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Zeitschrift für die neutestamentliche Wissenschaft

Ed. by Konradt, Matthias

Together with Backhaus, Knut / Herzer, Jens / Lichtenberger, Hermann / Lieu, Judith / Rowe, C. Kavin

In cooperation with Lampe, Peter / Dunn, James D. G. / Hays, Richard B. / Kaestli, Jean-Daniel

2 Issues per year


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1613-009X
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Volume 107, Issue 1 (Feb 2016)

Issues

Überlegungen zur Grammatik von Joh 8,25 im Lichte der handschriftlichen Überlieferung

Hans Förster
  • Corresponding author
  • Institut für Neutestamentliche Wissenschaft, Evangelisch-Theologische Fakultät, Universität Wien, Schenkenstraße 8–10/5/5, 1010 Wien
  • Email:
Published Online: 2016-02-08 | DOI: https://doi.org/10.1515/znw-2016-0001

Abstract:

Parts of John 8,25 – the words of Jesus – present serious problems for interpretation. They seem to be an incomplete sentence. Therefore, their meaning is elusive and it is uncertain how to translate them. These problems can be solved if close attention is paid to the evidence of Biblical manusc ripts for this very passage. If these manuscripts are used for constructing the text, there is no incomplete sentence at all. John 8,25 becomes a crucial part of the discussion between Jesus and his Jewish opponents in chapter 8 of the Gospel of John.

Einleitung

Die Passage Joh 8,25–26 gilt als „eine alte crux interpretum.“1 Im Folgenden soll gezeigt werden, dass aufbauend auf bisher nicht berücksichtigte handschriftliche Zeugen eine neue, grammatikalisch korrekte Deutung möglich ist. Neben dem Rückgriff auf die handschriftliche Überlieferung muss ferner die Frage aufgeworfen werden, ob an dieser Stelle zusätzlich Besonderheiten der johanneischen Sprache zum Tragen kommen, die eine neue Deutung der Stelle ermöglichen. Vor einer neuen Deutung muss jedoch zuerst die Problematik der Stelle erläutert werden. Wie dann anhand der handschriftlichen Überlieferung zu zeigen ist, können durch eine Änderung der Interpunktion nicht nur die grammatikalischen Probleme gelöst werden. Vielmehr wird aus einer problematischen Passage, deren Inhalt sich vielen Exegeten nicht wirklich erschlossen hat, eine zentrale Stelle des 8. Kapitels des Johannesevangeliums. Dass die neue Deutung auch weniger antijudaistisch ist als das traditionelle Verständnis von Joh 8,25–26, stellt einen zusätzlichen Gewinn dar.

1 Das Problem von Joh 8,25

Wie bereits in der Einleitung bemerkt, ist die Grammatik von Joh 8,25b nach herrschender Meinung verderbt. Um diese Frage zu diskutieren, muss zunächst der Text von Joh 8,25–26 präsentiert werden, wie er in Novum Testamentum Graece (28. Auflage) geboten wird, um anhand des Textes die Verderbnis aufweisen zu können:

25 Ἔλεγον οὖν αὐτῷ· σὺ τίς εἶ; εἶπεν αὐτοῖς ὁ Ἰησοῦς· τὴν ἀρχὴν ὅ τι καὶ λαλῶ ὑμῖν; 26 πολλὰ ἔχω περὶ ὑμῶν λαλεῖν καὶ κρίνειν, ἀλλ᾿ ὁ πέμψας με ἀληθής ἐστιν, κἀγὼ ἃ ἤκουσα παρ᾿ αὐτοῦ ταῦτα λαλῶ εἰς τὸν κόσμον.

Hinsichtlich der wörtlichen Rede Jesu in Joh 8,25b bemerkt Roger L. Omanson: „The words of Jesus, Τὴν ἀρχὴν ὅ τι καὶ λαλῶ ὑμῖν, are an incomplete sentence. They have been called ‚the most obscure sentence in the Gospel and the most uncertain how to translate‘.“2 Das erklärte Ziel des vorliegenden Beitrags ist zu zeigen, dass dieser „Satz, dessen Übersetzung am unsichersten von allen Sätzen im Johannesevangelium ist“, durchaus grammatikalisch korrekt ist. Ein Teil der textlichen Probleme ist wohl erst durch eine eher einseitige Berücksichtigung der Kirchenväter entstanden, die dann scheinbar von der handschriftlichen Überlieferung dieser Stelle – oder besser gesagt, von einer problematischen Rezeption der handschriftlichen Tradition – bestätigt wurde.

Nach Omanson handelt es sich bei der wörtlichen Rede in der vorliegenden Stelle um einen unvollständigen Satz, der aus einem Artikel und einem zugehörigen Substantiv im Akkusativ besteht, dem hypotaktisch ein mit ὅ τι / ὅτι eingeleiteter Satz zugeordnet ist. Offensichtlich ist: Das mit einem Artikel versehene Substantiv steht alleine und hängt von keinem anderen Wort ab. Auch wenn τὴν ἀρχήν als Adverbial verstanden werden kann und damit nicht als Objekt von einem Verb abhängig sein muss, so fehlt doch ein Verb, um einen vollständigen bzw. überhaupt erst verständlichen Satz zu erhalten. Dass an dieser Stelle emendiert werden „muss“, ist auch tatsächlich in der handschriftlichen Überlieferung zumindest in einer – möglicherweise in ihrem Alter überschätzten – Handschrift belegt.3 Gemeinhin wird P66 in der theologischen Literatur seit Aland/Aland auf die Wende vom zweiten zum dritten Jahrhundert datiert.4 Dass gerade frühe Handschriften eine besondere Wirkung entfalten bzw. verstärkend auf bestehende Deutungstendenzen einwirken, ist nur zu gut zu verstehen. Immerhin suggeriert das hohe Alter einer Handschrift deren große Nähe zum Ursprung. Aus Sicht des Papyrologen ist es allerdings etwas überraschend, mit welcher Sicherheit präzise Datierungen vertreten werden;5 auch hat die neuere Diskussion, die vor allem durch das Werk von Roger Bagnall angestoßen wurde,6 bisher leider viel zu wenig Rezeption in der neutestamentlichen Forschung gefunden. Aus methodischen Gründen schlägt Bagnall vor, bei der Datierung der Papyri konservativer zu sein. Brent Nongbri argumentiert mit guten paläographischen Gründen für eine Spätdatierung von P66 in die Zeit um die Mitte des 4. Jahrhunderts, in eine Zeit also, aus der weit mehr neutestamentliche Handschriften erhalten sind als aus der Zeit um die Wende zum dritten Jahrhundert.7

