoretisch nützlich, weil die soziale Praxis oft erfindungsreicher ist als die theoretische Fantasie. Auch deshalb brauchen Methoden Gegenstandsangemessenheit: Sie sind Kontaktformen zur Sicherung des Innovationspotentials primärer Sinnstrukturen.

Resümieren wir: Das Gütekriterium der Gegenstandsangemessenheit besteht aus den Anforderungen multipler Passungsverhältnisse und fortgesetzter Justierung sowie einem Primat des Empirischen vor der Methodizität. Ein durch Schütz’ Begriff der ‚Adäquanz‘ nahegelegtes Missverständnis der Gegenstandsangemessenheit ist deren abbildtheoretische Lesart als korrekte Repräsentation. Eine solche wäre nur denkbar, wenn der soziologische Gegenstand dinghaft und nicht sinnhaft vorläge und wenn eine Analyse ihm nichts Neues hinzufügen würde. Eine präzise Einstellung auf das Phänomen ist aber nicht Reproduktion von Teilnehmersichten. Zwar übergeht die qualitative Sozialforschung Teilnehmersichten nicht einfach (in Durkheims Tradition) als ‚vorwissenschaftlich‘, sie schließt vielmehr eng an sie an, lässt sie auch als Korrektiv eigener Vorannahmen gelten, nimmt sie insofern in sich auf und lässt auch Leser an ihnen teilhaben. Aber in der analytischen Distanzierung vom Datenmaterial ist die Teilnehmersicht nur ein Ausgangspunkt der Auseinandersetzung, eine Gelegenheit, die eigene Analyse abzusetzen. Es geht darum, Teilnehmersichten zuerst zu verstehen und dann durch sie ‚hindurchzusteigen‘. (Wir werden in 3 darauf zurückkommen.)

Die Gegenstandsangemessenheit kann als das basale, weil viele Aspekte des Forschungsprozesses umfassendes Gütekriterium der qualitativen Sozialforschung gelten. Ethnomethodologische und ethnografische Ansätze rücken es deshalb auch in die Position des Einzigen. Wir meinen: Es ist das grundlegende, aber nicht das einzig relevante und verallgemeinerungsfähige Gütekriterium.

2 Empirische Sättigung

Das zweite Gütekriterium qualitativer Sozialforschung ergibt sich aus dem Grad der empirischen Durchdringung des Forschungsgegenstands und der Verankerung von Interpretationen im Datenmaterial. Empirische Sättigung wird hergestellt durch (1) die Erschließung des Feldes und den Rapport zum Feld, (2) durch die Breite und die Vielfalt des Datenkorpus und (3) durch die Intensität der Gewinnung und Analyse der Daten.

(1) Für die empirische Sättigung sind in der qualitativen Forschung zunächst Feldzugang und Rapport zum Feld zentral. Schon mit den ersten Feldkontakten werden die Weichen für den gesamten Forschungsprozess gestellt. Die Positionen der Forschenden werden ausgehandelt und auch, welche Auskünfte Informanten oder Organisationen bereit sind, über sich preiszugeben. Im Umgang mit den Forschenden reproduzieren sich wesentliche Merkmale des untersuchten Feldes (Lau & Wolff 1983). Der Rapport, die Beziehung zwischen Feld und Forschenden, besteht keineswegs nur darin, einmalig eine ‚gute Gesprächsatmosphäre‘ herzustellen oder eine offizielle Genehmigung zur Beobachtung oder Aufzeichnung zu erhalten. In komplexen, z. B. hierarchisch strukturierten oder räumlich verteilten, Feldern umfasst der Rapport den laufenden Umgang mit Gatekeepern, die Kontaktpflege zu Informanten und die Frage, wie sich Forschende im Feld präsentieren und positionieren. Der Rapport bedarf also ständiger Erneuerung und Optimierung, er ist Teil der Arbeit im Feld. Von dieser elementaren Beziehung, die im besten Fall ein Vertrauensverhältnis ist, hängt der Zugang zu vertraulichen Materialien, zu Hinterbühnen, auch zu streng gehütetem Wissen ab. Empirische Durchdringung bedeutet auch, sich nicht mit den üblicherweise Fremden präsentierten Vorderbühnen des Feldes zufriedenzugeben (oder den Auskünften für Besucher), sondern, auch über Widerstände hinaus, die Grenzen des Feldes auszuloten.

Ob Zugang und Rapport gelungen sind oder nicht, zeigt sich nicht zuletzt daran, ob eine Studie die Beziehungen zum Feld als Ressource reflexiver Orientierung nutzt. Wie verhält sich das Feld zu den Forschenden? Werden sie nur geduldet oder nur ertragen? Was wird ihnen gezeigt und mitgeteilt, was verborgen und verschwiegen? Welche Aufmerksamkeit wird ihnen zuteil, und wie werden sie in das Sozialgefüge des Felds integriert? Reflexivität bezeichnet in der qualitativen Sozialforschung daher zweierlei: Zum einen den konstitutiven Anteil der Forscherinnen bei der Herstellung des Feldes und der Gewinnung von Daten – der Sozialforscher begegnet sich in seinen Daten daher immer auch selbst (Bergmann 2011: 22 f.); zum anderen die systematische Beobachtung des eigenen Tuns und der eigenen Positionierung. Sie ist für die qualitative Forschung eine wichtige Ressource im Prozess der empirischen Durchdringung, die Sekundäranalysen verschlossen bleibt. Diese reflexive Haltung dient neben der Anpassung des methodischen Procedere, also der Steigerung von Gegenstandsangemessenheit, auch der empirischen Durchdringung des Falles oder Feldes. Auskunft gibt das Feld über sich aber nicht nur im Umgang mit dem Forscher bei dessen Feldzugang und während seines Feldaufenthalts, sondern auch beim Ausstieg aus dem Feld. Der Rückzug des Forschers aus dem Feld bedeutet nicht notwendig den Abbruch der Sozialbeziehungen; auch nach dem Abschalten der Kameras, dem Ende der Beobachtung, geben Felder Informationen über sich preis.

(2) Empirische Sättigung ist zentral mit der Generierung des Datenmaterials verbunden. Daten sind kein Fallobst, das von Forschenden nur aufgelesen zu werden braucht. Da ist nichts, was auf eine „Erhebung“ wartet. Es sind die Forschenden selbst, die die Entscheidungen treffen, die zur Herstellung des Korpus führen, die etwas zum ‚datum‘, dem Gegebenen, machen und ins Zentrum ihrer Analyse stellen. Die Soziologie weiß dies auch schon geraume Zeit: „But facts are not there to be picked up. They have to be dissected out, and the data are the most difficult of abstractions in any field. More particularly, their very form is dependent upon the problem within which they lie.” (Mead 1938: 98)

Die Anteile der Forschenden an der Konstitution des Materials und dem Verlauf des empirischen Prozesses fallen in den verschiedenen Ansätzen verschieden stark aus. Sie sind am augenscheinlichsten in der Ethnographie, wo das Korpus erst durch längere Anwesenheit des Forschers im Feld entsteht, und in der Forschung mit Interviews, wo es durch das direkte Gespräch mit Informanten interaktiv erzeugt wird. Sie sind weniger offensichtlich in der Konversations- oder Dokumentenanalyse, weil idealerweise Konversationen aufgezeichnet werden, die so auch ohne Zutun der Forschenden erfolgt wären, oder Dokumente, Bilder, Filme oder andere mediale Formate analysiert werden, die zuvor im Feld hergestellt wurden. Bei diesen Ansätzen sind es aber umso mehr gelungene oder misslungene Entscheidungen über Ort und Zeit von Aufzeichnungen und den Zuschnitt des Korpus, die ihrerseits in den Forschungsbeziehungen zum Feld, etwa im Zugang zu Archiven und vertraulichen Unterlagen oder sozial erarbeiteten Gelegenheiten für Ton- und Videoaufzeichnungen gründen.