Auf P66 ist zu sehen, dass korrigierend in die Handschrift eingegriffen wurde, um den Text zu verbessern. Es werden Wörter ergänzt, um einen vollständigen Satz zu bilden:8 Auf P66 findet sich am linken Rand eine Korrektur,9 welche den Text von Joh 8,25 wie folgt verändert: εἶπεν αὐτοῖς ὁ Ἰησοῦς· εἶπον ὑμῖν τὴν ἀρχὴν ὅ τι καὶ λαλῶ ὑμῖν; Die Veränderung ist ohne Schwierigkeiten auf dem Papyrus zu erkennen, am linken Rand ist der Text mit etwas kleineren Buchstaben nachgetragen10 und mit einer Markierung im Text wird die Stelle gekennzeichnet, an welcher der ergänzte Text einzufügen ist.

Papyrus P66 (Fol. 54; Ausschnitt)*11

Transkript des INTF (Institut für Neutestamentliche Textforschung, Münster)

Dieses Vorgehen hat offensichtlich bestätigend auf die seit langem existierenden Versuche gewirkt, diese Passage zu verstehen,11 schließlich wurden schon in der Frühzeit des Christentums Änderungen an dem Text vorgenommen, um ihn (besser?) verständlich zu machen. Wobei als Bestätigung nicht so sehr ein Festhalten an der Ergänzung in P66 zu sehen ist,12 sondern vielmehr die grundsätzliche Bereitschaft, an der vorliegenden Stelle Text zu ergänzen.

Zahlreiche Übersetzungen dieser Stelle ergänzen τὴν ἀρχήν zu einem vollständigen Satz. Ferner wird unter Verweis auf die handschriftliche Überlieferung festgehalten, dass der Text selbst unterschiedlich gedeutet werden kann.13 Schließlich sind Satzzeichen und Wortabstände in vielen der älteren Handschriften unüblich. So kann die wörtliche Rede Jesu als Frage, als Ausruf oder als Bestätigung gedeutet werden. Auch ist es möglich, entweder die Konjunktion ὅτι oder die Relativkonstruktion ὅ τι zu lesen. Ferner kann das Substantiv im Akkusativ, mit dem die wörtliche Rede beginnt, adverbiell in einem temporalen oder einem hierarchischen Sinn gedeutet werden.14 Die verschiedenen Übersetzungsmöglichkeiten werden von Omanson aufgelistet:15 Erstens sei eine Übersetzung als Frage möglich: „Warum spreche ich überhaupt mit euch?“ Zweitens könne man die wörtliche Rede Jesu als Ausruf deuten: „Dass ich überhaupt mit euch spreche!“ Und drittens sei noch eine Übersetzung als Bestätigung möglich: „[Ich bin] vom Anfang an, was ich euch auch gesagt habe.“ Problematisch ist, dass die Übersetzung als Bestätigung das Tempus des Verbs missachtet.16 Schwierigkeiten bereitet dabei, dass die wörtliche Rede oft auch als vorwurfsvolle Aussage gedeutet wird.17 Allerdings wird dieser Vorwurf auch als problematisch und nicht dem Wesen der sonstigen Dialoge Jesu entsprechend angesehen.18

2 Die Deutungen der Passage in der Kommentarliteratur

Rudolf Bultmann stellt die gesamte Unsicherheit hinsichtlich Übersetzung und Auslegung von Joh 8,25b treffend dar. Er weist zuerst auf die wörtliche Bedeutung von τὴν ἀρχήν hin, das als Adverbial „mit oder ohne Artikel […] ‚zuerst‘“ heiße und „im Sinn von ἐν ἀρχῇ das zeitliche Zuerst meinen“ könne.19 Er weist ferner auf die Schwierigkeit hin, dass eine hypothetische Ergänzung von ἐγώ εἰμι am Tempus des Verbs scheitert, und lehnt auch die Übersetzung „Ich war schon am Anfang, was ich auch jetzt euch sage“ ab, da die Ergänzung mit ἤμην nicht zu rechtfertigen sei. Als Mehrheitsmeinung bietet er eine Übersetzung, die τὴν ἀρχήν wie ὅλως versteht und mit „überhaupt“ überträgt, sodass ein negativer Sinn entsteht, der in der Folge zu literarkritischen Änderungsvorschlägen führt: „Man könnte höchstens übersetzen: ‚Wozu rede ich überhaupt noch mit euch!‘, und könnte diesen Satz in der Tat als Einleitung zu V. 28 auffassen, sodaß der Gedankengang zu verstehen wäre: ‚Wer bist Du?‘ ‚Es hat keinen Sinn, mit euch darüber zu reden. Aber wenn ihr den Menschensohn erhöht habt, dann werdet ihr erkennen …‘. So verstanden, würde V. 25b die Ausscheidung von V. 26 f bestätigen. Aber: non liquet.“20 Christian Dietzfelbinger bietet zwei Übertragungsmöglichkeiten: „Jesus sprach zu ihnen: (Ich bin) das, was ich von Anfang an zu euch sage (oder: was rede ich überhaupt noch mit euch?21).“22 Im Kommentar plädiert er für die erstere Übersetzung.23 Joachim Gnilka hingegen entscheidet sich ebenso wie Andrew T. Lincoln24 für die antijudaistische25 Übersetzung („Warum rede ich überhaupt noch mit euch?“) und geht in seinem Kommentar nur ganz kurz auf diese Stelle ein, es sei „ein schwieriger Passus, der gerahmt ist von der Abweisung und dem Unverständnis der Juden“.26 Klaus Wengst entscheidet sich wie Gnilka und begründet dies mit dem völlig festgefahrenen Dialog, dessen Positionen unverrückbar und konträr seien.27 Dieser Entscheidung folgt auch Udo Schnelle.28 Es scheint, als ob das Gespräch durch die schroffe Antwort Jesu abgebrochen wird.29 Auch die Übersetzung, die von Chrys C. Caragounis vorgeschlagen wird, stellt einen (wenn auch nicht ganz so schroffen) Abbruch des Gesprächs dar: „[I am] From the beginning! – precisely what I have been saying (speaking) to you.“30 Gegen diese Deutung ist einzuwenden, dass sie – ähnlich wie P66 – intensiv in den Text eingreift. Insgesamt scheint die Tendenz des Diskurses eher dahin zu gehen, in der Verwendung von τὴν ἀρχήν die Hervorhebung der Antwort Jesu im Sinne des lateinischen omnino zu sehen.31 Hartwig Thyen folgt Barretts Interpretation und sieht die Antwort Jesu als Rückbezug auf das Ich-Bin-Wort in Joh 8,24.32 Ebenso wird von Rudolf Schnackenburg Joh 8,26 noch einmal als Verstärkung des gescheiterten Dialogs gedeutet, die Fortsetzung von Joh 8,25 bestätige, dass das Gespräch abgebrochen ist.33 Trotz der immer wieder vorgetragenen Warnung, dass das Verbum im Präsens steht, erfreut sich eine Übertragung in ein Vergangenheitstempus weiterhin einer gewissen Zustimmung.34 Manchmal genügt es auch, Joh 8,25 als „hard to explain“ zu bezeichnen.35 Deswegen muss die Frage aufgeworfen werden, warum in Joh 8,30 kommentiert wird, dass „viele an ihn glaubten, als er dieses sprach,“36 wenn tatsächlich der Diskurs bereits in Joh 8,25 f gescheitert wäre.

3 Versuch, Joh 8,25 als korrektes Griechisch zu deuten

Während die herrschende Meinung davon ausgeht, dass es sich bei Jesu wörtlicher Rede in Joh 8,25 um ein verderbtes Griechisch handelt, soll im Folgenden nachgewiesen werden, dass zumindest ein Teil der handschriftlichen Überlieferung diese Passage als korrektes Griechisch deutet. Dafür ist zuerst der Befund wichtiger Handschriften zu erheben, sodann ist auf die Akzentverschiebungen in der vorgeschlagenen Neuübersetzung einzugehen, die teilweise einer detaillierten philologischen Begründung bedürfen, um dann die Konsequenzen für die Exegese der vorliegenden Passage kurz zu skizzieren.

3.1 Die handschriftliche Überlieferung von Joh 8,25

Wenn nun einige Beispiele aus der handschriftlichen Überlieferung dieser Passage näher betrachtet werden, so ist insbesondere die Interpunktion im Umfeld von τὴν ἀρχήν zu untersuchen. In P75 finden sich grundsätzlich Hochpunkte, jedoch kein Hochpunkt vor τὴν ἀρχήν. Dies ist auf dem Ausschnitt aus dem Papyrus (Fol. 55r) gut zu sehen.37 Der Schreiber dieses Papyrus lässt also offen, wohin τὴν ἀρχήν genau gehört.

Papyrus P75 (Fol. 55r; Ausschnitt)*39

Transkript der Zeilen nach der Homepage des INTF*40

Anders dagegen der Schreiber des Codex Sinaiticus. Dort findet sich ein Hochpunkt vor τὴν ἀρχήν. Dieser wurde übrigens im Transkript des INTF ausgelassen. Eine Transkription des Hochpunkts vor τὴν ἀρχήν findet sich jedoch z. B. im Transkript des Codex Sinaiticus Projekts. Mit dem Hochpunkt vor τὴν ἀρχήν wird dieses durch den Schreiber der wörtlichen Rede Jesu zugeordnet.

Codex Sinaiticus (Fol. 252; Ausschnitt)*41

Transkript des INTF (εν in der dritten Zeile des Transkripts ist als Korrektur markiert)

Codex Vaticanus bietet keine Interpunktion an der fraglichen Stelle, sodass keine Abteilung innerhalb von Joh 8,25b durch diese Handschrift vorgegeben wird. Ein Spatium trennt jedoch Joh 8,25a von Joh 8,25b (vgl. Zeile 2 des abgebildeten Ausschnitts. Das Spatium ist bei der Transkription nicht berücksichtigt). Grundsätzlich werden also sehr wohl gewisse Sinneinschnitte auch in dieser Handschrift markiert.

Codex Vaticanus (Fol. 1362 sp. 1; Ausschnitt)*42

Transkript des INTF*43

Als nächstes ist für die vorliegende Fragestellung der wohl interessanteste Beleg vorzustellen. Dieser stammt aus dem Codex Bezae Cantabrigiensis (D 05). Der Zeilenumbruch findet sich dort nach τὴν ἀρχήν.

Grundsätzlich ist bekannt, dass die Zeilenumbrüche in Bezae Cantabrigiensis Sinneinheiten markieren,38 die als Sinnzeilen „zur besseren Verlesung im

Codex Bezae Cantabrigiensis (Fol. 135v; Ausschnitt)*45

Transkript von Codex Bezae Cantabrigiensis*46

Gottesdienst“39 geschrieben sind. Daraus darf gefolgert werden, dass der Zeilenumbruch in Joh 8,25 von Bedeutung ist. Der Vorleser (ἀναγνώστης) wird also durch diese Gestaltung des Textes dazu angehalten, eine konkrete Einteilung des Textes phonetisch umzusetzen. Der Schreiber von Codex Bezae Cantabrigiensis rechnet also τὴν ἀρχήν zu dem vorangehenden narrativen Teil vor der wörtlichen Rede. Dies verändert jedoch die Syntax grundlegend!

Das Gleiche lässt sich auch in Codex Basiliensis (E 07) beobachten. Der Hochpunkt nach ὑμῶν markiert in diesem Codex das Ende der wörtlichen Rede in Joh 8,24. Mit ἔλεγον οὖν αὐτῷ beginnt 8,25. Deutlich sichtbar ist das Komma nach αὐτῷ, mit dem die wörtliche Rede der jüdischen Gegner Jesu eingeleitet wird. Nach ihrem Ende findet sich wiederum ein Hochpunkt. Die wörtliche Rede Jesu, die nach dieser Handschrift mit ὅτι beginnt, wird wieder mit einem Komma eingeleitet, die beiden Sätze der wörtlichen Rede Jesu sind durch einen Hochpunkt getrennt. Diese kurze Analyse40 reicht aus, um zu zeigen, dass auch die Interpunktion in Codex Basiliensis bewusst eingesetzt wird, um Sinneinheiten zu strukturieren. Auch nach dieser Handschrift gehört τὴν ἀρχήν als Adverbial noch zum narrativen Teil des Textes vor der wörtlichen Rede Jesu.