Für die empirische Sättigung sind der Umfang und die Zusammensetzung des Datenkorpus relevant. Sowohl die Dauer des Feldaufenthalts und die schiere Menge der Protokolle, die Zahl und Streuung von Interviewpartnern, die Länge und die Anzahl von Aufzeichnungen, Dokumenten oder Bildern spielen für die Datenintensität einer Studie eine Rolle. Es ist aber nicht allein die Zahl der Fälle, die entscheidet, ob empirische Sättigung gelingt. Empirische Sättigung kann auch hergestellt werden, indem Studien auf ein breit aufgestelltes, plural zusammengesetztes Datenkorpus setzen: In der Ethnographie, für die die Gewinnung heterogener Datentypen üblich ist (Feldnotizen, Gespräche mit Informanten, Gewinnung von Dokumenten und Artefakten etc.), ist dies der Normalfall. In der Konversations- und der Dokumentenanalyse versucht man dagegen, die Breite und Vielfalt des Korpus über Variation in der Wahl der Settings und der aufgezeichneten Situationen oder in der Art der Dokumente und ihrer Verfasser herzustellen und die Relevanz des empirischen Phänomens auch in anderen Kontexten aufzuzeigen. Pluralität entsteht ferner durch die gezielte Suche nach abweichenden Fällen (deviant cases), die die Grenzen des Phänomens aufweisen, aber auch zeigen, wie sich die Akteure selbst an ihnen orientieren. Dabei spielen in nahezu allen Methoden immer stärker auch Technik und Medien in die Zusammensetzung des Datenkorpus hinein, sei es, weil wie etwa in Konversationsanalyse oder Videographie der Kamera eine konstitutive Rolle für die Erzeugung der Daten zukommt oder, wie etwa in der Diskursanalyse, das Feld von vornherein medial konstituiert ist.

Interpretationen können sich in der qualitativen Forschung zwar an einzelnen empirischen Details entzünden, ihre Verankerung erhalten sie jedoch in ihrer vielfachen Anbindung an das gesamte Korpus. Entsprechend ist es an diesen Punkten im Forschungsprozess notwendig, weiteres Material zu suchen, welche das bislang analysierte ergänzt, zum Beispiel Fälle abrundet oder soziale Vorgänge vervollständigt. Die empirische Sättigung profitiert von Datenpluralität, weil sich strukturelle Eigenschaften des Forschungsgegenstands in „Belegen verschiedenen Typs“ („many kinds of evidence“, so schon Becker 1958: 257) aufzeigen lassen (dieser Gedanke wurde später als „Triangulation“ bezeichnet). Wie zentral ein Phänomen ist, lässt sich bei pluralen Datentypen darüber zeigen, dass es sich in den verschiedensten Ausprägungen an verschiedensten Stellen zeigt.4 Ohne solch breite empirische Verankerung ihrer Aussagen läuft eine Studie Gefahr, nur oberflächliche und flüchtige Analysen darzubieten. Empirische Sättigung ist davon abhängig, dass zugrundeliegende Strukturen in einer Fülle verschiedener beobachtbarer Ausprägungen und Elemente demonstriert und so die Relevanz des Phänomens für das Material und für die Fragestellung aufgezeigt werden kann.

(3) Die empirische Durchdringung des Gegenstands ist aber nicht nur eine Frage der Variation von Datentypen, sie ist in der iterativ-zyklischen Logik qualitativer Forschungsprozesse auch eine Frage der Analyseintensität. Empirische Sättigung lässt sich nicht erzielen, wenn die Gewinnung der Daten von ihrer Analyse isoliert wird. Schon in die ersten Momente der Datengewinnung fließen Interpretationen ein, die die Konstitution des Korpus strukturieren: Die Videokamera wird justiert und die Perspektive der Kamera verändert; die zweiten und dritten Fragen im Interview werden so modifiziert, dass sie dem Verlauf der Antwort auf die erste und die zweite Frage angemessen sind; die Beobachterposition und der Teilnahmestatus im Feld werden den situativen Erfordernissen angepasst; immanente und exmanente Nachfragen entstehen auf der Basis der just erfolgten Erzählung des Gesprächspartners etc. Das fortlaufende Anschmiegen der Methoden an den Gegenstand (s. 1) ist auch für die empirische Sättigung einer Studie zentral.

Die Korpuserzeugung gehorcht eben einer iterativen Logik, nach der das Datenmaterial fortlaufend erweitert und ergänzt wird, und die sich von den Erkenntnissen leiten lässt, die bei bisherigen Analysen des Vorhandenen gewonnen wurden. Für diese fortwährenden Wechsel von Datengewinnung und -analyse ist in der Grounded Theory der Begriff „theoretical sampling“ geprägt worden (s. 3). Er bezeichnet dort ein Prinzip der wechselseitigen Durchdringung von Datengewinnung und Datenanalyse mit dem Vorzeichen theoretischer Auseinandersetzung. Theoretical sampling zielt auf die Generierung eines empirisch gesättigten Samples. Eine solche Sättigung tritt ein, wenn neues Datenmaterial keine neuen Einsichten ermöglicht, sei es, weil ein besonderes Segment des Feldes intensiv bearbeitet wurde, sei es, weil sich ein Phänomen in mehreren unterschiedlichen empirischen Ausprägungen finden ließ, die in dieselbe Richtung der Interpretation weisen. Gewinnung der Daten, Analyse der Daten und Theoriebildung müssen sich in diesen Schleifen wechselseitig befördern, wenn das Datenmaterial der theoretischen Fragestellung der Untersuchung angemessen sein soll.

Die Datenintensität ist abhängig von Feld und Fragestellung und nicht notwendig an die Materialmenge und die Zahl der Fälle gekoppelt. Die Sozialstruktur von Slums kann anhand eines Slums hinreichend beschrieben werden (Whyte 1993), die soziale Situation von Psychiatrieinsassen anhand einer psychiatrischen Anstalt so genau wie nie zuvor erfasst werden (Goffman 1972), wobei sich die zugrundeliegenden Strukturen in einer Fülle beobachtbarer Phänomene zeigen, deren Zusammenspiel die Tragweite und Reichweite des untersuchten Phänomens aufzeigen. Diese bedeutsame Rolle der Datenanalyse für die empirische Sättigung einer Studie kann im Einzelfall auch Untersuchungen mit kleinen oder auch sehr kleinen Fallzahlen zu paradigmatischen Studien der empirischen Sozialforschung machen, wenn etwa die soziale Konstruiertheit von Geschlecht anhand einer einzigen Informantin expliziert wird (Garfinkel 1967).

Um die Intensität der Datenanalyse herzustellen, halten verschiedene Methoden praktische Verfahren bereit, die die Forschenden davon abhalten, das Material nur zu überfliegen und sie vielmehr dazu zwingen, sich en détail mit dem Material auseinanderzusetzen: die Kodierung Zeile für Zeile in der Grounded Theory; die Transkription durch den Forscher selbst in der Konversationsanalyse; die Sequenzanalyse in verschiedenen Verfahren; formulierende und reflektierende Interpretation in der Dokumentarischen Methode etc. „Quick and dirty“ sind hingegen Analysen, welche das Feld und das Material nicht durchdringen, weil sie zum Beispiel oberflächliche Fragen stellen, weil sie statt Interpretationen nur Paraphrasen von Interviews bieten, weil sie Selbstbeschreibungen des Feldes wiederholen, sich mit den Alltagstheorien des Feldes und mit seinen Fassaden begnügen oder bloße Stippvisiten im Feld machen.

Die empirische Sättigung einer Studie ermöglicht die Entdeckung von Neuem. Durch ihren grundsätzlich explorativen Charakter steigert qualitative Forschung die Wahrscheinlichkeit der „Serendipitätskomponente“: die „Entdeckung von gültigen Ergebnissen, nach denen nicht gesucht wurde“ (Merton 1995: 100). Für Robert Merton sind solche Entdeckungen – das Penicillin etwa – zunächst „dem Glück oder der Klugheit“ geschuldet. Beides lässt sich nicht sicher erwarten, aber befördern: Für den innovativen Charakter, der gute qualitative Studien auszeichnet (s. 5), ist die empirische Sättigung Voraussetzung, da sie den Boden bereitet für das Auffinden von Unerwartetem. Sie trägt für die enge und dichte Verankerung der Analyse im Material Sorge. Sie respezifiziert Ergebnisse am Fall oder Feld, die sonst zu allgemein ausfallen würden, und gewährleistet damit eine gute empirische Analyse. Zu einer guten soziologischen Analyse bedarf es allerdings darüber hinaus klarer theoretischer Bezüge, sowohl um das Feld zu erschließen als auch um die Studie an den soziologischen Diskurs anzuschließen.