Codex Basiliensis mit Text von Joh 8,25 (Ausschnitt)*49

Transkript des International Greek New Testament Project (IGNTP)*50

Die Interpunktion des auf Codex Basiliensis überlieferten Textes kann also ebenso wie die graphische Anordnung des Textes auf Codex Bezae Cantabrigiensis als eine eindeutige Zuordnung von τὴν ἀρχήν als temporales Adverbial zum vorangehenden Teil gedeutet werden.41 Mit diesen beiden Handschriften wird die Bedeutung der diakritischen Zeichen einer Handschrift deutlich.42 Deswegen ist es nötig, in problematischen Fällen gute Fotos oder sogar das Original zu studieren, um Fehlinterpretationen zu vermeiden. Die abweichende Interpunktion dieser Handschriften sollte auch Eingang in das Novum Testamentum Graece finden. Ein möglicher Grund dafür, dass dies bisher nicht verzeichnet ist, könnte in der oben erwähnten und von weiten Teilen der neutestamentlichen Forschung fraglos akzeptierten Frühdatierung von P.Bodmer II/P66 liegen. Gegen eine Datierung „um 200“ fallen natürlich Handschriften wie Bezae Cantabrigiensis oder Basiliensis als „später“ stark ab.

Auf der Basis dieser handschriftlichen Zeugen ist die Frage aufzuwerfen, ob die Darstellung des Textes, wie er in den kritischen Editionen des Neuen Testaments geboten wird, nicht erst die Probleme schafft, die bei einer Berücksichtigung von Handschriften wie Codex Bezae Cantabrigiensis gar nicht existieren würden. Auf der Basis dieser Handschriften ist folgender Text möglich, der alle philologischen Probleme des „unvollständigen“ Satzes in Joh 8,25 löst: 25Ἔλεγον οὖν αὐτῷ· σὺ τίς εἶ; εἶπεν αὐτοῖς ὁ Ἰησοῦς τὴν ἀρχήν· ὅ τι καὶ λαλῶ ὑμῖν. 26πολλὰ ἔχω περὶ ὑμῶν λαλεῖν καὶ κρίνειν, ἀλλ᾿ ὁ πέμψας με ἀληθής ἐστιν, κἀγὼ ἃ ἤκουσα παρ᾿ αὐτοῦ ταῦτα λαλῶ εἰς τὸν κόσμον.

Bei dieser neuen Interpunktion sind weder der narrative Teil noch die wörtliche Rede Jesu unvollständige Sätze. Damit ist die Annahme, dass es sich bei der wörtlichen Rede Jesu um einen unvollständigen Satz handeln würde, durch einen Teil der handschriftlichen Überlieferung widerlegt. Darauf aufbauend kann der Wortwechsel in Joh 8,25 f folgendermaßen übersetzt werden: „Sie sprachen nun zu ihm: Wer bist du? (D.i.: Welches Recht hast du, so zu sprechen?) Sprach Jesus zu ihnen als Erstes43: Das sage ich euch auch. Vieles habe ich noch über euch zu sagen und zu richten, aber, der mich geschickt hat, ist glaubwürdig, und ich, was ich gehört habe von ihm, das sage ich in die Welt.“44

Auf der Basis dieser Übersetzung wird der Dialog zwischen Jesus und seinen jüdischen Gegnern eben nicht abgebrochen, sondern fortgesetzt.45 Als Konsequenz ist Joh 8,26 nicht mehr als inhaltsleer anzusehen.46 Vielmehr ist es die Ankündigung der nachfolgenden Aussagen Jesu, eine Ankündigung, die sich bei dieser Übersetzung als inhaltsreiche Antwort an die Gesprächspartner verstehen lässt, die Jesus ja aufgefordert haben, sich zu erklären.

3.2 Die philologische Begründung der Neuübersetzung

Als nächstes müssen die einzelnen Aktzentverschiebungen dargelegt werden, die durch diese Übersetzung vorgenommen werden, und diese philologisch begründet werden.

3.2.1 τὴν ἀρχήν als nachgestelltes Adverbial

Da die handschriftliche Überlieferung eine Deutung von τὴν ἀρχήν als nachgestelltes Adverbial ermöglicht, sind die durch diese Deutung aufgeworfenen philologischen Probleme genauer zu thematisieren. Als Erstes ist die Frage zu stellen, ob das temporale Adverbial τὴν ἀρχήν tatsächlich in einer Position am Satzende zu finden sein kann. Immerhin haben sowohl handschriftliche Zeugen wie P66 als auch Kirchenväter mit außerordentlicher Beherrschung der griechischen Sprache wie Johannes Chrysostomos dieses Adverbial als Beginn der wörtlichen Rede Jesu in Joh 8,25 gedeutet,47 sodass gefragt werden muss, ob es sich vielleicht um eine problematische syntaktische Struktur im Griechischen handeln könnte. Da dem antiochenischen Prediger und späteren Bischof von Konstantinopel ein gewisser Antijudaismus nicht abgesprochen werden kann, darf umgekehrt die Vermutung geäußert werden, dass es sich bei Johannes Chrysostomos nicht um einen völlig neutralen Zeugen für die Deutung der Stelle handelt, die ja gerade durch seine Interpunktion eine antijudaistische Spitze erhält.

Aufschlussreich ist deshalb ein Blick auf ein analoges Problem in Joh 4,35–36. Wie die handschriftliche Überlieferung zeigt, wurde das temporale Adverb ἤδη teils dem Ende von 4,35, teils auch dem Beginn von 4,36 zugerechnet. Da an eben dieser Stelle des Johannesevangeliums ein temporales Adverb am Ende eines Satzes zu textkritischen Problemen geführt hat, könnte man dies theoretisch als Eigenart johanneischer Satzkonstruktionen betrachten. Die in Joh 8,25b von einem Teil der handschriftlichen Überlieferung vorgenommene Unterteilung des Textes ist also zumindest durch den johanneischen Sprachgebrauch gedeckt. Es scheint sich jedoch nicht um eine nur dem Verfasser des Johannesevangeliums vertraute Satzstruktur zu handeln. Schließlich kennt und verwendet Johannes Chrysostomos das hier interessierende Adverbial durchaus am Ende eines Satzes;48 dieser Befund ergibt sich bereits bei einer kurzen Durchsicht durch den Johanneskommentar des Kirchenvaters.49 Damit muss die theoretische Möglichkeit, dass es sich bei der Stellung des Adverbials am Satzende um schlechtes Griechisch handeln könnte, in den Bereich der Thesen ohne fundamentum in re verwiesen werden.