3 Theoretische Durchdringung

Die in der Sozialforschung üblichen dichotomen Begriffspaare Theorie/Empirie und Theorie/Methode suggerieren die Möglichkeit von empiriefreier Theorie, theoriefreien Methoden und vortheoretischer Empirie. Solche Vorstellungen sind aber weder wissenschaftstheoretisch noch soziologisch haltbar. Sie verführen zu einem instrumentellen Methodengebrauch – mit der Folge einer Entkopplung der Methodendiskurse von ihren sozialtheoretischen Grundlegungen und einer eher technokratischen Methodenanwendung in der Forschung. Qualität qualitativer Sozialforschung heißt daher auch, diese unfruchtbaren Dichotomien in jene Prozesse aufzulösen, die Theorien, Empirie und Methoden miteinander verbinden. Gute qualitative Sozialforschung ist, mit einem Ausdruck von Georg Simmel, immer „theoretische Empirie“ (Kalthoff 2008: 9).5 Insofern besteht heute weitgehend Einigkeit darüber, dass theoretisches Vorwissen nicht nur unvermeidlich ist (Meinefeld 1997), sondern – richtig dosiert – auch einen entscheidenden Beitrag zur Qualität empirischer Studien leistet (vgl. die Beiträge in Kalthoff et al. 2008).

Wir schlagen daher vor, die theoretische Durchdringung des Gegenstandes durch eine Studie als ein drittes unverzichtbares Kriterium für gute qualitative Sozialforschung zu verstehen.6 Damit wird markiert, dass gegenstandsangemessene, empirisch gesättigte Forschung ebenso auf Theorie angewiesen ist wie sie auf Theorie(fortschritt) zielt. Theoretische Durchdringung stellt damit ein zur empirischen Sättigung komplementäres Kriterium dar. Nur wenn beides vorliegt, kann Gegenstandsangemessenheit erzielt werden, weil erst der sensible Umgang mit Theorieperspektiven es erlaubt, aus der Fülle empirischer Eindrücke Auswahlen zu treffen sowie unvermeidliche Beobachtungslücken gedanklich zu überbrücken, und weil erst die tiefe Verstrickung ins empirische Material die Relevanz theoretischer Perspektivierungen aufzeigen kann. Zwischen beiden Kriterien besteht also ein Verhältnis der Ko-Konstitution: Sie bedingen einander wechselseitig und funktionieren nur gemeinsam.

Zur Explikation dieses Gütekriteriums ist eine Reihe von Präzisierungen erforderlich. Die Güte qualitativer Forschung und ihre Theoriehaltigkeit stehen nicht in einem einfachen Verhältnis positiver Korrelation. Ein Mehr an Theorie macht Forschung nicht notwendig besser. Es geht vielmehr um die Qualität der Theoriebezüge, also darum, wie gekonnt sie dazu genutzt werden, sich den Untersuchungsgegenstand forschend verfügbar zu machen und damit für das Fach herzustellen. Dabei sind zwei kognitive Bewegungen zu unterscheiden:

Zum einen erlaubt erst das begriffliche, theoriesensible Durchdenken, in die empirische Analyse hineinzufinden. Es hilft, das Feld und den Gegenstand aufzuschließen und die Auswahl des Materials sowie seine Transformation in Daten anzuleiten. Es hilft schließlich Zusammenhänge und Aspekte im Material sichtbar zu machen, die in der Alltagsperspektive der Teilnehmenden nicht zur Sprache kommen können und in den Datenstücken jeweils nur bruchstückhaft aufscheinen. Wie im ersten Abschnitt gesagt: In der analytischen Distanzierung vom Datenmaterial ist die Sicht der Teilnehmer nur ein Ausgangspunkt der Auseinandersetzung, eine Gelegenheit, die eigene Analyse abzusetzen. Es geht dabei nicht um einen einmaligen Bruch (Bourdieu) mit den Konstruktionen erster Ordnung, sondern um eine kontinuierliche Brechung. So wichtig es ist, die (meist unterschiedlichen) Teilnehmerperspektiven angemessen zu rekonstruieren, müssen die Forschenden mit ihrer Analyse doch über diese hinausgehen. Qualitative Forschung zielt auf Einsichten, die jede noch so gekonnte Paraphrasierung der feldimmanenten Deutungen und Selbstbeschreibungen systematisch überschreiten.

Zum anderen gewinnt qualitative Forschung in umgekehrter Richtung, wenn es durch theoretische Perspektivierung gelingt, die immer spezifischen und konkreten Fälle auf Begriffe zu bringen, die Anschlussfähigkeit an andere Studien schaffen und für Nachfolgendes erhöhen. Statt ewig isolierter Neuanfänge bieten sie dann Einsichten in Weiteres und nutzen Einsichten von Vorgängigem. Der konsequente Bezug auf Theorie ist damit die Voraussetzung, um aus der empirischen Analyse wieder hinauszufinden und sie in den jeweiligen Fachdiskurs zu integrieren. So hat etwa das Konzept der Boundary Objects (Star & Griesemer 1989) den Diskurs um heterogene Kooperation in den Science and Technology Studies wesentlich geprägt und die Entdeckung der „ausgehandelten Ordnung“ in einer professionssoziologischen Studie (Strauss et al. 1964) zu einem neuen Verständnis des Verhältnisses von Struktur und Handeln beigetragen.

Ein starker Empirie-Begriff, wie er das Gros qualitativer Sozialforschung kennzeichnet, richtet sich eben nicht gegen die produktive Leistung der Theorie. Er ist ein Korrektiv gegenüber zu stark formierenden Methodenverständnissen: Wenn methodische Maximen rigidisiert werden, verlieren sie ihren Gegenstand und werden selbstbezüglich. Im Verhältnis zu einem starken Theoriebegriff steht ein starker Empirie-Begriff hingegen in einem reziproken Ergänzungsverhältnis. Dabei müssen die Perspektiven der Teilnehmer einerseits in den Deutungen der Forschenden sichtbar bleiben, sie dürfen nicht durch Theoriebezüge zum Verstummen gebracht werden. Sie bedürfen andererseits aber einer kritischen Distanzierung gerade durch den Bezug auf Theorie, um ihren Gehalt – auch über das den Teilnehmenden aktuell Verfügbare hinaus – zu erschließen und in theoriegenerativer Absicht fruchtbar zu machen. Über sinnvolle und sinnvoll dosierte Theoriebezüge lösen sich die Forschenden von den Perspektiven der Teilnehmenden, in die sie das Feld und der Rapport hineinziehen. Gute qualitative Forschung entwickelt also statt der dichotom strukturierten Entscheidung zwischen entweder deduktiv oder induktiv verfahrender Forschung eine abduktive Forschungshaltung (Reichertz 2003), in der induktive, abduktive und deduktive Modi den Prozess abwechselnd und ineinandergreifend strukturieren und so die iterative Zyklik konstituieren, ohne die qualitative Forschung nicht gelingen kann (Strübing 2013: 128).

Das Empirische ist also ohne Theorie nicht zu denken. Klärungsbedürftig ist das Wie des Theoriebezugs. Paradigmatisch bleibt hier Blumers Unterscheidung: „Whereas definitive concepts provide prescriptions of what to see, sensitizing concepts merely suggest directions along which to look.” (Blumer 1954: 7) Wenn Theorien eingesetzt werden, als wüssten sie immer schon, was einer Studie im empirischen Feld begegnet und was es zu bedeuten hat, werden sie zum Prokrustesbett. Denn dann lassen sie nur noch sehen, was man sehen wollte. Die Sache wird nicht besser, wenn eine Studie aus theoretischen Claims Hypothesen ableitet, deren empirischer Überprüfung das Forschen dienen soll. Auch dann ist die Aufmerksamkeit für das, was im Feld vor sich geht, unangemessen beschränkt und überformt den empirischen Gegenstand, der dann nur noch die Erwartungen der Forschenden an ihn reflektiert.