Aus dieser Beobachtung ergibt sich jedoch noch eine weitere Einsicht: Es ist unwahrscheinlich, dass die von Johannes Chrysostomos vorgenommene Interpretation von Joh 8,25 in seiner 53. Homilie auf das Johannesevangelium wegen der grammatischen Probleme des Adverbials τὴν ἀρχήν am Satzende vorgenommen wurde. Vielmehr dürfte für diese Interpretation seine zweifellos antijudaistische Einstellung ausschlaggebend gewesen sein.50 Ein kurzer Blick in die Quellen zeigt, dass es mehr als ausreichend Belege für diese Stellung von τὴν ἀρχήν bei Johannes Chrysostomos gibt, sodass sich ein weiterer Kommentar aus Sicht der Philologie51 zu dieser „crux interpretum“ erübrigt.

3.2.2 Der Beginn der wörtlichen Rede Jesu in Joh 8,25b

Damit ist die Diskussion eröffnet, womit die wörtliche Rede beginnt und ob Jesus eine Aussage macht oder eine Frage stellt. Das Letztere ist relativ leicht zu beantworten. Da bei der vorgeschlagenen Interpunktion nicht mehr angenommen werden muss, dass Jesus auf die Frage seiner jüdischen Gegner mit einer rhetorischen Gegenfrage antwortet, darf davon ausgegangen werden, dass die Antwort Jesu einen normalen Aussagesatz darstellt. Die Frage nach dem Beginn der wörtlichen Rede ist jedoch etwas diffiziler. Selbstverständlich kann das hier begegnende ὅτι im Sinne eines ὅτι-recitativum verstanden werden. Dann wäre die Antwort Jesu: καὶ λαλῶ ὑμῖν. Dies ist grundsätzlich möglich und wäre so zu übersetzen: „Und ich spreche zu euch.“ In diesem Fall hätte λαλέω kein Objekt, sondern würde rhetorisch den mit πολλά beginnenden Satz betonen. In dieser Frage sollte man jedoch den johanneischen Sprachgebrauch einbeziehen:52 Was bereits zu Beginn von Joh 8,25 zu beobachten ist, scheint typisch für den Evangelisten zu sein: Die von λέγω abhängige oratio directa wird in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle ohne Gebrauch der Konjunktion ὅτι eingeleitet,53 während die Verwendung von ὅτι nach λέγω in der Mehrzahl der Fälle eine oratio obliqua einleitet.54 Als Sonderfall kann ὅτι nach λέγω gewertet werden, wenn das verbum dicendi innerhalb einer Rede Jesu in der ersten Person steht und damit eine stark betonte Aussage mit ὅτι eingeleitet wird.55 Falls man in diese Kategorie der „prophetischen Rede“ auch die Aussage Johannes des Täufers in Joh 1,32 – allerdings ist dort das verbum dicendi als participium coniunctum noch Teil des narrativen Rahmens – und die bekenntnisartigen Aussagen in Joh 9 einrechnen möchte, wären letztlich nur wenige gezählte Stellen übrig, bei denen es zweifelhaft bleiben muss, ob mit ὅτι oratio directa oder oratio obliqua eingeleitet wird (vgl. Anm. 64). Deswegen ist als Alternative ein Beginn der wörtlichen Rede Jesu in Joh 8,25 bereits mit ὅ τι zu erwägen. „Das sage ich euch auch!“ Bei dieser Übersetzung der wörtlichen Rede handelt es sich um die halb verzweifelte, halb erschöpfte Aussage des Redners Jesus, der seinen Zuhörern antwortet, dass er ihnen genau das sagt, wonach sie noch einmal ausdrücklich fragen.

Mit Blick auf den innerbiblischen Sprachgebrauch sei bemerkt, dass die Worte Jesu in Joh 8,25 aufgrund der engen Übereinstimmung hinsichtlich der verwendeten Lexeme durchaus als Anspielung auf Dtn 1,43a in der Version der Septuaginta verstanden werden kann, wo Moses sagt: „Und ich sprach zu euch und ihr habt nicht auf mich gehört.“56 Falls dies als Anspielung verstanden werden darf, stellt sich Jesus in die prophetische Tradition, zu der nach jüdischer Auffassung auch Mose gehört. Es ist fast schon ein Topos, dass das Volk nicht auf den Propheten hört und ihm nicht glaubt. Umgekehrt gilt mit dem Psalmisten, dass Gott sein Volk auffordert, auf ihn zu hören: „Höre, mein Volk, und ich werde zu dir sprechen, Israel, und ich bezeuge dir feierlich: Ich bin Gott, dein Gott.“57 Es fällt schwer, in Joh 8,24–25 keine Anspielung auf den Psalm 49 (LXX) zu sehen. Die Wortverbindung ἐγώ εἰμι, die in Joh 8,24 begegnet, wird in der Selbstaussage Gottes in diesem Psalm, dass er der Gott seines Volkes sei, ebenso verwendet wie die Wortkombination in Joh 8,25b. Auch das Verhältnis von hören und gehört werden ist zentral für diese Passage des Johannesevangeliums; intratextuell wird durch die Lexik ferner eindeutig auf Joh 8,43 verwiesen, wo das Wort durch das stammverwandte Substantiv wieder aufgenommen wird; auch diesen Vers muss man übrigens durchaus nicht als Abbruch eines Gesprächs übersetzen. Vielmehr kann unter Berücksichtigung des neutestamentlichen Sprachgebrauchs auch der zweite Hauptsatz als Interrogativsatz übersetzt werden.58 Deswegen darf 8,43 so übertragen werden: „Warum versteht ihr meine Rede nicht? Weil ihr etwa mein Wort nicht hören könnt?“59 Der Unterschied zur traditionellen Übersetzung ist deutlich.60 Während nach der traditionellen Übersetzung 8,43 eine harte Verurteilung darstellt,61 ist die hier vorgeschlagene Übersetzung ein Werben des Redners, der sich, wie gezeigt wurde, bereits durch die Lexik in die Tradition des Mose einreiht. Es sind offenbar die verzweifelten Fragen des Propheten, auf den nicht gehört wird.

Damit ist jetzt auch die Überleitung zur philologischen Analyse von Joh 8,25a geschaffen. Es scheint, als ob die gängige Deutung dessen, worauf Jesus mit der Aussage in Joh 8,25b antwortet, nicht die volle Tiefe der Frage erfasst.

3.2.3 Joh 8,25a und die Frage der jüdischen Gegner Jesu: rhetorische oder interessierte Frage?

Aufgrund der gängigen Interpretation der syntaktischen Struktur von Joh 8,25b wird die Frage der jüdischen Gegner Jesu in Joh 8,25a als eine rhetorische Frage gedeutet, die einem direkten Vorwurf entspricht;62 für diese Interpretation wird auf klassische Texte verwiesen.63 Allerdings wird zu Recht die Frage aufgeworfen, warum – falls in Joh 8,25 f ein Abbruch des Gesprächs stattgefunden haben sollte – dann nach Joh 8,30 „viele an ihn glaubten“.64 Da bereits bei der gängigen Interpretation von Joh 8,25b Zweifel an der üblichen Deutung der Frage in Joh 8,25a geäußert wurden, scheint eine etwas genauere Untersuchung dieser Frage als Einleitung zu Joh 8,25b gerechtfertigt. Wie sich bei einer bereits oberflächlichen Durchsicht der Belege im Neuen Testament zeigt, handelt es sich bei der Frage der Gegner Jesu und ihrer konkreten syntaktischen Struktur nicht in erster Linie einfach um die Betonung durch Voranstellung des Personalpronomens,65 auch wenn dies in seltenen Fällen belegt ist.66 Es fällt auf, dass in strukturidenten direkten Fragen das Personalpronomen immer am Anfang der Frage steht.67 In der überwiegenden Mehrzahl der hier interessierenden direkten Fragen handelt es sich um gezielte Fragen nach der Identität bzw. der rechtlichen Position einer Person. Dies gilt für die Frage der Priester und Leviten an Johannes den Täufer68 und für die aus Furcht nicht gestellte Frage der Jünger an den Auferstandenen.69 Ganz eindeutig ist in der Apostelgeschichte bei den Personen, die unberechtigter Weise versuchen, im Namen Jesu, den Paulus gepredigt hat, einen bösen Geist auszutreiben, die an sie gestellte Frage als Frage nach der berechtigten Autorität zu verstehen.70 Da sie diese Autorität nicht haben, überwältigt sie der böse Geist (Apg 19,16). Ein ganz klar juristischer – um nicht zu sagen forensischer – Kontext tritt bei Paulus zutage. Im Römerbrief wird die Frage implizit verneinend und den Status absprechend gestellt, weil der Mensch nicht berechtigt ist (und mit σὺ τίς εἶ; wird nach der Berechtigung gefragt), mit Gott in einen Rechtsstreit einzutreten; schließlich, so die Argumentation des Paulus, stünde das Werk unter dem, der es gemacht hat.71 Eben dieser forensische Kontext – das Gerichtsurteil über einen fremden Knecht, das nicht möglich ist – begegnet noch einmal im Römerbrief.72 Es ist also gerade keine rhetorische Frage, sondern vielmehr die Frage nach der Rechtsgrundlage für ein Verhalten, das einer Autorität bedarf, die entweder vorhanden oder angemaßt ist. Der direkt forensische Kontext wird dann etwas später im Römerbrief sichtbar: Dort ist vom „Richterstuhl“ Gottes in einem Zusammenhang die Rede, in welchem ebenfalls die hier diskutierte Frage gestellt wird.73 Die Frage nach der Identität einer Person wird folglich formelhaft mit τίς εἶ σύ gestellt.74

Nachdem gezeigt wurde, dass in analogen Fragekonstruktionen im Neuen Testament eindeutig nach der Berechtigung, etwas zu tun, und damit nach dem (mit gewissen Rechten verbundenen) Rang einer Person gefragt wird, muss bezweifelt werden, dass in Joh 8,25a diese Frage nur rhetorisch gemeint war. Es heißt also nicht: „Wer bist du schon?“, sondern vielmehr: „Welche Autorität hast du?“ Damit ist natürlich auch die These hinfällig, dass sich hier die real erlebte Situation der johanneischen Gemeinde spiegeln könne.75 Vielmehr wird damit die Frage aufgeworfen, was die Antwort Jesu in Joh 8,26 bedeuten könnte, da ja ganz offensichtlich der Diskurs nicht abgebrochen wird, sondern vielmehr eine Rechtfertigung von Jesus verlangt wird.

3.2.4 Die Antwort Jesu in Joh 8,26

Nach den gängigen Deutungen scheint die Antwort Jesu „inhaltsleer“76. Mit der hier vorgeschlagenen Übersetzung von Joh 8,25b kündigt Jesus jedoch an, seinen jüdischen Gesprächspartnern in Joh 8,26 Auskunft darüber zu geben, wer er ist.77 Auch wenn in der weiteren Folge des Gesprächs von Jesus kommentiert wird, dass die jüdischen Gesprächspartner ihn nicht verstanden hätten,78 berechtigt dies nicht dazu, Joh 8,26 als „inhaltsleer“ zu bezeichnen. Schließlich kommen in direkter Folge „viele zum Glauben“ (vgl. Joh 8,30).

Ein möglicher Grund für den Eindruck, dass Joh 8,26 „inhaltsleer“ ist, scheint, dass in Joh 8,26 ein prominenter Terminus semantisch problematisch übertragen wird, dessen Übersetzung mit einem anderen deutschen Wort zu einem besseren Verständnis der Stelle beitragen kann. Schließlich ist der fragliche juristische Terminus in den Kontext der (juristischen) Frage um die Glaubwürdigkeit des Zeugnisses Jesu eingebettet, die in diesem Abschnitt des Johannesevangeliums mit 8,13 beginnt. Der erste Satz von Joh 8,26 ist ganz deutlich eine Bestätigung des Anspruches, den Jesus hat: Er ist derjenige, der über die Juden richten kann – eine eindeutig forensische Tätigkeit. In diesem Sinn ist die Rede Jesu (zumindest bis κρίνειν) die fast schon logische Antwort darauf, dass nach der konkreten (juristischen) Autorität Jesu gefragt wird. Der Anspruch wird klar erhoben: Jesus hat das Recht, als Richter über die Anwesenden zu urteilen. Die Schwierigkeiten beginnen mit dem adversativ angefügten Satz. Zentral für das Verständnis des Satzes scheint das griechische Adjektiv ἀληθής. Dieses kann natürlich unter anderem „wahr“ heißen,79 die Frage ist jedoch, ob diese Übertragung den Sinn der Stelle in ihrem unmittelbaren Kontext korrekt erfasst. Grundsätzlich ist eine auffällige Häufung der Belege von ἀληθής im 8. Kapitel des Johannesevangeliums zu konstatieren. Von 14 Belegen dieses Begriffs im Johannesevangelium finden sich 4 in diesem Kapitel.80 Interessant ist, dass es sich gerade bei den Diskussionen zwischen Jesus und seinen jüdischen Gesprächspartnern im 8. Kapitel um eine Auseinandersetzung handelt, in der eine konkrete juristische Frage, die Frage nach der Glaubwürdigkeit eines Zeugen und seines Zeugnisses, verhandelt wird.