Theoriebezüge für gute Forschung sensibilisieren stattdessen die Forscherin für das, was es im Feld im fraglichen Untersuchungskontext zu entdecken gibt. Dabei geht es zum einen um den Einsatz theoretischer Konzepte als spezifische „Brillen“ oder „Mikroskope“ empirischen Forschens, zum anderen um die Entwicklung einer Haltung theoretisch informierter Neugierde. Theoretisches Vorwissen dient, darauf insistiert Strauss (1991: 50) mit seiner Forderung nach „theoretischer Sensitivität“, als aktiv einzubeziehende Inspirationsquelle. Sensibilität für die theoretischen Dimensionen des Forschungsgegenstandes wird damit als notwendige Kompetenz des Forschers markiert, nicht als eine bestimmten theoretischen Konzepten innewohnende Qualität.

Weitergehend als der Vorschlag der theoretischen Sensibilisierung ist die Forderung von Lindemann, Theorie und Empirie als ein Verhältnis wechselseitiger „Irritation“ zu begreifen. Sie kritisiert, dass „sozialtheoretische Annahmen (…) bislang nicht als Theorien begriffen (wurden), die durch empirische Forschung in Frage gestellt werden können.“ (Lindemann 2008: 124) Gute empirische Forschung zeichnet sich demnach dadurch aus, dass a) selbst ihre basalen theoretischen Vorannahmen durch Daten herausgefordert und modifiziert werden können, aber auch b) taken-for-granted-Verständnisse ihres empirischen Gegenstandes durch Theoriebezüge zu irritieren sind und c) der Zugewinn einer solchen reziproken Irritation auch auf den Begriff gebracht wird.

Dabei referieren Forschungsfragestellungen in unterschiedlicher Weise auf Theorie:

(1) Zunächst liegt ihnen zwingend ein bestimmtes (zu explizierendes) theoretisches Verständnis darüber zugrunde, wie Sozialität ‚funktioniert‘. In einer multiparadigmatischen Wissenschaft wie der Soziologie stehen dabei konkurrierende Theorieangebote zur Wahl, mit denen aktiv und reflexiv umgegangen werden muss: Wie prozessiert Sozialität? In welchem Verhältnis stehen Struktur und Handeln zueinander? Wie werden soziale Aggregate erzeugt, stabilisiert und modifiziert? Ihren empirischen Gegenstand kann eine Studie nur soziologisch denken, wenn sie sich in diesen Fragen in konsistenter Weise auf eine bestimmte dieser sozialtheoretischen Perspektiven bezieht. Das Angemessenheitserfordernis wird dort verletzt, wo inkommensurable Theorieperspektiven in Anschlag gebracht werden: Der Handlungsbegriff von RC-Theorien ist einer praxeologischen Sozialtheorie nicht angemessen; Parsons Strukturbegriff geht mit einem ethnomethodologischen Verständnis von Interaktion nicht zusammen.

(2) Forschungsfragestellungen können an einem aktuellen oder klassischen Theorieproblem ansetzen, indem offene oder kontrovers behandelte Fragen bestimmter Theorieperspektiven zum Ausgangspunkt empirischer Forschung gemacht werden: Wie kann man Luhmanns Systemtheorie empirisch fruchtbar machen? Lassen sich Latours Akteur-Netzwerk-Theorie und ein pragmatistischer Interaktionismus zu einer funktionierenden Analyseperspektive verbinden? Bedarf die Habitus-Theorie bei Bourdieu einer Erweiterung mit Blick auf die biographische Veränderbarkeit von Habitus? Angemessenheitsfragen ergeben sich hier mit Blick auf die Wahl des empirischen Gegenstandes, der sich als mehr oder weniger geeignet für die Bearbeitung der theoretischen Fragestellung erweisen kann.

(3) Schließlich bedürfen Forschungsfragestellungen eines theoretischen Inputs zum Verständnis empirischer Probleme: Wie lassen sich Cyborgs sozial- und gesellschaftstheoretisch verorten? Wie kann man die hartnäckige Reproduktion von Geschlechterstereotypen erklären? Was bedeutet die alltagspraktische Umstellung von Körpergefühl auf digitale Selbstvermessung? Diese analytische Einstellung entspricht im Kern Blumers Forderung einer sensibilisierenden Funktion theoretischer Konzepte. Die Güte dieser Theoriebezüge ist daran zu ermessen, inwieweit die in Anschlag gebrachten Konzepte den empirischen Gegenstand so unter Spannung zu setzen vermögen, dass man das Arsenal seiner denkmöglichen Bedeutungen und inneren Zusammenhänge möglichst umfassend entdecken kann. Gelungene Theoriebezüge machen aus empirischen Phänomenen Objekte, anhand derer sich Forschungsfragen denken lassen.

Forschungsansätze sind durch jeweils bestimmte Theorietraditionen geprägt, zu denen sie in einem Verhältnis der Wahlverwandtschaft stehen, weil sozialtheoretische und methodologische Argumentation qua Genesekontext implizit aufeinander abgestimmt sind. Theoretische Durchdringung einer Studie besteht jedoch nicht in einer Perfektionierung dieses Passungsverhältnisses, denn dies liefe auf Hermetik und Selbstimmunisierung hinaus.

Woran erkennt man also, ob eine Studie in Hinblick auf das Kriterium der theoretischen Durchdringung ihres Gegenstandes gescheitert oder gelungen ist? Gut ist eine Studie, wenn sie ein Interesse an der Verallgemeinerung ihres Falles verfolgt, diesen Fall unterschiedlichen theoretischen Perspektivierungen aussetzt und pointierte Konzeptentwicklungen vorzuweisen hat. Schwächer ist eine Studie, die deskriptiv theorielos bleibt oder theoretisch subsumierend verfährt, und der es an Versuchen zur Begriffsbildung mangelt.

Theoretische Durchdringung als Kriterium für gute qualitative Forschung bedeutet, so lautet das Fazit dieses Abschnitts, sich das empirische Feld unter Rekurs auf theoretische Perspektiven verfügbar zu machen und ihm so auch mehr Einsichten abzugewinnen als es selbst zu offenbaren in der Lage wäre. Die Funktion von Theorie ist in diesem Sinne die Differenzerzeugung zum Teilnehmerwissen. Im Fall gelungener Forschung stehen dabei empirisches Feld und theoretisches Denken in einem produktiven Verhältnis wechselseitiger Irritation. Theoretische Perspektivierungen bewahren den so konstituierten Forschungsgegenstand vor einer Überformung durch methodische Rigorismen und schaffen Anschlüsse an relevante Fachdiskurse.

4 Textuelle Performanz

Qualitativ Forschende nehmen nicht nur die Rolle des Datensammlers, des Analytikers und des Theoretikers ein. Indem sie ihre Untersuchungsergebnisse veröffentlichen, agieren sie zudem als Autoren. Sie kommen nicht umhin, ihre Studien auch „mit den Augen“ derer zu betrachten, die sie erreichen wollen. Ein weiteres Gütekriterium qualitativer Forschung ist daher die textuelle Performanz. Gemeint ist damit über die elementare Anforderung der intersubjektiven Nachvollziehbarkeit einer Studie hinaus die Art und Weise, wie kompetent Autorinnen ihre Leser führen. Untersuchungsergebnisse sprechen weder für sich selbst, noch können sie einfach in einem Standardformat aufs Papier gebracht werden. Dies bedeutet, dass beim Verfassen einer empirischen Studie neben der „Logik der Forschung“ die „Logik der Darstellung“ (Bude 1989: 527) und die „logic of generating scientific belief“ (Reichertz 1992: 333) zählen. Während innerhalb der standardisierten Sozialforschung die textuelle Performanz entweder ausgeblendet oder als ein ästhetisches Randproblem der Ergebnispräsentation betrachtet wird, hat sie im Rahmen der qualitativen Forschung eine epistemologische Bedeutung: Die Relevanz der Forschungsergebnisse konstituiert sich auch durch den reflexiven Umgang des Autors mit seiner Rolle. Dies verlangt eine (1) hermeneutische Übersetzungsleistung und (2) eine rhetorische Überzeugungsleistung.

(1) Übersetzen zwischen Sinnwelten. Textuelle Performanz erfordert, die Erwartungshaltung der Leser mit dem Eigensinn und den Selbstbeschreibungen des Untersuchungsfeldes in eine Passung zu bringen. Naturgemäß sind die Erfahrungsräume, Wissensvorräte und sozialen Praktiken des wissenschaftlichen Publikums einerseits und des Forschungsfeldes andererseits nicht identisch. Insofern bedarf es einer hermeneutischen Vermittlung der beiden Sinnwelten7. Eine solche Übersetzungsleistung können diejenigen erbringen, die Zugang zu beiden Seiten haben: die Autorinnen empirischer Studien.