In Joh 8,13 begegnet der Vorwurf der Pharisäer, dass das Zeugnis Jesu nicht ἀληθής sei.81 Weder die Übersetzung mit „wahr“82 noch die Übersetzung mit „gültig“83 dürfte den Kern der Auseinandersetzung treffen. Schließlich geht es im Folgenden darum, an Jesus zu glauben (Joh 8,30), und nicht einfach um das verfahrensrechtliche Problem, dass niemand Zeuge in eigener Sache sein kann.84 Und Glaube baut auf Vertrauen auf. Falls das verfahrensrechtliche Problem im Vordergrund stünde, wäre mit dem Einwand der Pharisäer die Diskussion beendet. Dies ist jedoch nicht der Fall. Vielmehr geht die Diskussion weiter. In Joh 8,14 antwortet Jesus auf den Vorwurf der jüdischen Gegner: „Jesus erwiderte ihnen: Auch wenn ich über mich selbst Zeugnis ablege, ist mein Zeugnis glaubwürdig. Denn ich weiß, woher ich gekommen bin und wohin ich gehe. Ihr aber wisst nicht, woher ich komme und wohin ich gehe.“85 Damit wird in Joh 8,17 deutlich, dass es sich bei der Auseinandersetzung wohl eher nicht um eine verfahrenstechnische Frage handelt:86 „Auch in eurem Gesetz heißt es: Erst das Zeugnis von zwei Menschen ist vertrauenswürdig.“87

Man kommt also, wenn man die Übertragung mit „wahr“ ablehnt und die verwaltungstechnische Deutung der Stelle als zu eng betrachtet, zu folgender Übersetzung von Joh 8,13: „Da sagten die Pharisäer zu ihm: Du legst über dich selbst Zeugnis ab; dein Zeugnis ist nicht glaubwürdig/vertrauenswürdig.“88 Dass zumindest die Übersetzung von ἀληθής mit „wahr“89 abgelehnt werden muss, zeigt die Erzählung von Susanna: Dort begegnen als zentrale Figuren zwei Zeugen, deren Zeugnis formal übereinstimmt, aber sachlich falsch ist.90

Auf der Basis der hier aufgezeigten Bedeutung für ἀληθής kann dann folgende Übersetzung für Joh 8,26 vorgeschlagen werden: „Vieles habe ich noch über euch zu sagen und zu richten, aber, der mich geschickt hat, ist glaubwürdig, und ich, was ich gehört habe von ihm, das sage ich in die Welt.“91 Die Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit dessen, was Jesus zu sagen hat, leitet sich von dem ab, der ihn gesandt hat. Die Tatsache, dass offensichtlich in diesem Kapitel die Frage diskutiert wird, ob Jesus oder die jüdischen Autoritäten die „korrekte Autorität“ sind, wird einen dazu tendieren lassen, an den Stellen, wo in diesem Kapitel die „Juden“ erwähnt werden, diese als Vertreter jüdischer Autorität zu sehen.92 Mit der vorgeschlagenen Neuübersetzung eröffnet sich die gesamte Thematik der juristischen Vorstellung des Gesandten, der seine Legitimation vom Sendenden annimmt.93

3.3 Die zentrale Bedeutung von Joh 8,25b für das Verständnis des 8. Kapitels des Johannesevangeliums

Die philologisch korrekte Interpunktion von Joh 8,25b und die semantische Analyse des direkten Kontextes ist die Grundlage dafür, dass die zentrale inhaltliche Bedeutung von Joh 8,25b für das Verständnis des 8. Kapitels des Johannesevangeliums aufgezeigt werden kann: Auf die Frage der jüdischen Gegner Jesu, wer er sei und mit welchem Recht er so rede (Joh 8,25a), antwortet Jesus „als Erstes“ (Joh 8,25b), dass sie dies aus dem entnehmen könnten, was er (bereits) gesagt habe. Mit der Betonung, dass die „erste“ Antwort auf diese Frage der Verweis auf eine bereits stattgefundene Rede ist, wird hervorgehoben, dass die jüdischen Gegner schon an dieser Stelle aus Jesu Worten hätten erkennen können, wer er ist, wenn sie ihm nur zugehört hätten. Implizit wirft Jesus damit seinen Gegnern vor, sie würden sich verstellen und nur vorgeben, ihn nicht verstanden zu haben. Diese Erkenntnis ist für das Verständnis und die theologische Deutung von Joh 8,43.45–47 von großer Wichtigkeit. Der zentrale Vorwurf in dieser Passage ist, dass die jüdischen Gegner Lügner seien und sich bewusst für die Lüge entschieden hätten. Auf dieser Entscheidung basiert dann auch das in Joh 8,47 ausgesprochene Urteil. Dies ist leider in den meisten Übersetzungen dieser Passage nur schwer zu erkennen. Nach der Lutherübersetzung (1984) heißt es dort beispielsweise: „Warum versteht ihr denn meine Sprache nicht? Weil ihr mein Wort nicht hören könnt! (…) Weil ich aber die Wahrheit sage, glaubt ihr mir nicht. Wer von euch kann mich einer Sünde zeihen? Wenn ich aber die Wahrheit sage, warum glaubt ihr mir nicht? Wer von Gott ist, der hört Gottes Worte; ihr hört darum nicht, weil ihr nicht von Gott seid.“94

Aus philologischen Gründen ist diese Übersetzung jedoch abzulehnen.95 Korrekt ist vielmehr: „Warum versteht ihr meine Sprache nicht? Etwa weil ihr mein Wort nicht hören könnt? (…) Aber dass ich die Wahrheit spreche, das glaubt ihr mir nicht. Wer von euch kann mich einer Sünde zeihen? Wenn ich aber die Wahrheit sage, warum glaubt ihr mir nicht? Wer von Gott ist, der hört Gottes Worte: Daraus folgt: Ihr hört nicht, deswegen seid ihr nicht von Gott.“ Damit wird durch das Adverbial in Joh 8,25b die Grundlage für die Verurteilung der jüdischen Gegner durch Jesus in Joh 8,47 gelegt. Aus der Sicht des Verfassers des Johannesevangeliums wird durch diese „als Erstes“ gegebene Antwort betont, dass die Juden verstehen könnten, wer Jesus ist, wenn sie ihm unvoreingenommen zuhören wollten. Dass sie trotzdem fragen, wer Jesus ist, erweist sie als Lügner (vgl. auch Joh 8,44). Damit wird durch diese philologische Analyse des Textes deutlich, dass es aus der Sicht des Verfassers des Johannesevangeliums eben gerade nicht um eine pauschale oder gar ontologische Verurteilung der jüdischen Gegner geht. Vielmehr geht es in diesem innerjüdischen Diskurs um die Frage, wer das rechte Verständnis dessen besitzt, was das Judentum ausmacht.96 Die bereits in Joh 8,25 vorweggenommene Weigerung der jüdischen Gegner Jesu, seine Worte so zu verstehen, wie er sie meint, legt die Grundlage dafür, dass dies von Jesus in Joh 8,47 als Ablehnung seiner Person und damit auch dessen, der ihn gesandt hat, gedeutet werden kann.

Ergebnis

Bei Joh 8,25b handelt es sich nur dann aufgrund grammatikalischer Probleme um eine „crux interpretum,“97 falls die Annahme unwidersprochen bleibt, dass der Verfasser des Johannesevangeliums nicht in der Lage war, korrektes Griechisch zu schreiben, sodass eine Korrektur des Problems gemäß geltender griechischer Grammatik nicht mehr in den Blick der Betrachter tritt. Natürlich kann man mit Johannes Chrysostomos darauf verweisen, dass der Verfasser ein „des Schreibens Unkundiger“ sei, dass er also zumindest extrem schlechtes Griechisch schreibe.98 Allerdings ist zu bezweifeln, dass diese Beschreibung des Verfassers tatsächlich zutrifft.

Falls der Verfasser des Johannesevangeliums tatsächlich ein „hervorragender Theologe“99 des Urchristentums war, sollte man ihm auch zugestehen, dass er vollständige griechische Sätze konstruieren konnte, selbst wenn es sich um einen „volkstümlichen“ Erzähler100 handeln sollte. Es gibt also kein Argument gegen die Abteilung zwischen Rahmenerzählung und wörtlicher Rede, wie dies beispielsweise in den Codices Bezae Cantabrigiensis und Basiliensis gehandhabt wird.101 Auf der Basis dieser Interpunktion ist das Adverbial τὴν ἀρχήν Teil der Rahmenerzählung und nicht Teil der wörtlichen Rede. Vergleichbare Probleme finden sich durchaus auch bei der Edition von dokumentarischen Texten. Auch dort wird mit strukturellen Beobachtungen wie dem erwähnten Zeilenumbruch in Codex Bezae Cantabrigiensis gearbeitet.102 Für die Korrektheit der Analyse spricht, dass es durchaus griechischem Sprachgebrauch entspricht, das Adverbial τὴν ἀρχήν am Ende eines Satzes zu positionieren.

Das Ergebnis der vorgelegten Untersuchung zeigt, dass die handschriftliche Überlieferung des Neuen Testaments zur Lösung zentraler Probleme der neutestamentlichen Exegese beitragen kann.

Man wird also die These eines „grammatisch problematischen“ Textes in Joh 8,25b in den Bereich dessen verweisen müssen, was Umberto Eco als „uncontrollable drives“ des Lesers bezeichnet.103 Auf der Basis der hier vorgeschlagenen Neuinterpunktion, der darauf aufbauenden Neuübersetzung von Joh 8,25–26 und der sich daraus ergebenden Neuinterpretation der Passage wird aus einem Gesprächsabbruch ein theologischer Dialog zwischen Jesus und seinen jüdischen Gesprächspartnern. Die jüdischen Gesprächspartner fragen Jesus, woher er seine Autorität nähme. Dieser beantwortet dies mit dem Hinweis darauf, dass er die Autorität nicht aus sich selbst, sondern aus Gott habe, der ihn gesandt hat. In der „Gesandtentheologie“ ist jüdisches Denken zu finden, und so kann diese Passage als Teil eines innerjüdischen Diskurses verstanden werden.

Durch diese Analyse des Textes wird aus einem misslungenen Gespräch eine dramatische Auseinandersetzung, bei der es um die Frage geht, ob die jüdischen Autoritäten oder Jesus, der sich offensichtlich in der Nachfolge der prophetischen Autoritäten sieht, das Recht für sich beanspruchen dürfen, im Namen Gottes zu reden.104 Zwischen Jesus und den jüdischen Autoritäten herrscht in Joh 8 ein Streit um die Frage, wer Gottes Wort mit Autorität auslegt, und dieser Streit wird mit juristischen Termini ausgetragen.

Abschließend kann Simon R. Slings zitiert werden: „One of the more obvious uses of general linguistic theory for the study of classical and other dead languages is to help us to determine whether what we do know (or rather what we think we know) is really knowledge, or the product of misunderstandings and errors committed and added to by one generation of scholars after another.“105 Offensichtlich hat der Verfasser des Johannesevangeliums einen „kohärenten und hoch poetischen literarischen […] Text“ verfasst.106

Der Beitrag entstand im Rahmen zweier Forschungsprojekte des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung unter der Leitung des Autors (FWF-Projekte P24649 und P25082; funded by the Austrian Science Fund).

About the article

Published Online: 2016-02-08

Published in Print: 2016-02-08


Citation Information: Zeitschrift für die neutestamentliche Wissenschaft, ISSN (Online) 1613-009X, ISSN (Print) 0044-2615, DOI: https://doi.org/10.1515/znw-2016-0001. Export Citation

© 2016 Hans Förster, published by De Gruyter Open. This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 3.0 License. (CC BY-NC-ND 3.0)

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