Ob sie es wollen oder nicht, werden sie im Verlaufe des Forschungsprozesses mit dieser Mittlerfunktion konfrontiert. So gibt es immer eine Phase, in der sie sich endgültig von der empirischen Wirklichkeit des untersuchten Feldes lösen, weil die Datengewinnung beendet ist. Je mehr sich Forschende aus der Datengewinnung zurückziehen, umso stärker kommt es darauf an, das Material für die Rezipienten aufzubereiten. Hierbei stehen ganz konkrete Entscheidungen an: Was soll berichtet werden? Wie lässt sich die Fülle und Vielfalt des erhobenen Datenmaterials auf ein darstellbares Maß reduzieren? Welche Einzelfälle könnten aufschlussreich sein? Mithilfe welcher empirischer Daten kann demonstriert werden, was argumentativ behauptet wird, und wie finden selbst stark abweichende Daten einen Platz in der Darstellung der Ergebnisse? Wie kann man Leser an den Felderfahrungen teilhaben lassen? Welche Informationen brauchen sie, damit sie die Glaubwürdigkeit und Relevanz der Stimmen aus dem Feld sowie die Plausibilität der Deutungen prüfen können? Kurzum, es kommt auf eine doppelte Fremdperspektive an: Forschende werden als gute Autorinnen antizipierend Erwägungen über ihre Rezipientinnen anstellen8 und sie werden simultan auf das Forschungsfeld zurückschauen – mittels ihrer Aufzeichnungen natürlicher Daten, ihrer Memos, Protokolle, Transkripte, Erinnerungen etc. Es gilt, den eigenen Verstehensprozess so zu dokumentieren, dass dieser für Dritte nachvollzogen werden kann.

Wenn Forschende diese Übersetzungsleistung nicht erbringen, ist dies ihren Texten deutlich anzumerken. Entsprechende Darstellungen sind überfrachtet mit im Untersuchungsfeld aufgeschnappten Äußerungen, die entweder unkommentiert bleiben oder lediglich paraphrasiert werden, mit mäandernden Kontextbeschreibungen oder erzählten Episoden, die auf die Suggestivkraft der Betroffenheit, der Parteinahme bzw. der Political Correctness setzen.

(2) Überzeugen als „rhetorical activity“ (Atkinson 1990: 10). In der Schriftkommunikation können Autorinnen ihre Leser nicht als konkrete Personen adressieren, sondern lediglich als hidden observers, deren Reaktionen außerhalb ihrer unmittelbaren Kontrollmöglichkeit liegen. Aber wie kann es gelingen, die Zustimmungsbereitschaft der Leser zum Text zu mobilisieren? Da es nicht in der Macht der Autorin liegt, welche Wirkung ihr Text beim Lesen tatsächlich erzeugt, müssen die Forschungsergebnisse, angereichert mit instruktiven Grafiken, Tabellen und Bildern, textuell so präsentiert werden, dass beim Rezipienten Interesse und Anschlusskommunikation ausgelöst werden. In Hinblick auf die notwendige intersubjektive Nachvollziehbarkeit erwarten sie vor allem drei Dinge: Erstens, dass sich Autoren in Publikationen ihrer Studie verständlich und stilvoll ausdrücken, anstatt sich in einer eigenen, idiosynkratischen Sprachwelt einzurichten. Zweitens, dass Argumentationen plausibel dargelegt, Folgerungen logisch nachvollziehbar hergeleitet, und Theoriebezüge heuristisch sinnvoll hergestellt werden. Nichts langweilt Leser schneller als Studien, in denen Einzelaspekte des Untersuchungsgegenstandes ohne erkennbaren „roten Faden“ kleinteilig nacheinander abgehandelt werden. Drittens dürfen die präsentierten Ergebnisse nicht hinter den State of the Art und die sozialen Konventionen zurückfallen, an denen sich die Leser orientieren. Qualitativ Forschende teilen die Überzeugung, dass Hypothesen, mit denen der untersuchte Gegenstand analytisch erschlossen und erklärt werden kann, erst im Zuge des Forschungsprozesses generiert werden. Die Ablehnung einer nomothetisch-deduktiven Theoriegeleitetheit der empirischen Forschung ist eben auch in der Erwartungshaltung begründet, dass qualitative Forschung neues Wissen generieren sollte. Dies kann eine überraschende Beobachtung aus dem empirischen Feld sein, eine Methodeninnovation, ein theoretischer Erklärungsansatz oder ein zeitdiagnostischer Beschreibungsversuch (s. 5).

Festzuhalten ist: Die Autorschaft einer qualitativen Studie impliziert weit mehr als nur die Fixierung von Untersuchungsergebnissen mittels Wörtern und Bildern. Die Darstellung fungiert als Medium, durch das Forschende und ihre Rezipienten in eine soziale Interaktion treten. Die Resultate einer Studie müssen in einer Form präsentiert werden, die es den Rezipienten ermöglicht, die Schlüsse der Forschenden nachzuvollziehen und zugleich ihre eigenen Schlüsse aus der Lektüre ziehen zu können (Wolcott 1990: 127 f.). Die Frage, ob eine qualitative Studie gelungen ist, kann ohne eine Antizipation der Leserinnen und ohne deren Anschlusskommunikation gar nicht geklärt werden. Insofern hat der hidden observer ständig präsent zu sein: als Projektion eines generalized other innerhalb des eigenen Wissenschaftsfeldes.

5 Originalität

Die Trias aus Gegenstandsangemessenheit (1), empirischer Sättigung (2) und Theoriebezug (3), eröffnet, einmal literarisch zur Wirkung gebracht (4), die Aussicht auf ein letztes Gütekriterium, das die qualitative Forschung an den wissenschaftlichen Diskurs anschließt: den Anspruch auf Originalität. Gemeint ist hier nicht eine besondere Kunstfertigkeit von Personen, sondern die Umsetzung der allgemeinen Erwartung an Forschung, Erkenntnisgewinne zu erzielen. Dementsprechend erweist sich die Güte einer publizierten Forschung auch darin, ob sich andere wissenschaftliche Beiträge auf diese ‚mit Gewinn‘ beziehen können. Dies setzt voraus, dass eine Studie ihren Gegenstand als (forschungsstrategischen) Fall von etwas begreift, um Anknüpfungen zu Ähnlichem anzulegen (etwa eine Ethnographie deutscher Asylanhörungen als Fall spezifischer Grenzregime in Globalisierungsprozessen oder eine Gruppendiskussion als Fall der interaktiven Herstellung bestimmter kollektiver Orientierungen). Originalität ist insofern nicht allein die Leistung einer individuellen Studie, sie ist ein kollektives Gut, zu dem sie signifikant beiträgt. Dabei bewerten Leserinnen auch als Nutzerinnen für die Zwecke ihrer eigenen Forschung, ob eine Studie den erreichten Wissensstand nur verdoppelt, ihn gar unterschreitet, oder ob sie neue Einsichten eröffnet.

In Bezug auf diesen Wissensstand ist allerdings zu differenzieren. Ein Beitrag kann nur wissenschaftlichen Gebrauchswert entwickeln, wenn er drei Wissensstände nicht unterbietet: die der Forschung, des Alltagswissens und des Sachwissens der Teilnehmer. Außerhalb qualitativer Sozialforschung mag es hinreichen, sich hier auf einzelne Wissensbestände zu beschränken und Erkenntnisgewinne allein in Relation zum Forschungsstand (wie in statistischen Erhebungen), zum Common Sense (wie in der Populärwissenschaft) oder zum Praktikerwissen (wie in der Anwendungsforschung) zu behaupten.9 Gute qualitative Forschung sollte dagegen all diese Wissensstände zu ihren Fällen bedienen, will sie vollwertig zum wissenschaftlichen Originalitätsversprechen beitragen. Alle drei Referenzen dienen also der Tauglichkeitsprüfung eines Beitrages: (1) Die Forschung sollte nicht hinter den Common Sense zum Gegenstand zurückfallen, sondern rezipieren und diskutieren, was allgemein vorausgesetzt und angenommen wird. (2) Ihre Resultate sollten nicht hinter Normen und Standards zurückfallen, wie sie die Teilnehmer des Feldes haben, etwa die Fachkräfte einer Profession. (3) Eine Studie darf nicht hinter den Forschungsstand zurückfallen, sollte also neueste Erkenntnisse über ähnlich gelagerte Fälle rezipieren und diskutieren. Die Forschung riskiert ihre Brauchbarkeit für anschließende Beiträge, wo mindestens einer dieser Wissensbestände ausgeklammert und seine systematische Unterbietung riskiert wird. Welche Vorkehrungen trifft hier eine gelungene Studie?

(1) Common Sense: Alle empirische Sozialforschung ist mit bereits gewussten, gesellschaftlich angeeigneten, sprachlich erschlossenen Gegenständen konfrontiert. Es liegt ein allgemeines Wissen vor, das außer Acht zu lassen die qualitative Angemessenheit des Weltbezugs tangiert. So werden Subkulturen (z. B. Auto-Raser), Institutionen (z. B. Verkehrspolizei), Dinge (z. B. Autos) oder Praktiken (z. B. Geschwindigkeitskontrollen) allgemein gewusst: qua persönlicher Erfahrung, alltäglicher Konversation, journalistischer Berichterstattung oder politischer Debatten. Der Common Sense macht Gegenstände relevant und weckt Interesse.

Qualitative Forschungen beziehen sich auf ihn, indem sie Berichterstattung, Alltagsgeschichten oder alltägliche Benennungen aufrufen und typische Erwartungen, Hypothesen oder Vorurteile als Teil des untersuchten Gegenstandes aufdecken. Gegenläufige Strategien können den Common Sense herausfordern, um auf diese Art Raum für Neues zu schaffen und Vorwissen nicht zu reproduzieren. Bezugnahmen zum Common Sense schützen die Forschung vor falschen Neuigkeitsbehauptungen, weil sie dessen drohender Unterbietung für Rezipienten beobachtbar begegnen. Sie referieren populäre Versionen des Gegenstands, zu denen sich Teilnehmende wie Forschende verhalten müssen. Dies schließt Reflexionen über den Transfer von wissenschaftlichen Konzepten in die Populärkultur ein. Common Sense Verständnisse dienen Beiträgen auch als Folien zur trennscharfen Fassung des Gegenstandes. Sie lassen sich diskutieren und verfremden – und schützen die Forschung so vor uneingelösten Originalitätsversprechen.

(2) Sachwissen des Feldes: Die Ignoranz und mitunter Arroganz gegenüber dem Alltagswissen wird zuweilen mit einem Abstandsgebot zum Nicht-Wissenschaftlichen begründet. Derlei szientistische Manöver finden sich auch bezogen auf das Sachwissen des Feldes. Die Ignoranz gegenüber dem Wissen der Praktiker, bis hin zu professionellen Standards, entspricht einer ungerechtfertigten Hierarchisierung von Wissen. Mit der Überschätzung des wissenschaftlichen Wissens droht die Unterbietung von dem ‚was man wissen sollte‘, um überhaupt mitreden zu können, denn es sind die Praktikerinnen, die einen Gegenstand aus unmittelbarer Anschauung im Lichte seiner konkreten Anforderungen kennen und für relevante Verwertungskontexte reflektieren.

Gute qualitative Forschungen stellen sich dieser Defizit-Drohung unterschiedlich. So verlangt die Ethnomethodologie von Forschenden, dass sie sich die Gegenstände ihrer Studien – inklusive des Vokabulars und der professionellen Standards – zunächst im Fachstudium erschließen. So sollten Studierende etwa Grundkenntnisse der Physik erwerben, bevor sie physikalische Experimente erforschen. Diese An- und oftmals auch Überforderung sollte davor bewahren, bestimmte Aspekte und Bedeutungen gar nicht erst in den Blick zu bekommen. Andere Studien greifen auf Bündnisse mit den Beforschten zurück. So können die Beforschten (Zwischen-)Ergebnisse kommentieren und dafür sorgen, dass Resultate nicht hinter Wissensstandards des Feldes zurückfallen.10 Gute qualitative Forschung erhält ihr Originalitätspotential, indem sie eine oftmals wissenschaftlich kritisierte Betriebsblindheit der Praktiker nicht gegen eine fehlschließende Praxisferne eintauscht. Sie würde den möglichen Gebrauchswert einer Studie unter Vorbehalt stellen.

(3) Stand der Forschung: Qualitative Forschungen scheinen Common Sense und Teilnehmerwissen zugeneigt; dem Forschungsstand dagegen zeigen sie sich oft nur vage verpflichtet. Diese offene Flanke erwächst mit der mangelnden Theoretisierung (s. 3) des Gegenstandes: ‚Genau dies wurde so noch nie beforscht!‘ Die Besonderung wirkt dann wie ein Unterbrecher wissenschaftlicher Diskurs- und Wissensprozesse. Sie macht Studien füreinander unverfügbar. Dagegen legt gerade die Einordnung in eine Forschungsrichtung die nötige Grundlage für eine Originalitätsbehauptung: Der analytisch gefasste Gegenstand erlaubt die Positionierung zum Forschungsstand – und diese die Bestimmung eines Neuigkeitswertes. Der Aufweis von Ähnlichkeiten und Besonderheiten liefert Anschlussstellen für Weiteres und derart die Möglichkeit zur Wissensakkumulation. Eine wesentliche Voraussetzung dieses Aufweises ist die multiple Kontextualisierung der aufgebotenen und analysierten Geschehnisse, Aussagen oder Erzählungen. So eingebettete Fallstudien gewinnen gleich für mehrere Forschungsstände Anschlussfähigkeit.

Schließen quantitative Forschungen in ihrer starken kumulativen Arbeitsteiligkeit immer schon an einen definierten Forschungsstand an, so ist die qualitative Forschung durch die geforderte Gegenstandsangemessenheit zunächst auf Singularität verpflichtet. Qualitative Studien sind damit grundsätzlich zur Vereinzelung verführt. Sie müssen daher umso mehr in ihre Anschlussfähigkeit investieren: als Studien, die die Allgemeinheit ihres Falles in eine analytische Kasuistik eintragen können. In diesem Sinne gibt gute qualitative Forschung darüber Auskunft, was zu einem solchen Gegenstand schon erforscht wurde – und wie die eigene Forschung zum Kollektivgut des Forschungsstands beiträgt.

Neben der Besonderung des Gegenstands kann auch die Fragmentierung der Methoden, Ansätze und Schulen zur Verinselung qualitativer Forschung beitragen. Ausdifferenzierte Studien und neueste Paradigmen(-wechsel) erlauben es, von anderen Forschungsständen abzusehen. Derlei praktizierte Ignoranz tangiert die Güte, wo sie eine Auseinandersetzung mit anders angelegten Forschungsergebnissen verstellt – und wo konzeptionelle Differenzen nicht mehr in gegenstandsbezogenen Debatten ausgetragen werden.

Zusammengefasst: Die Güte von Forschungsbeiträgen zur Produktion von Originalität i. S. von Erkenntnisgewinn entscheidet sich in den (fach-)diskursiven Anknüpfungen. Ist ein Beitrag brauchbar für Weiteres? Um für diesen Gebrauch infrage zu kommen, kann ein Beitrag nur dann Neues reklamieren, wenn er an Wissensstände anknüpft. Der Erkenntnisgewinn lässt sich dann ex negativo vermessen: anhand möglicher Unterbietungen gegenstandsrelevanter Wissensstände. Der gute Beitrag ist auf dem Stand – und erlaubt die anknüpfende Koproduktion von Originalität. Als Gütekriterium erfordert die Aussicht auf Originalität damit eine dreifache Absicherung des Forschungsbeitrags: Sie reflektiert ein Allgemeinwissen mitsamt dem erwartbaren Vorwissen, sie respektiert die fachlichen Standards der Praktiker und sie setzt sich mit ähnlich gelagerten Fallstudien auseinander. Auf all diese Bezüge einzugehen, ist dabei nicht schon ‚originell‘, sondern Grundlegung für Originalität. Sie befördert den Beitrag in den Stand der Brauchbarkeit für alles Weitere.

Das Risiko der Unterbietung relevanter Wissensstände nimmt dort zu, wo Gegenstände als gesellschaftlich relevant wahrgenommen und dementsprechend breit behandelt werden. Gerade dann muss die Forschung mit Unübersichtlichkeit der Wissensstände wie auch mit konkurrierenden Wissensbeständen rechnen. Im Umkehrschluss finden sich exotische Forschungsgegenstände, mit denen Forschende eine Unterschreitung der Wissensstände weniger riskieren. Der Preis für diese Isolierung liegt nahe: Der Gegenstand findet kein Interesse beim Leser und keine Nachahmer. Eine paradoxe Konsequenz des Originalitätsgebots ist also die Meidung umkämpfter Forschungsfelder und debattierter Gegenstände – per Flucht in eingehegte Spezialgebiete. Dann wird eine Brauchbarkeit für Weiteres gar nicht erst behauptet. Bei all dem bleibt den Forschenden ein letzter Ausweg: Sie stolpern zufällig über einen neuen Gegenstand, der zugleich relevante Erkenntnisse verspricht und der bislang zu Unrecht kaum Beachtung fand. Originalität ist dann, und nur dann, tatsächlich eine glückliche Fügung für die Forschung und den wissenschaftlichen Diskurs.

6 Fazit

Wir haben in diesem Aufsatz implizit immer schon wirksame Evaluationsgesichtspunkte in der Begutachtung qualitativer Studien als Gütekriterien expliziert und aus den Grundhaltungen und Maximen qualitativer Sozialforschung hergeleitet. Damit zielen wir auf eine Stärkung und Professionalisierung der qualitativen Sozialforschung, weil Gütekriterien als Medien der Kommunikation über Forschung unverzichtbar sind. Gut ist qualitative Forschung, kurz gesagt, wenn sie ihren Gegenstand über den Forschungsprozess hinweg angemessen entwickelt, dabei den interaktiven Prozess seiner empirischen Sättigung ebenso bewältigt wie seine fortwährende theoretische Perspektivierung und diese forschende Herstellungsleistung gegenüber relevanten Publika in ihrer Gültigkeit und ihrem Erkenntniswert vermitteln kann.

Das Pentagramm qualitativer Gütekriterien
Abb. 1:

Das Pentagramm qualitativer Gütekriterien

Wir haben die Gegenstandsangemessenheit als Basiskriterium bezeichnet. Das bedeutet nicht, dass alle anderen Kriterien in diesem einen aufgehen. Vielmehr stehen alle fünf hier herausgearbeiteten Kriterien in Verweisungsverhältnissen zueinander (Abb. 1). Dabei mögen Gegenstandsangemessenheit, empirische Sättigung und theoretische Durchdringung auf den ersten Blick als vorrangig gegenüber textueller Performanz und Originalität erscheinen. Doch der Eindruck täuscht, denn Studien, die ihren Gegenstand empirisch und theoretisch angemessen konzipieren und entwickeln, ohne dies in ihrer textuellen Repräsentation auch sichtbar zu machen und dabei ihre Originalität in Form erweiterten Wissens zu verdeutlichen, blieben so etwas wie hidden champions.

Jede Zusammenstellung von Gütekriterien erlaubt natürlich Variation. Zum einen in der Hinsicht, dass sie sich unterschiedlich gewichten lassen und einzelne Studien Schwächen und Stärken in einzelnen Aspekten aufweisen werden: Zum Beispiel mag eine deskriptiv reiche und glänzend geschriebene Studie vielleicht nicht auch begrifflich originell und theoretisch innovativ sein. Zum anderen wird die evaluative Praxis in den unterschiedlichen Ansätzen qualitativer, interpretativer und rekonstruktiver Forschung von Kriterium zu Kriterium Variationen erzeugen, was die Bedeutung eines Kriteriums und auch seine genauere Auslegung betrifft. Ethnomethodologische Studien werden ihren Theoriebezug etwas anders auffassen als etwa Studien aus der objektiven Hermeneutik, ebenso wie sich Diskursanalysen in einigen Punkten von den Gewichtungen in der Dokumentarischen Methode unterscheiden werden. Auch die unterschiedlichen Fachkulturen und Verwendungskontexte von Soziologie oder Erziehungswissenschaften, Politikforschung oder Kulturwissenschaften mögen hier noch einmal unterschiedliche Akzente setzen. Die Gütebeurteilung kann sich also nicht einfach darauf beschränken zu ‚zählen‘, wie viele der hier entwickelten Kriterien jeweils erfüllt wurden, vielmehr müssen sie wiederum fallspezifisch interpretiert und adaptiert werden (s. u.). Die vorgeschlagenen Gütekriterien sind auch keine Indikatoren, die sich messen und in Maßzahlen ausdrücken lassen. Sie sind Orientierungsmarken für den Versuch einer Verifizierung sozialwissenschaftlicher Güteurteile. Insgesamt aber führt unseres Erachtens an der grundsätzlichen Bedeutung der vorgeschlagenen fünf Kriterien kein Weg vorbei. Auch in diesem Punkt sind wir auf die entsprechende Fachdiskussion gespannt, die noch vor uns liegt.

Auch die Frage, ob die hier entwickelten Gütekriterien qualitativer Forschung sich nicht auch auf standardisierte Forschung mit ihrer dominanten Methodizität übertragen lassen, sollte Gegenstand zukünftiger Fachdebatten werden. Wir meinen, dass unser weiter gefasster Bezugsrahmen die messtechnischen Verkürzungen der Gütekriterien standardisierter Forschung klar hervortreten lässt und so auch plausibler macht, was viele an dieser Forschung so vermissen. So stehen etwa Originalitätsanforderungen in der standardisierten Sozialforschung häufig im Schatten des Bemühens um Kontrolle und Replikation. In diesem Sinne sollen unsere Kriterien durchaus auch Orientierungsmarken für eine umfassendere Güteprüfung auch quantifizierender, methodisch standardisiert verfahrender Studien setzen. Denn auch von diesen wird man erwarten können, dass sie theoretisch reichhaltigere und originelle, d. h. auch: weiterführende Ergebnisse produzieren und diese an die Wissenschaftskommunikation ihres Faches anzuschließen verstehen.

Was dabei stets bleibt und mit derartigen Gütekriterien nicht standardisiert und pseudo-objektiviert werden kann, ist die praktische Aufgabe des Einschätzens und Beurteilens: Es bedarf in jedem Fall der „practical capacity to assess research.“ (Hammersley 2007: 300) Was wir im Einzelfall als gegenstandsangemessen und empirisch gesättigt gelten lassen wollen, was unseren Ansprüchen an theoretischer Durchdringung genügt und uns in seiner textuellen Präsentation als originell überzeugt, das muss immer noch an konkreten Einzelfällen bestimmt und innerhalb der Scientific Community kommunikativ validiert werden. Mit den genannten Gütekriterien aber lassen sich einzelne Studien in einem fünfdimensionalen Feld verorten. Als Rezipienten, Gutachterinnen oder Verwender von Forschung sollten wir damit besser explizieren können, in welcher Hinsicht eine Studie besser oder schlechter gelungen ist. Als Forschende wiederum können wir diese Kriterien als Zielmarken für die fortlaufende Überprüfung und Nachjustierung unserer Forschungsarbeit nutzen. Schon damit scheint uns Einiges gewonnen.

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Footnotes

  • 1

    Wir sprechen in diesem Aufsatz generell von ‚qualitativer Forschung‘ und vernachlässigen damit eine mitunter dramatisierte Sonderstellung von interpretativen oder rekonstruktiven Verfahren. Zu diesem Argument s. Strübing (2017). 

  • 2

    Kritisch zu den Adaptions- bzw. Konvergenzrhetoriken Breuer (2000) und Reichertz (2000). 

  • 3

    Güteprüfungen gibt es in zwei Modi: als externe und als interne. Diese unterscheiden sich darin, dass externe Evaluationspraktiken sich nur auf Produkte eines Forschungsprozesses richten, der selbst als Blackbox unverfügbar bleibt. Interne Selbstevaluationen der Forschenden hingegen referieren in Kenntnis dieses Herstellungsprozesses fortwährend auf Zwischenprodukte und sind auf Selbststeuerung ausgerichtet. 

  • 4

    Beispielhaft sind hier Jahoda et al. (1994) mit ihrer Beschreibung Marienthals als „müde Gesellschaft“. 

  • 5

    Dass dennoch in den Diskursen über qualitative Methoden gelegentlich ein theorie-skeptischer Grundton anzutreffen ist, hat einen Grund in unglücklichen Formulierungen im Gründungsmanifest der Grounded Theory. Dort war im Bemühen um die Markierung einer Differenz gegenüber der theorietestenden Vorgehensweise der quantifizierenden Forschung die Rede davon, sich dem empirischen Feld ohne theoretische Vorkenntnisse zu nähern und theoretische Konzepte aus der Empirie „emergieren“ zu lassen (Glaser & Strauss 1967: 37 ff.).  

  • 6

    Theoretische Durchdringung ist nicht zu verwechseln mit dem in der Grounded Theory gebräuchlichen Kriterium der „theoretischen Sättigung“ (Glaser & Strauss 1967: 61), mit dem das theoretische Sampling kontrolliert werden soll. 

  • 7

    Bzw. Subsinnwelten im Sinne Alfred Schütz’ (1971), in denen sich die Welt des Alltags von der Welt der Wissenschaft unter anderem durch einen verschiedenen Realitätsakzent unterscheidet.  

  • 8

    Howard S. Becker (1993: 82) empfiehlt jedem Forschenden sich zu fragen: „Wer liest ihn überhaupt? […] Man wird anders schreiben für Personen, mit denen man in einem Projekt zusammenarbeitet, als für fremde Fachkollegen, die das gleiche Spezialgebiet haben, wieder anders für wissenschaftliche Kollegen, die in anderen Bereichen und Disziplinen tätig sind und noch einmal anders für den ‚intellektuellen Laien‘“. 

  • 9

    So operiert etwa ein guter statistischer Beitrag, indem er – ein durchaus verbreitetes – weiches Wissen in hartes Wissen transformiert und als neuen Forschungsstand verbürgt. Gute Populärwissenschaft vermag alte Forschungsstände zu erklären, soweit sie allgemein Neuigkeitswert versprechen. Gute Anwendungsforschung erarbeitet Einsichten, die die fachlichen Standards der Praktiker zumindest respezifizieren.  

  • 10

    Weitere Strategien mitlaufender Konsultation wären Interpretationsrunden mit Beforschten, um Schlussfolgerungen einem ‚Praxistest‘ zu unterziehen, oder angewandte Publikationen, die als ein Warnsystem für kritische Unterbietungen fungieren. 

About the article

Jörg Strübing

Jörg Strübing, geb. 1959, ist nach Studium der Soziologie, Erziehungs- und Politikwissenschaft sowie wissenschaftlichen Stationen in Kassel (Promotion), Berlin (Habilitation), Urbana-Champaign, USA und Göttingen; seit 2007 Professor für Soziologie am Institut für Soziologie der Eberhard Karls Universität Tübingen, wo er neben der qualitativen Sozialforschung die Wissenschafts- und Techniksoziologie vertritt. Er war Sprecher und Vorstandsmitglied der DGS-Sektion Methoden der Qualitativen Sozialforschung und 2014–2017 gewählter Vertreter der Soziologie im Rat für Sozialwissenschaftliche Daten der Bundesregierung (RatSWD). Von ihm erschienen u. a. 2018 „Qualitative Sozialforschung“, 2014 „Grounded Theory“, 2016 „Leben nach Zahlen“ (mit S. Duttweiler, R. Gugutzer u. J. Passoth) sowie ebenfalls 2016 „Empirische Sozialforschung“ (mit H. Kromrey u. J. Roose)

Stefan Hirschauer

Stefan Hirschauer, geb. 1960. Studium der Soziologie, Promotion und Habilitation in Bielefeld. 1990–99 Redakteur und geschäftsführender Herausgeber der ZfS. Dann Heisenbergstipendiat, Gastprofessuren am Centre de Sociologie de l’Innovation (Paris), an der Universität Wien und an der Cornell University. Ab 2002 Professur an der LMU München, seit 2006 Prof. für Soziologische Theorie und Gender Studies an der JGU Mainz. Forschungsschwerpunkte: Praxistheorien, Qualitative Methoden, Soziologien des Wissens, des Körpers und der Geschlechterdifferenz. Bücher: Die soziale Konstruktion der Transsexualität (1993), Die Befremdung der eigenen Kultur (1997), Theoretische Empirie. Zur Relevanz qualitativer Forschung (2008). Ethnografie. Die Praxis der Feldforschung (2013), Soziologie der Schwangerschaft (2014), Un/doing Differences (2017). Zuletzt in der ZfS 43/2014: 170–191: Un/doing Differences. Die Kontingenz sozialer Zugehörigkeiten.

Ruth Ayaß

Ruth Ayaß, geb. 1964. Studium der Soziologie und Linguistik in Konstanz. Promotion in Gießen (1995). Habilitation in Bielefeld (2004). 2004–2016 Professorin in Klagenfurt. Seit 2016 Professorin für „Methoden der empirischen Sozialforschung mit dem Schwerpunkt qualitative Methoden“ an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld. 2012–2016 Vorstandsmitglied der DGS-Sektion Methoden der Qualitativen Sozialforschung (2014–2016 Sprecherin des Vorstands). Forschungsschwerpunkte: qualitative Methoden; Kommunikation in, mit und über Medien; visuelle Soziologie. Aktuelle Publikationen: Media structures of the life-world, in: Staudigl, Michael/Berguno, George (Hrsg.), Schutzian phenomenology and hermeneutic traditions. Dordrecht: Springer, 2014, 93–110; Using media as involvement shields, in: Journal of Pragmatics, 2014, 72, 5–17; Doing data. The status of transcripts in Conversation Analysis, in: Discourse Studies, 2015, 17 (5), 505–528; Life-world, sub-worlds, afterworlds. The various ‚realnesses‘ of multiple realities, in: Human Studies, 2017, 40, 519–542.

Uwe Krähnke

Uwe Krähnke, geb. 1967. Studium der Sozialwissenschaften an der HU Berlin, Promotion an der TU Chemnitz, Habilitation an der HU Berlin. Lehrtätigkeit in den Bereichen Allgemeine Soziologie und Qualitative Methoden an der TU Chemnitz, JKU Linz, HU Berlin, Uni Bielefeld. 2011 Vertretungsprofessur an der AAU Klagenfurt. 2012–2015 Leiter des DFG-Forschungsprojekts Hauptamtliche Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit (eigene Stelle). Seit 2014 im Vorstand der DGS-Sektion Methoden der qualitativen Sozialforschung. Bücher: 2002 Soziologische Theorien von Auguste Comte bis Talcott Parsons. (zus. m. Ditmar Brock und Matthias Junge), 2007 Selbstbestimmung, 2009 Interpretative Sozialforschung (zus. m. Frank Kleemann und Ingo Matuschek), 2011 Links sein (zus. m. Ingo Matuschek, Frank Kleemann und Frank Ernst), 2017 Im Dienst der Staatssicherheit (zus. m. Matthias Finster, Philipp Reimann und Anja Zschirpe).

Thomas Scheffer

Thomas Scheffer ist Professor für Soziologie und Sozialpsychologie mit dem Schwerpunkt Interpretative Sozialforschung am Institut für Soziologie, Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt. Seit 2 Jahren ist Scheffer Sprecher der DGS-Sektion Methoden der Qualitativen Sozialforschung. Scheffer forscht zur Praxis staatlicher Gewalten und veröffentlichte hier mehrere Ethnographien, u. a. Asylgewährung (2001), Adversarial Case Making (2010), Criminal Defence and Procedure (2010, mit Kati Hannken-Illjes und Alexander Kozin) oder jüngst Polizeilicher Kommunitarismus (2017, mit Christiane Howe, Eva Kiefer, Yannik Porsché und Dörte Negnal).


Published Online: 2018-06-02

Published in Print: 2018-06-26


Citation Information: Zeitschrift für Soziologie, Volume 47, Issue 2, Pages 83–100, ISSN (Online) 2366-0325, ISSN (Print) 0340-1804, DOI: https://doi.org/10.1515/zfsoz-2018-1006.

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